Blanche ist weder ein gewöhnliches Mädchen, noch ein gewöhnliches Menschenkind. Rein äußerlich wirkt sie auf den unwissenden Betrachter etwas unheimlich, mit ihrer hellen Haut und den gelb getönten Brillengläsern. Und in der Tat hat Blanche ein Geheimnis. Sie ist nur zur Hälfte ein Mensch. Erwan passt auf die Kleine auf, die vom Geschehen um sich herum seltsam unbeteiligt ist. Obwohl ihr Wuchs offenkundig ein paar Jahre Lebenszeit beweist, bewegt sie sich in dieser Welt, als wäre jede noch so unbedeutende Erfahrung ganz neu für sie. Blanche, die einen ganz eigenen Kopf hat, aufgrund ihrer Fähigkeiten auch als gefährlich zu bezeichnen ist, ist außerdem eine Figur in einem Spiel, das nichts weniger als den Untergang der Menschheit zum Ziel zu haben scheint. Und das Spiel läuft bereits auf Hochtouren.
Beste Weltuntergangsstimmung, sofern ein solches Prädikat überhaupt ausgestellt werden darf, das versteht sich. Mit DER GROSSE TOTE stellt Loisel die Vielfalt seiner Ideen unter Beweis. Mehr noch. Loisel und sein Co-Autor JB Djian scheuen die Entschleunigung nicht und erzählen mit einer tollen atmosphärischen Dichte. In einer dreigeteilten Erzählung ersteht eine sterbende Menschenwelt und eine kleine, nicht allzu fremde Welt, die sich auf das Betreiben einer Person gegen die Menschen zur Wehr setzt. Im Zentrum des Geschehens, als Ausgangspunkt, liegt DER GROSSE TOTE, für jene kleinen Wesen das Skelett eines Giganten, der ein Fanal einer allgegenwärtigen Bedrohung darstellt.
Eine fremde Intelligenz wehrt sich. Die Ausführung dieser Idee ist sehr originell. Als Leser erfährt man zwar relativ wenig von den kleinen Fremden, die im Einklang mit der Natur leben. Ihre vornehmliche Friedfertigkeit ist offensichtlich, ihr Unverständnis über den Plan, den Macara eingefädelt hat, indem sie zwei Mischlingskinder zum Leben verhalf, eindeutig. Loisel und JB Djian zeigen den Weltuntergang auf zweierlei Art. Einerseits stellen Mallie (Zeichnungen) und Lapierre den Zusammenbruch des zivilisatorischen Systems auf sehr eindrückliche Weise dar. Für einen Zusammenbruch braucht es nicht viel und die Menschen geraten in Panik (so der Untertitel dieser 5. Episode).
Die Infrastruktur bricht durch Erdbeben und Stürme binnen kürzester Zeit zusammen, sobald die Durchleitung von Elektrizität unterbrochen, die Kommunikation weitgehend gekappt, die Straßen zerstört sind. Zahlreiche Menschen kämpfen vor Ort weiterhin um ihr Überleben, auch das Bestehen ihrer Ordnung. Andere suchen das Heil in der Flucht, jeder nach seiner Facon dort, wo er sich eine Zuflucht erhofft. In dieser Situation, optisch bedrückend dargestellt, höchst realistisch in Kulisse und Figuren, nimmt auch noch das Wetter den Kampf gegen die Menschen auf. Taubeneigroße Hagelkörner fallen aus dunkelgrauen Himmeln …
Es ist kaum möglich, sich der düsteren Stimmung der Geschichte zu entziehen. Selbst jene, die wie Schachfiguren aufgestellt wurden, um das Ende der Menschheit zu beschleunigen, stehen fassungslos, ängstlich und machtlos vor den Gewalten, die sich zusehends mehren. Durch den vorzüglichen Strich von Mallie, der den Niedergang mit tollem Blick auf das Geschehen portraitiert, will man als Leser auch gerne die andere Seite des Geschehens glauben, fernab, der Katastrophen, wo scheinbar noch Normalität und Sicherheit herrscht, sich allerdings eine Art Kriminalfall abspielt.
Eine herausragende Übergangsepisode, die aber im Zusammenhang genossen werden will. Das Vorwissen der ersten Bände ist zum Verständnis dieser Ereignisse erforderlich. Wer bis hierher mitgefiebert hat, wird atemlos umblättern, wenn das Comic-Team um Loisel die Welt hier konsequent an den sprichwörtlichen Abgrund führt. Vielleicht sogar schon darüber hinaus. 🙂
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