Donnerstag, 04. September 2008
Wes hat den kleinen Ort Blackwater noch nicht ganz erreicht, da gibt es bereits Ärger. Aus der Schießerei geht er als Sieger hervor, aber es ist nur ein Vorgeschmack auf weitere Ereignisse. Die Heimkehr ruft Erinnerungen wach. Brutale Szenen werden an die Oberfläche gespült. Die Zeit für die Rache ist gekommen, doch sie muss langsam erfolgen, heimlich, niemand darf wissen, aus welcher Richtung der Schuss kommen kann. – Willkommen in Shitwater!
Der Western lebt. Die Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs sind der Ausgangspunkt für diese Geschichte von Brian Azzarello, der beweist, dass diese halbwilde Zeit in den Vereinigten Staaten viel Platz für spannende Geschichten lässt. Vagabunden, entwurzelt durch den Krieg, ziehen umher, auf der Suche nach einem neuen Platz. Einige hatten nie einen, so wie die ehemaligen Sklaven, andere haben alles verloren und für sie wird es auch nie so sein, wie es einmal war.
Der Norden will die Ordnung im Süden wieder herstellen, obwohl für so manchen Südstaatler der Krieg noch gar nicht vorbei ist. Einige haben noch eigene Rechnungen zu begleichen. Washington, die Hauptstadt, ist weit weg und erfährt nicht alles. Zum Ende des Krieges gründet sich der Ku-Klux-Klan, bestehend aus Männern, die den nun freien Schwarzen das Leben zur Hölle machen wollen. Mit roten Masken angetan verbreiten sie Terror in der Nacht.
Im Süden sind die Menschen zwei Jahre nach dem Krieg durchweg mürrisch. Alle geschlagenen Wunden sind noch zu frisch. Der Anblick von Blauröcken schmerzt weiterhin.
In diese Atmosphäre hinein kommt einer der vielen Heimkehrer, einer der Entwurzelten, einer, der im Krieg auf der falschen Seite stand. Sein Land gehört nun der Union, seine Frau ist verschwunden. Keiner weiß, was von diesem Mann, Wes Cutter zu halten ist. Der Krieg hat aus ihm einen einzelgängerischen Zyniker gemacht. Gekleidet wie ein Gesetzloser, mit einem zerlumpten Poncho, grinst er dieser neuen Gesellschaft frech ins Gesicht, fest entschlossen, ihre Schwächen zu seinem Vorteil auszunutzen. Brian Azzarello, der schon mit Johnny Double, 100 Bullets, Hellblazer, Batman/Deathblow: Nach dem Feuer und Die Rückkehr von Superman auf sich aufmerksam machte, schafft hier einen Helden, der in den Fußstapfen bekannter Outlaws daher kommt, aber nicht so auf den Mund gefallen ist.
Marcelo Frusin frönt dem neuen Minimalismus, mit dem auch Mike Mignola, Peter Bergting, Scott Kolins oder Sean Philips arbeiten. Die Strichführung ist höchst einfach gewählt und es entsteht eine Darstellung, die ausschaut, als habe der Künstler Fotografien auf möglichst simple Weise nachgezeichnet. Anhand der erwähnten Zeichner ist ersichtlich, dass dieser Zeichenstil in vielen Genres Anwendung findet, vom Horror über Fantasy weiter zu Superhelden und hin zu Krimis. Zum Western passt er auch. Sicher gibt es Abwandlungen. Die Handschrift der einzelnen Zeichner lässt sich nicht über einen Kamm scheren.
Die einen bevorzugen noch diverse Schattierungen, andere arbeiten besonders gerne mit ausdrucksstarken Schwarzflächen, der nächste bedient sich nur der wichtigsten Linien, die alles zusammenhalten. Die Strichführung bleibt immer dünn, wie mit dem Tuschestift gezogen, sogar ein wenig krakelig.
Retter in dieser minimalistischen Not sind häufig die Koloristen, denen in solchen Bildern eine wichtige Rolle zukommt. Ihre Farbgebung erzeugt weitere Stimmung, nur etwas Tiefe und auch sie kommt zumeist ohne aufwändige Schattierungen aus. Das Erschreckende mag für so manch anderen Künstler darin liegen, dass es funktioniert. Als Leser vermisst man nichts. Der Aufwand, den Leute wie Jim Lee, Cary Nord oder John Romita Jr. betreiben, fehlt hier vollkommen. Daraus entsteht eine neue Sehgewohnheit, die einen als Leser schneller lesen lässt, filmischer, da auch Texte auf ein Minimum beschränkt werden.
Der gelungenste Kniff im vorliegenden Band dürfte die Zusammenfassung von zwei Szenen in einem Bild oder einer Seite sein. Gegenwart und Erinnerungen überschneiden sich in einem sehr gut konstruierten Aufbau. Unterschiedliche Farbschemata helfen bei der Erkennung der einzelnen Begebenheiten oder verhelfen zu einer Verschmelzung, wenn die Erinnerungen zu übermächtig werden und die Gegenwart zu verdrängen drohen.
Western trifft Thriller. Hier ist fast jeder ein Halunke. Die meisten haben sich im Krieg etwas zuschulden kommen lassen. Brian Azzarello fädelt die vielen Facetten der amerikanischen Nachbürgerkriegszeit auf eine Schnur auf und reißt den Leser daran mit. Die Erzählung ist hart und kompromisslos, ebenso wie die grafische Darstellung der Ereignisse. Wer einen Western im neuen Gewand erleben will, einen, der dem Italo-Western nacheifert, ihn aber nicht kopiert, sollte einen Blick riskieren.
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Dienstag, 02. September 2008
Kim Nelson will das Geheimnis um ihre Vergangenheit weiterhin ergründen. Doch dazu muss sie sich mit einem gefährlichen Mann einlassen, Ebu Sarki. Ein gefürchteter Name im Orient, der Name eines Mannes, der mit Vorsicht zu Werke geht und seinen Besuchern einiges abverlangt, bevor sie ihn treffen dürfen – und mit Frauen geht er noch härter ins Gericht. Ohne Prüfung kann Kim ihm nicht gegenüber treten. Nach einer langen Wartezeit in der Wüste, allein und ohne Wasser, einen Sandsturm überstehend, kommt endlich ein Mann, der sie zu Ebu Sarki bringen soll. Aber die Zeit der Prüfungen ist noch lange nicht vorüber.
In der Vergangenheit geht es nicht um Wissen. Es geht einzig um Macht und Kontrolle. Wer behält seine Macht oder wer gewinnt sie? Jade, die Favoritin des Sultans, ist auf ihrem Weg, Macht über Lord Nelson zu gewinnen. Seine Frau ist ihr hörig. Die Schmach und die Schande, seine Frau in den Fängen dieser Barbaren zu wissen – vor allem mit dem Hintergedanken, dass sich seine Frau freiwillig in diese Knechtschaft begeben hat – ist zuviel für den vornehmen Engländer.
Die feinen Bemerkungen, die Anspielungen behagen ihm nicht. Sie widersprechen seinem Weltbild, seiner Würde, sie bringen alles ins Wanken, an das er geglaubt hat. Auch das Verhalten seines Vorgesetzten, der bereit ist, diese Denkweise zu akzeptieren.
Aber ein englischer Gentleman lässt sich keine Spielregeln vorschreiben. Als Vertreter des britischen Königreichs gibt man die Regeln vor.
Dreißig Glocken markieren den Weg von einem Leben in das nächste. Erniedrigung folgt auf Erniedrigung. Erst wenn das eigene Wesen vollkommen zurückgestellt worden ist, ist auch der Weg geschafft. Lord Nelsons Frau ist bereit, diesen Weg zu gehen, weil sie in Jade verliebt ist, von ihr berauscht ist, ihr hörig ist. Mitunter fällt der Weg ihr leicht. Jede Glocke bedeutet nicht nur eine Erniedrigung, sondern auch einen neuen Meister oder eine Meisterin. Nur wenn Lady Nelson ihre Aufgabe zufrieden stellend erfüllt, wird eine Glocke entfernt, mit etwas Glück sogar zwei.
Jean Dufaux, der Autor, stellt Lady Nelson in der Neuzeit eine Frau gegenüber, die einen ähnlichen Weg wählt, auch aus freien Stücken, aber dennoch aus der Not geboren, weil sie nur auf diesem Wege glaubt in den Besitz von Informationen zu kommen. Für Kim Nelson, die moderne Frau, ist dieser Glockenweg zwar auch eine Erniedrigung, aber sie beschreitet ihn wie einen marternden Marathonlauf. Von einer sportlichen Grimmigkeit beseelt, rennt sie von einem Mann zum nächsten, bestimmt die Kandidaten sogar selbst, wenn ihr danach ist.
In einer ähnlichen Atmosphäre, wie es einst Ashanti entwarf (1979, mit Michael Caine), entsteht auch hier das Bild einer ungewöhnlichen, beinahe unglaublichen Sklaverei. Machtspielchen ohne Lack und Leder, dafür mit tödlichen Konsequenzen bilden ein regelrechtes Horrorszenario, das hinter den Kulissen, abseits einer westlichen Zivilisation überlebt hat. Aus Sex wird hier in Windeseile Folter und nicht selten auch Tod.
Die Erzählung erfolgt sehr intensiv, besonders da so mancher Charakter in diesem Band mit einer großen Kühle an sein jeweiliges Werk geht. Der Körper wird aus reiner Notwendigkeit ausgeblendet, wird zum Instrument für das Erreichen eines Ziels, das immer eng umrissen ist. Für nahezu jeden geht es hier um alles oder nichts.
Ana Miralles gestaltet nicht nur schöne, sondern man könnte sagen, diplomatische Bilder. Die Technik ihrer Illustration ist wirklich hinreißend. Manche könnte sagen, die Form sei nicht modern, ich finde sie klassisch und zeitlos. Diplomatisch sind die Bilder insofern, dass jeder Leser es für sich entscheiden mag, ob er die Schönheit annimmt, nur diese sieht, oder ob er auch den Schrecken zulässt, den die Grafiken transportieren.
Wenn Kim Nelson bei ihrer Ankunft in der Bergfestung die verwesenden abgetrennten Köpfe auf den Stufen liegen sieht, stehen Darstellung und Aussage des Bildes einander vollkommen gegensätzlich gegenüber.
Miralles ist eine jener Künstler, von denen man sich großformatige Bilder wünscht, am besten aus anderen Zeiten. Ähnlich wie die Illustratoren, die vor Jahrhunderten ihre Studien in Ägypten, in der Türkei oder anderen geschichtsträchtigen Orten machten, schaffte auch Miralles es, eine alte Zeit zum Leben zu erwecken und dem Leser oder Zuschauer einen Ausschnitt einer Welt nahe zu bringen. Wenn sie einmal aus den eher engen Kästchen ausbrechen könnte, müsste das Ergebnis bestimmt großartig ausfallen.
Ein grafisches Erlebnis, wunderbar inszeniert. Die Wärme der Bilder und die Kühle der Geschichte schaffen ein sehr eindringliches Leseerlebnis. Wer Historie, Abenteuer, wackere Helden und Heldinnen mit starren Zielen, gemeinste Verbrecher und Intriganten mit einer Prise Erotik in einer Geschichte vereint sehen mag, liegt hier richtig. 🙂
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In Benton, am Hafen, gibt es eine dieser alltäglichen Tragödien unter Liebenden – oder besser nicht mehr Liebenden. Der junge Mann macht Schluss. Zornig entfernt er sich, setzt sich in seinen eigenen Wagen und fährt fort. Einige Tage später steigt die junge Frau zum Dach eines Hochhauses in Chicago hinauf und stürzt sich in die Tiefe. Rubine, die mit ihrer Kollegin eigentlich nur einen kleinen außerberuflichen Bummel einlegen wollte, wird Zeuge dieses Selbstmords. Ein Cop wie Rubine ist immer im Dienst. Gedanken lassen sich nicht ausschalten und so grübelt sie über ein Merkmal des Sturzes der jungen Frau, das ihr nicht gefallen hat.
Ein Mensch, der aus großer Höhe fällt, bewegt sich auf irgendeine Art. Keiner, auch ein Selbstmörder nicht, springt wie ein Skydiver vom Dach eines Hochhauses. Ihre Kollegin Shirley hält Rubines Interesse eher für übertrieben, aber vertraut auch auf die Intuition ihrer Freundin. Die beiden gehen zusammen zur Beerdigung der jungen Frau. Plötzlich, beim Anblick der illustren Trauergäste, gewinnt die Tragödie eine ganz andere Bedeutung. Einige der hochrangigsten Gangster Chicagos sind hier versammelt, um ihrem Buchhalter ihre Anteilnahme am Verlust seiner Tochter zu erweisen.
Zunächst scheint es sich um einen Zufall zu handeln. Als jedoch auch der Sohn des Buchhalters in Schwierigkeiten kommt, sind es ein paar Merkwürdigkeiten zu viel.
Schwarze Serie lautet der Titel des 10. Abenteuers von Rubine, deren Comic-Form weiterhin sehr cartoony ist, deren Handlung es aber in sich hat und in der besten Tradition von Kriminalserien wie Die Straßen von San Francisco oder Kojak daher kommt.
Das bewährte Rubine-Team F. Walthéry, Mythic und Boyan (Farben) versetzt die zeitlose Krimidramatik der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in die Neuzeit. Obwohl – und das ist wirklich etwas besonderes – die Action im vorliegenden Band kaum vorhanden ist, entsteht nach und nach immer größer werdende Spannung durch ein Rätsel, das nicht durchschaubar ist. Eine Haudrauf-Methode führt hier nicht zum Ziel, nur eine haarkleine kriminalistische Arbeit kann hier Erfolg haben.
Nachdem in Modellstadt, dem Vorgängerband, noch ein wenig Bond-Thematik oder auch ein gewisses Outer Limits-Flair vorherrschte, läuft hier geradezu alles über die Charaktere. Jeder von ihnen will entschlüsselt werden. Einige verbreiten Rätsel, andere sorgen für Humor. Bei letzterem sind die Gangster vorne mit dabei. Eher parodistisch ist das Auftreten dieser ehrenwerten Gesellschaft, die allerdings im Zweifelsfall mordet wie jeder andere gemeine Bandit auch. Wer sich diese Gauner näher betrachtet, mag sich an die meist seltsam komischen Fieslinge eines Bud Spencer-Films erinnert fühlen.
Der Tollpatschigkeit dieser Ganoven steht die Schwarze Serie, eine Reihe von Todesfällen, gegenüber, alle in ihrer Konsequenz erschütternd. Rubine forscht nach, aber letztlich kann sie nur zusehen. Bevor das Geheimnis gelüftet wird, erfährt der Leser viele Details – er wird sehr zum Lesen animiert, was ungewöhnlich ist, aber auch erfrischend, da es sich die Macher so nicht leicht machen und auch der Leser sich Zeit nehmen muss.
Francois Walthéry liebt schlanke, hoch aufgeschossene Figuren, die wegen der Überlänge ihrer Beine sehr zerbrechlich aussehen. Die Frauen haben etwas von einer Barbie. Männer, die etwas fülliger sind, wirken dank der lockeren Strichführung noch immer etwas schlaksig. So ähnlich sich die Körperlichkeiten sein mögen, so unterschiedlich sind die Gesichter. Ein jedes ist ein Charakterkopf und unverwechselbar. Selbst ein Polizist, der gerade mal einen einseitigen Auftritt hat, wird mit der gleichen Liebe zum Detail gezeichnet wie Rubine selbst.
Die übrige Optik ist stärker an die Realität angelehnt. Seien es die Straßen, Fahrzeuge oder auch Tiere, in der Bühnengestaltung für seine Geschichte geht Walthéry kaum Kompromisse ein. Eine Vereinfachung liegt zwar vor, doch ist Walthéry bemüht, lebensnah zu bleiben. Ein Blick auf das Cover zeigt das sehr schön – hier hat er allerdings etwas gemogelt, denn die Motorräder der gezeigten Szene im Album sind weitaus weniger PS-stark.
Einfach nur gute Krimi-Unterhaltung! Eine wohl durchdachte Geschichte punktet weiter mit schönen Figuren und sorgfältig gestalteten Hintergründen. Rubine hat sich zu einem Rundumsorgloskrimipaket entwickelt, wie der 10. Band anschaulich beweist. 🙂
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Montag, 01. September 2008
Juan führt ein gutes Leben. Draußen auf dem Landsitz soll er die Herrin beschützen und so nebenher besorgt er es ihr. Ihr Sohn schaut voller Respekt zu ihm auf. Juan bringt ihm sogar das Schießen bei. Laura, so der Name der Herrin, wird sogar süchtig nach Juan, begehrt ihn so oft es geht, an den unmöglichsten und möglichen Orten, immer und wahrhaft überall. Juan führt ein gutes Leben – so glaubt er eine Weile. Eines Tages geschieht das, was ein aufmerksamer Juan viel früher bemerkt hätte. Aber Juan befindet sich im Rausch und so entgeht ihm, dass sein wahrer Chef plötzlich mit seinen Leibwächtern am Schwimmbecken steht.
Plötzlich zählt für Juan wieder einmal mehr, ob er leben wird oder diesmal stirbt.
Heiliger Schweinehund – diese Überschrift des zweiten Teils der Thriller-Saga um Juan Solo trifft den Kern der Handlung. Ob der Leser das Heiliger unterschreibt ist nicht gewiss, der Schweinehund hingegen dürfte jedem einleuchten.
Alexandro Jodorowsky hat seinem Helden im ersten Teil viel zugemutet. Bei aller Gewalt, die von Juan Solo ausgeht, bei allem, was er anstellt, hat er doch auch viel erlitten, ist seine Natur erklärbar. Das, was Jodorowsky seiner Hauptfigur im zweiten Teil zumutet, ist noch eine Spur ausgefallener, schlimmer, aber auch sehr konstruiert – es ist unwahrscheinlich, wie man so schön sagt, aber nicht unmöglich. Zunächst jedenfalls.
Es folgt eine systematische Demontage von Juan Solo. Der Gangster, der sich schon im Begriff sah, ein – für seine Begriffe – wunderbares Leben zu führen, erfährt eine selbst für ihn erschreckende Wahrheit. Eines führt zum anderen, es folgt der totale Niedergang. Letztlich landet er in einer gesellschaftlichen Position, die sein Ziehvater innehatte. Zwar gibt es noch eine Grenze dessen hin zu dem, was er bereit ist zu tun, doch diese verschwimmt auch durch den Alkohol beständig.
Schließlich ist Juan wieder solo und auf der Flucht, ohne Sinn und Verstand. Die Möglichkeit zu einem neuen Leben befindet sich in seinem Besitz, aber die Flucht ist kopflos. Endlich – und der Weg ist noch nicht beendet – hat Juan eine Begegnung, die sein ganzes bisheriges Leben untergräbt. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich in seiner derzeitigen Situation nichts von Wert in seinem Besitz. Die letzte Kugel ist verschossen, er hat kein Fortbewegungsmittel mehr, Wasser hat er keines und letzteres bedeutet in einer Wüstenei den sicheren Tod.
Ausgerechnet ein indianischer Bauer auf einem Maultier luchst Juan sämtliche Habseligkeiten ab. Und Juan ist an einem Punkt angelangt, an dem ihm alles egal ist. Er nutzt diese letzte Chance nicht, reitet sich im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer in das Schlamassel. An dieser Stelle begeht Jodorowsky einen Stilbruch, indem er aus dem Gangster – jeder Leser hätte ihn wohl relativ mitleidlos in der Wüste sterben sehen – eine Art Paulus macht. Das, was ihn zeitlebens verfolgte, gereicht ihm nun zum Vorteil. Juan wird zum Heiligen, zuerst aus der Notwendigkeit, seines Charakters wegen, dann aus Frustration. Juan erfindet sein ganz persönliches Golgatha, aus freien Stücken.
Das letzte Drittel könnte man fast eine Art Autorenkino nennen. Es ist schwer verdaulich, ungewöhnlich, aber auch nie unmöglich. Es passt zum Wahnsinn, den der Leser an der Seite von Juan Solo miterleben durfte, setzt ihm aber auch die (Dornen)krone auf. – Und geht auch über den ganz normalen Wahnsinn eines Tarantino hinaus, der sich als Paradepferd des Wahnsinns mit Methode etabliert hat.
Grafisch ist die Geschichte sehr gut umgesetzt. Der Realismus, mit dem er zu Werke geht, macht es manchmal sehr gruselig, zuweilen auch unerträglich. Die Stimmung wird, filmisch gesprochen, stark über die Beleuchtung angeregt. Rot, Orange und Gelb herrschen vor, signalisieren Hitze, brütende Hitze, die die Gemüter verwirrt und das Leben sogar bedroht. Die Hölle des ersten Teils setzt sich hier unvermindert fort.
Georges Bess’ Arbeit ist alte Schule. Beste Technik mit geringen Mitteln, ganz so, wie es in der Zeit vor dem Einsatz von Computern war. Vergleiche zur Technik früher Geschichten von Giraud oder Hermann sind treffend. Ganz bestimmt befindet sich Bess technisch mit ihnen auf dem gleichen Level.
Eine furchtbar düstere Geschichte. Kein Mitleid mit Juan Solo! Trotz aller Enthüllungen. Spannend, hoch spannend sogar, aber mit keinerlei Identifikationsmöglichkeiten. Jodorowsky und Bess servieren Schwerverdauliches, aber als Achtgängemenü. Wer ein grafisches Topalbum lesen möchte, mit einem Thriller, der fernab jeglicher heilen Welt angesiedelt ist, ist hier genau richtig. 🙂
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