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Comic Blog


Freitag, 20. Januar 2017

WONDERBALL – 2. PHANTOM

Filed under: Thriller — Michael um 16:51

WONDERBALL - 2. PHANTOMBei der Beerdigung eines guten Freundes zugegen sein und gleichzeitig verdächtigt zu werden, diesen umgebracht zu haben. Inspektor Spadaccini, genannt WONDERBALL, hat es im Augenblick nicht leicht. Vor seinen Augen wurde ein Serienkiller im Vernehmungszimmer ermordet. Und er möchte gerade nichts lieber, als die Brocken einfach hinzuschmeißen. Andererseits lassen ihm die Umstände keine andere Wahl, als sich gegen seine Verfolger zu wehren, denn nicht nur die Polizei hat ein Interesse daran, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Völlig unerwartet schlägt sich ein Unbekannter auf WONDERBALLS Seite. Das Phantom.

Zurück auf den Straßen von San Francisco. Ein Bogen deutet in die weite Welt, hin zu einer riesigen Verschwörung. Aber die Puzzleteile sind noch weit verstreut. Die Autoren Fred Duval und Jean-Pierre Pecau (sowie Fred Blanchard) nutzen die kontinentale Weite eines Staates und schicken WONDERBALL von der ehemalig vergleichsweise beschaulichen Flower-Power-Hauptstadt ins rötlich staubige Nevada, mitten hinein in eine lebensfeindliche Wüste. Abseits von Las Vegas warten Antworten und noch viel mehr Fragen.

Die Autoren bleiben nicht grundsätzlich neben WONDERBALL, sondern sie eröffnen Nebenstränge, wo sich vielleicht neue Freunde für den Cop finden werden. Allerdings vergessen sie auch seine Feinde nicht und so dar beobachtet werden, wie sich die Schlinge um den Inspektor langsam schließt. Ein perfekter Thriller, denn bis vor kurz bleibt offen, ob WONDERBALL es schaffen wird, der Fall zu entgehen, oder eben nicht. Die Erzählung bietet die Grundlage für das Flair der frühen 1980er und einen jener Kriminalfälle, als Ermittlungen noch viel Lauferei bedeuteten und Technik nur eine vage Rolle spielte. Das Silicon Valley ist für Spadaccini eine Heimstatt für schraubende Hippies und keine Brutstätte der Zukunft.

Comic-Künstler und Westernexperte Colin Wilson ist zurück in der Wüste. Superlative und Leere liegen nah beieinander. Das vergangene San Francisco, überhaupt die Vergänglichkeit bietet Colin Wilson schöne Gestaltungsmöglichkeiten (Stichworte: Friedhof, Abbruchhalde), aber so richtig ins Element kommt er in der Wüste und später in einem von Gott verlassenen Örtchen namens Sunlake City. Colin Wilson macht das daraus ein fein gestaltetes Relikt, eine moderne Geisterstadt, manchmal überlagert von Rückblicken einer lebenswerten Umgebung.

Rückblickend hin zu den Klassikern. SciFi-Fans entdecken Anklänge von Clockwork Orange ebenso wie das heiter unbeschwerte Lebensgefühl der Eloi aus Die Zeitmaschine (natürlich dem Original) und ein ruinöses Danach. Colin Wilson ist ein höchst akkurat arbeitender Zeichner, dessen hart wirkenden Figuren für harte Szenarien wie dieses bestens geeignet sind. Denn hart war es bereits im ersten Teil und auch der zweite Teil setzt entsprechende Spitzen. Darüber hinaus wird nichts abstrahiert. Die Ausarbeitung der Bilder bis in die Hintergründe hinein ist extrem ausgesucht. Es soll amerikanisch aussehen. Harley Davidson, Bibliothek, Trucks, Diner … es fehlt an nichts für die perfekte Atmosphäre.

Von einem Perfektionisten illustriert, von Kennern des amerikanischen Krimigenres erzählt. Der zweite Band von WONDERBALL lässt einen stimmungsvollen Zeitabschnitt aufleben. Ein Thriller, der dank seiner klassischen Hauptfigur sehr gut zum Mitfiebern geeignet ist. 🙂

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Freitag, 07. Oktober 2016

WONDERBALL – 1. SHOOTER

Filed under: Thriller — Michael um 16:40

WONDERBALL - 1. SHOOTERInspektor Spadaccini wird zu einem außergewöhnlichen Mord gerufen. Neun Menschen wurden in neun Sekunden von einem einzigen Schützen ermordet. Die Tatwaffe weckt Erinnerungen. Die Präzision und die Kaltblütigkeit kamen Spadaccini bereits in einem anderen Mordfall unter. Vor vielen Jahren gehörte er zur Schutztruppe des amerikanischen Präsidenten Kennedy, als dieser in Dallas einem Anschlag zum Opfer fiel. Und jetzt das! Wonderball, so nennen ihn Bekannte, viel weniger die Freunde, denn die sind ohnehin rar gesät. Spadaccini ist versessen auf diese Süßigkeit, in der für Kinder eine Überraschung versteckt ist. Wonderball braucht sie nicht. Er setzt sie zusammen und schmeißt sie weg …

San Francisco im August 1983. Die Uhren ticken noch anders. Die 70er sind noch in guter Erinnerung. Amerikanische Traumata wie der Vietnamkrieg, auch der heute fast vergessene Einsatz in Korea, die Ermordung John F. Kennedys sind in den Köpfen weiterhin umtriebig. Im letzten echten Jahrzehnt lassen die Autoren einen Massenmörder in einer der tolerantesten amerikanischen Gemeinden umgehen. Es wird ein weiter Bogen über die Jahrzehnte geschlagen. Das Geheimnis sitzt tief. Die Hauptfigur ist alles andere als der Liebling seiner Kollegen. Das Privatleben liegt so ziemlich in Trümmern. Spadaccini versteht sich jedoch auf seinen Beruf, für den er offensichtlich eine Art Hassliebe empfindet. Der Leser mag ihm schnell folgen, denn das Pech, das Spadaccini in seinem Leben hatte, lässt hierfür Türen offen.

Die Autoren Fred Duval, Jean-Pierre Pecau, Fred Blanchard und natürlich Comic-Künstler Colin Wilson kennen ihre Straßen von San Francisco. Man könnte auch sagen: Wie ein grüner VW Käfer zur Legende wurde. Wer die berühmte Verfolgungsszene aus dem Film BULLIT kennt, dem ist es vielleicht aufgefallen. Egal, wie schnell die beiden Muscle-Cars um die Blocks rasen, irgendwie ist ein grüner VW Käfer immer vor ihnen schon da, obwohl er ganz gemächlich dahintuckert. Colin Wilson zeichnet ausgerechnet einen grünen VW Käfer, den die Schurken in der Geschichte zur Beschattung benutzen.

Nash Bridges, Massenmord in San Francisco, besagter Bullit, der Einsatz von Karl Malden und Michael Douglas, Dirty Harry, für Freunde des amerikanischen Krimis hat die Stadt eine Menge zu bieten. Das hat seine Gründe, die von Colin Wilson eingangs sofort exemplarisch vorgeführt werden. Die Transamerica Pyramid und die Golden Gate Bridge sind die Erkennungsmerkmale der Stadt, von Alcatraz einmal abgesehen, das hier in einer Fernansicht auftaucht. Die Höhenunterschiede der Stadt, ihre verschiedenen architektonischen Stile machen die ehemalige Hippiehochburg zu einer idealen Spielwiese für Krimis und Thriller. Kleinstädtisch angehaucht mit alten Häusern, Wolkenkratzern, Hafengegend, Strand, finsteren und wohlhabenden Ecken, jeder Ortsteil sorgt für einen tollen Szenenwechsel.

Colin Wilson ist hierzulande ein bekannter Comic-Zeichner. Ob SciFi, Western, Superheldengenre oder Mystery, er ist so ziemlich überall zuhause und meistert seine Arbeiten mit jener Eleganz, wie sie auch Kollegen wie Hermann, Philippe Francq oder Jean Giraud an den Tag legen. Colin Wilson legt seinen Helden, den Polizisten Spadaccini optisch als Mischung aus Don Johnson und Clint Eastwood an. Hätten die beiden einen Sohn gehabt, sähe dieser genau so aus. Es gibt einige Frontalansichten, die darüber keinen Zweifel lassen.

In Sachen Anatomie, Perspektive und Inszenierung ist Colin Wilson technisch unter den ersten Plätzen. Seinen Wiedererkennungswert erfährt er durch die Gesichtszüge, mit denen er seine Figuren bedenkt. Colin Wilson liebt eine eckig gesetzte Linie und er lässt seine Charaktere gerne durch verkniffene Augen schauen. So setzt der Eastwoodsche Effekt schnell bei nahezu jeder Figur ein. Und darüber hinaus legt Colin Wilson seine Schatten gerne auffällig überbetont an. Das Titelbild ist hierfür exemplarisch.

Fred Duval und Jean-Pierre Pecau erzählen einen Thriller, der noch nicht mit 300 km/h daher kommt. Sie heften sich ein wenig an die Spuren eines Jean van Hamme oder eines Oliver Stone. Hier ist neben Spannung auch Aufmerksamkeit gefragt. Wer mag, wird sogar angeregt, den realen Hintergründen dieser Geschichte nachzugehen, wie dem Warren-Report, der mysteriösen magischen Kugel, der Geschichte des LSDs, dem angeblich schlechtesten Gewehr der Welt und vielem mehr. Das ist in wohl sortierten Dosen erzählt, und zieht den Leser, so gehört es sich für eine detailreiche Geschichte, wie ein Puzzlespiel, dessen fehlenden Teile immer weniger werden, immer weiter mit sich.

Ein richtig guter, sehr durchdachter klassischer Thriller, mit dem sich Fred Duval und Jean-Pierre Pecau auf eine Stufe mit Jean van Hamme (Largo Winch) heben. Colin Wilson gehört zu den Spitzencomiczeichnern weltweit, allein deshalb ist von dieser Seite schon ein Blick für Fans empfehlenswert. Insgesamt ein Top-Auftakt! 🙂

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Montag, 25. Juli 2016

GIL ST. ANDRE – Gesamtausgabe – Zyklus 1

Filed under: Thriller — Michael um 17:30

GIL ST. ANDRE - Gesamtausgabe - Zyklus 1In einer Villengegend in Lyon bereitet sich eine junge Familie, ein Ehepaar und die kleine Tochter, auf einen gemütlichen Abend vor. Gäste werden erwartet. Leider sind für das geplante Abendessen noch nicht sämtliche Zutaten vorhanden. Sylvia St. Andre macht sich auf den kurzen Weg, um schnell das Benötigte einzukaufen. Der Abend schreitet voran, doch die Frau kehrt nicht zurück. Gil St. Andre denkt sich zunächst nichts dabei. Eine schlichte Verzögerung, nichts weiter. Aber je später es wird, desto mehr macht er sich Sorgen, fragt beim Lebensmittelhändler nach. Dieser hat Gils Ehefrau nicht gesehen. Am nächsten Tag ist Sylvia immer noch nicht wieder da. Gil wendet sich notgedrungen an die Polizei. Dort nimmt man seine Anzeige nicht allzu ernst …

Eine Dame verschwindet. Die Ausgangssituation dieses Thrillers ist denkbar einfach. Die Lösung für den titelgebenden Gil St. Andre ist weitaus schwieriger, nervenaufreibender und brandgefährlich. Der in dieser Gesamtausgabe 1. Zyklus des Titelhelden versammelt fünf Einzelbände, während derer der Entführungsfall, so viel darf verraten sein, abgehandelt wird. Den Auftakt der Geschichte schreibt und zeichnet Jean-Charles Kraehn fast allein, bei den Hintergrundzeichnungen holt er sich anfangs noch Unterstützung. Der Beginn ist klassisch und birgt stets ein gutes Ausgangsszenario, dessen weitere Entwicklung völlig offen ist. Jean-Charles Kraehn, da zeigt sich schnell, schöpft die Möglichkeiten einer Entführungsgeschichte voll aus.

Die Spur muss erst einmal gefunden werden und lässt, auch seitens des Lesers, der mehr als GIL ST. ANDRE weiß, was sich im Hintergrund abspielt, Schlimmstes für Sylvia befürchten. Jean-Charles Kraehn lässt seinen Helden, einen erfolgreichen jungen Mann, anfangs ziemlich allein auf die Jagd gehen. Mit Arroganz und Zynismus hält sich Gil St. Andre andere Menschen vom Leib, außer seine engste Familie, der er liebevoll begegnet und für die er alles zu geben bereit ist. So gibt er auch nach diversen Rückschlägen, auch Anschlägen auf sein Leben, die Suche nicht auf. Wie St. Andre anfänglich sich hauptsächlich durch seine große Klappe auszeichnet und später über sich hinaus wächst, ist anschaulich, nachvollziehbar und von einer französischen Thrillerspannung, die auch hier ohne Übertreibungen, höchst realistisch aufgebaut wird.

In der Haken schlagenden Handlung, die später in eine völlig andere Richtung steuert, als anfangs durch den Leser anzunehmen, wird Realismus groß geschrieben, genauer gesagt, gezeichnet. Erhält Jean-Charles Kraehn anfangs noch bei den Hintergründen Verstärkung (Dominique Drillet), greift im zweiten der hier versammelten Alben bereits Sylvain Vallee auf zehn Seiten ein, bevor er in der Folge die grafische Arbeit vollends übernimmt und die von Kraehn vorgegebene Stilistik beibehält. Freunde von Comic-Künstlern wie einem späten Hermann, Philippe Francq oder Marc Bourgne werden an den Zeichnungen ihre Freude haben.

Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Akte (bzw. Alben) macht auch den Reiz dieses Thrillers aus. Es beginnt in der Beschaulichkeit von Lyon, in der heilen Welt, wechselt in einen Kriminalfall, hinein ins Milieu, die Welt der erfahrenen und deshalb reichlich zynischen Kriminalistik. Die Schweiz, mit einem internationalen Saubermann-Image versehen, wird hier zum Gipfelpunkt der Thrillerhandlung, zu Lande, in der Luft und sogar im Wasser. GIL ST. ANDRE findet sich wenig gewollt und wenig erfahren in einer brutalen Action wieder, die seinen Tod zur Folge haben könnte. Das ist virtuos inszeniert, im geringsten Falle im Sinne einer starken Fernsehserienoptik.

Das Titelbild verrät es. Gil St. Andre macht sich allein auf den Weg, bestreitet den Fall aber auf Dauer nicht solo. An seiner Seite agieren die junge Polizisten Djida (die eine Schwäche für Gil entwickelt) und später der gestandene Polizist Fourrier, der wie eine Comicversion des kantigen Schauspielers Lino Ventura daher kommt. Gerade letzterer bringt einen bärbeißigen Humor in die Geschichte ein, etwas altmodisch, sehr hartnäckig und sofort eine Paradefigur für einen neuen Tatort-Ableger.

GIL ST. ANDRE hat alles, was ein guter Comic-Thriller – oder auch medienübergreifend Thriller überhaupt – braucht. Eine greifbare, stark skizzierte Hauptfigur, gelungene Mitstreiter und Nebenfiguren, knackige Rätsel, auf der prima Action aufsetzt, Fieslinge jedweder Couleur, auch jene Sorte, die nicht direkt als Halunke erkennbar sind. Die mehrheitliche Übergabe des Zeichenstifts von Jean-Charles Kraehn an Sylvain Vallee stellt einen Glücksgriff für das Gesamtwerk dar. Krimifans und Thrillerfreunde können bedenkenlos zugreifen. 🙂

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Dienstag, 19. Juli 2016

Dein Verbrechen

Filed under: Thriller — Michael um 11:00

Dein VerbrechenEin Besuch bringt das geordnete Leben des Thomas Wentworth durcheinander. Wentworth hatte sich mit der Einsamkeit im australischen Outback arrangiert. Schafe zu züchten und den Zug der Wolken zu beobachten, schienen die wichtigsten Beschäftigungen in diesem Landstrich geworden zu sein und würde es auch auf lange Sicht bleiben. Alte Zeitungsartikel ändern diese Vorausschau. Denn plötzlich wird aus Thomas Wentworth wieder Greg Hopper, jener Mann, der vor zig Jahren beschuldigt wurde, ein Frauenmörder zu sein. Aber war er es wirklich? Oder wusste er sich nicht anders zu helfen, als zu fliehen, weil alle Hinweise und Indizien gegen ihn sprachen? Jemand anderes hat nun den Mord gestanden und Greg Hopper kann endlich die Wildnis verlassen.

Die 1970er Jahre stehen noch an ihrem Anfang, die 1960er klingen aus. Hippies sind noch kein Thema. Und in Dubbo City, einer sehr kleinen Stadt auf dem australischen Kontinent – wer weiß, ob sie da jemals ankommen werden. In dieser verschlafenen Stimmung breitet sich eine Nachricht aus. Jemand gesteht einen Mord. Allerdings wird in diesem Fall bereits seit 27 Jahren nach einem ganz anderen Mann gefahndet. Autor Zidrou beleuchtet einen Kriminalfall einmal aus einem anderen Blickwinkel. Und der Leser muss sich einer fortwährenden Frage stellen: Ist der Mann, der seit 27 Jahren auf der Flucht war nun ein Mörder oder nicht? Ist er allenfalls eine gequälte Seele, jemand mit einem sehr schlechten Gewissen? Keine Fragen, die hier beantwortet werden sollen. Aber Zidrou stellt noch weitere Fragen. Zum Beispiel: Was macht ein prominenter Mordfall aus einer Kleinstadt?

Wut kann, über einen längeren Zeitraum genährt, zu einem starken Antrieb werden. Eine kühle Zurückhaltung entlädt sich plötzlich auf die eine oder andere Art und verändert Leben. Und beendet sie. Autor Zidrou beschreibt hier eine Art Ästhetik des Verbrechens, nicht im Sinne von Schönheit, sondern von Strukturen, die bei Menschen auftreten, die ihre Verrohung angesichts einer Tat erkennen, sich ihr stellen, dagegen auftreten oder sie als Teil akzeptieren. Das Titelbild von Philippe Berthet spricht Bände. Ein weißes Lamm leckt Blut aus der Wunde einer jungen, optisch attraktiven Frau.

Greg Hopper kehrt in seine Heimatstadt zurück. Nachdem sein Bruder die Tat gestanden hat, für die er verfolgt worden ist, kann er unbehelligt auf den Straßen flanieren. In den Kinos läuft gerade Love Story mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw, eine Liebesgeschichte, so grundverschieden von der, die hier immer noch im Hintergrund wirkt. Solche Bilder, kleine Vergleiche, sind wie Stiche in die Aufmerksamkeit des Lesers. Zidrou mag dergleichen Hinweise und streut sie, mal offen, mal verdeckt oder am Rand, in die Handlung ein. Man kann sich auf diese Anspielungen einlassen, muss es aber nicht. Wer es macht, hat definitiv mehr Spaß an der Geschichte.

Philippe Berthet zeichnet mit seinem sehr klaren und kühlen Strich die Fassade der Menschen aus Dubbo City. Philippe Berthet ist einer jener Comic-Künstler, die genau am rechten Fleck sind, wenn es darum geht, eine bedrohlich kalte Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihm bereits im Thriller PERICO, aber auch im humoristisch angehauchten Kriegsabenteuer POISON IVY. Gerade im Thriller gelingt die Optik einer vergangenen Hollywood-Zeit, herausgerissen aus dem Schwarzweißen in das Bunte. Schöne Menschen wie die beiden Hauptdarsteller, der Vielleicht-Mörder und die Zweifellos-Tote, stehen im Mittelpunkt und werden gerade deshalb zum Ziel. Schönheit wird gerne auf die eine oder andere Art zerstört, so auch hier.

Eine sehr schöne Einleitung. Vom Paradies in die Kleinstadthölle. Im Outback herrscht Einsamkeit, nicht unbedingt Gewaltlosigkeit. Aber ohne weitere Menschen vor Ort gibt es immerhin eine Art Frieden, der nur durch Dingos und die Auseinandersetzungen von Schafsböcke untereinander durchbrochen wird. Wolken zu beobachten sorgt für Kurzweil, richtige Abwechslung bringt nur der monatliche Besuch eines Lieferanten mit den erkalteten Nachrichten der letzten Wochen. Wen kümmert es, dass zwei Menschen auf dem Mond gelaufen sind? Im klaren Ausdruck zeigt Philippe Berthet die Ursprünglichkeit und die Schönheit dieses Einsiedlerlebens. Gerade hier finden sich tolle Bildsubtexte, die das grundlegende Gefühl für den Einstieg in die Handlung vermitteln.

Ein Mordfall einmal in einer seltenen Erzählweise, atmosphärisch wie ein 1950er-Krimi, keine Stadt in Angst, aber eine Stadt im Widerstreit der Gefühle, so präsentiert Szenarist Zidrou sein Verbrechen mit Hilfe der präzisen Zeichenfeder von Philippe Berthet. Sehr gut. 🙂

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Sonntag, 26. Juni 2016

PUNISHER – DAS ERSTE JAHR

Filed under: Thriller — Michael um 20:32

PUNISHER - DAS ERSTE JAHREin Massaker. Ein Mann hängt kopfüber an einen Baumstamm gefesselt in einem öffentlichen Park. Die kleine Familie, Vater, Mutter und zwei Töchter, nahebei im Gras liegend, wollte anscheinend picknicken. Eine Thermoskanne liegt umgestoßen auf dem Boden. Ein kleiner Flugdrachen liegt abgestürzt auf Mutter und Kind. Für die Polizisten, die am Tatort ermitteln ist es ein grauenhafter Anblick, dennoch einer, der zu ihrem Alltag gehört. Tote sind in New York keine Seltenheit. Die Leichen werden zum Abtransport vorbereitet und in schwarze Säcke verpackt. In diese furchtbare Routine hinein erwacht einer der vermeintlich Toten plötzlich wieder zum Leben …

MARVEL ist ein Comic-Universum mit einer sehr umfangreichen Sammlung von Helden und Ganoven. Der PUNISHER hat so gut wie jede Figur eine Ursprungsgeschichte, aber seine sollte (neben Spider-Man) zu den bekanntesten gehören. Gangster löschen die gesamte Familie von Frank Castle, einem Armee-Veteranen, aus. Kein gezielter Anschlag steckt dahinter, sondern es geht lediglich um die Beseitigung von Zeugen einer Mafia-Hinrichtung. Castle überlebt mehr zufällig und verletzt. Castle erhält von der Polizei das Versprechen, man werde die Mörder seiner Frau und seiner Kinder aufgrund seiner Zeugenaussage fassen. Dazu kommt es nicht.

Frank Castle wird hier nicht einfach zum PUNISHER, weil er Rache will. Das ist und bleibt sicherlich ein Teil seiner Motivation, aber zuerst lassen ihn die beiden Autoren Dan Abnett und Andy Lanning in dieser 1994 neu erzählten Ursprungsgeschichte einen absolut hoffnungslosen Tiefpunkt erleiden. Völlig verlassen, mutlos und einzig noch vom Schmerz erfüllt, verliert er auch noch das letzte Stück Vertrauen in die Gerechtigkeit. Eben wollte sich Frank Castle noch selber töten, dann begreift er, dass Verzweiflung und eine letzte Konsequenz die falschen Wege sind. Der Kriegsveteran macht das, was er gelernt hat und erklärt dem organisierten Verbrechen den Krieg. Dan Abnett und Andy Lanning erzählen schnörkellos, aber es gibt eine Besonderheit.

Der spätere PUNISHER verweigert sich ausgesprochen lange seinem aufzunehmenden Weg. Zeichner Dale Eaglesham präsentiert der selbst ernannten Rächer als überaus Muskelberg, sportlich durch militärischen Drill. Cover-Künstler Ariel Olivetti hat diesen Style für das Titelbild übernommen. Die übrigen Titelbilder der hier zusammengefassten Miniserie haben einen weniger martialischen Einschlag, als vielmehr deutlich religiöse Anleihen. Frank Castle muss erst leiden, bevor er zum PUNISHER wird. Dale Eaglesham übernimmt zur Darstellung dieses Leidensweges solch monumental überzeichneten Haltungen wie sie zum Beispiel von klassischen Künstlern wie Michelangelo oder Raffael her bekannt sind.

Die Zeichnungen von Dale Eaglesham innerhalb der Handlung verströmen ein wenig 1970er-Jahre-Flair. Das liegt auf einer stilistischen Linie mit Gene Colan (Die Gruft von Dracula), Jack Kirby oder auch, jüngeren Datums, eines Todd McFarlane. Die kraftvolle Figur des Frank Castle bzw. PUNISHER ist nach heutiger Definition ein Wrestler mit Gefühl, weshalb in einer modernen Variante für eine Verfilmung ein David Batista eine gute Wahl wäre, denn die Figur sieht im Comic so aus, als habe Dan Eaglesham 1994 einmal die Existenz eines derart populären Schauspielers mit Wrestling-Wurzeln vorausgeahnt.

Ein ernsthafter PUNISHER in bester Thriller-Manier. PUNISHER ist Krimi, Drama und meilenweit entfernt von irgendwelchen komischen Elementen. Seine Ansiedlung im Marvel-Universum wird einzig durch eine sehr kurze Anwesenheit von Peter Parker dokumentiert. Kein Superheld eilt dem Mann, der seine Familie verloren hat zur Hilfe. Aber auch kein Superheld stellt sich ihm in den Weg, als er seinen Rachefeldzug beginnt. Diese Version weiß zu gefallen, da die Figur sich hier selbst treu bleibt, ohne mit dem Rest des Marvel-Universums großartig in Berührung zu kommen.

Ein ungewöhnlicher Marvel-Held wird geboren. Ohne Superkräfte, allein vom Rachewunsch erfüllt, stellt sich Frank Castle alias PUNISHER der New Yorker Unterwelt und räumt dort auf, wo die gesetzestreuen Polizisten an ihre Grenzen stoßen. Geradlinig erzählt von Dan Abnett und Andy Lanning, mit Blick für ein hartes Szenario gekonnt in Szene gesetzt von Dale Eaglesham. 🙂

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Sonntag, 15. Mai 2016

JACKIE KOTTWITZ – Band 5

Filed under: Thriller — Michael um 18:10

JACKIE KOTTWITZ - Band 5Ein erfolgreicher Star aus Las Vegas kehrt zu seinen Wurzeln nach Paris zurück und findet Unterschlupf in einer Gegend, in der weibliche Entertainer selten anzutreffen sind, nämlich in der näheren Umgebung von Jackie Kottwitz. Das mischt die Nachbarschaft mit ein wenig Glamour ordentlich auf. Gleichzeitig wird der Privatdetektiv mit dem wohl für diesen Beruf am wenigsten geeigneten Fahrzeug (einer Solex) von einem unbekannten Anrufer auf einen neuen Fall angesetzt. Völlig unerwartet geht es sehr bald schon um alles. Jackie Kottwitz, ein Mensch, dessen Fälle ihm über kurz oder lang ziemlich nah gehen, muss sich diesmal sehr beeilen, will er einem bestimmten Menschen das Leben retten.

Die Geschichten um den jungen Privatdetektiven sind für mich zu einem ganz besonderen Tipp innerhalb des Comic-Krimis geworden. Alain Dodier entwirft immer neue Erzählmuster und taucht mit dem Leser zusammen schön in die normale menschliche Gesellschaft ab, abseits von Adelsgeschlechtern, Hochfinanz, Intellektuellen, Freaks oder was sonst gerne dazu herhalten muss, um dem Genre Krimi eine scheinbar pfiffige Note zu geben. Detektiv Jackie Kottwitz findet die kleinen und großen Geheimnisse hinter den gewöhnlichen Fassaden, an denen man als Leser tagtäglich vorüber geht, ohne weiter darüber nachzudenken.

In Der Pakt bekommt es Jackie Kottwitz mit einem scheinbar simplen Problemfall zu tun. Ein Kanarienvogel wurde erschossen. Die Umgegend sieht äußerst harmlos aus, bis der Privatdetektiv auf einen Jungen stößt, der überfürsorglich behandelt wird und sich in eine Enge gedrängt fühlt, aus der er immer wieder aufs Neue auszubrechen sucht. Langsam entsteht aus dem simplen Fall das Finale eines Familiendramas, dem Jackie Kottwitz auf seine zurückhaltende Art zunächst etwas ratlos gegenüber steht.

Aber der junge Privatdetektiv ist viel gewitzter, als er aussieht. In seiner Wohnung hängen die Poster berühmter Filmdetektive, wie Robert Mitchum als Philip Marlowe und Humphrey Bogart als (natürlich) Philip Marlowe. Es ist unwahrscheinlich, dass der Detektiv, den einstmals Raymond Chandler kreiert hat, jemals bei einem Schachspiel mit essbaren Schokoladeschachfiguren mit seiner Freundin überrascht wurde. Während die von Chandler erfundenen Mannsbilder ein starkes Auftreten haben und Alkohol zum Alltag gehört, wird Jackie Kottwitz sogar von mäßigem Alkoholkonsum umgehauen. Aber wie sein Zusammensein mit der Komtesse zeigt, ist Jackie Kottwitz einfach zu höflich, um ein Getränk abzulehnen.

Die beiden hier an zweiter und dritter Stelle veröffentlichten Alben Die Komtesse und Der Brief bilden einen Zweiteiler. Es geht außerdem sehr familiär weiter, obwohl es zu Beginn wieder einmal nach einer ganz anderen Richtung aussieht. Jackie Kottwitz findet auf dem Flohmarkt ein kleines Gemälde, das er wieder besseres Wissen für zu viel Geld ersteht, nur um festzustellen, dass es einen weitaus höheren Wert haben könnte. Aber, wie kommt ein derartig kostbares Gemälde auf einen Flohmarkt?

Orca nennt sich der Maler, der Jackie Kottwitz bislang unbekannt ist. Autor und Zeichner Alain Dodier hat als künstlerische Vorlage für den künstlerischen Stil des fiktiven Malers die verstorbene Künstlerin Tamara de Lempicka herangezogen. In der klaren Linie fallen die kleinen Gemälde, zwei werden gezeigt, außerordentlich durch die Verspieltheit des Art Deco auf. Die abgebildeten Frauen haben einen wuchtigen, statuenhaften Charakter und lenken den Blick durch einen sehr kühlen Ausdruck auf sich. Die Recherche nach dem Maler durch den jungen Privatdetektiv führt zur Komtesse und einmal mehr in einen Fall, in den Jackie Kottwitz nach Art der schwarzen Serie viel zu eng verstreckt wird.

Mit seiner klaren Linie gelingen Alain Dodier wunderbare Portraits. Die große Individualität seiner Zeichnungen findet sich in den Charakterbeschreibungen wieder. Originell sind weiterhin die Entwicklungen der Krimis mit Jackie Kottwitz, die mit den vorliegenden drei Fällen (bzw. einer und ein doppelter) von Alain Dodier komplett gestaltet, geschrieben und gezeichnet wurden. In der letzten Geschichte, Der Brief, fällt Jackies Freundin Babette eine größere Rolle zu, die sie so gut ausfüllt, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob da nicht einmal ein Spin-off für Alain Dodier interessant wäre … Tolle Krimis, mehr Georges Simenon als Raymond Chandler. 🙂

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Samstag, 09. April 2016

I.R.$. 15 – Das Geschäft mit dem Tod

Filed under: Thriller — Michael um 18:09

I.R.$. 15 - Das Geschäft mit dem TodSkrupellose Waffenhändler scheffeln Millionen über Millionen Dollar. Für Larry Max sind diese dunklen Geschäfte bereits Grund genug für den Internal Revenue Service, die Steuerbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika, zu ermitteln. Kaum hat Larry Max eine Spur aufgenommen, wird er auch schon von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Dabei handelt es sich um einen Fehler, denn Larry Max, das hat er seit langem bewiesen, lässt sich nicht von einer einmal aufgenommenen Spur abbringen. Wie sehr das die Menschen um ihn herum in Mitleidenschaft zieht, übersieht der amerikanische Finanzbeamte oft. So auch diesmal …

Stephen Desberg hat sich mit weltweiten Waffengeschäften ein gleichermaßen höchst aktuelles wie auch zeitloses Thema für die Serie I.R.$. gesucht. Woher kommen die verkauften Waffen? Wer verdient daran? Wie werden sie transportiert? Die Hauptfigur des Larry Max (siehe Titelbild) hatte schon viele gefährliche Fälle. Das Geschäft mit dem Tod ist der Titel der 15. Episode, hier Teil 1 eines Zweiteilers, ein Konzept, das sich durch die gesamte Reihe zieht. Larry Max hadert immer noch ein wenig mit der eigenen Vergangenheit, hat diese personell auch noch im Schlepptau, aber langsam entwirren sich die Knoten.

Das Geschäft mit dem Tod ist von den beiden Comic-Künstlern Bernard Vranken und Daniel Koller realistisch zu Papier gebracht worden. Das Szenario bewegt sich in menschlichen Abgründen, diese sind aber von Autor Stephen Desberg in der gesellschaftlichen Oberschicht platziert worden. Die Sonne strahlt über Kalifornien, man fährt große und teure Automobile, protzt ungeniert mit seinem Wohlstand. Optische Ausflüge in den Schmutz sind so gut wie nicht vorhanden. Umso deutlicher ist der von Vranken und Koller gezeichnete Gegensatz, wenn in dieser Traumurlaubumgebung plötzlich die Waffen sprechen.

Der Gentleman unter den Thriller-Helden: Larry Max. Er hat Emotionen, das steht außer Frage, sein einstiger Rachefeldzug ist ein guter Beleg dafür. Aber Larry Max flüchtet sich nicht in unkontrollierte Gefühlsbekundungen. Naturgebräunt und mit silbrigem Kurzhaar ziehen sich allenfalls die Augenbrauen kraus. Mehr gestattet er sich nicht im Gegensatz zu anderen Figuren, die ihren Gefühlen wie Panik, Verzweiflung oder Wut auch optisch freien Lauf lassen. Larry Max macht von der Schusswaffe Gebrauch, aber er ist in dieser Geschichte bislang kein Action-Held. Stephen Desberg bringt die Gefahr langsam zum Kochen.

Und es gelingt dem Autoren wieder einmal einen fiesen Cliffhanger einzubauen, genau da abzubrechen, wo der Leser zig Fragen hat, die aufgebaute Gefahr explodiert und man immerhin weiß, dass hier erst die Spitze des Eisberges zu sehen ist. Denn mit dem Cliffhanger geht zudem eine gehörige Überraschung einher.

Der Auftakt zu einem neuen Zweiteiler aus der Reihe I.R.$. Stephen Desberg hat sich noch nie ein unmögliches Szenario ausgedacht, aber selten hat er sich so nah an die Realität begeben wie hier. Die Serie hält ihr hohes erzählerisches Niveau. Stephen Desberg beherrscht das Spiel mit dem stetig wachsenden Spannungslevel inzwischen aus dem FF. Sehr gut. Auch für Serieneinsteiger. 🙂

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Donnerstag, 07. April 2016

DANGER GIRL – THE CHASE

Filed under: Thriller — Michael um 10:07

DANGER GIRL - THE CHASEEin Koffer unbekannten Inhalts soll in Sicherheit gebracht werden. Obwohl die wenigsten genau über die Fracht Bescheid wissen, ist das Interesse an dem Gepäckstück enorm. Im Gewimmel auf den Straßen von Shanghai ist die Ausführung schwer zu bewerkstelligen. Die vielen Menschen helfen dabei, sich vor der Zielperson zu verbergen. Anders herum weiß der Gegner das Getümmel gut für sich zu nutzen. Die DANGER GIRLS, Abey Chase und die beiden Schwestern Sonja und Sydney Savage, haben es trotz ihrer Fertigkeiten und Erfahrungen nicht leicht mit der Fremden fertig zu werden, die rücksichtsloser und mit deutlich mehr Unterstützung im Hintergrund ihren Auftrag abwickelt.

Ein geheimnisvoller Koffer mit bemerkenswertem Inhalt, der außergewöhnliches Potential offenbart. Kaum ist das Behältnis undicht, werden die Elemente entfesselt. Die DANGER GIRLS sind wieder da. Eine scheinbar einfach definierte Aufgabe wird zum Spießrutenlaufen in einer Millionenmetropole. Andy Hartnell hat dieses Abenteuer ohne seinen Co-Erfinder der Reihe J. Scott Campbell zu Papier gebracht und einen neuen Zeichner engagiert. Harvey Tolibao gehört zu den Vertretern eines ätherischen Zeichenstils, der ungeheuer zerbrechlich wirkend daher kommt und eine regelrechte Grazie ausstrahlt.

Diese Grazie ist genau richtig platziert, denn die Reihe DANGER GIRL weiß nicht nur weiblichen Agenten zu protzen, wie es einst Charlies Engel taten. Das andere, weitaus gewichtigere Augenmerk liegt auf einer ausgefeilten Choreographie von rasanter Action. Von Anfang an hat sich die Reihe DANGER GIRL aus einer Serie von Events zusammengesetzt. Neueinsteiger sind stets willkommen, auch hier. THE CHASE, das vorliegende Abenteuer, nimmt den Leser mit auf eine kleine Rundreise durch das exotische Shanghai, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ob beabsichtigt oder nicht, so wird der Action-versierte Leser sicherlich die eine oder andere Parallele zu bekannten Blockbustern feststellen. Das war von der ersten Seite der Reihe an ein Markenzeichen der DANGER GIRLS.

Indiana Jones, James Bond, die besagten Engel, sie alle standen Pate für diese Serie, die sich inzwischen ordentlich weiterentwickelt hat und gestandene Hauptfiguren besitzt. In den Jagden über die chinesischen Straßen mag man Anleihen bei Bond und Terminator finden. (Und ein wenig Pulp Fiction, wo es auch einen Koffer gab, von dem niemand so recht wusste, was es mit seinem Inhalt auf sich hat.) Die Gegnerin des Teams könnte in früheren Zeiten von einer Caroline Munro gespielt worden sein, oder neuzeitlicher von einer Michelle Yeoh. Natürlich sind die DANGER GIRLS deutlich überirdischer in körperlicher Form und Fitness. Dan Panosian, Zeichner des Titelbilds, versucht da realistischer zu bleiben.

Aber Übertreibungen haben auch bei Zeichner Harvey Tolibao eine Grenze. Silicon Valerie ist zwar hübsch, aber ebenfalls das Superhirn der Truppe. Ihr Einsatz, mehr im Feld als sonst, erfolgt diesmal am Steuer eines VW Bully der ersten Generation. Das ist vor den Action-Kapriolen, den Überschlägen, den Explosionen, der High-Tech ein optisch nostalgisches Schmankerl. Ganz nebenbei sorgt Silicon Valerie ähnlich wie das Technik-As Boz aus der Serie Trio mit vier Fäusten.

DANGER GIRLS sind grundsätzlich Kinoblockbuster im Comic-Format. Hier fetzt es, auch THE CHASE hält diese Tradition aufrecht. Die seit Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in loser Folge erzählten Agentenabenteuer haben es nach wie vor in sich und spielen gerne, grafisch auf jeden Fall, mit den jeweils technischen Möglichkeiten. Action erster Klasse. 🙂

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Samstag, 19. März 2016

MISTER GEORGE 1 – SELBY

Filed under: Thriller — Michael um 15:41

MISTER GEORGE 1 - SELBYGeorge führt ein gemütliches Leben in Selby, wo jeder jeden kennt. Die Leute sind sehr zufrieden mit ihm und seiner Arbeit. George hat ein Händchen für Autos. Seine Reparaturwerkstatt läuft gut. Seine Frau ist ein Schatz, sein Schwiegervater ist ein guter Freund. Alles wäre in Ordnung, gäbe es nicht immer noch diese Nachwirkungen von der Gehirnoperation. Das kleine Städtchen Selby im Bundesstaat Pennsylvania ist scheinbar alles, was George kennt. Mit der Operation sind viele Eindrücke und Erinnerungen einfach verschwunden. Sein Schwiegervater ist ebenfalls sein behandelnder Arzt. Der Freund macht ihm Mut. Dennoch stimmt es etwas nicht. George weiß es instinktiv …

Thriller in der amerikanischen Kleinstadt. Die vermeintliche Idylle hat schon so manchen Autor inspiriert und ist im Comic eher seltener zu finden, obwohl ein Blick hinter die Fassade dort so viel zu bieten hat. Hier gehen Serge Le Tendre und Rodolphe diesen Weg. Le Tendre, hierzulande bekannt für seine Arbeiten an Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit oder Golias, hat ein breites Themenspektrum bereits mehr als nur unter Beweis gestellt. Sein Gang in Richtung Thriller ist eher ungewöhnlich, zeigt aber auch, dass die Zutaten einer Geschichte, ganz gleich welchen Genres, sich stets sehr ähneln. Rodolphe, als Co-Autor, hat mit Le Tendre die Anlage ausgeklügelter Szenarien gemeinsam. Der Leser kennt ihn hier bereits durch seine Arbeiten an Kenya und Trent.

Mister George muss man mögen. Die Hauptfigur der beiden Szenaristen ist durch und durch sympathisch. Mister George wähnt sich selbst als Glückspilz, weil er trotz seines Schicksals, einem Teilverlust seines Gedächtnisses, in guter Hut ist. Anders als andere Charaktere aus Comic, Literatur und Film geschieht auch nichts Dramatisches, weshalb er sich über eine mögliche Vergangenheit aufregen müsste. Nein, die Zweifel kommen hier schleichend. Der Leser weiß etwas mehr als Mister George, dennoch muss er angesichts der Charaktereigenschaften zweifeln, ob die Informationen wirklich stimmen. Als Comic-Partner bekommt der Leser dazu die Figur der Journalistin Jennifer Lee beiseite gestellt, die damit beginnt, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

Hugues Labiano, Zeichner, gibt der amerikanischen Kleinstadt ein Gesicht. Mister George selbst hat einen gewissen indianischen Einschlag. In den übrigen Figuren finden sich Individualität und lebendige Merkmale. Die Strichführung ist zart. Labiano zeigte zuvor schon mit Dixie Road, wie sehr er es versteht, ein amerikanisches Ambiente auf Comic-Seiten zu bannen. In Selby, dem Ur-Typus einer Kleinstadt im Ostküstenstaat Pennsylvania, ist das Auftauchen eines fremden Wagens ein Ereignis. Verkehrsstaus kennt man hier nicht. Selby wirkt wie ein Open-Air-Museum uramerikanischer Lebensart. Zur Komplettierung der perfekten Idylle gesellt sich noch das rotgoldene Blattwerk eines Indian Summer.

Frauenpower aus der Kleinstadt. Mit Jennifer Lee tritt eine journalistische Schnüfflerin auf, äußerlich sehr modern, tough, ausgestattet mit dem Rauchverhalten eines 50er Jahre Macho-Detektivs. Wer in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einen amerikanischen Film im Kino sah, stieß zwangsläufig auf einen VW Käfer (manchmal auch immer wieder auf denselben, weil dieser im Kreis zu fahren schien oder an den unmöglichsten Stellen immer aufs Neue geparkt wurde). Lees fahrbarer Untersatz, eben ein VW-Käfer, wirkt wie eine Reminiszenz vor dem Hintergrund des Kleinstadt-Flairs. Und es passt zu einer Atmosphäre, die den Leser nicht mit Action, sondern mit der kontinuierlichen Entblätterung von Geheimnissen voran zieht.

Der erste von zwei Teilen, sehr schön von Serge Le Tendre und Rodolphe aufbereitet, sehr nah an den beiden Hauptfiguren inszeniert, gefühlvoll von Hugues Labiano gezeichnet. Eine schöne Thrillerüberraschung, endlich auf dem deutschen Markt. 🙂

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Mittwoch, 02. Dezember 2015

WALLMAN 1

Filed under: Thriller — Michael um 19:12

WALLMAN 1Jiro Sorashima hatte einmal einen anderen Namen, der in bestimmten Kreisen voller Ehrfurcht genannt wurde: Master Kuu. Nachdem einem emotionalen Tiefschlag hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen und lebt nun als Tagträumer bei dem Mangazeichner Takashi Kubota. Um die Haushaltskasse aufzubessern, muss ein weiterer Mitbewohner her. Dieser … genauer gesagt, diese findet sich in der Gestalt der überaus attraktiven Koreanerin Nami. Die junge Frau hat kein Problem damit, mit zwei, ihrer Meinung nach, senilen, alten Männern zusammenzuziehen. Zwar schauen die beiden Mitbewohner ihr regelmäßig auf irgendwelche Körperteile, aber Nami stört es nicht weiter, präsentiert sie sich doch ganz gerne und spielt mit den beiden. Außerdem glaubt sie, die beiden gut in ihre Schranken weisen zu können, immerhin ist sie eine ausgebildete Killerin.

BOICHI hat eine neue Art von Auftragskiller kreiert und zwar den WALLMAN. Wallmen kommen nicht einfach so durch die Tür. Wallmen seilen sich mit Vorliebe aus luftiger Höhe, an Wolkenkratzern ab. Eine eigens dafür erfundene Vorrichtung lässt sie mit der Geschwindigkeit von Bungeejumpern an den Fassaden in die Tiefe rasen, artistisch präzise und jederzeit tödlich. Rasanz ist neben Action, einer Prise Erotik und einer größeren Portion Humor eines der großen Stichwörter dieses Thrillers.

Das Trio der Wohnungsgemeinschaft könnte gleich zu Beginn die Welt aus den Angeln heben, gäbe es nicht ein paar Probleme. Der ehemalige Killer Jiro will nicht mehr in seinen alten Job zurück. Nami ist bei weitem nicht so gut in in ihrem Job, wie sie so vollmundig verkündet hat. Nur Takashi ist zu vertrauen und eine prima Rückendeckung. So durchtrainiert wie auf dem Titelbild ist Jiro zunächst nicht. Und zur Rückkehr in sein früheres Leben zwingen ihn die Umstände. Immerhin, obwohl um die Taille herum deutlich in die Breite gegangen, hat er nichts von seinem Können verlernt.

Stichwort: Rasanz. Autor und Zeichner BOICHI hat nach eigener Aussage in Korea eine Schule für Regisseure und Stuntmen besucht, um für die Action-Sequenzen einen besseren Hintergrund zu haben. Ob ihm das gelungen ist? Und ob! Die erste Szene, die Jiro und Takashi gemeinsam bestreiten, ist bereits ein Kracher, aber nur der Appetizer für die folgende Achterbahnfahrt, die in der zweiten Hälfte unaufhaltsam wird. Dank einiger Schl?sselszenen wird Jiro auf den alten Pfad zurückgeführt. Es ist Namis Selbstüberschätzung, die Jiro zum Eingreifen zwingt und alte Rachegelüste weckt. Die Szenen besitzen die Geschwindigkeit und Wucht der neueren Mission Impossible Blockbuster und hat auch ihre Kameraführung.

Erotik und Humor gehen häufig Hand in Hand. Nami versucht Jiro aus der Reserve zu locken. Jiro widersteht der Versuchung. Takashi muss sich ebenfalls mit Zuschauen begnügen. Letzterer ist eine Art japanischer Cheech Marin (u. a. Machete), immer zu Späßen aufgelegt und in Kämpfen knallhart. Nami verkraftet die zahlreichen Blicke unter ihren Rock, auf den Slip, auf den Hintern tapfer und teilt ebenso hart aus wie die Männer. BOICHI trifft grafisch jeden Charakter mit dem Blick eines Regisseurs und der Meisterschaft des versierten Zeichners. Nach der Einführung der drei Hauptcharaktere können die Gegenspieler, die Gangster-Clans, durch ein besonders fieses Design überzeugen.

Krieger der Großstadt: Die Umgebung spielt keine unbedeutende Rolle. Sieht man einmal von der erschöpfend realistisch gestalteten Umgebung ab, bietet die Einbindung der Helden in diese Kulisse oft optische Knaller. Einer der tollsten (hier ist ein guter Vergleich zu MI zu finden) findet sich im ersten Einsatz der beiden Wallmen, Jiro und Nakami.

Blockbuster-Manga: Anders lässt es sich nicht sagen. Wer hierzulande Kinogranaten aus den Reihen Mission Impossible oder The Fast And The Furious mag, Action wie Machete nicht scheut, perfekt realistische Zeichnungen in Thrillern als Muss ansieht, kann nicht anders, als hier zuzugreifen. 🙂

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