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Comic Blog


Mittwoch, 14. September 2011

Sky Doll Lacrima Christi Collection 2

Filed under: SciFi — Michael um 19:48

Sky Doll Lacrima Christi Collection 2Ein Alptraum, der mit Mord und Totschlag endet. Nach der Jagd durch die Psyche erfolgt schließlich das geschockte und doch heilsame Erwachen. Im Spiegel sieht die Welt wieder besser aus. Die, deren Wohl dem kleinen Arzt so sehr am Herzen liegt, fühlt sich frisch und entspannt. Wieso ist diese Prozedur, so schmerzhaft, notwendig? Was verbirgt der Arzt? Wer sind seine Hintermänner? Alessandro Barbucci (Autor) und Barbara Canepa leiten mit dieser ersten Kurzgeschichte den zweiten Band dieser SKY DOLL Collection ein. Ein wenig gruselig, gewalttätig, ein Alptraum, der in die tiefsten Schichten führt: So hat es zunächst den Anschein. In der Welt von SKY DOLL ist das Wechselspiel von Schein und Sein wohl berechnet. Sexualität, Religion, Gewalttätigkeiten, Dramen und Tragödien lösen einander ab. Hoffnung findet sich hier nicht.

Obwohl Barbucci in der zweiten Geschichte genau mit dieser Hoffnung spielt. The saint in a bottle bringt sich um andere beinahe um den Verstand. Aus einer Reliquie entsteht eine kurze Episode mit dem Anschein von Glück, das in Habgier gipfelt. Plötzlich wollen alle ihr persönliches Wunder. Am Ende reicht eines nicht aus. Barbucci kratzt mit seiner Geschichte an der Oberfläche, trotzdem schimmert Kritik durch. Wie berechtigt oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für jede Geschichte ein anderer Künstler: Hier ist es Mikael Bourgoin, der in einer ausdrucksstarken Mischtechnik ein kleines Drama zu Papier bringt. In ausgewählten Farben, düsteres Lila, strahlendes Gold, wirkt die feine Kolorierung aus Aquarelltechnik und kreideartigem Buntstift sehr passend zur düsteren Atmosphäre.

Mit Sleeping Dreamer, wieder von Barbucci erzählt, darf der chinesische Topzeichner Benjamin seinen Teil zur Saga von SKY DOLL beitragen. Mit der Bezeichnung Ätherisch lassen sich Benjamins Maltechniken überschreiben. Er ist ein deutlicher Computerkolorist, der aber bemüht ist, den Eindruck von Airbrush und Wischtechniken entstehen zu lassen. Farblich zum Regenbogen hin orientiert findet der Leser hier eine traumhafte Sequenz, für die Benjamin genau der richtige Zeichner gewesen ist.

Es ist schwer, Gradimir Smudja nicht als eine Art Heavy-Metal-Künstler zu bezeichnen oder wenigstens als solchen, der auch für die Reihe Judge Dredd hätte zeichnen können. Sein leicht anarchischer Stil passt zur Geschichte, die aus der Leichtigkeit der übrigen Handlungen aus dem Rahmen fällt. Und mehr als das: Optisch tüftelt Smudja mit dem Spielkartenprinzip und der optischen Täuschung. Figuren werden einander spiegelbildlich gegenüber gesetzt. Karomuster, räumlich verzerrt, sorgen für eine verwirrende, fast schon Alice-im-Wunderland-Optik.

Blood-Red-Shoes zeigt entgegen der bisherigen Geschichten eine hoch technisierte Welt, beinahe in einer 3D-Zeichentrickoptik. Nach den vorhergehenden Handlungen überrascht die Kälte dieser Kurzgeschichte, die hier von Barbara Canepa aus dem Off erzählt wird und so die Kälte und den Abstand noch verstärkt. Erst zum Abschluss wird es mit der von Enrique Fernandez gemalten White Cinderella wieder romantischer in einer sehr cartoonartigen Technik.

Eine gelungene Mischung, die viele Facetten dieses ungewöhnlichen Geschichtenuniversums erfasst: Vielleicht könnte man es eine Romantic-Techno-Comedy nennen, die durch unterschiedliche Grafikstile für Freunde der Comic-Kunst ein breites Spektrum zur Begutachtung bereithält. 🙂

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Das ausschweifende Leben des Nylonmanns

Filed under: Cartoon — Michael um 17:31

Das ausschweifende Leben des NylonmannsCharlemagne Detrecy ist nicht einfach nur ein Raufbold. Hinter seiner lächelnden Fassade quälen ihn die Monster, die hinter den Menschen lauern. Manchmal kann er sie erkennen und dann muss er sie verprügeln. Ansonsten hat niemand etwas von ihm zu befürchten. Im Gegenteil Detrecy kann sehr charmant sein, liebevoll und vermag diese Qualitäten auch vollendet einzusetzen. Wären da nicht diese Visionen, die natürlich genau dann auftauchen, wenn sie am wenigsten von Nutzen sind. Und da wäre noch der Eskimo und das ist nicht etwa eine andere Geschichte, nein, weit gefehlt.

Anarchie: Hans-Michael Kirstein und Hermann (Comanche) erzählen eine Comic-Geschichte, in der nicht das Ziel zählt, sondern der Weg. So ließe es sich im philosophisch übertragenen Sinne sagen. Sofern man überhaupt interpretieren, philosophieren sollte, über das, was die beiden Comic-Macher hier zu Papier gebracht haben. Anders gesagt: Hätte die legendäre Truppe Monty Python jemals die Idee gehabt, einen Comic zu schreiben und zu zeichnen, hätte etwas wie Das ausschweifende Leben des Nylomanns dabei entstehen können.

Anemone, eine junge Frau, deren Mutter gestorben ist, muss ihren Vater finden, ansonsten gibt es kein Erbe. So weit, so einfach? Nein, nicht einfach, da die Welt um Anemone herum komplett durchgeknallt ist (gut, das wussten wir schon vorher) und der Vater ein Forscher mit sehr merkwürdigen Methoden ist. Gleich das erste Bild des Comics offenbart, wie seltsam diese beschriebene Welt ist. Hier wird die Normalität kurzerhand gesprengt, das Kuriose zur Normalität erhoben und entsprechend mokiert sich hier niemand über diese Merkwürdigkeiten.

Aus einem Rohr schiebt sich eine Hand mit einer Bratpfanne. Ein Omelett wird gewendet. Ein Mann in Jacke und Unterhose und einem Orden auf der Weste marschiert griesgrämig die Straße entlang. Auf der anderen Straßenseite fährt der Tod höchstselbst mit einem Leichwagen vorüber. Auf dem Bürgersteig geht ein Mann mit einem Schwein unter dem Arm spazieren. Abfalleimer hängen auf der Höhe von Straßenlaternen und wollen wie bei einem Basketballspiel zielgenau gefüttert werden.

Das ist noch gar nichts. Der gemeine Comic-Leser, also jener, der mit Kuriositäten so gar nichts anzufangen weiß, sollte bereits einen genauen Blick auf das Titelbild werfen, auf dem aus einem mit Füßen bewehrten Kürbis ein Kameraobjektiv schaut. Anemone kann in dieser verrückten Welt ihren Vater nicht alleine finden. Also engagiert sie einen Detektiven. Immerhin schafft er es Anemone auf die richtige Spur zu bringen. Leider greifen irgendwann die Biobauern mit ihren Gurken an und ein liebeskranker und von Visionen geplagter Muskelprotz kommt auch noch dazwischen.

Schmunzeln Sie jetzt! Nicht dagegen wehren! Man wird es nämlich nicht schaffen. Nach Wo bin ich hier gelandet?, über Ich verstehe das nicht!, landet man schließlich bei Okay, lass laufen!. So mag es auch von Kirstein und Hermann gedacht sein. Spätestens, wenn der im Eis fischende Eskimo dazwischen funkt, ist einem alles egal und man genießt den Wahnwitz des Comics einfach nur noch, denn mehr bleibt einem nicht zu tun.

Hermanns Bilder kommen sehr leicht ausgeführt daher, nicht mit der Perfektion, die aus Comanche, Andy Morgan oder Jeremiah her bekannt ist. Hermann kreiert zwar die Hingucker, doch die Handlung braucht auch die Geschwindigkeit. So gesehen imitiert der Nylonmann absurdes Kino. Hier wird von einem Staunen, von einer Verwunderung zur nächsten gehüpft. Im Anhang wird auf Hermanns klassische Comic-Technik Bezug genommen, wie die Abfolge der Entstehung ist, von der Skizze bis zum fertigen Bild. In ausgewählten Grafiken wird der Leser noch einmal bei der Hand genommen und gezeigt, wie wichtig es ist, für den Spaß auch auf Details zu achten. (Da gibt es viel zu tun!)

Leicht gezeichnet, leicht erzählt: Absurd wie Monty Python, mit einem speziellen Humor, der sich nicht jedermanns Sache ist. Selbst für Hermann-Fans sollte gelten, zuvor einen Blick hinein zu werfen. Mich hat es amüsiert. 🙂

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Samstag, 10. September 2011

ABSOLUTE ZERO 1 – Mission Sibirien

Filed under: SciFi — Michael um 17:40

Absolute Zero 1 - Mission SibirienAm Ziel angelangt werden die Soldaten aus ihrem künstlichen Tiefschlaf geweckt. Das Ziel, ein unwirtlicher Planet namens Siberia, soll kontrolliert werden. Ist der Planet auch eine Eiswüste, wird dort dennoch eine Forschungsstation unterhalten. Der Auftrag unterliegt dem Roten Codex: Materialschäden sind keine erlaubt. Menschen jedoch können geopfert werden. Selbst jene, die den Auftrag überhaupt erst ausführen. Die Marines, die im Shuttle auf dem Planeten landen, sind über diese Auftragskennung keineswegs begeistert. Dagegen unternehmen, können sie nichts. Überhaupt ist einiges merkwürdig. Sicher, unten auf der Oberfläche ist es kalt, verdammt kalt sogar, irgendwo her muss der Name Siberia schließlich kommen, aber die Pillen, die sie vor dem Einsatz schlucken sollen, waren nicht eingeplant.

Richard Marazano und Christophe Bec, zwei Comic-Macher, die es immer wieder schaffen, das Geheimnisvolle, Mysteriöse in ihre Geschichten einzubauen und eine knisternde Spannung anzulegen, nehmen den Leser in ein Szenario mit, in dem sich Genre-Freunde direkt wohl fühlen werden. Marazano und Bec, die mit Veröffentlichungen wie Der Schimpansen-Komplex, Eco Warriors, Prometheus oder Heiligtum auf sich aufmerksam gemacht haben, agieren hier einmal mehr auf zwei Ebenen, die zunehmend (alp)traumhaft ineinanderfließen.

Die erste Ebene, jene des real fassbaren Einsatzes, verläuft kühl, mechanisch, präzise, eben mit der Professionalität von Marines, die ihren x-ten Auftrag durchführen. Es wird geredet, getratscht, die Arbeit gemacht. Allzu schnell werden Flapsigkeiten zur Nebensache. In der Station finden sich Tote. Ein Angriff erfolgt. Die im Einsatz befindlichen Soldaten verlieren langsam den Verstand, die einen mehr, die andere weniger.

Stellen Sie sich vor: Jesus lebte wirklich.

Marazano und Bec spielen mit der Vorstellung, der Einbildung, dem Wahn. Sie spielen mit ihren Vorbildern, flechten Ansichten von Tom Cruise, Sigourney Weaver, auch Arnold Schwarzenegger ein. Sie vergessen das Alien auch nicht, indem sie den Schauplatz des dritten Kinofilms ein wenig imitieren. Darüber hinaus stellen sie dem Leser ein Rätsel (eines, dem ich nicht einmal ansatzweise auf der Spur bin). In ihrer Bildsprache oder Szenen verbergen sich Hinweise (oder auch nicht). Jesus trägt auf dem Wege zur Kreuzigung ein Hakenkreuz, Der Meister und Margarita, Terence Hill als Nobody, Pin-Ups. Bilder blitzen kurz auf: Mondlandung, Micky und Goofy und Che Guevara. Das ist alles in allem, zumindest oberflächlich betrachtet, keine leichte Kost.

Der Meister und Margarita: Die in kühlen Brauntönen gehaltenen Szenen, offensichtlich jenem Roman von 1940 entstammend (erschienen 1966), als Versatzstücke in die Handlung eingeordnet, stehen Szenen aus Platoon gegenüber, untermalt vom Liedtext eines Bruce Springteen. Über allem mag die Frage stehen, ob der Teufel existiert. Setzt man die Puzzelteile zusammen, die sich hier finden lassen, ist die Antwort eindeutig. Sicher ist auf jeden Fall, dass Comics ihre Leser selten derart auf die Folter spannen und zum Mitdenken (auch zum Recherchieren) einladen.

Rätselhaft, ungewöhnlich: Richard Marazano und Christophe Bec tauchen wieder tief in die menschliche Psyche ein, manchmal etwas verwirrend, aber auch faszinierend. Für Freunde von Geschichten mit Interpretationsspielraum im Stile von 2001 oder Solaris.

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Freitag, 09. September 2011

Die gläsernen Schwerter 1 – Yama

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:44

Die gläsernen Schwerter 1 - YamaDas Klima verändert sich. Die Welt stirbt. Nur eine Hoffnung gibt es: Die gläsernen Schwerter. Diese ungewöhnlichen Waffen gingen einst an verschiedenen Orten, weit voneinander entfernt, nieder. Niemand hätte damals ahnen können, dass in ihnen der Schlüssel zur Rettung verborgen liegt. Denn zuerst waren sie nur ein weiterer Zankapfel. Ein gläsernes Schwert, eingerammt in einen Felsen, weckt Begehrlichkeiten. Es wird ein Tag, den die junge Yama niemals vergessen wird. Plötzlich ist alles anders. Yama flieht in die Wälder, weit fort von zu Hause und hat doch noch ein wenig Glück.

Ein Duo, Sylviane Corgiat (Autorin) und Laura Zuccheri (Künstlerin), kreiert eine wunderschön gestaltete Welt mit einer klassischen Erzählung über einen langsam reifenden Rachewunsch. Ein Kind wird seines Zuhauses beraubt. Sie, Yama, kennt den Feind, ist aber viel zu jung und zu unerfahren, um ihre Rache auszuleben. An dieser Stelle kommt ein Freund, ein Lehrer, ein Ersatzvater namens Miklos ins Spiel.

Ich werde groß und stark, ich trainiere und werde die beste Kriegerin der Welt. So spricht das junge Ding und löst bei dem Einsiedler, der sie aufnimmt, erst einmal Belustigung aus. Sylviane Corgiat setzt an dieser Stelle Humor, Mitleid und eine liebevolle Aufnahme ein. Denn so ganz allein ist der Einsiedler doch nicht. Zwei kleine Gnome und Haustiere stehen ihm zur Seite. Das Verhältnis der beiden, das des ehemaligen Kriegers und der angehenden Kriegerin, wird enger und mündet völlig natürlich in ein Vater-Tochter-Bündnis und eine tiefe Freundschaft. Und je inniger die Beziehung der beiden doch recht verschiedenen Menschen wird, um so mehr stirbt die Welt.

Es ist eine einfache Geschichte, deren Erzählung Sylviane Corgiat hier an den Anfang einer fünfteiligen Reihe stellt. Die Faszination erwächst aus der Umgebung, die kleinen und größeren Andersartigkeiten, die Laura Zuccheri mit einer liebevollen Perfektion zu Papier bringt, die im weiten Feld der Comic-Landschaft dennoch ein Seltenheit ist. Sind die Menschen etwas glatter koloriert, etwas überzeichnet manchmal, so ist die Darstellung der Natur in manchen Bildern knapp am Gemälde oder sogar Photorealismus. Sie kann selbstverständlich nicht die Qualität des Titelbildes auf die Albenlänge ausdehnen, doch erreicht sie diese fast.

Durch die unterschiedliche Ausarbeitung von Charakteren und Hintergründen entsteht auch ein filmischer Effekt, wie er Zeichentrickproduktionen zu finden ist. Aber Zuccheri bildet ihre Hintergründe mit großer Natürlichkeit ab und sie erreicht diesen Effekt auch bei den Tieren, die ein Thema für sich sind.

Kleine Augen, große Nasen: Obwohl manche der gezeigten Tiere, sanftere und auch gefährliche, sehr groß sind, haftet ihnen doch eine gewisse Putzigkeit an. Ein Raubtier, im Kampf mit Miklos, erinnert an eine Mischung aus Affe, Katze und Waschbär. Teilweise bis ins kleinste Barthaar ausgeführt, könnte dieses (und auch weitere) Tier durchaus ein Abbild einer lebendigen Ausführung sein. Ein pralle, ungemein farbig kräftige Kolorierung taucht die Szenen in ein plastisches und weiches Licht. So ergibt sich eine schlicht schöne und, je nach Sequenz, auch romantische Optik. Diese kann aber auch in Trostlosigkeit umschlagen, denn die Natur gibt langsam auf und der Verfall ist hier ein wichtiger Bestandteil der Geschichte.

Ist Miklos eher der Thor-Typ, nordisch, heldenhaft, so hat Zuccheri Yamas Vater als eine realistische Version von Umpah-Pah angelegt, der auch recht gut in die äußerlich griechisch-indianische Kultur passt, der Yama entstammt. Diese kleine Hommage (die kaum zufällig sein kann) passt perfekt in eine Umgebung, die mit verschiedenen, nicht immer gleich offensichtlichen Anleihen spielt.

Ein traumhafter Einstand für Laura Zuccheri, die hier ihre erste Comic-Serie startet. Künstlerisch anspruchsvolle und aufwendige Bilder schaffen eine Fantasy-Welt, die großes Kino im Albenformat ist. Die liebevolle Erzählung von Sylviane Corgiat lässt nichts vermissen, was das Herz eines Fantasy-Fans begehrt. 🙂

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Donnerstag, 08. September 2011

ANTARES 3

Filed under: SciFi — Michael um 20:27

ANTARES 3Auf der Erde, in früheren Tagen, als die Welt noch nicht unter der Umweltverschmutzung erdrückt wurde, wurde man angehalten, um Nester einen Bogen zu machen. Auf Antares sollte diese Regel auch gelten, ganz besonders wenn das einzelne Ei in diesem Nest, auf der Spitze eines Baumes, die Größe eines Kleinbusses besitzt. Aber Neugier, Faszination, auch kindliche Begeisterung über derlei Entdeckungen können unvorsichtig werden lassen. Als entsprechende Gedanken zur Vorsicht mahnen und die Gruppe bereits den Entschluss gefasst hat, weiter zu fahren, ist es beinahe schon zu spät. Das Muttertier, nicht zu Unrecht besorgt um den Nachwuchs, greift an!

Sehr rätselhaft, mit ungewöhnlichen Wendungen, nimmt der dritte Teil von Antares seinen Lauf. Nachdem die Gruppe der Siedler zwangsweise getrennt wurde und erst einmal wieder zueinander finden muss (was über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern ohne die erforderlichen Beförderungsmittel schwierig ist), ergeben sich Situationen, die nicht einmal die Scouts, die bisher den Planeten erkundet haben, vorhersehen konnten. Leo, Autor und Zeichner dieses mehrteiligen Abenteuers, taucht nun tief in die Fauna und Flora des fremden Planeten ein. Die Geschwindigkeit der Erzählung nimmt deutlich zu, die Facetten werden vielfältiger.

So ungern Kim Keller, die Hauptfigur der Reihe (genauer: aller drei Zyklen), den Auftrag auch angenommen hat, so ungern sie sich auch wieder einer Expedition unterordnete, so ist sie doch, einmal angekommen, wieder in ihrem Element. Hier ist eine greifbare Aufgabe, in freier, wenn auch fremder Natur. Hier führt ein Schritt vor den anderen zu einem Ziel. Kim Keller ist eine Frau der Tat, nicht des Wartens. Leo beschreibt sie einmal mehr als Frau, die so emanzipiert, natürlich und modern wie sie ist, immer noch anecken kann und selbst Frauen, die sich in den Hierarchien nach oben gearbeitet haben, erstaunen kann.

Aber die gesellschaftliche Struktur der Menschen wird im dritten Teil zur Nebensache. Es ist ein Erbe, dessen Bedeutung angesichts realer Bedrohungen schwindet. Selbst kleine Vertrauensbrüche werden verzeihbar. Es ist für einen Science-Fiction-Comic ungewöhnlich, mit welcher Leichtigkeit Leo Szenen zum Thema Menschlichkeit schafft und wie sehr es ihm gelingt, die Balance zwischen Text und Bild zu finden. Und in den richtigen Momenten auch zu schweigen und einfach die Bilder wirken zu lassen.

Keine Experimente: Leos Bilder wie auch der Seitenaufbau sind klar strukturiert. Die Bilder sind eckig, es werden keine neuen Mischformen gefunden. Es können elf Bilder auf einer Seite sein oder auch nur vier. Schöner ist es allerdings, wenn Leo den zur Verfügung stehenden Raum nutzt und die Bildsprache sehr szenisch, cineastisch ist. Die eingangs geschilderte Szene, Teil einer längeren Sequenz, ist ein Beispiel für eine solch gelungene optische Entführung in eine fremde Welt. Dabei ist das erst der Anfang. Ähnlich wie Leo es schon zuvor praktizierte (auch dort verwendete er einmal ein Flussfahrt), entdeckt der Leser auch hier zusammen mit den Kolonisten diese Welt und erlebt die eine oder andere Überraschung, die sich von bisherigen Ereignissen abhebt.

Mit dünnen Außenlinien und zart, durchscheinend aufgetragenen Aquarellfarben kreiert Leo eine sonnendurchflutete Welt, auf Realismus bedacht. Doch aus der Fassade bricht er mit Kreaturen hervor, die zuweilen kurios wirken, aber auch zur Echtheit des Szenarios beitragen. In seiner Gesamtheit, bis zu diesem Punkt der Erzählung der drei Zyklen, ergibt sich bereits ein grandioses Werk.

Dramatisch: Die Geschichte um die Geschehnisse auf Antares erreichen nicht nur einen vorläufigen Höhepunkt, sondern auch einen Wendepunkt, den der Leser schon durch Band 2 befürchten konnte. Allerdings war die Konsequenz nicht vorherzusehen. Phantastisch, im wahrsten Sinne des Wortes. 🙂

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Mittwoch, 07. September 2011

ANTARES 2

Filed under: SciFi — Michael um 18:01

ANTARES 2Teenager können, wenn sie wollen, manchmal ganz schönen Ärger bereiten. Aus Langeweile, Nachlässigkeit auch. Einfach weil sie Teenager sind. Doch das Foto von Kim Kellers Tochter, das auf dem Raumschiff seine Runde macht, geht eine Spur zu weit. Das ist bösartig. Aber Kim Keller hat andere Probleme als die aufsässige und über die Maßen neugierige Lorna. Ihre Mission, zu der sie sich bereit erklärte, droht bereits in den ersten Tagen viel schwieriger zu werden, als angenommen. Nicht nur der neue Planet birgt Gefahren, auch die Begleitung erweist sich als wenig kooperativ. Kim Keller muss sich fragen, warum sie überhaupt für diese Mission ausgewählt wurde.

Eine Raumfahrt, die ist nicht lustig. Sie bedeutet Enge, Streß, Ärger. Die Menschen, die sich aufgemacht haben, den neuen Planeten zu erobern, um ihr ganz persönliches Paradies zu gründen, haben eine besondere Sorte von Passagieren unter sich: Religiöse Fanatiker. Leo (Luiz Eduardo de Oliveira), Autor und Zeichner der Science-Fiction-Zyklen um Kim Keller, leitet die zweite Episode des dritten Zyklus mit dem Titel Antares sehr praktisch ein. Das Leben an Bord eines Raumschiffs auf seiner Reise zwischen Sternen nimmt seinen Fortgang, aber es ist selbstverständlich auch ein Belastungstest und längst nicht alle sind dieser Belastung gewachsen. Am Boden, ganz gleich auf welchem Planeten, mag sich jeder, so gut es geht, aus dem Weg gehen. In den engen Schiffsgängen, auf den Wegen zur Schiffsmesse oder den Hygieneeinrichtungen ist das unmöglich.

Kim Keller, die sich nicht nur bemüht, ein Geheimnis zu bewahren, steht alsbald inmitten eines Streits um Moral und Denkweisen. Ihre lockere Art sich zu kleiden, für moderne Frauen eigentlich nicht ungewöhnlich, stößt bei der religiösen Vereinigung, deren Mitglieder sich mit an Bord befinden, auf kein Verständnis. Da diese Glaubensrichtung nicht nur für keinerlei Freizügigkeit bekannt ist, sondern auch noch eines ihrer Mitglieder der Hauptfinanzier der Expedition ist, geraten Kim und ihre Freundinnen schnell in Schwierigkeiten. Leo zeichnet eine Zukunft, in der sich die Menschen in neue Ideen flüchten, gemischt mit Althergebrachtem, auch Altbackenem, Vergangenem, wo ihrer Ansicht nach weniger Verrohung herrschte. Wie verroht sie dennoch sind, zeigt sich anhand einer brutalen Attacke.

Unterkommandantin Scott versucht in diesen Wirren die Kontrolle zu behalten und für Ordnung zu sorgen. Allerdings wird klar, dass die Frau, die Abstand zu halten versucht, auch einer Unterforderung erliegt. Eine Kolonialisierung unter uneinigen Vorzeichen kann nur ein Desaster werden. Leo breitet den Dilettantismus der Kolonisten auch sehr süffisant vor dem Leser aus. Gott, so scheint es, ist nicht mit den Hochmütigen. Glaube ersetzt Wissen nicht. Als dann noch Katastrophen eintreten, die so nicht vorherzusehen waren, splittern sich die Kräfte der neuen Bewohner von Antares immer weiter auf.

Von den Sternen auf eine neue Welt. Leo bringt den Leser auf den fremden Planeten zurück. Nach den ersten Geheimnissen werden weitere offenbart, vornehmlich fremde Lebensformen, die der Zeichner sehr strukturiert inszeniert. Schnell entwirft er Gesetzmäßigkeiten, die einigen Charakteren bekannt vorkommen, anderen nicht. So werden mehr Katastrophen vorprogrammiert, absehbar für den Leser und jene Figuren, die bereits in den ersten beiden Zyklen mit dabei waren. Als Leser fiebert man mit muss erleben, wie Vorhersagen ein treffen. Zusätzlich arbeitet Leo zu einem sehr gemeinen Cliffhanger hin, der noch mehr ankündigt. Wer aber wissen möchte, in welcher Tragödie dieser Abschnitt der Geschichte mündet, muss sich bis zur nächsten Ausgabe gedulden.

Leo liebt die Natur. Als Zeichner hat er zwar bewiesen, dass er auf vielen Gebieten zu Hause ist, in der Historie (Trent) und auch in der Phantastik (Kenya), dass er mit Städten und Gerätschaften umzugehen versteht, doch die Entwürfe einer fremden Natur sind sein Ding, wie man so schön sagt. Allein das Titelbild, eine Art fliegender Rochen, zeugt von der Konsequenz und der Stilsicherheit seiner Arbeit. Hier finden sich keine Lebewesen mit Blubberhäuten oder andere Ideen, die sich in Space Operas finden. Wie in der realen Natur ist Leo mit seinen Konstruktionen weiterhin auf Einfachheit bedacht und bezieht auch ein System mit ein. Eine Kreatur existiert hier nicht einfach für sich oder wird irgendwo platziert. Bei Leo funktionieren die Tiere, auch die Vegetation auf eine bestimmte, nur nicht sofort erkennbare Weise (wie die Charaktere in dieser Ausgabe leidvoll feststellen müssen).

Science Fiction in Fortsetzung: Leo hat perfektioniert mit ANTARES seine Erzählweise und bereitet Wendungen von langer Hand vor. Auf Schlüssigkeit bedacht, die Spannung nicht vernachlässigend, setzt er hier weitere Ereignisse in Gang, die bereits jetzt hoffen lassen, dass ANTARES nicht der letzte Zyklus um die Hauptfigur Kim Keller gewesen ist. 🙂

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Link: www.mondes-aldebaran.com (Die offizielle französische Seite, sehr stimmungsvoll umgesetzt.)

Dienstag, 06. September 2011

ANTARES 1

Filed under: SciFi — Michael um 19:51

ANTARES 1Die Herde grast friedlich auf einer großen Weide. Feindliche Tiere, Räuber, die es zwar auf Antares gibt, sind nicht in Sicht. Die drei Pioniere, zwei Männer und eine Frau, die von ihrem Fluggerät aus die Herde bestaunen, werden plötzlich Zeuge eines unglaublichen Phänomens. Eines der Tiere verschwindet, löst sich langsam von außen nach innen in Luft auf. Barg der Planet bisher auch seine Gefahren, stellten diese bislang aber nicht den Erfolg der Mission in Frage. Dieses Ereignis könnte eine Kolonisierung dieses Planeten unmöglich machen. Mit einem Mal stehen die drei Scouts vor der Frage, ob sie darüber Meldung zur Erde machen oder nicht.

Die Abenteuer mit der zentralen Figur Kim Keller gehen weiter: Nach den Science-Fiction-Zyklen Aldebaran und Betelgeuze folgt nun ein Mehrteiler über die Kolonisierung eines weiteren Planeten. Antares bietet für die Menschen erdähnliche Zustände, ist aber wie bei den beiden vorhergehenden Kolonisierungsprojekten eine lebensfeindliche Umgebung. Die Überraschung darüber ist eigentlich unnötig, die Formen der Gefahren überraschen weitaus mehr.

Der Leser erlebt den neuen Planeten zunächst an der Seite dreier Kamikaze, Scouts, die eine Erkundung der neuen Welt vornehmen sollen. Die Welt wirkt fast normal, gäbe es nicht einige Ungewöhnlichkeiten in der Vegetation wie auch in der Tierwelt. Leo, im dritten Zyklus um die Hauptfigur Kim Keller weiterhin als Autor und Zeichner tätig, verfolgt das Konzept der abgerundeten, einfachen Formen weiter. Manchmal wirken die Tiere wie Weiterentwicklungen und Vereinfachungen bekannter Tiere unserer wirklichen Welt. Gemessen an den bekannten Lebewesen entwirft Leo meist Tiere, die möglich wären.

Die gemeinsame Entdeckung dieser neuen Welt, Antares, ist ein Faktor, der den Reiz aller bisherigen Erscheinungen der drei Zyklen ausmacht. Die ruhige und langfristig angelegte Erzählweise lüftet stetig den Vorhang vor einer Zukunft, die die unsere sein könnte. Sie ist nicht sehr optimistisch, aber sie ist auch weit von der allseits beliebten arg pessimistischen, meist postakpokalyptischen Zukunftssicht in Roman und Film (oder in mancher Vorhersage) entfernt. Der Erde geht es nicht gut. Umweltverschmutzung hat ihr stark zugesetzt. Der Mensch hat den Aufbruch ins All gewagt. Einmal ist es ihm bereits gelungen, einen neuen Planeten zu kolonisieren. Doch daheim auf dem Planeten Erde, wo, wie Leo eindrucksvoll in Szene setzt, nur noch ein einziger Schimpanse weltweit in einem Zoo seine letzten Tage verbringt, genügt das nicht.

Alles hat seinen Preis: Kim Keller ist nicht die strahlende Heldin, die durch die Handlung huscht, als sei es ein unbeschwertes Leben und Abenteuer. Leo lässt seine Heldin für alles bezahlen. So muss sie in der Auftaktgeschichte des dritten Zyklus auch einen Handel eingehen. Einerseits gilt es alte Freunde aus dem Gefängnis zu holen, andererseits will die Heimreise nach Aldebaran, ihrem Geburtsplaneten, auch verdient sein. So erklärt sie sich bereit, nach Antares zu reisen, wo bereits das nächste Rätsel wartet. Waren es in den ersten beiden Zyklen zwei außerirdische Intelligenzen, sehr mächtig, mit unterschiedlicher Bereitschaft, der Menschheit zu vertrauen, trifft die Menschheit nun auf einen Unbekannten, der offensichtlich auch erforscht.

Leo vermag das Unbekannte wie Nadelstiche zu setzen, unbequem für die Protagonisten, faszinierend für den Leser. Wer bisher den Abenteuern von Kim Keller gefolgt ist, wird die Entwicklung dieses Charakters und ihrer Freunde mit der gleichen Spannung lesen wie ich. Wer die ersten beiden Zyklen verpasst hat, wird den Einstieg nicht unmöglich finden, aber er hat doch wichtige Aspekte verpasst. Erläuterungen im Vorspann und Abspann schließen etwaige Wissenslücken ein wenig.

Eine sehr schlüssige Science-Fiction-Geschichte, intensiv und stetig erzählt, faszinierend durch die Dichte der Handlung und des Zukunftsentwurfs, spannend durch immer neue Einfälle. Mit leichter Hand sehr exakt gezeichnet. Auch der dritte Zyklus beginnt auf dem gleichen hohen Niveau der bisherigen Abenteuer. 🙂

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Mittwoch, 31. August 2011

NERO

Filed under: Thriller — Michael um 17:01

NEROEin Wort zuviel: Mit einem Wort unterschreibt der Mann sein Todesurteil. Eigentlich suchte er nur eine helfende Hand, mehr nicht. Der Tod ist die Endstation und wird zur Herausforderung an Giuliano Nero, der dem Täter dadurch sehr viel näher kommt. Bis zu diesem Fall trieb Nero dahin. Er hatte nichts zu tun. Er hatte keine Familie, keine Frau an seiner Seite. Sein Leben war leer. Aufregung versprach auch dieser neue Fall nicht, aber wenigstens Einnahmen. Und so machte sich Nero an die Arbeit, versiert, nicht ungeschickt, neugierig, auch hartnäckig. Und tatsächlich: Bald entstehen neue Spuren, die nicht existieren dürften, hätte die Polizei wirklich den richtigen Mörder gefasst.

Wie tief sollte ein Ermittler in die Psyche eines Serienmörders blicken? Wann beugt er sich zu sehr über den Abgrund und fällt selbst hinein? Der von Alex Crippa erschaffene Ermittler Giuliano Nero ist auf der Spur eines Mannes, der eine seltsame Obsession zur Vermeidung von Trauer entwickelt hat. Es besteht keine Beziehung zwischen den Mordopfern. Gemeinsamkeiten sind keinerlei zu entdecken. Nur im Tod weisen sie eine Ähnlichkeit auf. Nachdem der Mörder sie getötet hat, wird die entstandene Wunde fein säuberlich vernäht.

Nero beschäftigt sich als Detektiv zunächst mit einem Fall, der für die Polizei gar keiner mehr ist, denn die hat bereits einen Verdächtigen festgenommen und ist von dessen Schuld überzeugt. Der Leser hingegen weiß bereits von der ersten Seite an, dass die Polizei auf dem sprichwörtlichen Holzweg tappt, da er dem Ermittler Nero nach zwei Seite in der Gegenwart nun in der Vergangenheit folgt. Italien hat sich als Krimiland auch bei uns etabliert, doch sind dort ausgewählte Schauplätze im Comic eher selten anzutreffen.

Alex Crippa schließt diese Lücke eine Geschichte lang (Das fünfte Opfer), bevor er Nero in ein weitaus ungewöhnlicheres Krimiland schickt: Russland. Der Wechsel vom beschaulichen, aber sehr verregneten Italien ins finster verschneite Russland ist einer der sehr atmosphärischen Aspekte im vorliegenden Sammelband, der die Trilogie über den Privatdetektiven Nero vereinigt. Neros Problem: Er findet immer besseren Zugang zu der Bestie, die er verfolgt. Mosaikartig setzt er Hinweis auf Hinweis zusammen und kommt so dem Mörder immer näher. Bis er ihn findet und die erste Geschichte mit einem gemeinen Cliffhanger endet. In dieser Erscheinungsform mag der Leser diese Erzähltechnik verzeihen.

Der geschilderte Mörder ist nicht so ungewöhnlich wie ein Hannibal Lector, die Umstände indes sind es schon. Nero ermittelt weitgehend allein (bis auf einige kleinere Hilfestellungen) und bedient sich eines Buches, geschrieben von einem Kriminologen, dessen Theorien Nero ein gutes Stück weiter bringen: Archangelsk. So lautet der schon Unheil verkündende Titel der zweiten Episode. In Nero ist es düster geworden. Die Bilder sind ein Ausdruck dieser psychischen Fehlentwicklung. War der Fall im ersten Teil ein Fall, so wird er im zweiten Teil zur Besessenheit.

Crippa legt viel Wert auf seine Figur, deren charakterlichen und seelischen Absturz der Leser nur gebannt verfolgen kann. Andrea Mutti zeichnet einen Nero zeichnet einen jüngeren Mann, der sich mittels eines Kinnbarts älter macht. Nero ist ein Ermittler, der raucht, trinkt und auf seine Kleidung nicht viel wert legt. Doch im ersten Teil wirkt er noch schlank und frisch, während er im zweiten Teil zusehends verfällt, nicht wortwörtlich natürlich. Der cremige Farbstrich von Angelo Bussacchini gibt Muttis Bildern (ich wollte es eigentlich nicht schreiben) einen fotorealistischen Effekt, als habe Mutti gestellte Fotos nachgezeichnet. Dieser Blick, möglichst echt, sorgt auch dafür, dass die Atmosphäre dichter, die Handlung noch packender ist.

Copy-Killer: Es gibt Fachbegriffe für Zustände, die sich dem Normalsterblichen entziehen. Ein Copy-Killer, ein Nachahmer von Mördern, indem er die Untaten kopiert, ist der nächste Gegner von Nero. Venedig als Schauplatz strahlt zunächst Wärme aus, bevor Nero das Szenario betritt und das Unwetter folgt. Nero ist mittendrin, aber längst nicht obenauf. Er ist zu einem Ermittler geworden, der durch seine Arbeit am Leben erhalten wird. Selbst Resignation scheint ihm noch zu viel zu sein. Das Team, Crippa, Mutti und Bussacchini, beendet seine Arbeit leider nach dem dritten Teil an Nero, der sich hier mit derart viel Tiefe etabliert hat, dass weitere Geschichten wünschenswert wären.

Ein gelungener Krimiband, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Abseits der bekannten italienischen Ermittler aus Roman und Fernsehen ist dieser unkonventionelle Ermittler mehr amerikanisch als italienisch, mehr düster als romantisch. Mit Gespür für intensive Szenen erzählt und stark illustriert. 🙂

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ODIN 1

Filed under: Mystery — Michael um 15:20

ODIN 1Ymirs Tod ist der wahre Anfang. Und das Ende. Denn aus der Ermordung des Riesen erwächst nicht nur eine Welt. Dieser Beginn steht auch für den Größenwahn der Mörder. Odin, der später sich den Nornen anvertraut und geweissagt bekommt, welches Schicksal ihn im Gegenzug erwartet, bricht fast unter der Last dieser Prophezeiung zusammen. Von nun an gilt es, Krieger um sich herum zu versammeln. Nur die besten Kämpfer sollen es sein, gefunden auf den Schlachtfeldern von seinen eigens dafür ausgeschickten Töchtern. Wenn das Ende kommt, soll es nicht kampflos hingenommen werden. Die Götter werden sich verabschieden, wie sie kamen: Mit Mord und Totschlag.

Nicolas Jarry liebt den germanischen Götterreigen. Daran besteht keinerlei Zweifel. Mit ODIN begibt er sich an eine weitere Darstellung der Geschichte der nordischen Götter (wie bereits mit Götterdämmerung), ist hier jedoch einerseits knapper, andererseits stärker konzentriert auf den Göttervater, der doch in seinem Gebaren allzu menschlich ist.

Alles begann mit drei Brüdern. Odin war nicht einmal der älteste von ihnen. Hönir und Lodur hießen die anderen. Die drei Götter bilden den Ausgangspunkt einer tragischen Geschichte. Hochmut kommt vor dem Fall könnte die Überschrift dieses göttlichen Dramas lauten. Sie schaffen die Welt, doch gibt es niemanden, der sie für ihre Taten und ihre Macht verehrt. Die folgende Geschichte, nicht von Nicolas Jarry erfunden, aber sehr gut nacherzählt, zeichnet zwar einen Aufstieg nach, doch selbst Odin entdeckt darin die ersten Anzeichen eines die Welten erschütternden Untergangs.

Durch die Bilder von Erwan Seure-Le Bihan entsteht aus einem einem altbekannten Epos eine theatralische Apokalypse, die von einer gedanklichen opernhaften Musik untermalt zu sein scheinen. Oder auch von Bombastrock. Erwan Seure-Le Bihan nimmt sich viel Platz für seine Bilder. Je nach Technik darf es eine ganze Seite sein, manchmal auch eine Doppelseite. Er wendet zur Darstellung die Szene, die Collage, aber auch die Buchillustration an, die so eher in alten Legenerzählungen, vielleicht sogar in der Bibel zu erwarten wären. Die einleitenden Seiten eines neuen Kapitels imitieren eine Originalseite, mit Frakturschrift und nachgeahmten Malgrund inklusive.

Das Ende steht am Anfang. Der Leser begegnet Odin, als dieser bereits auf ein langes und wenig schönes Götterleben zurückblicken kann. So mächtig es war, so tragisch war es auch. Mitleid kann der Leser für diesen Gott nicht empfinden, herrschsüchtig wie er ist, bei allen begangenen Fehlern. Dafür sind die Grafiken, die dieses Götterschicksal spiegeln, umso schöner, aufregender. Odin, der einmal gewahr wird, dass es eine noch höhere Macht geben mag, begegnet dem Unglaublichen in vielerlei Gestalt. Optisch reißt Erwan Seure-Le Bihan diese Abschnitte wie Blitzlichter heraus. In deckenden und durchscheinenden Farben, mit der jeweils erforderlichen Technik für den bestmöglichen Effekt, präsentiert der Künstler Ansichten, von denen man sich sofort mehr wünscht.

Vieles ist martialisch, auch märchenhaft: Die Erschaffung der Welt, Schwarzalben, Lichtalben, Dämonen, Loki, der Gang zum Schlachtfeld, Baldurs Tod. Letztere ist eine der besonders beeindruckenden Sequenzen, gefolgt vielleicht von Odins Erkenntnis, dass selbst er als Gott den Preis für seine Taten zahlen wird. Bihan spielt mit Licht und Farben. Herausragend sind jene Seiten, in den sich rote und blaue Malerei treffen, am besten ganzseitig. Hier finden sich eher Gemälde als Comic-Bilder.

Die Bösen: Faszinierend. Loki ist zu einem genialeren Charakter geworden, als er es ohnehin in der Sage ist, ein Zerstörer zwar, aber auch der alleinige Anstifter zur Verdammnis, während die Guten viele sind und uneins. Die Nornen, eine eher außergöttliche Macht, sorgen für unheimliche Augenblicke.

Die nordischen Götter einmal anders: Angelegt auf zwei Bände zeigt sich bereits im ersten Teil das Zeug zum Klassiker. Mag die Geschichte auch sattsam bekannt sein, sind die Bilder aufwendig gestaltet, von einem Künstler, der das Gespür für besonders dramatische Einzelbilder besitzt und einer phantastischen Technik, um diese umzusetzen. 🙂

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SILLAGE 12 – Die Freizone

Filed under: SciFi — Michael um 12:03

SILLAGE 12 - Die FreizoneUm ein vortrefflicher Attentäter zu sein, ist die Kenntnis von Örtlichkeiten eine Notwendigkeit. Viel wichtiger ist es jedoch, die Schwachstellen des Gegners zu kennen. Nävis, die den Attentäter aufhalten soll, ist eine Expertin, wenn es darum geht, Schwachstellen bei ihren Feinden zu finden. Sie beeilt sich, den Standort des Attentäters zu erreichen. Ihre Verfolger, wahrlich nicht unbedarft in ihrem Gewerbe, tun sich schwer, auch nur einen Treffer bei ihr zu landen. Doch bei aller Mühe, die sie sich gibt: Am Ende muss doch Plan B herhalten.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Als Teil einer Formel vor Gericht mag diese Ankündigung von dem einen oder anderen etwas lasch gehandhabt werden. Auf dem Planeten Absoluta jedoch ist diese Formel kein leeres Gerede. Hier wird Wahrheit gesprochen. Ob man will oder nicht. Jean David Morvan schickt Nävis, die Agentin der Konstituante, in eine Welt, die für jemanden, der sich tarnt, täuscht und natürlich auch für seinen Auftrag lügen muss, ein recht unbequemer Ort ist.

Jean David Morvan legt die Handlung in drei Abschnitten an. Am Anfang steht eine Jagd, von dort geht es in ein Kloster und am Ende steht die Flucht. Doch hinter dieser Oberfläche findet noch etwas anderes statt. Morvan vergisst bisherige Geschehnisse nicht, flechtet weitere Informationen zum Fortgang der Reihe ein. Für Neueinsteiger in die Serie ist es schwierig, über diesen Teil hinweg zu lesen. Nävis, die Heldin der Serie (Titelbild des Bandes: die Figur in der Mitte), ist stets ein sehr starrsinniger Charakter gewesen. Ihre Auffassung von Gerechtigkeit, auch Recht, von Freiheit und Freundschaft haben sie mehr als einmal anecken lassen. Wer sie hier zum ersten Mal kennenlernt, wird nicht auf einen besonders zugänglichen Comic-Charakter stoßen.

Aber: Das ist auch das Schöne an der Serie. Morvan lässt seine Comic-Heldin leben. Bei Nävis (selbst wer die Reihe nicht verfolgt hat, kann das anhand der Handlung erahnen) hat sich eine ordentliche Portion Verbitterung angesammelt. Der Starrsinn wurde hierdurch noch vertieft. Die Beschreibung mag ein Bild eines eigensinnigen Kindes vermitteln, aber Nävis ist darüber hinaus eine Agentin und eine sehr fähige dazu. Nur ihre Professionalität hält sie aufrecht, so mag es in mancher erklärenden Szene wirken.

Die gute Charakterzeichnung Morvans ist eines, die stilistisch sehr saubere, klare und mit Hang zum Perfektionismus umgesetzte Grafik von Philippe Buchet ist der andere Garant für die Vorzüglichkeit dieser Space Opera. Ist Nävis mit hoher Korrektheit menschlicher Anatomie gezeichnet worden, sind es besonders die Außerirdischen, die einen hohen Reiz von SILLAGE ausmachen. Abgesehen davon, dass Nävis sowieso der einzige Mensch in dieser Serie ist, gibt sich Buchet bei den fremden Wesen ganz besondere Mühe. Im Kloster (ich nenne es so, ohne zu viel verraten zu wollen) haben sich viele unterschiedliche Exemplare versammelt, die durch ihre Gestaltung ein weiteres Leben-Element der Reihe sind.

Klare Gestaltung bis in den kleinsten Knopf und die Gürtelschnalle. Buchet zeichnet einen Comic, das steht außer Frage und die Gestaltung versucht auch nicht, diesen Umstand zu übertünchen. Aber Buchet ist dennoch höchst realistisch. Wenn er es zeichnet, dann soll es auch so aussehen, als könne es funktionieren. Wer von anderen Sternenepen her ein gebraucht ausschauendes Universum gewöhnt ist und diese Form der Space Opera mag, liegt hier mit der Optik goldrichtig.

Ein faszinierendes SciFi-Universum: Nävis kann als vielschichtiger Seriencharakter weiterhin überzeugen. Die Grafiken von Philippe Buchet dürften jedem Fan von Space Operas durch ihre frische, genaue und farblich stimmige Umsetzung Spaß bereiten. Top. 🙂

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