Donnerstag, 19. November 2015
Eine Sandwolke kündigt Verfolger an. Anfänglich glaubt Tykko noch an eine Reiterschar, die da so närrisch auf sich aufmerksam macht. Leider ist es nur ein Verfolger. Leider, denn der Verfolger ist gigantisch, ein Sandegel, der sich durch die Wüste bohrt wie ein riesiger Wal durch die Meeresfluten. Tykko spornt Nigro, sein Reittier an und um Haaresbreite gelingt die Flucht auf ein Felsplateau. Und ausgerechnet dieser Fluchtpunkt erweist sich als das vorläufige Ziel der Reise.
Die Hügel der hundert Tempel sind ein faszinierendes Labyrinth, in dem unterschiedliche Verehrungen aufeinanderprallen. TYKKO, der Wüstensohn, hat hier eine Aufgabe zu erledigen. Magie soll ins Leben, so wie es eben nur auf TROY möglich ist, zurückgerufen werden. Das System, wie es bislang vorherrschend war, soll beendet werden, begünstigte es doch nur einige Wenige und machte die Mehrheit abhängig. TYKKOs Auftrag führt zu einer schwierigen Prüfung, die für ihn eigentlich unmöglich zu absolvieren ist.
Christophe Arleston, hier mit Unterstützung durch Melanyn, hat verschiedenste Strömungen innerhalb der Weltenstruktur von TROY abgehandelt. Jedem menschlichen Einwohner eine magische Fähigkeit mitzugeben, bündelt dieses Universum im Kern, erleichtert dem jeweiligen Subjekt nur nicht unbedingt immer das Leben. Vor dem Hintergrund mittelalterlicher Gesellschaften, mit Trollen und Monstern versehen, sogar ins ferne Weltall hinein, konnte der Leser bisher dieses Universum erkunden. Mit der Abenteuergeschichte um TYKKO verschlägt es den geTROYen Fantasy-Fan in eine Welt, in der sich persisches Märchenambiente ausbreitet, gepaart mit modernen Einflüssen aus der Spielewelt.
Dies ist der dritte Band der Reihe. TYKKO hat sich inzwischen sehr weiterentwickelt, nachdem einige Gefahren erfolgreich bewältigt worden sind. Einfacher machen es ihm Arleston und Melanyn hier kaum. In den Hügeln der hundert Tempel warten Menschenfresser, diverse Kulte und insbesondere einer, der mit Männern wahrhaftig auf dem Kriegsfuß steht und scharf bewacht wird. Hier wurde der Fantasie freien Lauf gelassen, Klischees eingeflochten, Überraschungen eingewoben, so dass etwas wie ein Jahrmarkt der Kulte entstanden ist, immer ordentlich voneinander separiert.
Eine großes Lob für eine sehr atmosphärische Farbgebung ist dem Koloristen Cyril Vincent zu zollen. Aber es ist noch mehr als das. Die Farbgebung ist hier thematisch wunderbar konzipiert worden und dem 1001 Nacht Szenario fein angepasst. Etwas milchig, pastellig, wie mit Gouache und Kreide zu Papier gebracht, ist es organisch und leuchtend. Hinzu kommt eine tolle Feinarbeit, bis ins kleinste Bild hinein. Grandiose Kulissen aus der Wüstenlandschaft oder später im Inneren der Tempel bringen ein Fantasy-Gefühl auf die Seiten, wie es durch die Sandoptik auch nahe eines Wüstenplaneten ist. Gerne glitzert es hier in der Finsternis oder werden Untote der Dunkelheit entrissen.
Wohin kein Mann gehen darf … da kann ein Eunuch hinein, wenn er sich auch tarnen muss, damit seine männliche Vergangenheit nicht auffällt. Aber nicht jeder will auf diese Weise an den Wachen vorbei schleichen. Tykko findet eine andere Möglichkeit. Keramidas, Zeichner von TYKKO, gestaltet ein spannen eindringliches Finale, vor allem mit einem höchst interessanten Wachhund namens Kurgän, der stellvertretend für die teils putzigen, teils überzogen gefährlichen Lebewesen, Tiere in diesem Teil von TROY. Hier schließt sich ein grafischer Kreis zu den Lebewesen in TROLL VON TROY, als habe sich Keramidas ein wenig an die Arbeit seines Kollegen Jean-Louis Mourier angelehnt.
Ein schönes Märchen, ein wenig persischer Mythos, ein wenig Computerspieltheatralik und Action, ganz viel TROY und schon entsteht eine weitere Nische in dieser wundersamen Welt unter der Regie von Christophe Arlestons nie erlahmender Fantasie. Klasse, aber die Kenntnis der ersten beiden Teile ist zum besseren Verständnis des dritten Teils Pflicht. 🙂
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Freitag, 13. November 2015
Genug mit dem Konsum! Donald Duck beschließt, für die Weihnachtstage dem Kaufrausch den Rücken zu kehren und den wahren Kern von Weihnachten neu zu entdecken. Weitab von Entenhausen will er mit seinen Neffen in einer lauschigen Hütte, inmitten von verschneiter Landschaft, ein echtes Weihnachten feiern. Eines, das vom Miteinander geprägt ist und sich nicht am Wert der Geschenke bemisst. Doch die Hütte ist eiskalt. Der Ofen will nicht zünden. Ein Weihnachtsbaum ist im Tiefschnee weder leicht zu finden, noch zu transportieren. Am Ende liegt sogar ein Bär im Bett …
Wieder ist ein Jahr vergangen und die neue Weihnachtsausgabe mit vielen festlichen Geschichten aus den Walt-Disney-Archiven ist erhältlich. Neben altbekannten Gesichtern geben sich auch ein paar eher seltenere Gäste die Ehre. Wie eingangs beschrieben, ist das Chaos auch an den Weihnachtsfeiertagen für so manchen Disney-Helden vorprogrammiert, aber natürlich geht es (meistens) gut für alle Beteiligten aus. Meistens? Na, Donald Duck ist eben nicht immer ein Glückskind. Aber dieser hat neben seinen Neffen, Oma Duck und Onkel Dagobert einen deutlichen Schwerpunkt in dieser Ausgabe.
Besonders turbulent wird, wenn der Geist der Weihnacht durch einen Störenfried in die Flucht geschlagen wird. Hexenwahn im Hochgebirge heißt es, wenn zwei Erzfeinde aufeinander prallen. Onkel Dagobert und Gundel Gaukeley sind durch ein kleines Geldstück scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Der Glückstaler, jenes Kleinod im Duckschen Geldspeicher, ist das beständige Ziel der ganz in schwarz gewandeten Hexe und nimmt sie so sehr in Anspruch, dass sie sich bereits am Rande eines Nervenzusammenbruchs befindet. Mit den kräftigen Linien von Marco Palazzi entspinnt sich eine winterliche Episode, in der mit der Erfolglosigkeit Gundels auch das Mitleid für die Hexe wächst. Denn diese will wirklich nichts weiter, als sich zu entspannen. Optisch modern, standfest gezeichnet.
Hansi Hase, Gevatter Bär und Gevatter Fuchs sind seltene Gäste in Sonderausgaben und gerade das macht die hier vorliegende Episode, Baumschmucktrick so besonders, obwohl sie gegenüber anderen Geschichten relativ kurz ausfällt. Dafür ist es jedoch ein beinahe kleines Märchen, ganz im Sinne der alten Fabel von Fuchs und Hase. Gevatter Bär ist eine sehr schön gelungene Figur, angesiedelt zwischen eben jenen natürlichen Feinden, mit einem etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, wie ihn Goofy einmal besaß, aber inzwischen lange verloren hat.
Der zweite unerwartete Gast ist Jose, der Papagei, eher bekannt aus den Drei Caballeros. Der gute Papagei kommt aus einem Land, in dem Schnee Mangelware ist und eigentlich nie vom Himmel fällt. Um an ein Date zu gelangen, wünscht er sich nichts sehnlicher als die berühmte Weiße Weihnacht, ein Wunsch, der ihm alsbald leid tut. Bas Heymanns zeichnet sich für den Weihnachtscasanova verantwortlich. Die Geschichte um diesen Casanova ist deshalb bemerkenswert, weil sie ohne Hektik, ohne Streitigkeiten auskommt. Ganz auf Katastrophen im Umfeld des Weihnachtsfestes ganz sie aber auch nicht verzichten.
Die großen und kleinen Katastrophen, hausgemacht oder von außen an die Helden herangetragen, bilden häufig den Anlass zu einer Wettlauf, damit der Heilige Abend doch noch gelingen kann. Meistens gelingt die Kurve zum glücklichen Ende erst auf der letzten Seite des Abenteuers und kaum mehr als drei Bilder zuvor. Besonders spektakulär schafft es wieder einmal Gundel Gaukeley für Chaos zu sorgen. Wünsch Dir was! lautet der von Vicar sehr klassisch gestalteten Geschichte vor verschneiter Kulisse und gehört für mich zu den schönsten Abenteuern dieses Bandes.
Schöne Details: Manchmal ist es eine Wendung oder nur ein Bild. Der kleine Donald Duck (gerade einmal so alt wie seine Neffen) freut sich über eine roten Lokomotive zu Weihnachten. Tick, Trick und Track betätigen sich als Feuerwehrleute oder Donald Duck rettet ein Kind das Leben. Das sind nur einige wenige Beispiele, die den Leser immer wieder vereinnahmen und für das rechte Weihnachtsgefühl sorgen.
Eine schöne Zusammenstellung weihnachtlicher Geschichten, mit der richtigen Mischung aus Gefühl und Action. Nicht nur für Disney-Fans zur Einstimmung auf das Fest geeignet. 🙂
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Donnerstag, 05. November 2015
Die Jagd war gut. Buddy Longway hat eine Menge Felle gesammelt und kann sich getrost auf dem Weg zurück in die Zivilisation machen. Und damit fängt der Ärger auch schon an. Als er das Fort erreicht, wird er Zeuge, wie mehrere Männer eine Frau verprügeln. Buddy Longway schreitet ein und entreißt sie ihren Peinigern. Erst nach einer kurzen Flucht stellt er fest, dass es sich bei der Geretteten um eine Indianerin handelt. Chinook, wie die junge Frau mit Namen heißt, hat nur einen Wunsch. Sie möchte zurück zu ihrem Volk, den Sioux. Buddy Longway ist noch nicht lange genug in der Wildnis, um zu wissen, dass Indianer nicht gleich Indianer ist. So hält er es zunächst für eine gute Idee, sie zu einem Dorf der Crow zu bringen. Wie falsch er damit liegt, soll er allzu schnell merken.
Ein Klassiker ist zurück, im neuen Gewand, mit redaktionellem Teil versehen, entführt die erste Gesamtausgabe von BUDDY LONGWAY zurück in jene Tage, als Publikationen wie YPS einen gehörigen Anteil des Wegs für den Trapper ebneten und ihn einer großen Leserschaft bekannt machten. Der schweizerische Comic-Künstler Claude de Ribaupierre, Künstlername DERIB schuf diesen geradlinigen Trapper 1973. Der Wilde Westen ist eine unberührte Natur, weit und schön. BUDDY LONGWAY ist ein Mann, der diese Welt bestaunt, ihre Ureinwohner genauso wie die Schönheit der Landschaft. Aber er besitzt auch die nötige Ehrfurcht, um sich nicht allzu leichtsinnig in dieser Umgebung zu bewegen. Darüber hinaus hat er das Herz am rechten Fleck, eine echte Sympathiefigur also.
Von Anfang an verfolgt DERIB einen realistischen Strich, der jedoch bei den Augen seiner Figuren endet. Hier wird immer noch mit dem klassischen Augenoval gearbeitet, wie sie sogar ein Asterix besitzt. DERIB verzichtet aber auf das Weiße im Auge. So abstrahiert er sein Westernabenteuer zunächst minimal. Das Kennenlernen von CHINOOK, letztlich der Beginn einer der schönsten und längsten Liebesgeschichten der Comic-Historie (durchaus einer Reihe mit Prinz Eisenherz und Aleta). Nach wie vor ist es selten, dass das Leben einer für eine Comic-Reihe erfundenen Figur derart lang beschrieben und entwickelt wird. Entstanden ist ein Familienleben, das einen Anteil nehmen lässt an den schönen Momenten, den Erlebnissen, den Gefahren.
Und davon gibt es reichlich. Indianer sind in dieser Hinsicht nur ein Beispiel und diese sind für BUDDY LONGWAY wenigstens berechenbar. Wenn weiße Ganoven ins Spiel kommen, packt einen der Nervenkitzel. In typischer 70er-Jahre-Manier, wie sie auch der Thriller jener Zeit kannte, halten mit dem Auftreten der jeweiligen Outlaws Brutalität und nicht selten auch Wahnsinn Einzug. Das dritte Abenteuer in diesem Band, Gefährlicher Besuch beginnt vergleichsweise heiter. Die Familie gedeiht. Buddy geht in seinem Leben mit Chinook und seinem Sohn Jeremiah auf, zu den Sioux bestehen gute Beziehungen. Das Glück ist ihnen hold, bis die Fremden auftauchen und sich eine Situation entspinnt, wie sie bedrohlicher kaum sein könnte und den vorherigen Sequenzen völlig entgegen steht.
Allein. Sind die ersten beiden Abenteuer, Chinook und Der Feind noch im Stile eines Mark Twain sehr gut für jugendliche Leser geeignet, auch vor dem Hintergrund der zeitlichen Einordnung betrachtet, ändert sich mit der dritten Geschichte und ihrer Ernsthaftigkeit in Erzählung und Grafik auch ein Stück weit die Zielgruppe. Sie wird größer, ein All-Ager. Mit der vierten Geschichte, Allein, festigt DERIB diesen Status. Der Beginn ist klassisch zu verstehen. BUDDY LONGWAY wandelt hier auf den Spuren eines Robinson Crusoe und eines Jeremiah Johnson (was er von der Handlung bereits vorher tat).
Grafisch ist DERIB auf der jeweiligen Höhe seiner Zeit. Ob er mit seinem gekonnten Tuschestrich und der leichten Kolorierung nun anfänglich noch GREG näher ist oder im weiteren Verlauf einem JEAN GIRAUD und was einem besser gefällt, muss am Ende jeder Leser selbst entscheiden. Fakt ist, dass DERIB seiner Westernserie mit einem vollkommen realistischen Strich langfristig wohl eine größere Erfolgschance eingeräumt hat. Er hat recht behalten. Allein könnte kaum näher an der Hauptfigur sein und eindringlicher auf die Gefühle von BUDDY LONGWAY eingehen.
Ein wunderbares Westernepos erlebt hier seinen Neubeginn, das lässt sich nicht anders sagen. BUDDY LONGWAY ist ein Comic-Held, der die Leser sehr nahe an sich und seine Familie, sein Leben heran lässt, man könnte sagen, die besondere Welt der Trapper erlebbar macht. DERIB ist mit BUDDY LONGWAY etwas ganz besonderes gelungen. Für Western-Freunde neben anderen großen Namen wie BLUEBERRY oder JERRY SPRING ein absolutes Muss.
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Mittwoch, 04. November 2015
Eberesche. So lautet das Baumzeichen von Asterix und Obelix. Die Vorhersage und die Ratschläge interessieren den kleinen blonden Gallier kaum. Obelix hingegen ist schockiert über den Text, den ihnen Sputnix aus der Gallischen Revue vorliest. Andere haben eine bessere Baumvorhersage, die allerdings bei ihnen nahestehenden Personen mitunter auf wenig Gegenliebe stößt. Troubadix soll seine Talente ausleben? Wer im Dorf soll das gut finden? Da ist ein kleines Chaos sofort im Gange. Das große Chaos ist auch nicht fern, denn die Römer machen sehr bald wieder Ärger, denn da will sie doch tatsächlich ein Diktator namens Cäsar aus der Historie tilgen.
Der Gallische Krieg. Eines ist sicher: Cäsar hat mit dieser Lektüre Unsterblichkeit erlangt und Generationen von Lateinschülern immerhin verärgert, um es freundlich zu formulieren. Aber wie konnte es zu diesem Werk kommen? Was geschah damals, als Cäsars Erinnerungen an ein fragwürdiges militärisches Unternehmen auf den antiken Markt kamen? Diese Antwort gibt der 36. Band der Reihe ASTERIX mit dem schönen Titel Der Papyrus des Cäsar. Heutzutage glaubt niemand mehr an wahrheitsgemäße Aussagen in den Medien. Aber wie war das damals? Wurden in der Antike auch schon Details ausgelassen und Berichte geschönt? Ja, lautet die Antwort. Denn Cäsar hat in seinem gallischen Krieg das Dorf der unbeugsamen Gallier schlichtweg unter den Tisch fallen lassen.
Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichner) berichten nun schon zum zweiten Mal aus der Welt der Gallier, nachdem sie das gewichtige Comic-Erbe einen Band zuvor von Albert Uderzo (und dem lang verstorbenen Rene Goscinny) übernommen haben. Denn aus der Geschichte, Der Papyrus des Cäsar wird klar, dass nur die mündlichen Überlieferungen der alten Druiden dafür verantwortlich ist, dass den unbesiegbaren Galliern und ihrer wahren Geschichte doch noch zu ihrem Recht verholfen wird.
Tradition erkannt und fortgeführt. Ferri und Conrad liefern mit Der Papyrus des Cäsar ein ASTERIX-Abenteuer ab, dass mit den cäsarianischen Einflüssen der Vergangenheit spielt. Die Lorbeeren des Cäsar, Streit um Asterix, Der Kampf der Häuptlinge fallen mir bei der Lektüre des 36. Bandes sofort ein. Enge Berührungen zur römischen Kultur krempeln hinter den Kulissen das Leben der Gallier ein Stück weit um und ein gesellschaftlich unsinniges Phänomen stiftet ordentlich Verwirrung in den Reihen der Unbeugsamen.
Abseits der hauptsächlichen Handlung erscheint eines Tages der Briefträger Rohrpostix mit der neuesten Gallischen Revue. Neben den Neuigkeiten hat sie auch das aktuelle Horoskop für die unter verschiedenen Baumzeichen (nicht Sternen) geborenen Gallier parat. Die Vorhersagen stören den dörflichen Frieden ebenso wie die Zweisamkeit einiger Beziehungen. Herausragend (eine meiner Lieblingsfiguren) ist Methusalix, der aufgrund seines Horoskops eins aufs Dach bekommt, weil seine Frau, sowieso viel jünger, wenig begeistert über neue Eroberungen ihres Mannes ist. Und die Ratschläge aus den Bäumen sorgen für einen am Boden zerstörten Obelix.
Verbindungen zur Gegenwart entstehen nicht nur durch die Geschichte der unbeugsamen Dorfgemeinschaft. Aktuelle Bezüge geben der Handlung einen satirischen Einschlag. Der Drang, Bücher zu schreiben, wird thematisiert. Anhand der neuen Figur des Polemix, eine Anspielung auf Whistleblower allgemein und Julian Assange im Besonderen, die hier ihren Gastauftritt absolviert, wird mit dem Umgang mit Geheimnissen und ihrer Vertuschung gespielt. Im Prinzip werden Asterix und Obelix hier zu einer Art Geheimagenten. Auf diese Weise gibt es ein Wiedersehen mit dem Karnutenwald (siehe: Asterix und die Goten). Und mehr als das. Zur Freude des Lesers geht es tief hinein in die urtümliche Landschaft.
Didier Conrad hat den Strich von Albert Uderzo verinnerlicht und er darf einen (nach langer Zeit mal wieder) durchgeknallten, besser ausgedrückt, hyperaktiven Miraculix zu Papier bringen, der aktiver als sonst in solchen Situationen üblich ins Geschehen eingreift. Schöne ländliche Ausblicke und ein Cäsar, wie er schon in den Anfängen leibte und lebte lassen nostalgische Gefühle aufkommen. Kuriositäten wie das Kurznachrichtensystem und das Notprotokoll geben Conrad die Gelegenheit einige für die Reihe sehr ungewöhnliche Szenen zu zeichnen.
In der Tradition angelangt: So darf es weitergehen. Uderzo hätte es nicht anders gemacht. Ferri und Conrad setzen natürlich stark auf Fans und wahrscheinlich gibt es keinen Franzosen und nur vergleichsweise wenige Europäer, die mit ASTERIX nichts anfangen können und so kein Vorwissen mitbringen. Schön gestaltet, treffend erzählt. Einzig hätte dem feinen Postskriptum ruhig eine komplette Seite eingeräumt werden dürfen. Ansonsten: Top! 🙂
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Dienstag, 03. November 2015
60 Piaster für eine Sitzung bei Freut? Das ist zu viel. ISNOGUD will lieber mit 60 Peitschenhieben bezahlen und macht einen der schlimmsten Fehler seines Lebens. Aus der Folter wird eine befohlene Enthauptung, doch auf dem Richtblock kann Freut noch mit dem Henker, Dikhör mit Namen, ein Wörtchen reden. So gelingt es ihm, Dikhör davon zu überzeugen, sein Leben, sein ganzes Dasein einmal zu überdenken und eine neue friedvollere Richtung einzuschlagen. Die Hinrichtung ist vorerst abgesagt. Eigentlich alle Hinrichtungen, denn ein Ersatzhenker ist nicht leicht zu finden.
PRÄSIDENT ISNOGUD feuert eine satirische Breitseite auf ein modernes Gesellschaftsbild. Politik, Wahlen, Selbstfindung, Verweigerung um der Verweigerung willen, Revolution, Querelen im Nahen Osten, Manipulation der Massen und Propaganda … Nicolas Canteloup und Laurent Vassilian schießen mit so geballter Kraft gegen die kleinen und großen Katastrophen gesellschaftlichen Wahnsinns, dass man kaum weiß, wo einem hinterher der Kopf steht. Es beginnt im Kleinen. ISNOGUD, der seine Macht darauf begründet, jeden, der ihm nicht gehorchen will (oder dessen Nasenspitze ihm nicht passt), einen Kopf kürzer machen zu lassen, verliert völlig unerwartet, seinen Mann fürs Grobe, den Henker. Dank eines gewissen Freut hat der Henker plötzlich keine Lust mehr auf seinen Job.
Tohuwabohu und ein Feuerwerk an Gags. Der Kalif will sich wählen lassen. Warum auch nicht. Er ist der einzige Kandidat. Umfragen fallen stets zu seinen Gunsten aus. Plötzlich wollen die Leute aber Auswahl. Da muss Isnogud ran. Den will bestimmt keiner wählen, gilt er doch als verschlagen und gemein. Aber ein Großwesir kann auch anders. Und es wird den Leuten nach dem Mund geredet, alles gefällt. Als wäre das nicht genug, ist da noch die Sache mit dem Fes-Bock.
Fes-Böcke wollen sich miteinander anfreunden und Schweine kwiekern munter vor sich hin. Ganz Bagdad ist im Wandel begriffen. Nicolas Tabary hat alle Hände voll zu tun, den cholerischen ISNOGUD in Szene zu setzen. Nicolas Canteloup und Laurent Vassilian lassen mit ihrer textlichen Vorlage aber auch keine Pause. Längen gibt es nicht, Ruhephasen ebenso wenig. Die Witze kommen zeilenweise. Ist der eine vorüber und hat gezündet, start die Einleitung zum nächsten oder ein Running Gag nimmt erneuten Anlauf.
Zwei Sympathiefiguren und Gastauftritte. Hatte Prince (wenn er gerade mal wieder so heißt) jemals einen Auftritt in Comics (bei den Simpsons vielleicht), aber in einem europäischen Comic dürfte das kaum der Fall gewesen sein. Jedenfalls klären Canteloup, Vassilian und Tabary die Abwesenheit des kleinen Sangesmannes auf ihre ganz eigene Weise. Nebenbei erhält ein Klassiker der Comic-Kunst seine persönliche Seelenberatung. Nicht zu vergessen: Freut. Die Psychoanalyse, sollte sie wie hier, Kriege verhindern helfen, müsste größere Beachtung verdienen. So aber ist sie für eine Menge Kalauer gut, denen selbst ein Sensenmann sich nicht entziehen kann.
Das Titelbild verrät den Zeichenstil perfekt. Wer die alte Serie bisher verfolgt hat, wird keine Überraschungen erleben. Nicolas Tabary ist der Linie treu geblieben, die sein Vater Jean Tabary, der ISNOGUD-Veteran, vorgegeben hat. Seit dem 28. Abenteuer ist der Junior dabei. An ISNOGUD wurde nichts mehr verändert. Der Strich ist knackig, fett. Viele Figuren sind zum Knuddeln, besonders die Tiere. Mancher Figur leuchtet ein kleiner, harmloser Irrsinn aus den Augen. ISNOGUD, zeitweilig ohne Turban unterwegs, verliert äußerlich einen Teil seiner Autorität, nur mit kurzen Haaren, da mag das Mundwerk noch so groß sein. Interessant ist die Verkündung des Wahlergebnisses zum relativen Schluss, denn Hochrechnungen werden nicht auf eine Tafel geworfen, vielmehr fällt die Präsentation des Ergebnisses viel anschaulicher aus. Damit wäre man wieder beim Thema Autoritätsausstrahlung.
Eine Gag-Parade im Sauseschritt. Würde ISNOGUD es auf den Punkt bringen, hieße es: Lach oder stirb (durch den Henker). Keine Zeit zum Luftholen. Das ist tolle französische Komödie in der Tradition von Louis de Funes oder Pierre Richard. Klasse. 🙂
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Freitag, 30. Oktober 2015
Eine geheimnisvolle Erbschaft lockt den jungen Tristan Bantam in die weite Welt hinaus. Der Vater ist gestorben und hat ihm hinterlassen, dass er noch eine brasilianische Familie gehabt habe. Mehr noch, er hat eine Schwester, die ihm bislang nicht begegnet ist: Morgana. Mit Hoffnung im Herzen trifft er auf Corto Maltese und an der Seite dieses Weltenbummlers schlittert er in das größte Abenteuer seines Lebens. In der Welt von CORTO MALTESE geben sich die Menschen mit geheimnisvollen Vergangenheiten die berühmte Klinke in die Hand. So mancher will seine Vergangenheit vergessen, fernab der Heimat in Alkohol ertränken. So jemand ist auch der Professor aus Prag, der sich Corto irgendwie an die Fersen heftet und zu einem Wegbegleiter wird.
Strolch mit Samtaugen. Eine schöne Umschreibung für CORTO MALTESE, eine der treffendsten, die über den Tunichtgut geäußert wurden. Hugor Pratt, Comic-Universalkünstler, hat selbstverständlich, wie kann es anders sein, einer Frau diese Worte in den Mund gelegt. Der Strolch ist Seemann und kann bereits auf einen guten Einstand in karibischer See zurückblicken. Nun lachen brasilianische Ausblicke. In mehreren Einzelgeschichten, die alle von einem roten Faden zusammengehalten werden, jagt CORTO MALTESE wieder dem Glück hinterher. Er ist nie allein und doch dürfte er zu den einsamsten Comic-Figuren gehören, die je das Licht dieses Mediums erblickten.
Mystische Welt in südamerikanischen Gefilden. Hugo Pratt liebt diese Rätsel, die mit seltsamen Symbolen in Verbindung stehen. Er liebt die merkwürdigen Konfrontationen, wenn einige Figuren dem Wahnsinn, der Gier, der Verzweiflung, einem tiefen Gefühl zum Opfer fallen und sich hinreißen lassen, völlig im Extrem aufgehen. Nicht selten gibt es dann Tote. Aber auch das ist die Welt von CORTO MALTESE. Entscheidungen werden mit der Faust gefällt. Nicht selten kommen auch Mordwerkzeuge zum Einsatz. Nachhaltig wird dem Leser eine Auseinandersetzung von CORTO MALTESE in Erinnerung bleiben, die der Held unter dem Geschützfeuer von Kanonen auszuhalten hat. Sie ist neben einigen kleineren Scharmützeln besonders einprägsam, erst recht, da ein alter Bekannter kräftig mitmischt.
Blick zurück in zurückhaltender Verzweiflung. Schaut ein Abenteurer auf sein Leben zurück, auf einzelne Episoden, bedeutende Abschnitte, die ihn maßgeblich geprägt haben, dann kann das Ergebnis nicht immer zur Zufriedenheit ausfallen. CORTO MALTESE, der nicht sesshaft sein will, nicht sein kann, weil es ihn immer weitertreibt, macht dank Hugo Pratt einen kleinen Seelenausflug. Für den Leser sind die Begebenheiten dieses Trips bekannt, in der Kürze vorgetragen, wirken sie besonders eindringlich. Es wird deutlich, wie zerrissen der von Pratt erschaffene Held eigentlich ist, obwohl CORTO MALTESE mit einem losen Mund werk und einer geballten Ladung von Lebensweisheiten über einen tiefen Schmerz hinwegzutäuschen versucht.
Die entwurzelte Figur ist, auch das ist der sensiblen Erzählweise von Hugor Pratt zu verdanken, aber nicht gefühlsduselig. CORTO MALTESE wehrt sich im Gegenteil gegen das Abrutschen in Depressionen. Aus der gedanklichen Grube heraus macht er Schritt auf Schritt, bis er wieder obenauf ist. Hugo Pratt lässt für den Leser viel zwischen den Zeilen übrig, zum eigenen Enträtseln, sollte jemandem danach sein. Andernfalls genügt der nachdenkliche Held, der eben mehr ist als nur ein Haudrauf.
Hugo Pratt, ein Meister der schnellen Skizze. Zwei, drei ganzseitige Farbskizzen in einem auf die Geschichte einstimmenden Teil im Vorfeld des Abenteuers haben Leinwandcharakter und könnten tatsächlich unter tropischem Licht entstanden sein. Es sind nur einfache Arrangements, aber sie besitzen eine leichte, klare Stilistik und strahlen regelrecht.
Abenteurer, Gauner, Schwerenöter, ein klein wenig Philosoph, ein guter Freund und nicht selten erbarmungslos gegenüber seinen Feinden. Hugo Pratt hat mit CORTO MALTESE die Karibik verlassen und folgt neuen Spuren nach Südamerika. Anders im Aufbau als die SÜDSEEBALLADE, probiert Hugo Pratt einen anderen Erzählstil, in kleineren Häppchen, mit mehr Höhepunkten. Sehr schön! 🙂
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Sonntag, 25. Oktober 2015
Rubine ist eine knallharte Polizistin. Sie hat keinerlei Skrupel ihre Magnum einzusetzen, wenn es notwendig ist. Sie besitzt Einfühlungsvermögen, Intelligenz und in ihrem Job macht ihr so schnell keiner etwas vor. In ihrem Liebesleben sieht es ganz anders aus. Ein Date gestaltet sich als äußerst schwierig, die Umsetzung eines schönen Abends als holprig. Das Kleid will nicht richtig sitzen. Der Kavalier ist eigentlich auch nicht ihre Kragenweite, zumal er von einem Rendezvous und dessen Ablauf andere Vorstellungen hat als sie. Da will es der (glückliche) Zufall, dass die Arbeit ruft …
Ein SERIENKILLER geht um. Doch die Spur ist verwirrend. Rubine macht einen Abstecher auf die Jungferninseln. Eine unerwartete Entdeckung ist die Folge. Kriminalistischer Einfallsreichtum zeichnet die drei in diesem zweiten Gesamtausgabenband versammelten Fälle der rothaarigen Polizistin aus Chicago aus. DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN und AMERICA, die beiden weiteren Fälle spielen mit ur-amerikanischen Themen und vergessen auch nicht mit kleinen Szenen an Klassiker der Popkultur zu erinnern. RUBINE emanzipiert sich spätestens hier als Cop, der sich mit harten Fällen auseinandersetzt, in denen Morde nicht geschönt werden, obwohl die Stilistik der Zeichnungen es vielleicht vermuten lassen könnte.
Nach dem Auftakt, der Geschichte SERIENKILLER, in der Humor mit RUBINES Dating-Bemühungen Einzug hielt, wird es sehr ernst. MIt dem Thema Kindesentführung wird in DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN ein Thema angerissen, wie es auch in seiner Erzählweise auch für eine gute TV-Krimiserie herhalten könnte. Zeitweise vergisst man als Leser den cartoonartigen Zeichenstil und konzentriert sich auf die Handlung, als seien die Bilder realistischer geraten. Das Schicksal des entführten Kindes, die Emotionen packen und der Fall ist recht verzwickt. Die Ganoven sind sehr hart, äußerst gewalttätig und kennen keine Gnade. Kurzum, mit DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN findet sich für meine Begriffe das Zückerchen in diesem Band.
Auch Comic-Helden haben Familie. Gerade im Krimibereich werden gerne Verwandte dem Helden beigestellt. RUBINEs Bruder konnte der Leser bereits sehr früh kennenlernen. Dieser war aber in Beziehungsfragen nicht derart drängend, wie es insbesondere RUBINEs Mutter ist. Diese lässt ihrer Tochter beinahe keinen Ausweg. Während RUBINE ihren Verehrer abwimmeln muss, lassen sich andere Frauen auf eine gefährliches Beziehungsspiel ein. Wie gefährlich dieses ausfallen kann, erfährt der Leser in einer kleinen Bildfolge, die in Anlehnung an eine der denkwürdigsten Szene aus Der weiße Hai entstanden sein könnte. Viel mehr soll dazu nicht verraten werden.
AMERICA, der Titel des dritten Abenteuers in der 2. Gesamtausgabe, für viele das Land unbegrenzter Hoffnung, bevor sie entdecken, dass die Möglichkeiten eben doch begrenzt sind. Mythic, Walthery und Co-Künstler Dragan de Lazare gelingt mit diesem Abenteuer eine Geschichte, die auf dem zweiten Platz der Rangliste des vorliegenden Bandes. AMERICA ist bitterböse und rückt den Blick auf das gelobte Land enorm zurecht. Die Aufklärung des Kriminalfalls rückt dabei lange Zeit in der Hintergrund, weil auch das Privatleben RUBINEs sehr nach vorne geschoben wird und so einiges mehr von der Figur enthüllt, vor allem aber deutlich macht, wie schwer es für die toughe jemals sein wird, einen passenden Mann zu finden. Wer eine 44er Magnum zum Abendkleid trägt, kann da schon Probleme haben.
Eine feine Mischung aus Kriminalfällen und Thrillern mit engem Kontakt zur Hauptfigur RUBINE und den jeweiligen Nebenfiguren mit ihren ganz eigenen Lebensgeschichten. Insgesamt besitzen die Geschichten sehr viel mehr Tiefe, als die grafische Umsetzung vermuten lassen könnte, die halbrealistisch daher kommt, wie es der Comic-Fan von Serien wie Natascha her kennt (die hier einen Mini-Auftritt hat). Prima. 🙂
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Mittwoch, 21. Oktober 2015
Die Eingeborenen haben die Fremden aus Europa in jene Höhlen geführt, die für sie nichts anderes als Heiligtümer sind. Die Totenschädel in den Felsnischen jagen den weißen Forschern einen höllischen Schrecken ein. Sie sind froh, als sie endlich der Dunkelheit entkommen und ins Dorf ihrer Gastgeber zurückkehren können. Doch die Atmosphäre ist vergiftet. Die Angst vor den Eingeborenen ist gewachsen. In Gedanken malen sich die Reisenden aus, wie die Eingeborenen ihren kannibalischen Neigungen nachgehen. Ein Gottesdienst verheißt keinen Trost. Der nachfolgende Regen, ein regelrechter Wolkenbruch verdüstert das Land und nährt die Weltuntergangsstimmung der Franzosen. Jeder will nur noch abreisen. Jeder? Nein, nicht jeder. Pierre Delaunay ist bereit, sich über seine Ängste zugunsten der Wissenschaft hinwegzusetzen.
Wissenschaft. Wie stark ist ihr Einfluss auf die Menschlichkeit? Welchem Stellenwert ist der Ehrgeiz zuzordnen? Welchen Wert hat der Mensch, wenn er nicht als solcher wahrgenommen wird? Es sind eine Menge Fragen, die die beiden Autoren, Younn Loucard und Florent Grouazel (gleichzeitig als Zeichner tätig), hier stellen. Es sind unangenehme Fragen, die nur deshalb einen bitteren Beigeschmack haben, weil viele von ihnen auch heute noch nicht geklärt sind. Die vorliegende Geschichte beginnt 1837 an einer fernen Küste von Neukaledonien.
Neukaledonien. Wer damals, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem Schiff nach Neukaledonien reiste, hatte sich einen Punkt auf dem Globus ausgesucht, der kaum weiter weg von Frankreich sein konnte als dieser Flecken Erde. Hierher, in eine Wasserwüste östlich von Australien, hat es die französische Fregatte La Renommee verschlagen. Der Naturforscher Pierre Delaunay ist fasziniert von der Kultur der Kanaken, wie sie hier von den Forschungsreisenden genannt werden. Allein hat er sich aufgemacht, um der erste europäische Zeuge einer kannibalischen Zeremonie zu werden. Er verirrt sich im Dschungel. Seine Schiffskameraden machen sich große Sorgen, doch der Wissenschaftler findet wieder zurück zum Basislager.
Für den europäischen Geschmack ist Kannibalismus nicht nur archaisch, er ist auch höchst verabscheuungswürdig. Ganz gleich, wie groß das wissenschaftliche Interesse an fremden Kulturen sein mag. Ganz gleich, wie sehr es der Forschung dient. Entsprechend negativ fällt die Reaktion aus, als Delaunay einen der Eingeborenen auf die Heimreise nach Frankreich mitnehmen will. Als Leser, moderner Mensch, wird man von den Reaktionen der Schiffsbesatzung abgestoßen, wenn man mitverfolgt, wie sehr ELOI, so der Name, den er von den europäischen Eindringlingen bekommen hat, zu Spielball der Leute an Bord wird. Letztlich sind nicht einmal die, die ihn in Schutz nehmen, schuldlos, ist er doch auf Betreiben auch jener mit auf diese Reise genommen worden.
Younn Loucard und Florent Grouazel entwerfen einen Mikrokosmos, in dem unterschiedlichste Emotionen und Ansichten auf einen Fremden einprasseln, der nicht fähig ist, sich gegen seine Lage zu wehren. ELOI war glücklich und zufrieden in seiner Heimat, dort, wo er verstand, was um ihn herum vorging. An Bord der Fregatte macht man sich sogar über sein Unvermögen lustig, nicht sofort den Gebrauch von Messer und Gabel zu verstehen. In der ersten Hälfte erwartet man als Leser vieles von jenem Verhalten, das sich hier nach und nach offenbart. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher gesellschaftlichen Schicht sich bewegt. Sobald er jemandem in die Quere kommt, nur den Platz streitig macht, ohne sich dessen bewusst zu sein, liegt Ärger in der Luft.
Viel schlimmer wird es in der zweiten Hälfte. Und unerwartet. Zeichner Florent Grouazel zeichnet mit einem dokumentarischen Stil. Mit schnellen Strichen entstehen Charaktere mit gutem Wiedererkennungswert. Ein Mittelblau schattiert die Szenen, ein etwas helleres bringt Licht ins Dunkel. Die Atmosphäre wird auf Dauer durch diese Kolorierung immer bedrohlicher. In der zweiten Hälfte beginnt ELOI sich in die Mannschaft zu integrieren. Mehr noch, er sagt seine Meinung und innerhalb der Mannschaften will er sich immer weniger gefallen. Je mehr er versteht, je mehr er sich selber äußern kann, desto mehr emanzipiert er sich. Und desto weniger ist er bereit, sich unterdrücken zu lassen. Doch damit kratzt er an den Hierarchien, wie es sie auf einem Segelschiff jener Tage nun einmal gab. Schlimmer noch. ELOI wehrt sich handfest.
Das Drama nimmt seinen Lauf. Die Hauptfigur, um die sich alles dreht, vermag echtes Mitleid heraufzubeschwören. Im Comic oder überhaupt in der Fiktion ist das eine ziemliche Seltenheit. Younn Locard und Florent Grouazel überlassen vieles den Vorstellungen des Lesers. Sie ergehen sich in erzählten oder gezeigten Andeutungen. Teils geben die Reaktionen der Beteiligten über das Geschehen Auskunft. Das Ende ist traurig, wie es eigentlich auch die gesamte Geschichte durchweg unterschwellig der Fall ist. Das Ende ist nicht vorhersehbar, aber konsequent.
Eine düstertraurige Handlung über Unverständnis, Missverständnis, Unwissen und Unwollen. Wohin führt mangelnde Mitmenschlichkeit? Wie oft lässt sich jemand drangsalieren, bis selbst bei dem Friedfertigsten die Grenze überschritten ist? Und was ist der Kern von Zivilisation? Viele Fragen, viele Antworten in dieser dichten, sehr komplexen Tragödie. Packend, traurig, intelligent. 🙂
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Dienstag, 13. Oktober 2015
Blackdog war lange Zeit verschwunden, draußen auf See und obwohl der Glaube an die Unbesiegbarkeit dieses Piraten groß ist, scheint es nach so vielen Gefahren und derart langer Zeit nicht mehr wahrscheinlich, den Piratenkapitän irgendwann einmal wiederzusehen. Aber Blackdog lebt und er hat einen guten Grund dafür. Der berühmt berüchtigte Diamant von Kashar ist ein mächtiges Motiv. Der Edelstein zieht die Menschen in seinen Bann, macht sie verrückt. Nur einer hat dieser furchtbaren Kraft widerstanden: Blackdog. Wo andere dem Irrsinn und Machtfantasien verfallen, kann Blackdog den Diamanten in Besitz nehmen. Gäbe es bloß nicht immer wieder Menschen, die glaubten, über ähnliche Fertigkeiten zu verfügen.
Blackdog ist im Laufe der Handlung zu einem Mythos geworden und selbst der Leser hätte annehmen können, diese Figur nur noch in den Legenden dieses Abenteuers vorzufinden. Doch tatsächlich hat der Vater von Raffy, dem allein gelassenen jungen Piratennachwuchs, überlebt. In bester Lage befindet er sich allerdings nicht. Der Untertitel des fünften Bandes der Reihe, Kannibalen, deutet schon ein paar der Schwierigkeiten an, in den sich die Helden dieses Abenteuers wiederfinden. Autor Jean Dufaux gehört nicht zu jenen Erzählern, die etwas aussparen, wenn es dazu dient, die Spannungsschraube anzuziehen und was könnte mehr an den Nerven zerren, als die Vorstellung lebendig gefressen zu werden?
Penilla, der Zauberer, ist der gruselige Höhepunkt dieser Geschichte. Er ist die einzige Person auf der Insel der Kannibalen, der den Stamm lenken kann. Comic-Künstler Jeremy entwirft einen Schamanen, dessen Gesichtsumwandlung einen Totenschädel imitiert. Abgeschnittene Nase und zugefeilte Zähne sorgen neben Schminke für den nötigen Effekt. Die Augen leuchten und geschlitzte Pupillen lassen die Figur noch unwirklicher erscheinen. Nichtsdestotrotz ist sie ein Mensch mit irdischen Begierden, ganz vorneweg die Gier nach Macht, wie Penilla im eigenen Tagtraum erleben muss. Denn der Diamant von Kashar zeigt jedem den ureigensten Wunsch, bevor er ihn in den Wahnsinn treibt.
Nach den bisherigen Ereignissen auf der Insel Puerto Blanco, die noch längst nicht vorüber sind dank Raffy, ist der hauptsächliche Erzählwechsel auf die Kannibaleninsel ein tiefer Einschnitt. Comic-Künstler Jeremy gestaltet eine Atmosphäre, die einem Horrorfilm gut zu Gesicht stehen würden. Warme Grautöne werden einem feurigen Rot gegenübergestellt. Eine mittelblaue amerikanische Nacht geht langsam in eine hellrote Dämmerung über. Blutrot ist die Gewaltfantasie des Zauberers. Kurzum, Farben verbreiten hier ein gehöriges Maß an Grundstimmung. Aber das normale Tageslicht ist trügerisch. Denn ist die optische Gefahr gebannt, lässt Jean Dufaux die Handlung noch einmal so richtig zuschlagen.
Das Blatt wendet sich. Jean Dufaux versteht es geschickt, die Neugier des Lesers anzuheizen. Es wird eine Ankündigung gemacht und dann gerät diese aufgrund diverser Ereignisse fast in Vergessenheit, in Wahrheit wird schleichend eine unbekannte Figur eingeführt und allein der Reaktion der übrigen Charaktere wird das Unbehagen, ein ängstlicher Respekt dieser Figur bereits deutlich. Der Rote Falke, nur kurz zu sehen (aber in einem tollen Portraitbild), scheint den gleichen Schrecken zu verbreiten wie Blackdog. Das lässt angesichts des Cliffhangers am Ende für die Fortsetzung wieder eine neue Handlungsrichtung erwarten.
Ein Soundtrack zu dieser modernen Piratengeschichte müsste harte Rockklänge haben, je nach Szene ein wenig Punkrock, wenn die Gefahr dem Leser regelrecht ins Gesicht springt. Jean Dufaux und Jeremy lassen es in der fünften Folge von BARRACUDA richtig krachen. Horror trifft Piraterie. Ein Knaller, weiter so. 🙂
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Montag, 12. Oktober 2015
Es gibt eine Rasse, Predatoren, in den Tiefen des Weltraums, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gefährliche Lebewesen zu jagen. Wenn sie den Weg der Menschheit kreuzte, waren oft noch weitere fremdartige Kreaturen in der Nähe: Aliens. Zwischen diesen beiden Spezies kann der Mensch nur verlieren. Es sei denn, es gibt Wesen, die noch gefährlicher sind. Das Mutagen der Schöpfer, jene mächtigen Außerirdischen, die augenscheinlich für die Existenz der Aliens verantwortlich ist, vermag nicht nur in Androiden und Menschen erheblichen Schaden anzurichten. Bei einem Predator bewirkt es das pure Grauen.
Die Jagd geht weiter. Der Android Elden will immer noch jenen Menschen finden, der ihn bewusst mit dem Mutagen infizierte. Francis Lane jedoch entzieht sich dieser neuartigen Lebensform ein ums andere Mal. Bis es keinen Ausweg mehr gibt. Autor Christopher Sebela schafft nach einer langen Odyssee eine Sackgasse für die restlich verbliebenen Helden. Selbst für den Androiden, der dank seiner Mutation eine gewisse Unbesiegbarkeit erreicht zu haben glaubt, tun sich Grenzen auf. Der Name dieser Grenze lautet Predator.
FEUER UND STEIN geht in die dritte Runde. Die berühmten Aliens trafen schon mehrmals auf den Predator. Der Erfolg der Comics ermöglichte die Verfilmungen (immerhin die erste war ansehnlich) und eine lange Kette neuer Begegnungen. Nach dem Crossover Superman/Batman versus Aliens/Predator kehrt Zeichner Ariel Olivetti zu den außerirdischen Monstren zurück. Bestach er bereits einmal in diesem SciFi-Horror-Universum durch seine präzise, ausdrucksstarke Comic-Kunst, kann er den ersten Ausflug dorthin hier in der dritten Folge des Comic-Event-Vierteiles noch toppen. Verschiedener sind die Lebewesen, die er hier zu bearbeiten hat und der Horror geht ganz besonders von jenen Kreaturen aus, die sich fortwährend im mutierendem Wachstum befinden.
Auffällig an den Arbeiten von Ariel Olivetti ist die Plastizität seiner Bilder, die sich nicht in den Schatten versteckt. Mancher Zeichner arbeitet mit Licht und Schatten und erreicht so enorme Tiefen in seinen Bildern. Manche nutzen diese Tricks aber auch, um sich Arbeit zu sparen oder schwierige Teile zu umgehen. Olivetti sträubt sich gegen gar nichts. Seine Figuren, seine Kulissen sind immer sichtbar. Hier wird nichts kaschiert. Der Argentinier schafft glasklare Bilder, realistisch anmutend, wie sie auch in den Intros zu modernen Konsolenspielen zu sehen sind. Olivetti liebt Details und versorgt seine Leser großzügig damit. Da trifft es sich, dass die von Autor Christopher Sebella ausgedachten Mutanten ihn ständig mit neuen Einzelheiten bedenken.
Im Aufeinandertreffen der Mutanten aus Mensch und Predator gipfelt die Geschichte optisch und in ihrer Erzählung. Die Predatoren besitzen hier nicht viel Aussagekraft, sie verbrüdern sich nicht, wie sie er hin und wieder getan haben. Der Predatormutant ist purer Wahnsinn, ein außerirdischer Hulk mit Riesenmaul und Extraärmchen. Der Menschmutant, eine Art Mr. Hyde, könnte auch der Fantasie eines Richard Corben entsprungen sein. Dieses Wesen tritt gegen den wahnsinnigen Predatoren an. Hier, wie auch schon zuvor, gibt es Szenen, die nicht für zartbesaitete Leser geeignet sind. Wer sich aber schon mit den Spielen die Zeit vertrieben hat, wird nicht schockiert sein.
Ariel Olivetti bietet den Lesern einen grafischen Knaller und es ist erstaunlich, dass er angesichts dieser Qualität hier noch nicht bekannter ist (seine Erfolge in Übersee sind unbestritten) und seine Arbeiten nicht häufiger anzutreffen sind. Christopher Sebela hat mit der mutierten Androidenkreatur Elden ein geradezu philosophisches Wesen geschaffen, einen SciFi-Pinocchio, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. In sich geschlossen, sehr gut. 🙂
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