Tsagoi ist nicht gern gesehen. Aber Tsagoi ist charakterstark, denn er ist nirgends so recht gern gesehen. Die Fahrer der Lastwagen machen sich das Leben gegenseitig so schwer es eben geht. Nur Tsagoi wollen sie es noch ein wenig schwerer machen. Sicher, für Tsagoi geht es einmal mehr um Leben und Tod, doch da kennt er bereits seit frühester Jugend. Irgend so ein Großmaul mit abgerichteten Hunden macht ihm auch keine Angst. Allerdings weiß Tsagoi auch, wann es besser ist, die Beine unter den Arm zu nehmen. Dies macht umso mehr Sinn, wenn es gilt, die kleine Schwester, die das harte Truckerleben überhaupt nicht kennt, nicht nur sprichwörtlich aus der Schussbahn zu holen.
1992 glaubte man noch, das Ozonloch werde einmal die Bedrohung für die Menschheit sein. In Gipsy wurde dieser Faden weitergesponnen. Längst ist das Ozonloch gigantisch. Die Folge: Flugverkehr findet so gut wie keiner mehr statt. Lastkraftwagen haben den Transportverkehr erobert. Eine der gefährlichsten Routen, Hauptadern könnte man sagen, ist die C3C, die Circumpolar 3 Continental. Diese hat besonders schwierige Abschnitte, hoch oben im Norden gelegen. Die Routen führen durch das ewige Eis, werden stellenwesie von Banditen belagert und sind doch heiß umkämpft, denn je höher die Gefahr, desto größer der Ertrag.
Thierry Smolderen beschreibt einen abenteuerlichen Auftakt, indem er dem Leser gleich zwei Charaktere vorstellt: Tsagoi ist bereits als Junge knallhart, lässt sich nichts bieten und ist nicht zimperlich in der Wahl der Mittel. Oblivia, die kleine Schwester, für die er eine Verantwortung verspürt, die als ehrlich, aber auch mürrisch, zerknirscht beschrieben werden kann. Während Tsagoi auf der Straße seinen Weg geht, wächst Oblivia in einem Internat heran. In dieser sauberen Umgebung, die Tsagoi seiner Schwester gewünscht hat, fernab des wahren, schlechten Lebens, unterliegt Oblivia einer Täuschung. Ihre Herkunft wird sie den anderen immer entfremden, deren Nasen noch höher getragen werden als jene von Oblivia, die sich über die üblen Manieren und das Macho-Gehabe des großen Bruders sehr aufregt.
Aus dem Jungen ist ein Mann geworden, der sich noch weniger bieten lässt, da jede Herausforderung für ihn mit dem Tode enden kann. Aus Tsagois Leben ist ein Spiel um Alles oder Nichts geworden. Die Schilderungen von Thierry Smolderen sind von der ersten Seite an höchst intensiv und mitreißend. Die sechsteilige Geschichte bedient sich nicht nur einer asiatisch anmutenden Grafik, sie verwendet auch jene außergewöhnliche Erzähltechnik, die kaum Zeit zum Luftholen lässt.
Bevor sich Zeichner Enrico Marini historischen Themen widmete (Der Skorpion), Die Adler Roms), arbeitete er stilistisch in einer Form, die Fans von Mangas, besser noch von Katsuhiro Otomo (Akira) sehr bekannt finden werden. Marini verwendet selbstverständlich die westliche Leserichtung, aber darüber hinaus könnte er ein Schüler von Katsuhiro Otomo gewesen sein. Zweifellos aber ist er ein Freund dieser künstlerischen Comic-Ausrichtung. Das Titelbild ist hier etwas feiner ausgearbeitet als die eigentlichen Comic-Seiten, hat er hier eine Technik gewählt die deutlich gemäldeartiger ist.
Im Innenteil jedoch wird Wert auf optische Geschwindigkeit gelegt. Dies betrifft nicht nur einen manchmal schnell wirkenden, skizzenartigen Stil, wie er von Mangas sattsam bekannt ist, auch entsprechende Kameraeinstellungen finden sich. Der Blick ist entweder nahe dabei oder befindet sich im Schlepptau eines Objekts. Das können angreifende Hunde sein oder auch, weitaus häufiger, Lastkraftwagen, die sich in bester Mad-Max-Manier harte Rennen liefern, bei dem nicht nur die Fahrzeuge auf der Strecke bleiben.
Die Jagd beginnt: Waffen für Sibirien. In der politischen Ordnung der von Smolderen beschriebenen Welt hat sich einiges getan. Das mutet seltsam an, aber es ist auch nicht so verrückt, dass es vom Standpunkt der 90er Jahre nicht ins Auge zu fassen wäre. Die Verfolgungsjagd durch das inzwischen ewige Eis ist nicht einmal der Wahnwitz an dieser Jagd. Hatte das Wagenrennen einen gewissen Anklang von Mad Max, kommt mit dem Auftauchen mongolischer Wegelagerer echte Heavy-Metal-Stimmung auf. Zu diesem Zeitpunkt heißt es dann nur noch: Anschnallen!
Ein Knaller! Stellt sich eigentlich nur die Frage: Warum erst jetzt? Der erste Teil von Gipsy hat alles, was einen guten Action-Knaller im Comic ausmacht, gekrönt von einem zwar knallharten, aber auch rotzfrechen und irgendwie liebenswerten Helden. Klasse! 🙂
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