Donnerstag, 19. Juni 2008
Ein sicheres Versteck? Das ist doch für Bill gar kein Problem. Was dieser liebe Cocker Spaniel vergräbt, findet garantiert niemand. Allerdings auch garantiert niemand wieder. Pech, wenn es sich dabei ausgerechnet um die Perlenkette der Frau des Chefs seines Herrchens handelt.
So einen Hund wünscht sich jeder kleine Junge. Bill kann einfach alles sein. Er tanzt mit Boule im Regen, kann sich pantomimisch ausdrücken, aber er hat auch manchmal Probleme damit, zu unterscheiden, was seine Herrchen ernst meinen und was nicht. Ganz sicher würden sie ihn nicht auf den Mond schießen. – Was er jedoch ernsthaft annimmt.
Überhaupt nehmen Papa und Boule den kleinen Bill ganz gerne mal auf den Arm. Das ist diese Platte mit dem Hundegebell. Da muss ein Cocker Spaniel doch ganz verrückt werden, wenn es überall bellt und heult und dann ist trotzdem nirgends ein Hund zu finden. Aber Bill wäre nicht Bill, wenn er es nicht selbst faustdick hinter den langen Ohren hätte. Am Strand, beim Einkaufen, bei einer Militärparade, im Auto oder einfach als Streichgehilfe von Boule macht er allerhand Unsinn.
Die zweite Folge von Boule & Bill ist nicht nur eine Aneinanderreihung von schönen kleinen Gags, sondern – je nach Leseralter – auch eine Zeitreise in die eigene Jugend, wenn nicht sogar Kindheit.
Bereits als Kind konnte ich die Scherze der beiden unter dem Namen Schnieff und Schnuff verfolgen und sie haben bis heute nichts von ihrem Charme und Witz verloren. Da sie sich jedem Zeitgeist verweigern, zündet es auch nach beinahe 50 Jahren noch.
Außerdem können die Abenteuer der beiden jeden Cartoon-Zeichner als Vorbild dienen. Man kann es nicht klassisch nennen, auch nicht europäisch, eher ausgetüftelt, stimmig. Die Figuren Papa, Mama, Boule und Bill ergänzen sich, wobei Jean Roba ein verstärktes Augenmerk auf die Außenseiter legt. Das sind in diesem Fall eben nicht Papa, Mama und Boule, sondern Bill, Boules Freund mit dem gelben Käppi, Pit, wie auch Nelly, der Jäger im Wald, der Hausarzt …
Erst ihre Aufgabe als Zuspieler gibt der kleinen Familie als ganz normale Gemeinschaft ein optisches Format.
In der Episode Die Geheimwaffe wird diese Abgrenzung ganz besonders deutlich. Boule hat sich eine Strahlenwaffe aus zwei Konservendosen gebastelt. Ein Schupo nimmt ihm die Waffe ab und zielt dabei zum Beweis der Funktionalität auf ein vorbei fliegendes Jagdflugzeug. Schade nur, dass es ausgerechnet in diesem Moment Triebwerksschwierigkeiten hat …
Begeisterte Zuschauer alter französischer Komödien, in denen sich Louis de Funès und Jean Gabin die Klinke in die Hand geben, können sich vorstellen, woher die Inspiration so mancher Gestalt in einer Nebenrolle gekommen ist (Vielleicht auch ein bißchen von Obelix, wenn ich mir den Bauern in der Episode Blitzschlag so ansehe.).
Man muss hier nicht weinen und dabei schnieffen und schnuffen wie Papa – und falls doch, dann sind es Freudentränen. Die Einfälle sind stets anders, erfrischend und auch immer noch gelungen. Wer diesen Band vor der letzten Seite weglegt, ist selbst Schuld. 😀
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Dienstag, 17. Juni 2008
Homer ist zu dick. – Gut, das ist keine Neuigkeit, aber inzwischen ist er gefährlich dick. So dick, dass selbst Maggie auf einer ihrer Kinderzeichnungen die aufgedunsene Gestalt ihres Vaters im Vergleich zu ihren anderen Verwandten perfekt erfasst.
Homer beschließt schweren Herzens gegen seine Fettleibigkeit anzugehen. Die Notwendigkeit dafür muss aber erst einmal verinnerlicht werden, denn sein Arzt empfiehlt ihm Sport und Sport, so Homers Gedankengang, ist doch eigentlich etwas für Sträflinge.
Ist der Wille auch vorhanden, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch stark genug ist. Und so locken die Versuchungen für Homer an jeder Ecke. Auch die Mitgliedschaft bei den Anonymen Fettleibigen hilft da nicht besonders weiter, zumal die versammelte Mannschaft Homer den Tarnnamen Ernesto nicht abnehmen will.
Schließlich nach einer qualvoll erscheinenden Ewigkeit fällt Homer vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf. Und träumt. Einen Alptraum. Und plötzlich ist Homer auf der Flucht. Er ist der letzte Dicke auf der Welt!
Chuck Dixon hat mit The Last Fat Man eine feine Parodie auf die amerikanische Lebensart mit ihrer merkwürdigen Ernährung geschrieben. Dazu verwendet er nicht nur bekannte Versatzstücke wie die Anonymen Alkoholiker und die Gewichtswächter. Er mischt auch neuere Horror-Szenarien wie I am legend, Resident Evil, Die Körperfresser kommen oder 28 Days Later unter (Es gibt irgendwie ganz schön viele Filme dieser Art.).
Einige Traumsequenzen sind nicht so ganz einfach zu verstehen. Manchmal muss man es als Leser einfach so hinnehmen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Chewbacca, seines Zeichens ein Wookiee, mal eben durch das Bild heult. (Na, eigentlich macht er Hruu! Waauuuu!, aber jeder Star Wars-Fan wird das als Wookiee-Heulen deuten können.)
Der Wahnsinn hat in Springfield wieder Methode. Das beweist auch das beiliegende Poster, auf dem sich allerlei Superhelden ein Stelldichein geben und damit ein weiteres Genre durch den Kakao ziehen.
Und alle Leser dürfen einmal raten, welche Szene verhohnepipelt wird, wenn Mr. Burns ohne Schutzanzug in die Reaktorkammer geht.
Zeichnerisch bleibt alles im gewohnt guten Rahmen. Die gestalterischen Vorgaben erlauben eben keine Experimente und so sehen die Bilder von John Costanza ebenso aus wie die Bilder von Phil Ortiz. Die schräge oder Seitenansicht von Homer gehört zu den häufigsten Abbildungen, da überrascht es dann schon, den gelben Familienvater auch einmal von vorne zu sehen.
Fleischfressende Zombies? Riesige Frauen? Irre mit Superkräften?
Nein, nur überaus schlanke Gelblinge erwarten Homer nach dem nuklearen Supergau. Das ist absolut vergnügliche Kurzweil! Eigentlich wie immer, nur diesmal noch ein wenig besser als sonst. 😀
Montag, 16. Juni 2008
Die drei Brüder haben die Angriffsziele abgesteckt. Jetzt ist Mobilmachung angesagt. Das Trio braucht Waffen. Das Waffengeschäft bietet genau das, was sie suchen. Na, nicht alles. – Bomben gibt es hier nicht zu kaufen.
Die dreitägige Wartefrist, die der Waffenhändler gemäß des Gesetzes gerne einhalten möchte, erbost die drei merkwürdigen Käufer zusätzlich. Ein Fleischmännchen wagt es, ihnen Anweisungen geben zu wollen? Das geht nicht!
Sie hinterlassen den Fleischklopsen eine eindeutige Nachricht. Niemand, der nur aus Fleisch besteht, darf höher stehenden Kreaturen wie ihnen Befehle erteilen oder Vorschriften machen.
Unterdessen geht Blue Boy seinen Kameraden und Bekannten mit seinen traurigen Melodien völlig auf die Nerven. Wie Pinocchio treffend bemerkt, sind die meisten Zuhörer bereits im Keller und dabei, sich Löcher zu graben. Aber nicht alle denken so. Red Riding Hood möchte gerne etwas Zeit mit Blue Boy verbringen, da sie seine Traurigkeit sehr gut begreifen kann, denn ihr ergeht es ähnlich. – Wie sehr sich Blue Boy doch irrt.
Nach einem kleinen Techtelmechtel erkennt er, dass sie nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Aber wer ist sie? Blue Boy hätte ihr seine Erkenntnisse nicht direkt ins Gesicht sagen sollen.
Die Vorbereitungen für einen neuen Krieg laufen. Der Feind hat den Übergang geschafft und steht nun an den Grenzen zu Fabletown. Alle werden zur Verteidigung herangezogen und nicht nur die, die menschlich sind – oder wenigstens zeitweilig so aussehen können.
Der Aufmarsch der Holzsoldaten macht den Fables im Exil deutlich, welche Bedrohung sie hinter sich gelassen haben – nun, nicht ganz, denn daheim ist man nicht bereit ihre Flucht hinzunehmen. Bill Willingham nimmt den Leser mit in einen Krieg, einen besonderen Krieg. Soldaten, Holzfiguren, die sich vor dem Kampf erst einmal zusammensetzen, greifen in breiter Front ein Sammelsurium unterschiedlichster Kämpfer an. Hier kämpft ein jeder gemäß seiner legendären Fähigkeiten.
Menschen, Trolle, Kobolde, Bären, Frösche und und und …
Die gradlinige, beinahe knuffig zu nennende Darstellung von Mark Buckingham macht auch aus der 5. Episode von Fables eine märchenhafte Unterhaltung. – Eine märchenhafte Unterhaltung, die hier richtig zur Sache geht, denn wie jeder Krieg ist auch dieser kein Zuckerschlecken, ob mit Fables angereichert oder nicht. Es scheint Buckingham großen Spaß gemacht zu haben, mit den Holzsoldaten zu arbeiten. Einerseits sehen sie alle gleich aus, was natürlich eine Arbeitserleichterung ist, andererseits schickt er diese Soldaten, die keinen Schmerz verspüren, mit einem Grinsen auf den hölzernen Lippen in den Kampf, was die Angelegenheit besonders gruselig für den Betrachter macht.
Beide Macher, Willingham und Buckingham, packen eine ausgewogene Mischung diverser Elemente in diese phantastische Geschichte. Spannung, Drama, Horror, Tragik, ein wenig Liebe, ein wenig Rache, eine Spur Sadismus, eine Prise Humor, Action, Verlust und vieles andere.
Dazu gehören auch die Überraschungen, die es immer wieder gibt, wenn ein bekannter Charakter aus einer Serie das Zeitliche segnet – aber, hier handelt es sich um Fables, deshalb ist es nicht klar, wie lange der Aufenthalt im Jenseits andauern wird.
Wie schon eine Hexe in dieser Geschichte sagt: Selbst als man mich im Backofen zu Asche verbrannte, war ich nach einer Weile wieder da. Nicht schlecht für eine gebrechliche Alte, was?
Das lässt sich nach der Lektüre nur unterstreichen. Zwar gibt Bill Willingham die Figuren vor, definiert vor den Augen des Lesers die Marschrichtung, dennoch ist der Ausgang des Krieges unvorhersehbar. Ein glänzend aufgelegter Mark Buckingham liefert zu diesem Kabinettstückchen klasse Bilder. (Und Mike Mignola hätte an dem Bösewicht, der nun endlich seine Maske fallen lässt, seine helle Freude.) 😀
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Samstag, 14. Juni 2008
Kaum in Venedig eingetroffen, hat Largo schon mit der Polizei zu tun – die ihm, wie so oft, nicht so richtig helfen kann oder will. Was bleibt ihm anderes übrig, als auf die Hilfe von Domenica Leone zu setzen, die sich in der Stadt bestens auskennt.
Largo kann indessen nicht ermessen, wer seine wahren Gegner sind. Ebenso wenig ahnt er, wer ihm noch zur Seite steht. Schließlich sind Tricks und Schläue gefragt, bevor es für Largo wieder zu einer lebensgefährlichen Situation nach der anderen kommt.
… die Schönheit deiner Stadt hast du mir dargetan, bis ihre Lieblichkeit mir in Tränen gerann. – Das kleine Zitat von Ezra Pound vorweg beschreibt die Grundstimmung der Geschichte sehr schön, wie auch sehr rätselhaft.
Und so ist in der abschließenden Episode dieses Abenteuers nach Venedig sehen … nun … und sterben angesagt. Auch Venedig ist eine Stadt der Liebe, ein Aspekt, der neben den Wirren aus Intrigen, Tragik, Dramatik und Action nicht ausgelassen wird.
In Venedig ist alles etwas anders. Die Mühlen der Justiz mahlen anders. Die Liebe flammt schnell und mit heftiger Leidenschaft auf. Ehre wird hier immer noch groß geschrieben und ein Maskenball kann in einem Kampf auf Leben und Tod enden.
Mehr noch als in der ersten Episode schöpft Philippe Francq aus den tiefsten Tiefen der Mythen Venedigs und macht die gesamte Stadt zu einer perfekten Bühne für diesen Abenteuer-Thriller (der noch neugieriger auf die anstehende Kino-Verfilmung der Figur Largo Winch macht).
Eine Verfolgungsjagd ist eine Sache, wenn diese jedoch mit Motorbooten in der Lagune von Venedig stattfindet, erhält die Szene ein ganz besonderes Flair. Was bei James Bond und Indiana Jones funktionierte, gelingt hier noch mal so gut.
Hier geht es noch einen Schritt weiter. Ein besonderer Kern der Geschichte dürfte die Auseinandersetzung mit der Stadt Venedig sein. Hier ticken die Uhren anders, wie man so schön sagt. Der Bösewicht (genauer, einer der Bösewichte) verfolgt ein hehres Ziel, wählt nur leider die falschen Mittel. Ein wenig in alten Denkweisen gefangen, gerät ein Maskenball zu einem Schlüsselerlebnis dieser spannenden Handlung, inklusive eines altmodischen Schwert- und Messerkampfes in venezianischen Kostümen.
Philippe Francq hat seine Hausaufgaben gemacht. Italienische Lebensart, wie sie auch andere Autoren zu nutzen wussten, und die grandiose Kulisse machen dieses Abenteuer innerhalb der Reihe – wie auch die asiatischen Abenteuer – zu einem Höhepunkt.
Die Auflösung zahlreicher Rätselknoten, das Spiel mit den Figuren ist hervorragend. Eine der besten Figuren in diesem Spiel, leider auch eine tragische, ist Cedric Haynes, der in Butler-Verkleidung und unter falschem Namen eine Weile für Largo Winch arbeitet. Mit dem Benimm einer Butler-Schule und der Wehrhaftigkeit eines soldatischen Veteranen ist dieser Charakter immer für eine Überraschung gut, die Francq perfekt zu platzieren versteht.
Als Zeichner kann Jean van Hamme natürlich tolles Vorlagenmaterial in Venedig finden. Wie von Francq geschrieben, nutzt er die Kulisse der alten Stadt. Ihre Fassaden, Kanäle, die Touristenattraktionen, aber auch Innenräume, Hotelzimmer, Paläste, alte Kirchen – alles ist etwas feiner, exquisiter, zerbrechlicher, auch romantischer. Ganz zwangsläufig stellt sich hier eine völlig andere Atmosphäre her als im modernen New York mit seinen Wolkenkratzern.
Van Hamme darf außerdem einen etwas reiferen Largo Winch zeichnen. Diesem Largo wird die Versuchung zwar ebenso häufig wie sonst auch wie eine überreife Karotte vor die Nase gehalten, aber er schnappt nicht danach, wenn die Pflicht ruft. So kommt auch optisch die erotische Seite der Serie nicht zu kurz, aber Largo gestattet sich nicht immer, ihr auch zu erliegen.
Mit Domenica Leone haben beide Macher, Francq wie auch van Hamme, eine Prachtitalienerin geschaffen, die mit einer frühen Sophia Loren perfekt besetzt gewesen wäre. Sexappeal, Temperament, Aussehen, Wandlungsfähigkeit sowie ein künstlerischer, draufgängerischer Touch machen aus der Frau einen herausragenden Charakter innerhalb der Serie. Außerdem harmoniert Domenica durch ihre zur Schau gestellte Stärke sehr gut mit dem verspielten, aber durchsetzungsfreudigen Winch, so dass es für den Leser wünschenswert wäre, käme diese Figur noch einmal zum Einsatz.
Dank toller Kulisse in Venedig und eines überaus ausgefeilten Plots eines der besten Abenteuer der Reihe. Am Schluss kann man nach einem atemlosen Endspurt nur sagen: Schade, dass es schon vorbei ist. 😀
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Freitag, 13. Juni 2008
Die Darkness geht zum Angriff über. Die beiden Wachen, die am Ufer aufgestellt wurden, können sich als letztes Erlebnis auf Erden von der Effizienz dieses Vorgehens überzeugen.
Dominic kann auf die fragenden Rufe seines Partners keine Antwort mehr geben. Vor dem Licht des nahen Leuchtturms entscheidet sich das Schicksal der Männer. Und Jackie Estacado hat gerade erst mit seinem Rachefeldzug begonnen.
Vom Turm aus entdecken weitere Wachen das Geschehen. Aber die Zeit reicht nicht einmal für einen Hilferuf. Die Darkness ist gründlich. Irgendwann fällt bei allen Beteiligten der Groschen. Er ist hier.
Flutlichter werden eingeschaltet. Onkel Paulie hat gelernt. Das Licht gefällt der Darkness nicht, aber sie ist auch nicht dumm. Als ein riesiger geflügelter Schwarm in der Dunkelheit sichtbar wird, halten die Mafiosi dies noch für Vögel oder Fledermäuse, die von dem ungewöhnlichen Licht angezogen werden. Ein tödlicher Irrtum.
Level 5 – die letzte Runde. Was hat Jackie Estacado nicht alles durchlitten, um an diesen Punkt zu gelangen. Die Autoren Paul Jenkins und David Wohl haben den jungen Mafia-Killer im wahrsten Sinne des Wortes bis hierher durch die Hölle geschickt.
Jetzt geht es auch nicht mehr um eine Entwicklung von Charakteren oder Geschichte. Alle Weichen sind gestellt. Jenkins und Wohl beschäftigen sich nur noch mit dem Finale.
Die Dunkelheit gehört zur Darkness einfach dazu. Mit Mike Choi wurde ein weiterer Zeichner ins Rennen geschickt, der seine Arbeiten gleichzeitig auch tuscht. Im Stile neuerer Darstellungen, bei denen es um Atmosphäre und Schnelligkeit geht sind die Bilder skizzenhafter und nehmen nicht für sich in Anspruch, bis in den letzten Strich hinein perfekt sein zu wollen.
Als vergleichbarer Künstler in dieser Machart können Sean Phillips (Criminal) oder Charlie Adlard (The Walking Dead) herangezogen werden.
Choi gelingen einige beeindruckende Bilder mit Großbildleinwandflair. Wer sich an den Film Van Helsing und flatternden Vampir-Nachwuchs vor Augen hat, kann sich sehr gut den nächtlichen Schwarm vorstellen, der Kurs auf das Mafiosi-Versteck genommen hat.
Stilistisch könnte Jackie Estacado dank Chois Technik auch in Schwarzweiß agieren. Es wäre angesichts der verschiedenen Zeichenstile in dieser kleinen Reihe ein gelungenes und passendes Experiment geworden.
Die Darklings werden von der Darkness ins Leben gerufen und bedürfen natürlich auch einer gewissen phantasievollen Grundausstattung ihres Herrn. Jenkins und Wohl zeigen einen Estacado, der wie geschaffen ist für dieses Leben, denn nachdem seine Mannen schon einige Vorarbeit geleistet haben, schreitet der Meister selber zur Tat. Zwar verfügt er nur über Kanonen, aber er ist nicht weniger kaltblütig und menschenverachtend und so wird einiges auch der Phantasie des Lesers überlassen und nicht gezeigt.
Das Finale. Jackie Estacado holt sich seine Rache und kann endlich die Mörder von Jenny Romano bestrafen – sowie jene, die ihm auch die ganze Zeit über ans Leder wollten. Knallhart, nichts für Zartbesaitete.
Donnerstag, 12. Juni 2008
Wie kam es, dass Mike Blueberry ein Herz für die Indianer entwickelte? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Vergangenheit begraben, in einer Zeit, als der Name Geronimo die Armee das Fürchten lehrte. Blueberry muss erleben, welche Menschenverachtung den stolzen Kriegern entgegenschlägt, die nichts weiter wollen, als in Frieden zu leben.
Leider halten viele die Indianer für Wilde. Da sind einmal jene, die nichts weiter sind als Barbaren in Uniform. Und da sind jene, die sich zur Missionierung und Erziehung dieser Wilden berufen fühlen. Und jene, die ihre Arbeit machen, Soldat sind und dieser Aufgabe in der gnadenlosen Vernichtung der Apachen nachkommen.
Es ist ein regnerischer kalter Tag, als die Kavalleristen den völlig betrunkenen Blueberry absolut verdreckt in einem Schweinegatter auffinden und auf die Kutsche verfrachten, um ihn zu seinem neuen Arbeitsort zu bringen. Es ist eine Zeit in Blueberrys Leben, in der ihm alles egal ist. Die einzige Frage, die es zu klären gilt, ist: Wo bekomme ich den nächsten Schluck Alkohol her?
Die anderen Passagiere, allen voran Reverend Younger, selbst ernannter Indianermissionar und –erzieher, vereinfachen die Beantwortung dieser Frage überhaupt nicht. Wenig später stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich die des Überlebens.
Blueberry versucht sein Bestes zu geben. In einer Prügelei mit Geronimo ist das aber nicht gerade ausreichend.
Apachen lautet der schlichte Titel des 44. Bandes der Blueberry-Reihe. Hierbei handelt es sich um eine Überarbeitung mit zahlreichen, bisher unveröffentlichten Seiten, Texten und Bildern.
Dieser Band gehört, um es gleich vorweg zu nehmen, zu den Ausgaben von Jean Giraud, die sich mit dem Wörtchen Perfekt umschreiben lassen. – Und wie bei jeder Perfektion gibt es auch kleine Abstriche. Diese verstärken aber den Wert des übrigen Werks.
Zu Beginn scheint es, als sei hier ein älterer Giraud am Werk gewesen, der auch das Szenario dieses Bandes verfasst hat. Da gibt es noch diese Skizziertechnik aus ganz alten Tagen, aber auch eine außerordentliche Feinarbeit, wie sie bei Massenszenen und Landschaften besonders zum Tragen kommt. Da ist der Giraud, der eine Skizze wie ein charakterliches Darstellungsmerkmal benutzt und seine eigenen Schauspieler kreiert, die er nach seiner Regie agieren lässt.
Aus diesem Giraud wird später eine glattere Version, der seine Figuren eher wie ein Architekt gestaltet. Dieser Giraud kommt mit weniger Strichen aus, aber er versucht sich auch immer wieder seinem alten Ego anzunähern, um die Linie der Geschichte zu wahren, optisch wie auch erzählerisch.
Textlich gelingt ihm das, optisch nicht immer.
Der Reverend ist zu Beginn ein wahrer Knochen, hager, widerborstig, so dass ein Peter Cushing ihn hätte spielen können. Obwohl die Geschichte nur über einen engen Zeitraum geht, wird aus diesem Reverend ein wohl genährter Gottesmann. Auch mit Blueberry geht eine leichte Verwandlung vor, die sich mit einer Kurvenbewegung über die Handlung hinweg verteilt beschreiben lässt. Zu Beginn hat er ein eher schwammig breites Gesicht. Dann ist er mal jugendlich schmal, wieder außerordentlich männlich, einem Belmondo sehr ähnlich, bevor er gegen Ende wieder jugendlicher wirkt.
Diese Anmerkungen mögen der Einleitung zuwider laufen, aber dennoch lässt sich nur sagen, dass die Bilder letztlich perfekt sind, jedes einzelne, nur an der Feinabstimmung der Bilder zueinander, die Abstimmung von Alt und Neu, hapert es mitunter.
Ansonsten kann jedes einzelne Bild (oder besser eine Szene) als Basis eines Lehrstoffes für angehende Comic-Zeichner herangezogen werden.
Herausragend sind hier zu nennen der Kampf von Blueberry und Geronimo, Blueberrys Prügelei im Saloon, die abendliche Tischrunde von Captain Noonan und auch der erzwungene Unterricht der Indianer.
Es ist eine traurige Geschichte, die auch von Giraud sehr gut erzählt wird – hier muss er sich nicht hinter Jean-Michel Charlier verstecken. Die Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit all der Bemühungen äußert sich durch die Wahl der einzelnen Schauplätze wie auch der Tageszeiten. Regen, Nacht, Schnee, Matsch, verrauchte Saloons, Gefängniszellen, ein ehemaliges Kloster, das ein Internat sein soll und wie ein Gefängnis aussieht und schließlich ganz zum Schluss der Friedhof.
Drama, Tragik, aber auch der Western sind hier nicht nur in der Erzählung zu finden, sondern auch optisch fühlbar.
Ein grafischer Höhepunkt der Blueberry-Reihe, der auch seinen ganz eigenen Western-Weg geht, in dem am Ende eigentlich alle die Verlierer sind, jeder auf seine Art. Eine tolle eigenständige Episode, die ohne sonstiges Blueberry-Vorwissen genossen werden kann. 😀
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Mittwoch, 11. Juni 2008
Vielleicht war es im Knast besser? Ein wenig gewinnt Henry James diesen Eindruck an der Seite seines neuen Kollegen AJ, der ihn in die Geheimnisse der Kammerjägerei einweisen soll. Allerdings sind diese Geheimnisse eher eklig als geheimnisvoll. Oder?
AJ hat darüber hinaus sein ganz eigenes Berufsethos, aber man muss ihm neidlos zugestehen, dass er seinen Job versteht. Der erste Auftrag, das Aufspüren von Mäusen, artet bald in eine Rattenjagd aus, die AJ mit Bravour und einem gewissen Geschick im Messerwerfen löst.
Bei Bug-Gee-Gone schlagen sich Henrys Kollegen mit einem anderen Problem herum. Das Wunderbekämpfungsmittel gegen Schaben, Draxx, hat einen nachteiligen Effekt entwickelt. Eine Chemikalie in dieser Substanz wirkt stimulierend auf die Schädlinge und löst in ihnen Mutationen aus, die bald zum Problem werden könnten.
Saloth, der Chefchemiker der Firma, sieht die Zukunft pechschwarz. Falls sich keine andere Lösung findet, muss Code IV zum Einsatz kommen, doch das war eigentlich eine militärische Entwicklung und ist derart gefährlich, dass Menschen sich penibel selbst bei einem Einsatz schützen müssen.
Derweil hat AJ herausgefunden, dass Draxx auch eine interessante Wirkung auf ihn hat – intravenös jedenfalls. Und während er wieder einmal damit beschäftigt ist, sich den Lohn für eine Arbeitseinheit in Naturalien abzuholen, macht Henry eine furchtbare Entdeckung.
Ein ungewöhnliches Thema für einen Comic – Ekel garantiert.
Schaben, Käfer, Spinnen, Ameisen, Mäuse, Ratten und anderes vielbeiniges Getier sorgt bei dem einen oder anderen für Gänsehaut. Diese Leser sind hier richtig. Und für den Rest ist trotzdem Spannung garantiert, denn so wie Simon Oliver das Thema der Kammerjägerei am Rande der Gesellschaft aufbereitet hat, ist es auch ein Abbild des Kaffeesatzes des amerikanischen Traums – allerdings verheißt dieser Kaffeesatz keine besonders tolle Zukunft.
Die Ärmeren können sich keinen Kammerjäger leisten – oder nur billiges Insektenbekämpfungsmittel, über die Viecher wie die Schaben nur lachen können. Zu hoher Einsatz von Vertilgungsmitteln hat ungeahnte Folgen.
Als Zeichner für diese nicht nur ungewöhnliche, sondern auch außergewöhnlich gute Geschichte konnte Tony Moore gewonnen werden, der hierzulande mit dem Serienauftakt von The Walking Dead von sich reden machte. Moore zeichnet einerseits realistisch, aber er könnte auch als Zeichner von Spawn in Betracht gezogen werden, weil er aus einer ähnlichen Schule wie Angel Medina kommen könnte. Nur ist sein Zeichenstil nicht ganz so fein ausgearbeitet und er kommt mit weitaus weniger Strichen aus.
Dafür hat in er in Sachen Ekelfaktor die gleiche Begabung wie Angel Medina. Außerdem kann er hier aufgrund des Themas gut mit Bernie Wrightson verglichen werden. Wer die Gelegenheit hat, im Vorfeld die Comic-Adaption von Stephen King’s Creepshow zu lesen, genauer die letzte Geschichte Der Wanzenhasser (engl. They’re creeping up on you), sollte sich dies als eine Art Prolog gönnen.
Zurück zu den Käferkillern.
Käfer und Ratten zu zeichnen ist eines, menschliche Abgründe ein ganz anderes.
Simon Oliver dürfte mit der Rattenjagd im Hause eines Schwesternpaares eine der seltsamsten Vorgaben für einen Zeichner geschrieben haben. (Auch für Tony Moore, der bereits mit Zombies umzugehen verstand.) Amerika weiß immer wieder mal mit einer Nachricht über einen fettleibigen Menschen aufzuwarten, der nur mit industriellen Lastenhebern und der Feuerwehr aus seiner Wohnung gebracht werden konnte. Hier begeht eine Ratte bewusst Selbstmord, weil es sein Versteck unter dem Sofa eines solchen Menschen nicht mehr länger erträgt!
Diese kleine Episode, die nur die Spitze des Eisbergs im Ideenkatalog von Simon Oliver ist, bringt sehr schön seine Sicht der Dinge in diesem Band auf den Punkt.
Junkies, Fresssüchtige, Freaks, Exknackies, Schläger, seltsame Wissenschaftler, karrieregeile Manager (und auch ein paar Harmlose) stehen einer unzähligen Schar von Kakerlaken gegenüber, die schließlich ohne Hemmungen ans Tageslicht kommen.
Man würze dies mit einem Geheimnis über einen ägyptisch anmutenden Skarabäus und fertig ist Horror pur mit einem Schuss Sozialkritik und untergemischten Thrillerelementen.
Sehr gut gezeichnet dank Tony Moore, noch besser erzählt von Simon Oliver. Wer mit den erwähnten Zutaten etwas anfangen kann und sich nach den gängigen Horrorgeschichten nach einer kleinen Innovation sehnt, sollte bei dem Comic-Händler seines Vertrauens einen Blick riskieren. – Es könnten mehr werden.
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Dienstag, 10. Juni 2008
Der große Khengis, der Anführer der Horden, die das abgestürzte Sternenschiff Kometenstaub belagern, besitzt keine Geduld mehr. Verluste sind ihm gleich. Die Kometenstaub soll gestürmt werden, um jeden Preis. Wenig später beginnt der Großangriff.
Von allen Seiten her dringen die Angreifer auf das gestrandete Schiff ein. Zu allem Überfluss fliegt Khengis höchstpersönlich einen Angriff mit einer kleinen Einheit seiner Drachenflieger auf die über der Kometenstaub schwebende Galaxy Jumper. Das Schicksal der Reisenden scheint besiegelt.
Die Schiffsinsassen wollen indes nicht so leicht aufgeben. Noch gibt es eine Verteidigungsmöglichkeit. Und wer hatte die Idee dazu? Ausgerechnet Bordtechniker Narvath verschafft der Kometenstaub mit seinem ungewöhnlichen Plan neue Energie. Doch wird das ausreichen?
Granit, die ehemalige Navigatorin der Kometenstaub, handelt sich weitere Schwierigkeiten ein, als sie den Präsidenten Dhokas einer eigenen Form der Befragung unterziehen will. Leider ist Dhokas nicht nur als Präsident bekannt, sondern auch als Miteigner der Kometenstaub, weshalb die Kommandantin des Schiffes ihn mit Samthandschuhen anfasst.
Eine vergebliche Maßnahme, wie es sich bald herausstellen wird.
Das letzte Geheimnis wird, obwohl durch den Titel angedeutet, noch nicht gelüftet. Vieles wird klarer, dafür jedoch brauen sich weitere Rätsel zusammen, deren Schwere sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abschätzen lässt.
Das angesprochene Geheimnis vernachlässigen wir an dieser Stelle einmal. Konzentrieren wir uns auf den Konflikt, der den anderen zentralen Punkt dieser Geschichte bildet.
Christophe Arleston erklärt dem Leser mit einem kurzen Prolog, einem Alptraum, die Motivation von Khengis und die Entstehung seines Hasses. Und er zeigt dem Leser, dass Khengis doch über Gefühl verfügt, wenn auch nur über solches, das ihn selber betrifft.
Nicht nur charakterlich gehört Khengis zu den herausragenden Gestalten diese SciFi-Comics – und das ist wörtlich zu nehmen. Mit einem überdimensionalen Schlangenkörper, vier Armen und einem gewaltigen Schädel, der an die neuere Version des Godzilla erinnert, ist er ein sehr ungewöhnlicher, aber auch außergewöhnlich gestalteter Heerführer geworden. Wenn Adrien Floch, der Künstler dieser Serie, Khengis auf einem Flugdrachen abbildet, ist der Sprung zu reinrassiger Fantasy nicht mehr weit.
Der Kontrast im weiteren Verlauf, zwischen archaischen Waffen der planetaren Streitkräfte einerseits und den modernen Schusswaffen auf der Kometenstaub andererseits, sorgt für weitere Spannung und interessante Szenen. Theoretisch müssten die Schiffbrüchigen den Bewohnern von Ythag überlegen sein, allein durch ihre Waffentechnik, in Wahrheit aber steht ihnen ihre Zivilisiertheit im Weg.
Granit und Narvath haben inzwischen dazu gelernt, die dritte Figur des Trios, Callista (man könnte sie dem Charakter nach zu urteilen auch Cordelia nennen) ist immer noch auf ihre Fingernägel bedacht, die sie sich dreckig machen könnte. Von einem Abbruch derselben wollen wir gar nicht reden.
Narvath, der anfänglich noch etwas hinter der überaus aktiven Granit herhinkte, hat deutlich aufgeholt. Arleston hat seinen Charakter herausgearbeitet, während Floch den jungen Mann auch optisch besser in Szene setzt. Von einem eher tollpatschigen Belmondo-Typ ist Narvath zu einem knallharten Belmondo-Abenteurer-Typ geworden.
Grafisch kann sich Adrien Floch hier richtig austoben, denn es geht von Anfang bis Ende zur Sache. Die technische Oberfläche, die diversen Strukturen, Kommandoräume und Gänge bilden eine theaterähnliche Bühne, einen geschlossenen Raum, dessen Inszenierung mit Kamerafahrten und –perspektiven eines Films vergleichbar sind.
Wenn es in die Totale geht, in die Außenansichten und das Auge den Flugdrachen über den angreifenden Truppen folgt, könnten hier wirklich Einflüsse des Kinos herangezogen worden sein.
Die Ausarbeitung der Grafiken ist überaus fein und aufwendig. Floch arbeitet mit leichten, aber auch nur mit den nötigen Strichen. Crazytoons, die Farbschmiede, setzt leuchtende, strahlende Farben hinzu und macht daraus ein bonbonfarbenes Feuerwerk, an dem man sich als SciFi- wie auch Fantasy-begeisterter Comic-Leser kaum satt sehen mag.
Was soll man sagen? Wer SciFi-, Fantasy- oder Space-Operas mag, wo es knallt und kracht, die Charaktere hinreißend sind – auch wenn man sie nicht alle leiden mag, wie Khengis z.B. – der Spannungsbogen sitzt und Rätsel wie auch Action zum beständigen Weiterlesen animieren, der kommt an den Schiffbrüchigen von Ythag einfach nicht vorbei. 🙂
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Endlich hat Max Friedman seinen Freund gefunden. Aber er kommt zu spät, denn soeben wird der Sarg mit den sterblichen Überresten des Gesuchten vernagelt. Schweißgebadet erwacht Friedman in seinem Hotelzimmer. Er atmet noch schwer wegen der Eindrücke des Traums, da klopft die Seguridad an seine Tür. Zimmerdurchsuchung!
Lopez, ein alter Bekannter und inzwischen hochrangiger Offizier der Seguridad, sondiert die Lage. Was will Max Friedman hier? Die Antwort, die Suche nach Guido Treves, scheint Lopez nicht zu behagen.
Ich hab die Nase voll! Ja, es reicht mir! Morgen reise ich ab!
Friedmans Empörung über diese neuerlichen Schikanen hält nicht lange vor. Überwachungen, Verfolgungen und weitere Mordanschläge spornen Friedman wider alle Vernunft an, seine Suche zu einem Ende mit Ergebnis zu bringen, ganz gleich, wie dieses Ergebnis auch ausfallen mag.
Aus der Sicht eines Außenstehenden war es ein seltsamer Konflikt, damals im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939. Halb Europa schien sich einmischen zu müssen in das ideologische Wirrwarr, in dem es letztlich doch nur um die Macht ging. Dieser Krieg oder einzelne Begebenheiten erlangten in mancherlei Hinsicht auch traurige Berühmtheit. Beispiele hierfür sind das monumentale Bild Guernica von Pablo Picasso oder auch Wem die Stunde schlägt von Ernest Hemingway.
Es mag an Spanien liegen, aber stets scheint dieser Krieg auch etwas Romantisches auszuströmen, was aber auch an der Romantisierung der ideologischen Auseinandersetzung liegen mag – die in der Realität freilich ganz anders aussah.
In der letzten Episode von Vittorio Giardinos Figur Max Friedman aus dieser Zeit, hat eben dieser Friedman das Interesse an dieser Auseinandersetzung vollkommen verloren. Es gilt nur noch, den verlorenen Freund zu finden. Je mehr Steine ihm dabei in den Weg gelegt werden – oder im Klartext, je öfter man ihn umzubringen versucht – desto unnachgiebiger verfolgt er dieses Ziel.
Dabei ist Friedman alles andere als ein Held. Er ist ein Vater, ein Beobachter mit Scharfblick, ein aufrechter Mann, der das Glück hat, dass ihm von vielerlei Seiten Respekt entgegengebracht wird, nicht zuletzt wegen seines berechnenden Mutes.
Dem Leser bleibt keine Zeit, um sich mit Max Friedman anzufreunden. Die Geschichte beginnt mit einem Alptraum, der einem Sprung ins kalte Wasser gleicht. Nach eigener Aussage von Vittorio Giardiono ist Sin Ilusión der Abschluss einer Trilogie, die zehn Jahre zu ihrer Vollendung gebraucht hat. Selbst Leser der ersten Ausgaben werden schon vergessen haben, was zuletzt geschah. – Und man muss es auch nicht wissen.
Ein Mann sucht seinen Freund in den Kriegswirren des Spanischen Bürgerkriegs. – Mehr muss man zum Einstieg nicht wissen.
Doch es bleibt schwer, sich mit Max Friedman anzufreunden, denn ebenso wie die Geschichte kühl und sezierend erzählt wird, ist auch Friedman eher distanziert, sachlich, leidenschaftslos. Nur in wenigen Augenblicken, wenn er sich ganz offensichtlich um seine Mitmenschen sorgt, bröckelt diese inszenierte Fassade ab und ein ganz normaler Mensch kommt zu Vorschein. Das sind die Momente, die genügen, um eine gewisse Faszination im Leser zu wecken. Am Ende, wenn er seine Tochter wieder sieht, versteht man ihn schließlich und weiß, dass diese Kühle der beste Schutz in einem Krieg voller Widersprüche ist.
Mit dem gleichen Blick, mit dem Max Friedman seiner Umwelt begegnet, zeichnet Giardino auch diese Episode. Vor der Kulisse eines alten Barcelona – das man leider nicht allzu häufig mit markanten Punkten zu Gesicht bekommt – entwickelt sich eine Optik und eine Atmosphäre, die sehr dem Dritten Mann ähnelt. Manchmal entsteht das Flair eines Kammerspiels, dann wieder wirkt es in den Straßen und auf der Anhöhe über der Stadt sehr weit, während sich kurz darauf die Lage – optisch – in Kaffeehausatmosphäre entspannt.
Textlich jedoch hebt Giardino diese Entspanntheit mit einer Nachricht über die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Deutschland wieder auf. So hängt nicht nur mit den Geschehnissen in Spanien ein Damoklesschwert über Friedman, sondern mit dem bald hereinbrechenden Zweiten Weltkrieg ganz besonders.
Obwohl die Bilder auch eine gewisse Ruhe, eine Objektivität ausstrahlen, ist die Bedrohung immer spürbar. Mal sind es der Schutt von zerstörten Gebäuden, gekenterte Schiffe im Hafen oder Uniformen an der Straßenecke, die die Normalität des Alltags stören. So wird der Leser unmerklich mitgezogen, wird er zu einem stillen Beobachter, der sich der Situation bis zum bitteren Ende nicht mehr entziehen kann.
Eine Zeitgemälde aus Spaniens dunklen Tagen, eine Geschichte von Krieg und Intrigen, von einer Suche, einer im Keim erstickten Liebe, mit einem Ende, das mit nur einer Seite erklärt, wofür das Leben – insbesondere das von Max Friedman – dann doch lohnt. Für Freunde realistischer Geschichten in Comics besonders empfehlenswert. 🙂
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Samstag, 07. Juni 2008
Der Dämon, ganz in Rosa, macht es nicht mehr lange. Er weiß es nur noch nicht. Sheriff Roy Powell macht seinen Job seit Jahrzehnten. Ihm macht keiner mehr was vor. Und so einer schon gar nicht. Wenig später ist Powell um einen Abschuss reicher und um einen Partner ärmer.
Powell konnte es nicht verhindern. Aber zum Trauern bleibt in diesem Police Department keine Zeit. Wer hier arbeitet, ist bereits tot. Herzlich willkommen im R.I.P.D.. Sie wollen eine Chance und ihren eigenen Mörder fassen? Gut, aber dafür schenken Sie uns bitte einhundert Jahre Ihrer jenseitigen Zeit. Und sagen Sie bitte hinterher nicht, Sie hätten das Kleingedruckte nicht gelesen.
Sie haben das Recht, tot zu bleiben.
Nicholas Cruz bleibt nicht sehr viel Zeit, sich auf seine neue Situation einzustellen. An der Seite seines neuen Partners Powell, der froh ist, endlich an seinem letzten Fall arbeiten zu können, fördert ein Besuch in Cruz’ alter Wohnung sofort ein Problem zutage. Denn die Mom hat ein Baby und einen Ehemann, die aus den Besuchern gerne Hackfleisch oder Kleinholz machen würden. Oder beides.
R.I.P.D., die Polizeistation, in der die Toten ihren Dienst leisten und Hellraiser jagen, jene, die glaubten, sie könnten auf der Erde ihr Unwesen treiben. Die Grundkonstellation der von Peter M. Lenkov geschriebenen Geschichte erinnert an Geheimorganisationen, wie der Leser sie von den M.I.B. (Men In Black) oder Special Unit 2 (Die Monsterjäger) her kennt. Letztere kommen dem Thema im vorliegenden Band schon recht nahe und sind in den USA ungefähr zeitgleich entstanden.
Im grafisch ähnlichen Stil eines Humberto Ramos und dem Spaß der erwähnten Filme zeichnet Lucas Marangon den Leser geradewegs in ein Abenteuer, das weitere bekannte Details aufgreift, neu mischt und mit eigenen Ideen würzt. Die Zeichnungen mögen mitunter sehr funny sein, der Inhalt weiß auch durchaus mit dem so genannten Splatter-Genre zu spielen.
Wer glaubt, es sei alles ganz harmlos angesichts der putzigen Monster, der täuscht sich.
Mit Speck ist ein Dämon in die Handlung integriert, der äußerlich an einen Gremlin erinnert und auch ähnlich brutal zu Werke gehen kann, wenn ihm danach ist – meistens ist ihm danach. Durch widrige Umstände gelangt er an das Schwert des Erzengels Michael, die einzige Waffe, die dem Fürsten der Unterwelt gefährlich werden kann. Als Speck die Waffe in die Hände, Klauen oder Spinnenfinger bekommt, muss er sie natürlich direkt ausprobieren. Der Priester, der den Fundort verriet, lebt nicht mehr lange. Die Besucher eines Gottesdienst nur unwesentlich länger. Lucas Marangon legt über die Szene den Schleier des Schattenrisses, den Rest kann sich der Leser anhand der Lautmalereien selber zusammenreimen.
R.I.P.D. spart auch nicht mit Anspielungen. Die beiden Cops aus dem Department, die sich mit der Ladehemmung einer Waffe beschäftigen, Cat und Cochise, könnten mit ihren trendigen 80er Jahre Klamotten eine Comic-Kopie der allseits bekannten Sonny Crockett und Rico Tubbs sein.
Der Teufel, gegen den der kleine Dämon Speck im Verlauf antreten wird, könnte eine gestalterische Verbeugung vor Legende sein, des kleinen Märchenepos von Ridley Scott. Andere könnten in dieser optischen Aufbereitung den nicht weniger legendären Dungeon Keeper aus dem gleichnamigen Spiel wiederentdecken.
Die Höllenbeschreibung nimmt auch ein wenig die göttliche Komödie von Dante auf den Arm. Nicht nur, dass wir Cerberus, den Höllenhund als dreiköpfige Riesenbulldogge treffen, auch der Minotaurus, ein weiterer Wächter der Hölle, stellt sich den Beamten des R.I.P.D. entgegen.
Selbst, wer all die Parallelen nicht herstellen kann, wird seinen Spaß an der schnellen Handlung haben, die keine Anlehnung leugnet und einfach nur einen Heidenspaß machen will, denn schließlich endet hier jeder getötete Dämon in einer grünen Slime-Lache.
Ein wenig cartoony, ein wenig funny, ein wenig Mystery. Von der Straße ab in die Hölle. Wer in einer ziemlich Höllenjägerarmen Zeit Abwechslung benötigt, kann sich dieses besondere Police Department gönnen. 🙂
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