Die Witwe Königin Victoria herrscht über das britische Königreich. Ein Schattenriss ist sie nur. Als ein Schatten von Macht beobachtet sie und fordert zum Handeln auf. Der Respekt ihres Volkes ist ihr sicher. Als Abbild nicht nur der Monarchie, sondern des Empires schlechthin, gehorcht man, wenn die Königin befiehlt. Eines Tages leistet sich ein Mitglied der königlichen Familie einen Fehltritt. Ein Fehltritt darf nicht sein und schon gar nicht mit einer Bürgerlichen. Eine Heirat mit einer solchen Person darf erst recht nicht sein. Beweise sind schnell beseitigt. Fortan lebt Annie, die Bürgerliche, in geistiger Umnachtung in einem Hospital.
Albert Victor, der zweite in der Reihe der königlichen Thronfolger, genoss das Leben in der Gesellschaft des Künstlers Walter Sickert. Er genoss es zu sehr und zu sorglos. Sein Wunsch nach einem normalen Leben stürzte eine Frau ins Unglück. Nachdem die Türen des Hospitals sich hinter seiner ihm angetrauten Annie geschlossen hatten, glaubte man das Problem erledigt. Man täuschte sich. Ein Brief taucht bei Walter Sickert auf. 10 Pfund sollen das Schweigen vierer Frauen erkaufen, die mehr wissen, als gut für sie ist. Ihre Majestät ruft den Arzt Sir William Gull. Nachdem er bereits bei Annie ohne zu fragen die richtige Behandlung vollführte, hofft die Witwe nun auch auf sein taktvolles und effizientes Vorgehen.
Doch Sir William will nicht nur seine Aufgabe erfüllen, er will ein Zeichen setzen.
Das Mammutwerk From Hell, geschrieben von Alan Moore ist kein Comic, es ist ein Roman. Zeichner Eddie Campbell wird diese Aussage vielleicht nicht gerne hören, aber seine sind wie Fragmente, Grafiksplitter, jene Bilder, die schnell und filmartig bei dem Leser eines Romans entstehen.
Doch zurück zum Anfang. Der Fall Jack the Ripper beschäftigt seit weit über hundert Jahren die Gemüter. Im ausgehenden Sommer und Herbst des Jahres 1888 wurden (anscheinend) fünf Prostituierte in London von ein und demselben Täter getötet. Vier der Opfer wurden bestialisch zugerichtet. Aus diesem Grund setzte sich der Spitzname des Mörders durch: Jack, der Schlitzer. Lassen wir einmal die historischen Fakten außer Acht – sofern von Fakten überhaupt gesprochen werden kann, denn der Fall weist derart viele Ungereimtheiten auf, dass sein Aufbauschen zu einer derart mysteriösen Angelegenheit kein Wunder ist. Ein Täter, der über die wirklichen Umstände hätte aufklären können, wurde jedenfalls nie gefasst.
Alan Moore hat sich des Stoffes angenommen und erzählt nicht nur einen monströsen Kriminalfall, er seziert auch den Niedergang einer Kultur, eines Königreichs, dessen Machtverlust vorprogrammiert war. Moore entwirft eine Gesellschaft, die unter ihrem eigenen Glanz und Gloria zusammenbricht, weil sie die Zeitenwende zwar nicht verpasst, aber so doch zwanghaft hinauszuschieben versucht. Anders ausgedrückt könnte man schlicht sagen: Außen Hui, innen Pfui!
Moore folgt einer Theorie und greift mit dieser eine populär gewordene Verschwörungsgeschichte auf, hinter der sich zu Beginn nichts anderes verbirgt, als den Fehltritt eines potentiellen Thronanwärters zu vertuschen. Albert Victor, Enkel von Königin Victoria, galt als Lebemann und soll nicht gerade den Vorstellungen eines möglichen Königs entsprochen haben – heutzutage vermutlich auch nicht. Sir William Gull, Arzt, Intellektueller, höchstwahrscheinlich auch Freimaurer, war königlicher Leibarzt und wurde von Königin Victoria persönlich beauftragt, die Beweise, die auf einen Skandal innerhalb der englischen Monarchie hindeuten, aus der Welt zu schaffen. Im Klartext bedeutet das hier: Töten.
Eine tote Prostituierte, auch mehrere hätte wohl kaum jemanden hinter dem sprichwörtlichen Ofen hervorgelockt. Aber Moore inszeniert Gull als Person, die ein Zeichen setzen will.
Wenn Ihr meint, beauftragt einen Komplizen, der mit dieser Art Personen und ihrem Umfeld vertrauter ist. Wir überlassen die Einzelheiten Euch, Sir William. Wir wünschten, es wäre schon getan, und gut getan.
Zum Zeitpunkt der Morde bereits über 70 Jahre alt, holt sich Gull einen Helfer, der in alles eingeweiht ist: den Kutscher Netley. Gulls Einweisung seines Kumpanen gehört zu einer der besten Sequenzen der Handlung. Die Geschichtsträchtigkeit Londons, von der die wenigsten wissen, die auf seinen Straßen flanieren und umher irren, wirkt erschlagend, muffig, verstaubt, auch teuflisch, wie so manche Symbolik immer wieder herzuleiten versucht.
Vor all den Zeichen, die quer über London hinterlassen worden sind, ist es nur recht und billig, wenn ein neues Zeichen alle anderen in den Schatten stellt.
Trauben, mit einem Betäubungsmittel versehen, werden zur Verlockung und kleine Accessoires, die einer Dame gut zu Gesicht stehen, markieren das Ziel. Gull weidet seine Opfer aus, flüchtet in die Vergeistigung seiner Taten, erhöht sie zu etwas, in dem sich sein England widerspiegelt.
In vielen Szenen, die Alan Moore entwirft, zeigt sich sein Talent als sehr guter, mitunter auch als genialer Erzähler. Aber Moore braucht Platz, Raum zur Entfaltung, denn eine Figur wie Gull kommt nicht allein daher. Sie ist nur ein Repräsentant dieser Zeit, einer Zeit, die zerbricht. Am Ende zerbrechen viele der verwendeten Charaktere, so auch der ermittelnde Chefinspektor Abberline von Scotland Yard.
Eddi Campbell, Zeichner dieses Epos’, wirft seine Bilder auf das Papier. In strengen Tuschezeichnungen, mal zerbrechlich, auch bereits gebrochen, dann fest, beinahe klumpig zu nennen breitet sich die Geschichte Seite für Seite aus. Nur ganz selten drängen sich weiche, friedfertige aquarellartige Zeichnungen dazwischen. Campbell kann mehr, als nur in diesen Zeichnungen zu sehen ist. Manchmal blinzelt sein Können durch. Aber er nimmt sich zurück. Es ist fraglich, ob die Geschichte in einer ausgefeilten Hochglanzoptik noch einen derartigen Eindruck hinterlassen könnte. So hat der Leser noch die Möglichkeit, sich hinter den Schleier der Skizzenhaftigkeit der Bilder zurückzuziehen und Abstand zu halten – etwas, das im Verlauf der Handlung immer schwerer fällt.
Ich habe eine Erscheinung gehabt, einen schrecklichen Traum.
Im August 1888 vollziehen Klara und ihr Ehemann Alois in Braunau, Österreich, den Beischlaf. Währenddessen, so schiebt es Alan Moore hier als kleine Episode ein, hat Klara einen furchtbaren Alptraum von Blutfontänen, die aus einer Kirchentür schießen und Juden hinfort spülen.
Zeitgleich besucht Sir William Gull den Elefantenmenschen, Mr. Merrick, der aus Sir Williams Sicht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Hindugott Ganesha aufweist. Gull bittet Merrick, immer ruhig zu schlafen, da ein unruhiger Schlaf des Ganesha als Zeichen eines aufziehenden Krieges gedeutet werde.
Kurz darauf beginnt Sir William sein furchtbares Werk.
Schon Roald Dahl zog in seiner Geschichte Genesis und Apokalypse die Hitlers als Instrument bitterböser Satire heran. Auch Moore verwendet sie als Zeichen, wie aus Fleischeslust etwas abgrundtief Böses entsteht. Gleichzeitig sind sie ein Fanal, denn auch aus Sir Williams Arbeit wird eine Form von Fleischeslust, wenn auch eine in höchstem Maße pervertierte. Wenn Moore seinen Sir William dies erkennen lässt, ist es einer der Höhepunkte des Romans.
So lassen sich aus einigen wenigen Szenen bereits Deutungen ziehen. Mooere reiht dergleichen wie auf einer Perlenschnur aneinander. Campbell macht daraus schwarze Perlen, nicht ein-, sondern mehrdeutig, etwas verschwommen, aber von Seite zu Seite faszinierender wie auch furchtbarer werdend. From Hell ist keine leichte Unterhaltungskost. Es ist gruselig, spannend, hintersinnig, vielschichtig und kann reizen, sich ausführlicher mit dieser Zeitperiode zu befassen. 🙂
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Nachtrag: Wegen des Umfangs dieses Werks fiel die Besprechung etwas länger als gewöhnlich aus.




















