Sonntag, 05. Mai 2013
Wie wird ein Priester ein Priester? Janry (Geschribbel, so steht es vorne im Album) und Tome (Gekritzel, so steht es …) haben mit dieser Reihe um den kleinen Spirou noch nie den Versuch unternommen, auch nur annähernd politisch korrekt zu sein. Pfarrer Steiner, der den Kindern heutzutage das Leben so schwer macht, hatte, wie kann es anders sein, eine schwierige Kindheit. Der gottesfürchtige Mann wollte einmal ein Mann des Gesetzes, Sheriff werden. Doch die holde Weiblichkeit durchkreuzte diese Straße und führte ihn auf den Pfad der Tugend.
Der kleine Spirou erzählt seinem Freund die Geschichte vom ausgesetzten kleinen Jungen, der in einem Weidenkorb den Bach hinuntertrieb und von zwei Freundinnen gefunden wurde. Janry liegt mit seiner Theorie, die er daraus folgert vielleicht nicht so falsch. Denn erlässt Spirou fragen, woran diese Anekdote aus Pfarrer Steiners Leben erinnere. Die Antwort: an Superman, der sei allerdings in einer Kapsel von Krypton gekommen. Aber, das ist die versöhnliche Seite der gesamten Geschichte, Spirou teilt nicht nur aus, er muss auch gehörig einstecken.
Nicht nur seine Freunde, Rangen wie er, sondern auch seine Familie, wissen ganz genau, wie sie mit dem kleinen Spirou umzugehen haben. Allen voran marschieren Oma und Opa, um keine Antwort verlegen. Da wird schon mal das Alter vorgeschützt, um dem Kleinen eine Lektion zu erteilen. Turnlehrer Jahn ist jedoch, bei aller Vielfalt der Charaktere, die Zielscheibe des Spottes, des Humors. Der Mann, ein aus den Fugen geratener Sportlehrer, dem Alkohol sehr zugeneigt, eigentlich auch ein Sofasurfer, der nur glaubt, sportlich zu sein, wenn man es nur will, sorgt mit abstrusen Szenen für schadenfrohes Gelächter.
Dank der von Tome mit fetten Strichen gezeichneten Slapstick springen die Zeichnungen geradewegs ins Auge. Die Bilder sorgen neben dem Text für die zweite oder sogar dritte Pointe des Sketches. Manchmal endet es auch beinahe wortlos. Und manchmal glänzen Tome und Janry mit Einfällen, die schlicht wirken und kurz sprachlos machen. Hierzu sei das Stichwort Brille genannt. Mehr soll nicht verraten werden.
Tome und Janry schicken den kleinen Spirou durch die lustigen Begebenheiten einer erwachenden Liebe, deren Bekundungen auf einer Kirmes nicht immer zur rechten Zeit erfolgen. Viele Schwierigkeiten entstehen durch ihre Protagonisten selbst. Einige wiederkehrende Handlungsorte wie die Kirmes, zu denen sich noch der Strand, das traute Heim und die Schule gesellen werden noch ergänzt um einige Stätten, die manchesmal einen ausgefallen Ort für einen Sketch darstellen. Wenn Turnlehrer Jahn auf hoher See entfleucht, war das keinesfalls vorherzusehen.
Die Selbsterklärung der einzelnen Figuren innerhalb kürzester Zeit ist eine der ganz großen Stärken der Comic-Macher, von denen auch der Kolorist Stephane de Becker (Gekleckse) nicht ausgenommen werden soll. Will man die Sympathien der Comic-Macher für ihre entworfenen Charaktere in eine Rangfolge bringen, so dürfte, neben Spirou selbst versteht sich, Turnlehrer Jahn sehr weit oben stehen, gefolgt von Opa, Oma und Mama. Aber Jahn bleibt der Brüller, eine Witzfigur in sich, eine Art überdrehter Alfred Tetzlaff in Trainingsanzug. Jahn könnte auch ohne Spirou funktionieren. Tome und Janry testen dies weidlich aus, indem sie Spirou auch aus dem Off seine Bemerkungen beitragen lassen.
Auch in der 16. Folge immer noch witzig von Anfang bis Ende. Ideen, Humor und Ausdruck von Tome und Janry sind unerschöpflich. Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die versammelten Figuren einmal eine albenlange Komödie erleben. 🙂
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Donnerstag, 02. Mai 2013
Die Gang auf den Motorrädern stellt Forderungen. Sie wollen alles. Jeden Vorrat. Grimes und seine Leute lächeln über diese Forderung. Die auf sie gerichteten Waffen sind ihnen egal. Grimes gibt einen kurzen Befehl, schon eröffnet Andrea das Feuer. Einer von der Motorradgang bleibt am Leben. Er soll diesem Negan, der nach der Ansicht von Grimes nichts anderes ist als ein mieser Schutzgelderpresser, eine Botschaft überbringen. Fortan sollen die Leute um Negan zahlen. So läuft das. So denkt Grimes. Da gab es vor diesem Negan schon ganz andere, die mit ihnen ein Tänzchen wagen wollten. Diesmal jedoch liegt Grimes völlig falsch.
Denn sie wissen nicht, was sie tun … Von wegen! Im Gegensatz zu den Untoten, den langsam verwesenden Menschenfressern, die immer noch durch die Lande streifen, weiß die Bande um den geheimnisvollen Negan ganz genau, was sie tut. Halbwegs jedenfalls, muss man sagen, denn ihr Auftreten, arrogant gepaart mit dem Wissen über die bisherige Stärke, das bislang zum Erfolg führte, wird plötzlich durch die Gegenwehr von der Gruppe um Grimes jäh unterbrochen.
Nach weiteren Versuchen schaltet sich der große Boss schließlich selbst ein und Robert Kirkman, Autor der Reihe THE WALKING DEAD, wird gemein. Niemand ist sicher innerhalb der Comic-Universen. Ab und zu muss sich auch eine Figur verabschieden, an die sich der Leser über viele Ausgaben hinweg gewöhnt hat, die außerdem einen hohen Stellenwert innerhalb der Beziehungen der Gruppe hatte. Es soll nichts verraten werden, doch Robert Kirkman zelebriert dieses Ableben und die Verabschiedung dieses Charakters ist, selbst nach nicht wenigen brutalen Szenen, die infolge einer Zombie-Comicserie nicht ausbleiben, grausam.
Mehr noch: Robert Kirkman dreht den Kompass von Grimes und Konsorten in eine neue Richtung. Bisher erworbene, schwer erkämpfte Prinzipien werden über Bord geworfen. Der Untertitel des vorliegenden Bandes, Fürchte dich nicht, ist irreführend, denn Furcht wird, nachdem eine Gewöhnung im Kampf gegen die Untoten eingetreten ist, plötzlich wieder zum obersten Gebot. Furcht hält wach, macht aufmerksam, lässt einen die Alternativen sorgfältig abwägen, sofern genügend Zeit dafür bleibt.
Weinen. Ich gestatte euch allen zu weinen. Ob der Leser bei dieser ganz speziellen Szene weint, der dieses Zitat entnommen ist, bleibt jedem selbst überlassen. Den Akteuren um Grimes hingegen bleibt kaum etwas übrig. Gegenwehr könnte alles nur noch verschlimmern. Es ist kaum vorstellbar, zumal Kirkmans Skriptvorlage und schließlich Charlie Adlards (Zeichner) Umsetzung keinen (na, kaum) Raum für die Fantasie des Lesers lassen. Mehr noch. Kirkman demontiert seinen Rick Grimes, gründlich, wie man es als Leser bei einer derart lang fortlaufenden Serie selten erlebt.
Sicherlich passiert dergleichen hin und wieder, manche werden sogar getötet, aber dies geschieht kaum in einer Handlung, die über einen solch langen Zeitraum läuft. Im Herbst 2013 wird THE WALKING DEAD zehn Jahre alt. Ja, man kann sich als Leser an Figuren gewöhnen … Andererseits ist es auch, aus Autorensicht, bewundernswert, wenn ein Autor eine beliebte Figur nicht sichert, denn nun kann wieder alles geschehen. Ja, Kirkman könnte sogar auf die Idee kommen, seinen Rick Grimes eines Tages zu ersetzen.
Charlie Adlard ist stilistisch an dem Punkt angelangt, an dem seine Bilder wie von filmischen Vorlagen abgezeichnet wirken. Die Striche sind grob, doch punktgenau angelegt. Die Bildausschnitte des Geschehens ziehen den Blick durch starke Kontraste auf sich. Auch spielt Adlard mit den Figuren, die einen hohen Anteil am Geschehen haben, denn der traditionelle Zombie ist in dieser Folge in deutlicher Minderheit. Negan, der geheimnisvolle Anführer, könnte optisch einer Frank Miller Version von Superman entsprechen. Adlard stattet ihn mit einem frechen Grinsen zum falschen Zeitpunkt und macht ihn so zu einer der furchtbarsten Gestalten im Horror-Genre: ein eiskalt berechnender Psychopath.
Ein Knaller der Reihe, ein Wendepunkt, der vieles für die handelnden Charaktere Erreichte umstößt, zunichte macht und gleichzeitig einen Neubeginn markiert. Bitter, hart, höchst dramatisch. 🙂
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Mittwoch, 01. Mai 2013
Diese verdammten Vogelbräute! Sie könnten den GOON doch tatsächlich schaffen. An einem Strick hängend geht es hinauf in die Lüfte. Mangels Luft fällt GOON die Gegenwehr zunächst nicht leicht, doch als er zurückschlägt, haben diese Harpyien sehr schlechte Karten auf einen Stich. Der Kampf endet unentschieden. Pech für die Vogelbräute, dass GOON ein Gedächtnis wie ein Elefant hat und äußerst nachtragend sein kann. Dynamit ist das Mittel der Wahl, um den verdammten dämonischen Viechern zu zeigen, wo der Hammer hängt.
GOON ist etabliert, darf aber immer noch als Comic-Anarchie bezeichnet werden. Obwohl so lange am Markt vertreten, mit Preisen bedacht, ist Eric Powells GOON weiterhin bemerkenswert unangepasst und verweigert sich gängigen Mustern. Gerade das macht ihn so gut und bei seinen Fans so erfolgreich. Im Leben von GOON ist nun ein wenig Ruhe eingekehrt. Er hat die letzte Attacke durch die Wechselbälger überlebt und ordentlich aufgeräumt. Er hat einen Kraken, riesenhaft und mit Dutzenden von Augen versehen, bekämpft und gesiegt. Doch es ist nicht wie vorher. Es brütet im Hintergrund, bereitet sich vor. Und schließlich kehren zwei Damen zurück, die GOONs Partner Franky bereits einmal ärgerten. Damit fängt der Schlamassel für GOON, der die ruhige Zeit auch genossen hat, wieder an.
Der Ort, an dem das Unheil gedeiht, so lautet der Titel des 8. Bandes aus der Reihe THE GOON. Es gedeiht. Allerdings läuft es weder so ab, wie der Leser es vielleicht denken mag. Noch verhält es sich so, wie es die dunklen Helden der Reihe gerne hätten. GOONs alter Feind, derjenige, mit dem so zu sagen alles begann, der Priester und Totenbeschwörer, scheint ganz unten angekommen zu sein. Alle Pläne, seinen Widersacher zu vernichten, sind gescheitert. Ein solcher Fiesling, der innerhalb einer größeren Verbindung agiert, kann nicht lange auf seinem Versagen sitzen bleiben. Da GOON seine Arbeit nicht zu Ende brachte, besorgen das nun andere für ihn und ein Nachfolger des Priesters steht schon in den Startlöchern. Doch zuvor wird bestraft …
Eric Powell ist kein Künstler, der mit seiner Erzählung oder seinen Bildern Kompromisse eingeht. (Vielleicht schon, erkennbar ist es für den Leser jedenfalls nicht.) THE GOON kennt keine politische Korrektheit. Besonders Franky lässt keine Gelegenheit aus, um sexistisch zu sein. GOON arbeitet vornehmlich blutig. Am Treiben hinter den Kulissen, hat dieser zunächst wenig zu schaffen. Diesmal sind andere ganz besonders blutig am Werke. Daneben ist der Humor pechschwarz. Nagel, der augenlose Zombie, der sich seinen Verstand bewahren konnte und seinen Appetit auf Menschenfleisch erfolgreich unterdrückt, bereichert im Team um GOON die Handlung um einige kleine Gags am Rande. Die kleinen Strolche, genauer eine Persiflage auf die kleinen Gauner, verdienten wenigstens ein kleines Spin-Off.
Die Optik spielt mit rüden, teilweise normalen Figuren, wie sie auch in Filmen der Schwarzen Serie auftauchen. Hier leben die 30er, 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts auf. Auch mögen die Stimmungen alter Horrorfilme hier zu finden sein, wie sie einst durch Gruselklassiker wie Ich folgte einem Zombie vertreten wurden. Wer alte Filmplakate des Genres jener Tage mit den Stimmungen auf den Titelbildern von THE GOON vergleicht, wird sehr schnell Parallelen feststellen.
Neben einprägsamen Visagen, eindrücklichen Horrorbildern, gelingen Eric Powell auch sehr einfühlsame Grafiken, die keiner Worte bedürfen und den Leser näher an die Figuren heranbringen. Allerdings, als sei ihm eine gewisse Gefühlsduselei eher peinlich, zwängt Powell derlei Szenen zwischen Sarkasmus und schwarzen Humor, so dass für den Kloß im Hals nicht viel Zeit bleibt. Mehr als nur nebenbei darf der Leser nicht nur diese feinen Grafiken genießen (ob man die Motive nun mag oder nicht, die Qualität von Powells Grafiken steht außer Frage).
Ein zweiter Garant für das kleine cineastische Erlebnis auf Papier ist der Kolorist Dave Stewart, der sich sattsam einen Namen im Medium Comic gemacht hat, als Zauberkünstler für die rechte Farbgebung. Er arbeitete nicht nur für bekannte Serien, sondern auch neben bekannten Comic-Machern wie Mike Mignola, Carlos Pacheco oder Darwyn Cooke. Weich lasierend legen sich Aquarellschichten über die Bleistiftzeichnungen, imitieren sie perfekt eine natürliche Kolorierung. Kontrastreich, eher sanft als grell, könnte diese Technik auch in einem Bilderbuch Verwendung finden. Powell frönt als federführender Künstler auch hier den Gegensätzen von Ausdruck und Inhalt.
Band 8, Der Ort an dem das Unheil gedeiht, ist etwas wie der Beginn eines neuen Kapitels innerhalb der Reihe. GOON begegnet seiner Vergangenheit mit einer veränderten Sicht und die Hinweise verdichten sich, dass diese Geschichte noch lange nicht ausgestanden ist. Gewohnt makaber, gewohnt gute Optik, Powell lässt sich nicht einzwängen. Sehr gut. 🙂
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Link: www.thegoon.com