Der kleine Kavallerietrupp reitet gemächlich, aber nicht unaufmerksam den schmalen Pfad entlang. Alles wirkt friedlich. Die Sicht reicht weit, deshalb befürchtet keiner der Unionisten einen Hinterhalt. Die Nachlässigkeit wird sogleich bestraft. Ein Fehler im Krieg kann augenblicklich der letzte sein. Leutnant Blueberry versucht sich taktisch korrekt zu verhalten, doch das ist angesichts des Sperrfeuers der Konföderierten sehr schwierig. Wieder zurück im Fort muss er einen wenn schon nicht vernichtenden so doch demoralisierenden Schlag des Feindes melden.
In einer Zeit des Bürgerkriegs, die schon durch ihre offiziellen Kampfhandlungen schlimm genug war, griffen auch nicht uniformierte Bürger gegeneinander zu den Waffen. In gleich vier Abenteuern aus der Jugend von Blueberry wird diese besonders heiße Phase des US-amerikanischen Bürgerkriegs von Jean-Michel Charlier und Francois Corteggiani geschildert. Die Teufel von Missouri, Aufruhr in Kansas, Todesmission in Georgia und Gnadenlose Jagd gerät Leutnant Blueberry in einen Kleinkrieg zwischen dem nordstaatlich orientierten Senator Lane und dem wie ein Guerrillero taktierenden Föderalisten Quantrill.
Der Kampf findet nicht nur auf den Schlachtfeldern oder wenigstens militärischen Hinterhalten statt. Lane und Quantrill, die beiden Männer, die sich gegenseitig zum Erzfeind auserkoren haben, tragen den Krieg bis ihre jeweiligen Familien hinein. Ein eigenmächtiger Kleinkrieg kann jedoch nur zur Verschlechterung des Kriegsverlaufes beitragen, ganz gleich, welche so genannten Siege dabei errungen werden. Blueberry wird wieder einmal in Teufels Küche geschickt. Er soll Quantrills Versteck aufspüren, bevor Lane dieses Kunststück gelingt.
Aus einem vergleichsweise simplen Auftrag entsteht ein immer dichter werdendes Netz, aus dem es für den jungen Leutnant kein Entrinnen zu geben scheint. Abgesehen von seinem Kommandanten ist er nur von Feinden umgeben. Selbst Senator Lane, eigentlich Nordstaatler, wird zu Blueberrys Feind. Charlier und Corteggiani teilen sich notgedrungen die Autorenarbeit an dieser Saga. Charlier verstarb während der Arbeit am dritten Teil Todesmission in Georgia. Corteggiani übernahm die Geschichte und führte sie zu Ende. Dennoch ist das Ergebnis wie aus einem Guss. Im direkten Vergleich stehen sich die beiden Autoren in nichts nach, obwohl der Handlungsstrang auch eine deutliche Zweiteilung beinhaltet.
Während Blueberry in der ersten Hälfte in die Blutfehde zweier Männer gerät (was sicherlich kein militärischer Terminus für diese Situation ist), wird in der zweiten Hälfte in der Tat ein Himmelfahrtskommando durchgeführt, für das auch noch diverse Galgenstricke rekrutiert werden, die sich damit eine Entlassung aus dem Gefängnis verdienen können. Man kann von keiner der beiden Handlungslinien sagen, dass sie aktionsarm wären, allerdings ist die Richtung in der zweiten Hälfte gerader. Das kann schlicht und ergreifend am zentralen Fortbewegungsmittel liegen: Einem Zug. Interessant ist es, auf welch elegante Weise das Szenario aufbaut und erinnert damit an Thriller-Größen wie Alistair MacLean, der mit Geschichten wie Agenten sterben einsam vormachte, wie es geht. Sein Nevada Pass, ebenfalls angesiedelt auf einem Zug, besitzt eine ähnliche Kulisse, verwendet ähnliche dramaturgische Mittel, ist aber insgesamt mehr ein Kammerspiel.
Corteggiani hingegen bricht ab einem bestimmten Punkt aus dem Szenario aus. Blueberry ist nicht der Hansdampf in allen Gassen, soll heißen: Seine Mission schlägt fehl. Auf diese Art ist wieder alles offen und Corteggiani nutzt diese neue Konstellation auch weidlich aus, verwirrt den Leser aber auch für einen Moment, denn man fragt sich zuerst, wo Blueberry eigentlich bleibt. Aber er taucht noch auf, keine Bange.
Colin Wilson ist der geborene Nachfolger für Jean Giraud. Der Tuschestrich wie auch die kräftige und mitunter sehr bunte Farbgebung (wie ganz zu Beginn der Reihe) unterstützen die Dramatik der Handlung zu jeder Zeit. Wilsons Stärken liegen auf jeglicher Szenerie. Nahaufnahmen, Innenszenen allgemein, Außenbilder, Landstriche, Pferde, Fahrzeuge, sehr aktionsreiche Szenen mit reichlich Komparsen und vieles andere mehr, Wilson bringt das Rüstzeug mit, um sich gleich zurechtzufinden. Jede Seite ist technisch perfekt und eine Augenweide. Man könnte auch sagen: Perfektes Western-Gefühl.
Eine sehr dicht erzählte Sammlung von vier miteinander verwobenen Geschichten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Blueberry, der Tausendsassa, wird sehr gefordert und das in einer Weise, die auf jeder Seite fesselt. Wer Western mag und noch nicht sicher ist, ob Blueberry ihm gefallen könnte, sollte hier einen Blick hineinwerfen. 🙂
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