Samstag, 17. März 2018
LUCKY LUKE war ein Waisenkind. Wie so oft in solchen Fällen wäre es schön gewesen, wenn LUCKY KID, wie sie ihn damals riefen, mehr über seine Herkunft gewusst hätte. In MA‘ LUKE darf er sich noch einmal an jene Zeit erinnern, als er im Kreis von Tante Martha, Onkel Elias und Sam aufwuchs. Wie glücklich er mit diesen Menschen an seiner Seite war, hat er bereits als kleiner junge erkannt. Seine Freunde aus dieser Zeit dürfen nicht vergessen werden. Denn was er mit KLEINER KAKTUS, HURRICANE LISETTE, BILLY BAD, PAQUITO und den anderen nicht alles für einen Blödsinn angestellt …
Da ist LUCKY KID also wieder und trifft MITTEN INS SCHWARZE. ACHDÉ schickt einmal mehr die Jugendversion des späteren Cowboys, der schneller als sein Schatten schießt, ins Rennen. Eine komödiantische Kindheit im WILDEN WESTEN wird mit seitenweisen Miniabenteuern ausgeleuchtet. Am unteren Rand der Seite gibt es stets ein paar Zusatzinformationen für die KIDS. Wie war es damals tatsächlich? Was gab es damals schon? Woher hat ACHDÉ seine Inspiration für seine Gags genommen?
LUCKY KIDS Leben spielt sich vornehmlich draußen ab, wie es sich für ein Kind jener Tage und in dieser Umgebung gehört. Wo noch keinerlei Freizeitangebote lockten, waren die Kinder in der Ideenfindung zu ihren Beschäftigungen ganz auf sich gestellt. Sieht man einmal von der Schule und den Bestrebungen, sie früh an das Arbeitsleben heranzuführen, ab. Es wird geangelt, ins Cowboyleben geschnuppert (inklusive Mini-Rodeo im Saloon), geschwommen, Pirat gespielt. Auf Weihnachten und die damit einhergehenden Geschenke hat sich LUCKY KID auch schon gefreut. Und ganz zum Schluss macht er – na, was ein Lucky Luke eben am Ende einer Geschichte so macht. Früh übt es sich halt.
Zumeist hat ACHDÉ vier Zeilen zur Verfügung. Dann muss der Witz zünden. Hier besitzt der Autor und Comiczeichner bereits einige LUCKY-LUKE-Übung. Zeichnerisch betreute er Abenteuer wie MEINE ONKEL, DIE DALTONS oder in jüngerer Vergangenheit DAS GELOBTE LAND. Mit LUCKY KID erlebten die Leser hierzulande in Band 94 mit MARTA PFAHL viele Eindrücke aus der Kindheit des Lonesome Cowboy.
Vier Zeilen also: Ein schönes Beispiel ist die Erklärung von KLEINER KAKTUS darüber, wo Frauen ihre Kinder zur Welt bringen, nämlich dort, wo sie am glücklichsten sind. LUCKY KID kann daraus nur den Schluss ziehen, dass er, wenn er seine TANTE MARTHA so betrachtet, hinter einem Tresen geboren worden sein muss. LUCKY KID ist ein neugieriger kleiner Junge, aber er ist kein Schlingel, der andere piesackt. Wenn mal etwas passiert, dann ist es typische Unachtsamkeit oder Unerfahrenheit und teilweise wird er selbst zum Opfer jener Umstände.
Ein albenlanges Abenteuer mit LUCKY KID wäre einmal schön. Es gibt genügend Figuren drumherum. ACHDÉ erzählt und zeichnet darüber hinaus toll im Stile von MORRIS, so dass dem nichts im Wege stünde. Spaß machen die kurzen Kindheitserinnerungen von LUCKY KID allemal. Empfehlenswert für Neueinsteiger als Schnuppterrunde und für Fans des einsamen Cowboys. 🙂
LUCKY LUKE 96, Mitten ins Schwarze: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Egmont Comic Collection.
Coverabbildung: © Lucky Comics
Montag, 12. März 2018
In einer Welt der schwebenden Inseln, der AUFSTEIGENDEN EBENEN, hat der ROTO-Clan ein schweres Schicksal zu tragen. Der Clan musste sich gegen den kriegerischen PAZNINA-Clan wehren und verlor dabei alles. Heimat, Freunde, Familienmitglieder. Einzig der unbändige Hass von Clanführer JEROME hält den kläglichen Rest der Leute zusammen. Das einzige Sinnen und Streben des ROTO-Clans liegt in der Auslöschung Pazninas. Dazu ist jedes Mittel Recht. Dieses Mittel wird zufällig gefunden, in Form eines uralten Kampfroboters namens SHILOH.
ROLLO und THEA sind die Kinder JEROMES. ROLLO, der Sohn, ist bedächtiger als der eigene Vater und der Spur der Rache folgt er nur widerwillig. THEA, war einst ein zeichnerisches Talent, bis die PAZNINAS ihr die rechte Hand abtrennten. Seither erträgt sie nicht nur den Verlust des Körperteils, sondern auch ihrer Fertigkeit, der sie mit ihrer linken Hand nicht mehr so nachgehen kann wie früher. Der ROTO-Clan greift sein erstes wichtiges Ziel an, ASMUND, Schatzmeister des PAZNINA-Clans, und übt blutige Vergeltung.
Es hätte auch heißen können: extrem blutige Vergeltung. Der Titel der Serie, EXTREMITY, hielt in diesem Bereich bereits Wort. Auf der Rückseite findet sich stilistische Beschreibung, STUDIO GHIBLI träfe auf MAD MAX. Grafisch trifft diese Beschreibung sicherlich zu, MAD MAX ist jedoch zu kurz gegriffen, denn hier ist eher ein größeres Gewaltpotential im Spiel, mit ausdrücklich gezeigten Gräueltaten, die keinen Platz mehr für Fantasie lassen.
Autor und Zeichner DANIEL WARREN JOHNSON steigt ohne lange Vorrede in die Geschichte ein. Er macht gleich klar, dass hier Krieg herrscht. Warum die Welt so ist, wie sie ist, nämlich in schwebende Stücke aufgespalten, wird häufiger angeschnitten, aber nicht bis ins kleinste Detail gelüftet. Hier existiert noch viel Luft für Enthüllungen in weiteren Fortsetzungen. SHILOH, der Roboter, repräsentiert diese Vergangenheit, ohne sie selbst noch zu kennen, aber immerhin begreift er, dass er für all das, was sich in diesem Szenario offenbart, mitverantwortlich ist.
Mit THEA gibt es die Identifikationsfigur für eine betrogene, zerstörte Hoffnung. Ihr Talent brachte Schönheit in diese Welt und dieses wurde brutal ausglöscht. An anderer Stelle zeigt sich wiederum, dass ausgerechnet ein Schlächter wie ASMUND ein göttlicher Violinist ist. Aber Schönheit und Ästhetik sind kaum Gesichtspunkte in dieser apokalyptischen Welt, in der Monster gigantische Ausmaße annehmen können und sogar den Menschen mit all ihrer Kriegstechnik Paroli bieten.
Grafisch werden sich bestimmt all jene Fans von asiatischen Abenteuern wie PRINZESSIN MONONOKE oder NAUSICAÄ AUS DEM TAL DER WINDE gleich wohl fühlen. Der Stil ist mangaesk gehalten, mit harten sehr ausdrucksstarken Bildern, ähnlich wie sie ein GOSEKI KOJIMA (LONE WOLF UND CUB) zu Papier bringt. Der Vergleich passt insofern, da die Kämpfe klassisch asiatischen Auseinandersetzungen ähneln und sich hier auch Samurai begegnen könnten. Die Gesellschaftsstrukturen sind der japanischen Historie und Kultur angelehnt. Überhaupt hat sich DANIEL WARREN JOHNSON in seiner Geschichte gut in jener Hemisphäre bedient, aber keinesfalls zum Nachteil.
In der westlichen Welt wirken jene alten Strukturen teils kurios, in jedem Fall exotisch und so ist auch die Wirkung in diesem Abenteuer. Geradlinig in der Fremdartigkeit, mit vielen Bildern, die Rasanz vermitteln und traumartigen Rückblicken, die aus der aktuellen Sicht der Handlung zu schön sind, um tatsächlich wahr gewesen zu sein. Es bieten sich als viele starke Eindrücke, nicht nur über den Kampf, sondern auch mit einer eindringlichen Emotionalität, die die wichtigen Figuren so nah wie irgend möglich an den Leser heranführen.
Brachialer SciFi-Action-Knaller! In einer sehr düsteren, eigentlich schon untergegangenen Welt werden letzte Auseinandersetzungen geführt, niemand wird geschont inmitten all der schwebenden Trümmer. Toll illustriert vom Autor DANIEL WARREN JOHNSON persönlich, mit sehr kräftigen, satten Farben von MIKE SPICER koloriert. Wer es krachend mag, wird hier bestens bedient. 🙂
EXTREMITY 1: Bei Amazon bestellen.
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Sonntag, 04. März 2018
Zum Start ins 20. Jahrhundert hat sich GOTHAM als Ausrichter der Weltausstellung ins Rennen gebracht. Die düstere Stadt, die damit einen hellen, weltmännischen Glanz in ihre Gassen lassen will, hat die Rechnung ohne einen heimtückischen Serienmörder gemacht, der es besonders auf Prostituierte abgesehen hat. Eines seiner ersten Opfer ist die Tänzerin Pamela Isley. Ein Name ist für den unheimlichen Killer, der die Toten mit chirurgischer Präzision ausweidet, schnell gefunden: JACK THE RIPPER.
Die Animationsverfilmung einer Comic-Vorlage, GOTHAM BY GASLIGHT, zeigt den DUNKLEN RITTER einmal in einer ungewohnten Zeit, gegen einen noch ungewöhnlicheren Gegner aufstehend. Eine FLEDERMAUS treibt nämlich auch noch ihr Unwesen in der Stadt und einige Beobachter glauben sogar, dass es sich bei ihr und dem Killer um ein- und dieselbe Person handelt. BRUCE WAYNE, reich und jung, ist aus Europa und dem Rest von Amerika zurückgekehrt, wo er bei Meistern ihres Fachs lernte, darunter auch so klangvolle Gestalten wie SHERLOCK HOLMES und HARRY HOUDINI. (Ersterer wird zwar nicht namentlich genannt, aber mit seinem bekanntesten Zitat erwähnt. Fans des Meisterdetektiven werden sofort wissen, um welches es sich handelt.)
Darüber hinaus lassen sich auch andere Verbeugungen vor den Großen jener literarischen Epoche ausmachen. Einige bekannte Figuren aus der Welt rund um BATMAN geben sich hier, teils in veränderter Form, ihr Stelldichein. So werden auch drei Jungen, in der normalen Zeitlinie Anwärter für die Figur des ROBIN, eine Art Hommage an die BAKER-STREET-BOYS, helfen sie doch dem MITTERNACHTSDETEKTIVEN bei seiner Arbeit. Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit SELINA KYLE, JAMES GORDON, PROFESSOR HUGO STRANGE und HARVEY DENT (stimmlich von SASCHA ROTERMUND dargestellt, der interessanterweise in der aktuellen Hörspielserie BATMAN der FLEDERMAUS die Stimme leiht).
BATMAN funktioniert in dieser Epoche, die leichte Anklänge einer STEAMPUNK-Atmosphäre mitbringt. Das Kostüm ist angepasst, die Entschleunigung bedingt durch diese Ära einer Zukunft in den Startlöchern hat Vorteile. Der Schurke kann nicht durch überragende Technik ausfindig gemacht werden, sondern es wird ganz altmodische Detektivarbeit nötig. Darüber hinaus menschelt es, als auch der unmaskierte BRUCE WAYNE in den Fall hineingezogen wird.
Wer sich einige neuere Animationsfilme des DC-Universums der letzten Jahre angesehen hat, wird tricktechnisch keine Überraschungen erleben. Hier wird mit erprobtem Design ans Werk gegangen. (Wer sich ein Bild verschaffen möchte, betrachte die offiziellen Trailer und Clips zum Film.) Die RIPPER-Thematik hat dazu geführt, dass der Film erst ab 16 Jahren freigegeben wurde (entgegen der sonst üblichen Altersfreigabe ab 12 Jahre). Zwar hält sich die Kamera mit Einzelheiten logischerweise zurück, aber an der Darstellung von ein paar Morden kommt die Geschichte eben doch nicht vorbei.
BATMAN einmal anders, aber in ein gelungenes Szenario platziert. Wer einen maskierten Helden wie ZORRO akzeptierte, wird mit dem DUNKLEN RITTER auch in einer Postbürgerkriegsära in den Vereinigten Staaten zurecht kommen. Düster, spannend, vor allem überraschend. 🙂
BATMAN, GOTHAM BY GASLIGHT: Bei Amazon bestellen.
LINKS:
TRAILER – BATMAN – GOTHAM BY GASLIGHT
BATMAN – GOTHAM BY GASLIGHT, CLIP, DIE DREI ROBINS
Freitag, 02. März 2018
LARRY B. MAX hat dem Beruf des Steuerfahnders viele Jahre seines Lebens geopfert. Er hat die Welt bereist, war unzähligen Lebensgefahren ausgesetzt und nun soll das plötzlich alles vorbei sein? Keine Gefahren mehr, aber auch keinerlei Privilegien? Eines ist klar: All sein Wissen für die Gegenseite, die Steuervermeider, gewinnbringend einzusetzen ist ihm verboten. Doch LARRY B. MAX war noch nie jemand, der sich von Verboten ins Bockshorn jagen ließ. Und so ist seine neue Stelle bei KYLE FINANCIAL PARTNERS eine logische Folge. Der erste Tote, der ihm auf seinem neuen Lebensweg begegnet, eigentlich auch …
LARRY’S PARADISE ist alles mögliche, nur ganz bestimmt kein Paradies. Es geht vordergründig um Geld. Viele wollen es; diejenigen, die es ohnehin schon haben, wollen noch mehr. Und andere sind gegen einen fetten Obulus nur allzu gern bereit, ihnen so viel zu beschaffen, wie nur irgend möglich. Da kommt ein LARRY B. MAX, der sich auf dem Parkett der Schwächen und Absurditäten des amerikanischen Steuerrechts auskennt (wie er sich selbst einmal ausdrückt), gerade recht.
Während jedoch jemand die Steuersünder regelrecht (über Kimme) aufs Korn nimmt, zeigt LARRY B. MAX noch eine andere Seite. Der junge Mann ist sehr einsam in einem Meer einer oberflächlichen Gesellschaft, einer giftigen Mentalität. Die einzige Frau, die sich wieder in sein Leben drängt, ist eine angeblich Tote, ein weiblicher Jugendschwarm und ehemalige Hollywood-Schauspielerin, mit der er einst häufiger (nach dem Abflauen ihrer öffentlichen Popularität) Telefonsex pflegte. Neben der realistisch angelegten Thrillergeschichte baut Autor STEPHEN DESBERG hier einen leicht surrealen Handlungsfaden auf (den sich auch ein DAVID LYNCH hätte einfallen lassen können).
BERNARD VRANCKEN, Zeichner von I.R.$ (Internal Revenue Service), betreut die Serie grafisch in der 17. Episode mit einer solchen Perfektion und Effizienz, dass Stammleser der Reihe keine bösen Überraschungen erleben werden. Im Gegenteil, wer sich auf das Szenario einlässt, im Mittel angesiedelt zwischen Finanzintrigen und handfestem Thriller, wird sich in einer Optik wiederfinden, wie sie die besseren amerikanischen Serien derzeit einsetzen oder wie es gute Kinoverfilmungen bereits früher taten.
Das Umfeld hier ist die Hochfinanz. Deshalb ist die Atmosphäre rund um LARRY B. MAX auf Hochglanz gebracht. Immobilienträume, innen wie außen, Parties auf Hollywood-Niveau, mafiös vergoldet, stählern moderne Büros oder die traditionsreiche Umgebung amerikanischer Justiz dienen hier als Kulissen. Kalifornien selbst ist jeden Tag von einem blauen Himmel gekrönt, die Straßen vielerorts staubig, reiche Anwesen werden von Palmen umrahmt. Fahrzeuge, Klassiker, schwarzweiße Polizeiwagen wie auch neueste Cabriolets runden das Flair des Küstenstaates ab.
Trotz aller Helligkeit des Szenarios eine düstere Geschichte. Hier finden STEPHEN DESBERG und BERNARD VRANCKEN den genauen Gegensatz von Handlung und Grafik. Der Besitz eines großen Vermögens führt geradewegs in die Hölle. Und mittendrin gerät LARRY B. MAX wieder einmal selbst auf die Abschussliste. Packend, schnell, spannend und durch LARRYS beruflichen Wechsel, Neustart ohne Vorkenntnisse zu genießen. Für Thriller-Fans! 🙂
I.R.$, Band 17, LARRY’S PARADISE: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Finix Comics.
Mittwoch, 14. Februar 2018
Das improvisierte Fort ALAMO ist unter dem Ansturm der Mexikaner unter GENERAL SANTA ANNA gefallen. Die Leichen der Verteidiger wie auch der Angreifer teilen sich einen verwüsteten Boden, brennende Trümmer und bieten sich gleichermaßen den Krähen zum Fraß an. Ein einzelner Überlebender, einer, der für die Freiheit von Texas kämpfte, hat sich in Sicherheit gebracht und betrachtet die Ruinen aus der Ferne. Demütig den Hut gezogen und Tränen vergießen, mehr kann er nicht tun …
ALAMO war lange ein amerikanisches Trauma und wurde natürlich in Kinowestern verarbeitet. Nicht zuletzt geschah das in ALAMO von und mit JOHN WAYNE, aber, auch näher an der Hauptfigur dieser Geschichte, in DER MANN VON ALAMO mit GLENN FORD (der hier den einzigen Überlebenden der Schlacht spielt). Mit MOSES ROSE verhält es sich ganz genauso. In DIE BALLADE VON ALAMO, wie der erste Teil der Westernreihe MOSES ROSE heißt, will die Öffentlichkeit selbst 16 Jahre nach dem Fall des Forts dem einzigen Überlebenden und wahrscheinlichen Deserteur LOUIS MOSES ROSE nicht verzeihen und ihn lieber sofort vor ein Kriegsgericht wegen dieses Vergehens stellen. Immer noch möchte MOSES ROSE seine Unschuld beweisen. Aber … eine Möglichkeit gäbe es dazu. Aber diese ist lebensgefährlich.
Mit PATRICE ORDAS und PATRICK COTHIAS haben sich ein Experte für historische Szenarien und Romanautor gleichermaßen und ein erfolgreicher Comic-Autor zusammengetan. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Mann, der sich mit Kriegen auskennt, der unter NAPOLEON in der Schweren Kavallerie diente und das Drama und die Tragödie von ALAMO miterleben musste. Sein Überleben wurde ihm Jahre später immer noch nicht verziehen. Der mexikanische GENERAL SANTA ANNA hatte zuvor jeden männlichen Gefangenen hinrichten lassen. Nun aber soll der Weg zurück zum Ort der Tragödie führen. In den vergangenen 16 Jahren jedoch hat der WILDE WESTEN nichts von seiner Wildheit verloren.
Es ist interessant und gut, dass PATRICE ORDAS UND PATRICK COTHIAS einmal eine völlig andere Seite dieses WILDEN WESTENS aufschlagen. In den Bayous treffen die Abenteurer auf die CADIENS, Abkömmlinge von Indianern, Schwarzen, weißen Spaniern und Franzosen, die ihr Auskommen als Flusspiraten fristen. Dieser Abschnitt innerhalb der Geschichte ist ein erneutes Abtauchen in eine noch viel andere Welt, martialisch, barbarischer noch, als es der WILDE WESTEN selber war.
Anderes wird dem Leser bekannt vorkommen, nur vielleicht nicht aus dieser Epoche. Der nordamerikanische Kontinent war und ist Einwanderungsland, im 19. Jahrhundert eine Art gelobtes Land. Neben den Hoffnungsvollen kamen auch die Ganoven und so ist auch ein Vorläufer der sizilianischen Mafia nicht weit. Neben klassischen Westernelementen fügen die Autoren Passagen ein, die ein weiteres Licht auf diese frühen Einwanderer werfen, andererseits die Gräueltaten an den Ureinwohnern einmal mehr thematisieren.
Zeichnerin CHRISTELLE GALLAND gibt dieser Welt in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein sehr urwüchsiges Gesicht. In dieser Welt offensichtlich noch auf Waffen und Schifffahrt beschränkt. Der Sheriff, der an der Seite von MOSES ROSE agiert, hantiert noch mit einem Bündelrevolver, während Attentäter schon moderner bewaffnet auftreten. Die berühmten Mississipidampfer gibt es bereits, qualmend und wassertretend. Sehr schön sind die Sequenzen, die den Leser an das Leben (und Überleben) der indianischen Ureinwohner heranführen, einer Kultur, die deutlich höher stehender ist, als jene der räuberisch lebenden CADIENS.
Die Striche und die Tuscheführung von CHRISTELLE GALLAND sind außerdentlich fein, sehr auf Accessoires bedacht, wenn es zum Beispiel daran geht, die gemischten Kleidungsstücke aus Alltagsbekleidung und ehemaligen Militäruniformen zu zeigen und so das Szenario in vielen Details zu beleben. So darf sich der Leser auch auf eine tolle Reise durch eine wilde, reich inszenierte Landschaft freuen. Aus einer typischen Westerstadt, einer nachgeahmten Zivilisation, den Fluss hinunter, durch das weit verzweigte Bayou-Netz, über das Meer, immer Richtung Texas.
Sehr schöner Westernauftakt, einmal aus einer etwas früheren Zeitspanne, noch vor der Hochzeit der Cowboys, Viehtrecks und der sattsam bekannten Outlaws. MOSES ROSE schlägt dennoch ein finsteres Kapitel amerikanischer Geschichte auf, spannend, nicht zimperlich, schön illustriert. Für Western-Fans uneingeschränkt empfehlenswert. 🙂
MOSES ROSE 1, Die Ballade von Alamo: Bei Amazon bestellen.
Samstag, 10. Februar 2018
Bei den Weißen ist man bei der Schwangerschaft einer Frau, gerade in der Endphase, um Entlastung der jeweiligen Person bemüht. Für MAGDALENE BONIFACE steht es außer Frage, dass sie sich um die junge Indianerin SACAGAWEA kümmern muss. Aber SACAGAWEA will sich nichts befehlen lassen, obwohl es ihr erstes Kind ist und sie keinerlei Erfahrung damit hat. Solange sie sich stark fühlt, will sie nicht vom Jagen lassen. Immerhin ist die Umgegend einigermaßen friedlich zu nennen. Bis auf diesen merkwürdigen Nebel gibt es dort kaum etwas, das der Erwähnung wert wäre …
Nordamerika und seine langwierige und schwierige Entdeckung vom Atlantik bis zum Pazifik. Als das Land noch echte Hindernisse bildete, eine Wildnis war, wo jeder Weg erkämpft werden musste und innerhalb einer Tagesreise keine wirkliche Entfernung zurückgelegt werden konnte, war beinahe jeder Tag ein Abenteuer. Die beiden vom Präsidenten beauftragten Männer, MERIWETHER LEWIS und WILLIAM CLARK, können nach allerhand Strapazen, einer Menge Begegnungen mit echten Monstern endlich einmal aufatmen. Ginge es denn nach ihnen und nicht nach Autor CHRIS DINGESS.
Mit dem Nebel kehrt die Angst zurück und all die bisher erlebten Monstren erleben eine unvorhersehbare Auferstehung. Aber mehr noch: Der Leser lernt mehr über die Indianerin SACAGAWEA und ihre Vergangenheit. Wie wurde die junge Frau zu dieser unerbittlichen Persönlichkeit, der jede Bevormundung und jedes Hilfsangebot ein Gräuel ist? MORGENFUCHS war der Lehrmeister der kleinen SACAGAWEA. Offensichtlich bereitete er sie gut auf die Gefahren in der Wildnis vor. Aber ein kleiner Rest Angst, ein Spur schlechten Gewissens bereitete SACAGAWEA immer noch Seelenqualen.
Diese Hintergrundgeschichte ist so fein geschildert, dass sie für ein Spin-off hätte herhalten können. Das Grafik-Team, MATTHEW ROBERTS (Zeichnungen), TONY AKINS (Tusche) und OWEN GIENI (Farben) empfiehlt sich hier weiterhin für ein reines Indianerabenteuer. Optisch brauchen sie sich nicht hinter Genre-Künstlern wie PATRICK PRUGNE zu verstecken.
MANIFEST DESTINY hat seit Beginn der Serie (das macht zu einem Teil den Reiz aus) mit neuen, ungewöhnlichen, sehr fantasievollen Monströsitäten aufgewartet. Mythologische Einflüsse, auch aus der Antike, sind teils unübersehbar. Basierend auf einem Kernelement, dem GATEWAY ARCH (oder auch St. Louis Bogen), hat sich ein irrer Monsterkosmos ausgebreitet, ganz eigen konzipiert, phänomenal illustriert, enorm gruselig (allenfalls ungefähr vergleichbar mit den Ungetümen in SILBERMOND ÜBER PROVIDENCE). Um es in Worte zu fassen: Fauna und Flora verbinden sich zu einer gemeinsamen Gegnerschaft; die Natur greift den Menschen auf nur jede erdenkliche Weise an und findet sogar Mittel und Wege, diesen in ihrem Sinne zu transformieren.
Das pralle Füllhorn bisheriger Ungeheuer, bereit an jeder Ecke innerhalb des paranoiden Szenarios der fünften Episode, MNEMOPHOBIA & CHRONOPHOBIA, über die menschlichen Eindringlinge hereinzubrechen, schafft hier zusammen mit SACAGAWEAS Erinnerungen einen sehr dichten Plot. Ungefähr so, als würden sich H.P LOVECRAFT und JOHN CARPENTER zu einer gemeinsamen Geschichte verabredet haben.
Wer wirklich einmal einen völlig neuen und unverbrauchten Horror innerhalb des Mediums Comics erleben möchte, sollte sich an MANIFEST DESTINY heranwagen. Nur bitte zuerst in die erste Folge einsteigen, denn die Serie folgt dem seit längerem verbreiteten Prinzip des roten Fadens. Ein später Einstieg bringt hier nichts mehr. Wer allerdings von Anfang an dabei ist, wird mit dieser fünften Episode bestens bedient! 🙂
MANIFEST DESTINY 5, Mnemophobia & Chronophobia: Bei Amazon bestellen.
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Freitag, 09. Februar 2018
Die Sendereihe PLANET WISSEN hat sich in einer ihrer Folgen mit dem Thema COMICS beschäftigt. Medial stärker präsent als jemals zuvor (auch dank einer regelrechten Flut von Kinofilmen und Pantoffelkinoserien), findet sich auf der PLANET-WISSEN-Seite eine Menge interessantes Material für Neueinsteiger ins Medium. Aber auch jahrelange Comic-Fans können noch fündig werden. Zu Wort kommen außerdem der Literaturkritiker DENIS SCHECK (der auch mal Comics in seiner Sendung empfiehlt) wie auch der deutsch Comic-Künstler REINHARD KLEIST, der sich hierzulande mit seinen Comic-Biografien einen Namen gemacht hat. Zur Seite: PLANET WISSEN: COMICS. 🙂
Montag, 05. Februar 2018
Die Unruhen herrschen weltweit. Ob in New York, Moskau oder in den Wüstengebieten Afrikas, überall stehen die Menschen mit Gewalt gegen Politiker und Reiche auf. Viele haben nichts mehr zu verlieren. Die Bewohner der neuen GOLDEN CITY interessieren diese aus Verzweiflung geführten Aufstände, in denen es um das pure Überleben geht, nicht. Fernab zieht das neue Reichenmekka seine Bahn durch das All. Dort Zugang zu finden ist nicht einfach, aber einer hat es dennoch geschafft. JOHN CARTER, angeblich Journalist, hat Informationen über den vermissten HARRSION BANKS und will diese teuer verkaufen …
Ab in Weltraum, zurück auf der Erde hinunter in die Tiefsee! GOLDEN CITY 11, Untertitel DIE FLÜCHTIGEN, geizt nicht mit reizvollen und äußerst gegensätzlichen Handlungsorten. Bei der Hatz steht eine ungewöhnliche Rettungsaktion im Vordergrund. Wer die Science-Fiction-Serie verfolgt hat, wird natürlich auch mit der Wohngemeinschaft mitgefiebert haben, die die Hauptfigur HARRISON BANKS zeitweise tatkräftig unterstützt hat. MIFA, eine junge Frau aus dieser kleinen Familie, wurde auf GOLDEN CITY verschleppt. Wie Autor DANIEL PECQUEUR den Bogen einmal quer über diese riesige, zurückgelegte Entfernung spannt, ist erstklassiges Thrillermaterial.
Es ist auch in der 11. Folge toll, wie eben dieser Spagat zwischen spannendem Thriller, zukünftiger Weltenbeschreibung und Einbindung ebensolcher Technologien gelingt. Hier wird nicht auf verschiedene Elemente gepocht, sondern sie werden mit einer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit eingebaut, teils auf der Basis des heute Machbaren, dass zu keinem Zeitpunkt Fragen aufkommen, oder das etwas in Frage gestellt wird. Die weiterhin fantastische Gestaltung von Zeichner NICOLAS MALFIN und die überaus plastische Kolorierung von PIERRE SCHELLE tun ihr Übriges, um diese hier abgebildete Zukunftsvision verdammt realistisch erscheinen zu lassen.
Ein Wort zu HARRISON BANKS: Ein Superreicher stellt sich gegen seine eigene Klasse. Dieses Motiv zieht sich durch einen großen Teil der Serie. Daraus entsteht gleichermaßen der Sympathiefaktor. Jugendlich, bereit jegliche Entbehrungen für seine Freunde auf sich zu nehmen, verletztlich, physisch wie psychisch, sportlich zieht er den Leser mit, ohne durch den Illustrationsstil NICOLAS MALFINS an ein bekanntes Gesicht erinnert zu werden (wie es bei anderen Zeichnern durchaus vorkommt). Mit der kleinen WOHNGEMEINSCHAFT werden weitere Leser positiv eingefangen. Denn diese Gruppe junger Leute hat es nicht in die Enge der Städte verschlagen. Vielmehr haben sie sich abseits an der Meeresküste angesiedelt, wo das Leben zwar einsam, mitunter hart ist, aber die Welt und die See noch Schönheit abseits einer großen Armut und Überbevölkerung vermittelt.
Der Mond, für dreißig Jahre von der Völkergemeinschaft gepachtet (da der Mond niemandem gehört): HELIUM-3, ein Rohstoff, von den Sonnenwinden zur Mondoberfläche geweht, soll hier für saubere und sichere Energie auf der Erde ausgebeutet werden. Dieses Projekt wird von NICOLAS MALFIN mit der gleichen technischen Eleganz und Finesse dargestellt, wie es der SciFi-Fan von anderen Zeichnern wie ROGER LELOUP oder MOEBIUS her kennt und mag.
Eine Science-Fiction-Saga mit Suchtpotential, starken Charakteren, die wachsen und von Autor DANIEL PECQUEUR vor ständig neue Herausforderungen gestellt werden. SciFi auf der Basis einer Technik von heute, begreifbar, gleichzeitig ein Thriller, der mit dem Leser Achterbahn fährt. Eine Serie ohne Müdigkeitserscheinungen! Erste Sahne! 🙂
GOLDEN CITY 11, Die Flüchtigen: Bei Amazon bestellen.
Montag, 29. Januar 2018
Die schiere Not auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ließ den verwundeten Soldaten zu einer Verzweiflungstat greifen. Aus dem Dunkel kamen die Vampire zu den Toten und Sterbenden, um sich an ihrem Blut zu laben. Doch BALTIMORE, ein Lord sogar, dachte nicht daran, als Futter diese Welt zu verlassen. Er wehrte sich in einem letzten Aufbäumen, so nahm er zu diesem Zeitpunkt an. BALTIMORE verletzte einen der Vampire schwer. Gleichzeitig überlebte der Soldat. Nur um mitzuerleben, wie dieses von ihm getroffene finstere Geschöpf Rache schwor, Pest, Vampire und Dämonen die Welt in ein dunkleres Zeitalter stürzten, als es ohnehin schon war.
Zu Beginn allein auf der Jagd hat BALTIMORE nach weiteren Schicksalsschlägen noch andere Jäger um sich geschart. Etappenziele wurden erreicht, aber das Böse ist noch lange nicht ausgerottet. Die Welt, so scheint es, hat sich in einziges transylvanisches Fegefeuer verwandelt. Russland, Italien, Türkei, die afrikanische Mittelmeerküste, zig Orte und keiner ist verschont geblieben. In dieser Hatz ist es dank der Kolorierungskünste von DAVE STEWART, einem künstlerischen Veteran in den Welten von MIKE MIGNOLA, stets düster, höllisch rotes Licht pulsiert, Himmelsleuchten verklärt die Nacht, Unwetter ängstigen die Akteure und schaffen eine durchweg apokalyptische Stimmung. (Und natürlich darf die Koloristin MICHELLE MADSEN in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen werden.)
Grafisch orientieren sich die beiden Comic-Zeichner PETER BERGTING und BEN STENBECK natürlich am Ursprungskünstler MIKE MIGNOLA und seiner wunderbaren Art der Reduzierung. MIKE MIGNOLA arbeitete nicht gleich zu Beginn seiner Karriere so, wie Arbeiten wie FAFHRD UND DER GRAUE MAUSLING oder UNENDLICHE ODYSSEE zeigen. Erst mit HELLBOY führte er den ganz eigenen Stil in die Perfektion. PETER BERGTING hat zu Beginn des backsteingroßen Bandes in seiner Stilistik noch Anklänge eines Superheldenzeichners aus den 1990ern. Alles ist noch etwas fragil, langgestreckter, etwas verzerrt mitunter. Im weiteren Verlauf entsteht eine Mischform aus der grafischen Anmutung eines MIKE MIGNOLA, aber auch aus GUY DAVIS (B.U.A.P.).
BEN STENBECK (Kapitel DER WOLF UND DER APOSTEL) tendiert mit den deutlich fetter getuschten Zeichnungen mehr hin zum kräftigen Stil eines RICHARD CORBEN (BIGFOOT). Das sehr klassisch angelegte Monsterabenteuer ist eine Art Epilog zu einer Figur, die BALTIMORE bei anderen Gelegenheiten das Leben schwer gemacht hat, den INQUISITOR RICHTER DUVIC. Dieser hat auf grausame Weise die Seiten gewechselt. Das ist Gruselatmosphäre im Stile von DER FLUCH VON SINIESTRO und kommt wie klassischer HAMMER-Horror daher.
In LEERE GRÄBER und DAS ROTE KÖNIGREICH hält wieder das epische Flair in BALTIMORE Einzug. Bezeichnend für die Infernalität des Szenarios ist die Zerstörung der berühmten Pietà von MICHELANGELO im Petersdom im Herzen des Vatikans. Fans von MIKE MIGNOLA, die bereits die gigantischen Auseinandersetzungen der B.U.A.P. verfolgten, werden an der breit angelegten Geschichte ihre Freude haben. Erdrückend und bedrückend anzuschauen, wie die beiden Autoren MIKE MIGNOLA und CHRISTOPHER GOLDEN den Erdball in einen dämonischen Weltkrieg überführen. Exemplarisch gibt es eine ganzseitige Illustration, die einen überdimensional gigantischen ROTEN KÖNIG zeigt, wie er einen brennenden Globus umarmt.
BALTIMORE, vom Einzelgänger zum Teamplayer: Hier hat sich einiges getan. In frühen Abenteuern hat sich die Figur des ehemaligen Soldaten regelrecht gegen Kampfgefährten, Anhängsel, Freunde gar gewehrt und die Verantwortung für fremde Leben abgelehnt. Inzwischen aber hat BALTIMORE andere vom Schicksal geschlagene Mitstreiter getroffen, ähnlich in der Überzeugung, der Tatkraft, getrieben von Hass auf das Böse, haben die Dämonen ihre Feinde unter den überlebenden Menschen herangezüchtet. So entsteht für den Leser ein eng verzahntes Team, dicht erzählt, mit starken Charakteren.
Episch, bombastisch, ein Weltuntergangsszenario als hätten sich H.P. LOVECRAFT und WILLIAM SHAKESPEARE zu einer Geschichte zusammengefunden. Britisches Drama, finstere, unbeschreibliche, schwer fassbare Mächte, deren kleinere Stellvertreter das Grauen in die Welt tragen. Düster illustriert von PETER BERGTING und BEN STENBECK. Ein fulminanter Horror auf annähernd 550 Seiten (!). Erstklassig für Freunde des gepflegten Schreckens! 🙂
BALTIMORE 2: Bei Amazon bestellen.
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Dienstag, 23. Januar 2018
Die drei jungen Frauen wurden unter Drogen gesetzt, denn wer, das ist dem jungen Engländer ALEXANDER MARTIN gleich klar, würde sich freiwillig auf einen Scheiterhaufen begeben? Die Szene, ohnehin aus westlicher Sicht erschütternd genug, wird noch dramatischer, als bei einer der Witwen, die dort zusammen mit ihrem verstorbenen Ehemann beigesetzt werden sollen, die Wirkung der Drogen nachlässt. Panisch versucht sie aus den Flammen zu fliehen und wird sogleich mitleidlos ins Feuer zurück gestoßen …
Unterschiedlicher könnten die Kulturen kaum sein: Das britische Empire prallt auf die geballte Exotik Indiens. In der dritten Folge von RAJ gelingt der Einstieg mühelos. Die ersten beiden Episoden erschienen vor einigen Jahren, wurden aber nicht vom ursprünglichen Verlag komplettiert. FINIX COMICS schließt die Lücke jetzt. Das Comic-Gespann WILBUR und DIDIER CONRAD wird Comic-Fans sicherlich ein Begriff sein. DIE MARSU-KIDS oder DIE WEISSE TIGERIN erschienen hierzulande. DIDIER CONRAD ist außerdem der Zeichnernachfolger von ALBERT UDERZO in der langjährigen Serie ASTERIX geworden.
Damit eröffnet sich auch gleich ein Anknüpfungspunkt. Denn vergleicht allein die hier genannten vier Serien, wird man sofort die unterschiedlichen grafischen Stile erkennen und feststellen, wie gut DIDIER CONRAD mit seinem illustratorischen Rüstzeug in diese verschiedenen Künstleridentitäten schlüpft. RAJ ist in einer sehr klaren Linie gezeichnet (bei der viele natürlich zuerst an HERGÉ denken, aber RAJ ist deutlich weniger karikaturesk).
Der hier vorliegende Band, ein Doppelalbum mit dem Titel IM BANN DER MÖRDERISCHEN BRUDERSCHAFT, fasst die Kapitel 3, AYESHA, und Kapitel 4, DIE WÜRGER, zusammen. Letzterer Untertitel gibt die Marschrichtung der Handlung vor, denn im Kern bereiten die Anhänger der Göttin KALI den Helden der Geschichte große Schwierigkeiten (INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES lassen grüßen). Wie im Hollywood-Blockbuster ist die geheimnisvolle Sekte die Speerspitze einer völlig fremden Kultur, in der es den englischen Eindringlingen bislang nicht gelungen ist, Witwen vor der gemeinsamen Verbrennung mit ihrem verstorbenen Ehemann zu bewahren.
So darf sich niemand von der grafischen Umsetzung täuschen lassen. WILBUR und DIDIER CONRAD nehmen ihre Geschichte sehr ernst. LORD BULLOCK sucht die junge AYESHA, die ihm wie eine Tochter geworden und nun seit drei Wochen verschwunden ist. Die Suche fördert furchtbare Entdeckungen und Begegnungen zutage, gefährlich, nervenaufreibend. Der Leser verfolgt die Geschehnisse durch die Augen des stetig dazu lernenden Kolonialagenten ALEXANDER MARTIN, optimistisch, schockiert, angestrengt, aufgeschlossen.
Ein schönes Zwischenspiel, eine atmosphärische Vertiefung der jeweiligen Sequenz sind die wiederkehrenden ganzseitigen Einschübe, fast so, als würde von den aufgeteilten Seiten kurz auf Breitwandkino umgeschaltet. BENARES mit seiner schwer fassbaren Architektur im Jahre 1832 ist bereits uralt und im Verfall begriffen, so wie fast alles in diesem scheinbar elendig alten Land, angekommen im Stillstand, wo in der Finsternis auf der Stelle getreten wird. Die Briten halten sich abseits in ihren Enklaven und starren auf die Einheimischen wie Besucher in einem Zoo oder in einem Theaterstück.
Sehr dicht erzählt, auch für Freunde von historischen Romane geeignet, abenteuerlich, kriminalistisch, von Romantik keine Spur. In schöner Linie gestaltet, mit grundsätzlich warmen Farbtönen koloriert. WILBUR und DIDIER CONRAD haben hier ein feines, toll erzähltes Szenario abgeliefert, wie es nicht oft im Medium Comic aufgegriffen wird. Klasse! 🙂
RAJ 3, Im Bann der mörderischen Bruderschaft: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Finix Comics.