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Comic Blog


Samstag, 22. Dezember 2018

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:13

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 2Vater werden ist nicht schwer. Vater sein dagegen sehr. Bislang war WAYNE SHELTON davon ausgegangen, kinderlos zu sein. Aus einer dubiosen Quelle allerdings erfährt er nicht nur von einem alten Feind, der wieder aufgetaucht sein soll, sondern darüber hinaus von einem jungen Mann namens TRAN, der behauptet, WAYNE SHELTON sei sein Vater. SHELTON ist immerhin auf diesen angeblichen Sohn neugierig. Doch in SHELTONS Leben geht es alles andere als leicht zu. Das ist der Sicherheitsfachmann gewöhnt. Einen Häftling aus einem Gefängnis in Indonesien ist dennoch kein alltäglicher Job. Zumindest kann TRAN, der dort in einer Zelle in der Nähe von Jakarta hockt, erst einmal nicht weglaufen …

WAYNE SHELTON bedeutet gut gestylten Thriller im Medium Comic. Autor THIERRY CAILLETEAU lüftet ein paar Geheimnisse aus der Vergangenheit des charmanten Serienhelden. Der Mann, eine Kreuzung aus TOM CRUISE und DAVID NIVEN, weltweit tätig in Sachen Personenschutz, Spionage und anderen Sonderfällen, war als Soldat in VIETNAM und erlebte dort den ganzen Alptraum vieler junger amerikanischer Truppenangehöriger. Eine Aufklärungsmission läuft aus dem Ruder. Und WAYNE SHELTON macht die bittere Erfahrung, dass Feinde nicht nur unter den VIETCONG zu finden sind. Allein dieser Abschnitt des zweiteiligen Thrillers, der in der Vergangenheit in VIETNAM, in der Gegenwart in INDONESIEN spielt, macht das Abenteuer lesenswert. Der Brückenschlag in unsere Zeit über den angeblichen Sohn lässt den Gentleman SHELTON menschlicher, nahbarer werden.

Diese emotionale Tiefe war im Zusammenhang mit Freunden oder seiner (partiell) langjährigen Lebensgefährtin HONESTY GOODNESS spürbar. Aber zwischen Vater und Sohn fallen die Bande auf die eine oder andere Art nun einmal stärker aus. THIERRY CAILLETEAU nutzt dieses neue Gespann, um diese Form der Verbindung herauszuarbeiten, Rückblicke inklusive (damit der Leser auch erfährt, wie es zu diesen Vaterfreuden letztlich kam und wie stets ist es bei WAYNE SHELTON ein alles andere als gewöhnlicher Vorgang). Der Sohn, TRAN, geleitet von einem fernöstlichen Ehrbegriff, ist seinem Vater zwar äußerlich nicht ähnlich, sein Gemüt und sein Mut hingegen stehen der Leitfigur in Nichts nach.

CHRISTIAN DENAYER arbeitet seit den 1960ern im Comic-Geschäft. Sein Talent führte ihn schnell zu eigenen Projekten und in die Zusammenarbeit mit bekannten Autoren des Mediums. Comic-Fans für die Bereiche Thriller oder Fahrzeug-Action werden ganz bestimmt einmal auf Arbeiten von ihm gestoßen sein. Hier ist, das lässt sich guten Gewissens und voll des Lobes behaupten, alte Schule am Werk und CHRISTIAN DENAYER darf getrost mit ähnlichen Talenten wie ROGER LELOUP, PHILIPPE FRANCQ und ähnlich technisch versierten Künstlern auf eine Stufe gestellt werden. Der Strich ist klar, jede Perspektive perfekt eingefangen, jedes Fahrzeug, jede Figur, jede Kulisse vom Möbelstück bis zur Gebäudefassade. CHRISTIAN DENAYER bietet seinen Lesern eine filmreife Leistung.

Und würde es sich um einen Film handeln, würde an Schauplätzen nicht gegeizt. VIETNAM und INDONESIEN, Piraterie auf hoher See (inklusive der Kaperung eines Containerschiffes), spektakuläre Hubschrauberabstürze, indonesische und afrikanische Exotik, japanische Gangster und afrikanische Warlords, menschliches Drama und Vietnamkrieg, kurzum: das Spektrum in dieser Ausgabe ist weit gefächert und wäre als Film eine vielfach millionenschwere Investition. Und es passt: Das Indonesien-Abenteuer baut seine Charaktere optisch toll auf, präsentiert einen souverän agierenden WAYNE SHELTON, der im Smoking, im Trechcoat wie im Dschungel-Look immer gleichermaßen starke Auftritte hinlegt.

Echte Kerle paradieren auf den Seiten der Helden, wenngleich WAYNE SHELTON derjenige mit dem besten Stil ist und seine Kollegen, meist Haudegen ähnlichen Alters, etwas bequemer geworden und weniger fit sind. Als Erzfeind ist HOOKER gut herausgearbeitet, dicklich, aber nicht unsportlich, von hohem Wiedererkennungswert, ähnlich wie die Figuren CHULEPAS und MADAM YOON, die eine sehr besondere Episode verbindet. Als exemplarisches Rasseweib, ein Augenstern, auf den auch die großen Blockbuster nicht verzichten, steht HONESTY GOODNESS vorne an. Weit und breit spielt ihr niemand die Show.

Die Mechanismen eines guten Thrillers und einer tollen, international handelnden Abenteuergeschichte funktionieren hier auf jeder Seite. WAYNE SHELTON ist nicht rundum gut, seine Aktionen aber stets nachvollziehbar. Er ist kein englischer Geheimagent, dafür steht er zu oft auf der falschen Seite des Gesetzes. Ein Gentleman-Verbrecher eben und von THIERRY CAILLETEAU schön entworfen und lesenswert erzählt. Sehenswert dank CHRISTIAN DENAYER. 🙂

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 2: Bei Amazon bestellen.
Oder bei ALL VERLAG.

Mittwoch, 19. Dezember 2018

MIT MANTEL UND DEGEN – Akt I & II

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:53

MIT MANTEL UND DEGEN - Akt I & IIVENEDIG in den Zeiten des klassischen BAROCKS: In den Nächten pulsiert das Leben auf den Straßen zwischen den Kanälen, Theater und Tanz, heißblütige Frauen, Halunken auf der Suche nach leichter Beute. Inmitten des Trubels suchen die Abenteurer ARMAND RAYNAL DE MAUPERTUIS, ein fuchsig listiger GASCOGNER, und DON LOPE DE VILLALOBOS Y SANGRÍN, ein wölfischer Duellant und HIDALGO, ihr Glück und stehen den Hilflosen bei. Ein solcher Hilfloser begegnet ihnen in Form eines verzweifelten Vaters, dessen Sohn gegen Lösegeld entführt wurde. ARMAND und DON LOPE wären nicht die Haudegen, die sie nun einmal sind, würden sie der Angelegenheit einfach aus dem Weg gehen. Kaum angesprochen schwimmen sie auch schon in dunkler Nacht auf eine Schebecke, ein Segelschiff, im Hafen zu, um den in Not geratenen Sprößling zu befreien …

Autor ALIAN AYROLES und Illustrator JEAN-LUC MASBOU schicken den Leser auf eine farbenfrohe, märchenhafte, klassische Reise, in ein fröhliches Abenteuer, in dem sich die Helden stets aufs Neue bewähren. 1995 und 1997 entstanden die vorliegenden Geschichten in diesem Doppelband: DAS GEHEIMNIS DES JANITSCHAREN und UNTER SCHWARZER FLAGGE. Tierische Darsteller mischen sich unter Menschen in einem Mantel- und Degen-Szenario, wie es eigentlich nur aus der guten alten Hollywood-Zeit her bekannt ist, als Schauspieler wie ERROL FLYNN, DOUGLAS FAIRBANKS JR., TYRONE POWER, GENE KELLY und andere in Strumpf- und Pluderhosen über die Leinwände turnten, sprangen und fechteten. Der Erzfeind von DON LOPE und ARMAND in diesen beiden Abenteuern, ein CAPITAN MENDOZA, steht den Helden schmierig und brutal gegenüber wie einst ein BASIL RATHBONE einem ERROL FLYNN in CAPTAIN BLOOD (UNTER PIRATENFLAGGE, 1935), dem Piratenklassiker schlechthin.

Grafisch und optisch herausragend: JEAN-LUC MASBOU entfaltet ein großes Bilderbuch, in dem jede Farbnuance verwendet worden zu sein scheint. Die Farbvielfalt verwöhnt das Auge über die Maßen. Alles hier, jede einzelne Seite ist farbenprächtig, ob sie nun Tagesszenen oder nächtliche Sequenzen vorführt. Es wird gefeiert, gefochten und geraubt, in den alten Gassen, auf hoher See, auf Schiffen, die prall leuchten, während die Besatzungen einander in wilder Feindschaft gegenüber stehen. Selten war eine Seeschlacht so bunt und so schön anzuschauen! Aber mehr noch: Neben dieser Farbenpracht wird von JEAN-LUC MASBOU auch nicht an Einzelheiten gespart. So schafft es der Illustrator mitunter sogar einen Wimmelbildeffekt auf den Seiten zu platzieren.

ALAIN AYROLES (und natürlich auch sein Zeichnerkollege) kennt die Vorlagen der Piratengeschichten ebenso gut, wie es die Macher der PIRATES OF THE CARIBBEAN Reihe ein paar Jahre später taten. Wenige dürften an diesen Filmen mit JOHNNY DEPP in den letzten Jahren vorbei gekommen sein (wenn man den Besucherzahlen glauben darf). Und wer die Filme auf der Leinwand sah, hat direkt einen großen Teil des Humors der vorliegenden Comic-Abenteuer vor Augen. ALAIN AYROLES hat sich mit überdrehtem Spaß einen Namen im MEDIUM Comic gemacht. Das schamlos komische Märchen GARULFO aus seiner Feder, parallel zu dieser Serie damals erschienen, arbeitet mit ähnlicher Groteske. Spätestens wenn EUSEBIUS, ein kleines weißes Kaninchen, zur Mannschaft stößt, sollte jedem Leser aufgehen, dass hier ein sehr freundlicher Wahnsinn Methode hat.

MIT MANTEL UND DEGEN bedeutet hier pralle Erzähllust, ein grafisches Spektakel, höchst liebevoll gestaltet, mit allem, was eine Piratengeschichte benötigt (und selbstverständlich sogar mit untoten Piraten). Ein eigentlich unmögliches Trio sorgt mit bestem Willen für ein lustiges Chaos. ALAIN AYROLES und JEAN-LUC MASBOU nutzen MIT MANTEL UND DEGEN als Bühne für Abenteuer, denen keine Grenzen gesetzt sind. Toll! 🙂

MIT MANTEL UND DEGEN, Akt I & II: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Finix Comics.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

HAUTEVILLE HOUSE 15 – KAP HOORN

Filed under: Mystery — Michael um 17:13

HAUTEVILLE HOUSE 15 - KAP HOORN1865. ZELDA, GAVROCHE, COOPER, DAVY CROCKETT und weitere Weggefährten befinden sich an Bord eines Dampfschiffes in der Magellanstraße, zwischen Patagonien und Feuerland, als ihnen Bekannte auflauern, von denen sie dachten, es herrsche Frieden zwischen ihnen. Der Kampf ist kurz, die Übermacht zu groß, die Bitte um einen Waffenstillstand führt zu einem klärenden Gespräch und einer beunruhigenden Ankündigung. Derweil kämpft sich der geschlagene GENERAL SANTA ANNA mit seinen wenigen verbliebenen Leuten durch den Tiefschnee. Am Ende seiner Kräfte angelangt, wähnt er sich dem endgültigen Aus nahe …

Hätten JULES VERNE, H.G. WELLS, ARTHUR CONAN DOYLE, EDGAR ALLAN POE und H.P. LOVECRAFT, vielleicht noch CHARLES DARWIN die Idee zu einer gemeinsamen Geschichte gehabt, hätte etwas wie HAUTEVILLE HOUSE das Resultat sein können. Jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt im 15. Band der Reihe mit dem Titel KAP HOORN kann getrost diese These aufgestellt werden. Angefangen hat diese Saga anders, aber wie damals zieht Autor FRED DUVAL reale Ereignisse unserer gemeinsamen Historie heran und verknüpft sie mit den fantastischen Ideen, mit denen bereits genannte Autoren spielten. Sogar ein Rückblick auf eine der maßgeblichsten wissenschaftlichen Expeditionen der Welt wird dem Leser gegönnt (nebst CHARLES DARWIN).

Im Verlauf dieser hoch komplexen Saga haben sich zahlreiche Handlungsstränge aufgebaut, diverse Figuren sind hinzugekommen; zu den beiden Hauptagenten GAVROCHE und ZELDA gesellt sich nun ebenfalls eine historische Figur wie DAVY CROCKETT, dem es in dieser fantastischen Zeitleiste gelang, das Massaker von ALAMO zu überleben. Obwohl an Jahren höchst gealtert, bleibt ihm noch eine Aufgabe, denn unbemerkt vom Großteil der Menschheit entwickelt sich eine gewaltige Auseinandersetzung. Hier sieht der Mensch allzu klein und machtlos aus. Im Rahmen dessen, was der Leser bislang in HAUTEVILLE HOUSE erleben durfte, fügt sich dieser Handlungsabschnitt mit seinem Gigantomanismus nahtlos in den Erzählstrang ein.

Feiner allerdings, mit weitaus weniger Effekten, dafür umso tiefsinniger und gefühlvoller, ist die Episode der hier agierenden Helden inmitten der Naturvölker, der SELK’NAM und der RIESEN VON PATAGONIEN, geraten. In einem Nachwort geht FRED DUVAL auf die SELK’NAM ein. 2003 hat eine chilenische Kommision den Untergang des Volkes offiziell als Genozid anerkannt, denn es gilt eben durch die äußere menschliche Einwirkung als ausgerottet bzw. ausgestorben. Basierend auf Aufzeichnungen und Fotos von MARTIN GUSINDE und ANNE CHAPMAN werden die SELK’NAM hier als eigenständige Kultur gezeigt. Ob alles so richtig ist, sei dahingestellt. Die Schilderungen sind auf alle sehr respektvoll und in einem Fantasy-Comic in dieser Form nicht sehr oft zu finden.

CHARLES DARWIN erwähnte die RIESEN VON PATAGONIEN, Menschen von einem Körperwuchs von annähernd drei Metern (so laut FRED DUVAL im Nachwort). Bewiesen werden, konnte ihre Existenz allerdings nie. Das spielt allerdings keine Rolle, weil die hier geschilderte Begegnung ohne große Effekthascherei eine mystische Atmosphäre erzeugt, bei aller Friedlichkeit, in der diese geschieht. Die ruhigen Momente, die sich mit der Kultur, der Folkore, den Gebräuchen der SELK’NAM beschäftigen, sind intensiv und werden von einem DAVY CROCKETT mit knurrigem Humor kommentiert. Gleichzeitig sind sie die Ruhe vor der Sturm. Die darauf folgende apokalyptische Szenerie ist eines H.P. LOVECRAFT würdig. Wer abseits des CTHULHU-Mythos HAUTEVILLE HOUSE noch nicht entdeckt hat, sollte das schleunigst nachholen.

FRED DUVAL weiß, wie er die Spannung über einen derart langen Zeitraum von 15 erschienen Alben hochhalten kann. Eine Saga, in der sich reale Personen und Ereignisse der Historie und Mythen und Fantastisches die Hand geben: HAUTEVILLE HOUSE gehört dank eines enormen Einfallsreichtums zu den Höhepunkten in der Fantastik, gleichzeitig entsteht durch den Auftritt titanischer Kräfte im vorliegenden Abenteuer KAP HOORN ein Höhepunkt der Serie. Stark! 🙂

HAUTEVILLE HOUSE 15, KAP HOORN: Bei Amazon bestellen.
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Sonntag, 09. Dezember 2018

MOTOR GIRL

Filed under: Graphic Novel — Michael um 13:59

MOTOR GIRLSAM ist eine junge Frau, die sich nach einem traumatischen Militäreinsatz im Irak auf einen Autofriedhof am Rand einer amerikanischen Wüste zurückgezogen hat. Hier verbringt sie ihre Zeit damit, Fahrzeuge auszuschlachten und mit ihrem Freund MIKE zu sprechen, der nichts Geringeres ist als ein GORILLA. Das Leben verläuft ruhig. SAM ist dankbar dafür. Aber natürlich bleibt es nicht ruhig. LIBBY, eine alte Dame, gehört das Grundstück des Autofriedhofs. Zu ihrer Verwunderung will ein Konzern dieses scheinbar wertlose Stück Land am Rande von Nirgendwo kaufen, aber LIBBY lehnt zum Schutz von SAM immer wieder ab. Doch es stellt sich die Frage, warum jemand dieses Grundstück überhaupt haben will. Eines Tages legt ein UFO, ein außerirdisches Flugobjekt eine Bruchlandung auf dem Autofriedhof hin und die Frage ist teilweise beantwortet …

TERRY MOORE nimmt den Leser auf eine Entdeckungsreise an die Seite einer Frau, SAM, mit, die wirklich Schreckliches erlebt und nun einen Freund gefunden hat, der ihr getreu zur Seite steht. MIKE, der Gorilla, hat Geduld, gibt Ratschläge, die sie nicht grundsätzlich hören will. Er streitet mit ihr, gibt nach, tröstet, baut auf, hat einen bärbeißigen Humor, sorgt sich, kümmert sich, wo sie ihn lässt und er kann. Das ist die eine Seite der Geschichte und so manchem würde sie bereits genügen. Aber wir leben in Zeiten von intelligenter, zuweilen böser Comedy und TERRY MOORE gehört zu solchen Erzählern, die eine Geschichte so aufbauen können, dass man ihm als Leser schlicht alles abkauft. Eben auch das Auftauchen eines Raumschiffs mit außerirdischer Besatzung.

In MOTOR GIRL wird einmal mehr TERRY MOORES Humor zu einem der Antriebsfedern der Geschichte. Denn so sehr SAM innerlich leiden mag, so sind die Gespräche mit MIKE ein Ausdruck eines trockenen Humors. In dieser kaum versiegenden Quelle liegt ein Teil der Kraft dieser starken Frauenfigur. Und TERRY MOORE liebt starke Frauenfiguren, die stets im Mittelpunkt seiner Geschichten stehen. Seine erfolgreichen Veröffentlichungen wie STRANGERS IN PARADISE, RACHEL RISING oder ECHO zeugen davon und sind gleichzeitig eine Empfehlung an jene Leser, die mit MOTOR GIRL Blut geleckt haben. Und noch etwas: TERRY MOORE präsentiert gerne Figuren abseits der Stereotypen. Eine davon ist eine weitere starke Frau: LIBBY (eine Figur, die bereits in STRANGERS IN PARADISE das Licht der Comicwelt erblickte).

Wenn MIKE, der Gorilla, eine Art CHEWBACCA für SAM ist, dann ist LIBBY, die Oma, die sich jeder wünscht. Sorgend, etwas ruppig, mitten im Leben, tough in einer sehr amerikanischen Texasart (was für deutsche Belange vielleicht nicht so stimmig ist, nennen wir es hier einmal norddeutsch direkt, das Herz auf der Zunge). Optisch etwas klein geschrumpelt mit den vielen Jahren, die sie erlebt hat, Lockenkopf und einer großen Brille, hinter der sich die Augen, aber niemals ihre Stimmung verbergen kann. Charaktere wie diese machen die Geschichten von TERRY MORRE stets zu etwas Besonderem. Und sie werden umso stärker, je mehr Raum er ihnen einräumt. Den Platz, den LIBBY einnimmt, ist wie eine Umarmung dieser Tragikkomödie.

Hitze, Anspielungen, Stellungnahmen: Schauplatz des Geschehens ist ein sehr heißes Land, auf das eine glühende Sonne mitleidlos niederbrennt. Schwitzende Figuren, eine Eidechse, die immer nur zwei ihre Füße auf den glühenden Untergrund setzt, schmiltzende Eiscreme oder der Gummibelag eines Tennisplatzes, der sich in eine zähflüssige Masse auflöst, sind die Anzeichen, mit denen TERRY MOORE meist sehr lustig spielt. Kleinere, auch etwas fiese Anspielungen auf literarische Legenden wie HERGÉ oder HERMAN MELVILLE sind mehr oder minder offen untergebracht. Über militärisch überzogene Belange wird fleißig Spott ausgeschüttet, den kriegserschütterten Veteranen gilt das Mitleid und die Verteidigung des Autors und Zeichners. TERRY MOORE feiert außerdem die Freundschaft in verschiedenen Beziehungen innerhalb der Geschichte. Das gilt dem Nerv des Lesers und es trifft haargenau.

Ungewöhnlich, wie immer bei TERRY MOORE, aber ebenso herzlich, menschlich, ironisch. Grundsätzlich cool, lustig, mal laut, mal leise, voller feiner Wendungen. Wie in seinen anderen Arbeiten in schönen Schwarzweißzeichnungen abgeliefert. Ein tragisches Komödiendrama, wie es TERRY MOORE im Medium Comic in den letzten Jahren perfektioniert hat. 🙂

MOTOR GIRL: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Schreiber und Leser.

Link: TERRY MOORE auf twitter.

Montag, 26. November 2018

THE WALKING DEAD 30 – Neue Weltordnung

Filed under: Horror — Michael um 19:01

THE WALKING DEAD 30 - Neue WeltordnungPRINCESS hat es zur Gruppe um MICHONNE verschlagen. PRINCESS gab sich ihren Spitznamen selbst. Überhaupt redet sie gerne und viel. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie sehr lange, jahrelang alleine verbracht hat. Aber sie überlebte auch. Ihre Fähigkeiten mit der Lanze im Kampf gegen die Zombies sind sehenswert. Sie ist ein überdrehter Widerpart zu MICHONNE, kein schweigsamer weiblicher CLINT EASTWOOD, mehr ein jugendliches BILL-MURRAY-Girlie, dessen Mundwerk zuweilen zu schnell losfeuert. In der doch sehr angestrengten Situation des ersten Aufeinandertreffens zweier sehr unterschiedlicher Gruppen ist es dann ausgerechnet EUGENE, der fast einen Streit vom Zaun bricht.

Eine neue Weltordnung ist in den Gemeinschaften rund um RICK GRIMES entstanden. Es ließen sich bestimmt Abwandlungen bereits erdachter Systeme darüber stülpen, aber allesamt wären sie zu kurz gegriffen, denn keine davon fußte auf einer apokalypsenähnlichen Situation wie dieser. ROBERT KIRKMAN erzählt von einer Gesellschaftsordnung, in der alle freiwillig anpacken, sich jeder zum Wohl der Gemeinschaft einbringt, mit seinen ganz eigenen Fertigkeiten, mit seinem Engagement, seiner Zeit. Es gibt Anführer, aber keine Diktatur. Wer anführt, hat sich Respekt erarbeitet, auch erlitten. Widerstand oder Abneigungen sind selten, aber es gibt sie (wie RICK GRIMES zu spüren bekommt).

Insgesamt jedoch funktioniert dieses neue System, das sich bereits gegen andere durchgesetzt hat, den GOUVERNEUR, NEGAN, die FLÜSTERER. NEUE WELTORDNUNG heißt es nun, da es eben um genau das nicht geht, sondern um die Wiederherstellung einer alten Weltordnung mit Hierarchien, mit Leuten an Machtpositionen, wo sie nicht hingehören. ROBERT KIRKMAN stellt RICK GRIMES eine GOUVERNEURIN gegenüber, Regierende über eine Gesellschaft von 50.000 Menschen. Hier ist man das, was man vorher war, vor der Katastrophe, in der die Toten begannen, fleischhungrig zurückzukehren. Das passt natürlich kaum zu Menschen, die gelernt haben, sich unabhängig von früherem Status und früherer Herkunft in die Gemeinschaft einzubringen.

Das kann nicht gut gehen. Das ist dem Leser sogleich klar. ROBERT KIRKMAN streut verschiedene Hinweise aus, in welche Richtung die Handlung voranschreiten könnte. Wo die Reise hingeht, kann aber selbst nach der letzten Seite dieses Bandes kaum vorhergesagt werden. Insofern bleibt sich ROBERT KIRKMAN zur Freude des Lesers treu. Außerdem hat er mit NEGAN noch ein As im Ärmel. Neben dieser aufziehenden Problematik steht MICHONNE im Fokus der Erzählung. Die wehrhafte Frau mit dem Schwert hat in der Vergangenheit wahrlich eine Menge auf sich nehmen müssen, wurde vom GOUVERNEUR in eine rachsüchtige Bestie verwandelt und eigentlich sollte sie angesichts einer GOUVERNEURIN besonders misstrauisch werden, erst recht, da ein paar Szenen ihr schnell die falsche Seite dieses neuen Ministaates zeigen, Militär eingeschlossen.

CHARLIE ADLARD darf in Band 30 eine Welt zeichnen, in der die Untoten nicht ausgstorben sind, aber deutlich weniger und übersichtlicher werden. Die Reise von RICKS Ortschaft hin zu dieser neuen alten Welt geht mitten durch eine ehemals stark bevölkerte Großstadt. Wo RICK GRIMES in den Anfangstagen der Katastrophe beinahe sein Leben verlor, breitet sich nun Totenstille aus. Kein Zombie ist weit und breit zu sehen. Hier stellen sich ROBERT KIRKMAN neue Aufgaben. Schockeffekte gibt es noch, aber sie sind bei weitem nicht mehr so drastisch wie zum Beispiel die erwähnte Erfahrung MICHONNES. Es menschelt, neue Beziehungen entstehen, alte werden neu belebt, Charaktere wandeln sich, es wird über Gesellschaftsformen philosophiert, es gibt neue Charaktere kennen zu lernen.

Lange Zeit war der Leser auch optischen Verfall gewohnt, nicht nur bei den Untoten. Eine verfallene Großstadt bei Nacht ist hier eher die Ausnahme. Mit dem Wiedererstarken von Siedlungen hält auch eine für eine Zivilisation gewöhnliche Sauberkeit Einzug. Die militärische Polizei, bildlich auf dem Cover der aktuellen Ausgabe zu sehen, hat mit ihrer weißen Panzerung, den Helmen und der sonstigen Ausrüstung Anklänge von STORMTROOPERN im Stile eines Sternenkriegs. Auffallend ist natürlich die Wahl der Farbe. Während in der Realität mehr auf einschüchterndes Dunkelblau und Schwarz gesetzt wird, mag es die Obrigkeit in der unbekannten Gemeinschaft in strahlendem Weiß.

Die Weltordnung um RICK GRIMES trifft auf verloren gegangene und kaum vermisste Strukturen einer alten Welt. Es wird wieder nach oben gebuckelt und nach unten getreten, frei nach dem Motto, es müsse etwas geben, nach dem man in die Höhe streben könne. NEUE WELTORDNUNG heißt der 30. Band von THE WALKING DEAD, in dem ROBERT KIRKMAN mit Hilfe des versierten CHARLIE ADLARD einen weiteren unausweichlichen Konflikt heraufbeschwört. Und selbst im Kleinen kokelt es unter der Oberfläche. Einem Normalisierungsprozess unterworfen, ist diese Welt immer noch brandgefährlich. Sehr gut. 🙂

THE WALKING DEAD 30, Neue Weltordnung: Bei Amazon bestellen.
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Samstag, 24. November 2018

WONDER WOMAN / CONAN

Filed under: Superhelden — Michael um 17:33

WONDER WOMAN / CONANWONDER WOMAN hat ihre Identität vergessen. Als von den Massen so genanntes WUNDERWEIB fechtet sie Gladiatorenkämpfe in der Arena aus, zerlumpt gekleidet, meiste gegen mehrere Gegner gleichzeitig. Bislang war die Amazone immer siegreich. Es bedarf nicht einmal besonderer Kräfte. Allein genügen ihre katzenhaften Reflexe und eine lange geübte Kampftechnik, um jeden Herausforderer niederzuringen. Eines Tages sitzt inmitten der jubelnden Menge auf den Rängen ein Beobachter, der sie von Kindertagen her zu erkennen glaubt. Sein Name ist CONAN. In dieser Welt hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht.

Schnell versteht er das Problem der jungen Frau, die sich zwar gegen ihre Gefangenschaft und die erzwungenen Kämpfe sträubt, aber dennoch nicht weiß, wer sie ist, noch woher sie stammt. CONAN gelingt es, in das Verlies einzubrechen, wo sie zwischen ihren Auftritten eingekerkert ist. Leider ist er unaufmerksam und läuft in eine Falle. Bald hat die Arena einen neue Hauptattraktion: WONDER WOMAN gegen CONAN, den Barbaren.

CROSSOVER sind toll. Manchmal kann nämlich aus zwei unterschiedlichen Ideen, Charakteren unterschiedlicher Comic-Universen eine höchst interessante Konstellation entstehen. WONDER WOMAN und CONAN, einerseits DC, andererseits DARK HORSE COMICS, passen hervorragend zusammen. Natürlich agiert WONDER WOMAN hier nicht als Superheldin, dafür wurde der mythologische Aspekt herausgearbeitet und die beiden Hauptakteure bereits als Kinder miteinander bekannt gemacht.

GAIL SIMONE zeichnet sich als Autorin für die Geschichte verantwortlich, die in zwei Zeitebenen spielt. Gerade die kindlichen Abenteuer CONANS an der Seite einer jungen YANNA stechen hervor, denn obwohl die menschliche, zartere Seite CONANS keine Seltenheit ist abseits der Diebstähle, auf den Schlachtfeldern, wird sie hier fein eingefangen, als der junge CIMMERIER sich (wahrscheinlich) zum ersten Mal verliebt. Und nicht nur das. Hier begegnen sich zwei junge Menschen auf absoluter Augenhöhe, abenteuerlustig, charakterstark, auch ein wenig ängstlich vor dem Erbe, das just zu diesem Zeitpunkt auf ihren Schultern lastet. Mit diesen Rückblicken verschafft GAIL SIMONE den beiden Kämpfergestalten den perfekten Hintergrund, um darauf das aktuelle Geschehen aufzubauen und das Handeln von WONDER WOMAN und CONAN begreiflicher zu machen.

Darüber hinaus hat GAIL SIMONE entweder ihre Hausaufgaben in Sachen CONAN gemacht, oder sie hat eine gute Nase für starke Frauenfiguren an der Seite des Barbaren. Mit ihren Texten zu RED SONJA ist sie nicht ganz fremd im Universum von ROBERT E. HOWARD, dem CONAN-Erfinder. Ein wenig erinnert das toughe Auftreten WONDER WOMANS an die Piratin BÊLIT, die im Comic an der Seite CONANS häufiger auftrat, als in Kurzgeschichten oder in Romanform. Kurzum, die Beziehung, die WONDER WOMAN hier zu CONAN aufbaut, passt ins Gefüge der hyborischen Erzählungen.

Mit normalen Feinden, Kriegern, Soldaten und Königen hat CONAN es schon häufiger aufnehmen können. Wie WONDER WOMAN in der Arena zeigt, sind solche Gegner für sie auch kein Problem. Bei Magie verhält es sich schon anders. AARON LOPRESTI, genial akurater Zeichner, dieser Spezialausgabe, darf die CORVIDAE gestalten. Dieses Schwesternpaar, in menschlicher Gestalt, schwarzhaarig, halbnackt und attraktiv, in nichtmenschlicher Gestalt HARPYIEN nicht unähnlich, mit einem riesigen Krähenkopf ausgestattet, stellt im Hintergrund die Weichen. Jene magischen Szenen wissen den in Sachen Fantasy verwöhnten Leser sicher zu begeistern.

Ingesamt vermag AARON LOPRESTI das auf jeden Fall. Je mehr Raum ihm für die Zeichnungen zur Verfügung steht, desto besser wirkt die Action, desto mehr Drama ist darin enthalten. Entsprechend klasse sind die größeren Darstellungen LOPRESTIS, halbseitig, am besten ganzseitig.

MAGIE und SCHWERTER, hier treffen die beiden bewährten Elemente der Fantasy fein in Szene gesetzt aufeinander. GAIL SIMONE und AARON LOPRESTI bewähren sich hier als Topduo für dieses Crossover von WONDER WOMAN und CONAN. Sehr gut! 🙂

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Sonntag, 18. November 2018

KICK-ASS – FRAUENPOWER

Filed under: Superhelden — Michael um 19:25

KICK-ASS - FRAUENPOWERJunge Frau und Mutter, technisch versiert, staatlich auf höchstem Niveau ausgebildet, teamfähig, streßresistent, sucht anspruchsvolle Aufgabe, gerne mit flexiblen Arbeitszeiten … für PATIENCE, die ehemalige Soldatin der us-amerikanischen Streitkräfte, die in Afghanistan in haarsträubenden Missionen unter Beschuss findet sich nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten leider keine vernünftige Arbeit. Erst recht keine, die sie als alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern über Wasser halten könnte. Der Vater hat das Weite gesucht und ein neues Glück an der Seite einer anderen Frau gefunden.

Dabei, das weiß PATIENCE, gibt es da draußen Geld. Genug Geld, nach dem öffentlich niemand jemals suchen wird. Bei kleinen Ganoven, größeren Gangstern, in dieser dunklen Halbwelt und bei jenen Existenzen, denen keiner eine Träne nachweinen wird, sollten sie rein zufällig in irgendeinem Bandenkrieg ums Leben kommen. Als die Not am stärksten zwickt, streift PATIENCE ein Kostüm über und erschließt sich eine scheinbar unerschöpfliche Einnahmequelle.

Wie Superheldentum und Frauenpower zusammenpassen, haben die Comic-Macher MARK MILLAR (Autor) und JOHN ROMITA Jr. (Zeichner) bereits mit der Figur HIT-GIRL bewiesen. Obwohl es hier letztlich noch um ein kleines, wenn auch außergewöhnlich begabtes Mädchen handelt; immerhin: kaum vorstellbar, was dieses Mädchen alles als Erwachsene leisten wird. Oder? PATIENCE macht genau das. Sie nimmt dieses erwachsene HIT-GIRL vorweg.

KICK-ASS, das Original, war ein regelrechter Comic-Meilenstein. Hätte es nicht MARK MILLAR geschrieben, hätte es auch, bei Unkenntnis des Autors, einem FRANK MILLER oder einem GARTH ENNIS eingefallen sein können. In jedem Fall aber einem Autor, der schon mit recht gewalttätigen Comics aufgefallen ist. MARK MILLAR holt die Comic-Helden noch stärker ins normale Leben. Superkräfte gibt es nicht, allenfalls überproportionale Fitness und Einsteckqualitäten im Sinne eines ROCKY. Ausbluten, bis der Arzt dann doch nicht kommt und trotzdem wieder aufstehen.

MARK MILLAR schreibt die Story um PATIENCE, als habe es den ersten KICK-ASS nicht gegeben. Wer also die ursprüngliche Geschichte nicht kennt (was eine Schande ist!), der kann hier getrost einsteigen und einen einzigartigen Wendepunkt im Leben einer jungen Frau verfolgen, die durchaus als Soldatin von Gewalt geprägt wurde und nun hin und her gerissen wird zwischen dem Wunsch, ihren Kindern ein sorgloses Leben zu ermöglichen und dem Gesetz treu zu bleiben. Beides zusammen scheint mit dem Einkommen einer Kellnerin, dem Gedanken an eine Weiterbildung für ein gesteigertes Einkommen, kaum zu verwirklichen. Also macht sie das, was sie in Afghanistan auch schon tat: den Bösen in den Arsch treten. Klar, dass sie nicht gleich in die Vollen geht. Zuerst werden den Ganoven nur Nadelstiche versetzt. Aber die Geduld der Gangster währt nur kurz. Dann heißt es nicht nur, Viel Feind Viel Ehr, sondern ihr stellt sich ein richtig fieser Oberfiesling in die Quere.

Comic-Fans haben JOHN ROMITA JR. in verschiedensten Comic-Universen verfolgen können. MARVEL und DC waren selbstverständlich darunter. Mit seinem SPIDER-MAN hat er sich, als Nachfolger seines Vaters JOHN ROMITA, sozusagen unsterblich gezeichnet. An der Seite von MARK MILLAR brachte er den ersten KICK-ASS und das Spin-off HIT-GIRL zum Erfolg. In diesen Serien, wie auch hier, kann und konnte JOHN ROMITA JR. die letzten gefühlten Schranken fallen lassen. Hier wollen sich die Gegner richtig weh tun und man kann nicht behaupten, dass Qualen und Verletzungen sonderlich reduziert dargestellt würden. Es wird lediglich durch die Überspitzung erträglich. Vielleicht sind die beiden Comic-Macher Fans von BRAIN DEAD, um nur anzudeuten, wohin die Reise optisch gehen kann, nicht dauernd, aber hin und wieder.

Mit dem richtigen Koloristen werden die Bilder von JOHN ROMITA JR. zu einem echten Knaller. Mit PETER STEIGERWALD ist so ein Inker und Farbkünstler gefunden worden. Erstens findet er stets das passende Licht für die jeweilige Stimmung und oft für PATIENCE brandgefährliche Szene, zweitens kommt durch die Farbgebung ein echtes Streamingfeeling auf Papier auf. Etwas milchig geraten, sanft Volumen der Charaktere formend, so dass es mich manchmal an Arbeiten von RICHARD CORBEN erinnerte.

Wer handfeste Kracher mag, Thriller mit etwas Superheldenwürze, wer KICK-ASS sowieso mochte, der liegt mit FRAUENPOWER goldrichtig. Hart, realistisch, ein weiblicher DIRTY HARRY fürs noch junge Jahrtausend. Stark! 🙂

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Samstag, 17. November 2018

LUCKY LUKE 97 – Ein Cowboy in Paris

Filed under: Cartoon — Michael um 19:17

LUCKY LUKE 97 - Ein Cowboy in ParisDie Indianer haben einen Arm umzingelt. Die gigantische Nachbildung einer menschlichen Extremität nebst Hand, in der eine ebenso realistisch nachgebildete Fackel in die Höhe ragt, wird von den einheimischen Kriegern für einen sehr großen Totempfahl gehalten und ist somit für sie als Beleidigung zu verstehen. Selbstverständlich muss das mit dem Verlust des Skalps dessen geahndet werden, der dieses Ungetüm ins Land gebracht hat: AUGUSTE BARTHOLDI wartet, gefesselt an die metallene Konstruktion, darauf, seine Haarpracht zu verlieren, als ein Cowboy namens LUCKY LUKE zufällig mit vier Halunken, den DALTONS, des Weges kommt und den enthusiastischen Franzosen rettet.

So wie es einst GENE KELLY in EIN AMERIKANER IN PARIS ins traute Frankreich verschlug, gelangt nun der einsamste Cowboy der Welt, LUCKY LUKE, auf gefährlicher Mission in die Stadt der Liebe, um einer sehr speziellen Dame, der Freiheit höchstpersönlich, zu ihrem Platz in der Geschichte und vor den Toren der Vereinigten Staaten von Amerika zu verhelfen. Die FREIHEIT hat es nicht leicht gehabt. Es waren mehr als nur Geld und gute Worte nötig, bis LADY LIBERTY endlich ihren Platz vor NEW YORK einnehmen konnte. Einen Teil der wahren Geschichte hat sich Autor JUL zum Vorbild genommen und den einsamsten Cowboy der Welt in die Historie verwoben, als eine Art BODYGUARD, der ähnlich wie einst KEVIN COSTNER kaum ermessen kann, wen Besonderes er da eigentlich beschützt.

Sicherlich hat Amerika einen reichhaltigen Fundus an historischen Figuren aus dem Wilden Westen, aus der Politik, dem allgemeinen Kuriositätenkabinett und vielem mehr, da ist es dennoch erstaunlich, dass das Thema Freiheitsstatue erst im Band 97 der LUCKY-LUKE-Reihe, geraume Zeit nach dem Tod von MORRIS entdeckt wurde. Schließlich kam LUCKY LUKE häufiger schon als Retter in der Not, wenn eine holde Maid in Bedrängnis geraten war (wie ganz klassisch in LUCKY LUKE UND DER WEISSE REITER). Bevor jedoch in Band 97 EIN COWBOY IN PARIS (neu bei Egmont Ehapa) zum Kuriosum wird, begegnet der Cowboy im späteren Land der unbegrenzten Möglichkeiten selber einer Kuriosität.

AUGUSTE BARTHOLDI befindet sich zusammen mit der Hand und der Fackel der späteren Statue auf einer Werbetournee durch das Land, damit die Amerikaner das Projekt, eine Veranschaulichung eines der höchsten Güter, die ein Land seinem Volk geben kann, lieben und verstehen lernen. Ausgeführt werden soll der ganze Bau auf einer Insel vor Manhattan (heute als LIBERTY ISLAND bekannt). Allerdings verfolgt, dem Projekt gänzlich entgegengesetzt, ein Gefängnisdirektor namens ABRAHAM LOCKER ein eigenes Bauvorhaben, nämlich die Entstehung eines der sichersten Gefängnisse der Welt und dazu hat er sich ausgerechnet besagte Insel als Standort ausgewählt. Kurz und gut: Das riecht nach Ärger!

JUL, Autor der neuen Episode, arbeitet ganz im Geiste der Reihe. Mit AUGUSTE BARTHOLDI findet sich ein zu beschützender Charakter in der Geschichte, ganz wie es SARAH BERNHARDT, WALDO BADMINGTON oder ERASMUS MULLIGAN (WESTERN CIRCUS) waren. Dem gegenüber stellt JUL einen windigen Burschen, der unbedingt seine Karriere mit allen Mitteln vorantreiben möchte. So fällt der Gefängnisdirektor in Band 97 in die KATEGORIE eines CORDUROY ZILCH, sozusagen der dunklen Seite des amerikanischen Traums. Kurzum, JUL hat die klassischen Elemente, die schon unter MORRIS und RENÉ GOSCINNY praktiziert wurden, wunderbar neu belebt und mit einem Handlungsort wie PARIS ein frisches Umfeld für den einsamen Cowboy beigefügt.

Bevor es allerdings in jene für Europäer recht bekannten Gefilde geht, steht dem noch das junge Amerika gegenüber. Außerdem will ein Ozean überquert werden. Für LUCKY LUKE, dem das Geschaukel auf dem Rücken von JOLLY JUMPER nie zuviel wird, ist der ständige Wellengang ein Graus und Pein gleichermaßen. Wer hätte das gedacht? Comic-Illustrator ACHDÉ steuert zum LUCKY-LUKE-Universum Szenen bei, die jetzt schon kultig sind. Und natürlich drehen sie sich alle samt und sonders rund um eine der berühmtesten Frauenfiguren der Welt, LADY LIBERTY. Oder auch nur um Teile davon. Anspielungen werden gezeichnet (ein Amerikaner landet in der Normandie) und Gastauftritte gehören auch zum Repertoire (etwas knurrig, brummelig gibt sich eine französische Literaturlegende die Ehre).

Ein einwandfreier LUCKY LUKE von Anfang bis Ende. So hätte er auch von GOSCINNY geschrieben und von MORRIS gezeichnet werden können. Ein größeres Kompliment kann man den Erben dieser Comic-Macher, ACHDÉ und JUL, kaum machen. Erste Klasse! 🙂

LUCKY LUKE 97, Ein Cowboy in Paris: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Egmont Comic Collection.

Freitag, 16. November 2018

LUCKY LUKE – Die Daltons brechen aus – Hörspiel 2

Filed under: Comics im Hörspiel — Michael um 14:24

LUCKY LUKE – Die Daltons brechen aus – Hörspiel 2Ja, die DALTONS haben es immer noch nicht aufgegeben, in die Freiheit zu gelangen und dort ihr schändliches Treiben fortzusetzen. Zu Recht, denn die Länge ihrer zu verbüßenden Haftstrafe reicht noch für nachfolgende Generationen der DALTONS aus. Aber, wie das eben so ist, das Glück fällt eben auch mal da hin, wo es nichts zu suchen hat, und so passiert, was passieren muss: DIE DALTONS BRECHEN AUS in der zweiten Folge der LUCKY-LUKE-Hörspielreihe aus dem Hause RCA.

1985 erschien dieses Hörspiel, in dem sich LUCKY LUKE, der Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten, einmal mehr mit den vier Verbrecherbrüdern auseinandersetzen muss. Mehr noch: LUCKY LUKE wird schließlich solcher Verbrechen beschuldigt, die er nicht begangen hat und auch nie begehen würde. Hysterisch und ängstlich begegnen ihm plötzlich jene Bürger, die vormals auf seinen Schutz hofften. Das Blatt wendet sich trotz seiner Unschuld sehr schnell gegen ihn. Für die DALTONS bietet sich eine andere Gelegenheit. Sie nehmen LUCKY LUKE gefangen und setzen ihn als Koch oder Reinigungskraft ein, gerade dort, wo die Brüder niemals freiwillig einen Finger rühren würden.

Eine stimmlich tolle Besetzung wartet hier auf den Comic-Hörer. Die einzelnen DALTONS, JOE, WILLIAM, JACK und AVERELL mit ihren Sprechern MANFRED REDDEMANN, MANFRED SCHERMUTZKI, HENRY KÖNIG und JOCHEN SEHRENDT harmonieren als Vierergespann wie die Faust aufs Auge. MANFRED STEFFEN gibt hier die väterliche Erzählerstimme (anderen Hörspielfans auch als Stimme von GANDALF in der SWR/WDR-Produktion des HERRN DER RINGE bekannt). Aber eine echte Überraschung ist ANDREAS MANNKOPFF als LUCKY LUKE. In den 1970er, 1980er, auch 1990er Jahren gehörte ANDREAS MANNKOPFF zu den Stammgesichtern im deutschen Fernsehen. In seiner Stimme liegt etwas heimelig Knurriges, das ich zunächst nicht mit LUCKY LUKE in Verbindung gebracht hätte. (Das nächste) Aber nach sehr kurzer Gewöhnung entsteht hier in prächtiger Cowboy, etwas lakonisch, der große Geduld aufbringt und den richtigen Moment abpasst, um die DALTONS dingfest machen zu können.

Kurzum: DIE DALTONS BRECHEN AUS (im Übrigen auch die anderen LUCKY-LUKE-Hörspiele aus der RCA-Reihe) gefallen mir als Comic-Hörspiel sehr gut. Die besondere komödiantische Atmosphäre dieses Comic-Westerns mit vier ausgefallenen Gaunern (die doch eher Clowns sind) ist perfekt eingefangen. Klasse!

Freitag, 02. November 2018

JUGURTHA Gesamtausgabe 4

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:15

JUGURTHA Gesamtausgabe 4Das römische Joch in der kleinen Exklave wurde abgeschüttelt. Der kleine Tyrann ist tot. Die wenigen verbliebenen Römer, die selbst unter der Schreckensherrschaft litten, wollen bleiben. Keinen zieht es in den römischen Einflussbereich zurück, wo sie wieder versklavt werden, als Gladiatoren leben müssen und zurück in den Soldatendienst gezwungen werden. Lieber sind sie fernab von Rom frei. Allerdings haben die afrikanischen Einheimischen keineswegs vergessen, was ihnen alles unter der römischen Knute angetan wurde. Und so lange ein Römer in ihrer Nähe lebt, wird es niemals richtigen Frieden geben …

In der 4. Gesamtausgabe von JUGURTHA sind drei Alben versammelt, die nahtlos an das vorherige Geschehen anschließen. Im 13. Abenteuer, DER GROSSE VORFAHR, verlässt JUGURTHA zusammen mit seiner Begleiterin VANIA das Dorf, in dem er jüngst gefangen gehalten wurde und glaubt nun all das erlebte Elend hinter sich lassen zu können. Das ist ein fataler Irrtum. Aus dem Duo wird mit der jungen AICHA sehr bald ein Trio und aus einer einfachen Reise eine Flucht durch das Land der HUTU, TUTSI und BATWA. Die kleinwüchsigen BATWA sind das geringste Problem für JUGURTHA und die beiden Frauen. Denn kurz darauf finden sie sich in der Gewalt der TUTSI und werden mit der Legende des GROSSEN VORFAHREN kontrontiert.

VERNAL, Autor von JUGURTHA, hat seine Hauptfigur längst im Bereich der FANTASY ankommen lassen. ROM ist ein Thema, aber das geheimnisvolle Afrika muss um ein Vielfaches verführerischer gewesen sein. Dieser in jenen antiken Tagen rätselhafte Kontinent, der ROM als Sklaven- und Kornspeicher diente, war in seinem Landesinneren nahezu unbekannt und hält heute noch Legenden und Märchen parat, die so ganz anders sind als im Rest der Welt. So tobt sich VERNAL in diesen drei Abenteuern ähnlich aus, wie es ein Kollege, der CONAN-Erfinder ROBERT E. HOWARD, einst tat. Alles ist möglich, wirklich alles, wie der Leser zum Schluss dieses Bandes feststellen wird. So viel sei versprochen.

Viele Völker haben eine Legende, die ihre Herkunft erklärt (oder auch verklärt). VERNAL spielt in diesem Band mit diesem mythischen Konstrukt. Das 14. Abenteuer, DIE MONDBERGE, bildet den Mittelteil einer Trilogie oder eines thematischen Zyklusses. Das 15. Abenteuer, DER SCHWARZE STEIN, bildet einen vermutlich vorübergehenden Abschluss, denn für den Leser wie auch für das Duo JUGURHTA und VANIA bleiben noch reichlich Fragen offen.

FRANZ ist zum Stand dieses Bandes ein vorbildlicher Comic-Künstler. Stilistisch auf höchstem Niveau, mit dem Tuschestrich gleichauf mit anderen (Alt-)Meistern seines Fachs (angesiedelt zwischen einem COLIN WILSON und einem JEAN GIRAUD). Wie er das afrikanische Flair einfängt, hat richtig Klasse (und ich hätte es gerne gesehen, dass er diese Befähigung nutzt, um den afrikanischen Kontinent einer vergangenen Ära illustratorisch in weiteren Szenarien einzufangen). Oder … leider darf ich darauf nicht allzu sehr eingehen, ohne zu spoilern. Sagen wir einfach, FRANZ würde sich sicherlich auch in einem Szenario rund um INDIANA JONES grafisch zurecht finden.

Farblich orientiert sich FRANZ an Techniken, wie sie die beiden erwähnten Kollegen ebenfalls sattsam angewendet haben (und viele andere jener alten Schule), nämlich, indem neben einer realistischen Farbgebung gerne verfremdet wird, damit eine Stimmung deutlicher wird und eine bestimmte Farbausrichtung die Oberhand gewinnt. Zugegebenermaßen findet dies hier in den Abenteuern 13 und 14 weniger Anwendung. Viele helle, bei Tageslicht stattfindende Sequenzen zeigen ein farbenfrohes Savannen-Afrika. Erst in DER SCHWARZE STEIN kippt die Stimmung häufiger. Dem Szenario angepasst werden die Bilder düsterer. Nachtszenen und Erzählstränge, die in eine Art steinerne, fast natürliche Festung (mit anschließender Überraschung) führen, verdeutlichen den Stimmungswechsel und eine völlig andere Richtung des Abenteuers (die VERNAL sehr klug, sehr geschickt einführt).

VERNAL liebt das Unvorhersehbare, entsprechend spannend sind JUGURTHAS Abenteuer in dieser 4. Gesamtausgabe angelegt. Niemand wird den Verlauf dieser Geschichten vorherahnen können. Erstklassige Abenteuererzählkunst. FRANZ zeichnet technisch perfekt, toller Strich, hervorragende Farbgebung. Das passt alles hundertprozentig von Anfang bis Ende. Wer historische Szenarien mit einem Schuss Fantasy mag, wird hier goldrichtig aufgehoben sein! 🙂

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