Sarah weiß nicht, was sie von dieser Umgebung halten soll. Zwar hat die freundliche Ärztin ihr gesagt, dass ihr geholfen werden solle. Dennoch kann sie diese Freundlichkeit nicht mit dem in Einklang bringen, das sie im Keller vorfindet. Die anderen Kinder, denen sie begegnet, die sie in einem Versteck vorfindet, von dem kein Erwachsener dieser Einrichtung erfahren darf, haben ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht. Auch ihnen begegnete ein Monster und veränderte ihr Leben. Auch sie sind nun infiziert. Doch die Tragweite dieses Zustandes ist ihnen allen noch nicht bewusst.
Monster gibt es! Nur wenige wissen darüber Bescheid, noch weniger, jene, die einen Zusammenstoß mit diesen Kreaturen überlebten, können darüber berichten. Einige haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Wesen endgültig vom Antlitz der Erde zu vertreiben, sie für alle Zeiten zu vernichten. Ihre Form ist vielfältig. Sie sind Vampire, Werwölfe, sie können fliegen oder haben die Gestalt von Minotauren. Im Schloss der stummen Schreie werden Kinder gefangen gehalten, die möglicherweise der Schlüssel zur Vernichtung dieser Wesen sind. Oder zur Kontrolle. Dieser Fraktion, die halbmilitärisch agiert, steht ein Verbund gegenüber, viel mächtiger noch, unter der Kontrolle eines uralten Wesens, das bereit ist, für seine Ziele ebenfalls über Leichen zu gehen.
Nacht über Europa: Im unheimlichen Thriller von David Munoz scheint Nacht, das Zwielicht vorzuherrschen. Munoz erzählt die Handlung aus der Sicht von Sarah, einem kleinen Mädchen, das beide Elternteile und die große Schwester durch den Angriff eines der besagten Monster verloren hat. Lange wähnt sie sich allein, bis sie auf Leidensgenossen trifft und sich die Wahrheit langsam enthüllt. Es sind kleine Einblicke, die Munoz in seine Geschichte einbaut. Die Puzzleteile setzen sich zunächst nur sehr ungenau zusammen. Das Schloss der stummen Schreie spielt mit den Stilmitteln alter Horrorfilme und neuerer Erzählungen, wie sie derzeit sehr populär sind. Dabei gelingt Munoz ein Mittelweg und erinnert etwas an die Vampirserie Crimson von Humberto Ramos und Brian Augustyn, die vor einigen Jahren erschien.
Der im Mittelpunkt der Geschichte stehenden Sarah kommt eine ganz besondere Rolle zu. Aber die Frage ist: Wird sie am Ende Erlöser oder Vernichter sein? Ähnlich wie der erwähnte Zeichner Humberto Ramos kann auch der hier arbeitende Künstler seine Nähe zu amerikanischen und japanischen Publikationen nicht abstreiten. In den Frauengesichtern finden sich Mangaeinflüsse. Ansichten wie jene der Vampire haben eine optische Nähe zu Figuren, wie sie mit dem Kinofilm Blade II eingeführt wurden. Mit dem Minotaurus und anderen Tierwesen wird der phantastische Aspekt der Handlung auf sehr schöne Weise verstärkt, denn letztlich sind es auch diese Wesen, die den Horror der Nachtgestalten nicht teilen können.
Der Zwiespalt der Figuren wird sehr schnell deutlich. Auf der einen Seite stehen solche Kreaturen, wie sie auch in Cabal (nach einer Geschichte von Clive Barker) zu sehen waren. Diesen Zwiespalt heben Munoz und Tirso gleich zu Beginn der zweiten Episode mit dem Titel Demian in dieser Gesamtausgabe hervor. Keine der hier agierenden Seiten ist vollends einig. Dennoch driftet alles auf eine abschließende Entscheidungsschlacht zu, der nicht nur diese Geschichte vorausgeht, sondern eine Jahrhunderte andauernde Auseinandersetzung zwischen Monstern und Druiden, die heute unter der Bezeichnung Wissenschaftler bekannt sind.
Je mehr sich die Geheimnisse enthüllen, umso dichter wird die Figur der Sarah, die an ihrem Schicksal wächst. Tirso, in Zusammenarbeit mit dem Koloristen Javi Montes, arbeitet mit filmischen Eindrücken, imitiert Geschwindigkeit, die Rasanz von Kämpfen, die Schnelligkeit der Vampire. Er holt in Großaufnahme die Gesichter der Monster heran und verschleiert jene Szenen, die sich der Leser besser vorstellt. Montes zieht den Einsatz einer farblichen Grundstimmung vor oder bedient sich des Gegensatzes, indem er zwei Farbspiele auf einer Seiten einander gegenüber stellt. Düsternis ist Grundtendenz, aber Montes gibt ihr auch stets eine gewisse Leuchtkraft mit, die eine unheimliche, magische Atmosphäre stützt.
Wenn es die einen gibt, muss es auch die anderen geben: David Munoz erzählt von einem geheimen Krieg hinter den Kulissen der wirklichen Welt. In dieser Geschichte, im Umfeld des Schlosses der stummen Schreie, kommt es nach Jahrhunderten zu letzten Schlacht. Er mischt klassische und moderne Einflüsse, spielt mit Erwartungshaltungen und kreiert so manche Überraschung in dieser Gesamtausgabe, die die Einzelepisoden Sarah, Demian und Simon zusammenfasst. Ein grafisch gekonnt umgesetzter Monsterthriller mit einer perfekten Farbgebung. 🙂
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