Montag, 15. September 2008
Fast Food ist nicht gut für die Gesundheit. So ein Hot Dog mit allem, Sauerkraut und seltsamen Saucen, besonders wenn sie mit Botox in hoher Konzentration versetzt sind, können dem menschlichen Organismus schon mal den Garaus machen. Tom Ragg ist tot. Was Tom nicht wusste: Er war nur ein Köder. Auf der Gegenseite glaubt man, dass Madame Mirage diesen Köder mit Pauken und Trompeten geschluckt hat, aber jemand, der sich mit Gangstern der übelsten Sorte anlegt, ist nicht so dumm zu glauben, dass sich diese Gangster nicht auch Gegenmaßnahmen überlegen würden.
Madame Mirages Gegner hat sich einen passenden Namen ausgewählt: MousetrapDer erste Achtungserfolg, den Madame Mirage gegen das Syndikat erzielte, hat die Gangster arg nervös werden lassen. Autor Paul Dini hat eine Schurkenjägerin geschaffen, die keine Gefangenen macht. Der Lockvogel, der ihr vor die Nase gesetzt wird, beißt in seinen Hot Dog, noch voller Genuss, nur um im nächsten Augenblick zu spüren, wie das Botox seine Arbeit macht. Als Mittel zur Gesichtsstraffung durch die Lähmung von Gesichtsmuskeln durchaus beliebt, ist es im Bereich der Atemmuskulatur eher hinderlich.
Für Mirage ist alles ein großes Spiel. Ihr Äußeres ändert sie mit einem Fingerschnippen – jedenfalls in dieser Geschwindigkeit. Man könnte sie als einen modernen Fantomas bezeichnen, nur überaus weiblich und kurvenreich, darüber hinaus auf der richtigen Seite des Gesetzes stehend, dafür aber auch als Richter und Henker in einer Person.
Kenneth Rocafort hat Madame Mirage ein sehr modisches Outfit beschert, laufstegverdächtig gut, knapp geschnitten und mit dem nötigen Dekolleté, das einen richtigen Gangster natürlich nicht lange ablenkt. Das weiß auch Madame, die auch mal ein Double vorschickt und über die Klinge springen lässt. Beide Seiten verwenden ihre Lockvögel. Mirage handelt nach der Prämisse: Mitgefangen, mitgehangen.
Die Bilder sind verhalten brutal. Madame Mirage zieht zwar mit einer Art chirurgischer Präzision zu Felde, aber sobald sie zuschlägt, muss es effektiv sein – was nichts anderes als tödlich bedeutet. Entsprechend fallen die Todesszenen aus, nicht übermäßig blutig, aber sie verheimlichen auch nichts. Der Gegensatz von Brutalität und wunderschönem Jäger macht einen Teil des Reizes der Reihe aus. – Doch wer weiß? Vielleicht ist diese wunderschöne Larve, die Madame präsentiert, auch nur dahergezaubert.
Eine spannende Episode. Es ist aber empfehlenswert, die erste Folge als Einstieg gelesen zu haben, da etwas Grundwissen der Serie Voraussetzung ist. Gangster, Superhelden und Thriller erfreuen sich mit Madame Mirage einer weiteren Variante, die einen zusätzlichen Blickwinkel ins Spiel bringt. Wer es etwas weniger ernsthaft, mit etwas mehr Charme mag, doch nicht weniger dramatisch, sollte einen Blick riskieren. 🙂
Comicverfilmungen im Kölner Filmhaus
19. bis 21. September 2008
Graphic Novel-Verfilmungen, bunte Comic Movies und schräger Trash – das Filmhaus Kino Köln zeigt eine Auswahl von dreizehn Comicverfilmungen. Im Rahmenprogramm diskutieren Comiczeichner mit Filmerfahrung, Ralf König und Reinhard Kleist, mit Film- und Comicexperten.
Es gibt eine Ausstellung von Reinhard Kleist, die Comiczeichner-Show „Mädchen Monster Missgeschicke“ und ein Manga-Special mit Judith Park.
FILME:
Freitag, 19.9.2008:
17.00 Uhr: WIE DIE KARNICKEL, D 2002
21.00 Uhr: AMERICAN SPLENDOR, USA 2003
23.00 Uhr: OLD BOY, Südkorea 2003
Samstag, 20.9.2008:
16.30 Uhr: PERFECT BLUE, Japan 1997
18.00 Uhr: PERSEPOLIS, Fr/USA 2007
18.30 Uhr (Studio, Eintritt frei): TIM & STRUPPI – GOLDEN FLEECE
22.00 Uhr: A HISTORY OF VIOLENCE, USA 2005
22.00 Uhr (Studio): BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM, USA 1966
Sonntag, 21.9.2008:
17.00 Uhr: SAKURAN, Japan 2006
18.00 Uhr: (Studio): MOEBIUS REDUX, D 2007
19.00 Uhr: GHOST WORLD, USA/GB/D 2001
19.30 Uhr (Studio, Eintritt frei): TIM & STRUPPI – BLUE ORANGES
21.00 Uhr: HULK, USA 2003
ZEICHNER:
19.9.2008, um 19.00 Uhr: Gesprächrunde COMIC UND FILM, anschl. Signierstunde mit Reinhard Kleist und Ralf König
20.9.2008, um 20.00 Uhr: MÄDCHEN MONSTER MISSGESCHICKE anschl. Signierstunde mit Flix, Christian Moser, Ralph Rute
21.9.2008, um 15.30 Uhr: Signierstunde mit Judith Park
Quelle: Newsletter Kölner Filmhaus, September 2008
Weitere Infos: www.koelner-filmhaus.de
Donnerstag, 11. September 2008
Plötzlich gibt es Helden. Keine normalen Menschen, die sich durch besondere Taten hervortun, sondern solche, die durch Biotechnik und Kybernetik tatsächlich in der Lage sind, übermenschliche Leistungen zu vollbringen. Doch was Helden recht ist, ist den Schurken auch billig. Letztere sind bald in der Überzahl. Eine neue Form der Kriminalität entsteht und anders als in den bekannten Märchen über Superhelden stellt sich den bösen am Ende niemand mehr in den Weg. Niemand? Eine elegant gekleidete Frau wirft ihren langen Schatten voraus, einen Schatten, der besonders auf jene fällt, die sich dem Verbrechen verschrieben haben.
Die meisten Supergangster haben ihre Kostüme abgelegt, agieren im Verborgenen und treten in maßgeschneiderten Anzügen spazieren. Nur noch die wenigsten stellen ihre besonderen Fähigkeiten zur Schau, höchstens zur Einschüchterung oder bei der Einfädelung eines halbseidenen Geschäfts.
Madame Mirage ist anders. Furchtlos, mit einer peniblen Planung und tödlicher Konsequenz geht sie ans Werk und erklärt dem organisierten Verbrechen den Krieg.
Paul Dini ist ein Veteran auf dem Gebiet der Comics und hat schon eine Reihe von gestandenen Namen durcheinander gewirbelt, insbesondere im Animationsbereich. Harley Quinn, Zatanna oder Black Canary sind nur einige wenige Namen aus seinen Arbeiten. Mit Madame Mirage hat er nun eine Art weibliches Gegenstück zum Shadow entworfen, hierzulande eher durch die Verfilmung mit Alec Baldwin bekannt.
Das wirklich Geheimnisvolle fehlt Madame Mirage allerdings. Zwar hat sie eine Menge Tricks auf Lager, aber sie ist auch sehr frech, besitzt natürlich auch Charme, aber letztlich fällt es durch die Sexbomben-Aura, die sie umgibt, auch schwer, diese Figur ernst zu nehmen. Ihre Kontrahenten nehmen sie jedoch wegen ihrer Effizienz sehr ernst. Diese, ihre Feinde, lassen sich nicht so einfach über einen Kamm scheren. Neben dem normalen Gangster macht der Lese auch die Bekanntschaft mit einem wahren Muskelberg, dessen Selbstheilungskräfte denen sehr bekannter Comicfiguren in nichts nachstehen.
Kenneth Rocafort könnte eine künstlerische Kreuzung aus Sean Philips und Leinil Francis Yu. Rocafort arbeitet gerne mit interessanten Perspektiven, beleuchtet eine Szene oder eine Figur gerne von mehreren Seiten. Insgesamt entsteht ein sehr zerbrechlicher Eindruck der Zeichnungen. Seine Fähigkeiten konnte er auch schon eindrucksvoll bei Hunter Killer und Cyber Force unter Beweis stellen. Farblich treten das Imaginary Friends Studios, Rocafort selbst und Blond auf das Gaspedal. Hier werden einige Farbtechniken miteinander gemischt, immer auf das beste Ergebnis bedacht: Verläufe, feine Pinselstriche, oder auch mit der groben Kelle aufgetragen, Wolkenspielchen, farblich multipliziert, ineinanderkopiert, Photoshop sei Dank, alles ist möglich, viele Wege führen nach Rom.
Ein sehr nettes Superhelden-Rache-Szenario, das auf die Fortsetzung neugierig macht. Paul Dini legt hier den Grundstein für eine längere Geschichte – bei einem Veteran, der den Umgang mit Serien gewöhnt ist, könnten so noch einige Überraschungen ins Haus stehen. 🙂
Alice hat einen Spiegel. Dieser Spiegel bildet nicht nur das ab, was sich vor ihn stellt. Er ist auch magisch. Er beobachtet fast schon sezierend, kühl, distanziert und ist so der vollkommene Gegensatz zu den Geschehnissen. In den Ausschnitten seines Blickfelds geht es zur Sache, wild, ungestüm. Alice vertreibt sich die Zeit mit Sex. Sonst hat sie nichts, nur den Spiegel natürlich, ein Relikt. Aber jetzt? Was ist sie jetzt? Diese Frage hängt über ihrer Existenz, aber Alice hat keine Lust, sie zu beantworten. Obwohl, Lust hat sie schon, auf andere Frauen, zur Not auch auf sich selbst.
Gealterte Kinder
Diese Überschrift, die Alan Moore, Autor dieser Trilogie, dem ersten Band voranstellt, beschreibt perfekt in zwei Worten den Kern der gesamten Handlung.
Aber um den Kern herum ist viel Platz für weitere Deutungen.
Alan Moore nimmt den Leser nicht an die Hand. Er verrät nicht, mit keiner Silbe, was er hier eigentlich ausdrücken will. Ist es anspruchsvolle Pornographie – sofern es so etwas überhaupt gibt? Ist es eine Verbeugung vor der Literatur, die sehr früh dort aufhört, wo Moore mit großen Schritten weitergeht? Will er kleine Mythen, ja, beinahe Ikonen der Literatur zerstören, indem er sie alt und nackt, eher bis auf die armselige oder verlorene Seele entblößt, präsentiert?
Will er den Leser (oder wieder einmal die Gesellschaft) mit einer offensichtlichen Provokation hereinlegen, die am Ende keine ist, sondern nur ein Experiment und das nicht einmal sehr gewagt, sondern wohl berechnet?
Alice, Dorothy Gale und Wendy Darling sind in die Jahre gekommen.
Lady Fairchild hat eine Vorliebe für junge Frauen entwickelt. Mit höchstem Interesse verfolgt der Spiegel die Szenen und kleinen Episoden, wie auch die Stellungnahmen der Bediensteten und die eher tapsigen Annäherungsversuche eines Hoteldirektors.
Dottie Gale, Fräulein Gale, ist in die Jahre gekommen. Die Zeiten in Oz sind lange vorbei und auch Wendy blickt zuweilen sehnsüchtig zu den Tagen des Fliegens an der Seite von Peter Pan zurück …
Ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Das Leben scheint aus den Figuren verschwunden zu sein und um zu retten, was noch zu retten ist, flüchten sie sich in sexuelle Phantasien. Mann/Frau, Frau/Frau, Mann/Mann, Alt/Jung, verschiedenste Stellungen und Techniken, zu zweit, zu dritt, in größeren Gruppen, orgiastisch, harmlos, im höchsten Fall anstrengend, Neugier, Erinnerungen. Sex ist Leben, bedeutet Gefühl. Sex liefert den Beweis, am Leben zu sein.
Ist da sonst gar nichts mehr? Im Leben der drei Frauen jedenfalls nicht, die sich zuerst kennen, dann lieben lernen, Erinnerungen austauschen, darin schwelgen, so etwas wie Freundinnen werden. Alan Moore entblößt sie als sinn- und nutzlose Gestalten, aber nicht hirnlos. Sie sind einsam und dekadent und zu keiner Zeit kann die Darstellung ihrer sexuellen Ausschweifungen reizen, antörnen, erotisch sein.
In einer Blumen- und Bienenoptik, einer jugendstilartigen Imitation, einer frühlingshaften Lieblichkeit geht es pornografisch zur Sache und wird nichts verheimlicht oder verschleiert. Ein alternder Gentleman trauert einem verlorenen Sexualleben hinterher, ergötzt sich an erotischen Texten und Bildern, lauscht den Ausschweifungen anderer, fühlt sich zuerst von einem anderen Mann genötigt und lebt dann doch ein kleines schwules Abenteuer aus. Peter Pan führte die drei Kinder zu höchsten Höhen, doch anders als es seinerzeit James Matthew Barrie konzipiert und erdacht hat.
Das blumige Aussehen, eine ziemliche grafische Leistung von Melinda Gebbie, ahmt die Bonbon-Optik andere Darstellungen dieser bekannten Figuren nach, sei es aus dem Haus Disney oder auch muntere Klassiker wie Der Zauberer von Oz.
Es imitiert naive Kunst, aber auch sehr verwackelte, leicht primitiv aussehende grafische Techniken. Abgrenzend malt Gebbie hervorragende Tuschzeichnungen, die an Jugendstil erinnern. Randzeichnungen erinnern an die Geschichte von den schwarzen Buben. Hauptsächlich lässt sich eine Linie finden, die immer wiederkehrt, aber daneben wird viel ausprobiert, sind die Grafiken auch bewusst einfacher gehalten. Irgendwann verlieren sich die traumatisierten Figuren in einem abschließenden Traum – oder auch Alptraum – der aus einem seitenlangen paradiesischen Gerammel in einem irdischen Alptraum namens Krieg mündet.
Die Frauen bleiben zurück, die Männer verlassen das Hotel, den Mikrokosmos. Sie können sich dem kommenden Krieg nicht entziehen. Die Frauen treten die endgültige Flucht in den ultimativen und dauerhaften Orgasmus an, eine Reise ohne Wiederkehr. Am Ende ist Sex zur Sucht geworden. Alle können nicht mehr anders, in der Erinnerung, in der Gegenwart, beiläufig, zur Entspannung, die eigentlich ständig gefragt ist.
Und nach einem schier endlosen Sex-Marathon wird die Lust langweiliger und langweiliger, wird der Sex monströs, bedrohlich.
Text und Bild gehen Hand in Hand, täuschen, versetzen schließlich in Staunen, wenn echte Gefühle gewaltsam durchbrechen und die sexuellen Handlungen zu einem oberflächlichen bedeutungslosen Mischmasch machen. Es ist Alan Moores Können zuzuschreiben, dass er den Leser in einen Strudel hinab zu ziehen vermag, der all das anrührt, was Menschen im Unterbewusstsein, im Traum oder auch bewusst mit sich herumschleppen oder glauben, dass sie es mit sich herumschleppen – nicht umsonst weckt einer der Akteure die Erinnerung an einen Psychoanalytiker, dessen Naivität und Schlussfolgerungen hier immer für einen Lacher gut sind.
Jeder Leser muss am Ende selber wissen, was er aus diesem Werk für sich mitnimmt. Literatur und Pornografie schließen einander nicht aus, was bereits eine Reihe von Autoren vor Alan Moore bewiesen hat. Ob Moore mit diesem Werk sich dazu gesellen kann, ob er die sich eigens gestellte Aufgabe erfüllt hat, ob es genial, gewitzt oder platt ist, lässt sich schwerlich sagen. Es ist eine Entmystifizierung von Literatur, bei der man sich auch immer in der Position wähnen sollte, dies überzeugend tun zu können. Wer meint, Alan Moore habe diesen Standpunkt erreicht und pornografische – nicht erotische – Darstellungen vertragen zu können, sollte einen Blick riskieren. Alle anderen besser nicht. 🙂
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1067 TeilnehmerInnen wetteifern um den Sieg 2008 – Anfang Mai startete zum 7. Mal der bundesweite Nachwuchszeichenwettbewerb „MangaMagie“. Nach Sichtung der Bewerbungen (Einsendeschluss 31.8.2008) verzeichnete der Ausrichter des Wettbewerbs – die Bahnhofsbuchhandlungen Ludwig GmbH – eine Rekordbeteiligung von 1067 TeilnehmerInnen in den zwei Altersgruppen „Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren“ (572 Teiln.) und „junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren“ (495 Teiln.).
Gegenüber den letzten Jahren ist das eine deutliche Steigerung (2007: 886 Teiln., 2006: 928 Teiln.). Erstmals hat MangaMagie damit mehr als 1000 TeilnehmerInnen, die sich mit einem eigenen achtseitigen Manga um Preise bis zu 1000 € bewerben.
Die Wettbewerbsbeiträge durchlaufen ein mehrstufiges Bewertungsverfahren, bevor die Jury auf einer letzten Sitzung im Rathaus Köln (am 29. September 2008 ab 11.00 Uhr/Rathaus der Stadt Köln/Spanischer Bau, Raum A 119 „Theodor Heuss“) die Gewinner ermittelt, die aber erst bei der Preisverleihung am 25.10.2008 bekannt gegeben werden.
Zur Jury gehören: Dr. Winfried Gellner, Köln, Juryvorsitzender; Christpher End und Sabine Rudert, Nistertal, Redaktion Magazin AnimaniA; Francesco Farkas, Stuttgart, Panini Verlags GmbH; Andreas Füser, Stadt Köln Stabsstelle Medien; Sarah Götschel, Comicabteilung der Buchhandlungen Ludwig Köln; Annett Graf, München, Verlagsgruppe Droemer/Knaur; Yvonne Hoffmann, Egmont Manga & Anime Köln; Dr. Joachim Kaps, Hamburg, Tokyopop GmbH; Babette Kraus, München, Heyne Belletristik; Annelie Kretzschmar, Berlin, und Maren Marmulla, Dortmund, Manga-Magie Gewinnerinen 2007; Marlis Sauer, Schulamt für die Stadt Köln/Jugend Art Galerie; Kai-Steffen Schwarz, Hamburg, Carlsen Verlag GmbH.
Quelle: Pressemitteilung – Buchhandlung G. Ludwig GmbH, 10. September 2008
Mittwoch, 10. September 2008
Eine kleine Plastikpistole. Mehr braucht ein Kind nicht, um in andere Welten zu entfliehen. Damals jedenfalls. Das Elternhaus liegt dunkel da. Innen ist es wenig herzlich, die Stimmung ist angespannt. Andere Welten können besser sein. Das ist Trevors Geheimnis. Und nicht das einzige. Auch die gesamte Familie hat ein Geheimnis. Eingeschlossen in der Scheune, verborgen vor den Blicken anderer, hat Trevor noch einen Bruder. Trevor hat sich bislang wenig Gedanken um das Schicksal seines Bruders Will gemacht. Will ist angekettet, sein Essen besteht aus Abfall. Das ist alles nicht richtig, aber Trevor hat auch nicht die Macht das zu ändern. Nur in der Nacht, da nimmt er Will manchmal die Kette ab und sie gehen raus an die frische Luft, so wie richtige Brüder.
Das amerikanische Herzland, der Bibelgürtel, der Korngürtel, Gegenden in den Vereinigten Staaten, wo die Uhr anders tickt. Langsamer. Hier lebt der amerikanische Kleinstadtgeist, die Unwissenheit, das religiöse Herz. Und in dieser trotzdem von Gott verlassenen Gegend ereignet sich eine Tragödie. In diesen Gegenden, wo man noch amerikanischer ist als alle anderen, können unerwartete Ereignisse verstörend sein. Behinderungen, Missbildungen können als persönliche Strafen ausgelegt werden – sogar als solche von Gott – sie treffen ins Herz, als persönliche Schmach, die irgendwie ungerechtfertigt erscheint. Aber ob passend oder nicht, niemand darf davon erfahren. Die Vorgehensweisen sind dramatisch, drastisch und unmenschlich. Die eigentliche Herausforderung eines Gottes wird nicht erkannt und so machen sie alles noch schlimmer.
Dieses Grundschema findet sich bereits in manchem Western. Beliebt und gut erzählt sind hier die Varianten, in denen ein Indianer oder Halbindianer Mitglied einer weißen Familie ist. Paradebeispiele sind Denen man nicht vergibt (mit Burt Lancaster, Audrey Hepburn) oder auch Flammender Stern (mit Elvis Presley). Während in den Western die Familie wenigstens zu ihren Kindern oder sonstigen indianischen Verwandten steht, ist dies hier im Falle missgestalteter Kinder nicht mehr so. Die Kinder werden vor der Welt versteckt oder sogar getötet.
Die Erwachsenen ergehen sich in Verzweiflung und Angst. Nicht so die anderen leiblichen Kinder, jene, die mit ihren missgestalteten Geschwistern aufgewachsen sind und die menschliche wie auch liebevolle Seite an ihnen entdeckt haben.
So ein Junge ist Trevor. Sein Herz, das wirkliche Heartland in dieser Geschichte, zeigt ihm, was richtig ist. Er nutzt den einzigen Ausweg, den Kinder häufig nur haben. Er rennt weg und nimmt seinen Bruder Will mit.
Steve Niles, für seine Horrorphantasien in 30 Days of Night bekannt, entwirft hier ein sehr einfühlsames Bild, leicht tragisch, leicht gruselig, in jedem Falle menschlich und immer noch aktuell. Erzählerisch wie auch optisch zeitlos sind diese Ängste, die alles Fremde bei den Menschen hervorzurufen scheinen, immer noch vorhanden und bereiten gesellschaftliche Schwierigkeiten. Hier packt Niles diese Ängste in einen Mikrokosmos, in dem bestimmte Personen die Eckpunkte und Antriebskräfte bilden.
Trevor ist der Junge, der Unbescholtene, derjenige, der weiß, weil er mit Will aufgewachsen ist, weil er hinter die Fassade blickte. Der Vater ist der gottesfürchtige Uramerikaner, das Familienoberhaupt, das sich selbst für verflucht hält, weil es etwas falsch gemacht hat. Natürlich hat es etwas falsch gemacht, weil die anderen ihm nicht gehorcht haben. Da ist die Mutter, die Angst hat, die wegschaut. Da sind die anderen Familien, in denen es ähnlich ist. Und der Sheriff, die Stimme, derjenige, der nicht begreifen will und alle anderen kommandiert.
Am Ende ist da noch will, etwas anders ausschauend, sehr groß, langsam, aber er hat noch etwas, das nicht oft zu sehen ist, eine andere Kraft, eine besondere, ein Geheimnis.
Ebenso wie dieses Geheimnis bleibt auch der von Greg Ruth gezeichnete Will diffus. Ruth vermerkt im Anhang, dass er Will äußerlich nicht richtig packen konnte. Die Veränderungen, die Will durchläuft, kleine Variationen nur, sind deutlich sichtbar, aber das schadet keineswegs. So entsteht der Effekt des Nicht-Hinschauen-Sollens. Guck da nicht hin! Man macht es dennoch, flüchtig, weil man neugierig ist. Aber man schaut ganz schnell hin, so dass nur ein kurzer, ein verwaschener Eindruck verbleibt. Genauso erscheint Will. Als habe Greg Ruth ihn nicht richtig studieren, ihn nicht angaffen wollen, um ihn am Ende nicht bloßzustellen und zum Schauobjekt zu degradieren. Nur Trevor darf ihn wirklich so sehen, wie er ist.
Der Leser lernt im Laufe der Geschichte auch, Trevor zu vertrauen. Kinderaugen sehen die Wahrheit – wenn sie nicht aktiv betrogen werden. Die geschilderte Wahrheit ist furchtbar und ein Armutszeugnis für die so genannten Erwachsenen. Feinfühlig, beinahe unspektakulär, eigentlich unamerikanisch erzählt. Nicht in letzter Konsequenz neu, aber sehr interessant. Optisch ein Zuckerstück, wenn auch ein sehr düster angelegtes. 🙂
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Dienstag, 09. September 2008
Der Weihnachtsaffe und das Wunder auf dem Eis haben Homer so lange wach gehalten. Die Eishockeyspieler bejubeln ihr mitspielendes Maskottchen nach dem Spiel, ganz besonders, weil sie es den Kommies gezeigt haben. Homers Freude währt nicht lange. Denn plötzlich ist Rainier Wolfcastle auf dem Bildschirm. Dazu ist es auch noch 3 Uhr morgens. Und eigentlich müsste Homer morgen früh arbeiten. Eigentlich. Aber Homer müsste so vieles und macht es trotzdem nicht. Nur dieser eine verhängnisvolle Telefonanruf, der gelingt ihm noch.
Der Mensch ist zum Allesfresser geworden. Einer davon ist Homer Simpson. Aber er ist auch leichtgläubig geworden. Als eines Nachts die psychologische Kriegsführung des Werbefernsehens zuschlägt, als die Falle der Marketingstrategen zuschnappt und sie einen weiteren minderbemittelten Mitmenschen hereingelegt haben, nur um sich an seiner Dummheit zu bereichern, ist dieser Mitmensch namens Homer Simpson plötzlich im Besitz einer Straußenfarm.
In einer Zeit, in der selbst in unseren Breiten Strauße, Kängurus, Krokodile, Yaks, Erdmännchen und anderes Getier gezüchtet und teilweise – sowieso immer nur teilweise – verspeist werden, mag es tatsächlich nur ein kurzer Schritt dahin sein, dass der Erwerb einer Zuchtfarm über das Werbefernsehen möglich sein wird.
James W. Bates spinnt hier den Faden derer weiter, die nächtens einerseits vor dem Fernseher hocken und andererseits jener, die sich mit den unmöglichsten Verlockungen einen Platz (einen der hinteren) in der Popkultur gesichert haben.
Ein Mann, der aussieht wie eine blonde Simpsons-Schwarzenegger-Variante (und auch so spricht) wirbt für Straußen-Burger und indirekt auch für Riesenomeletts, schafft es also, Homer diese Farm anzudrehen. Jetzt greift der Slapstick-Humor an. Wenn Old McHomer sich um die Tiere kümmert, Brandzeichen setzen will und mit dem Lasso herumspielt, den Kopf in den Sand steckt und sich schließlich eine Lehr-DVD zum Thema Straußenzucht anschaut, ist alles dabei, was eine gute Simpsons-Komödie ausmacht.
Dabei ist die Geschichte noch gar nicht am Ende. Denn kann sich auch nur ein Fan Homer als Schlachter vorstellen? – Nein. Bestimmt nicht. Tief unter dem gelben Übergewicht schlägt ein weiches Herz. Außerdem ist da noch Lisa, die wieder einmal die Welt (diesmal in Form von Straußen) retten will.
Auf einmal wird aus dieser einfachen Straußenfarm mitten in der Stadt etwas anderes. Klar, es bleibt beim Fiasko und es kommt wieder einmal noch dicker (nein, nicht Homer), als man anfangs gedacht hat.
Der Fan darf sich auf schöne Auftritte von Rainier Wolfcastle (der Schwarzenegger-Kopie), Kent Brockman und Cookie Kwan freuen. Letztere tritt zwar als Maklerin auf, ist jedoch eine ähnlich Nervensäge wie Lucy Liu in Ally McBeal, nur mit schlechter Frisur. Phil Ortiz zeichnet gemäß den Vorgaben aus dem Hause Groening absolut exakt – wie auch jeder andere Handgriff im vorliegenden Abenteuer mit dem Namen Ein Strauß Ideen sitzt. Wie immer gibt es hier keinerlei böse Überraschungen – nur gute, denn mit den doch etwas blöd glotzenden Straußen und ihrem Uut-Uut ist ein sehr knuffiges Detail gelungen.
Gelber Spaß mit erhobenem kleinen Finger. Spiel nicht mit deinem Essen, wenn du es selber nicht schlachten kannst. Wer Homers Versagen als Unternehmer wie auch als Tierfreund miterleben möchte, liegt hier richtig. Spaß in Serie mit einigen interessanten Infos zur amerikanischen Popkultur. 🙂
Montag, 08. September 2008
Eben noch lebendig und nun bereits ein Knochengerippe. Victor Tourterelle, von Beruf Kartograph, stolpert über ein Spielzeugauto und bricht sich das Genick. Eben war alles noch wundervoll bunt, plötzlich ist alles nur noch grau und staubig. Eben hatte Victor noch Gesellschaft, plötzlich sind alle verschwunden. Ganz allein findet er sich auf einer weiten unwirtlichen Ebene wieder, an deren pechschwarzem Himmel ein unheimlich leuchtendes Licht prangt. Victor rätselt. Ganz offensichtlich ist er tot. Das kann aber nicht das Paradies sein. Und für eine Hölle ist es irgendwie zu harmlos. Wo sind die Flammen und all das? Auf jeden Fall ist es in dieser Einöde furchtbar langweilig.
Manchmal gibt es Überraschungen. Eine neue Idee wird einfach umgesetzt, mutig, weil sie nicht vergleichbar ist, weil sie auch abgedreht ist, weil sie nicht weichgespült es jedem recht machen will. Die Geschichte von Éric Liberge ist solch eine Idee.
Sie ruft höchstens die Erinnerung an eine ziemlich alte Gruselgeschichte wach, in der ein junger Mann, von Liebeskummer getrieben, nächtens auf den Friedhof geht. Dort leben nachts die Skelette, die Toten, fort. Als er sich in das Skelett einer jungen Frau verliebt, beschließt er dort zu bleiben. – Die Franzosen sind eben fürchterliche Romantiker.
Victor, der skelettierte Held, erfährt hier alles andere als Romantik. Für ihn ist es erst einmal wichtig, sich zu beschäftigen. Wie er so an seiner Sandburg baut, steht plötzlich ein Postbote neben ihm, gleichfalls skelettiert, aber immerhin mit einem individuellen Schnauzbärtchen im Totenschädelgesicht.
Und jetzt geht die Geschichte erst richtig los.
Unbewusst hat Victor, dessen Name nun Mardi-Gras Aschermittwoch lauten soll, ein Abbild der Oberstadt gebaut, ein Konstrukt, in dem sich sehr viele skelettierte Tote herumtreiben und ihre Zeit hauptsächlich mit Herumvegetieren verbringen. Inmitten all dieser Herumsteher und Blödindiegegendglotzer ist Victor ein Quertreiber, einer, der Fragen stellt, der laut ist, unbequem. Diese Gesellschaft, um Normalität bemüht, hat noch nicht all das zu bieten, was der lebende Mensch noch kennt. Eine Tasse Kaffee kann hier zu einem enormen Zankapfel werden.
Und so kommt es, wie es kommen muss. Victor bekommt es mit der Justiz – oder etwas ähnlichem – zu tun, die es auch hier unten gibt – oder wo auch immer sich Victor gerade befindet.
Man will Victor an den mitgebrachten Kaffee, denn etwas bringt jeder noch mit ins Jenseits. In einer alptraumhaften Sequenz, einen merkwürdigen Prediger mit eingeschlossen, explodiert die Szenerie plötzlich. Für den Leser mag hier auf einmal der vollkommene Wahnsinn ausbrechen – aber immer noch mit Methode – der mit im wahrsten Sinne des Wortes pechschwarzem Humor daher kommt. Es ist sehr göttlich komödiantisch, man möchte sagen französisch, fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass ein Pierre Richard der perfekte Darsteller für Victor gewesen wäre – in der Umsetzung etwas schwierig, aber als Synchronstimme und mit neuer Bildtechnik sicherlich machbar.
Hör auf mit deinem Schwachsinn und gib dem Priester sofort seinen Kopf zurück!!
Die Skelette und die Eintönigkeit sind optisch sehr schön adaptiert. Einzelheiten und Kleinarbeit an der Oberstadt im Königreich der Tränen, die zahlreichen Skelettanbauten sorgen für Flair und nötigen etwas Bewunderung für all die Knochen ab, die hier gezeichnet werden mussten. Das ist eine ziemliche Fleißaufgabe, die hier von Bild zu Bild, von Seite zu Seite bewältigt werden musste.
Vielleicht sind die Anbauten eine aus der Not geborene Idee gewesen, um etwas mehr Fülle in die Optik hineinzubringen.
Wie auch immer diese Idee entstanden sein mag, so helfen die kleinen Variationen bei der Identifikation der Akteure und sind neben dem Wortwitz auch Garant für den Bilderwitz. Wenn ein Kellner sich zwei Wasserhähne wie kleine Teufelshörner an die Stirne geschraubt hat, sorgt das zuerst nur für Verwirrung. Aber dann? Sehr schnell entwickelt man einen Sucherblick, um herauszufinden, was Éric Liberge noch so alles eingefallen ist.
Eine tolle Inszenierung mit einer frischen unverbrauchten Idee. Das ist Phantastik und Humor in einer wunderbaren Mischung, die bestens unterhält – sofern man sich auf ein Szenario des Chaos einzulassen vermag und auch Geschichten jenseits der üblichen Welten eine Chance geben möchte. Aber wer das macht, der wird eine schöne Überraschung erleben. 🙂
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Freitag, 05. September 2008
Matty Roth recherchiert weiter in der DMZ, in Manhattan. Dafür muss er schon mal nach unten, dorthin, wo sonst keiner hinschaut. Er muss dahin, wo verschiedenste Interessen zusammenlaufen. Die der Armee zum Beispiel. Und der UN. Oder die einer privaten Sicherheitsfirma, die sich aufführt, als stände sie abseits aller Gesetze und könne schalten und walten, wie es ihr beliebt. Um mehr zu erfahren, muss Matty in den Dreck, zu den Tagelöhnern. Bereits nach kurzer Zeit steckt er tief in der Scheiße – im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn Matty sieht etwas bei seiner Arbeit, was er nicht sehen dürfte. Aber er sagt nichts, mischt sich nicht ein. Wenig später explodiert in einem Gebäude eine Sprengladung. Matty weiß, wer sie gelegt hat, er weiß, wer sie gezündet hat. Er schweigt trotzdem. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Männer, die das Maul halten können, wecken immer das Interesse derer, die im Verborgenen agieren. Matty bekommt Besuch und man macht ihm ein Angebot. Doch noch ahnt er nicht, dass er nur auf Probe dabei ist.
Nirgendwo ist mehr ersichtlich, wer eigentlich die Kontrolle hat. Die UN hat unbestritten keine Kontrolle. Auch die Trustwell Security, eine private, aber weltweit arbeitende Sicherheitsfirma besitzt keine Kontrolle. Die armen Schweine, die für den Wiederaufbau im Dreck wühlen, haben auch keine Kontrolle. Die Attentäter, die Anschläge ausführen oder sich sogar selbst mit in die Luft sprengen, tun alles, um jeglichen Forschritt der Kontrolle und der Normalität zu torpedieren.
Willkommen in New York. Matty, vor geraumer Zeit noch ein ganz normaler Amerikaner gewesen, ist nicht nur ein Journalist, der im Untergrund arbeitet. Brian Wood macht aus ihm einen Mann, dem es binnen kurzer Zeit gelingt, Mitglied einer Terrorzelle zu werden. Alles geht derart schnell, dass es Matty kaum glauben kann – der Leser eigentlich auch nicht.
Aber es geht um Geld. Geld, das niemand, der so weit unten auf der Lohnliste steht, hat. Für Geld halten die Leute die Klappe. Brian Wood muss seinen Helden also einer ganz besonderen Prüfung unterziehen, eine, die ihn glauben lässt, er müsse bald sterben.
Die Räumlichkeiten, eine Mischung aus Duschen und Schlachthof, mögen beim Genre-interessierten Leser Erinnerungen an Saw wecken. Die folgenden Szenen haben sich ähnlich in neueren Thrillern abgespielt, nur in dieser Härte sind sie im Comic nicht so oft anzutreffen. Im Schnelldurchlauf erlebt der Leser die Torturen, die Matty mitmachen muss. Für ihn dauert es erheblich länger, wie sich an seinem Bartwuchs ablesen lässt.
So einfach, wie es zu Beginn ist, bleibt es nicht. Das Aufatmen dauert für Matty nicht allzu lang. Es genügt nicht, die Klappe zu halten. Einer aus der Zelle muss sich auch mit Taten beweisen. Brian Wood führt Matty diesmal in die tiefsten Niederungen und lotet den Charakter seines Helden wirklich bis zuletzt aus. Die Story, für die Matty recherchiert, wird zur Nebensache. Von Mal zu Mal wird so für den Leser eine Frage immer quälender: Wie weit wird Matty gehen?
Riccardo Burchielli gibt Matty ein Gesicht. Das gelingt ihm auf wunderbare Weise. Die ganze Aufmachung zeigt einen jungen Mann, aber Burchielli legt auch ein gewisses Alter hinein, Erfahrung, die immer dann aus dem Gesicht verfliegt und der Jugend Platz macht, wenn etwas geschieht, das nicht vorhersehbar war und den Reporter dann doch erschüttert.
Solche Szenen gibt es im vorliegenden dritten Teil von DMZ einige. Manchmal sind es Überraschungen für den Leser, manchmal für Matty. Burchielli nimmt den Leser auf eine möglichst realistische Ansicht nach New York mit. Hier sehr passend, denn es entsteht ein halbdokumentarischer Charakter, der auch szenisch durch diverse Berichterstattungen gestützt wird.
Menschen, Material und Fahrzeuge sind aus der Gegenwart abgegriffen. Schlüsselfiguren sind manchmal überzeichnet. Beispiele sind die etwas zu schurkischen Männer an der Führungsspitze der Terrorzelle, aber auch bei den UN-Funktionären.
Am Ende hat Matty wieder ein jugendliches Gesicht. Obwohl er viel erlebt hat, hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. Wie trügerisch diese Hoffnung ist, sieht der Leser wieder an seiner Mimik. Doch um wieviel erschreckender ist diese doch nach dieser Handlung, die ein unglaublich finsteres Bild von Amerika malt. Auf dem Cover steht: Und DMZ ist eine Liebeserklärung an die Stadt (New York) und ihre Bewohner. – Niemals, eher ein Abgesang, bedrückend, packend. 🙂
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Donnerstag, 04. September 2008
Rio flieht. Doch wie so oft, ist die Absicht leichter in Gedanken gefasst, als in der Realität umgesetzt. Das Paradies ist in höchstem Maße gefährlich. Von der berühmten Schlange gibt es derer viele und hinter den grünen Auen wartet ein Reich, gruselig und grausam, mit furchtbaren Kreaturen, die mit Engeln gar nichts mehr gemein haben. Ihre Flucht dauert nicht lange. Nicht Engel sind es, die sie aufspüren, sondern eine Kreatur namens Freiaon. Da Rio über keinerlei Besitzzeichen verfügt, kommt sie ihm gerade recht. Das Wesen nimmt sie mit, denn für sie ist bestimmt ein guter Preis zu erzielen.
Jezephar wartet auf Rio bedrohlich auf dem Plateau. Die Stadt mit dem fremdartigen Namen ist eine verschachtelte Trutzburg, monströs in ihrer Architektur, verwinkelt, alt, ungastlich. Gewalt und das Recht des Stärkeren herrschen vor. Rio erweckt Aufmerksamkeit und wechselt bald den Besitzer. Doch Lamia, die neue Besitzerin, ist nicht weniger harmlos als der ruppige Freiaon. Sehr bald schon sinnt Rio wieder über Flucht nach, aber in Jezephar ist das viel schwieriger.
Neben dem allgegenwärtigen Verlangen nach Seelen ist Leidenschaft einer der wichtigsten Antriebe in dieser merkwürdigen Welt, die sich Engel und Dämonen teilen. Rio, nun in dieser Welt auf der Flucht, muss endgültig am eigenen Leib erfahren, dass nichts, was sie sich jemals unter Titel wie Paradies oder Hölle vorstellte, irgendeinen Wert besitzt. Stephen Desberg lässt das Szenario immer apokalyptischer werden. Rio wird zum Stolperstein einer uralten Ordnung, die für die Sterblichen nicht rechtens ist, so doch wenigstens eine gewisse Funktionalität gezeigt hat. Diese Stabilität, so zerbrechlich und falsch sie ist, kippt nun aus verschiedenen Beweggründen.
Mein Gott! Wie konntest du uns das nur antun?
So lautet die Frage von Rios Vater an den Herrn, von dem nicht einmal mehr sicher ist, ob er existiert. Zwar ist die Existenz der Engel bewiesen, aber warum lässt der Herr der Heerscharen diese unmögliche Entführung zu? Dabei weiß Rios Vater nicht, was der Leser weiß. In Wirklichkeit steht es noch viel schlimmer um seine Tochter. Als Leser gibt man sehr bald keinen Pfifferling mehr für Rios Leben, da auch sie selbst bereit scheint, in dieser unwirklichen Umgebung einen Schlussstrich darunter zu ziehen.
Dramatik bestimmt einen großen Teil der Handlung. Sehr viel weniger als bisher bleibt den auftretenden Charakteren – wie auch dem Leser – Zeit zum innehalten. Der Wechsel des Handlungsortes, besser die Erweiterung desselben, sorgt für weitere Abwechslung. Rio, obwohl die schwächste Figur in diesem Spiel, ist die wahrhaft aktive Person, während viele andere ihre Rolle spielen oder sich in ihr Schicksal fügen. Rio hat eigentlich keine Chance, aber sie rennt.
Der Wechsel des Schauplatzes scheint auch Henri Reculé gefallen zu haben. Bilder und Farben sind intensiver, besonders letztere leuchten regelrecht. In den finsteren Gassen, den Gladiatorenarenen reißen Lichter Gesichter und Körper aus der Dunkelheit hervor. Die Wärme der Laternen und Kerzen steht im vollkommenen Gegensatz zu den Szenen. Frauen bekämpfen sich bis aufs Blut, um nur etwas länger zu überleben, damit nicht sie es sind, die als Seelenspender ihr Leben aushauchen – im wahrsten Sinne des Wortes. Rio durchlebt eine richtige Nacht in Jezephar, doch mit Sonnenaufgang, dem Wechsel in die hellere paradiesischere Umgebung wird es keineswegs besser für sie.
Reculé spielt mit optischen Eindrücken, kann phantastische Figuren erfinden und diese echten Lebewesen der Erde gegenüberstellen. In der Gestaltung tobt er sich richtiggehend aus und reiht eine Idee an die nächste. Das Szenario gewinnt dadurch enorm an Lebendigkeit.
Fernab der christlichen Mythologie gibt sich die dritte Episode als ein handfestes Fantasy-Abenteuer ohne Wenn und Aber. Gestalterisch ist es einer der Höhepunkte der Reihe und absolut spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Da es sich um eine permanente Flucht handelt, ist eine Vorkenntnis der bisherigen Geschehnisse zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich. 🙂
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