Dienstag, 29. Juli 2008
Die R.S.S. Konstantinow hat die Geistersphäre erreicht. Kurz darauf kollabiert das Transfertor. Diese Katastrophe stürzt viele tapfere Soldaten ins Verderben. Stundenlang kreuzt die Konstantinow alleine durch einen unbekannten und unheimlichen Nebel. Das mächtige Kriegsschiff ist blind. Nirgends gibt es einen Anhaltspunkt. Plötzlich erschallt der Warnruf. Nur ein Ausweichmanöver bewahrt die beiden aufeinander zufahrenden Luftkreuzer vor der Kollision und somit der endgültigen Vernichtung.
Bald tobt in und um die Konstantinow der Kampf. Die Soldaten sind nicht allein in ihrem Wunsch, die verlorenen Seelen zu befreien. Eher heimlich begeben sich derweil der verschollene Marcus Antares und die Rote Frau in die Höhle des Löwen.
Das Gefängnis der Seelen bildet den Höhe- und Abschlusspunkt einer innovativen und oppulenten Fantasy- und ScFi-Trilogie eines etwas anderen russischen Reiches. Christian Gossett und seine Mannen mischen hier munter und unverkrampft die verschiedensten Genres miteinander.
Wer sich an die gute alte Zeit der Piratenfilme und die Seeschlachten erinnern kann, der findet sich hier in einem Kampfszenario mit vollen Breitseiten wieder, dass es nur so scheppert und explodiert. Geschossbahnen ziehen ihre Spuren, während in den Unterdecks – eine Verneigung vor dem guten alten U-Boot-Szenario – die Mannschaften dafür sorgen, dass der Pott läuft. Im Dunst einer anderen Dimension fahren zwei Kriegsschiffe aufeinander zu, bis die Kollision droht – ein ebenfalls gern genutzter Effekt zur Spannungssteigerung in einem Epos über Schiffskämpfe, das auch hier seine Wirkung nicht verfehlt.
The Red Star vermag es – natürlich nur bei jenen, die kriegerische Szenarien mit einem hohen und ausgefallenen Fantasy-Faktor mögen – den Leser absolut in seinen Bann zu ziehen. Dies funktioniert zuallerst über die Optik, die in dieser Art sehr selten ist, da ihre Herstellung einen Aufwand bedeutet, der im Comic-Bereich eher ungewöhnlich ist. Das Endergebnis – wie auch der Erfolg – gibt den Machern aber recht.
Wir begegnen den Kriegsschiffen im vorliegenden Band in der so genannten Geistersphäre, einer Dimension zwischen Leben und Tod, in der der Diktator Imbohl die Seelen der Gefallenen sammelte. Durch ihre Versklavung erhoffte er sich Unsterblichkeit. Für alle Beteiligten geht es den Sturz oder Erhalt der Macht ihres Gebieters.
Für den an Geschichte interessierten Leser ist klar, dass die vorliegende Handlung durchaus von realen Ereignissen inspiriert ist. Der Zerfall der Sowjetunion hat sich bestimmt nicht derart surrealistisch abgespielt, aber die Phantastik, die auferlegte Göttlichkeit in der Darstellungen von Marx und Lenin hat die Ideen der Macher von The Red Star sicherlich in größere Höhen getrieben. Letztlich findet sich hier ein Abbild der westlichen Vorstellungen über den russischen Bären. Größte Ergebenheit, Hörigkeit gegenüber dem Reich, der ideologische Glaube an eine höhere Bestimmung, ein starkes Gemeinschaftsgefühl – Gossett stellt das Gute im Geist jener Soldaten heraus, die sich einem Ideal verpflichtet fühlten, in Realität Mütterchen Russland, hier Imbohl, ein böser Geist.
Obwohl die Kämpfe die Geschichte im vorliegenden dritten Band zu weiten Teilen bestimmen, wird der Leser von einer Fülle von Text überrascht, der nicht zu erwarten war und der eine ziemliche Dichte der Handlung zur Folge hat. Außerdem fesselt so manche Collage das Auge, überschwemmt es mit Informationen, muss verweilen, springen und sich in die Details bohren, da die Intensität der Darstellung keine andere Wahl lässt. Das ist ungewöhnlich, strengt auch an, wird aber dankbar wegen seiner außergewöhnlichen Andersartigkeit angenommen.
Diese Bilder sind es, die zum Vor- und Zurückblättern einladen, die einen festhalten. Maßgelblich dafür verantwortlich ist natürlich die Mixtur aus traditionellen Charakterzeichnungen und vornehmlich dreidimensional gestalteten Hintergründen. Hier sind besonders die Kriegsschiffe und technischen Gerätschaften zu nennen. Das ergibt zusammen mit allen nur erdenkbaren Spielereien, die per Computerkolorierung möglich sind, eine unglaubliche Comic-Ansicht.
Trotzdem ist eine der eindrucksvollsten Figuren Troika, eine Art stählerner Tod, ein Diener Imbohls. Leider ist sein Auftritt nicht sehr groß. Dafür ist die Optik gigantisch. Wie auf einer riesigen Leinwand starrt der Leser dieses stählerne Skelett an, dessen Ketten weit geschwungen in der Ferne des Nebels verschwinden.
Eine verschachtelte Geschichte, die viel Aufmerksamkeit benötigt, vor einer grandiosen Optik. Die Geschichte zelebriert das Ende eines Abschnitts einer großen Nation und gibt einen Ausblick auf eine Fortsetzung – die angesichts des technischen und grafischen Aufwands auf sich warten lassen wird. Aber nicht verzagen. Die ersten drei Teile haben so viel zu bieten, auch zwischen den berühmten Zeilen, dass sich ein mehrmaliges Lesen lohnt.
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Stichwörter: christian gossett, bradley kayl, snakebite
Montag, 10. September 2007
Nokgorka, das Land, das nach seiner Unabhängigkeit strebt, liegt in Trümmern. Inmitten der Ruinen ist kein lebenswertes Dasein mehr möglich. Inzwischen kämpfen bereits Kinder gegen die Invasoren. Diese Halbwüchsigen stehen in ihrer Hartnäckigkeit des Widerstands den Erwachsenen in nichts nach.
Im Kampfgebiet von Bahamut, der zerstörten Hauptstadt von Nokgorka, erhält Makita einen Auftrag. Ihr Vater will, dass sie zu ihm stößt. Sie hat nur eine Stunde Zeit, um durch die Ruinen den Weg zu ihm zu finden. Die Tochter gehorcht dem Vater. Die Uhr tickt erbarmungslos.
Makita rennt!
Makita läuft und erinnert sich. Es ist ihr Spielplatz. Sie ist hier aufgewachsen und kennt hier jeden Stein und jede Deckung. Unterwegs erhält sie Hilfe von einem alten Freund, bevor sie ohne fremde Hilfe einen kleinen Spähtrupp aufmischt und ihren Weg fortsetzt. Sie bewältigt die Strecke in letzter Minute. Genau zu diesem Zeitpunkt entschließt sich die Rote Flotte zu einem brutalen Angriff. Ein Brüter platziert sich über dem Schlachtfeld. Das Oberkommando nimmt selbst auf die eigenen Soldaten keine Rücksicht. Wenig später öffnet der Brüter die Tore der Hölle. Seine tödlichen Strahlen verwandeln die wenigen Überreste auf dem Schlachtfeld in Schlacke.
Doch so schnell gibt sich Makita nicht geschlagen.
Eigentlich könnten die Soldaten der Roten Flotte die Gegner aus Nokgorka mit Leichtigkeit besiegen. Sie sind besser ausgerüstet, sie sind ausgeruht und trainiert. Leider versagen sie trotzdem, denn sie ziehen mit Angst in den Kampf. Alles, was sie wollen, ist so schnell wie irgend möglich heim zu kommen. Nokgorka ist für sie die Hölle auf Erden. – So ist es möglich, dass ein Kind wie Makita einen erwachsenen Soldaten töten kann.
Die Führung der Invasoren ist über diese Entwicklung äußerst beunruhigt. Inmitten der Offiziere ist nicht jeder von der Richtung, die der Krieg nimmt, überzeugt. Zu viele Soldaten werden einfach verheizt. Maya, eine Zauberin der Roten Flotte, muss erleben, wie ihre Freundin Alexandra auf dem Schlachtfeld bleibt. Das darf nicht sein.
Maya macht sich auf den Weg nach Bahamut, verzweifelt, aber nicht allein.
The Red Star ist ein Schlachtenepos, ein Kriegsgemälde, wie es in Antikriegsromanen und –filmen gemalt wurde, ein Szenario, wie es sich in den verschiedensten Epochen findet, auf die Ebene der Fiktion gehoben. In der zweiten Episode Nokgorka erlebt der Leser den Horror des Häuserkampfes in einer eisigen und ruinierten Stadt, in der sich scheinbar nur noch die Kinder zu verteidigen.
Christian Gossett und Bradley Kayl erzählen eine Geschichte des Krieges vor einer mystischen Vergangenheit und einer von ungewöhnlichen Magie durchdrungenen Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen die kleine Makita und die erwachsene Maya. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein. Erstere ist ein Kind des Krieges, dem Töten zur zweiten Natur geworden ist. Maya ist eine Zauberin, eine angesehene Offizierin, die sich alleine auf den Weg macht, um ihre verschollene Freundin zu finden.
Leser, die neu zu The Red Star stoßen, werden überrascht sein über die Aufmachung des Bandes. Zeichnungen von Charakteren und Figuren mischen sich mit einer Umgebung, die per 3D-Modelling erstellt wurde. Die Effekte, die sich daraus ergeben – und dank einer ungeheuer aufwendigen Kolorierung – sind für einen Comic einerseits ungewöhnlich, da sie wie Screenshots eines Animationsfilm wirken, andererseits fesseln sie wegen des Breitwandkino-Gefühls, das sie vermitteln, von der ersten bis zur letzten Seite.
Als Leser akzeptiert man die Qualität der Bilder schnell, weil die Optik bannend wird. Sie schafft es wirklich, die Umgebung auszublenden. Das ist eine seltene Eigenschaft eines Comics, die natürlich auch durch das ausladende Format begünstigt wird. Ganzseitige Grafiken, manchmal auch einfacher ausgeführt, aber mit einer enormen Farbdramatik versehen, sprechen den zweiten Text und unterstützen die Geschichte zwischen den Zeilen.
Sicherlich hat es in einem Manga schon häufiger kämpfende Kinder gegeben. Doch die Szenarien sind meist harmloser oder so phantastischer Natur, dass man sie nicht mit dem nötigen Ernst lesen kann. Auch die Superhelden-Teenager der großen überseeischen Comic-Verlage sind bei aller heraufbeschworenen Dramatik kaum dazu angetan, so richtig ans Herz zu gehen.
Mit The Red Star ist das anders!
Der Krieg, der hier durch die Augen von Makita erlebt wird, dabei spielt es keine Rolle, ob er echt ist oder, zeigt oder deutet alles an, was in einem Krieg der Neuzeit gang und gäbe ist – bis hin zur Massenvernichtung. Es verwendet jegliche Abarten, wie auch das Opfern der eigenen Truppen, den Kampf von Kindern, den Missbrauch, die Gefühlsverwahrlosung infolge des ständigen Überlebenskampfes.
Wie die Handlung die einzelnen Kapitel mit ihren Erzählsträngen zusammenführt, lässt sich nicht einfach so herunterlesen, sondern benötigt Geduld. Erzählung wie auch Hintergrund erwarten eine ernsthafte Leseweise – und auch nur dann erschließt sich einem eine spannende, eine rätselhafte und mitreißende Geschichte.
Ein kleines Making Of rundet den vorliegenden Band ab und unterstreicht einmal mehr die viele Arbeit, die in dieser Geschichte steckt und zeigt, warum The Red Star zu den Höhepunkten im Comic aber auch in der Science Fiction gehört.
Die zweite Folge ist für Fans eines ausgefeilten Science Fiction- und Kriegs-Szenarios ein Muss. Überleben ist hier nicht heldenhaft und Kampf macht keinen Spaß. Das Team von The Red Star hat versucht, ihrer erschaffenen Welt Leben einzuhauchen und das ist ihnen gelungen!
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Stichwörter: snakebite, christian gossett, bradley kayl, the red star
Freitag, 02. Februar 2007
Die Schwebebahn fährt in aller Stille über den riesigen Soldatenfriedhof. Die Entfernungen sind zu groß geworden, um ein einzelnes Grab in dieser Masse zu Fuß besuchen zu wollen.
Maya ist auf dem Weg zum Grab ihres gefallenen Mannes. Der Weg ist selbst mit der Bahn noch weit entfernt, deshalb nutzt sie die Zeit für einen kleinen Plausch mit einem russischen Korporal. Die Zauberin gibt ihm durch einen kleinen Trick mit ihrer Handfläche Feuer und beginnt mit der Erzählung ihrer Erinnerungen.
Vor neun Jahren tobte ein brutaler Krieg in Al’Istaan vor Kar Dathras Tor. Die Rote Flotte mit ihren gigantischen Wolkenbrütern glaubte sich in einer leichten Siegesposition. Sie rückte unaufhaltsam und siegesgewiss vor. Gegnerische Fahrzeuge wurden dank der magischen Fähigkeiten ihrer Zauberinnen vom Himmel gefegt. Doch der Feind, die Nistaani, gibt nicht auf – aus gutem Grund. Denn ihr Hohepriester Kar Dathra beweist eine Macht, die niemand auf Seiten der Vereinigten Republiken des Roten Sterns für möglich gehalten hätte.
Inmitten von Flammen und Wüstenstaub stellt sich der Hohepriester den Invasoren. Doch so schnell geben sich die Soldaten der Roten Flotte nicht geschlagen. Panzer werden zum Entsatz der Infanterie auf das Schlachtfeld abgeworfen. Mit schwerem Raketenfeuer gehen sie gegen den heiligen Mann vor.
Inmitten der entfesselten Urgewalten kämpfen die einfachen Soldaten heldenhaft gegen ihren Untergang an. Oben in einem Wolkenbrüter kann Maya den verzweifelten Kampf ihres Mannes auf dem Schlachtfeld nur erahnen.
Der Kampf wird immer grausamer und epischer. In dieser Hölle erheben sich mythisch anmutende Wesen und beginnen ihren ganz eigenen Kampf um die Seelen der Gefallenen.
Mit The Red Star – Die Schlacht vor Kar Dathras Tor wurde unter der Leitung von Christian Gossett etwas geschaffen, das im Bereich des SciFi-Comics seine ganz eigenen Maßstäbe geschaffen hat.
Diese Geschichte fußt auf einem Was wäre wenn-Szenario und mischt auf ziemlich aufsehenerregende Weise mythische und magische Elemente hinzu.
Grafisch setzt das Design auf herkömmlich gestaltete Charaktere und 3D-Grafiken für Gegenstände und Fahrzeuge. Die erzählerische Wucht geht mit der gigantischen Grafik Hand in Hand.
Die Schlacht vor Kar Dathras Tor wird in einem Rückblick aus der Sicht von Maya, einer Zauberin der Roten Flotte, erzählt. Das nimmt der Handlung ein wenig die Atemlosigkeit, die man als Leser empfinden kann, aber angesichts der spektakulären Geschehnisse ist es vielleicht sogar besser. Dadurch, dass einem bewusst ist, dass die Ereignisse vorüber sind, lässt man sich vielleicht mehr Zeit während des Lesens. Ansonsten würde einen die Geschichte vielleicht verschlingen. – Klingt merkwürdig, aber anders kann ich es nicht beschreiben angesichts eines regelrechten Bilderangriffs auf den Leser.
Szenen toben sich auf Doppelseiten aus, Gesichter sehen den Leser von einer Doppelseite her an – das Kino mit seinen Bildtechniken stand ganz eindeutig Pate für diese Graphic-Novel.
Dies ist kein Zufall, denn Christian Gossett war als Production Designer bei Star Wars tätig. A.D. Coulter ist in Sachen 3D-Design ein altgedienter Hase. Für die Farben und die Bildkomposition ist Snakebite zuständig. Co-Scripter Brad Kayl komplettiert das Team, dessen perfektionistisches Vorgehen auf jeder Seite zu spüren und im Ergebnis auch zu sehen ist.
Selbst ohne die 3D-Elemente wären die rein gezeichneten Figuren beeindruckend gelungen. Manchmal wirken derart perfekte Menschen in einer Handlung störend, hier sind sie passend, denn nichts anderes erwartet der Leser von den Soldaten der Roten Flotte: Diese Menschen müssen perfekt sein, um die schier übermenschlichen Anstrengungen zu überstehen.
Die Erzählung steuert dem Übermenschaussehen der Figuren entgegen, indem sie zeigt, wie menschlich doch das Leid dieser Charaktere immer noch ist.
Die Technik ist ein Monster. Sie führt beinahe ein Eigenleben. Obwohl die gigantischen Schiffe, Wolkenbrüter genannt, eine 20000 Mann starke Besatzung haben, wirken die Schiffe wie stählerne Kolosse, die wie ein Rudel bösartiger Jäger über die weite Ebene sich ausbreitet. Überraschend – von der Erzählung wie auch von der Grafik her – ist es, wenn der Leser Zeuge werden darf, wie angreifbar auch diese Giganten sind.
Grafisch zeigt sich hier ein Feuerwerk im wahrsten Sinne des Wortes.
Glaubt man, die Geschichte durchschaut zu haben, erheben sich magische Wesen auf dem Schlachtfeld und rütteln die Erwartungshaltung des Lesers gehörig durcheinander. Hat man gerade noch über die Auseinandersetzung zwischen der Roten Flotte und den Nistaani gestaunt, wird man plötzlich Zeuge einer Art Götterdämmerung. Der Kampf der Kreaturen, unheimlich und geheimnisvoll, um die Seele eines Gefallenen könnte einer apokalyptischen Sage entsprungen sein.
Das ist Phantasie allererster Güte. Obwohl schon einige Jahre alt, dürfte dieses SciFi- und Fantasy-Szenario auch noch für einige weitere eine Steilvorlage geschaffen haben, an der sich ähnlich gelagerte Epen messen lassen müssen.
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Stichwörter: christian gossett, a.d. coulter, snakebite, brad kayl, the red star