Mittwoch, 11. März 2026
LUCKY LUKE ist nicht immer vom Glück begünstigt. Mal befindet ersich in Lebensgefahr, mal hat es ihn schon bis nah an die Schwelle zum Tod getrieben. Mal ist er zum Glück da, wo er gebraucht wird. Mal kommt er in letzter Sekunde. Mal ist er Lehrer, Schiedsrichter und mal begegnet er tatsächlich jemandem, der ihm in Sachen Schießkunst das Wasser reichen kann. Aber leicht ist es irgendwie nie so richtig. Das ist der WILDE WESTEN, wo ein einziger Fehler den Tod bedeuten kann…
Man stelle sich vor, jemand wie LUCKY LUKE wäre eine reale Person gewesen. Ein Cowboy, im Land verwurzelt, aber nirgends richtig daheim. Immer unterwegs auf dem Bock einer Postkutsche, immer irgendwie im Niemandsland, zwischen Ansiedlungen, zwischen Ortschaften, aber auch immer irgendwie mitten im Leben, wie die Geschichten von APPOLLO (Text) und BRÜNO (Zeichner) sowie LAURENCE CROIX (Farben) zeigen.
Vorweg: LUCKY LUKE kommt in der 7. Hommage, DAKOTA 1880, erstaunlich ernst daher und ist weit entfernt von der eher lustigen Originalfassung, die zwar mit historischen Themen spielt, diese aber nicht zu sehr aufbauscht. APPOLLO und BRÜNO verfahren da völlig anders. Und sie starten mit einer Hommage in der Hommage, wenn die Postkutsche zu Beginn, mit LUCKY LUKE als Wächter obenauf, im dichten Schneestreiben in einer sehr verlassenen Gebirgsgegend eine ungeplante Begegnung hat. Mutterseelenallein in der weißen Einöde steht ein Mann und bittet um eine Mitfahrgelegenheit. Westernverliebten Lesern, die auch in anderen Medien unterwegs sind, wird das nur allzu bekannt vorkommen.
Aber das ist lediglich der Auftakt. In sieben Kapiteln, plus einem Vor- und einem Nachspiel, erzählt APPOLLO von einem WILDEN WESTEN, der seinen Bewohnern allerhand versprochen hat, wie Besitz, Glück, Freiheit und all diese erstrebenswerten Dinge, aber nur selten austeilt. Und meistens stirbt die Hoffnung irgendwann. Ein Junge namens BALDWIN, der mitansehen musste, wie der Traum seiner Großmutter, GRANDMA GUMBO, nicht erfüllt wurde, erzählt dem Leser aus LUCKY LUKES frühen Zeit, bevor MORRIS sich dieser Figur annahm.
Es sind kurze, sehr einprägsame Geschichten, in der Manier amerikanischer Kurzgeschichten, die den Leser rasch mit einbinden, starke Emotionen aufbauen und mitunter sehr aufwühlend sein können. APPOLLO gelingt das Husarenstück, diese Kunst in die Welt des Cowboys zu überführen, der schneller schießt als sein Schatten (eine Fähigkeit, die hier im Band ebenfalls thematisiert wird). Dabei lässt er auch eine dunklere, rächende Seite des COWBOYS nicht aus. (Das ist wirklich sehr düster!)
Die Ernsthaftigkeit in den Geschichten hat mich (sehr positiv) überrascht, denn es zeigt auf, was LUCKY LUKE auch hätte werden können. Und es zeigt, aus welcher Quelle die Serie ihre Ideen bezieht (bzw. bezogen hat). Und ganz ehrlich: Die Ernsthaftig der Erzählung tut dem Thema und der Figur sehr gut. In diesem Sinne dürfte es gerne einen parallelen Ableger geben, in der APPOLLO und BRÜNO ihrer Vision häufiger Futter geben dürften.
Die Zeichnungen von BRÜNO: Einfach gehalten, klare Linien, pointierte Bilder. BRÜNO schafft es, den gewollten Effekt von APPOLLO (die Geschichten lassen keine Fragen offen) zu übertragen, zu transportieren und zu stützen. Einerseits hat dieser LUCKY LUKE ein klar umrissenes Profil, andererseits bleibt genügend Leinwand für eigene, zusätzliche Interpretationen. Und teilweise mag man sich fragen: Was geht gerade hinter dieser maske vor sich? Denn dieser LUCKY LUKE ist nicht gerade ein Ausbund an optisch überbordenden Gefühlsausbrüchen (obwohl er ein durchaus freundlicher Kerl ist).
Ein Interview mit SIGISMUND FREUDENREICH, Dozent für moderne Literatur an der Abilene State University, schließt die 7. Hommage ab. Das fiktive Gespräch klärt darüber auf, inwieweit die späteren kreativen Köpfe von LUCKY LUKE vom Werk des BALDWIN CHENIER inspiriert wurden (das selbst als Grundlage der vorliegenden Hommage diente). Das ist insgesamt schön erzählt, aber letztlich, wie viele Begebenheiten aus der Originalserie selbst, ist der gesamte so genannte WILDE WESTEN mit all seinen Abenteuern und skurrilen Gestalten Inspiration für den COWBOY gewesen, der seit 80 Jahren seine Leserschaft begeistert (eine mit Fug und Recht getroffene Aussage, kaum eine Figur schafft in der Unterhaltung eine derart lange Lebensdauer!)
Die 7. Hommage weiß mit einer frischen, ganz eigenen Version von LUCKY LUKE zu überzeugen. Die Geschichten aus jener Zeit, bevor er eine WILDWEST-LEGENDE wurde, sind ernst, respektvoll vor der Figur, durchdacht, spannend, dramatisch, traurig, sogar mal düster, auch heiter, eine Reihe von tollen Kabinettstückchen von APPOLLO, auf eine träumerische Art illustriert von BRÜNO. Lesens- und sehenswert für WESTERN- und LUCKY-LUKE-FANS! (Klare Empfehlung eines Westernfans!) 🙂
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Titelbild: © 2026 Lucky Comics/Egmont Ehapa Media
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Montag, 09. März 2026
An unterschiedlichen Plätzen auf der Welt, so scheint es, dreht sich die Welt unterschiedlich schnell. SIGI HASSLER, auf ihrer Reise um die Erde in PERU angekommen, staunt über das Land, die Menschen, die Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit. Aber das Schlechte lauert auch hinter hellen Fassaden. Diese Erfahrung, nicht die erste dieser Art, macht sie einmal mehr, als sie und ihr Team ein Hilfsangebot eines reichen Ranchers annehmen. Rasch ändert sich die Haltung des Hazienderos und eine Nacht wird zum Alptraum. Daheim, buchstäblich einmal um den Globus, hat SIGIS Freundin HANNA ganz andere Probleme, obwohl diese ebenfalls mit einem Mann zu tun haben und ebenso lebensbedrohlich sind…
SIGI HASSLER und ihre Begleiter haben den nordamerikanischen Kontinent verlassen und ihren Weg nach SÜDMAERIKA fortgesetzt. In PERU, in jenen Tagen, der Zweite Weltkrieg ist noch nicht ausgebrochen, sind auf Gebirgsstrecken Werkstätten für Automobile Mangelware. Und Ersatzteile für jeden erdenklichen Zweck lassen sich ebenfalls nicht mittransportieren. So sitzt man erst einmal fest und die findige Gruppe macht sich daran, das entsprechend benötigte Material selbst anzufertigen.
ERIK ARNOUX zeigt dem Leser, neben aller Dramatik und historischem Kolorit, eine Epoche, die gegenüber heute vergleichsweise von einer spartanischen Technisierung ist und eine Reise um die Welt in einem Auto ein sehr mutiges Unterfangen darstellte. Und dann auch noch, wie es propagiert worden ist, von einer Frau, die dieses Automobil steuert. In diesem Rückblick in Form einer sehr fein gestalteten Graphic Novel werden viele Schwierigkeiten jener Tage deutlich, viele Herausforderungen, die gemeistert werden müssen und zahlreiche Abgründe, derer sich die Menschen jener Zeit ausgesetzt sahen und die teilweise immer noch nicht ausgemerzt sind. Und ERIK ARNOUX spielt mit den schier unerschöpflichen Facetten dieser Welt und ihrer Geschichte.
Nun sind diese Facetten oft von der eher dunklen Seite. Erschüttert muss SIGI HASSLER feststellen, dass in PERU japanische Auswanderer auf den Baumwollfeldern ausgebeutet werden. Die Missstände im eigenen Land, DEUTSCHLAND, übersieht sie getrost, obwohl ihre gute Freundin HANNA vom aggressiven Antisemitismus jener Tage bedroht ist und alles daran setzen muss, um nicht einfach von der Bildfläche zu verschwinden und ihre Cousine zu schützen. So stellt ERIK ARNOUX zwei verschiedene Lebenswege einander gegenüber. Da wird Reise von SIGI HASSLER, so gefährlich sie sein mag, zu einer Art Luxustour, die mit dem wirklichen Leben nicht viel gemein hat.
DAVID MORANCHO, verantwortlich für Zeichnungen und Kolorierung, öffnet dem Leser diese Zeit (wir nähern uns langsam dem Zeitpunkt, da diese Vergangenheit einhundert Jahre zurückliegt) sehr lebendig und anschaulich. Der Leser wird mit einem Schnappschuss aus MACHU PICCHU empfangen, der letztlich nur eine Zwischenstation SIGIS gewesen ist. Grüne menschenleere Weiten, kleine Ansiedlungen, steile Gebirgswege, wo Fahrzeuge einfach nicht das beste Mittel zur Fortbewegung ist und das Pferd immer noch die bessere Alternative. Das ist ein Stück romantisiert, nur um wenig später mit dem gleichen Realitätseifer und einer hohen grafischen Qualität die Kehrseite der Medaille vorzuführen.
Und dabei handelt es sich nur um Eindrücke, die nur in Teilen die Handlung voranbringen und SIGI HASSLER in ihrer Aktion beeinflussen. Die Strecke, von der SIGI gar nichts weiß, dem nämlich, was in BERLIN geschieht, lässt für die Zukunft erahnen, was der Reisenden dort noch bevorstehen wird. DAVID MORANCHO arbeitet mit sehr feinen Outlines und äußerst sanftfarbigen Kolorierungen. So ergibt sich der Eindruck (dafür steht das Titelbild sogar exemplarisch) alter Fotografien oder sogar nachkolorierter Schwarzweißaufnahmen auf der einen Seite, auf der anderen Seite könnten es Zeichnungen sein, die der Künstler vor Ort aquareliert hat.
Augen sagen mehr als tausend Worte. Wer die Zeichnungen von DAVID MORANCHO betrachtet, kann diese Aussage bestimmt unterschrieben. Viele Gefühle lassen sich anhand SIGI HASSLERS Augenpartie ablesen, das zeugt von den Fertigkeiten des Illustratoren und stärkt die sehr filmisch geprägte Umsetzung der Geschichte. Nah an die Charaktere heran, zeigen, wie sie sich fühlen, was sie empfinden. Das reißt einen ohne weitere Erläuterungen mit.
TERRA INCA, die zweite Episode von SIGI, weiß mit ihrer abenteuerlichen dramatischen Geschichte weiterhin zu überzeugen. ERIK ARNOUX erzählt ein sehr ernstes Szenario, in dem einigen Charakteren ein schlimmes Schicksal widerfährt, während und abseits der fulminanten Reise um den Erdball. Dank perfekter Illustrationen von DAVID MORANCHO wird der Leser sehr nah ans Geschehen herangeholt. Die Atmosphäre stimmt auf jeder Seite, ein weiterer Subtext, der den Leser packt. Das sind am Ende Bestandteile des Fundaments, auf dem die Handlung vonstatten geht und einen echten Pageturner kreiert. Für alle Fans von historischen Thrillern und Abenteuern aus den Anfangstagen des 20. Jahrhunderts. Klasse! 🙂
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Dienstag, 22. April 2025
Zurück AUS SAN FRANCISCO. Und wieder zurück NACH SAN FRANCISCO. MARC DACIER hatte sich bereits auf eine andere Reise gefreut und entsprechend seinen Koffer mit Winterbekleidung bestückt. Auch aus der Reise nach Teheran wird nichts. Sein Chefredakteur hat ein anderes Ziel für MARC DACIER im Sinn, eines, wo bekannte Gesichter auf ihn warten. Obwohl nicht zur Gänze solche, die ihn gerne lebend sehen. MARC DACIER hat sich bei amerikanischen Gangstern Feinde gemacht. Allerdings bei der amerikanischen Polizei auch eine Menge Freunde. Die sind bereit, ihn während seines Aufenthaltes in den Staaten angemessen zu beschützen. Das Problem ist nur: MARC DACIER ist so ziemlich die letzte Person, die beschützt werden will.
Da hat JEAN-MICHEL CHARLIER die Kulisse von Band 3 anscheinend so gut gefallen, dass er im 4. Abenteuer einen weiteren Ausflug dahin macht, sozusagen als Ausgangspunkt für die weitere Handlung. Die gibt sich nicht nur mit SAN FRANCISCO zufrieden. Denn MARC DACIER ist hier nicht der einzige Typ, der um sein Leben fürchten muss. So tun er und sein neuer Bekannter sich notgedrungen zusammen.
Die Spur hat JEAN-MICHEL CHARLIER zurück in den Zweiten Weltkrieg gelegt, in jene Gefilde, in denen die Vereinigten Staaten gegen Japan kämpften. JEAN-MICHEL CHARLIER wusste als Autor aber nicht nur mit seiner jüngeren Vergangenheit zu spielen, er kannte seine Gegenwart ebenso gut. Entsprechend ist MARC DACIER auf seine Art auch ein Kabinettstückchen Geschichte, das rückblickend über seinen Unterhaltungswert hinaus interessant ist. Darüber hinaus wob er meisterhaft immer neue Höhepunkte in die Handlung ein, überraschend, an der einen oder anderen Stelle sogar mit einer Prise Humro versehen.
EDDY PAAPE, als Comic-Künstler unter anderem für LUC ORIENT bekannt, zeichnet nach drei Vorläufern die vierte Episode lässig, ohne Fehl und Tadel. Er kennt seine Zeit, seine Technik, seine Mode, hat gesehen, wie die Menschen seiner Zeit aussahen, jene, die sich auf Bühnen, Kino und Fernsehen hervortun und auffallen. Demzufolge mag es hier Ähnlichkeiten zu bekannten Gesichtern geben, ohne ihnen aber ganz nahe zu kommen. Doch es lässt sich abschätzen, woher EDDY PAAPE seine Inspiration nahm. Letztendlich hat er sich bei der Technik auch an seiner Realität bedient.
Interessant ist, dass EDDY PAAPE gerne mit Visagen arbeitet, und das ist nicht abwertend gemeint. Herausragende Charaktere (oder selbst Nebenfiguren) sind sehr individuell gestaltet und teilweise lässt sich ihre Funktion in der Geschichte an ihrem Gesicht ablesen. Das ist eine Technik, die gerade der Comic anbietet, wo sich die Figuren dem Diktat des Künstlers beugen und so aussehen, wie es die Handlung verlangt. Ganz im Gegensatz zum Film, wo Casting, Kostüm und Maske diese Wirkung erzielen. So kann EDDY PAAPE aus einem viel größeren Fundus schöpfen. Die Grenze ist einzig sein Talent und sein Können.
MARC DACIER, der strahlende Held. Oder doch nicht? MARC DACIER ist ein junger Mann, der in Situationen gerät, aber zweifelsfrei ist er nicht der abenteuerliche Held, wie ihn EDDY PAAPE mit den Serienfiguren LUC ORIENT und JOHNNY CONGO gezeichnet hat. JEAN-MICHEL CHARLIER geht hier ganz bewusst andere Wege, als er in anderen seiner vielfältigen Publikationen gegangen ist. MARC DACIER ist nicht auf den Kopf gefallen, aber sicherlich ist er, trotz seines Journalistenberufes, ein wenig blauäugig, naiv und JEAN-MICHEL CHARLIER lässt ihn manchmal nur mit mehr als nur äußerster Not mit dem Leben davonkommen. Da macht auch DIE GEHEIMNISSE DES KORALLENMEERS keine Ausnahme.
Schon ein kleines Zeitzeichen dieser MARC DACIER. Da, wo andere Autoren und Zeichner sich per Recherche in andere, frühere Zeiten zurückarbeiten, war MARC DACIER schon existent. JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE kannten ihre Epoche und demzufolge ist es insgesamt auch ein Bild dessen, was tatsächlich einmal war. Obendrauf gibt es ein spannendes Abenteuer mit einem sehr natürlichen und sympathischen Helden. Klasse! 🙂
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Montag, 17. März 2025
Die VEREINIGTEN STAATEN VON MAERIKA. MARC DACIER hat es geschafft. Er hat den PAZIFIK überquert, ohne auch nur die geringsten Barmittel in der Tasche zu haben. Ohne zu bezahlen. Nun steht er auf dem nordamerikanischen Kontinent, und die Probleme werden keineswegs geringer. Ganz im Gegenteil, denn die Ähnlichkeit mit einem ortsansässigen Gangster des organisierten Verbrechens bringt ihn in große Schwierigkeiten. Zuerst wird er verhaftet (und kann sich zunächst nicht erklären weshalb), dann erklärt er sich mehr oder weniger freiwillig bereit, die Rolle des anderen zu übernehmen, damit der echte Halunke in einem Prozess lebend als Zeuge aussagen kann. Leider fängt das Schlamassel an dieser Stelle erst an, und MARC DACIER muss einmal mehr auf dieser Reise um sein Leben fürchten.
Das Titelbild verspricht noch mehr: Eine Diesellok rast am Rande eines Abgrunds auf einen geborstenen Schienenstrang zu. Ganz winzig, ein Schattenriss vorne an der Lok, schaut MARC DACIER heraus und weiß nicht, was er tun soll. Dieses Ereignis jagt die Geschichte in die nächste Runde. Zu keinem Zeitpunkt, ein Markenzeichen von Erzähler JEAN-MICHEL CHARLIER, kann der Leser die nächste Wendung oder überhaupt den Fortgang der Geschichte vorausahnen. Aber es sind auch solche Gelegenheiten, ein Unglück, dem nicht zu entgehen ist, das JEAN-MICHEL CHARLIER und Zeichner EDDY PAAPE regelrecht zelebrieren. Der Leser sieht es kommen. Der Held MARC DACIER kann eigentlich dem Tod nicht mehr von der Schippe springen – oder doch? Über mehrere Seiten wird der erzählerische Coup vorbereitet und erinnert an Tricks, wie sie aus Filmen und Serien her bekannt sind. Aber es funktioniert hier wie dort!
JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE sind natürlich Kinder ihrer Zeit. Entstanden ist MARC DACIER gegen Ende der 1950er Jahre. CHARLIER wurde 1924 geboren, PAAPE bereits 1920. Sie kannten die Verbrechervisagen des Kinos ihrer Sturm- und Drangjahre und ebensolche Gesichter finden sich auf den vorliegenden Seite wieder. Kantig, aussagekräftig, eindeutig zuzuordnen, im Film wären solche Gesichter typ- und charaktergerecht besetzt. Vergleicht man als Leser EDDY PAAPEs Arbeiten mit jenen neuerer Produktionen von Kollegen, lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass der sich was getraut hat. EDDY PAAPE hat sich nie auf einer Standardfigur ausgeruht, sondern war stets darauf bedacht, neue Gesichter zu kreieren. Auch hier sind die Ergebnisse so unvorhersehbar wie die Handlung. (Natürlich ist das Überleben von MARC DACIER vorhersehbar. Das ist aber auch schon alles.)
Das ist ganz klar eine sehr subjektive Meinung, doch mir präsentiert sich die dritte Episode mit deutlich mehr Geschwindigkeit als die ersten beiden Folgen. Das mag am zeitweiligen Setting des Zuges liegen, der nun mal eine Geschwindigkeit und eine Richtung vorgibt. Das mag am Zeitdruck liegen, der sich aus dem Rest der Handlung ergibt, die zwar örtlich statisch erfolgt, darüber hinaus aber sich einzig um das Thema Entkommen dreht.
Ein echter Thriller. JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE kommen hier mit einer Geschichte, die so wie sie hier steht (entstanden 1959/1960), eine Steilvorlage für viele spätere Abenteuer dieser Art gewesen sein kann. Jedenfalls schicken die beiden Comic-Größen hier vieles voraus, was später in zahlreichen Unterhaltungsmedien erneut verarbeitet worden ist, ganz besonders der Part mit dem Zug. Starke Comic-Unterhaltung mit einem leichten Nostalgieeffekt. 🙂
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Dienstag, 10. September 2024
Die Katastrophe ist geschehen. Was eine Zuflucht hätte sein können, war am Ende eine Sackgasse, eine Falle. Die beiden Mäuse WIX und PICT setzen ihre gemeinsame Flucht fort. Ein Fluss bietet dazu eine riskante Gelegenheit. Überall treibt Zivilisationsschrott der verschwundenen Menschen umher, bis sich schließlich der Müll so weit auftürmt, dass er eine Weiterreise auf dem Wasser verhindert. Die Mäuse müssen an Land. Dort ist es keineswegs sicher. Aus der Luft droht Gefahr und selbst in ihren Träumen verfolgen sie ihre Ängste…
Zurück in der Apokalypse aus tierischer Sicht. MAC SMITH, der Erfinder der Trilogie SCURRY, hat sich der Frage angenommen, was eigentlich mit den Tieren passiert, wenn eine Katastrophe die Menschheit auslöscht. Hier ist es ganz offensichtlich auch eine von Menschen gemachte Katastrophe, möglicherweise ein Krieg. Wie groß oder wie klein entzieht sich der Kenntnis der Tiere. Sie erfahren nur aus jenen Gegenden, in die sie zu reisen vermögen oder von denen sie erzählt bekommen. Und natürlich wissen sie nicht, was eine Bombe ist. Oder raketen. Sie übersetzen es in Worte und Bilder, die ihnen geläufig sind. Das Ergebnis sind Vergleiche, nicht weniger bedrohlich als die tatsächlichen Todesbringer.
Am Beispiel einer Mäusekolonie und einiger weniger herausragender Charaktere spannt MAC SMITH seine Geschichte, hier nun im dritten und letzten Teil angelangt, DER FLUCH DES SCHATTENS. In der zerstörten Welt ist die Nahrung knapp geworden. Tiere, die zwar nichts mit den Menschen zu tun hatten, aber dennoch auf die Lebensmittelreste, auf Felder oder Vorratslager angewiesen waren, suchen nach einem Ausweg, einem neuen Zuhause. Das wären Probleme genug, gäbe es nicht noch Rivalitäten, Machtansprüche, Intrigen und richtige Kämpfe untereinander sowie die Bedrohungen durch Fleischfresser wie Wölfe, Raubvögel oder Raben.
Aber MAC SMITH erzählt eben auch eine Geschichte, die mit alten Fabeln spielt. Tiergeschichten sind keine Erfindung neuzeitlicher Zeichentrickfilme, sondern ein lange bewährtes Mittel, um einem Thema eine Form zu geben. Und er bedient sich der althergebrachten Sagenkonzepte, in denen es einen (oder mehrere) Helden gibt (der oder die aber eigentlich nicht dazu geboren ist), einen Bösewicht (mit einer Bande im Schlepptau), einen Wahrsager (mit einer starken Prophezeiung), einen Ritter (dessen Aufgabe es ist, ritterlich zu sein), einen Erlöser (der wieder alles ins Lot bringen soll). Charakterlich kann das auf männliche oder weibliche Figuren entfallen. Neuzeitlich mehr auf letzteres, denn Heldinnen aller Art erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit, besonders, wenn sie ebenso gut oder noch besser zudreschen können als ihre männlichen Pendants.
Wenn kleine Helden über sich hinauswachsen, ist das häufig einen Blick wert, wenn MAC SMITH jedoch noch einen Schritt weiter geht und einen geradezu filmischen Grafikstil an den Tag legt, eine Wirkung erzielt, als seien die Bilder allesamt einem Animationsfilm entsprungen, fast eine Hommage an den guten alten Filmfotoroman. Obwohl SCURRY das nicht ist. Bedeutet im Umkehrschluss aber, dass jedes Bild ein Fest ist und beinahe jedes als Cover herhalten könnte. MAC SMITH entlockt jedem noch so kleinen Bild (den größeren sowieso) die bestmögliche Qualität. Durch diesen entstehenden Fotorealismus (ja, ich weiß, Tiere können nicht reden, also hinkt das Wort Realismus etwas) wird das Drama der Geschichte umso mehr gepusht.
Die beiden HeldInnen, WIX und PICT, erfüllen unterschiedliche Funktionen dieses dytopischen Abenteuers. Der Leser sieht die Freundschaft der beiden Mäuse wachsen. Sieht ihre Hoffnungen, ihre Verluste, so manche lebensgefährliche Situation. Nie lässt sich vorhersagen, ob und wie WIX und PICT überleben werden. MAC SMITH schenkt seinen Figuren nichts und gönnt ihnen nur selten etwas. Das Titelbild ist hierzu ein starker TEASER, denn ein brennender Katzenkopf spielt eine sehr bildhaft bedrohliche Rolle in SCURRY (keine Bange, hier brennt keine echte Katze, soviel Spoiler darf sein).
MAC SMITH holt aus der grafischen Arbeit am Rechner ein Höchstmaß heraus und ich möchte behaupten, dass er mit SCURRY dem Tier-Abenteuer im Comic-Medium nicht nur einen ordentlichen Schub erpasst hat. Vielmehr hat er die Messlatte für nachfolgende Publikationen verdammt hoch gelegt.
Ein höchst dramatisches Finale. Ein versöhnliches und hoffnungsvolles noch dazu. MAC SMITH schickt die nordamerikanische Tierwelt in ein drittes und letztes Abenteuer. Ein paar eher seltene Kandidaten erhalten auch eine Auftrittschance (u.a. Flughörnchen und Opossums). Neben der sehr aufwendig gestalteten Geschichte (Mann, hat der Mann ein grafisches Talent!), kann MAC SMITH mit einer sehr liebevollen Erzählung überzeugen. Ein paar von den Charakteren wachsen einem echt ans Herz! Schade, dass MAC SMITH seine Geschichte zu Ende erzählt hat. Hier ist alles drin, was eine Graphic Novel braucht. Perfektes Storytelling und noch tolleres Artwork! 🙂
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Sonntag, 14. April 2024
Wo Gold auftaucht, verwirrt es den Verstand der Menschen nicht selten. Und viel Gold lässt ihn zuweilen wahnsinnig vor Gier werden. Das kleine Städtchen BARRO CITY wird nicht nur seit Wochen von schweren Regenfällen heimgesucht, in der örtlichen Bank wird auch ein riesiger Goldschatz aufbewahrt. Das lockt in dieser apokalyptischen Atmosphäre bald schon menschliche Asgeier an. Während der Regen den Friedhof auswäscht und die Särge aus dem lehmigen Boden spült und die Hauptstraße entlangtreibt, reitet eine Gruppe Uniformierter völlig durchnässt in den Ort. Was zunächst nach einer Hilfsmannschaft aussieht, entpuppt sich bald als eine Horde Ganoven. Der BOUNCER und seine Freunde geraten, kaum dass der Regen aufhört und die Hitze wieder Einzug hält, kurz darauf in höchste Gefahr.
Der Titel des 12. Bandes der Western-Reihe BOUNCER lautet: HEKATOMBEN. Ein Begriff, den ich auch erst einmal nachschlagen musste. Zitat (Wikipedia):
Im übertragenen Sinn spricht man in der Moderne auch bei einer erschütternd großen Zahl von Menschen, die einem Unglück, einem Massaker oder ähnlichem zum Opfer gefallen sind, von einer Hekatombe.
In der Antike entsprach die HEKATOMBE einem Opfer für die Götter. Anscheinend wurde die Anzahl und die Verschiedenheit der Opfer über die Jahrhunderte immer größer. Im übertragenen Sinne, wie oben angesprochen, jagt ALEJANDRO JODOROWSKY, Autor von BOUNCER, die Opferzahl im gleichen Städtchen BARRO CITY auch ziemlich in die Höhe. Hier von einem (oder mehreren) Massaker zu sprechen, ist ganz und gar nicht verkehrt. Der Blutzoll ist enorm. ALEJANDRO JODOROWSKY ist bekannt dafür, dass er sich in seinen Geschichten gerne kurios mythologisch anlehnt, um dem Ganzen so eine noch dramatischere Not zu verleihen. Die schwimmenden Särge gleich zu Beginn, wenn der Tod seinen angestammten Platz verlässt, sind ein gutes Beispiel.
In einem streng begrenzten Szenario tobt sich das Böse aus. In einem Städtchen, in dem jeder jeden und jede kennt, da ist es für Einheimische schwer, ein Querulant zu sein. Wenn also etwas geschieht, etwas Schlimmes, dann muss es von außerhalb hereingetragen worden sein. Der Leser weiß gleich zu Beginn, woher das Böse kommt, wann es angekommen ist. Und das ist gleichermaßen eine Fährte, die den Leser ein wenig aufs Glatteis führt. Denn er weiß eben doch nicht alles. Neue Personen auf dem Spielfeld versprechen neue Wendungen. Es wird gewalttätig, aber ebenso lässt ALEJANDRO JODOROWSKY Kriminalelemente einfließen, denn in der kurzen Zeit häufen sich die Verbrechen unterschiedlichster Art. Und so gibt es sogar eine Spurensuche und Ermittlung, wie sie im guten alten Krimi gang und gäbe ist. Ein gutes Gegengewicht zu ziemlich stark choreographierten Schießereien, wie sie in keinem Western fehlen dürfen.
Häufig ließ sich in Geschichten von ALEJANDRO JODOROWSKY beobachten, wie sehr er seine Hauptfiguren leiden lassen kann. Mit BOUNCER verhält es sich hier ähnlich. Wer gerne mit Sympathieträgern mitleidet, kann hier gar nicht anders. BOUNCER, ein Charakter, der immer bemüht ist, das Richtige zu tun, ereilt hier nicht nur ein trauriges Schicksal, er muss gleichzeitig mit großer Trauer umgehen. Das nichst daran ändert, dass ALEJANDRO JODOROWSKY die Geschichte wendungsreich angelegt hat, nicht übertrieben und nicht aus dem Hut gezaubert. Freunde der neuen realistischen Sorte von WESTERN ebenso wie jene, die der ITALO-VARIANTE anhängen, werden hier absolut fündig, auch ohne Vorkenntnisse der bisherigen Handlungen.
FRANCOIS BOUCQ ist nicht nur ein langjähriger Wegbegleiter von ALEJANDRO JODOROWSKY, er gehört mittlerweile auch zu den Comic-Künstler-Veteranen. Er gehört nicht ganz zu den alten Jahrgängen wie ein JEAN GIRAUD oder ein HERMANN HUPPEN, beides großartige Western-Zeichner, aber er zeichnet in ihrer Tradition weiter. Das sind handgemacht aus, mit deutlichem Tuschestrich und organischem Farbauftrag. Das ist ein Comic-Künstler, der auf tragisch-epische Szenarien angesetzt werden kann und aus den geschriebenen Vorlagen starke, echte Charaktere kreiert, die einem Leser ans Herz wachsen können.
Seine grafisch gestalteten Figuren passen sehr gut zum Western-Genre. Wer einmal Vergleiche anstellen möchte, sucht sich tatsächlich alte Fotografien jener Tage und wird schnell sehen, wie gut sich die Charaktere aus BOUNCER in diese schwarzweißen Rückblicke einreihen würden, ohne aufzufallen. Das zeigt nämlich gleichzeitig einen weiteren schönen Aspekt der Reihe: Authentizität. Keine Glorifizierung. Einfach ein genau gestalteter Blick auf eine Gegend im Nirgendwo, die versucht, sich einen zivilisierten Anstrich zu geben. Nebst Bank und Sheriff, nebst Bordell und Saloon, auch eine Feuerwehr und sogar hier in dieser kleinen Stadt ein Chinatown. Und ganz nebenbei rennen immer noch die Rinder durch die Straßen. Kurz: Eine stark eingefangene Western-Atmosphäre, absolut dicht, auf der ALEJANDRO JODOROWSKY seine Drama-Tragödie vorantreiben kann.
BOUNCER ist jetzt schon eine seit Jahrzehnten wachsende Western-Serie, die zu den Top-Reihen ihres Genres zählt. FRANCOIS BOUCQ hat als Comic-Zeichner auch andere Genres bedient (z.B. Thriller wie JANITOR), aber im WESTERN hat er als Künstler ein Zuhause gefunden. ALEJANDRO JODOROWSKY, ein Experte für tragische Figuren, gönnt seinem BOUNCER nur wenige gute Momente, lässt ihn leiden und sich wieder aufrappeln. Kein strahlender HELD, aber ein KÄMPFER und STEHAUFMÄNNCHEN. Und mit Fug und Recht behauptet: Spannend und dramatisch von der allerersten bis zur letzten Seite. Vorbildlich. TOP! 🙂
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Freitag, 01. März 2024
Der FALKE dachte, er hätte seine Beute sicher. Aber RAUBVÖGEL sind nicht unbedingt die Könige der Lüfte. Diejenigen, die sich vor gar nichts fürchten, sind die RABEN. Und so greifen sie diesen Eindringling in ihren Luftraum gnadenlos an, versuchen ihm sogar die Beute zu stehlen. Der Angriff ist nur halb erfolgreich. PICT, die kleine weiße MÄUSIN, die sich ebenso halb sicher in einem Vogelhaus sicher vor dem Verspeisen durch den FALKEN wähnt, stürzt durch die Attacke in die Tiefe. Doch sie hat Glück im Unglück und findet einen neuen Freund…
Die Reise geht für den Leser an der Seite der beiden Mäuse WIX und PICT. MAC SMITH, Autor und Illustrator, eröffnet eine Welt, aus der sich die Menschen verabschiedet haben. Es ist ruhiger geworden. Kein Auto fährt mehr, kei Mensch lässt sich sehen, die Natur hat die Ruinen der Häuser zurückerobert. Aber darüber hinaus hat sich manches verändert. Die Natur scheint erschöpft, das Wetter agiert gegen das verbliebene Leben. Verschiedenste Tiere versuchen mit der Situation klar zu kommen. MÄUSE, RATTEN, KATZEN, BIBER, WÖLFE, ein ELCH, eine SCHLANGE, RABEN, FÜCHSE, FALKEN, SCHILDKRÖTEN, generell Tiere des Waldes. Tiere, die einst zum Leben der Menschen gehörten, sind verschwunden. Nahrung ist schwer zu finden, sichere Zufluchten sind selten.
MAC SMITH zeichnet eine düstere Welt. Aber das macht er in einer hochrealistischen Optik, die SCURRY zu etwas ganz Besonderem macht. Und im Fortsetzungsband, DER ERTRÄNKTE WALD, mit vielen Wendungen und Überraschungen aufwartet. Zwei MÄUSE, WIX und PICT, haben ihre Kolonie verlassen (mehr oder weniger freiwillig), die Richtung hierbei wurde, kann man sagen, ihnen aufgezwungen. Da die beiden getrennt wurden, entwickeln sich zwei völlig unterschiedliche Erzählstränge. Perfekt für MAC SMITH, um diese (seine) Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, jedoch in jedem Fall die Düsternis und die Verzweiflung, die dem Szenario innewohnt, zu vertiefen.
Und wie! Beiden Hauptcharakteren werden, sprichwörtlich, wahnsinnig viele Steine in den Weg gelegt. Die Welt ist grau, sie ist nass! Und wer klein ist, dessen Leben hängt sowieso dauernd am seidenen Faden. Es regiert der Wahnsinn, die Gier, die Brutalität. Selbst die ganz großen Tiere, jemand wie der ELCH ATLAS, müssen aufpassen, wollen sie in dieser Welt überleben. Denn eine Rotte WÖLFE kann auch für sie Todesgefahr bedeuten. MAC SMITH ist in jeder Sequenz meisterhaft darin, die höchstmögliche Intensität aus der jeweiligen Erzählung herauszuholen. Das geschieht zuallerst über die Bilder, die der in Sachen Illustration autodidaktische Künstler (ja, wirklich!) MAC SMITH so anlegt, als seien diese aus einem Animationsfilm entsprungen. Das Titelbild verrät es schon: Hier ist REALISMUS, sogar leichte Überzeichnung, Trumpf! MAC SMITH holt aus computergestützter Kolorierung so ziemlich alles raus, was geht!
In zweiter Linie muss der Leser natürlich mit den Figuren fiebern können. Das geschieht über eine gewisse Vermenschlichung, aber auch über die Anwendung mancher Fabelregeln, indem den Tieren bestimmte Eigenschaften zugestanden werden. Anleihen hierzu kann sich MAC SMITH außerdem bei klassischen Zeichentrickfilmen geholt haben. Wie zum Beispiel MRS BRISBY UND DAS GEHEIMNIS VON NIMH (1982). Drei Bilder seines ARTSTATION-Accounts verraten, dass er sich mit diesem Film auseinandergesetzt und sich vielleicht Inspirationen von dort geholt hat. Entsprechend dieses Vorbildes sind WIX und PICT absolute Sympathieträger. Mutig, loyal ihrem Partner (oder Partnerin) und ihrer Kolonie gegenüber. Findig, schlau und offensichtlich auch so manchen anderen Figuren in der Geschichte nicht unsympathisch (bis auf jene eigentlich, die sie nur zum Fressen gern haben).
Und damit der Leser, wir, so richtig Mitfiebern kann, erspart MAC SMITH den beiden Mäusen nichts. Die menschliche Zivilisation, in dieser Postapokalypse, ist längst untergegangen. Doch die kleineren Welten, die nicht so unabhängig von der großen Menschenwelt waren, wie sie angenommen haben mögen, drohen nun ebenfalls alles zu verlieren. In der MÄUSEKOLONIE wird der Hunger für einen Exodus verantwortlich sein. In einer Kolonie der BIBER ist es eher der Wahnsinn eines Herrschers, der alle am Fleck hält, obwohl die Versorgungslage kaum besser ist. Und wenn der Leser denkt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, setzt MAC SMITH noch eines drauf. Dann kommen sogar drei FÜCHSINNEN zu Wort, die sich ein WILLIAM SHAKESPEARE hätte einfallen lassen können und dem Ganzen noch einen mystischen Anstrich geben.
MAC SMITH ist in Sachen Comic-Kunst Autodidakt. Das mag man kaum glauben, betrachtet man die teils fotorealistischen Bilder. (Entwicklungsarbeiten zu SCURRY finden sich im Anhang sowie im Netz auf Accounts von MAC SMITH.) Jahrelange Arbeit war für SCURRY insgesamt nötig und wer die Seiten betrachtet, mag jede einzelne Arbeitsminute davon regelrecht spüren. Liebe an der eigenen Geschichte, Detailfreude, all das kommt hier zum Ausdruck. Das mittlere Abenteuer der SCURRY-Trilogie, aufgeteilt in vier Kapitel, DER ERTRÄNKTE WALD, vermag es auf jeder Seite den Leser in seinen Bann zu ziehen. In nervenzerrender ACTION ebenso wie in den ruhigeren Momenten. Einfach nur stark!!! 🙂
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Donnerstag, 22. Februar 2024
Ein Schiff muss her! Doch woher nehmen, wenn man keines stehlen kann? Ein waghalsiger Plan führt die kleine Mannschaft erst auf eine halsbrecherische Diebestour und kurz darauf mit einer Kanone (!) auf einem Floß auf hohe See. JUAN DER LANGE hat seine Leute überredet, ihm zu vertrauen und Beute versprochen. Das verlangt viel von den Halunken (und der einzigen Frau in der Mannschaft, die letztlich auch ein Halunke ist). Am Ende blicken alle auf das Wasser hinaus, warten auf Ebbe und hoffen das Beste. Es wäre gut für JUAN DER LANGE, wenn sein Plan Früchte trüge, denn die PIRATEN werden langsam ungeduldig…
Es waren einmal: PIRATEN! Über die Jahrzehnte hinweg hatten sie ihre unterhaltenden Auftritte in Popkultur. So richtig weg waren sie nie, und sie tauchten auf sämtlichen Weltmeeren auf. Eine zentrale Umgebung, wo sie, hauptsächlich, in Literatur und Film besonders gern gesehen waren, ist die von hier aus betrachtet überseeische Karibik. Dieser Knotenpunkt auf dem Weg von Europa an die Goldküsten Südamerikas mit den Besitzungen der spanischen Krone ist der weitläufige Schauplatz von JUAN DER LANGE. Dieser junge Mann möchte ein Pirat sein. Er hat seiner kleinen Mannschaft einiges versprochen, doch bisher war keine Beute in Sicht. Obendrein fehlt ihnen zum Piratendasein das Wichtigste: Ein Schiff!
ANTONIO SEGURA, der Autor, lässt seine Charaktere sozusagen bei Null beginnen. Und es stellt sich gleich zu Beginn die Frage, wie gelangt man an ein Schiff, wenn man nicht gerade in einem Hafen eines stehlen kann? Man kauft es und das Geld dazu verdient man sich zuvor mit einem Husarenstreich. Und viel Schweiß und Anstrengung. Der Leser verfolgt diesen kuriosen Plan, der auf einen einzigen Treffer setzt. Und darüber hinaus auch keine Versuche zulässt. Das reicht, um Spannung aufzubauen. ANTONIO SEGURA lässt es darauf nicht beruhen, denn die versammelte Mannschaft um JUAN DER LANGE ist punktgenau und perfekt zusammengestellt.
Das Titelbild verrät schon einiges über die Truppe, aber insgesamt ist es in der Geschichte noch um ein Vielfaches differenzierter. Auffallend betagt ist METHUSALEM, ein altgedienter Pirat, einbeinig, einäugig, doch von seiner Erfahrung her für die Truppe absolut unverzichtbar. Es gibt den FRANZOSEN, zwei Haudraufs, von denen einer der Vater der HÜBSCHEN KLEINEN ist. Hier gibt es Konstellationen, die erinnern an einen gallischen Stamm, ebenso finden sich Anleihen (oder Verbeugungen) bei klassischen Kinoabenteuern, in denen sich berühmte Piratendarsteller einen Namen machten. Entsprechend geht es durchaus ernsthaft zu, aber auch humorvoll (öfters) und familienfreundlich (meistens). Den Schurken sieht man ihre Schurkenhaftigkeit sogleich an, erst recht den anderen Piratenkapitänen wie dem HOLLÄNDER, der bei Widerworten kurzen Prozess macht.
Aber die Halunken sehen gut aus dabei! Zu verdanken ist das dem Zeichner JOSÉ ORTIZ, der hier eine Parade von Schurken abliefert und solche Gesichter aufs Papier zaubert, wie es die goldene Ära der Piratenfilme (als die Welt meistens schwarzweiß war) dem Zuschauer darbrachte. Die Comiczeichner aus Spanien brachten einen frischen realistischen Grafikstil in das Medium ein. JOSÉ ORTIZ, hierzulande mindestens noch mit HOMBRE bekannt, könnte technisch mit JORDI BERNET (TORPEDO) verglichen werden. Beiden ist zueigen, dass sie neben dem Realismus auch eine Spur Karikatur einfließen lassen. Die Figur des METHUSALEM ist ein sehr gutes Beispiel hierfür. Nicht zu echt, aber auch nicht zu abgedreht illustriert, um nicht in der Realität existieren zu können.
Kapitelweise, jeweils schön abgeschlossen, ohne den Gesamtfluss der Geschichte stark aufzuhalten, erzählt ANTONIO SEGURA vom Leben der PIRATEN und das beinhaltet natürlich eine gehörige Portion ACTION. Zu WASSER selbstverständlich, aber eben auch zu LANDE. Da gibt es die Kämpfe gegen ihresgleichen, auf dem SCHIFF. Da müssen Stürme bestanden und Wege durch Sumpfgebiet beschritten werden. Da droht eine Begegnung mit vermeintlichen Kannibalen unschön auszugehen. Da gibt es in einer Situation höchster Not noch Zeit für eine Spur ROMANTIK (die braucht ein PIRAT auch). Und ein Kollege von ROBINSON CRUSOE sorgt für Einlagen, die für besondere Abwechslung im PIRATENLLEBEN sorgen. Daneben aber, zum Beispiel in einem Kapitel das den Sklavenhandel thematisiert, wird auch es auch mal bitterernst.
Das alles ist von JOSÉ ORTIZ mit außerordentlich leichter Hand gezeichnet. Er führt den Leser nah an die Auseinandersetzungen, auf die Decks der Schiffe, die Strände, die Hafenstädte und die Spelunken sowie in die Dschungel. Das ist sehr lebendig, wie vor Ort skizziert und mit Tusche meisterhaft leicht hingeworfen. Kein Wunder, denn JOSÉ ORTIZ war auch ein Perfektionist darin, wenn es darum reine Schwarzweißzeichnungen abzuliefern. Hier muss er sich zugunsten der Kolorierung nur etwas zurücknehmen. Nicht ein Strich zu viel, keiner zu wenig und obwohl JUAN DER LANGE erstmals vor über 30 Jahren erschien, ist der grafische Stil immer noch modern.
PIRATEN kommen heutzutage viel zu kurz, da kommt die klassisch erzählte Geschichte um JUAN DER LANGE von ANTONIO SEGURA (Autor) und JOSÉ ORTIZ (Zeichner) gerade recht mit einer Neuauflage. Das Vermächtnis der beiden Comic-Künstler kann solche Comic-Leser, die sich für PIRATEN und HISTORISCHE SZENARIEN begeistern, ganz bestimmt einfangen. Jung, frisch und in einer Erzählweise, die gerade der heutigen Zeit sehr angepasst scheint. Klasse! 🙂
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Donnerstag, 04. Januar 2024
Willkommen in Amerika! Der Erste Weltkrieg ist vorüber. Die Welt wankt erneut, diesmal unter der Weltwirtschaftskrise. In dieser Zeit will eine junge deutsche Rennfahrerin eine großartige Leistung vollbringen, eine WELTUMRUNDUNG mit dem AUTOMOBIL. SIGRID HASSLER hat Glück, sie findet einen Sponsor für ihre kühne Idee und ebenfalls ein Fahrzeug für die lange Reise, einen ADLER STANDARD 6. Die Fahrt beginnt in Deutschland, führt ein vergleichsweise kurzes Stück nach LE HAVRE, wo das Fahrzeug in einen Dampfer nach NEW YORK verfrachtet wird. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist die Reise alles andere als störungsfrei und richtige Schicksalsschläge lassen nicht lange auf sich warten. Und das ist erst der Anfang…
Basierend auf den echten Leben der CLÄRENORE STINNES (1901-1990) und ihrer wahrhaftig stattgefundenen Weltumrundung per Automobil von 1927-1929 haben sich ERIK ARNOUX (Autor, Storyboard) und DAVID MORANCHO (Zeichner, Farben) daran gemacht, ein Szenario zu entwerfen, das den Leser fast 100 Jahre zurückwirft, in eine Zeit, da die Moderne bereits im folgenden düsteren Zweiten Weltkrieg durchzuschimmern beginnt. Aber vorerst ist da nur ein Schimmer. Die einen gehen in einer Aufbruchsstimmung auf, die anderen hängen einer grauenhaften Vergangenheit nach, teils aus Selbstmitleid, teils aus Hass, teils aus beidem. Wieder andere in der deutschen Heimat sehen in einer Frau, die es wagt, in einem Automobil um die Welt zu reisen, ein perfektes politisches Aushängeschild. Das ahnt SIGRID HASSLER aber nicht.
Für sie steht das ABENTEUER im Vordergrund und der Wunsch, am Steuer eines Automobils zu sitzen. Von der POLITIK merkt sie, sobald sie losgefahren ist, erst einmal nichts. ABENTEUER jedoch bekommt sie ziemlich bald, mehr als ihr lieb ist. Denn für SIGI geht es um Leben und Tod. ERIK ARNOUX praktiziert einen kleinen Serientrick zu Beginn der Geschichte. Er springt mitten hinein, in einen besonders gefährlichen Moment, bis zu einem bestimmten Punkt, an dem der Leser (oder vergleichsweise im Stream der Zuschauer) angefixt ist, und hüpft dann an den Anfang, um zu zeigen: Wie konnte es so weit kommen? Das funktioniert hier ebenfalls, denn der Kontrast zwischen der abenteuerlichen Sequenz und der Ausgangssituation ist immens. Spätestens jetzt weiß der Leser, dass für SIGRID HASSLER alias SIGI nicht nur ein Abenteuer startet, sondern dass sie ebenso einen regelrechten Weltensprung hinlegt.
Der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite ein winterliches Berlin, Drama und Action auf der Rennstrecke, ein wenig Nachtclubflair und einiges mehr. Auf der anderen Seite die Vereinigten Staaten von Amerika, aufgeteilt in den modernen Osten und den Westen, der noch mit einem Bein in der wilden Ecke steht, Lynchjustiz eingeschlossen. Das ist von DAVID MORANCHO großartig in Szene gesetzt. Wer ein Comic-Freund von historischen Szenarien ist, wird sich über die optische Abwechslung freuen. Durch den Lebensweg von SIGRID HASSLER alias SIGI entsteht ein breiter Bilderbogen, der nostalgisch anmutet, aber keineswegs sentimental ist oder etwas glorifiziert.
Der Auftakt der Geschichte, in Deutschland, ist mehr ein Prolog, denn ERIK ARNOUX und DAVID MORANCHO wissen höchstwahrscheinlich, dass Vorweltkriegsszenarien in den letzten Jahren sattsam abgehandelt wurden und ein Blick über den großen Teich (und später die Weltreise) für den Leser weitaus interessanter ist. So fällt die Gewichtung eindeutig zum amerikanischen Abenteuer hin aus. Und hier findet ein weiterer Trick statt (kein neuer, der aber schon häufiger funktioniert hat und so auch jetzt): Eben befand sich SIGI noch in einer zivilisierten Umgebung, (wo eigentlich mehr die Bürokratie das Heft in die Hand genommen hatte) und plötzlich herrscht Willkür vor. Da entsteht sehr rasch Spannung, auch eine, die sich über die gesamte Länge der Geschichte hält.
DAVID MORANCHO pflegt einen grafisch federleichten Realismus, der nichts in falschen Schatten versteckt. Haltungen, Perspektiven, Gesichter, Mimik werden penibel ausgeführt, jedes Bilddetail ist erkennbar und deutlich. Auffallend ist, dass DAVID MORANCHO gerne mit Farbstimmungen zu arbeiten scheint, nicht nur, wenn es eine bestimmte Tages- oder Nachtzeit abzubilden gibt. Desweiteren verwendet er gerne sanfte Farbtöne. Hier knallt einem nichts entgegen. Das Farbenspiel versucht einen historischen Eindruck zu imitieren, wie eine verblassende Fotografie oder ein Film. Teilweise ist die Anspielung sogar klar zu sehen, zum Beispiel wenn in kurzen Abrissen die Folgen der Weltwirtschaftskrise in bräunlich kolorierten Grafiken abgehandelt wird (SIGI hat einen Fotografen dabei, der ihre Reise dokumentieren soll, demzufolge ist die optische Darstellung sehr gut eingefügt).
Für Freunde historischer Abenteuer in der Neuzeit, als die Welt auf einem Kipppunkt stand, in der westlichen Zivilisation noch nicht alles auf der gleichen Höhe rangierte. In dieser Epoche wagt sich eine junge Frau, SIGRID HASSLER alias SIGI, mit Fotografen auf die langwierige und gefährliche Reise rund um die Welt, mit dem Automobil. Abwechslungsreich und feinfühlig von ERIK ARNOUX erzählt, feingliedrig und realistisch von DAVID MORANCHO illustriert. Sehr schöner Serienauftakt! 🙂
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Montag, 30. Oktober 2023
Die Welt ohne einen FRANC in der Tasche zu umrunden, ist eine Mammutaufgabe. Diese Erfahrung macht auch MARC DACIER, als er in KARATSCHI festsitzt und nach einer Möglichkeit sucht, das Land zu verlassen. Und in der richtigen Richtung, versteht sich, schließlich soll es vorwärts gehen, nicht rückwärts. Als er endlich eine Idee hat, Geld für die Weiterreise zu verdienen, landet er am Ende im Krankenhaus. Und obwohl dies eine bittere Erfahrung für den jungen Reporter aus Frankreich ist, findet MARC DACIER ausgerechnet an diesem Ort eine Mitfahr… Mitfluggelegenheit.
Einmal um die ganze Welt, ohne Geld, dafür mit mit grenzenlosem Enthusiasmus. Heutzutage wäre MARC DACIER mit einem Smartphone unterwegs und hätte wahrscheinlich den Status eines Influencers. In den 1950er Jahren jedoch verläuft seine Reise relativ anonym, fast schon heimlich. In der zweiten Episode, AUF DER JAGD NACH DER SONNE, warten erneut allerhand Schwierigkeiten auf den Reporter, der sich entschlossen hat, auf Biegen und Brechen sein Können und seinen Einfallsreichtum zu beweisen, damit er die ersehnte Stelle bei der renomierten Zeitschrift ÉCLAIR bekommt.
JEAN-MICHEL CHARLIER hat damals (und heute immer noch) mit dieser Serie einen genialen Coup gelandet. Eine riesige Welt voller Abenteuer stand dem Weltenbummler MARC DACIER zur Verfügung. Die Schwierigkeit, nicht gerade auf das beste Fortbewegungsmittel zurückgreifen zu können, sondern sich mit dem zufrieden geben zu müssen, was sich eben bietet, sorgt nonstop für einen spannenden Durchlauf. Dabei stellt MARC DACIER nicht immer sehr verantwortungsvoll dar. Ganz im Gegenteil. Und seine Naivität (oder Gutgläubigkeit) bringt ihn sogar mehr als nur in Lebensgefahr. Das sind nicht unbedingt die besten Eigenschaften eines Mannes, der es sich zum Ziel gesetzt hat, ein guter Journalist zu werden. Was sich aber auf jeden Fall sagen lässt: MARC DACIER ist ein Stehaufmännchen.
Hier wird Humor mit Spannung vermischt. Allerdings ist mancher Aufenthalt auch skurril. Die Gefahren setzen die beiden Comic-Künstler, JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE, in PAKISTAN gekonnt in Szene. Als es luftiger wird, können sie es sich nicht verkneifen und deutliche humoristische Akzente zu setzen. In CHINA wird es für MARC DACIER richtig brenzlig, aber eben auch merkwürdig (was an der Gefahr nichts mindert). Und der Einfallsreichtum der beiden Comic-Künstler zeigt sich schon am Titelbild, auf dem MARC DACIER an einem Fallschirm schwebend auf einen aktiven VULKAN zuschwebt.
EDDY PAAPE hat ein Händchen dafür, nicht nur Charaktere zu kreieren, sondern auch sich für seine Zeichnungen bestimmte landesspezifische Merkmale anzueignen. Das wird gleich zu Beginn durch einen britischen Piloten und seinen italienischen Flugmechaniker bestätigt. Gesicht, Haltung, Ausdruck bilden die Grundlagen für eine in Teilen komödiantische Umsetzung. Very britisch, very italienisch. Man fühlt sich an Figuren aus einem MISS-MARPLE-KRIMI erinnert. Irgendwoher muss auch EDDY PAAPE seine Inspiration geholt haben. Die andere Seite ist eine Darstellung fremdländischer Akteure, die bei frankobelgischen Künstlern in jenen Tagen, den 1950er und 1960er Jahren häufiger zu beobachten waren, wenn der eine oder andere Charakter in die Karikatur abzurutschen droht.
In Sachen technischer Darstellung ist EDDY PAAPE zusammen mit anderen Künstlern auf der Höhe seiner Zeit. Schwer zu sagen, wo seine Vorlieben zu finden sind. Bei anderen lässt es sich ablesen, bei EDDY PAAPE scheint es, zumindest was diesen Band betrifft, ausgewogen gewesen zu sein. Die geschaffene Atmosphäre ist in nahezu jeder Situation stimmig (obwohl es in einer Sequenz kurz vor Schluss etwas überspannt wirkt), gerade dank der (auch technischen) Details.
Starke Fortsetzung. In fremderen Ländern geht es weiter, es wird exotischer und immer noch finden die Abenteuer zu Lande, zu Wasser und in der Luft statt. Es gibt Ausflüge ins Spionagegenre, aber auch Freunde von spannenden Flugzeugabenteuern kommen auf ihre Kosten. JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE setzen auf Abwechslung. Mission voll erfüllt! 🙂
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