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Comic Blog


Samstag, 28. September 2013

THE WALKING DEAD 18 - Grenzen

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 10:26

THE WALKING DEAD 18 - GrenzenNegan steht vor dem Tor. In seinem Tross bewegt sich ein immenses Gefolge mit Lastwagen, die allesamt nur darauf warten, ihren Anteil in der kleinen Kolonie hinter Rick Grimes zu plündern. Was wird Rick unternehmen? Diese Frage stellen sich die Männer und Frauen innerhalb der kleinen umzäunten Siedlung und können es kaum fassen, als nichts geschieht und Rick die Fremden tatsächlich gewähren lässt. Sogar als die Medikamente gestohlen werden, so dringend benötigt, hält Rick seine eigenen Leute davon ab, sich zu wehren. Und gerade dieses Verhalten, so durchdacht es auch ist, beschwört beinahe eine Katastrophe herauf.

Grenzen: Es gibt keine mehr. Die nächste Generation in der Erfolgsreihe THE WALKING DEAD wird langsam erwachsen. Der Sohn von Rick Grimes, der sich zahlreichen Prüfungen unterwerfen musste und schon lange kein Kind mehr ist, macht neue Erfahrungen, die ein neuer Psychopath für ihn bereithält. Carl Grimes, Ricks Sohn, hat sich zu einer der bemerkenswertesten Figuren der Reihe entwickelt. Anfangs war er noch ein Kind, doch spätestens seit er glaubte, Probleme mit Waffengewalt lösen zu können, auch bei Menschen, als alles um den kleinen jungen herum zum Teufel ging, hat Autor Robert Kirkman hier einen Comic-Charakter regelrecht heranreifen lassen. Nun, im 18. Band der Reihe THE WALKING DEAD mit dem Untertitel Grenzen, fällt Carl Grimes eine wichtige Rolle zu. Ein Pulverfaß trifft auf ein Pulverfaß, ließe sich auch sagen.

Robert Kirkman gehen nach so langer Zeit die Ideen innerhalb der Serie nicht aus. Der neue Feind ist unberechenbar. Er steckt Schläge ein und lacht. Er tötet mit einem Lachen im Gesicht. Er ist immer auf seinen Vorteil bedacht. Wenn er Gnade walten lässt, hat er dafür einen Grund. Der Blick, den er dem Betrachter auf dem Titelbild des 18. Bandes schenkt, mit einer Art finsteren Milde, spricht Bände und ist nur die Spitze eines Eisbergs. Kirkman verarbeitet die psychopathischen Auswüchse von Negan, dem feindlichen Anführer, auf eindrucksvolle wie auch stets unerwartbare Weise. Sehr langsam kristallisiert sich das Bild einer Gemeinschaft heraus, die sich gegen diese Kreatur wehren könnte. Doch die Mauern aus Angst, die dieser Mann um sich herum gebaut hat, die nun niemand mehr zu überwinden vermag, sind inzwischen viel zu hoch.

Liebe ist die Motivation. Rick Grimes, der einen enormen Wandel im Laufe der Serie erfahren hat, der Angehörige verlor, Freunde, selbst in die Irre geleitet wurde und sich nur mühsam wieder gefangen hat, gerät erneut an den Rand der Beherrschung, als es so aussieht, er habe auch noch seinen Sohn verloren. Insgesamt kann Robert Kirkman die sich hier offen zeigende Dramatik über die volle Länge der Handlung ziehen und schafft so einen neuen Höhepunkt der Reihe, der seine Kraft schon lange nicht mehr aus dem Kampf gegen die lebenden Toten zieht. Denn diese stehen bei den realen Gefahren der Geschichte mittlerweile in der zweiten Reihe. Ein Zombie will fressen, ist langsam und nähert sich gerne im Rudel. Zombies sind berechenbar. Menschen in dieser apokalyptischen Welt sind es nicht. Kirkman beschreibt, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

Charlie Adlard ist als Künstler in der beneidenswerten Position, sich über einen langen Zeitraum bestimmten Charakteren widmen und seinen Stil perfektionieren zu können. Rick Grimes und Gefährten kennt er nun aus dem FF, allerdings der Leser ebenfalls und so ist das Erscheinen neuer Figuren auch immer spannend mit anzuschauen. Mit dem Jesus-Charakter, der freilich nur wie der Erlöser aussieht, und Negan wurden zwei spannende Neulinge auf dem Feld platziert. In diesem Band kommt der seit langem ungewöhnlichste Charakter hinzu. Ezekiel, ein weiterer biblischer Name, tritt königlich auf und hat sogar Begleitung. Auch diese macht neugierig auf weitere Auftritte.

Adlard pflegt einen leisen Zeichenstil. Er zeichnet den Kern einer Szene, eines Augenblicks. Großes Theater innerhalb eines Bildes, wie bei manchen Kollegen, gibt es nicht. Handlung geht hier auch vor Bild, doch soll damit die Leistung von Charlie Adlard und seines grafischen Kollegen, dem Koloristen Cliff Rathburn keineswegs geschmälert werden. Im Gegenteil, ist THE WALKING DEAD doch stark dafür verantwortlich, dass der Schwarzweiß-Comic auf dem Comic salonfähig geworden und geblieben ist und gezeigt hat, wie erfolgreich mit diesem Mittel gearbeitet werden kann.

Die Spannungsschraube zieht in diesem im Prinzip neuen Zyklus innerhalb der Reihe enorm an. Nach der Einleitung im vorherigen Band marschiert Robert Kirkman nun mit großen Schritten weiter und reißt den Leser mit. Auch mit Band 18 weiß die Serie noch zu überraschen. Sehr gut! :-)

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Montag, 23. September 2013

DEDE 4

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 10:21

DEDE 4 - Und dann Ruhe in ParisAls Privatdetektiv muss Dede auch darauf vorbereitet sein, dass es hin und wieder hart auf hart kommt. Ziemlich ramponiert, von zwei Halunken verschleppt, kommt Dede bei seinem geheimnisvollen Gegenspieler an. Dieser, ein sehr alter Mann, hat kein Mitleid für seinen Gast und verfügt über noch weniger Gewissen. Für ihn zählt nur der Fund der Mumie, doch die ist, von zeitweiligem und unerwünschtem Auftauchen einmal abgesehen, und bleibt verschwunden. Und eigentlich sollte man über ihr verschwinden auch erfreut sein, denn wer sie sah, sah danach gar nichts mehr, weil die Mumie offensichtlich eine Art Fluch folgt und verschiedene Menschen meuchelt. Dede schert das wenig. Er leckt seine mannigfaltigen Wunden und kann sich immerhin über die Hilfe seiner neuen Nachbarin freuen, eine Medizinstudentin, die seine Verletzungen leidlich pflegt.

Erik schickt Dede in die zweite Runde um die Jagd auf eine abhanden gekommene Mumie, die sich sehr energisch gegen ihr Auffinden wehrt. Der Privatdetektiv, der so mürrisch gegen die Möglichkeit eines ehemals ägyptischen, in Bandagen gewickelten Untoten aufbegehrt, bekommt von einer Stippvisite der Mumie nicht einmal etwas mit. Es sind solche und andere Begebenheiten, die auch die Fortsetzung von Mumien sind auch nur Menschen locker und mit tatsächlicher französischer Leichtigkeit vor dem Leser ablaufen lassen. Da findet sich ein wenig des Humors, der auch schon Komödienklassiker beförderte und auch hier, obwohl von einem Saarländer adaptiert, hervorragend funktioniert. Natürlich ist es auch eine Karikatur von Kino-Mumien-Höhepunkten jünger zurückliegender Jahre.

Und dann Ruhe in Paris, so lautet der Untertitel des vierten Bandes der Reihe DEDE. Es ist düsterer als sein Vorgänger. Es regnet in Paris. Es ist dunkel und hinter den Kulissen gärt es. Erik hat sich eine kleine, gerne angesehene Technik angeeignet, die er für eine szenische Abfolge verwendet. Er setzt eine Szene komplett in ein Bild, von links nach rechts geschaut, beleuchtet er verschiedene Blickwinkel, so dass zum Beispiel aus einem Dialog eine sehr dynamische Grafik wird. Er geht sparsam mit dieser Technik um. Das garantiert bei ihrem Einsatz eine beständige Wirksamkeit. Es funktioniert auf unterschiedlichsten Ebenen. In Massenszenen, in kleinen Nebenepisoden, die nur eine Person aufweisen entsteht ein schöner Eindruck. Selbst Dedes Prügelei mit einer Mumie gerät so zu einer spaßigen Angelegenheit.

DEDE und die Frauen. Liebt er sie oder liebt er sie nicht? Die eine? Die ihn immer wieder besuchen kommt? Gefühle? Für Dede scheinen Gefühle etwas zu sein, dass man verbirgt und allenfalls nur über Umwegen preisgibt. Erik gibt DEDE in den richtigen Momenten Tiefe mit, verleiht ihm den nötigen Charakter, um auch noch auf weitere Folgen neugierig zu machen, in denen vielleicht jene Nebenfiguren noch einmal viel wichtiger werden können. Aus Lesersicht wäre es ihnen zu wünschen, da es Erik selbst in kleinen Szenen gelingt über Text und Bild reiche Informationen zu transportieren, die Charakter runder und interessanter zu machen.

Ein seltsames Geheimnis lüftet sich. Aber war es wirklich ein Geheimnis oder nur eine Fehlinterpretation? Für Dede stellt sich natürlich die Frage, ob es das alles wert war. Immerhin geht für ihn alles gut aus, das darf verraten werden, denn er ist die Hauptfigur. Für alle anderen jedoch … Eine spannend komödiantische Geschichte. Erik hält mit seinem Detektiv Deschamps das Detektiv-Genre im Comic am Leben, so wie es sich für einen leichten Krimi gehört. :-)

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Sonntag, 22. September 2013

DEDE 3

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 18:43

DEDE 3 - Mumien sind auch nur MenschenDer Fall ist zunächst außergewöhnlich zu nennen. Dede wird zum Museum gerufen. Jemand ist ausgebrochen. Drei mannshohe Glasvitrinen stehen vor dem Detektiv. Eine davon ist zerbrochen. In den beiden anderen stehen Mumien. In der dritten befand sich ebenfalls eine. Dede mag nicht glauben, was man ihm seitens der Museumsverantwortlichen auftischen will. Eine Mumie soll lebendig geworden sein? Also, bitte! Das ist doch wohl ein Ding der Unmöglichkeit! Sogar in Paris, wo vieles möglich ist. Dede jedenfalls, Detektiv Deschamps mit Langnamen, macht sich an die Arbeit.

Im dritten Band, dem Auftakt zu einer Doppelfolge, begibt sich Erkis Detektiv Deschamps auf die Pfade des Unheimlichen. Aber Dede gehört zu den Ungläubigen. Je wahnwitziger die Geschichte ist, die ihm aufgeschwatzt werden soll, umso misstrauischer wird er. Der aus der Werbung kommende Autor und Zeichner der Reihe, Frank Erik Weißmüller, weiß, wie er den Beginn eines Comics gestaltet, um eine möglichst hohe Aufmerksamkeit beim Leser zu erreichen. So teilt sich der Anfang der Kriminalgeschichte örtlich auch nicht in Paris mit, sondern nimmt den Leser mit nach Ägypten, zusätzlich in die Vergangenheit, hin zu einer Ausgrabungsstätte, die kein Glück verheißt.

Der nächste Aufenthalt, im vollkommenen Gegensatz, zeigt das frühmorgendliche Aufwachen in Dedes Bett und seine Sicht auf das Geschehen (hier soll nicht zu viel verraten werden). Dede ist ein Mensch, der ein wenig gammelig vor sich hinlebt, Unordnung produziert und erträgt, nicht gerade pfleglich mit sich umgeht, auch ungesund lebt, immerhin nicht raucht und einen Kaffee, der furchtbar schmeckt, nur trinkt, weil ihm dieser von jemandem serviert wird, den er mehr als nur gut leiden kann. Mürrisch ist er auch zu nennen, etwas wortkarg, viel zu groß für sein kleines Auto ist er sowieso und das Warten bei einer Observation vertreibt man sich am besten mit der Nahrungsaufnahme. Je mehr, je besser und so passt er immer schlechter in sein kleines Auto. Erik, so der für die künstlerische Tätigkeit verwendete Kurzname des Autors und Zeichners in Personalunion, erzählt mit trockenem Humor.

Der Zeichenstil wartet mit ausdrucksstarken Linien auf, die weniger gemalt, vielmehr geschnitten wirken. Oft lässt Erik Unterbrechungen in den Linien zu, so dass die Figuren die Wirkung einer flüchtig zusammengesetzten Form erzielen, ohne dies negativ klingen lassen zu wollen. Denn in Strichtechnik und Form hat Erik einen sehr schönen und wieder erkennbaren Strich geschaffen, der sich völlig auf diesen Ausdruck verlässt (zu Recht) und nur mit einer minimalen Kolorierung einher läuft. Blasse Farbtöne, rötlich, bläulich, bräunlich, grau und einige mehr (so, wie es das Titelbild auch vermittelt) imitieren eine dunkle Serie, wie es die Detektivfilme in der Schwarzweißära auch waren.

Spannend: Der Leser weiß, dass es keine lebenden Mumien gibt. Auch Dede weiß, dass es keine lebenden Mumien gibt. Nur die Mumie selbst scheint sich dieses Umstandes nicht bewusst zu sein, da sie munter unterwegs ist. Und obwohl sie dieses Flair der Gefahr hinterlässt, gibt es auch noch Halunken, die jenes ägyptische Schmuckstück, aus welchen Gründen auch immer, ebenfalls in ihre Hände bekommen wollen. Dede hat also alle Hände voll zu tun, um überhaupt lebend aus der Geschichte herauszukommen. Das ist durchweg unterhaltsam und wird mit einigen privaten Anekdoten des Detektivs gewürzt. Dede besitzt (weiche) Ecken und Kanten (die seiner ungesunden Lebensweise geschuldet sind) und dennoch ist dieses Raubein sympathisch.

Ein schöner dritter Band, in dem sich Autor und Zeichner Erik auf eine Doppelfolge einlässt. Doch ist der Auftakt so schön illustriert, so fein illustriert, dass man die nächste die Handlung abschließende Folge gerne erwartet. :-)

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Sonntag, 15. September 2013

John Lord 2 - Wilde Menschen

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 11:00

John Lord 2 - Wilde MenschenEs ist kein Dschungel, nur ein Treibhaus, eine Simulation inmitten der Zivilisation. Doch hier fühlt sie sich wohl. Hier darf sie so sein, wie sie mag, wie sie es gelernt hat. Und ihr unfreiwilliger Gastgeber lässt sie, unterstützt sie sogar. Sie legt irgendwann die Waffen ab, zieht ein Kleidungsstück an und liest ein Buch. Ein Buch? Wie lange mag es her sein, dass sie ein Buch so nahe gesehen hat? Dass sie sich mit ihm Stunde um Stunde beschäftigte? Eine Ewigkeit muss seither vergangen sein, so scheint es und so ist die Ruhe, mit der sie sich nun zu beschäftigen weiß, ein gutes Zeichen.

Was kann der menschliche Geist aushalten, bevor er sich dazu entschließt, dass es einfacher ist, wieder zum Tier zu werden? Denis-Pierre Filippi hat einen Comic-Charakter geschaffen, der immer aufs Neue von der Vergangenheit eingeholt wird und trotz aller Bemühungen in die, nach menschlichen Maßstäben, Barbarei zurückfällt. In der zweiten Folge führen die Comic-Macher das eher ungewöhnliche Konzept fort, nicht nur zwei Handlungen parallel zu erzählen, sondern die eine Hälfte auch gänzlich ohne störenden Text ablaufen zu lassen. Nach dem die erste Folge ziemlich rätselhaft war und viele Fragen offen ließ, lüften sich die Vorhänge in der zweiten Folge deutlich.

Gewalt ist der Schlüssel. Gewalt hat hier zu einer Verwandlung geführt. Gewalt soll ein Geheimnis schützen. Gewalt soll die Rache transportieren und es ist beinahe egal, wen sie letztlich trifft. Die beiden Ermittler, John Lord und Clara Summers, arbeiten sich Stück für Stück, Information für Information, Indiz für Indiz weiter vor, doch es nicht leicht für sie, die Spuren und Funde zu einem ganzen Bild zusammenzupuzzeln. Auch für den Leser ist es nicht leicht, der Spur zu folgen, obwohl er mehr weiß als John Lord und dessen Kollegin. Ein wenig offenbart sich hier eine ähnliche Erzählstruktur wie in Memento, ohne wirklich rückwärts gewandt zu sein.

Es fällt schwer, sich der eigentlichen Hauptfigur zu entziehen, die den Sprung auf das Titelbild geschafft hat. Es fällt auch schwer, diese Figur zu verteufeln. Einerseits konnte man im ersten Teil ihre Kindheit erleben, das Schicksal sehen, dem sie so gerade eben entgangen ist und dem sie eine bestimmte Art doch verfiel. Zuerst scheint alles auf eine Besserung hinzudeuten, auch auf den Wunsch zur Veränderung, eine Rückbesinnung auf menschliche Werte, die doch einmal vorhanden waren und das Leben bestimmten. Patrick Laumond verleiht den Figuren in dieser Folge noch mehr Format und weiß besonders mit jener tragischen Gestalt, um die sich alles dreht, hervorragend umzugehen.

Der Wandel der Figur, die sich bemüht, auch in ihre Rolle zurückfindet, nur um einen furchtbaren Rückfall zu erleiden, ist grafisch toll umgesetzt. Für einen Zeichner dürfte es im Medium Comic die Herausforderung bedeuten, wenn Text nicht mehr zur letzten Erklärung bereitsteht und das Bild als alleiniger Informationstransport herhalten muss. Hier gibt es sogar mehrere Ebenen zu beachten. In kleinen Gesten, Haltungen, Mimiken verbergen sich die Informationen. Manches geschieht (gnädigerweise) aus der Ferne, anderes wird wie vor ein sinnbildliches Mikroskop gezerrt. Abscheu oder Mitleid? Dieser Frage wird der Leser beständig in der textlosen Handlungslinie ausgesetzt.

Daneben entwirft Patrick Laumond in der Welt rund um John Lord eine Übergangsphase von Spätwestern und früher Moderne. Von der Wildnis in den optischen Osten der Vereinigten Staaten, in den tiefen Süden hinein, wo der mit der Waffe in der Hand das Sagen hat. Das ist stimmig, düster, auf dokumentarischen Realismus angelegt, der durch die feine, manchmal etwas verwischte Kolorierung von Sebastien Gerard auf das Beste verstärkt wird.

Krimi, Drama, Mystery. Der zweite Teil von John Lord funktioniert auf mehreren Ebenen und besetzt innerhalb des Mediums Comic eine seltene Nische. Gerade deshalb und wegen seiner schönen grafischen Ausführung sollten Comic-Fans, die sich z. B. mit dem Film Noir gut unterhaltne fühlen, einen Blick riskieren. :-)

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Samstag, 24. August 2013

CHEW - Bulle mit Biss 6

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 18:34

CHEW - Bulle mit Biss 6 - Space KekseJa, wo haben sie sich denn nun kennen gelernt? Oder kennen sie sich am Ende gar nicht? Toni, die Schwester von Tony Chew, hat ein wenig Mühe die Annäherungsversuche von Caesar Valenzano abzuwehren. Schließlich gibt es noch andere Bewerber, die ein wirklich ernsthaftes Interesse haben. Antonelle, wie sie mit Langnamen heißt, ist kein Kind von Traurigkeit. Männer, Partys, Poker oder auch mal das Lutschen psychedelischer Frösche sorgen für Abwechslung in ihrem Leben, das auch von Gefahr geprägt wird. Doch eines wird nie vergehen: Die Sorge um den Bruder, der noch immer an das Krankenhausbett gefesselt ist und nur sehr langsam wieder gesund wird.

Wer könnte auf die Idee kommen, ein Hähnchen in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen? Nicht ein putziges, kleines, flauschiges Hühnchenhähnchen. Sondern ein gewalttätiges, ein Kampfhähnchen! Autor John Layman und Comic-Künstler Rob Guillory haben mit Poyo einen tierischen Superagenten entwickelt, der, ziemlich wortkarg, immer dann angefordert wird, wenn sonst gar nichts mehr geht. Ein Poyo hält selbst die Hölle in Schach. Aber Poyo, der Kampfhahn, ist nur die Spitze des Eisbergs. Layman und Guillory haben hier mit Wucht aufgetischt und bieten dem Leser ein Szenario, das an schwarzem Humor kaum zu überbieten ist und selbst für eine in dieser Hinsicht ziemlich überbordende Serie noch einen Gipfel darstellt.

England. Ein Land, das für seine Wetterverhältnisse nicht unbedingt gelobt wird, eher berüchtigt ist. Und es wird noch schlimmer. Nicht wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen. Nein, es wird noch viel schlimmer. Und das bringt uns zurück zu Poyo. Allein die Ausschnitte seiner diversen Abenteuer, ein Bild meist nur, mit einem marktschreierischen Titel versehen, sind ohne Übertreibung Brüller. Aber Layman und Guillory können selbst das noch einmal übertreffen. Mit einer Liebesszene im weitesten Sinne. Hier greift die Optik perfekt und nimmt sich einer gewissen Form von Verniedlichung an, von der der sich der Verbraucher einst selbst überzeugen konnte (hört mit urby auf) und die selbst in dieser gezeigten Form noch funktioniert. Das ist, wie weite Teile dieser Handlung (sowie der gesamten Serie) auch, stets auch ein Seitenhieb auf reale Verhältnisse und eine Hommage an die existierende Popkultur.

Aber so lustig die Episode um Poyo auch ist, sie kann natürlich nicht so nahe gehen wie eine Handlung, die um menschliche Charaktere herum geschrieben wird. Der Bulle mit Biss hat nicht erst in diesem Band enorme Schwierigkeiten, doch der Feind im Hintergrund offenbart sich nun mit Macht startet einen Angriff, der schreckliche Folgen hat. Chew balanciert gerne auf einem schmalen Grad, spielt auch gerne mit den Elementen des Splatter-Genres, doch John Layman startet hier einen Frontalschlag. Es ist die Frage, wie sehr man als Leser die Figuren an sich heran lässt. Doch allein der Überraschungsfaktor spricht für sich. Layman reiht sich in die Autorenriege ein, die für sich festgestellt hat, dass keine Figur sicher ist. Zwar mag es Genres geben, in denen Charaktere gerne auferstehen. Chew gehört nicht dazu.

Die Verquickung von Figuren mit unterschiedlichen Fähigkeiten, auch solchen, die erst erschlossen werden wollen, erinnert nicht nur an Superhelden, sondern auch an Heroes. Auch die Evolution von Fähigkeiten bleibt nicht aus. Das ist nur ein kleiner Teil, den die Erzählung Laymans ausmacht. Ein anderer, sehr gewichtiger Teil, die höchst karikierende wie auch slapstickartige Darstellung der Geschehnisse, eine weiterhin ungewohnte Action, die jene, die Filme wie Pulp Fiction mögen, lieben werden, da sie selbst die Arbeit eines Tarantino in den Schatten stellen.

Das Erfolgsrezept: niemals Langeweile, unerschöpfliche Ideen, die auch unbequeme Wege gehen. John Layman und Rob Guillory haben mit diesem Band eine neue Tür geöffnet und dahinter wartet, es kann gar nicht anders sein, eine große Auseinandersetzung. Der sechste Band hinterlässt den Leser gespannt wartend, gut unterhalten. Besser geht es kaum. :-)

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Donnerstag, 15. August 2013

John Lord 1 - Wilde Tiere

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 10:23

John Lord 1 - Wilde TiereDie Le Crique, ein Segelschiff, befindet sich auf hoher See. Chaos ist ausgebrochen. Einige Männer haben das Kommando an sich gerissen. Sie saufen, morden und vergewaltigen. In der Zivilisation sollte es besser zugehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Der Tote, der in dem herrschaftlichen Zimmer liegt und sich den Bauch hält, hat sich nicht vollkommen kampflos ergeben. Möbel wurden weitläufig umgeworfen, Papiere verstreut. Die Polizei geht mit Routine an die neue Aufgabe heran. Schockiert ist hier wirklich niemand, allenfalls gibt es eine persönliche Nähe zum Fall, nur will sich kaum jemand so entblößen und dies vor anderen zeigen.

Eine Erzählung in bedrückender Atmosphäre. Autor Denis-Pierre Filippi hat sich mit sehr unterschiedlichen Szenarien im Comic-Bereich hervorgetan. Neben träumerischen Handlungen und historischen Geschichten mit Abenteuern und Thrillerelementen schaufelt er hier eindeutig am Abgrund der menschlichen Existenz und wendet dazu einen enorm guten erzählerischen Trick an: Er lässt den Leser mitdenken. Und dieser kann in seiner Phantasie einiges erfinden. Denn in einem der beiden Handlungsstränge, die hier parallel erzählt werden, verzichtet Denis-Pierre Filippi auf Worte und lässt nur Bilder sprechen. Und diese haben es in sich.

Vordergründig hat der Leser es mit einem Kriminalfall zu tun, an dem sich zwei recht ungleiche Ermittler festbeißen und in dem sich die Toten häufen. Im zweiten Handlungsstrang jedoch, der dem Leser mehr mitteilt, als die Ermittler wissen, erschließt sich ein Menschenbild, dem der Untertitel des ersten Bandes der Trilogie, Wilde Tiere, durchaus gerecht wird. Auf einer Insel im Nirgendwo stranden ein Mann und mehrere Kinder. Zuerst scheint die Welt noch in Ordnung. Man arrangiert sich mit den Umständen. Doch allmählich wandelt sich das Bild, denn die Nahrung wird knapp. Denis-Pierre Filippi spielt mit einer uralten Furcht des Menschen. Und er ist als Erzähler so gerissen, dass er einen Teil der Bilder im Kopf des Lesers entstehen lässt, indem er nur den Start und das Resultat zeigt.

Optisch wird nicht nur einiges geboten, es ist auch ein Spiel mit den Gegensätzen. Die Geschichte, gezeichnet von Patrick Laumond, koloriert von Sebastien Gerard, beginnt im New Yorker Teil der Handlung mit einem Blick auf den Moloch Manhattan, eine Insel der Straßenschluchten. Die beiden grafischen Künstler führen das Auge des Leser wie in einer bewährten Kamerafahrt von hoch oben hinein in die Stadt bis zu einem Tatort. Ist die andere Handlung, zunächst auf einem Segelschiff, dann auf der Insel, eher urtümlich, ist die moderne Welt daneben in kaltes Grau getaucht, abwesend und trotz ihrer Größe ebenso leer wirkend wie der weite Ozean.

Im Zusammenspiel der beiden Grafiker entsteht eine Atmosphäre, die sich auch bei Künstlern jener Tage, ungefähr in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, finden lässt. Die Figuren sind etwas stilisiert, auch idealisiert für ihren jeweiligen Zweck. Der Farbauftrag ist milchig in einer zurückhaltenden Farbgebung. Das ist eine stilistische Mischung aus nachkolorierten Schwarzweißfotografien und künstlerischen Spitzen eines Art Deco. Letzterer geht natürlich in den Inselansichten verloren. Hier herrscht anfangs eine paradiesische Grundstimmung vor, die später ganz klar in eine grüne Hölle umschlägt.

Ein erster Band, der eindeutig Fragen aufwirft und nicht bereit ist, alle Rätsel gleich zu lösen. Aber Denis-Pierre Filippi geht das Wagnis ein, einmal anders, auch gegen den Strich zu erzählen, indem der parallel laufende Handlungsabschnitt völlig ohne Worte auskommt. Das ist mehr Arbeit für den Leser, aber der Trick funktioniert. :-)

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Dienstag, 13. August 2013

The Last Of Us - American Dreams

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 18:46

THE LAST OF US - American DreamsAls Neuling, selbst in einer bewachten Umgebung, hat man es nicht leicht. Selbst wer frei ist, führt ein Leben wie im Gefängnis. Bewacht zu sein, bedeutet nicht, beschützt zu sein. So wird die junge Ellie kurz nach ihrer Ankunft bereits verprügelt. Aber aufgeben will sie nicht. Der Junge ist viel größer, er ist kräftiger und er hat keinerlei Probleme damit, ein Mädchen zu schlagen. Nachdem sich Menschen in monströse Kreaturen verwandeln, ist die Moral bei den nichtinfizierten Menschen zu einem großen Teil auf der Strecke geblieben. Aber ein paar Menschen gibt es immer noch, die den Versuch wagen, einander beizustehen. So lernt Ellie Riley kennen. Und mögen.

Wer hier einen lustlosen Lizenzcomic erwartet, wird bitter enttäuscht. So schrieb es Sarah Burrini und trifft damit den Nagel auf den Kopf. THE LAST OF US mit dem Untertitel American Dreams steht auch ohne Computerspiel, dem es hier die Vorgeschichte bietet, sehr gut alleine auf beiden imaginären Beinen. Wer sich den Zeichenstil von Faith Erin Hicks, hier auch als Co-Autorin tätig, anschaut, wird in meinen Augen keinen Indie-Comic-Stil vorfinden. Vielmehr mischt sich in die amerikanische Comic-Szene eine Zeichnerin, die stilistisch sofort in der europäischen Graphic Novel durchstarten könnte. Auf Augenhöhe mit kontinentalen Zeichnern wie Frederik Peeters (RG - Verdeckter Einsatz in Paris) und Fane & Jim (Sonnenfinsternis) ist durch Faith Erin Hicks ein Comic entstanden, in dem sich der Horror schleichend einstellt.

Im Vordergrund steht nicht die Katastrophe, die vor 19 Jahren (zur Startzeit der Geschichte) eingetreten ist. Zwei Mädchen weisen den Leser in diese Welt ein. Die alte Zivilisation ist komplett verschwunden. Es gibt Relikte, mehr nicht. Die beiden sind in einem Alter, in dem sie nie eine gewisse Normalität kennen gelernt haben. Dank Faith Erin Hicks’ Zeichenstil finden sich auch ein paar Mangatechniken im Comic. Es ist eine feine Mixtur, die sich hier zu einem sehr eigenständigen Stil verbindet. So sind die Bewegungsabläufe in hektischen Situationen deutlich angelehnt, aber insgesamt fetter ausgeführt. Mit einer lockeren Tuschearbeit, die auch einem Klaus Janson (einem Inker, der häufig an der Seite von John Romita Jr. arbeitet) zu Gesicht stehen könnte, finden sich zusätzlich auch amerikanische Einflüsse.

Die Mädchen besitzen rundliche, offene Gesichter und unterscheiden sich mehr durch Haarfarbe und Kleidung als durch ihre Physiognomie. Gleichzeitig aber ist ihr Auftreten für den Leser sehr sympathisch. Es ist nicht schwer, für die beiden Mitgefühl zu entwickeln. Und der Horror? So könnte die Frage lauten. Es gibt keine riesigen Horden. Sie tauchen vereinzelt auf, diese Untoten, wahnsinnig geworden durch eine Infektion, mehr oder minder missgestaltet in frühen Stadien der Verwandlung. Von den späteren Stadien, wie sie der Spieler in The Last Of Us antrifft, findet sich hier nichts. So ist der Schrecken vergleichbar mit Szenarien wie 28 Days Later. Schnell zuschlagender Horror, der gerade durch seine menschliche Erscheinung in die Magengrube trifft.

Die Titelbilder, der hier zusammengefassten Hefte, gemalt von Julian Totino Tedesco verdienen eine gesonderte Erwähnung. Sie mögen am Rechner entstanden sein (oder tatsächlich am Zeichentisch mit echten Farben) oder auch nicht. Das Endergebnis hat es künstlerisch in sich und hebt sich auch erfreulich von anderen Publikationen ab. Eines der vier Bilder ziert auch den Titel des vorliegenden Sammelbandes. Ein intuitive Farbgebung, das Spiel mit richtungsweisenden Farben, die Stimmungen vorgeben und auf eine unterschwellige Bedrohung setzen, auch Theatralik, wie die Positionierung der Figuren beweist. Mehr als üblich erinnern die Bilder an Szenenfotos, wie sie gerne auch als Werbung für kommende Theaterstücke verwendet werden, so dass mehr als nur eine Szene eingefangen wird.

Ein auf den Punkt treffender Comic zum Spiel, der vollkommen alleine, ohne Vorwissen (oder Nachwissen) genossen werden kann. Faith Erin Hicks, Zeichnerin und Co-Autorin, sollte in der Comic-Szene im Blick behalten werden. Mehr als nur Horror und Endzeitszenario, auch eine sehr gute Geschichte mit fein konstruierten Charakteren. :-)

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Dienstag, 06. August 2013

Der Narwal

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:15

Der Narwal - Der Mann aus der TiefeEr ist gerade in Papeete gelandet. Er wird nur nach dem Namen gefragt. Und er hätte besser nicht Ja gesagt. Dann wäre ihm die Tracht Prügel, die eigentlich für seinen Vater gedacht war, erspart geblieben. Am besten wäre er gar nicht erst auf die Idee gekommen, diese Reise zu übernehmen. Am besten hielte er sich von allen Frauen, besonders den freizügigen, fern. Von eifersüchtigen Ehemännern, ob berechtigt oder unberechtigt, natürlich auch. Ach, am besten wäre er erst gar nicht Taucher geworden, dann wäre ihm so mancher Ärger erspart geblieben. Aber dann wäre auch nicht das Prickeln da, im Angesicht der Gefahr, wenn sich etwas aus der Dunkelheit schält, auch nicht die wenigen Freunde und dieses verdammt tolle Haus, in dem er sich doch so selten aufhält.

Der Narwal ist ein ungewöhnlicher Mann. Er begibt sich in die irrsinnigsten Situationen, riskiert Kopf und Kragen und lässt es noch zu, von seinem Vater einen Schwinger einzufangen. Robert Narwal taucht überall, wo Wasser ist, selbst in der Wüste, wenn es sein muss. Olivier Supiot hat sich für seine Kurzgeschichten eine starke Figur ausgedacht. Ein kompromissloser Abenteurer und Profi, dem Alkohol und Frauen nicht abgeneigt, mit pechschwarzem Haar und abstehenden Ohren und jemand, der Humor hat und sich selbst nicht immer ganz so ernst nimmt. Und ein echtes Überlebenswunder.

Das Album Der Narwal mit dem Untertitel Der Mann aus der Tiefe bildet keine durchlaufende Geschichte ab, vielmehr erzählt Olivier Supiot in Episoden, die, aneinandergereiht, binnen kurzem ein Gesamtbild der Person Narwal ergeben. Ein paar Figuren kehren wieder. Prägend in dieser Form ist Napoleon Narwal, Roberts Vater, die sich beide zueinander verhalten wie ein alter zu einem jungen Robert Wagner. Mit der grafischen Stilistik befindet sich Boris Beuzelin in guter Gesellschaft zu Künstlern wie Mike Mignola und Guy Davis, wirkt also eher amerikanisch als europäisch. Das sind einfache Linien, auch mal fette schwarze Schatten, in jedem Fall klare Bilder, die ihre Wirkung auch aus einem gesamten Seitenaufbau erzielen, der sehr künstlerisch aussieht.

Die Erzählweise und die Bildtechnik greifen Hand in Hand. Einerseits ist es durchaus ein wenig an Pulp angelehnt, da es einem groschenromanähnlichen Muster folgt. Andererseits besitzt es auch literarische Tiefe, da es auch mit der Schnoddrigkeit von Nick Adams Stories daherkommt, den berühmten Subtext hat und gleichzeitig Themen anpackt, die phantastisch, kriminalistisch, einfallsreich und auch zeitweilig kritisch sind. Der Narwal, ein junger Mann mit quadratischem Gesicht, den bereits erwähnten abstehenden Ohren und einem Haarschopf, der ihm wie eine schwarze Mütze zu Berge steht, ist ein Produkt eines feinen frankophonen Erzählers, der, so scheint es, jedes Bild, jeden noch so kleinen Text auf das Nötigste reduziert hat. Im Endergebnis sind sehr dichte Kurzgeschichten entstanden, denen ganz einfach nichts fehlt. Oder: Hier ist weniger tatsächlich noch viel mehr.

Eine ungewhnliche Abwechslung: Vom Meer in die Kanalisation, in dunkle Gefilde, auch an Land in einer Geistergeschichte, auf dem Ozean in eine Geiselnahme. Das hat, will man eine Mischung ausmachen, etwas vom Lebensgefühl eines Nestor Burma und von den Abenteuern eines Largo Winch. Die Atmosphäre um diesen teils knurrigen jungen Mann ist sofort aufgeheizt, wenn er die bildhafte Bühne betritt. Meistens können ihn die anderen nicht leiden und Der Narwal ist gezwungen, sich nicht nur gegen widrige Umstände zu behaupten.

Eine Mischung aus Abenteuern, Thrillern und Kriminalgeschichten. Aus einer Vielzahl der Erzählungen hier würden andere Romane oder Filme machen. Olivier Supiot ist ein Meister der Reduzierung. Er überlässt es dem Leser, die Lücken im Geiste zu füllen. Am Ende ist die Handlung gefüllt viel größer. Klasse. Die Zeichnung sind eigen, künstlerisch, flott und fügen sich dem großen Ganzen. :-)

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Mittwoch, 31. Juli 2013

ALIX SENATOR 1 - Die blutigen Flügel

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 17:02

ALIX SENATOR 1 - Die blutigen FlügelEin guter Tag. Ein guter Tag, um den Jungen das Leben zu zeigen, wie man es genießt. Wie man jagt. Wie man sich an einem heißen Tag ein kühles Bad gönnt. Die Jungen sind allerdings von der Unzivilisiertheit der ländlichen Umgebung gar nicht begeistert. Widerwillig halten sie sich am Fluss auf und warten auf die Rückkehr ihres erwachsenen Begleiters. Schreie, ausgestoßen in höchster Not, locken die Jungen schließlich doch in den Fluss. Bevor sie die Biegung des Stroms erreichen, hinter der sie ihren Begleiter vermuten, stehen sie plötzlich in rot verfärbtem Wasser. Blut!

Cäsar ist tot. Es lebe Cäsar. Augustus ist der erste Kaiser des römischen Kaisers, doch noch ist da Leben noch nicht so geordnet, wie es der mächtige Herrscher gerne hätte. Alte Wegbegleiter sterben unter ungeklärten Umständen. Der Adler, das Zeichen Roms, wird zum Unheilsbringer. Wenn das göttliche Tier, das Zeichen der Macht Jupiters, sich gegen die Mächtigen Roms stellt, jene, die für den Aufstieg des neuen Kaisers mitverantwortlich waren, wie lange kann sich Augustus dann an der Macht halten? Nach Jacques Martin, dem ursprünglichen Künstler hinter der Figur des ALIX, die zu den langlebigsten Comic-Reihen überhaupt gehört, entstand dieser neue Handlungsstrang, der sich mit der Senatorenzeit der Figur befasst. Gleich tritt der Jugendbuchcharakter in den Hintergrund und eine detektivische Handlung im Stile von S.P.Q.R. von John Maddox Roberts oder den Romgeschichten von Steven Saylor tritt in den Vordergrund.

Thierry Demarez geht die Lösung der Darstellung des römischen Reiches filmisch an. Nicht zum ersten Mal stehen Figuren wie der blinde Mönch Jorge de Burgos (aus Der Name der Rose) Pate für einen Comic, hier für den blinden obersten Auguren Roms. Nuancen in den Gesichtsausdrücken machen aus den Figuren echte Charaktere, so echt, dass man sich gewünscht hätte, einem Agrippa zum Beispiel wäre eine größere Rolle zugefallen. Historisch bedingt muss der Leser darauf verzichten. Allerdings sei auch darauf hingewiesen, wie versiert Demarez Quellen nutzt und ein Agrippa im Comic dem Agrippa, wie der historisch Interessierte ihn von alten Büsten her kennen mag, nachempfunden ist.

Die Figuren des Alix und des Augustus wirken lang gediente englische Schauspieler, enorm präsent in ihren jeweiligen Bilder, wie ein gereifter Peter O’Toole vor der Kulisse eines Filmes wie Gladiator. Dieses Rom, es besitzt einen skizzenhaften, organischen Stil. Dies mag auch einem Denis Bajram geschuldet sein, der die grafische Leitung des vorliegenden Albums hatte. Comic-Fans kennen den technisch sehr versierten Bajram eher von SciFi-Krachern wie Universal War One und Cryozone. Das Altertümliche, dessen Illustrationen auch in Lehrbüchern Platz finden könnten, zeigen ein lebendiges, ein gebrauchtes Rom, in dem geliebt, intrigiert und gekämpft wird.

Ungewöhnliche Kämpfe und Attentate: Das Geheimnis hinter den Ermittlungen von Alix soll hier natürlich nicht gelüftet werden. Es besitzt zwar nicht ganz das Rätselhafte eines Romans von Umberto Eco (um bei dem oben genannten Beispiel zu bleiben), kann aber durchaus mit Werken von John Maddox Roberts mithalten, enthält sich aber des Humors, den dieser amerikanische Autor über seine Hauptfigur gerne einbaut, eines Ermittlers, der gerne einmal Kultiviertes bitter in Frage stellt. Alix ist anders. Alix ist ein sehr rigoroser Römer, fest eingebunden und aufgrund seiner Ernsthaftigkeit, seines Maßes an Disziplin hoch angesehen bei den Herrschenden. Das Ungestüm der Jugend hat er hinter sich gelassen. Dieser Alix denkt erst, dann handelt er.

Ein klasse Auftakt eines neuen römischen Ermittlers, mit neuen Rätseln, die sich auch innerhalb der römischen Geschichte bewegen und die Lücken aufgreifen, die innerhalb der Historie zurückgeblieben sind. Fein illustriert, nicht nur für Rom-Fans interessant. :-)

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Sonntag, 30. Juni 2013

Verblendung - Buch 1

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 15:56

Verblendung - Buch 1Ein Mädchen verschwindet. Ein Mann erhält wenig später ein Paket. Darin befindet sich eine gerahmte Trockenblume. Das Jahr darauf erhält der Mann, Henrik Wanger, das nächste Paket. Jahrzehnte darauf, der Mann ist alt, entschließt sich Henrik Wanger einen Journalisten zu engagieren, der das Rätsel um das Verschwinden des Mädchens lüften soll. Inzwischen ist eine Wand seines Büros voll von gerahmten Trockenblumen. Der angeheuerte Journalist ist niemand anderes als der soeben in die Schlagzeilen geratene Mikael Blomkvist, der nach Analyse einer jungen Frau namens Lisbeth Salander, die er nie kennengelernt hat, in eine Falle geraten ist und so seine Reputation als Reporter verloren hat. Blomkvist, der sich auf die Entführung konzentriert, kann zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, in welches Wespennest er sticht und wen er aus seinem Versteck hervorlocken wird.

Selten nur erlebt eine Geschichte derart viele Varianten der Veröffentlichung. Buch, Hörspiel, zweimalige Verfilmung und Comic-Adaptionen fehlen auch nicht. In den jeweiligen Umsetzungen bleiben Kürzungen nicht aus und so gilt es, Schwerpunkte zu setzen. Das Schöne ist zweifellos, dass durch die jeweilige Interpretation neue Einsichten entstehen und die Geschichte (selbst wenn ich sie nun in der fünften Version erlebe) niemals verliert. In der Adaption für das Medium Comic gilt es also für Sylvain Runberg sinnvolle Kürzungen zu erarbeiten und Schlüsselmomente besonders hervorzuheben. Hier schwanken die Szenen zwischen erklärend und thrillernd.

Homs, der als Zeichner hierzulande weniger in Erscheinung getreten ist, fällt durch seine sehr eigenen Interpretationen der Figuren auf. Diese erscheinen an der Grenze zur Karikatur gestaltet zu sein, sind aber niemals überzeichnet genug, um nicht eine echte Vorlage gehabt haben zu können. Das Mädchen mit dem Drachen-Tattoo ist eine der faszinierenden Romanpersönlichkeiten der letzten Jahre. Leidgeprüft, unglaublich tough auf ihre Art, dabei körperlich zerbrechlich wirkend und ungeheuer intelligent, unbeugsam, eigensinnig, rebellisch. Mager bis zur Unterernährung, mit einem dreieckigen Gesicht, kurzen schwarzen Haaren, Piercings und einem starkem Auftreten, das nur einmal ins Wanken gerät, als sie sich den Gegeben unterordnet.

Homs verwendet dünne Striche. Ein starke, plastische Kolorierung hebt die Figuren aus dem Papier. Man könnte die Bildsprache einer transantlantischen Überschrift unterordnen. Die Technik findet sich hier wie dort und lsst seine Figuren theaterartig wie auch operettenhaft auftreten. Damit rückt Homs in eine Nische wie Eric Powell, denn ein gewisser Sarkasmus im Strich findet sich hier auch. Homs gestattet es sich, seinen Figuren einen Stempel aufzudrücken. Das bringt, will man die erklärende Nähe zur klassischen Kunst suchen, sogar Parallelen zur künstlerischen Darstellung eines Otto Dix mit sich.

Während die Erzählung um Blomkvist in diesem ersten Teil von Verblendung (dem Auftakt der Millennium-Trilogie) eher detektivisch geprägt ist, muss Lisbeth Salander ihren Charakter entblößen und wird auf der anderen Seite der Waage zum Leiden ausgeschickt. Zwischendurch zeigt der Mörder im Hintergrund, dass er bei aller Qual, die Lisbeth durchstehen muss, noch viel bestialischer vorzugehen vermag und die Helden dieses Thrillers noch einiges erwartet. Das ist auch mit einer optischen Anmutung von Momentaufnahmen abzulesen, die vorwiegend mit eher kälteren Farbeindrücken daherkommen und den Leser auch auf Abstand halten.

Zur Geschichte dieses Weltbestsellers von Stieg Larson muss kaum noch etwas gesagt werden, diese Adaption hält die Spannung der Vorlage aufrecht und kann auch jenen empfohlen werden, die bereits eine der anderen Varianten kennen. Homs könnte sich mit dieser Arbeit noch für eine lange Karriere als Künstler empfehlen. Der Auftakt hier ist jedenfalls sehr vielversprechend. :-)

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