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Comic Blog


Dienstag, 18. Dezember 2007

John Difool – Der Incal

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 0:47

John Difool - Der IncalEigentlich ist John Difool nur ein Privatdetektiv. Und eigentlich sollte es nur ein ganz einfacher Auftrag sein. Aber plötzlich ist ihm dieser Hund auf der Spur, weil dieser glaubt, Difool habe sein Schäfer(hund)stündchen hintertrieben. Damit nicht genug. Kurze Zeit darauf stürzt Difool auf den Säuresee zu. Haarsträubend? In der Tat glauben die Robotpolizisten Difool kein einziges Wort.

Französische Science Fiction hinterlässt manchmal einen verspielten Eindruck. John Difool gehört sicherlich zu den klassischen Beispielen dieser Erzählkunst. Moebius ist kein Unbekannter unter den Zeichnern. Früher war er unter dem Namen Jean Giraud bekannt und zeichnete sich mit Blueberry in den Western-Olymp. – Aber das muss man einem Comic-Fan kaum berichten.

Die neu bearbeitete Fassung von John Difool und seinen Erlebnissen mit dem Incal erstrahlt in neuer Farbenpracht dank einer sehr einfühlsamen Kolorierung von Valérie Beltran. Die Bilder gewinnen deutlich an Plastizität, erhalten mehr Tiefe. Wer früher die vereinfachte Strichführung von Moebius beklagte, nachdem der den Zeichenstil aus den Tagen von Blueberry abgelegt hatte, wird durch die neue Farbgebung die Grafiken in einem völlig neuen Licht sehen. Man könnte es unter der Überschrift Oppulent zusammenfassen. Der gesamte Band, der die sechs Folgen um den Incal bündelt, ist eine Art Opus des Comics. Er ist sehr rund erzählt, findet immer wieder seine Spitzen, weiß, wann und wie er den Leser mitreißen kann. Und mittendrin ist John Difool, eine Mixtur aus Pierre Richard und Gérard Depardieu, ein Privatdetektiv mit Courage, aber immer auch bereit, den leichten Weg zu wählen.

Lassen wir den Hauptcharakter für den Moment beiseite. Ausgangspunkt der Saga ist eine Stadt, eine Mega-Stadt, in die Erde eingelassen, überschüttet mit den kuriosesten Programmen und Gestalten. Selbstmörder stürzen sich in den Säuresee, der in den Untiefen der Stadt angesiedelt ist. Fernsehen bannt den Zuschauer, verblödet, bestimmt die Emotionen. Der Präsident wird zum wiederholten Male geklont. Eine Live-Übertragung macht diese Prozedur zu einem multimedialen Spektakel. Schnelle Liebe kann leicht bekommen werden, auf den Punkt zugeschnitten.
Diese Welt ist satirisch, überspitzt, stellt zur Rede, regt zum Lachen an, macht aus Lesersicht viel Spaß.

Autor Alexandro Jodorowsky lässt diese Stadt nicht am Leben. Der Incal, besser gesagt die beiden Incals vor ihrer Vereinigung, wie auch ein Aufstand, eine Bedrohung durch die Berks, macht der Stadt, deren Regierung in ihrer eigenen Dekadenz ersäuft, den Garaus. Wenig später heißt das Reiseziel: Flucht. Es geht abwärts. Wer glaubte, es sei bereits phantastisch genug gewesen, sieht sich sehr bald eines Besseren belehrt. Eine Kristalllandschaft, alte hutzelige Männchen, die wie eine Versammlung der lieben Götter anmuten, leiten über zu einem Wasserplaneten und an Bord eines Raumschiffes. Sonnen sterben, Weltraumschlachten, ein merkwürdiges Ritual der Berks sowie eine pechschwarze riesige Eimasse, deren Erscheinen unwillkürlich an den Monolithen aus 2001 erinnert.
Alleine in der Umgebung prasselt ein Feuerwerk der Phantasie auf den Leser hernieder und als Leser kann man nicht anders, als ständig weiterzublättern, teilweise atemlos, manchmal ungläubig angesichts dieser tollen Weltenschilderung.

In all den Beschreibungen sind Riesenhaftigkeit, Winzigkeit, kurz wechselnde Größenverhältnisse Trumpf. Riesige Städte, schrumpfende Raumschiffe, riesige Kegelgebilde, die erklommen werden wollen, ein Kampfstern, der seinen Namen wahrhaftig verdient. Medusen schweben gigantisch wie Wolkenkratzer vorüber, werden zu einer Schlachtformation, die man in dieser Konsequenz nie wieder woanders gesehen hat.

In dem Universum von Jodorowsky und Moebius toben sich kindliche Ideen aus – in alter Zeit konnten Kinder in den unmöglichsten Gegenständen alles sehen und damit spielen. Schuhe wurden zu Automobilen, Fächer zu Flugzeugen, alles eine Frage der Phantasie. Letztlich müssen sich die beiden Macher einen sehr großen Teil dieser Kindlichkeit und Spielfreude bewahrt haben, vielleicht stärker noch als so mancher andere Comic-Autor und –Zeichner, der durch die mittlerweile sehr breite Medienvielfalt beeinflusst worden sein mag.

John Difool ist der Namensgeber dieser Handlung, zusammen mit einer seltsamen göttlich anmutenden Wesenheit, dem Incal. Zu Beginn könnte der Privatdetektiv für einen Tolpatsch gehalten werden, bald wird klar, dass Difool aber auch ein abgebrühter Hund ist, der sich in dieser Welt durchaus auskennt. Und er ist ein Kind seiner Welt. Egoismus ist überlebenswichtig. Doch Difool hat auch ein Herz.
Dipo, sein Betonpapagei, ist wohl eines der knuffigsten Lebewesen im Science Fiction- und Space Opera-Genre. Dipo schafft Lacher (wenn er das Reden erlernt), er schafft durch seine Sympathe zu Difool auch Mitgefühl mit dieser Hauptfigur, die am Anfang nicht sehr zugänglich ist – letztlich aber ist sie der typische Privatdetektiv. Die Klassiker, wie Sam Spade oder Philip Marlowe, sind auch nicht die erste Garde für den Sympathiepreis erster Klasse.

Natürlich beherrscht Jodorowsky die Zusammenstellung seiner Figuren. Nach und nach entsteht eine regelrechte Partie aus zwei anfänglich gegensätzlichen Frauen, einem Profikiller, einem Kind, einem humanoiden Hund, mit Difool und Dipo an der Spitze. Die Reibereien, Querelen, die Eifersucht, die Gier nach dem Incal, all das und mehr wird von Jodorowsky genutzt, um die Helden aufeinander zu hetzen, nur um sie sehr bald schon umso enger zusammenzuschweißen. Die Phantasie stoppt auch bei den vielfältigen Charakteren nicht. Der Meta-Baron ist die Inkarnation eines Attentäters mit Prinzipien, Animah, die Herrin der Ratten, sorgt für Mystik und Erotik. Kill, der humanoide Hund, ist der tierische Aspekt – sehr schön, wenn sich Kill und Dipo später gegenseitig aus der Patsche helfen.

Die allgemeine Stimmung, die sich während des Lesens einstellt, lässt sich schwer beschreiben. Zwar gibt es Parallelen zu bekannten Geschichten – zumeist solche, die später als der Incal erschienen sind – aber das genügt nicht, um dem Incal einen oder zwei Stempel aufzudrücken. Der Humor ist mal unterschwellig, mal putzig, mal beißend und böse. Kämpfe sind brutal, in riesigen Schlachten, auch harmlos, in Slapstickmanier. Mal bewegt sich der Jodorowsky an der Oberfläche, mal ist er tief- und hintersinnig, mal kann man auch zwischen den Zeilen lesen. Die Räumlichkeiten, die Orte sind so vielfältig wie die Erzählebenen. So ist eine Space Opera entstanden, die den Leser auf sehr unterschiedliche Weise vereinnahmen und mit auf die Reise nehmen kann.

Nicht viele literarische Werke können von sich behaupten, ein Klassiker zu sein. John Difools Abenteuer um den Incal ist ein Klassiker, ein mutiger Vorreiter, ein Ausbund an Phantasie wie auch Schlüssigkeit. Die hervorragende grafische Qualität, ganz besonders in dieser Neuauflage, macht aus dieser rasanten, spannenden und witzigen Science Fiction etwas ganz Besonderes. :-D

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