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Comic Blog


Sonntag, 15. Mai 2016

JACKIE KOTTWITZ – Band 5

Filed under: Thriller — Michael um 18:10

JACKIE KOTTWITZ - Band 5Ein erfolgreicher Star aus Las Vegas kehrt zu seinen Wurzeln nach Paris zurück und findet Unterschlupf in einer Gegend, in der weibliche Entertainer selten anzutreffen sind, nämlich in der näheren Umgebung von Jackie Kottwitz. Das mischt die Nachbarschaft mit ein wenig Glamour ordentlich auf. Gleichzeitig wird der Privatdetektiv mit dem wohl für diesen Beruf am wenigsten geeigneten Fahrzeug (einer Solex) von einem unbekannten Anrufer auf einen neuen Fall angesetzt. Völlig unerwartet geht es sehr bald schon um alles. Jackie Kottwitz, ein Mensch, dessen Fälle ihm über kurz oder lang ziemlich nah gehen, muss sich diesmal sehr beeilen, will er einem bestimmten Menschen das Leben retten.

Die Geschichten um den jungen Privatdetektiven sind für mich zu einem ganz besonderen Tipp innerhalb des Comic-Krimis geworden. Alain Dodier entwirft immer neue Erzählmuster und taucht mit dem Leser zusammen schön in die normale menschliche Gesellschaft ab, abseits von Adelsgeschlechtern, Hochfinanz, Intellektuellen, Freaks oder was sonst gerne dazu herhalten muss, um dem Genre Krimi eine scheinbar pfiffige Note zu geben. Detektiv Jackie Kottwitz findet die kleinen und großen Geheimnisse hinter den gewöhnlichen Fassaden, an denen man als Leser tagtäglich vorüber geht, ohne weiter darüber nachzudenken.

In Der Pakt bekommt es Jackie Kottwitz mit einem scheinbar simplen Problemfall zu tun. Ein Kanarienvogel wurde erschossen. Die Umgegend sieht äußerst harmlos aus, bis der Privatdetektiv auf einen Jungen stößt, der überfürsorglich behandelt wird und sich in eine Enge gedrängt fühlt, aus der er immer wieder aufs Neue auszubrechen sucht. Langsam entsteht aus dem simplen Fall das Finale eines Familiendramas, dem Jackie Kottwitz auf seine zurückhaltende Art zunächst etwas ratlos gegenüber steht.

Aber der junge Privatdetektiv ist viel gewitzter, als er aussieht. In seiner Wohnung hängen die Poster berühmter Filmdetektive, wie Robert Mitchum als Philip Marlowe und Humphrey Bogart als (natürlich) Philip Marlowe. Es ist unwahrscheinlich, dass der Detektiv, den einstmals Raymond Chandler kreiert hat, jemals bei einem Schachspiel mit essbaren Schokoladeschachfiguren mit seiner Freundin überrascht wurde. Während die von Chandler erfundenen Mannsbilder ein starkes Auftreten haben und Alkohol zum Alltag gehört, wird Jackie Kottwitz sogar von mäßigem Alkoholkonsum umgehauen. Aber wie sein Zusammensein mit der Komtesse zeigt, ist Jackie Kottwitz einfach zu höflich, um ein Getränk abzulehnen.

Die beiden hier an zweiter und dritter Stelle veröffentlichten Alben Die Komtesse und Der Brief bilden einen Zweiteiler. Es geht außerdem sehr familiär weiter, obwohl es zu Beginn wieder einmal nach einer ganz anderen Richtung aussieht. Jackie Kottwitz findet auf dem Flohmarkt ein kleines Gemälde, das er wieder besseres Wissen für zu viel Geld ersteht, nur um festzustellen, dass es einen weitaus höheren Wert haben könnte. Aber, wie kommt ein derartig kostbares Gemälde auf einen Flohmarkt?

Orca nennt sich der Maler, der Jackie Kottwitz bislang unbekannt ist. Autor und Zeichner Alain Dodier hat als künstlerische Vorlage für den künstlerischen Stil des fiktiven Malers die verstorbene Künstlerin Tamara de Lempicka herangezogen. In der klaren Linie fallen die kleinen Gemälde, zwei werden gezeigt, außerordentlich durch die Verspieltheit des Art Deco auf. Die abgebildeten Frauen haben einen wuchtigen, statuenhaften Charakter und lenken den Blick durch einen sehr kühlen Ausdruck auf sich. Die Recherche nach dem Maler durch den jungen Privatdetektiv führt zur Komtesse und einmal mehr in einen Fall, in den Jackie Kottwitz nach Art der schwarzen Serie viel zu eng verstreckt wird.

Mit seiner klaren Linie gelingen Alain Dodier wunderbare Portraits. Die große Individualität seiner Zeichnungen findet sich in den Charakterbeschreibungen wieder. Originell sind weiterhin die Entwicklungen der Krimis mit Jackie Kottwitz, die mit den vorliegenden drei Fällen (bzw. einer und ein doppelter) von Alain Dodier komplett gestaltet, geschrieben und gezeichnet wurden. In der letzten Geschichte, Der Brief, fällt Jackies Freundin Babette eine größere Rolle zu, die sie so gut ausfüllt, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob da nicht einmal ein Spin-off für Alain Dodier interessant wäre … Tolle Krimis, mehr Georges Simenon als Raymond Chandler. 🙂

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Samstag, 09. April 2016

I.R.$. 15 – Das Geschäft mit dem Tod

Filed under: Thriller — Michael um 18:09

I.R.$. 15 - Das Geschäft mit dem TodSkrupellose Waffenhändler scheffeln Millionen über Millionen Dollar. Für Larry Max sind diese dunklen Geschäfte bereits Grund genug für den Internal Revenue Service, die Steuerbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika, zu ermitteln. Kaum hat Larry Max eine Spur aufgenommen, wird er auch schon von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen. Dabei handelt es sich um einen Fehler, denn Larry Max, das hat er seit langem bewiesen, lässt sich nicht von einer einmal aufgenommenen Spur abbringen. Wie sehr das die Menschen um ihn herum in Mitleidenschaft zieht, übersieht der amerikanische Finanzbeamte oft. So auch diesmal …

Stephen Desberg hat sich mit weltweiten Waffengeschäften ein gleichermaßen höchst aktuelles wie auch zeitloses Thema für die Serie I.R.$. gesucht. Woher kommen die verkauften Waffen? Wer verdient daran? Wie werden sie transportiert? Die Hauptfigur des Larry Max (siehe Titelbild) hatte schon viele gefährliche Fälle. Das Geschäft mit dem Tod ist der Titel der 15. Episode, hier Teil 1 eines Zweiteilers, ein Konzept, das sich durch die gesamte Reihe zieht. Larry Max hadert immer noch ein wenig mit der eigenen Vergangenheit, hat diese personell auch noch im Schlepptau, aber langsam entwirren sich die Knoten.

Das Geschäft mit dem Tod ist von den beiden Comic-Künstlern Bernard Vranken und Daniel Koller realistisch zu Papier gebracht worden. Das Szenario bewegt sich in menschlichen Abgründen, diese sind aber von Autor Stephen Desberg in der gesellschaftlichen Oberschicht platziert worden. Die Sonne strahlt über Kalifornien, man fährt große und teure Automobile, protzt ungeniert mit seinem Wohlstand. Optische Ausflüge in den Schmutz sind so gut wie nicht vorhanden. Umso deutlicher ist der von Vranken und Koller gezeichnete Gegensatz, wenn in dieser Traumurlaubumgebung plötzlich die Waffen sprechen.

Der Gentleman unter den Thriller-Helden: Larry Max. Er hat Emotionen, das steht außer Frage, sein einstiger Rachefeldzug ist ein guter Beleg dafür. Aber Larry Max flüchtet sich nicht in unkontrollierte Gefühlsbekundungen. Naturgebräunt und mit silbrigem Kurzhaar ziehen sich allenfalls die Augenbrauen kraus. Mehr gestattet er sich nicht im Gegensatz zu anderen Figuren, die ihren Gefühlen wie Panik, Verzweiflung oder Wut auch optisch freien Lauf lassen. Larry Max macht von der Schusswaffe Gebrauch, aber er ist in dieser Geschichte bislang kein Action-Held. Stephen Desberg bringt die Gefahr langsam zum Kochen.

Und es gelingt dem Autoren wieder einmal einen fiesen Cliffhanger einzubauen, genau da abzubrechen, wo der Leser zig Fragen hat, die aufgebaute Gefahr explodiert und man immerhin weiß, dass hier erst die Spitze des Eisberges zu sehen ist. Denn mit dem Cliffhanger geht zudem eine gehörige Überraschung einher.

Der Auftakt zu einem neuen Zweiteiler aus der Reihe I.R.$. Stephen Desberg hat sich noch nie ein unmögliches Szenario ausgedacht, aber selten hat er sich so nah an die Realität begeben wie hier. Die Serie hält ihr hohes erzählerisches Niveau. Stephen Desberg beherrscht das Spiel mit dem stetig wachsenden Spannungslevel inzwischen aus dem FF. Sehr gut. Auch für Serieneinsteiger. 🙂

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Donnerstag, 07. April 2016

DANGER GIRL – THE CHASE

Filed under: Thriller — Michael um 10:07

DANGER GIRL - THE CHASEEin Koffer unbekannten Inhalts soll in Sicherheit gebracht werden. Obwohl die wenigsten genau über die Fracht Bescheid wissen, ist das Interesse an dem Gepäckstück enorm. Im Gewimmel auf den Straßen von Shanghai ist die Ausführung schwer zu bewerkstelligen. Die vielen Menschen helfen dabei, sich vor der Zielperson zu verbergen. Anders herum weiß der Gegner das Getümmel gut für sich zu nutzen. Die DANGER GIRLS, Abey Chase und die beiden Schwestern Sonja und Sydney Savage, haben es trotz ihrer Fertigkeiten und Erfahrungen nicht leicht mit der Fremden fertig zu werden, die rücksichtsloser und mit deutlich mehr Unterstützung im Hintergrund ihren Auftrag abwickelt.

Ein geheimnisvoller Koffer mit bemerkenswertem Inhalt, der außergewöhnliches Potential offenbart. Kaum ist das Behältnis undicht, werden die Elemente entfesselt. Die DANGER GIRLS sind wieder da. Eine scheinbar einfach definierte Aufgabe wird zum Spießrutenlaufen in einer Millionenmetropole. Andy Hartnell hat dieses Abenteuer ohne seinen Co-Erfinder der Reihe J. Scott Campbell zu Papier gebracht und einen neuen Zeichner engagiert. Harvey Tolibao gehört zu den Vertretern eines ätherischen Zeichenstils, der ungeheuer zerbrechlich wirkend daher kommt und eine regelrechte Grazie ausstrahlt.

Diese Grazie ist genau richtig platziert, denn die Reihe DANGER GIRL weiß nicht nur weiblichen Agenten zu protzen, wie es einst Charlies Engel taten. Das andere, weitaus gewichtigere Augenmerk liegt auf einer ausgefeilten Choreographie von rasanter Action. Von Anfang an hat sich die Reihe DANGER GIRL aus einer Serie von Events zusammengesetzt. Neueinsteiger sind stets willkommen, auch hier. THE CHASE, das vorliegende Abenteuer, nimmt den Leser mit auf eine kleine Rundreise durch das exotische Shanghai, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ob beabsichtigt oder nicht, so wird der Action-versierte Leser sicherlich die eine oder andere Parallele zu bekannten Blockbustern feststellen. Das war von der ersten Seite der Reihe an ein Markenzeichen der DANGER GIRLS.

Indiana Jones, James Bond, die besagten Engel, sie alle standen Pate für diese Serie, die sich inzwischen ordentlich weiterentwickelt hat und gestandene Hauptfiguren besitzt. In den Jagden über die chinesischen Straßen mag man Anleihen bei Bond und Terminator finden. (Und ein wenig Pulp Fiction, wo es auch einen Koffer gab, von dem niemand so recht wusste, was es mit seinem Inhalt auf sich hat.) Die Gegnerin des Teams könnte in früheren Zeiten von einer Caroline Munro gespielt worden sein, oder neuzeitlicher von einer Michelle Yeoh. Natürlich sind die DANGER GIRLS deutlich überirdischer in körperlicher Form und Fitness. Dan Panosian, Zeichner des Titelbilds, versucht da realistischer zu bleiben.

Aber Übertreibungen haben auch bei Zeichner Harvey Tolibao eine Grenze. Silicon Valerie ist zwar hübsch, aber ebenfalls das Superhirn der Truppe. Ihr Einsatz, mehr im Feld als sonst, erfolgt diesmal am Steuer eines VW Bully der ersten Generation. Das ist vor den Action-Kapriolen, den Überschlägen, den Explosionen, der High-Tech ein optisch nostalgisches Schmankerl. Ganz nebenbei sorgt Silicon Valerie ähnlich wie das Technik-As Boz aus der Serie Trio mit vier Fäusten.

DANGER GIRLS sind grundsätzlich Kinoblockbuster im Comic-Format. Hier fetzt es, auch THE CHASE hält diese Tradition aufrecht. Die seit Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in loser Folge erzählten Agentenabenteuer haben es nach wie vor in sich und spielen gerne, grafisch auf jeden Fall, mit den jeweils technischen Möglichkeiten. Action erster Klasse. 🙂

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Samstag, 19. März 2016

MISTER GEORGE 1 – SELBY

Filed under: Thriller — Michael um 15:41

MISTER GEORGE 1 - SELBYGeorge führt ein gemütliches Leben in Selby, wo jeder jeden kennt. Die Leute sind sehr zufrieden mit ihm und seiner Arbeit. George hat ein Händchen für Autos. Seine Reparaturwerkstatt läuft gut. Seine Frau ist ein Schatz, sein Schwiegervater ist ein guter Freund. Alles wäre in Ordnung, gäbe es nicht immer noch diese Nachwirkungen von der Gehirnoperation. Das kleine Städtchen Selby im Bundesstaat Pennsylvania ist scheinbar alles, was George kennt. Mit der Operation sind viele Eindrücke und Erinnerungen einfach verschwunden. Sein Schwiegervater ist ebenfalls sein behandelnder Arzt. Der Freund macht ihm Mut. Dennoch stimmt es etwas nicht. George weiß es instinktiv …

Thriller in der amerikanischen Kleinstadt. Die vermeintliche Idylle hat schon so manchen Autor inspiriert und ist im Comic eher seltener zu finden, obwohl ein Blick hinter die Fassade dort so viel zu bieten hat. Hier gehen Serge Le Tendre und Rodolphe diesen Weg. Le Tendre, hierzulande bekannt für seine Arbeiten an Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit oder Golias, hat ein breites Themenspektrum bereits mehr als nur unter Beweis gestellt. Sein Gang in Richtung Thriller ist eher ungewöhnlich, zeigt aber auch, dass die Zutaten einer Geschichte, ganz gleich welchen Genres, sich stets sehr ähneln. Rodolphe, als Co-Autor, hat mit Le Tendre die Anlage ausgeklügelter Szenarien gemeinsam. Der Leser kennt ihn hier bereits durch seine Arbeiten an Kenya und Trent.

Mister George muss man mögen. Die Hauptfigur der beiden Szenaristen ist durch und durch sympathisch. Mister George wähnt sich selbst als Glückspilz, weil er trotz seines Schicksals, einem Teilverlust seines Gedächtnisses, in guter Hut ist. Anders als andere Charaktere aus Comic, Literatur und Film geschieht auch nichts Dramatisches, weshalb er sich über eine mögliche Vergangenheit aufregen müsste. Nein, die Zweifel kommen hier schleichend. Der Leser weiß etwas mehr als Mister George, dennoch muss er angesichts der Charaktereigenschaften zweifeln, ob die Informationen wirklich stimmen. Als Comic-Partner bekommt der Leser dazu die Figur der Journalistin Jennifer Lee beiseite gestellt, die damit beginnt, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

Hugues Labiano, Zeichner, gibt der amerikanischen Kleinstadt ein Gesicht. Mister George selbst hat einen gewissen indianischen Einschlag. In den übrigen Figuren finden sich Individualität und lebendige Merkmale. Die Strichführung ist zart. Labiano zeigte zuvor schon mit Dixie Road, wie sehr er es versteht, ein amerikanisches Ambiente auf Comic-Seiten zu bannen. In Selby, dem Ur-Typus einer Kleinstadt im Ostküstenstaat Pennsylvania, ist das Auftauchen eines fremden Wagens ein Ereignis. Verkehrsstaus kennt man hier nicht. Selby wirkt wie ein Open-Air-Museum uramerikanischer Lebensart. Zur Komplettierung der perfekten Idylle gesellt sich noch das rotgoldene Blattwerk eines Indian Summer.

Frauenpower aus der Kleinstadt. Mit Jennifer Lee tritt eine journalistische Schnüfflerin auf, äußerlich sehr modern, tough, ausgestattet mit dem Rauchverhalten eines 50er Jahre Macho-Detektivs. Wer in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einen amerikanischen Film im Kino sah, stieß zwangsläufig auf einen VW Käfer (manchmal auch immer wieder auf denselben, weil dieser im Kreis zu fahren schien oder an den unmöglichsten Stellen immer aufs Neue geparkt wurde). Lees fahrbarer Untersatz, eben ein VW-Käfer, wirkt wie eine Reminiszenz vor dem Hintergrund des Kleinstadt-Flairs. Und es passt zu einer Atmosphäre, die den Leser nicht mit Action, sondern mit der kontinuierlichen Entblätterung von Geheimnissen voran zieht.

Der erste von zwei Teilen, sehr schön von Serge Le Tendre und Rodolphe aufbereitet, sehr nah an den beiden Hauptfiguren inszeniert, gefühlvoll von Hugues Labiano gezeichnet. Eine schöne Thrillerüberraschung, endlich auf dem deutschen Markt. 🙂

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Mittwoch, 02. Dezember 2015

WALLMAN 1

Filed under: Thriller — Michael um 19:12

WALLMAN 1Jiro Sorashima hatte einmal einen anderen Namen, der in bestimmten Kreisen voller Ehrfurcht genannt wurde: Master Kuu. Nachdem einem emotionalen Tiefschlag hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen und lebt nun als Tagträumer bei dem Mangazeichner Takashi Kubota. Um die Haushaltskasse aufzubessern, muss ein weiterer Mitbewohner her. Dieser … genauer gesagt, diese findet sich in der Gestalt der überaus attraktiven Koreanerin Nami. Die junge Frau hat kein Problem damit, mit zwei, ihrer Meinung nach, senilen, alten Männern zusammenzuziehen. Zwar schauen die beiden Mitbewohner ihr regelmäßig auf irgendwelche Körperteile, aber Nami stört es nicht weiter, präsentiert sie sich doch ganz gerne und spielt mit den beiden. Außerdem glaubt sie, die beiden gut in ihre Schranken weisen zu können, immerhin ist sie eine ausgebildete Killerin.

BOICHI hat eine neue Art von Auftragskiller kreiert und zwar den WALLMAN. Wallmen kommen nicht einfach so durch die Tür. Wallmen seilen sich mit Vorliebe aus luftiger Höhe, an Wolkenkratzern ab. Eine eigens dafür erfundene Vorrichtung lässt sie mit der Geschwindigkeit von Bungeejumpern an den Fassaden in die Tiefe rasen, artistisch präzise und jederzeit tödlich. Rasanz ist neben Action, einer Prise Erotik und einer größeren Portion Humor eines der großen Stichwörter dieses Thrillers.

Das Trio der Wohnungsgemeinschaft könnte gleich zu Beginn die Welt aus den Angeln heben, gäbe es nicht ein paar Probleme. Der ehemalige Killer Jiro will nicht mehr in seinen alten Job zurück. Nami ist bei weitem nicht so gut in in ihrem Job, wie sie so vollmundig verkündet hat. Nur Takashi ist zu vertrauen und eine prima Rückendeckung. So durchtrainiert wie auf dem Titelbild ist Jiro zunächst nicht. Und zur Rückkehr in sein früheres Leben zwingen ihn die Umstände. Immerhin, obwohl um die Taille herum deutlich in die Breite gegangen, hat er nichts von seinem Können verlernt.

Stichwort: Rasanz. Autor und Zeichner BOICHI hat nach eigener Aussage in Korea eine Schule für Regisseure und Stuntmen besucht, um für die Action-Sequenzen einen besseren Hintergrund zu haben. Ob ihm das gelungen ist? Und ob! Die erste Szene, die Jiro und Takashi gemeinsam bestreiten, ist bereits ein Kracher, aber nur der Appetizer für die folgende Achterbahnfahrt, die in der zweiten Hälfte unaufhaltsam wird. Dank einiger Schl?sselszenen wird Jiro auf den alten Pfad zurückgeführt. Es ist Namis Selbstüberschätzung, die Jiro zum Eingreifen zwingt und alte Rachegelüste weckt. Die Szenen besitzen die Geschwindigkeit und Wucht der neueren Mission Impossible Blockbuster und hat auch ihre Kameraführung.

Erotik und Humor gehen häufig Hand in Hand. Nami versucht Jiro aus der Reserve zu locken. Jiro widersteht der Versuchung. Takashi muss sich ebenfalls mit Zuschauen begnügen. Letzterer ist eine Art japanischer Cheech Marin (u. a. Machete), immer zu Späßen aufgelegt und in Kämpfen knallhart. Nami verkraftet die zahlreichen Blicke unter ihren Rock, auf den Slip, auf den Hintern tapfer und teilt ebenso hart aus wie die Männer. BOICHI trifft grafisch jeden Charakter mit dem Blick eines Regisseurs und der Meisterschaft des versierten Zeichners. Nach der Einführung der drei Hauptcharaktere können die Gegenspieler, die Gangster-Clans, durch ein besonders fieses Design überzeugen.

Krieger der Großstadt: Die Umgebung spielt keine unbedeutende Rolle. Sieht man einmal von der erschöpfend realistisch gestalteten Umgebung ab, bietet die Einbindung der Helden in diese Kulisse oft optische Knaller. Einer der tollsten (hier ist ein guter Vergleich zu MI zu finden) findet sich im ersten Einsatz der beiden Wallmen, Jiro und Nakami.

Blockbuster-Manga: Anders lässt es sich nicht sagen. Wer hierzulande Kinogranaten aus den Reihen Mission Impossible oder The Fast And The Furious mag, Action wie Machete nicht scheut, perfekt realistische Zeichnungen in Thrillern als Muss ansieht, kann nicht anders, als hier zuzugreifen. 🙂

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Samstag, 21. November 2015

FRANKA 10 – GANGSTERFILM

Filed under: Thriller — Michael um 11:59

FRANKA 10 - GANGSTERFILMFranka wollte nichts weiter, als einer Freundin einen Gefallen zu tun. Einen Abend lang den Kurierdienst übernehmen. Es hätte eine leichte Aufgabe sein können. Hätte Franka nicht neben diesem rosafarbenen Cadillac gehalten. Hätte Franka nicht das Telefongespräch angenommen. Hätte sie nicht … Aber Franka ist eben Franka. Sie kann einfach nicht anders und hilft, wo Not am Mann ist. Oder besser gesagt, an der Frau. Gloria Gold, der weibliche Star des Films Gangwar 55, ist in großen Schwierigkeiten. Echte Gangster schrecken vor nichts zurück, um ihrer habhaft zu werden. Darüber hinaus wird Frankas Freundin Marilla entführt. Eins führt zum anderen und bald kann Gloria Gold neben Franka beweisen, ob sie die Action auch im richtigen Leben hinbekommt.

Henk Kuijpers, der Meister des Wimmelbildes, begibt sich in die Welt des GANGSTERFILMs. Und Welten gibt es hier wirklich zu entdecken. Die wahre Welt besteht neben den Filmsets, teuren Inneneinrichtungen und miniaturisierten Kulissen. Was es alles auf den Seiten neben der eigentlichen Handlung zu entdecken gibt, ist immer aufs Neue ein Fest. Henk Kuijpers ist ein Garant für fragile Bilder, von einer tollen Fantasie getragen und technisch wie auf das Papier gestanzt. Hier gibt es keinerlei Fehler, keine Hast. In fein angelegten Perspektiven bildet er mit besonderer Leidenschaft Automobile ab, die gerade in einem 50er-Jahre Ambiente für eine schöne Atmosphäre sorgen.

Stilistisch hat Henk Kuijpers seine FRANKA-Optik gleich zu Beginn der Reihe gefunden und konsequent durchgehalten. Die Grafik, angelegt auch für kleinste Bilder, fängt das Auge ein und führt es mit seinen klaren Formen hervorragend durch die Szenen und Sequenzen. Amsterdam ist ein hervorragender Schauplatz mit seinen schmalen Straßen und Gassen, den Kanälen und der nächtlichen Atmosphäre, die von einem im Licht vieler Vergnügungsmöglichkeiten strahlenden Glanz getragen wird.

Die Parodie auf die Filmindustrie im Sinne von Hollywood, bei den Dreharbeiten der Fortsetzung von Gloria Golds Blockbuster, folgerichtig Gangwar 56 genannt, zündet mit der Dichte der Szenerie perfekt. Die demolierten Automobile, Paradebeispiele von amerikanischen Straßenkreuzern der 50er Jahre, würden, wäre es ein tatsächlicher Film, automobilen Enthusiasten Tränen in die Augen treiben. Die Handlung wird sehr flott vorangetrieben. Auch hier passt der Vergleich zum Film wieder, denn ein Zeitaufschub wird nicht geduldet. Wendung jagt auf Wendung. Seitenweise werden stets neue Kulissen präsentiert, schlägt FRANKA Kapriolen, flieht, ist auf der Jagd, prügelt sich und arbeitet detektivisch geschickt.

Die Auflösung des Falles ist logisch und erschöpfend. Weil Henk Kuijpers vielleicht etwas zu schnell war, gibt es anschließend noch eine Kurzgeschichte, Ehrlicher Eddy, kurz, knackig, mitten im Nachtleben, wo Franka sich in dieser Ausgabe am wohlsten zu fühlen scheint.

Eine Abenteuer mit dem besonderen Großstadtflair von Amsterdam und der perfekten Parodie auf die hollywoodsche Traumfabrik. Hier ist FRANKA am besten aufgehoben. Mit der gewohnten Perfektion von Henk Kuijpers zu Papier gebracht. Sehr schön. Empfehlenswert. Neueinsteiger könnten mit dieser Folge für die Serie Feuer fangen. 🙂

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Sonntag, 25. Oktober 2015

RUBINE – GESAMTAUSGABE 2 – KILLERJAGD

Filed under: Thriller — Michael um 15:23

RUBINE - GESAMTAUSGABE 2 - KILLERJAGDRubine ist eine knallharte Polizistin. Sie hat keinerlei Skrupel ihre Magnum einzusetzen, wenn es notwendig ist. Sie besitzt Einfühlungsvermögen, Intelligenz und in ihrem Job macht ihr so schnell keiner etwas vor. In ihrem Liebesleben sieht es ganz anders aus. Ein Date gestaltet sich als äußerst schwierig, die Umsetzung eines schönen Abends als holprig. Das Kleid will nicht richtig sitzen. Der Kavalier ist eigentlich auch nicht ihre Kragenweite, zumal er von einem Rendezvous und dessen Ablauf andere Vorstellungen hat als sie. Da will es der (glückliche) Zufall, dass die Arbeit ruft …

Ein SERIENKILLER geht um. Doch die Spur ist verwirrend. Rubine macht einen Abstecher auf die Jungferninseln. Eine unerwartete Entdeckung ist die Folge. Kriminalistischer Einfallsreichtum zeichnet die drei in diesem zweiten Gesamtausgabenband versammelten Fälle der rothaarigen Polizistin aus Chicago aus. DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN und AMERICA, die beiden weiteren Fälle spielen mit ur-amerikanischen Themen und vergessen auch nicht mit kleinen Szenen an Klassiker der Popkultur zu erinnern. RUBINE emanzipiert sich spätestens hier als Cop, der sich mit harten Fällen auseinandersetzt, in denen Morde nicht geschönt werden, obwohl die Stilistik der Zeichnungen es vielleicht vermuten lassen könnte.

Nach dem Auftakt, der Geschichte SERIENKILLER, in der Humor mit RUBINES Dating-Bemühungen Einzug hielt, wird es sehr ernst. MIt dem Thema Kindesentführung wird in DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN ein Thema angerissen, wie es auch in seiner Erzählweise auch für eine gute TV-Krimiserie herhalten könnte. Zeitweise vergisst man als Leser den cartoonartigen Zeichenstil und konzentriert sich auf die Handlung, als seien die Bilder realistischer geraten. Das Schicksal des entführten Kindes, die Emotionen packen und der Fall ist recht verzwickt. Die Ganoven sind sehr hart, äußerst gewalttätig und kennen keine Gnade. Kurzum, mit DIE VERMISSTE VON HALLOWEEN findet sich für meine Begriffe das Zückerchen in diesem Band.

Auch Comic-Helden haben Familie. Gerade im Krimibereich werden gerne Verwandte dem Helden beigestellt. RUBINEs Bruder konnte der Leser bereits sehr früh kennenlernen. Dieser war aber in Beziehungsfragen nicht derart drängend, wie es insbesondere RUBINEs Mutter ist. Diese lässt ihrer Tochter beinahe keinen Ausweg. Während RUBINE ihren Verehrer abwimmeln muss, lassen sich andere Frauen auf eine gefährliches Beziehungsspiel ein. Wie gefährlich dieses ausfallen kann, erfährt der Leser in einer kleinen Bildfolge, die in Anlehnung an eine der denkwürdigsten Szene aus Der weiße Hai entstanden sein könnte. Viel mehr soll dazu nicht verraten werden.

AMERICA, der Titel des dritten Abenteuers in der 2. Gesamtausgabe, für viele das Land unbegrenzter Hoffnung, bevor sie entdecken, dass die Möglichkeiten eben doch begrenzt sind. Mythic, Walthery und Co-Künstler Dragan de Lazare gelingt mit diesem Abenteuer eine Geschichte, die auf dem zweiten Platz der Rangliste des vorliegenden Bandes. AMERICA ist bitterböse und rückt den Blick auf das gelobte Land enorm zurecht. Die Aufklärung des Kriminalfalls rückt dabei lange Zeit in der Hintergrund, weil auch das Privatleben RUBINEs sehr nach vorne geschoben wird und so einiges mehr von der Figur enthüllt, vor allem aber deutlich macht, wie schwer es für die toughe jemals sein wird, einen passenden Mann zu finden. Wer eine 44er Magnum zum Abendkleid trägt, kann da schon Probleme haben.

Eine feine Mischung aus Kriminalfällen und Thrillern mit engem Kontakt zur Hauptfigur RUBINE und den jeweiligen Nebenfiguren mit ihren ganz eigenen Lebensgeschichten. Insgesamt besitzen die Geschichten sehr viel mehr Tiefe, als die grafische Umsetzung vermuten lassen könnte, die halbrealistisch daher kommt, wie es der Comic-Fan von Serien wie Natascha her kennt (die hier einen Mini-Auftritt hat). Prima. 🙂

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Samstag, 03. Oktober 2015

JACKIE KOTTWITZ – Band 4

Filed under: Thriller — Michael um 17:31

JACKIE KOTTWITZ - Band 4Gemeinsame Ferien sollen es sein. Babette, Jackies Freundni hat sich sehr darauf gefreut. Aber vielleicht ist eine altersschwache Ente ist nicht gerade der beste fahrbare Untersatz, der sich dafür auftreiben lässt. Im dichten Gewimmel steigern sich die Emotionen aller Beteiligten, der Urlauber ebenso wie all jener, die mit im Stau stehen, im dichten Verkehr kaum voran kommen und folgerichtig einen Sündenbock suchen. Da kommt so eine mickrige Ente genau recht. Langer Rede, kurzer Sinn, die Ente lernt fliegen und mit dem Fahren ist vorerst Feierabend. Also werden die Ferien schon früher eingeläutet, irgendwo auf dem Land, unter dem Dach eines alten Ehepaars, das ein Geheimnis hat.

Eines der schönsten Merkmale von JACKIE KOTTWITZ ist die Allgegenwärtigkeit von Abenteuern und Kriminalität gleich hinter der nächsten Ecke. Obwohl Jackie Kottwitz alles andere als den Eindruck erweckt, er sei ein gefährlich lebender Mensch oder gar jemand, der sich ausgerechnet die gefährlichste Ecke in Paris zum Lebensraum auserkoren hat, so schlittert er doch zuweilen sogar von der heimischen Wohnung aus geradewegs in die nächste Geschichte, ohne sich in irgendeiner Form darum bemüht zu haben. Alan Dodier und Pierre Makyo bringen dieses Prinzip mit der wunderbaren Kriminalgeschichte Ein Baby büxt aus auf den Punkt.

Ausgangspunkt ist eine fehlende Gasflasche, ohne die Jackie Kottiwtz leider nichts kochen kann. Wie das immer so ist, ist sie genau im falschem Moment leer geworden, abends, kurz vor Geschäftsschluss. Schnell macht sich Jackie auf den Weg, zu einem Freund Burhan, der neben seinem kleinen Laden viel leidenschaftliches Engagement in den Hilfsverein Die Kinder von da unten hineinsteckt. Jackie unterstützt selbst ein Patenkind durch diesen Verein. Das erklärt auch sofort, warum der junge Detektiv bereit ist, einem anderem Freund zu helfen, als dieser mit seiner kleinen Tochter in großer Gefahr ist.

Ganz nebenbei liefern Alan Dodier und Pierre Makyo eine feine Charakterbeschreibung von Jackie Kottwitz ab, bevor sie ihn ins Kriminalabenteuer stürzen, verfolgt von zwei erbarmungslosen, wenn auch nicht den intellektuell hellsten Killern. Der Humor mildert die ernste Situation ab. Weitere Einstellungen bringen durch Einblicke ins Viertel viel Leben in das Szenario. Letztlich ist es genau diese Palette des Miteinanders, die zur Auflösung der Geschichte und einem ungewöhnlichen Finale führt.

Apropos ungewöhnliches Finale. Zweierlei fällt hierbei auf. Einerseits wird nicht starr auf dieses Finale hingearbeitet, so dass das Ende in dieser oder jener Form stets überrascht. Andererseits versucht es auch nicht durch besonders spektakuläre Ereignisse aufzutrumpfen. Gefährlich sind sie mitunter. Das Titelbild der vorliegenden vierten Ausgabe der Sammelbandreihe gibt einen Eindruck dieser Aussage. Und die beiden Erzähler lassen das Leben ihres Helden auch mal am seidenen Faden hängen. Aber sie übertreiben es nicht. Die Action bleibt anderen überlassen, wie die zweite Geschichte in diesem Band zeigt.

Jackie Kottwitz wäre so gern ein Krimiautor. Genug erlebt hat er eigentlich, nur scheitert es trotzdem an Ideen und der Schreibe. Völlig frustriert macht er sich in einer kalten Nacht auf, um frische Luft zu schnappen und begegnet prompt dem Weihnachtsmann. Nun, natürlich nicht ganz, denn es ist bloß ein Obdachloser, der in den Besitz einer Nikolausmütze gelangt ist und sturzbetrunken auf eiskalten Treppenstufen einzuschlafen droht. Jackie will zuerst vorüber gehen und den Mann seinem Schicksal überlassen, kann es dann doch nicht über sich bringen und nimmt den Mann zu sich mit nach Hause.

Keiner mag es sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, aber Jackies neue Bekanntschaft wird derjenige sein, der für die Action zuständig ist. Wie, das wird hier nicht verraten. Am Ende ist es ein schönes Kabinettstückchen, das mit einer Grundidee spielt, wie es der Cineast aus Der Dieb der Worte oder der Leser von Ein Bär will nach oben her kennt. Außerdem zeigt es, wie ein Buch, hier einigermaßen drastisch, in das Leben eines Menschen eingreifen kann, Krimiaspekte eingeschlossen.

In einer perfekt eingeübten Technik, lockerleicht realistischen Zeichnungen ist Jackie Kottwitz wieder unterwegs und klärt Verbrechen auf und lüftet Geheimnisse. Sympathisch, sehr unterhaltend, auf tollem erzählerischem Niveau, angesiedelt zwischen Columbo und Monsieur Hulot. Klasse! 🙂

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Donnerstag, 30. Juli 2015

MILAN K. 1 – Das nackte Überleben

Filed under: Thriller — Michael um 11:30

MILAN K. 1 - Das nackte ÜberlebenDas Leben könnte für den jungen Mann in diesem Moment nicht schöner sein. Immerhin hat die junge Frau, die mit ihm zur Schule geht, ihm ein ganz besonderes Geschenk versprochen. Leider scheitert die Situation an einem Leibwächter namens Igor. Der Sohn von Andrej Khodorov, auf einem Internat in der Schweiz weit weg von den Ereignissen in Moskau, hat den Ernst der Lage, in der sich sein Vater befindet noch nicht so recht begriffen. Das ändert sich, als seine gesamte Familie, seinen Vater eingeschlossen, ums Leben kommt. Der Weltöffentlichkeit wird ein großes Unglück präsentiert. Für den Jungen und seinen Leibwächter hingegen gibt es keinerlei Zweifel daran, dass die Familie umgebracht wurde. Der Beweis lässt nicht lange auf sich warten.

Geld kann zuweilen nicht gegen jede andere Macht bestehen. Manchmal ist die Macht eines Diktators stärker. Manchmal siegt einfach nackte Gewalt. Autor Sam Timel orientiert sich mit seinem Thriller-Auftakt von MILAN K. an der wirklichen Welt. Russland hat in diesem Szenario ebenfalls das Joch des Kommunismus abgeschüttelt, nur um eine versteckte Diktatur aufzubauen, die Widerstand verdeckt oder klar erkennbar im Keim erstickt. Wladimir Palin heißt der Herrscher über das neue Russland bestimmt nicht zufällig. Äußerlich von Comic-Künstler Corentin als Mixtur aus Peter Cushing und Ross Perot angelegt, verbirgt sich hinter diesem Machtmenschen noch ein anderer, eine Art graue Eminenz.

Wer in den vergangenen Jahren die Nachrichten nur halbherzig verfolgt hat, wird dennoch das eine oder andere von Machtkämpfen zwischen Kreml und Oligarchien gehört haben. So ist man als Leser geneigt, dieser Fiktion schnell zu folgen, bewegt sich der Thriller doch auf vertrautem Grund. MILAN K. ist noch sehr jung, als das Schicksal zuschlägt. Gegen seine Stiefmutter hat er eine tiefe Abneigung, das beruht allerdings auf Gegenseitigkeit. Mit seinen Halbgeschwistern verbindet ihn mehr, doch der Altersunterschied ist letztlich zu groß. Und so ist es eine Laune der pubertären Jugend, als er es ablehnt, den gleichen Flug nach Moskau wie seine Familie zu nehmen.

Modern, glasklar erzählt. Der Leser ist schnell an der Seite des jungen Helden. Dank der Figur des Aufpassers, eines väterlichen Freundes namens Igor, findet sich eine Identifikationsfigur auch für die älteren Leser. Igor ist nicht der klassische Leibwächter. Denn wäre dem so, würde er seine Haut ab einem bestimmten Zeitpunkt, wenn sich die Schlinge immer enger zusammenzieht, das Weite suchen. Aber er lässt seinen Schützling nicht im Stich. Corentin, der neben den Zeichnungen auch die Kolorierung übernommen hat, gestaltet Igor als bulligen Mann, gewachsen wie ein Ex-Boxer, der nach einem Ortswechseln eine Wandlung durchmacht und sich den Gegebenheiten anpasst.

Ob Veränderungen dieser Art, den erwähnten Ortswechsel, Touristenattraktionen, es herrscht eine optisch realistische internationale Thrilleratmosphäre vor. Corentin schafft sehr individuelle Figuren, angefangen beim Hauptcharakter, mit dem ihm noch ein Kunststück gelingt, nämlich diesen altern zu lassen, über Nuancen, wie es nun einmal mit einem jungen Menschen geschieht. Igor indes altert mit dem Standeswechsel auch körperlich, indem er vom Leibwächter eines reichen Kindes zum taxifahrenden Vater eines amerikanischen Jungen wird.

… denn sie wissen nicht, was sie tun. Cineasten dürfen sich über einen ganz besonderen Austragungsort einer rasanten Sequenz freuen. Das Observatorium wurde als Schauplatz in einem Film mit James Dean unsterblich und reizte seither wegen seiner tollen Architektur und seiner Umgebung viele Kunstschaffende zu weiterer Kulisse. So auch hier. Doch so weit, wie es die beiden Comic-Künstler Sam Timel und Corentin treiben, hat es noch niemand gewagt. Das schafft nur das Medium Comic. Oder mit ein entsprechend budgetierter Blockbusterkinofilm. Mehr sei nicht verraten.

Blick voraus. Wer sind die Damen auf dem Titelbild? Die Geschichte verrät es noch nicht. Auch ist MILAN K. noch nicht im gezeigten Alter angelangt, obwohl er innerhalb der Handlung einen großen Schritt in diese Richtung tätigt. Der in sich sehr geschlossene Auftakt, der sich auch einen Seitenhieb auf das amerikanische Gesundheitssystem (eigentlich nicht nur auf dieses) erlaubt, bildet nicht nur angesichts der Jugend des Helden eine gute Grundlage für weitere Abenteuer. Die Konzeption des Thrillers dürfte Sam Timel es erlaubt haben, aus der jüngeren Geschichte noch weitere Inspiration für den Fortgang der Folgen zu ziehen.

Internationales Flair, klar umrissene Charaktere, das Leben der Helden stets auf des Messers Schneide: Sam Timel weiß, wie ein guter Thriller funktioniert. Und Zeichner Corentin liefert klasse, realistische Bilder dazu. So darf es weitergehen. 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

Dienstag, 16. Juni 2015

JOHN TIFFANY 1 – Das Geheimnis des Glücks

Filed under: Thriller — Michael um 17:58

JOHN TIFFANY 1 - Das Geheimnis des GlücksJohn Tiffany befindet sich in Mexiko City. Er sitzt gerade bei einer Mahlzeit im Restaurant, als ein Mann den Raum betritt und bei Tiffany die Neuigkeit wach hält, man habe ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. In dieser ungewohnten Situation behält John Tiffany die Nerven, was leider noch nichts an der noch ausstehenden Lösung des Problems ändert. Denn es bleibt nicht bei einem Jäger und schon lange nicht bei einer Kanone. Kurz darauf wird Mexiko City zur Kulisse einer wilden Verfolgungsjagd. Die Verfolger sind gut. Sie sind schnell. Sie kennen sich mit Feuerwaffen aus und sie sind in Mexiko zuhause. Aber John Tiffany ist in allem etwas besser und ihm ist egal, wo er sich befindet.

JOHN TIFFANY ist ein Lebemann, einer, der das Milieu mag, in dem er verkehrt, obwohl er dies nicht offen zugeben würde. Seinem Verhalten nach zu urteilen, ist er eher zufällig auf der richtigen Seite gelandet. Es hätte auch anders kommen können. Vielleicht sind es die vier guten Menschen, die er auf der Habenseite verbucht, die ihn in der Spur halten. Nur leider, John Tiffany kämpft noch mit diesem Gedanken, muss einer dieser vier Menschen, denen er bislang vertraut hat, ihn jüngst für ein horrendes Kopfgeld (das wohlgemerkt auf seinen eigenen Kopf ausgesetzt war) verraten haben. Stephen Desberg, ein Comic-Autor, der thematisch sehr breit aufgestellt ist, greift hier eine Sorte von Beruf auf, die relativ selten in Thrillern, häufiger in Western abgerufen wird. Doch, wie es sich nach wenigen Seiten zeigt, haben Kopfgeldjäger einiges zu bieten.

JOHN TIFFANY ist ein markiger Charakter, der mit den Zügen eines Hollywood-Schauspielers ausgestattet ist (Jon Hamm). Er liebt schnelle Autos, Nutten, da er die Frauen auf diese Weise so aussuchen kann, wie sie ihm gefallen. Und manchmal bekommt er mehr und anderes, als er erwartet hat. Er hat auch ein Gewissen. Reverend Lovejoy, dem Aussehen nach mit Morgan Freeman verwandt, rückt die schlechten Gedanken Tiffanys wieder ins rechte Licht. Wenn es ihm nützt, lässt Tiffany auch schon mal alle Fünfe gerade sein, andernfalls würde er sich nicht mit einer bekennenden Rassistin wie Dorothy Parker abgeben, die allein schon durch ihr äußere Erscheinung deutlich macht, dass sie ein Fan von Sarah Palin ist. Dank Dan Panosian sind die Figuren sehr gut diversen Vorbildern nach empfunden. Stilistisch eigen, technisch zwischen flott und haargenau bestens abgewägt, geben die Bilder das Thrillerszenario für den Leser bestens wieder.

Dan Panosian erinnert technisch ein Stück weit an Tacconi (Gentlemen GmbH), Philippe Francq (Largo Winch) und Eduardo Risso (100 Bullets). Wie die Innenseiten beweisen gehört Panosian in diese Riege hinein, da er wie seine Kollegen es beherrscht, bereits sehr ausdrucksstark in einer reinen Schwarzweißvariante seiner Grafiken zu sein. Panosian zeichnet etwas kantiger als Tacconi, liebt aber ebenso den organischen Tuschestrich. Er ist bei aller Intuition so exakt wie Francq und hat nicht selten ein ebenso gutes Händchen für Licht und Schatten wie Risso. Mit letzterem Kollegen teilt sich Panosian auch das Talent und Auge für besonders gemein aussehende Gangster oder auch, wie hier, Terroristen.

Stephen Desberg hat einen Halunken erschaffen, ganz im Sinne eines Parker von Donald E. Westlake, nur eben auf der richtigen Seite des Gesetzes stehend. Ein Männerbild, das immerhin in der erwähnten Inkarnation verschiedene Verfilmungen über mehrere Jahrzehnte verteilt überlebt hat. Stephen Desberg gibt diesem männlichen Archetypen noch eine ordentliche Prise Sympathie und Menschlichkeit mit, so dass es absolut schwer ist, sich dem Charme von JOHN TIFFANY zu entziehen. In einer anderen Epoche wäre JOHN TIFFANY roter Korsar oder Musketier geworden.

Die Handlung bewegt sich rund um den Erdball, packt beständig tagesaktuelle Themen an, legt eine prima Mischung zwischen der Action Mann gegen Mann und einigen Sequenzen hin, die den Halunken JOHN TIFFANY zu einem verzweifelt liebenden Mann machen, der sich wie jeder andere auch in eine unglückliche Liebe verrennen kann. Allerdings hat auch nicht jeder Mann ein derartiges Pech aus einem großen Korb Äpfel den schönsten herauszufischen, auf den jemand anderes jedoch bereits Anspruch erhebt. Nicht nur das. Der Konkurrent hat auch genügend Fäuste zur Verfügung, damit seine Argumente regelrecht eingehämmert werden.

Der Auftakt des Vierteilers ist ein kugelrundes Szenario mit einer gut aufgestellten Hauptfigur. Stephen Desberg zieht alle Thrillerregister, weiß, wie und wann er den Leser packen kann: Knarren, schnelle Wagen, schöne Frauen, ein smarter Held mit Herz. Das passt! 🙂

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