Mittwoch, 09. Oktober 2013
Zachary muss den qualvollen Tod seines Vaters an Bord des Segelschiffes miterleben. Die Pest hat auch diese Menschen erreicht. Entgegen der Warnungen der Mannschaft will sich Zachary zunächst nicht vom Leichnam seines Vaters trennen. Das denkbar böse Ende folgt bald. Auch Zachary entdeckt bei sich die Anzeichen der tödlichen Krankheit. Doch er will sich nicht dem Siechtum hingeben und nimmt seinen Tod selbst in die Hand. Zachary, der in die Tiefe sinkt, entfacht die Neugier einer ungewöhnlichen Kreatur. Eine Meerjungfrau entdeckt den jungen Mann und rettet den Menschen ans Ufer. Und noch mehr als Neugier entsteht. Die Meerjungfrau fühlt sich zu ihm hingezogen. Zuerst vermag Zachary diesem Begehren noch zu widerstehen, doch langsam entwickelt er Gefühle, die er vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte.
Die kleine Meerjungfrau, so wie sie der Schriftsteller Hans Christian Andersen beschrieb, diente der Autorin und Illustratorin Victoria Frances als Inspiration für ihre Hommage an jenes berühmte Märchen. Aber sie geht auch einen Schritt weiter, indem sie die Traurigkeit des Originals noch mehr verdüstert und eine Alternative schafft, einerseits durchaus hoffnungsvoll, andererseits sehr tragisch. Der Tod steht der Liebe wieder gegenüber, das sehnsuchtsvolle Schmachten nach dem anderen, dem zuerst Verschmähten, dem später über die Maßen Verlangten. Victoria Frances, die mit ihren Arbeiten aus dem Bereich des Gothic Horrors seit Jahren nicht mehr wegzudenken ist, verfährt hier etwas sanfter als sonst.
Der Tod und schöne, junge Frauen haben sich schon früh getroffen und werden sich, weil magisch voneinander angezogen, immer wieder begegnen. Ob es Dracula ist, der ihnen nachjagt, oder ein Joe Black, der sich von ihnen angezogen fühlt, so mag es auch nicht ungewöhnlich sein, dass der Tod als unsichtbare Verbindung zwischen zwei Königskindern, die nicht zueinander finden dürfen, herhalten muss. Die Beschreibung, wie aus Abneigung einerseits, größte Liebe andererseits wird, die nur im Tod ihre ewige Erfüllung findet, ist klassisch beschrieben, rührt an, sollte aber nicht an dunklen Wintertagen gelesen werden. Wo ein Hans Christian Andersen Hoffnung in einer neuen Existenz verheißt, ist es bei Victoria Frances zu Ende, wenn es zu Ende ist.
Die Bilder von Victioria Frances sind in diesem Band begleitend zur Erzählung angelegt, finden sich immer auf der rechten Seite, das Blatt ausfüllend. Sie wendet zur Illustration zwei Techniken an. Einmal werden die Grafiken in ihrem hinreißenden und deshalb so erfolgreichen seidenweichen Stil ausgeführt, in einer Mischung aus Fotorealismus und träumerischer Stilistik. Zum Anderen arbeitet sie bei jeder zweiten Abbildung mit der nicht zu Ende geführten Skizze, in denen auch noch Hilfslinien zu sehen sind, die aber dennoch nichts von ihrer Faszination verlieren.
Die Konzentration der Bilder liegt auf den beiden Liebenden und weicht ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, kaum von der Seite. Victoria Frances vermag in diese Gesichter, die reale Vorbilder haben mögen, vieles an ebenso echten Gefühlen hineinzulegen. So wird aus dem Märchen ein begreifbares Liebesdrama, mit Charakteren, die vom Leser nicht so weit weg sind wie bei einem Hans Christian Andersen.
Eine dunkel romantische Geschichte, ein Märchen für den leuchtenden Herbst, nicht für den Winter, grazil illustriert, fein erzählt. Einfach schön. 🙂
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Samstag, 05. Oktober 2013
Tot. Tot und ein Geist. So hatte sich Chris sein weiteres Leben, Verzeihung, seine weitere Existenz nicht vorgestellt. Nun schwebt er über dem Friedhof, versucht sich verständlich zu machen, aber niemand hört und sieht ihn. Es ist zum Verzweifeln. Zuerst glaubt er, der Fehler liege bei den anderen. Langsam aber dämmert die Erkenntnis über seinen Zustand. Und dieses Wissen begeistert ihn überhaupt nicht. Denn noch viel schwerer als der geistreiche Zustand wiegt die Tatsache, dass er alleine auf dem Friedhof ist. Er ist der einzige Geist. An einem Ort, wo tausende von Toten liegen, hängt er mutterseelenallein herum und weiß nicht, was er als nächstes tun soll. Das ist es jetzt?
Erik belässt es nicht bei dieser Epoche im Jahre 1928. Dank der Schicksalsgöttinnen huscht er durch die Jahrhunderte und malt so eine fantastische, aberwitzige wie auch interessante Geschichte, die sehr abwechslungsreich ist. Denn die nächste Station führt in die expansionsreichen Tage des römischen Reiches zu weiteren geheimnisvollen Vorkommnissen. Einen kleinen Ausflug nach Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge und einen Abstecher ins vorchristliche Phönizien darf der Leser absolvieren, nachdem er sich der Handlung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts genauer mit den drei Göttinnen auseinandergesetzt hat, die eigentlich wieder alles in Ordnung wollen und doch nur mehr Unheil anrichten. Jedenfalls aus der Sicht des vergeistigten Chris.
Klappt der Leser den 2. Band der deae ex machina Reihe auf, blicken ihm von der ersten und zweiten Seite gleich 40 Personen entgegen, die sich im Abenteuer ein Stelldichein geben. Es ist ein sehr umfangreiches Konzept, das Erik, Frank Erik Weißmüller, hier in Angriff genommen hat. Der deutsche Künstler der auch fleißig an seiner Detektivreihe Dede arbeitet, breitet sich hier deutlich vielfältiger aus und nutzt alles, was ein Fantasy-Genre zu bieten. Keine Grenzen, keine spezifischen Zeiten, hier das Netz weit gespannt und die Schicksalsgöttinnen tun das, was sie am besten können, sie weben auf Teufel komm raus.
Erik hat sich einen unverkennbaren Zeichenstil erarbeitet. Warme Grautöne und kalte Blautöne stützen die sehr eigenwillige Führung der Tuschestriche. Künstlerisch konstruiert könnten die Figuren genannt werden. Der Eindruck einer Meißelung durch eine übergenaue Konturierung weckt Vergleiche zu Statuen auf Papier. Die Figuren setzen sich in Szene, wenn sie körperlich zur Gänze präsent sind. Ebenso aber liebt Erik den Ausschnitt. Die Blicke seiner Charaktere sollen mitreden. Wenn sie schreien, schaut der Leser in ihren Rachen und das Bild wird laut. Göttlich, im wahrsten Sinne des Wortes, ist der Anblick des Schicksalstrios, das sich gerne in mehr oder minder viel Schale wirft und es weniger als mehr liebt.
Witz entsteht durch die Göttinnen, die mit den Menschen und ihren Eigenarten spielen. Aber auch ein merkwürdiges Killer-Duo sorgt für angenehme Zwischeneinlagen, wenn sie brutal sein wollen und doch irgendwie an den Umständen scheitern, die eine Nummer zu groß für sie sind. Wie groß, kann der Leser in einer beinahe poltergeistähnlichen Szene verfolgen. Nachdem ein Ausflug zu den Folterinstrumenten eines der beiden Schergen Erinnerungen an spielbergsche Fantasien und Marathonmänner hervorruft.
Eine schöne zweite Folge, die aber ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd mit vielen Einzelteilen nur in ihrer Gesamtheit genossen werden kann. Der Quereinstieg mag hier noch schwerer fallen als bei anderen Fortsetzungsgeschichten, deshalb ist die Kenntnis von Teil 1 Pflicht. Präzise und eigenwillig illustriert, ebenso erzählt. Mehr davon. 🙂
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Link: blog.eriks-deae.de (Eriks Atelier-Blog zur Entstehung des dritten Bandes der Reihe)
Mittwoch, 02. Oktober 2013
Sar Ha Sarim wollte seine Mission ursprünglich alleine begehen. Er wollte niemanden belasten und so scheint es, den Gefahren aussetzen, die eine solche auch lange Reise bereithalten wird. Aber diejenigen, die sich für seine Jünger halten, denken gar nicht daran, ihren Messias alleine ziehen zu lassen. Und sie tun gut daran, die Gefahren nicht zu unterschätzen, obwohl sie das Ausmaß der Bedrohung noch gar nicht kennen. Sieben Männer sind es, die sich dem Mann mit der schwarzen Haarpracht andienen. Einer stößt noch hinzu, weil er es seiner Tochter versprochen hat. Diesem Sar Ha Sarim soll nichts geschehen. Zwar glaubt Julius nicht an diese Märchen um den Messias, doch irgendwie kann der Römer den Judäer gut leiden.
Die Verfolger, die römische Armee, lassen sich Zeit. Sie marschieren in der Gewissheit, ihre Beute nicht verlieren zu können. Alsbald macht sich ein neuer Feind auf den Weg, die Römer und ihre bewährte Taktik abzulösen. Derweil machen die Reisenden um Sar Ha Sarim eine völlig neue und ungewöhnliche Erfahrung. Sie treffen in einer der größten und glanzvollsten Städte ihrer Zeit ein. Die große Hure Babylon beeindruckt die Männer augenblicklich, denn selbst sie finden hier gelebte Geschichte. Über der Stadt, halb eingestürzt und doch imposant wie eh und je, erhebt sich ein gigantisches Gebäude: Babel.
Geheimnisvoll, sympathische Charaktere, eine verschworene Gemeinschaft, teils wider Willen, düstere Feinde und Verfolger, die Wüste und eine Stadt, wie es sie in jenen Tagen nur wenige gab. Das Gemisch, das die beiden Autoren Alex Alice und Xavier Dorison hier präsentieren, aus Abenteuer, altertümlichem Roadmovie, Gruselgeschichte und historischer Darstellung packt gleich zu Beginn durch seine Dichte. Denn hier wird nichts dem Zufall überlassen. Jede Zeichnung, jede Haltung, jeder Blick und jedes Wort, genauer, jeder Millimeter Papier wurde peinlichst genau für das bestmögliche Ergebnis genutzt.
Das bedingt eine sehr feine Zeichnungsstilistik, teilweise auch kleine Bilder, die sich auf den Seiten drängen und mit Blickwinkeln spielen, Mimiken regelrecht auslesen. Die grandioseste Sequenz in diesem Band spielt in Babylon, jener Stadt, die einen solch mythischen Beiklang erwerben konnte, dass er sich den Geschmack alles Schlechten und Missratenen verdient hat. Auf der Grundlage der Erzählung schaffen die beiden Comic-Künstler Thimothee Montaigne und Francois Lapierre eine kolossale Ansicht der vergangenen Metropole. Auch auf die damalig erwähnten Weltwunder wird nicht verzichtet. Es sind solche Ansichten, die ihren Weg auch in einen illustrierten Geschichtsband gefunden haben könnten. Das ist in seiner Präsentation mehr als nur Comic, das ist bereits das legendäre Breitwandkino auf Papier.
Aus der unbekannten Bedrohung, der vergleichsweise gemächlichen Reise wird durch den Aufenthalt in Babylon sehr bald eine richtige Flucht. Zu diesem Zeitpunkt hat das gesamte Comic-Team alles vorbereitet, um die Geschichte von einem Historienabenteuer in eine handfeste Gruselgeschichte umschlagen zu lassen, deren Mysterien der Leser noch nicht erklären kann. Klugerweise lassen Alex Alice und Xavier Dorison den Leser kaum mehr wissen als die Flüchtigen. Für den Leser bedeutet das Finale (leider auch ein Cliffhanger) ein rasant spannendes Ende, auch wieder kinoreif inszeniert.
Was für eine Fortsetzung! Sie übertrifft die Messlatte, die der erste Band vorgegeben hat, ist toll illustriert und wie aus einem Guss koloriert. Wer sich für Historienabenteuer in römischen Hochzeiten begeistern kann, wird hier fündig. Die erste Folge sollte man aber kennen. 🙂
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