Freitag, 09. September 2011
Das Klima verändert sich. Die Welt stirbt. Nur eine Hoffnung gibt es: Die gläsernen Schwerter. Diese ungewöhnlichen Waffen gingen einst an verschiedenen Orten, weit voneinander entfernt, nieder. Niemand hätte damals ahnen können, dass in ihnen der Schlüssel zur Rettung verborgen liegt. Denn zuerst waren sie nur ein weiterer Zankapfel. Ein gläsernes Schwert, eingerammt in einen Felsen, weckt Begehrlichkeiten. Es wird ein Tag, den die junge Yama niemals vergessen wird. Plötzlich ist alles anders. Yama flieht in die Wälder, weit fort von zu Hause und hat doch noch ein wenig Glück.
Ein Duo, Sylviane Corgiat (Autorin) und Laura Zuccheri (Künstlerin), kreiert eine wunderschön gestaltete Welt mit einer klassischen Erzählung über einen langsam reifenden Rachewunsch. Ein Kind wird seines Zuhauses beraubt. Sie, Yama, kennt den Feind, ist aber viel zu jung und zu unerfahren, um ihre Rache auszuleben. An dieser Stelle kommt ein Freund, ein Lehrer, ein Ersatzvater namens Miklos ins Spiel.
Ich werde groß und stark, ich trainiere und werde die beste Kriegerin der Welt. So spricht das junge Ding und löst bei dem Einsiedler, der sie aufnimmt, erst einmal Belustigung aus. Sylviane Corgiat setzt an dieser Stelle Humor, Mitleid und eine liebevolle Aufnahme ein. Denn so ganz allein ist der Einsiedler doch nicht. Zwei kleine Gnome und Haustiere stehen ihm zur Seite. Das Verhältnis der beiden, das des ehemaligen Kriegers und der angehenden Kriegerin, wird enger und mündet völlig natürlich in ein Vater-Tochter-Bündnis und eine tiefe Freundschaft. Und je inniger die Beziehung der beiden doch recht verschiedenen Menschen wird, um so mehr stirbt die Welt.
Es ist eine einfache Geschichte, deren Erzählung Sylviane Corgiat hier an den Anfang einer fünfteiligen Reihe stellt. Die Faszination erwächst aus der Umgebung, die kleinen und größeren Andersartigkeiten, die Laura Zuccheri mit einer liebevollen Perfektion zu Papier bringt, die im weiten Feld der Comic-Landschaft dennoch ein Seltenheit ist. Sind die Menschen etwas glatter koloriert, etwas überzeichnet manchmal, so ist die Darstellung der Natur in manchen Bildern knapp am Gemälde oder sogar Photorealismus. Sie kann selbstverständlich nicht die Qualität des Titelbildes auf die Albenlänge ausdehnen, doch erreicht sie diese fast.
Durch die unterschiedliche Ausarbeitung von Charakteren und Hintergründen entsteht auch ein filmischer Effekt, wie er Zeichentrickproduktionen zu finden ist. Aber Zuccheri bildet ihre Hintergründe mit großer Natürlichkeit ab und sie erreicht diesen Effekt auch bei den Tieren, die ein Thema für sich sind.
Kleine Augen, große Nasen: Obwohl manche der gezeigten Tiere, sanftere und auch gefährliche, sehr groß sind, haftet ihnen doch eine gewisse Putzigkeit an. Ein Raubtier, im Kampf mit Miklos, erinnert an eine Mischung aus Affe, Katze und Waschbär. Teilweise bis ins kleinste Barthaar ausgeführt, könnte dieses (und auch weitere) Tier durchaus ein Abbild einer lebendigen Ausführung sein. Ein pralle, ungemein farbig kräftige Kolorierung taucht die Szenen in ein plastisches und weiches Licht. So ergibt sich eine schlicht schöne und, je nach Sequenz, auch romantische Optik. Diese kann aber auch in Trostlosigkeit umschlagen, denn die Natur gibt langsam auf und der Verfall ist hier ein wichtiger Bestandteil der Geschichte.
Ist Miklos eher der Thor-Typ, nordisch, heldenhaft, so hat Zuccheri Yamas Vater als eine realistische Version von Umpah-Pah angelegt, der auch recht gut in die äußerlich griechisch-indianische Kultur passt, der Yama entstammt. Diese kleine Hommage (die kaum zufällig sein kann) passt perfekt in eine Umgebung, die mit verschiedenen, nicht immer gleich offensichtlichen Anleihen spielt.
Ein traumhafter Einstand für Laura Zuccheri, die hier ihre erste Comic-Serie startet. Künstlerisch anspruchsvolle und aufwendige Bilder schaffen eine Fantasy-Welt, die großes Kino im Albenformat ist. Die liebevolle Erzählung von Sylviane Corgiat lässt nichts vermissen, was das Herz eines Fantasy-Fans begehrt. 🙂
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Donnerstag, 08. September 2011
Auf der Erde, in früheren Tagen, als die Welt noch nicht unter der Umweltverschmutzung erdrückt wurde, wurde man angehalten, um Nester einen Bogen zu machen. Auf Antares sollte diese Regel auch gelten, ganz besonders wenn das einzelne Ei in diesem Nest, auf der Spitze eines Baumes, die Größe eines Kleinbusses besitzt. Aber Neugier, Faszination, auch kindliche Begeisterung über derlei Entdeckungen können unvorsichtig werden lassen. Als entsprechende Gedanken zur Vorsicht mahnen und die Gruppe bereits den Entschluss gefasst hat, weiter zu fahren, ist es beinahe schon zu spät. Das Muttertier, nicht zu Unrecht besorgt um den Nachwuchs, greift an!
Sehr rätselhaft, mit ungewöhnlichen Wendungen, nimmt der dritte Teil von Antares seinen Lauf. Nachdem die Gruppe der Siedler zwangsweise getrennt wurde und erst einmal wieder zueinander finden muss (was über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern ohne die erforderlichen Beförderungsmittel schwierig ist), ergeben sich Situationen, die nicht einmal die Scouts, die bisher den Planeten erkundet haben, vorhersehen konnten. Leo, Autor und Zeichner dieses mehrteiligen Abenteuers, taucht nun tief in die Fauna und Flora des fremden Planeten ein. Die Geschwindigkeit der Erzählung nimmt deutlich zu, die Facetten werden vielfältiger.
So ungern Kim Keller, die Hauptfigur der Reihe (genauer: aller drei Zyklen), den Auftrag auch angenommen hat, so ungern sie sich auch wieder einer Expedition unterordnete, so ist sie doch, einmal angekommen, wieder in ihrem Element. Hier ist eine greifbare Aufgabe, in freier, wenn auch fremder Natur. Hier führt ein Schritt vor den anderen zu einem Ziel. Kim Keller ist eine Frau der Tat, nicht des Wartens. Leo beschreibt sie einmal mehr als Frau, die so emanzipiert, natürlich und modern wie sie ist, immer noch anecken kann und selbst Frauen, die sich in den Hierarchien nach oben gearbeitet haben, erstaunen kann.
Aber die gesellschaftliche Struktur der Menschen wird im dritten Teil zur Nebensache. Es ist ein Erbe, dessen Bedeutung angesichts realer Bedrohungen schwindet. Selbst kleine Vertrauensbrüche werden verzeihbar. Es ist für einen Science-Fiction-Comic ungewöhnlich, mit welcher Leichtigkeit Leo Szenen zum Thema Menschlichkeit schafft und wie sehr es ihm gelingt, die Balance zwischen Text und Bild zu finden. Und in den richtigen Momenten auch zu schweigen und einfach die Bilder wirken zu lassen.
Keine Experimente: Leos Bilder wie auch der Seitenaufbau sind klar strukturiert. Die Bilder sind eckig, es werden keine neuen Mischformen gefunden. Es können elf Bilder auf einer Seite sein oder auch nur vier. Schöner ist es allerdings, wenn Leo den zur Verfügung stehenden Raum nutzt und die Bildsprache sehr szenisch, cineastisch ist. Die eingangs geschilderte Szene, Teil einer längeren Sequenz, ist ein Beispiel für eine solch gelungene optische Entführung in eine fremde Welt. Dabei ist das erst der Anfang. Ähnlich wie Leo es schon zuvor praktizierte (auch dort verwendete er einmal ein Flussfahrt), entdeckt der Leser auch hier zusammen mit den Kolonisten diese Welt und erlebt die eine oder andere Überraschung, die sich von bisherigen Ereignissen abhebt.
Mit dünnen Außenlinien und zart, durchscheinend aufgetragenen Aquarellfarben kreiert Leo eine sonnendurchflutete Welt, auf Realismus bedacht. Doch aus der Fassade bricht er mit Kreaturen hervor, die zuweilen kurios wirken, aber auch zur Echtheit des Szenarios beitragen. In seiner Gesamtheit, bis zu diesem Punkt der Erzählung der drei Zyklen, ergibt sich bereits ein grandioses Werk.
Dramatisch: Die Geschichte um die Geschehnisse auf Antares erreichen nicht nur einen vorläufigen Höhepunkt, sondern auch einen Wendepunkt, den der Leser schon durch Band 2 befürchten konnte. Allerdings war die Konsequenz nicht vorherzusehen. Phantastisch, im wahrsten Sinne des Wortes. 🙂
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Mittwoch, 07. September 2011
Teenager können, wenn sie wollen, manchmal ganz schönen Ärger bereiten. Aus Langeweile, Nachlässigkeit auch. Einfach weil sie Teenager sind. Doch das Foto von Kim Kellers Tochter, das auf dem Raumschiff seine Runde macht, geht eine Spur zu weit. Das ist bösartig. Aber Kim Keller hat andere Probleme als die aufsässige und über die Maßen neugierige Lorna. Ihre Mission, zu der sie sich bereit erklärte, droht bereits in den ersten Tagen viel schwieriger zu werden, als angenommen. Nicht nur der neue Planet birgt Gefahren, auch die Begleitung erweist sich als wenig kooperativ. Kim Keller muss sich fragen, warum sie überhaupt für diese Mission ausgewählt wurde.
Eine Raumfahrt, die ist nicht lustig. Sie bedeutet Enge, Streß, Ärger. Die Menschen, die sich aufgemacht haben, den neuen Planeten zu erobern, um ihr ganz persönliches Paradies zu gründen, haben eine besondere Sorte von Passagieren unter sich: Religiöse Fanatiker. Leo (Luiz Eduardo de Oliveira), Autor und Zeichner der Science-Fiction-Zyklen um Kim Keller, leitet die zweite Episode des dritten Zyklus mit dem Titel Antares sehr praktisch ein. Das Leben an Bord eines Raumschiffs auf seiner Reise zwischen Sternen nimmt seinen Fortgang, aber es ist selbstverständlich auch ein Belastungstest und längst nicht alle sind dieser Belastung gewachsen. Am Boden, ganz gleich auf welchem Planeten, mag sich jeder, so gut es geht, aus dem Weg gehen. In den engen Schiffsgängen, auf den Wegen zur Schiffsmesse oder den Hygieneeinrichtungen ist das unmöglich.
Kim Keller, die sich nicht nur bemüht, ein Geheimnis zu bewahren, steht alsbald inmitten eines Streits um Moral und Denkweisen. Ihre lockere Art sich zu kleiden, für moderne Frauen eigentlich nicht ungewöhnlich, stößt bei der religiösen Vereinigung, deren Mitglieder sich mit an Bord befinden, auf kein Verständnis. Da diese Glaubensrichtung nicht nur für keinerlei Freizügigkeit bekannt ist, sondern auch noch eines ihrer Mitglieder der Hauptfinanzier der Expedition ist, geraten Kim und ihre Freundinnen schnell in Schwierigkeiten. Leo zeichnet eine Zukunft, in der sich die Menschen in neue Ideen flüchten, gemischt mit Althergebrachtem, auch Altbackenem, Vergangenem, wo ihrer Ansicht nach weniger Verrohung herrschte. Wie verroht sie dennoch sind, zeigt sich anhand einer brutalen Attacke.
Unterkommandantin Scott versucht in diesen Wirren die Kontrolle zu behalten und für Ordnung zu sorgen. Allerdings wird klar, dass die Frau, die Abstand zu halten versucht, auch einer Unterforderung erliegt. Eine Kolonialisierung unter uneinigen Vorzeichen kann nur ein Desaster werden. Leo breitet den Dilettantismus der Kolonisten auch sehr süffisant vor dem Leser aus. Gott, so scheint es, ist nicht mit den Hochmütigen. Glaube ersetzt Wissen nicht. Als dann noch Katastrophen eintreten, die so nicht vorherzusehen waren, splittern sich die Kräfte der neuen Bewohner von Antares immer weiter auf.
Von den Sternen auf eine neue Welt. Leo bringt den Leser auf den fremden Planeten zurück. Nach den ersten Geheimnissen werden weitere offenbart, vornehmlich fremde Lebensformen, die der Zeichner sehr strukturiert inszeniert. Schnell entwirft er Gesetzmäßigkeiten, die einigen Charakteren bekannt vorkommen, anderen nicht. So werden mehr Katastrophen vorprogrammiert, absehbar für den Leser und jene Figuren, die bereits in den ersten beiden Zyklen mit dabei waren. Als Leser fiebert man mit muss erleben, wie Vorhersagen ein treffen. Zusätzlich arbeitet Leo zu einem sehr gemeinen Cliffhanger hin, der noch mehr ankündigt. Wer aber wissen möchte, in welcher Tragödie dieser Abschnitt der Geschichte mündet, muss sich bis zur nächsten Ausgabe gedulden.
Leo liebt die Natur. Als Zeichner hat er zwar bewiesen, dass er auf vielen Gebieten zu Hause ist, in der Historie (Trent) und auch in der Phantastik (Kenya), dass er mit Städten und Gerätschaften umzugehen versteht, doch die Entwürfe einer fremden Natur sind sein Ding, wie man so schön sagt. Allein das Titelbild, eine Art fliegender Rochen, zeugt von der Konsequenz und der Stilsicherheit seiner Arbeit. Hier finden sich keine Lebewesen mit Blubberhäuten oder andere Ideen, die sich in Space Operas finden. Wie in der realen Natur ist Leo mit seinen Konstruktionen weiterhin auf Einfachheit bedacht und bezieht auch ein System mit ein. Eine Kreatur existiert hier nicht einfach für sich oder wird irgendwo platziert. Bei Leo funktionieren die Tiere, auch die Vegetation auf eine bestimmte, nur nicht sofort erkennbare Weise (wie die Charaktere in dieser Ausgabe leidvoll feststellen müssen).
Science Fiction in Fortsetzung: Leo hat perfektioniert mit ANTARES seine Erzählweise und bereitet Wendungen von langer Hand vor. Auf Schlüssigkeit bedacht, die Spannung nicht vernachlässigend, setzt er hier weitere Ereignisse in Gang, die bereits jetzt hoffen lassen, dass ANTARES nicht der letzte Zyklus um die Hauptfigur Kim Keller gewesen ist. 🙂
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Link: www.mondes-aldebaran.com (Die offizielle französische Seite, sehr stimmungsvoll umgesetzt.)
Dienstag, 06. September 2011
Die Herde grast friedlich auf einer großen Weide. Feindliche Tiere, Räuber, die es zwar auf Antares gibt, sind nicht in Sicht. Die drei Pioniere, zwei Männer und eine Frau, die von ihrem Fluggerät aus die Herde bestaunen, werden plötzlich Zeuge eines unglaublichen Phänomens. Eines der Tiere verschwindet, löst sich langsam von außen nach innen in Luft auf. Barg der Planet bisher auch seine Gefahren, stellten diese bislang aber nicht den Erfolg der Mission in Frage. Dieses Ereignis könnte eine Kolonisierung dieses Planeten unmöglich machen. Mit einem Mal stehen die drei Scouts vor der Frage, ob sie darüber Meldung zur Erde machen oder nicht.
Die Abenteuer mit der zentralen Figur Kim Keller gehen weiter: Nach den Science-Fiction-Zyklen Aldebaran und Betelgeuze folgt nun ein Mehrteiler über die Kolonisierung eines weiteren Planeten. Antares bietet für die Menschen erdähnliche Zustände, ist aber wie bei den beiden vorhergehenden Kolonisierungsprojekten eine lebensfeindliche Umgebung. Die Überraschung darüber ist eigentlich unnötig, die Formen der Gefahren überraschen weitaus mehr.
Der Leser erlebt den neuen Planeten zunächst an der Seite dreier Kamikaze, Scouts, die eine Erkundung der neuen Welt vornehmen sollen. Die Welt wirkt fast normal, gäbe es nicht einige Ungewöhnlichkeiten in der Vegetation wie auch in der Tierwelt. Leo, im dritten Zyklus um die Hauptfigur Kim Keller weiterhin als Autor und Zeichner tätig, verfolgt das Konzept der abgerundeten, einfachen Formen weiter. Manchmal wirken die Tiere wie Weiterentwicklungen und Vereinfachungen bekannter Tiere unserer wirklichen Welt. Gemessen an den bekannten Lebewesen entwirft Leo meist Tiere, die möglich wären.
Die gemeinsame Entdeckung dieser neuen Welt, Antares, ist ein Faktor, der den Reiz aller bisherigen Erscheinungen der drei Zyklen ausmacht. Die ruhige und langfristig angelegte Erzählweise lüftet stetig den Vorhang vor einer Zukunft, die die unsere sein könnte. Sie ist nicht sehr optimistisch, aber sie ist auch weit von der allseits beliebten arg pessimistischen, meist postakpokalyptischen Zukunftssicht in Roman und Film (oder in mancher Vorhersage) entfernt. Der Erde geht es nicht gut. Umweltverschmutzung hat ihr stark zugesetzt. Der Mensch hat den Aufbruch ins All gewagt. Einmal ist es ihm bereits gelungen, einen neuen Planeten zu kolonisieren. Doch daheim auf dem Planeten Erde, wo, wie Leo eindrucksvoll in Szene setzt, nur noch ein einziger Schimpanse weltweit in einem Zoo seine letzten Tage verbringt, genügt das nicht.
Alles hat seinen Preis: Kim Keller ist nicht die strahlende Heldin, die durch die Handlung huscht, als sei es ein unbeschwertes Leben und Abenteuer. Leo lässt seine Heldin für alles bezahlen. So muss sie in der Auftaktgeschichte des dritten Zyklus auch einen Handel eingehen. Einerseits gilt es alte Freunde aus dem Gefängnis zu holen, andererseits will die Heimreise nach Aldebaran, ihrem Geburtsplaneten, auch verdient sein. So erklärt sie sich bereit, nach Antares zu reisen, wo bereits das nächste Rätsel wartet. Waren es in den ersten beiden Zyklen zwei außerirdische Intelligenzen, sehr mächtig, mit unterschiedlicher Bereitschaft, der Menschheit zu vertrauen, trifft die Menschheit nun auf einen Unbekannten, der offensichtlich auch erforscht.
Leo vermag das Unbekannte wie Nadelstiche zu setzen, unbequem für die Protagonisten, faszinierend für den Leser. Wer bisher den Abenteuern von Kim Keller gefolgt ist, wird die Entwicklung dieses Charakters und ihrer Freunde mit der gleichen Spannung lesen wie ich. Wer die ersten beiden Zyklen verpasst hat, wird den Einstieg nicht unmöglich finden, aber er hat doch wichtige Aspekte verpasst. Erläuterungen im Vorspann und Abspann schließen etwaige Wissenslücken ein wenig.
Eine sehr schlüssige Science-Fiction-Geschichte, intensiv und stetig erzählt, faszinierend durch die Dichte der Handlung und des Zukunftsentwurfs, spannend durch immer neue Einfälle. Mit leichter Hand sehr exakt gezeichnet. Auch der dritte Zyklus beginnt auf dem gleichen hohen Niveau der bisherigen Abenteuer. 🙂
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Mittwoch, 31. August 2011
Ein Wort zuviel: Mit einem Wort unterschreibt der Mann sein Todesurteil. Eigentlich suchte er nur eine helfende Hand, mehr nicht. Der Tod ist die Endstation und wird zur Herausforderung an Giuliano Nero, der dem Täter dadurch sehr viel näher kommt. Bis zu diesem Fall trieb Nero dahin. Er hatte nichts zu tun. Er hatte keine Familie, keine Frau an seiner Seite. Sein Leben war leer. Aufregung versprach auch dieser neue Fall nicht, aber wenigstens Einnahmen. Und so machte sich Nero an die Arbeit, versiert, nicht ungeschickt, neugierig, auch hartnäckig. Und tatsächlich: Bald entstehen neue Spuren, die nicht existieren dürften, hätte die Polizei wirklich den richtigen Mörder gefasst.
Wie tief sollte ein Ermittler in die Psyche eines Serienmörders blicken? Wann beugt er sich zu sehr über den Abgrund und fällt selbst hinein? Der von Alex Crippa erschaffene Ermittler Giuliano Nero ist auf der Spur eines Mannes, der eine seltsame Obsession zur Vermeidung von Trauer entwickelt hat. Es besteht keine Beziehung zwischen den Mordopfern. Gemeinsamkeiten sind keinerlei zu entdecken. Nur im Tod weisen sie eine Ähnlichkeit auf. Nachdem der Mörder sie getötet hat, wird die entstandene Wunde fein säuberlich vernäht.
Nero beschäftigt sich als Detektiv zunächst mit einem Fall, der für die Polizei gar keiner mehr ist, denn die hat bereits einen Verdächtigen festgenommen und ist von dessen Schuld überzeugt. Der Leser hingegen weiß bereits von der ersten Seite an, dass die Polizei auf dem sprichwörtlichen Holzweg tappt, da er dem Ermittler Nero nach zwei Seite in der Gegenwart nun in der Vergangenheit folgt. Italien hat sich als Krimiland auch bei uns etabliert, doch sind dort ausgewählte Schauplätze im Comic eher selten anzutreffen.
Alex Crippa schließt diese Lücke eine Geschichte lang (Das fünfte Opfer), bevor er Nero in ein weitaus ungewöhnlicheres Krimiland schickt: Russland. Der Wechsel vom beschaulichen, aber sehr verregneten Italien ins finster verschneite Russland ist einer der sehr atmosphärischen Aspekte im vorliegenden Sammelband, der die Trilogie über den Privatdetektiven Nero vereinigt. Neros Problem: Er findet immer besseren Zugang zu der Bestie, die er verfolgt. Mosaikartig setzt er Hinweis auf Hinweis zusammen und kommt so dem Mörder immer näher. Bis er ihn findet und die erste Geschichte mit einem gemeinen Cliffhanger endet. In dieser Erscheinungsform mag der Leser diese Erzähltechnik verzeihen.
Der geschilderte Mörder ist nicht so ungewöhnlich wie ein Hannibal Lector, die Umstände indes sind es schon. Nero ermittelt weitgehend allein (bis auf einige kleinere Hilfestellungen) und bedient sich eines Buches, geschrieben von einem Kriminologen, dessen Theorien Nero ein gutes Stück weiter bringen: Archangelsk. So lautet der schon Unheil verkündende Titel der zweiten Episode. In Nero ist es düster geworden. Die Bilder sind ein Ausdruck dieser psychischen Fehlentwicklung. War der Fall im ersten Teil ein Fall, so wird er im zweiten Teil zur Besessenheit.
Crippa legt viel Wert auf seine Figur, deren charakterlichen und seelischen Absturz der Leser nur gebannt verfolgen kann. Andrea Mutti zeichnet einen Nero zeichnet einen jüngeren Mann, der sich mittels eines Kinnbarts älter macht. Nero ist ein Ermittler, der raucht, trinkt und auf seine Kleidung nicht viel wert legt. Doch im ersten Teil wirkt er noch schlank und frisch, während er im zweiten Teil zusehends verfällt, nicht wortwörtlich natürlich. Der cremige Farbstrich von Angelo Bussacchini gibt Muttis Bildern (ich wollte es eigentlich nicht schreiben) einen fotorealistischen Effekt, als habe Mutti gestellte Fotos nachgezeichnet. Dieser Blick, möglichst echt, sorgt auch dafür, dass die Atmosphäre dichter, die Handlung noch packender ist.
Copy-Killer: Es gibt Fachbegriffe für Zustände, die sich dem Normalsterblichen entziehen. Ein Copy-Killer, ein Nachahmer von Mördern, indem er die Untaten kopiert, ist der nächste Gegner von Nero. Venedig als Schauplatz strahlt zunächst Wärme aus, bevor Nero das Szenario betritt und das Unwetter folgt. Nero ist mittendrin, aber längst nicht obenauf. Er ist zu einem Ermittler geworden, der durch seine Arbeit am Leben erhalten wird. Selbst Resignation scheint ihm noch zu viel zu sein. Das Team, Crippa, Mutti und Bussacchini, beendet seine Arbeit leider nach dem dritten Teil an Nero, der sich hier mit derart viel Tiefe etabliert hat, dass weitere Geschichten wünschenswert wären.
Ein gelungener Krimiband, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Abseits der bekannten italienischen Ermittler aus Roman und Fernsehen ist dieser unkonventionelle Ermittler mehr amerikanisch als italienisch, mehr düster als romantisch. Mit Gespür für intensive Szenen erzählt und stark illustriert. 🙂
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Ymirs Tod ist der wahre Anfang. Und das Ende. Denn aus der Ermordung des Riesen erwächst nicht nur eine Welt. Dieser Beginn steht auch für den Größenwahn der Mörder. Odin, der später sich den Nornen anvertraut und geweissagt bekommt, welches Schicksal ihn im Gegenzug erwartet, bricht fast unter der Last dieser Prophezeiung zusammen. Von nun an gilt es, Krieger um sich herum zu versammeln. Nur die besten Kämpfer sollen es sein, gefunden auf den Schlachtfeldern von seinen eigens dafür ausgeschickten Töchtern. Wenn das Ende kommt, soll es nicht kampflos hingenommen werden. Die Götter werden sich verabschieden, wie sie kamen: Mit Mord und Totschlag.
Nicolas Jarry liebt den germanischen Götterreigen. Daran besteht keinerlei Zweifel. Mit ODIN begibt er sich an eine weitere Darstellung der Geschichte der nordischen Götter (wie bereits mit Götterdämmerung), ist hier jedoch einerseits knapper, andererseits stärker konzentriert auf den Göttervater, der doch in seinem Gebaren allzu menschlich ist.
Alles begann mit drei Brüdern. Odin war nicht einmal der älteste von ihnen. Hönir und Lodur hießen die anderen. Die drei Götter bilden den Ausgangspunkt einer tragischen Geschichte. Hochmut kommt vor dem Fall könnte die Überschrift dieses göttlichen Dramas lauten. Sie schaffen die Welt, doch gibt es niemanden, der sie für ihre Taten und ihre Macht verehrt. Die folgende Geschichte, nicht von Nicolas Jarry erfunden, aber sehr gut nacherzählt, zeichnet zwar einen Aufstieg nach, doch selbst Odin entdeckt darin die ersten Anzeichen eines die Welten erschütternden Untergangs.
Durch die Bilder von Erwan Seure-Le Bihan entsteht aus einem einem altbekannten Epos eine theatralische Apokalypse, die von einer gedanklichen opernhaften Musik untermalt zu sein scheinen. Oder auch von Bombastrock. Erwan Seure-Le Bihan nimmt sich viel Platz für seine Bilder. Je nach Technik darf es eine ganze Seite sein, manchmal auch eine Doppelseite. Er wendet zur Darstellung die Szene, die Collage, aber auch die Buchillustration an, die so eher in alten Legenerzählungen, vielleicht sogar in der Bibel zu erwarten wären. Die einleitenden Seiten eines neuen Kapitels imitieren eine Originalseite, mit Frakturschrift und nachgeahmten Malgrund inklusive.
Das Ende steht am Anfang. Der Leser begegnet Odin, als dieser bereits auf ein langes und wenig schönes Götterleben zurückblicken kann. So mächtig es war, so tragisch war es auch. Mitleid kann der Leser für diesen Gott nicht empfinden, herrschsüchtig wie er ist, bei allen begangenen Fehlern. Dafür sind die Grafiken, die dieses Götterschicksal spiegeln, umso schöner, aufregender. Odin, der einmal gewahr wird, dass es eine noch höhere Macht geben mag, begegnet dem Unglaublichen in vielerlei Gestalt. Optisch reißt Erwan Seure-Le Bihan diese Abschnitte wie Blitzlichter heraus. In deckenden und durchscheinenden Farben, mit der jeweils erforderlichen Technik für den bestmöglichen Effekt, präsentiert der Künstler Ansichten, von denen man sich sofort mehr wünscht.
Vieles ist martialisch, auch märchenhaft: Die Erschaffung der Welt, Schwarzalben, Lichtalben, Dämonen, Loki, der Gang zum Schlachtfeld, Baldurs Tod. Letztere ist eine der besonders beeindruckenden Sequenzen, gefolgt vielleicht von Odins Erkenntnis, dass selbst er als Gott den Preis für seine Taten zahlen wird. Bihan spielt mit Licht und Farben. Herausragend sind jene Seiten, in den sich rote und blaue Malerei treffen, am besten ganzseitig. Hier finden sich eher Gemälde als Comic-Bilder.
Die Bösen: Faszinierend. Loki ist zu einem genialeren Charakter geworden, als er es ohnehin in der Sage ist, ein Zerstörer zwar, aber auch der alleinige Anstifter zur Verdammnis, während die Guten viele sind und uneins. Die Nornen, eine eher außergöttliche Macht, sorgen für unheimliche Augenblicke.
Die nordischen Götter einmal anders: Angelegt auf zwei Bände zeigt sich bereits im ersten Teil das Zeug zum Klassiker. Mag die Geschichte auch sattsam bekannt sein, sind die Bilder aufwendig gestaltet, von einem Künstler, der das Gespür für besonders dramatische Einzelbilder besitzt und einer phantastischen Technik, um diese umzusetzen. 🙂
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Um ein vortrefflicher Attentäter zu sein, ist die Kenntnis von Örtlichkeiten eine Notwendigkeit. Viel wichtiger ist es jedoch, die Schwachstellen des Gegners zu kennen. Nävis, die den Attentäter aufhalten soll, ist eine Expertin, wenn es darum geht, Schwachstellen bei ihren Feinden zu finden. Sie beeilt sich, den Standort des Attentäters zu erreichen. Ihre Verfolger, wahrlich nicht unbedarft in ihrem Gewerbe, tun sich schwer, auch nur einen Treffer bei ihr zu landen. Doch bei aller Mühe, die sie sich gibt: Am Ende muss doch Plan B herhalten.
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Als Teil einer Formel vor Gericht mag diese Ankündigung von dem einen oder anderen etwas lasch gehandhabt werden. Auf dem Planeten Absoluta jedoch ist diese Formel kein leeres Gerede. Hier wird Wahrheit gesprochen. Ob man will oder nicht. Jean David Morvan schickt Nävis, die Agentin der Konstituante, in eine Welt, die für jemanden, der sich tarnt, täuscht und natürlich auch für seinen Auftrag lügen muss, ein recht unbequemer Ort ist.
Jean David Morvan legt die Handlung in drei Abschnitten an. Am Anfang steht eine Jagd, von dort geht es in ein Kloster und am Ende steht die Flucht. Doch hinter dieser Oberfläche findet noch etwas anderes statt. Morvan vergisst bisherige Geschehnisse nicht, flechtet weitere Informationen zum Fortgang der Reihe ein. Für Neueinsteiger in die Serie ist es schwierig, über diesen Teil hinweg zu lesen. Nävis, die Heldin der Serie (Titelbild des Bandes: die Figur in der Mitte), ist stets ein sehr starrsinniger Charakter gewesen. Ihre Auffassung von Gerechtigkeit, auch Recht, von Freiheit und Freundschaft haben sie mehr als einmal anecken lassen. Wer sie hier zum ersten Mal kennenlernt, wird nicht auf einen besonders zugänglichen Comic-Charakter stoßen.
Aber: Das ist auch das Schöne an der Serie. Morvan lässt seine Comic-Heldin leben. Bei Nävis (selbst wer die Reihe nicht verfolgt hat, kann das anhand der Handlung erahnen) hat sich eine ordentliche Portion Verbitterung angesammelt. Der Starrsinn wurde hierdurch noch vertieft. Die Beschreibung mag ein Bild eines eigensinnigen Kindes vermitteln, aber Nävis ist darüber hinaus eine Agentin und eine sehr fähige dazu. Nur ihre Professionalität hält sie aufrecht, so mag es in mancher erklärenden Szene wirken.
Die gute Charakterzeichnung Morvans ist eines, die stilistisch sehr saubere, klare und mit Hang zum Perfektionismus umgesetzte Grafik von Philippe Buchet ist der andere Garant für die Vorzüglichkeit dieser Space Opera. Ist Nävis mit hoher Korrektheit menschlicher Anatomie gezeichnet worden, sind es besonders die Außerirdischen, die einen hohen Reiz von SILLAGE ausmachen. Abgesehen davon, dass Nävis sowieso der einzige Mensch in dieser Serie ist, gibt sich Buchet bei den fremden Wesen ganz besondere Mühe. Im Kloster (ich nenne es so, ohne zu viel verraten zu wollen) haben sich viele unterschiedliche Exemplare versammelt, die durch ihre Gestaltung ein weiteres Leben-Element der Reihe sind.
Klare Gestaltung bis in den kleinsten Knopf und die Gürtelschnalle. Buchet zeichnet einen Comic, das steht außer Frage und die Gestaltung versucht auch nicht, diesen Umstand zu übertünchen. Aber Buchet ist dennoch höchst realistisch. Wenn er es zeichnet, dann soll es auch so aussehen, als könne es funktionieren. Wer von anderen Sternenepen her ein gebraucht ausschauendes Universum gewöhnt ist und diese Form der Space Opera mag, liegt hier mit der Optik goldrichtig.
Ein faszinierendes SciFi-Universum: Nävis kann als vielschichtiger Seriencharakter weiterhin überzeugen. Die Grafiken von Philippe Buchet dürften jedem Fan von Space Operas durch ihre frische, genaue und farblich stimmige Umsetzung Spaß bereiten. Top. 🙂
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Montag, 29. August 2011
Julius Publius Vindex: Römischer Heerführer, vor Arroganz triefend, rücksichtslos. Rom ist alles. Der Feind ist nichts. Gnade ist nur ein Wort. Diejenigen, die sich gegen die Besatzungsmacht auflehnten, sollen zur Strafe in den Bergwerken als Sklaven arbeiten. Doch jene, die das Schwert nicht gegen die römischen Soldaten erhoben, sollen eine andere Strafe erhalten. Jene, die sich Christen nennen, die den Krieg verweigerten, die den Tod nicht fürchten, weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben, sollen nun vortreten. Ihnen soll das Los im Bergwerk erspart bleiben. Dafür sollen sie sterben, gleich hier, gleich jetzt. Es sei denn, sie schwören ihrem Gott ab. Nur einer bleibt schließlich stehen und ist bereit, für seinen Glauben sein Leben zu geben.
Julius hat große Pläne, er und seine Freunde. Rom soll brennen. Neue Bauten sollen alte ersetzen. Das Volk wäre dagegen, aber das Volk soll auch nicht gefragt werden. So soll das Volk einen Sündenbock erhalten: Christen. Livia, die Tochter von Julius, ist von der Grausamkeit ihres Vaters erschüttert. Aber er macht ihr begreiflich, dass Rom, selbst er, nicht diese Größe erreicht hätten, wäre sein Volk nicht über Leichen emporgestiegen. Allerdings sind nicht alle bereit, diese Einstellung zu teilen. Bald erfährt Julius, was es bedeutet, in Rom als Verräter zu gelten.
Alix Alice und Xavier Dorison entführen in eine vergangene Epoche, die Hochzeit eines Weltreiches, wie es auf der Erde kein zweites gab. Mitten im Aufstieg einer Sekte namens Christen findet sich ein karrieresüchtiger General dort wieder, wo man nur durch den Tod die Freiheit erlangt. Die römischen Unterdrücker erhalten hier ein Gesicht in Form eines Mannes, dem kaum etwas wichtig ist außer ihm selbst, abgesehen vielleicht von seiner Tochter. Man muss der Figur des Julius Publius Videx zugute halten, dass sie konsequent ist. Selbst im Bergwerk, dort, wo andere sich zu Tode schuften, will er sich weder verbrüdern, noch aufgeben. Alice und Dorison kreieren einen Charakter, der wahrhaft abscheulich ist, bis auch dieser an einen Punkt gerät, der eine Veränderung herbeiführt. Aber das dauert.
Die Veränderung, man möchte sagen vom Saulus zum Paulus, erfolgt durch Schwäche, gegen die eigenen Prinzipien. Das erkennt Julius zu spät und zunächst ist er auch nicht bereit, die Schuld für diesen Fehler bei sich selbst zu suchen. Sein Widersacher, will man ihn so nennen, ein Christ, der jeglicher Versuchung trotzt, bleibt durch seine scheinbare Leidenschaftslosigkeit blass und ist am Ende doch der Stärkere der beiden. Das heißt: Beinahe. Denn schließlich erfolgt auch für diesen ein Wendepunkt.
Alice und Dorison erzählen mit aller Dramatik und setzen Wendepunkte erst, als es nicht mehr anders geht. Sie schildern das Römische Reich, bei allem Pomp, aller Kultur und militärischer Finesse, im beengten Raum des gewählten Handlungsortes Judäa als barbarischen Kraken, dem ein Menschenleben nichts gilt und der das hervorbrachte, was ihn schlussendlich fällte. Die Revolution beginnt im Kleinen, durch Menschen, die nur mit ihren Fäusten gegen schwer bewaffnete Soldaten anstürmen.
Robin Recht beherrscht Ausdruck und Haltung. Das ist das nötige Rüstzeug für die Darstellung des optisch schön ausgeführten Albums. Freunde feiner Ansichten römischer Architektur oder insgesamt optisch ansprechender Ausstattung werden eher enttäuscht sein. Das liegt aber nicht an Recht, der, sobald sich die Gelegenheit ergibt, sehr feine Ansichten auf das Papier zaubert. Denn das Stichwort lautet Gelegenheit und die ist nur selten gegeben. Der Haupthandlungsort, ein wüstengleiches Judäa, wie auch in der Folge das Bergwerksgefängnis, bieten nur karge Hintergründe. Doch Inszenierungsmöglichkeiten gibt es dennoch genug. Wolkenbrüche und Unwetter zur dramatischen Unterstreichung, das höllenartige Bergwerk, enge Wohnkammern, weite Gebirgslandschaften: Die Kulisse trägt das Szenario sehr gut, fast schon passend für ein Theaterstück.
Francois Lapierre gibt den skizzenartigen Grafiken Rechts Volumen und weiß durch starke Kontraste noch mehr zur Dramatik beizutragen.
Zurück ins Römische Weltreich: Rom fällt noch lange nicht zum Zeitpunkt dieser Handlung, doch das Fundament erhält ersten Risse. Alice und Dorison inszenieren einen der vielen Wendepunkte, grafisch schön umgesetzt, für Fans vom Rom-Geschichten oder historischen Stoffen sicherlich sehr interessant. 🙂
Das dritte Testament: Julius 1: Bei Amazon bestellen
Links: www.youtube.com/watch?v=fgfG3uQWmaQ (Robin Recht im Interview)
Sonntag, 28. August 2011
Die junge Frau, Eva, ist allein im Dschungel. Wie sie von hier wieder zurückfindet, weiß sie nicht. Die Verletzung schmerzt und könnte sich entzünden. Moment! Vollkommen allein ist sie nicht. Die Orang-Utans um sie herum machen die junge Frau nervös. Die Affen halten sich zurück, sind friedlich und sie sind sogar mehr als das: Sie wollen helfen. Dieser Umstand wird von Eva jedoch völlig missverstanden. Sie scheucht die Tiere fort, um sich ihren Weg selbst zu suchen. Aber die Orang-Utans geben nicht auf. Bald sind sie wieder da und sie haben ihre eigene Methode, um Zuneigung bei der jungen Frau zu wecken.
Richard Marazano erzählt gegen den Strich. Dies zeigte sich bei Der Schimpansenkomplex, bei Absolute Zero und bei Eco Warriors scheint es nicht anders zu sein. Gegen den Strich bedeutet: Häufig folgen Autoren einmal festgelegten Regeln. Sie legen Spannungsbögen fest, bauen ihre Charaktere in erkennbaren Mustern auf und einiges mehr. Marazano bricht aus diesen Mustern aus, frei nach dem Motto: Das Leben folgt keinen Regeln. Er hat die beiden Hauptfiguren, Chris und Eva, getrennt. Chris muss Eva, die im Dschungel scheinbar verschollen ist, nun suchen und geht dafür einen Pakt ein, indem er die Eco Warriors, denen er entsagt hatte, zur Hilfe ruft.
Der Dschungel: Kriegsgebiet. Nicht nur die Natur ist dem Menschen gegenüber feindselig, der Mensch wird selbst zur Gefahr. Darüber hinaus haben im Dschungel Forschungen stattgefunden, die nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen. Marazano, der gerne ein unheimliches oder auch rätselhaftes Element in seine Geschichten einfügt (das weder vom Leser noch von den Akteuren zunächst durchschaut wird), legt hier gleichzeitig die Grundlage für weitere Abenteuer. Zwar ist dieses Abenteuer mit zwei Bänden erzählt, doch es harrt bereits die nächste Mission, die in die Arktis führt.
Sieht man von den Meinungsverschiedenheiten (auch Freundschaften) unter den menschlichen Charakteren ab, bilden die Orang-Utans den heimlichen Anziehungspunkt der Handlung, nicht nur durch den Titel. Ihr Verhalten, mal verspielt, mal unabhängig, mal verzweifelt, rührt an und wird von Marazano geschickt eingebaut. Chris Lamquet, Zeichner und ausführender Kolorist in dieser Ausgabe, widmet sich gerade den Affen sehr hingebungsvoll, hängt doch gerade von den Grafiken dieser Tiere in vielen Szenen einiges ab. Wie der Anhang zeigt, hat er nicht nur die menschlichen Charaktere sorgfältig studiert.
Lamquet zeichnet hoch realistisch, beschränkt sich aber bei der Abbildung stets auf so wenige Striche wie möglich. Er liebt den Effekt der scheinbar durchgepausten Fotografie, die durch die Kolorierung an Volumen gewinnt und doch auch leicht abstrahiert wird. Durch einige grafische Tricks wie Geschwindigkeitsunschärfe, realistisch ausschauende Himmel, Spiegelungen und einiges mehr erzeugt Lamquet Bilder mit Tiefe und einem Ausdruck starker Lebendigkeit. Ein filmischer Eindruck ist offensichtlich gewünscht.
Wenn ich einem Affen eine Pistole in die Hand drücke und der Affe erschießt jemanden, dann ist nicht der Affe schuld. Eine der besonders ergreifenden Szenen soll hier nicht geschildert werden, damit der Leser sie unvoreingenommen erleben kann, aber sie gehört zu einer der besten Comic-Szenen seit langem (für mich) und unterstreicht auch die Ernsthaftigkeit der Geschichte.
Für mich eines der besten Abenteuer von Richard Marazano, das bislang in Deutschland erschienen ist. Hart am Realismus gezeichnet, sehr ausdrucksstark, gegen den Strich erzählt. Ein wenig Öko-Thriller, tragisch, packend, mit etwas Verschwörung und SciFi. Außerdem mit dem zweiten Band ist dieser Abschnitt erst einmal abgeschlossen. Das passt. 🙂
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Donnerstag, 25. August 2011
Das Paar hat die größte Hoffnung und wird bitter enttäuscht. Denn die Worte der alten Frau, die in einer Hütte aus Wurzelwerk im Wald haust, lässt keinen Zweifel daran, dass die Frau keine Kinder gebären kann, noch jemals wird. Der Traum der Eheleute ist zerstört. Bis zu jener Nacht, als ein Licht am Himmel erscheint und ein Feuerschweif vor den Sternen vorüberzieht. Vor den erstaunten Augen des Mannes rammt ein ungeheuerliches Objekt in einen See. Sobald der Dunst des Aufpralls sich verzogen hat, sieht er eine Hülle, wie sie noch kein Mensch jemals sah. Doch das Kind, das er danach mit nach Hause bringt, sieht menschlich aus, braucht menschliche Zuwendung, eine Mutter und einen Vater. Und viele Jahre scheint es das Leben wirklich gut mit der kleinen Familie zu meinen.
Für den Fantasy-Fan, der auf wirklich geniale Bilder einer fremden Welt gewartet hat, ist dieser Band ein weiteres Fest. Zeichner Iko liefert hier seine erste Serie (in fünf Bänden) ab. Hier ist kein Unterschied zwischen der zeichnerischen Qualität des Titelbildes und der Grafiken auf den Innenseiten. Allein das Titelbild, der Aufmarsch der Krieger zu Pferd, zu Nashorn (!), zu Elefant und zu Giraffe (!) ist einen längeren Blick wert. Gerne auch mit der Lupe, denn die Krieger sind unterschiedlich, facettenreich, die Tiere sind außerordentlich und mal ehrlich, wann gab es jemals Kampfgiraffen?
Die Sequenz (besser gesagt eine Vorausschau derselben) zum Titelbild findet sich auch in der Geschichte selbst. Hier werden weitere Blickwinkel gezeigt, mehr Einzelheiten. Die Fahrzeuge werden deutlicher, noch mehr Tiere werden dem Leser dargeboten. In einem Film wäre der Aufwand schön, hier ist es in dieser Form und der Qualität, die der von Radierungen ähnelt, ein außerordentliches Leseerlebnis. Kurz: Das ist Kino auf Papier.
Wie bereits in der Rezension zum ersten Band erwähnt, nimmt Autor Christophe Bec ein paar Anleihen bei bekannteren Publikationen, vornehmlich Kinofilmen, ohne aber eigene Ideen zu vernachlässigen. Das funktioniert weiterhin erstaunlich gut, zumal er auch Punkte auflöst, die in den bekannteren Geschichten keine Erwähnung mehr finden. Einer dieser Punkte ist, ohne zu viel zu verraten, eine Szene, die sich im Film King Arthur ereignet. Ein Heer wird weniger durch den Gegner, als vielmehr durch natürliche Umstände geschlagen. Aber was geschieht danach mit ihnen? Diese Frage beantwortet Bec, besser, lässt sie durch Iko beantworten, grafisch beeindruckend und gruselig anzuschauen.
Fragen klären: Ein wichtiger Aspekt des zweiten Teils ist die Auflösung von Fragen, ohne besonders viele neue aufzuwerfen, wie es bei Bec doch zuweilen vorkommt. Eher werden Stränge dichter verwoben. Ioen, der Junge, den der Leser inzwischen kennenlernte, wird älter, reift zum Mann und Kämpfer. Mit einem Freund, Torüd, an seiner Seite, der ebenso wie er als Gladiator sein Brot verdiente, beginnt eine lange Reise mit seltsamen Begegnungen und Funden. Teils weiß der Leser, was den Helden erwartet, teils sind es gerade die Vorhersagen, von denen nicht zu sagen ist, ob sie sich bewahrheiten werden, die die Handlung spannend halten.
Farblich herrscht eine düstere und nächtliche Atmosphäre vor. Wenige Tagessequenzen sind zwar hell, doch wirkt das Wetter nie wirklich einladend. Nicht nur infolge des Titels der Serie ist dieser Eindruck kein Zufall. Und so wird das Szenario, als Ioen an seinem Ziel anlangt, vor dunkler und gleichzeitig feuriger Kulisse abgehalten.
Grafisch weiterhin beeindruckend: Iko setzt Szenen in einem Fantasy-Comic um, die in dieser Perfektion selten zu sehen sind. Christophe Bec schreibt, was er liebt: Genres wie Fantasy oder Science Fiction liegen ihm, er kennt es vom Film, verbeugt sich davor, kreiert Eigenes, mischt die Karten neu. Sehr gut. 🙂
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