Engel sterben nicht! So glauben alle. Engel sind Gesandte Gottes. So glauben jene, die an Gott glauben. Rio wird im Alter von zwölf Jahren von ihrem angetrunkenen Onkel nach Hause gefahren. Aber seine trunkenen Sinne spielen im einen tödlich Streich und der Wagen landet im verschneiten Straßengraben. Plötzlich hört Rio eine Stimme. Sie entflieht dem Autowrack und sieht! Vor den Flammen steht ein Schattenriss. Seine Konturen sind menschlich, aber er hat Flügel! Diesen Anblick hat Rio niemals vergessen.
Ihr Vater unterdessen, der nie einen Engel gesehen hat, ist von ihrer Existenz überzeugt. Und er weiß: Irgendwo auf Gottes weiter Erde gibt es einen Beweis ihrer Existenz. Irgendwo, irgendetwas. In Äthiopien glaubt er endlich auf eine Spur gestoßen zu sein. In einer uralten Anlage eines Klosters stößt er auf ein Kleinod, das seine Zuversicht nährt. Die kleine Statuette eines Engels. Endlich! Doch die Häscher sind ihm bereits auf der Spur. Nicht jeder will, dass die Wahrheit über die Existenz der Engel ans Licht kommt.
Engel! Es gibt sie. So lautet der spannende Grundgedanke der Geschichte von Stephen Desberg und Henri Reculé. Es begann bereits vor langer Zeit. Engel begingen Verfehlungen, insbesondere dann, wenn sie sich mit Menschen einließen. Pläne wurde geschmiedet, solche, die viel Geduld erfordern und nun Früchte tragen.
So mancher Engel erliegt nicht nur den Genüssen eines menschlichen Lebens. Die Menschen sind so anders. Da ihre Zeit begrenzt ist, kosten sie diese ganz anders aus. Engel haben dieses Problem nicht. Unendlich viel Zeit hat sie träge werden lassen, arrogant, der Mensch ist nichts als Vieh, dazu dienend, ihnen das Leben zu verlängern. Mehr nicht. Wie frevelhaft kann es da sein, sich auf das Niveau eines Menschen hinab zu begeben, diesen gar zu lieben.
Desberg stellt diese Grundhaltung denen eines Forschers gegenüber, dessen größter Wunsch es ist, einen Beweis für die Engel zu finden. Mit unerschütterlichem Glauben ist er seit Jahren am Werk. Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass Enttäuschung vorprogrammiert ist. Aber Desberg begnügt sich nicht mit einer Handlungslinie. Im Hintergrund sind noch andere Mächte am Werk, die nach und nach hervortreten und dazu gehören nicht nur Engel und Dämonen.
Auch Menschen wollen ihre Taten verschleiern. Der Titel Das Grab des Engels lässt es beinahe vermuten. Vor vielen Jahren töteten Menschen einen Engel, teils aus Zorn, teils als Probe und so vernichteten sie auch einen Teil ihres Glaubens. Denn was bleibt noch, wenn ein Mensch einen Engel zu töten vermag?
Henri Reculé malt mit der weichen Farbtönen und taucht die Szenen gerne in ein unirdisch erscheinendes wie auch romantisch wirkendes Licht. Strahlendes Orange, lilafarbene Umgebung, blauer Engel, viele Farbkombinationen haben künstlerischen Charakter, der auch gut einer Leinwand zu Gesicht stehen würde.
In solchen Szenarien ist es schade, dass Details, die zur Tiefe der Geschichte nur angerissen werden, nur sehr kurz zum Einsatz kommen. Hier sind es alte Wandmalereien, Statuen oder auch das Innere der so genannten Hölle. Sehr schön ist der Gegensatz von himmlischen und höllischen Gefilden geworden. Das feurig Finstere steht im gelungenen Gegensatz zu einem Paradies, wie es die Bibel vorgesehen hat. Darüber hinaus überspitzt Reculé die Darstellung sogar, wenn er das Pferd von Ashra, die Nahel versprochen ist, wie eine Art Barbie-Reittier mit flauschig kuscheliger Mähne darstellt.
Neben den sehr langgesichtig dargestellten Engeln – fast ein wenig ägyptisch wie auf Abbildungen von Echnaton und Nofretete – bilden manche Dämonen das vollkommene Gegenteil. Die Schakale der Hölle, nennen wir sie einmal so, erinnern ein wenig an die Geister aus Route 666 und sind eher schemenhaft vor einem glühenden Inneren.
Ein guter Auftakt in einem mythisch religiösen Fantasy-Szenario, das beinahe ein eigenes Genre innerhalb der phantastischen Literatur bildet. Der Wechsel der Erzählstruktur zwischen den einzelnen Welten ist reizvoll, die Bilder passend. Insgesamt haben Desberg und Reculé einen in sich geschlossenen, sehr runden ersten Teil geschaffen. 🙂
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