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Comic Blog


Samstag, 15. November 2008

Djinn 3 – Das Tattoo

Abgelegt unter: Abenteuer — Michael um 18:08

Djinn 3 - Das TattooNiemand konnte mit Lord Nelsons Rachedurst rechnen. Alle hielten ihn für einen verknöcherten Engländer, der vergleichsweise klaglos den Verlust seiner Frau hinnehmen würde. Falsch! So wie man ihm die Frau nahm, so stahl er die Favoritin des Sultans und entführte sie an einen abgelegenen Ort. Jade, die Djinn, vertraut auf ihre alten Verführungskünste, aber muss alsbald erkennen, dass sie damit bei Lord Nelson auf Granit stößt. Das gesamte Manöver – die Entfremdung seiner Frau – zielte darauf ab, ihn zu brechen. Nachdem das geschehen ist, können auch sexuelle Spielarten ihn nicht mehr verwirren. Nelson konzentriert sich nur noch auf das Wesentliche.

Aber der Sultan wird die Demütigung spüren. Genau wie ich.

Den selbstzufriedenen Fürsten zu demütigen, ist Nelson inzwischen viel wichtiger geworden als alles andere. Der Mann soll spüren, wie es ist, wenn die Frau, die man(n) liebt, einen verlässt – oder wenn das Produkt, welches man(n) in die Welt gesetzt hat, einem nun abhanden kommt.

In der Gegenwart geht Kim Nelson den Weg der Djinn. Durch ihre absolvierten Prüfungen wird sie zu einer ganz besonderen Frau. Am Ende gehorcht sie, dient sie und wenn sie den Willen und die Intelligenz aufbringt, kann sie in der Hierarchie des Harems auf die höchste Stufe kommen. Sie wird zur Favoritin. Kim Nelson erkennt für sich zuweilen nur, dass sie zur Hure geworden ist, eine Erkenntnis, die schwer an der modernen Frau nagt, die sich immer einzureden versucht, dass sie nur so handelt, um ihre Ziele zu erreichen.

Aber in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart kommt alles anders, als es die einzelnen Protagonisten vorhergesehen haben.

Begierde ist das Schlüsselwort. Es ist der Weg zur Macht, zu Erkenntnissen, zur Unterwerfung dritter. Jean Dufaux lässt seine Charaktere Sex benutzen, damit sie ihre Ziele erreichen, aber letztlich ist es nur ein Mittel zum Zweck. Gäbe es für Menschen eine andere elementare Antriebskraft, würde diese als Druckmittel zum Einsatz kommen. Daneben streben die vornehmen Herren in ihren Uniformen, seien sie deutsch, englisch oder türkisch nach Macht oder Machterhaltung. Aber einem bestimmten Alter verblasst die Sucht nach körperlichem Verlangen, wird ersetzt durch die Fülle von Macht, die persönlich errungen werden kann.

Der Blick hinter die Kulissen der Bestrebungen der einstigen Kolonialmächte, sich am Bosporus einzunisten, mit oder ohne Erlaubnis der dort herrschenden, ist erschreckend klar und deutlich. Sicher gibt es Winkelzüge, doch aus seinen Zielen macht kaum einer einen Hehl. Jeder Schachzug entmenschlicht die einzelnen Figuren mehr und mehr, so lange, bis eine weitere elementare Empfindung wieder den Anstoß in die richtige Richtung gibt – nicht bei allen, so doch bei denen, von denen es man als Leser gehofft hat.

Jade – die geheimnisvolle Favoritin, deren Rücken der Leser auf dem Titelbild bewundern darf – ist nach langer Zeit auf sich gestellt und ihre Verpflichtung dem Sultan gegenüber schwindet mit jedem Tag, den sie in der Nähe von Lord Nelson verbringt, der Frauen eine vollkommen andere Einstellung entgegenbringt, als Jade sie jemals kennengelernt hat. Etwas verändert sich. Jean Dufaux lässt diese Veränderungen zu magischen Momenten werden, die auch genauso von den Akteuren empfunden werden – weshalb nicht jeder der Charaktere diese Veränderung auch versteht oder wahrnimmt. Dies ist das Geheimnis des Orients, ein wenig 1001 Nacht.

Eben diesen Grundgedanken der Atmosphäre transportiert Ana Miralles wunderbar mit ihren Bildern. Leichte, zerbrechliche Strukturen und Formen, helles Licht, aquarelliert aufgetragen, diese sanfte Bildtechnik verbirgt das Böse und Gemeine, das unter der Oberfläche der Geschichte brodelt wie ein Schleier – das mag sich merkwürdig anhören, dürfte aber das Zusammenspiel von Optik und Erzählung sehr gut treffen. Am Ende wächst genau aus dieser Unterschiedlichkeit die Faszination der Reihe.

Das Sitten- und Zeitgemälde geht in die dritte Runde. Leidenschaften werden ausgenutzt, um Menschen wie auf einem Schachbrett zu bewegen. Im Hintergrund geht es um Liebe, im Vordergrund um Geld und Macht. Zwei Zeitstränge werden von Jean Dufaux sehr gut zusammengebracht und von Ana Miralles noch schöner in Szene gesetzt. :-)

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