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Comic Blog


Montag, 26. September 2011

Valerian und Veronique Gesamtausgabe 2

Filed under: SciFi — Michael um 17:46

Valerian und Veronique Gesamtausgabe 2Valerian und Veronique hatten bereits schlechtere Aufträge. Besonders Valerian, der sich nicht sehr auf seine Reden vor den Siedlern gefreut hatte, ist umso erfreuter über die anschließenden Feierlichkeiten. Hinterher, im gemütlichen Teil, wird er stets zur Verkostung alkoholischer Getränke gebeten. Natürlich kann es in einem Weltraum voller wundersamer Dinge und Gefahren nicht lange dauern, bis ein Ereignis den Weg der beiden Reisenden kreuzt. Das Land ohne Sterne entpuppt sich als eine Welt, deren Bewohner nicht wissen, dass es da draußen ein Weltall gibt. Das wäre nicht weiter schlimm, befände sich besagte Welt nicht auf Kollisionskurs mit einem weiteren bewohnten Planeten. So ergibt sich der nächste Auftrag von Valerian und Veronique wie von selbst.

Willkommen auf Alflolol: Doch so herzlich wie der Titel des zweiten Abenteuers in der zweiten Gesamtausgabe von Valerian und Veronique klingt, ist die Aufnahme der heimkehrenden Weltraumnomaden in dieser Ausgabe nicht. Auf die beiden Abenteurer wartet eine außergewöhnliche Begegnung, die hier wohl die liebevollste der drei Abenteuer in diesem Band sein dürfte. Pierre Christin verlagert die Thematik der Ureinwohner ins Weltall und wirft die Frage auf, was wäre, wenn die rechtmäßigen Besitzer eines Fleckens Welt, ganz gleich wo, nach einiger Zeit (nun, gut, hier sind es einige tausend Jahre) zurückkehrten und ihren angestammten Platz zurückforderten.

Christin entwirft eine fehlschlagende Integration, eine furchtbare Reservation und löst die Handlung mit dem allseits bekannten und geliebten Humor. Mit dem Volk der Heimkehrer nach Aflolol gelingt Christin außerdem ein ziemlicher starker Gegensatz zu den geknechteten Kreaturen, die in Das Land ohne Sterne und in der dritten Geschichte Die Vögel des Tyrannen vorkommen. Hebelt Christin die Ernsthaftigkeit des ersten Geschichte, eine Art ewigen Krieg, noch mit einem klein wenig Humor auf, herrscht in der dritten Episode pure Verzweiflung.

Doch es sind gerade diese Unterschiede, die diese Serie so bemerkenswert machen. Indem Christin immer wieder neue Wege beschreitet, sich nicht auf eine Genrenische eingrenzen lässt, entstehen Überraschungen und überaus spannende und abwechslungsreiche Handlungen. In Die Vögel des Tyrannen, eine Geschichte, die bereits durch ihren Titel neugierig macht, in einen Abgrund aus Wahnsinn und Sklaverei, der bis dahin noch niemals so ernsthaft innerhalb der Reihe dargestellt wurde. Fast fühlt man sich an eine Apokalypse erinnert, dreht Christin die Schraube der Hoffnungslosigkeit im Laufe der Handlung immer weiter an.

Der zweite Garant für den Erfolg der Geschichten ist natürlich Jean-Claude Mezieres, der mit seinem scheinbaren schnellen, intuitiven Zeichenstil diese fremden Welten, Maschinen, Städte und Kreaturen mit derart leichter Hand erschafft, dass ein Vergleich zu einer ähnlichen Größe des Comic-Fachs, Hugo Pratt, naheliegt. Leichte Strichführung bedeutet auch Wackeligkeit, organische Strichführung, der Tusche auch mal ihren Lauf lassen. Auf diese Art inszeniert Mezieres einen Ideenreichtum, ein Übermaß an Ausstattung und Kulisse, wie es seinesgleichen sucht und erst später in dieser Form so populär wurde.

Farbe bedeutet Atmosphäre. Ton in Ton zu arbeiten war lange Zeit ein Markenzeichen verschiedener Publikationen. Valerian und Veronique war eine davon. Sicherlich ging es auch schneller, andererseits trug und trägt es gehörig zur Atmosphäre bei. In Die Vögel des Tyrannen ist dieser Effekt besonders gelungen: Lebensfeindlich, nächtlich, auch höllisch mit einer Grundtendenz, die an Schwefel denken lässt. E. Tranle gebührt mit dieser Fingerfertigkeit auch ein entsprechend großer Anteil am Erfolg der Reihe.

Mit zwei sehr dramatischen Folgen und einer Episode, die Valerian und Veronique auf eine eher heitere Mission schickt, kann dieser zweite Band der Gesamtausgabe nur begeistern. Ein jung gebliebener Sci-Fi-Klassiker. 🙂

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Freitag, 23. September 2011

MODOTTI – Eine Frau des 20. Jahrhunderts

Filed under: Biographie — Michael um 17:37

MODOTTI - Eine Frau des 20. JahrhundertsTina Modotti. Schauspielerin, Fotografin, Künstlerin, Kommunistin. In Mexiko kommt die junge Frau, die bereits einen langen Weg hinter sich hat, mit einigen faszinierenden Menschen zusammen. Einige sind Visionäre. Manche sind nicht gut für sie. Als sie 1923 mit dem Fotografen Edward Weston nach Mexiko geht, hat die im Jahre 1896 geborene Frau schon drei Filme gedreht. Es ist eine Zeit, auf die sie rückblickend betrachtet nicht stolz ist. Das Abkommen, das sie mit dem Fotografen schließt, ist einfach. Er bringt ihr den Umgang mit der Fotografie bei. Sie erledigt für ihn den Haushalt und kümmert sich um seinen Sohn. Und um den Fotografen selbst.

Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der sich die künstlerische Linke in der Nähe von Tina Modotti aufhält. Es ist eine Zeit der Ideen. Es ist auch eine Zeit der Risiken. Modotti liebt, wen sie mag. Gerüchte scheren sie nicht. Nicht immer ist sie glücklich. Sie muss erleben, wie ihr Geliebter Julio Antonio Mella eines Nachts auf offener Straße neben ihr erschossen wird. Die Polizei glaubt nicht an eine unbeteiligte Modotti. Die Zeitungen stürzen sich auf diesen Fall. Eine Kommunistin, die nicht nur Fotos macht, sondern auch selbst als Aktmodell gearbeitet hat, im Zusammenhang mit einem ungeklärten Mordfall ist ein gefundenes Fressen.

Der Kommunismus führt sie schließlich nach Moskau. Weit entfernt von der Fotografie, die sie einst liebte, widmet sie sich der Kommunistischen Internationalen. Doch das Leben treibt die nicht müde werdende Frau weiter, nach Spanien, in den Krieg und weiteren Schicksalsschlägen entgegen.

Eine Frau des 20. Jahrhunderts: Lange bevor technische Errungenschaften das Leben erleichterten, auch eine Vorschau dessen abbildeteten, was es jenseits des eigenen Horizonts gab, als Ideologien noch einen hohen Stellenwert besaßen, lebte Tina Modotti ein unstetes, aber auch faszinierendes wie später ein gefährliches Leben. In allen Abschnitten strahlt aus dieser Lebensgeschichte ein großer Enthusiasmus, ein starker Lebensdrang hervor und der Wunsch, etwas Wichtiges zu leisten. Aus der Schauspielerin wird die Künstlerin, später die Kommunistin, sogar an vorderster Front in Spanien. Modotti liebt die Männer und sie lieben sie, aber Modotti hätte auch ohne sie auskommen können.

Angel de la Calles spürt dem Lebensweg der Modotti nach, durchaus auch mit Bewunderung, wenn man dem Stil, den Worten und der Atmosphäre dieser Spurensuche glauben darf. Diese Frau, die im Krieg vom Tod der Mutter erfuhr, drei Monate, nachdem diese gestorben war. Die einstige Künstlermuse nimmt die Gefahren eines Krieges auf sich, obwohl sie niemand dazu zwingt. Am Ende muss sie doch vor den Faschisten fliehen, wie viele andere auch. Auf rund 250 Seiten erzählt Angel de la Calles Modottis Leben in einfachen Bildern, schwarzweiß, mit dicken Strichen, eindringlich, ausschnitthaft. So will diese Graphic Novel auch gesehen werden, mittels Augenblicken, kleinen und schnellen Eindrücken.

Ausgewogen zwischen der Erzählung, die Fakten und historische Vermutungen beschreibt, und Dialogen, die mit Möglichkeiten spielt, liefert die vorliegende Biographie ein breites Bild jener Epoche zwischen 1923 und 1942, in der sich langsam neue Weltordnungen gegeneinander aufstellten und der Zweite Weltkrieg schließlich ausbrach. Es ist ein Blickwinkel eines Menschenlebens, das diese Spirale von verschiedenen Plätzen der Erde, an der Seite unterschiedlichster Menschen erlebte. Das wird grafisch den Comic-Fan vielleicht nicht beeindrucken, ist aber in seiner Komplexität und mit all den gesammelten Erlebnissen höchst spannend.

Kein langes Leben, aber ein aufregendes, ein kämpferisches, unruhiges. Eine Biografie, die berührt und mitreißt. Angesichts der Komplexität, auch der Stärke dieser Frauenfigur ist es verwunderlich, dass sich noch kein Kinofilm dieser Frau des 20. Jahrhunderts angenommen hat. 🙂

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Donnerstag, 22. September 2011

Frostfeuer 1 – Herzzapfen

Filed under: Mystery — Michael um 17:01

Frostfeuer 1 - HerzzapfenMaus, nach außen hin ein Junge, Nacht für Nacht die Schuhe der Hotelgäste putzend, hat das Hotel Aurora noch nie verlassen. Die Welt da draußen bereitet ihr Panik. Eines Tages, als die anderen Jungen sie kurzerhand vor die Tür setzen, um ihr nach der Manier von Heranwachsenden eine Lektion zu erteilen, bricht sie draußen vor der Tür in Panik aus. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass ihre bis dahin relativ heile Welt bedroht ist, von innen heraus und von Mächten, die sie nicht einmal erahnen kann. Denn ein ganz besonderer Gast hat sich ins Hotel Aurora eingemietet.

Tamsin Spellwell kommt nach Sankt Petersburg. In ihrem Gepäck befindet sich Diebesgut der ungewöhnlichen Art. Eigentlich wollte sie mit dem Diebstahl ein, wenn schon nicht besonders durchdachtes, so doch gutes Werk vollbringen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wird kälter, die Kälte unkontrollierter. Etwas wurde in Gang gesetzt und scheint unaufhaltsam zu wachsen.

Die Comic-Umsetzung eines weiteren Bestsellers von Kai Meyer führt den Leser nicht nur in eine märchenhafte Geschichte, die wie eine Fortsetzung des ewigen Märchen von Hans-Christian Andersen Die Schneekönigin anmutet. Sankt Petersburg. Allein der Name der Stadt lässt Romantik aufblühen. Märchenhaft bedeckt der Schnee die Stadt und angesichts der Bedrohung, die in die Stadt gekommen ist, liegt auch der Vergleich zu einem Leichentuch nahe.

Yann Krehl adaptiert den Roman von Kai Meyer, zeichnerisch umgesetzt hat ihn Marie Sann. In der Kürze des ersten Teils dieser Trilogie entsteht sehr schnell Atmosphäre, obwohl nach der Einleitung der Geschichte erst einmal ein Bruch erfolgt. Gerade noch herrscht tatsächlich ein Andersen-Flair vor, da findet sich der Leser in Sankt Petersburg wieder, mit einer der interessanten Figuren, Tamsin Spellwell, an der Seite von Väterchen Frost auf einer Parkbank. Erst dann wird die eigentliche Hauptfigur vorgestellt, gut erkennbar auch auf dem Titelbild: Maus. Das kleine Mädchen schafft es schnell, das Herz des Lesers zu erwärmen.

Ihre Herkunft ist traurig, ihr junges Leben trist und gelitten wird sie augenscheinlich nur von Kukuschka, dem Eintänzer. Das ist mitreißend, traurig, intensiv erzählt, aber auch ohne jegliche Hoffnung. Der Auftritt von Spellwell, heiter in dieser Düsternis, hilft dem Mädchen kaum weiter. Optisch entsteht durch die Grafiken Sanns ein Gefühl alter Märchenfilme von früher, als es noch nicht so viel im Fernsehen gab. Rückblicke erfolgen durch eine Eislinse. Abgesehen von Maus selbst wirken die übrigen Charaktere sehr stilisiert, fast schon ein wenig scherenschnittartig. Fast meint man, ruckartige, abgehackte Bewegungen sehen zu können.

Diese optische Nostalgie erkennt wahrscheinlich nur, wer sie auch damals selbst erfahren hat oder auf eine der heutigen, wahrscheinlich zahllosen Wiederholungen stößt. Hier wie dort, das ist auch gewiß, lässt sich die Erzählung Zeit. Die Atmosphäre ist schnell aufgebaut und hält sich. Kalte Farben, auch ein starrer Aufbau lassen einen schnell mit Maus frösteln. In der Kolorierung, die dem Geschehen folgt, liegt auch ein wenig die Gefahr der Eintönigkeit, da die Schwankungen nicht allzu groß sind. Dieser Effekt ist zweifellos gewollt, denn Spellwell, die später zum Tanz auffordert bildet in ihrem Kleid einen bunten Farbtupfer vor diesem Einerlei.

Sehr, sehr märchenhaft, für junge Leser genau die richtige Geschichte. Wer nur den abenteuerlich erzählenden Kai Meyer kennt bzw. Yann Krehls Comic-Umsetzung der Wolkenvolk-Trilogie kennt, wird von der Ruhe, die diese Geschichte ausstrahlt, überrascht sein. Wer hingegen genau das sucht, sollte einen Blick riskieren. 🙂

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Dienstag, 20. September 2011

Barracuda 1 – Sklaven

Filed under: Abenteuer — Michael um 20:08

Barracuda 1 - SklavenKapitän Blackdog weiß um seinen Ruf. Er hetzt seine Männer gegen den Feind, die sich tapfer wehren, wohl wissend, dass eine Niederlage den Tod bedeutet. Der Kampf ist brutal, gnadenlos. Jedes Mittel ist recht, um den Gegner niederzuzwingen. Am Ende steht ein Zweikampf, der über das Leben des Kapitäns des geenterten Schiffes entscheidet. Raffy, ein Junge und Sohn von Kapitän Blackdog, überlebt den Kampf, schwer gedemütigt und voller Hass. Beide, Mann und Junge, sind gewiss, dass sie sich eines Tages an anderer Stelle wieder begegnen werden. Dann, daran besteht keinerlei Zweifel, als sie sich einen vorläufigen letzten Blick zuwerfen, wird sich endgültig entscheiden, wer der bessere Fechter ist.

Die Barracuda landet bei Puerto Blanco, einem Piratenversteck. An Bord befindet sich die Beute, drei Frauen, die auf dem örtlichen Sklavenmarkt einen guten Preis erzielen sollen. Aber diese Frauen haben ein Geheimnis.

PIRATEN: Sie gehören zu der Sorte Halunken, die stets ein ein wenig glorifiziert wurden. Dank der Schatzinsel und eines Errol Flynn, auch einer Wiederbelebung des Genres in jüngster Zeit, erfreuen sich die Ganoven des Meeres einer großen Beliebtheit, freilich nur in der Unterhaltung. Autor Jean Dufaux betritt mit dieser Reihe ein weiteres Abenteuer-Genre, nachdem er dem Leser bereits Themen wie Kreuzzüge, Thriller und Erotik nahegebracht hat. Seine Piraten sind nicht romantisch, sie sind nicht der erwähnte Flynn, aber auch nicht die neuzeitlichen Geena Davis und Johnny Depp. Diese Piraten kommen einem nicht komisch.

Dufaux kreiert geradlinige Halsabschneider, die einem gewissen Kodex folgen, doch sollte man sich nicht allzu sehr darauf verlassen. Wichtig ist die Jagd nach der nächsten Beute, das nächste Amusement, zum Beispiel bei einem Sklavenhandel. Neben den Kämpfen während der Kaperung eines Schiffes, der atmosphärischen Darstellung von Puerto Blanco, nimmt eine Versteigerung von Sklaven einen nicht unwichtigen Teil im Fortgang der Handlung ein. Denn hier entscheiden sich die weiteren Lebenswege dreier wichtiger Charaktere der Reihe.

Jeremy, ein junger Künstler, gestaltet den ersten Band von Barracuda stilsicher, aufwendig, realistisch und mit einem Auge für Charaktere. Den ersten, wichtigen Charakter erblick der Leser sogleich auf dem Titelbild, Kapitän Blackdog selbst. Zerfurcht, zerschunden, nachlässig gegen sich selbst präsentieren sich diese Piraten in abgewetzter Kleidung und so sorgsam gestaltet, als gelte es Produktionszeichnungen für einen teuren Hollywood-Blockbuster abzuliefern.

Blicke: Jeremy scheint Blicke und ihre Ausdrücke zu lieben. Voller Hass oder Sorge, voller Schrecken über das Erlebte, Zorn, Begierde, Gehässigkeit oder sogar Langeweile bei jenen, die dieses Leben auswendig kennen und die nichts mehr überraschen kann. Der leichte aquarellartige Farbauftrag und der schmale Tuschestrich sorgen für einen grazilen Gesamteindruck der Grafiken. Prächtige Tagesszenen unter karibischer Sonne lösen sich mit dem Schein der nächtlichen Lampen und dem fahlen Licht des Mondes ab. Letztere bilden das Ambiente einer Reihe von Sequenzen, eigentlich strahlender und mit mehr Atmosphäre behaftet als die Tagesszenen.

Ein überdurchschnittlich spannend erzähltes Piratenabenteuer, mit vorbildlichen und aufwendigen Bildern zum Leben erweckt von einem jungen Künstler, von dem sicherlich noch mehr zu erwarten ist. Keine Romantik, dafür umso dramatischer als das gängige Piratenszenario der letzten Jahre. Sehr gut. 🙂

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Montag, 19. September 2011

SHANGHAI 1 – Kind des Regens

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:56

SHANGHAI 1 - Kind des RegensYu Xin. Derjenige, auf dessen Spur sich diese Frau heftet, hat ein großes Problem, denn Yu Xin kennt kein Erbarmen. Im Kampf sehr erfahren, ist sie außerdem völlig unnachgiebig und erfüllt ihren Auftrag ohne jegliche Emotion. Derjenige, der von Yu Xin verfolgt wird, ist bereits tot und weiß es nur noch nicht. Shanghai erlebt im Jahre 1908 eine Zeit des Umbruchs. Ausländer dringen ins Land. Kluge Chinesen erkennen, wie sehr diese Einflüsse ihr Land verändern werden. Können sie auch nicht die neuen Einflüsse aufhalten, so sind sie doch nicht gewillt, sich einfach ihre Macht nehmen zu lassen. Wenn sich die Zeiten ändern, dann soll es zu ihren Bedingungen geschehen. Eigentlich soll Yu Xin an einem Uhrmacher nur ein Exempel statuieren. Doch das Resultat wird ein vollkommen anderes sein.

Und deine Klinge wird meine Botschafterin sein.

Der Kaiser in Peking ist schwach, die Verbrecherorganisationen suchen nach einem Weg, sich gegen die Ausländer zu behaupten. Vor der Kulisse dieser Zwistigkeiten gelangt Yu Xin in die Gesellschaft eines kleinen Jungen, zu dem sie, obwohl sie es nicht will, eine Beziehung aufbaut.

Mathieu Mariolle lässt zusammen mit Yann Tisseron (Zeichner und Kolorist) eine Zeit und eine Ecke der Welt wieder aufleben, die überaus fremd erscheint. Es ist eine Übergangszeit. In dieser Epoche, in der den Menschen überaus klar ist, dass sich nicht nur alles verändert, sondern dass diese Veränderungen auch Bestand haben werden, lässt Mariolle eine Heldin antreten, die erst einmal um die Sympathie des Lesers buhlen muss.

Eine professionelle Mörderin und Attentäterin als Hauptfigur zu etablieren (oder auch einen Mann), ist kein neues Motiv innerhalb rasanter und dramatischer Erzählungen, auch nicht im historischen Kontext. Meist ist es ein Funke, der eine neue Leitlinie hinzufügt. Manchmal ist es ein Kind, so auch hier. Dieser Kleine vollbringt das Wunder, der Mörderin Yu Xin Gefühle abzuringen, kannte sie ansonsten allenfalls Stolz nach vollbrachtem Auftrag oder Zweikampf. Vielleicht nicht einmal das, denn die Geschichte bringt keinen Gegner hervor, der ihr auch nur ansatzweise gewachsen scheint.

Bevor Mariolle sich aber gänzlich in der Charakterentwicklung Yu Xins verliert, spielt sich im Hintergrund ein viel größeres Machtspiel ab. Vor der Kulisse Chinas gewinnt das Wort Größe an zusätzlicher Bedeutung. Mittels der seidenweichen, mit markerähnlichen Farben kolorierten Bilder von Yann Tisseron entsteht vor dem Auge des Lesers ein düsteres, oft nächtliches, manchmal in Sonnenuntergänge getauchtes China, hinter dessen prachtvollen Fassaden es brodelt und sich die Menschen nur um sich selbst scheren.

Optisch im Stile neuerer computeranimierter Animes geht der erste Band von Shanghai noch einen Schritt weiter als die offizielle Historie. Die Opiumkriege sind geschichtlich bekannt, die Bemühungen des zahnlosen chinesischen Kaisers sind es nicht. In einem sehr festen und starken Zeichenstil, in dem der Stift scheinbar breiter aufgedrückt wurde, findet schleichend ein Wechsel vom historischen Thriller zum phantastischen Mystery-Abenteuer statt. So vollführt das letzte Viertel von Kind des Regens, Untertitel des ersten Bandes der Reihe, einen vollendeten Schwenk, der jegliche Vorausschau auf den nächsten Band unmöglich macht.

Dunkel, mysteriös, mit einer wandelbaren Heldin. Yann Tisseron erweckt das alte Shanghai der Jahrhundertwende von 1900 mit düsterer Pracht zum Leben. Mathieu Mariolle zeigt einmal mehr, dass er ein Händchen für Mystery-Thriller hat (Smoke City). 🙂

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Die Legende der scharlachroten Wolken 4

Filed under: Abenteuer — Michael um 10:19

Die Legende der scharlachroten Wolken 4 - Die verborgene Blume des ScheusalsDie Menschen aus dem Dorf sind nicht mehr gewillt, die Last und die Willkür des Herrschhauses hoch über ihren Häusern am Berg hinzunehmen. Heldenhaft und trickreich wehren sie sich gegen die Soldaten, die besser bewaffnet und geschützt sind. Doch der Kampf kann auf die Dauer nicht gewonnen werden. Zu klein ist die Anzahl derer aus dem Dorf, die den Kampf aufnehmen können. Zu gering ist ihre Bewaffnung. Gegen den Kamp aus der Ferne, gegen die Hagel aus tödlichen Pfeilen haben sie selbst ihren grob zusammen gezimmerten Deckungen keine Chance. Aber Wunder geschehen mitunter. Und so erheben sich die Kreaturen des Eiswaldes, um an der Seite der Unterdrückten zu streiten.

Saverio Tenuta schließt mit dem vierten Teil von Die Legende der scharlachroten Wolken, mit dem Untertitel Die verborgene Blume des Scheusals, seine Saga um den einarmigen und einäugigen Samurai Raido ab. Einerseits ist es eine Geschichte, die den Fan des Genres sogleich an die großen Abenteuer und Dramen, die in dieser Epoche spielen, denken lassen. Dieser Samurai folgt dem Weg des Kriegers bedingungslos. Abseits dieses Weges gibt es kaum etwas anderes. Er ist ein in sich ruhender Mann mit nur einer Aufgabe, die es zu erfüllen gilt. Dieses Epos, eine andere Überschrift kann kaum darüber gesetzt werden, erinnert trotz seiner weitläufigen Kulisse an ein Kammerspiel, da seine Figuren wie auf einem Schachbrett sehr überschaubar platziert sind.

Im vierten Teil treten sich die wichtigen Kontrahenten gegenüber: Es ist eine Zeit der kriegerischen Auseinandersetzung, der Zweikämpfe wie auch des finalen Untergangs. Wie es sich für ein asiatisch anmutendes Epos gehört, werden die Szenen nicht einfach nur gezeigt oder abgehandelt, sondern sie werden zelebriert. Für den Leser war klar, dass es so ausgehen muss, denn Saverio Tenuta folgt den Gesetzmäßigkeiten des Dramas. Das ist ein wenig Shakespeare in Asien, denn es vernachlässigt auch nicht die asiatische Phantastik, die hier in Gestalt der Wölfe aus dem Eiswald auftreten. Ryin, die Herrscherin, deren Wahnsinn ein Reich zugrunde richtete, ist gleichzeitig Furcht einflößend wie auch bemitleidenswert. Am Ende, das ist keine Überraschung, steht der Untergang. Und was für einer!

Saverio Tenuta gestaltet seine Bilder mit der selben Kraft, mit der er auch seine Erzählung vorantreibt. In seinen einzelnen Sequenzen und Szenen ist alles peinlich genau aufeinander abgestimmt. Ähnlich verhält es sich mit den Grafiken. Hier ist Titelbildqualität gleich Albenqualität. Zwar hat er es an vielen Stellen leichter, seine Bilder umzusetzen, wenn ein Schneeschleier eine Grundtendenz der Bilder vorgibt, andererseits zieht er gerade daraus die Möglichkeiten der Gegensätze und farblichen Überhöhung. Kostüme, Ausstattung und auch die Resultate von brutalen Kämpfen entfalten vor einer mit Schnee bedeckten Kulisse eine noch größere Wirkung.

Im Inneren des Palastes ist nicht der Kälte der Hintergrund, vielmehr ist Feuer die Grundlage. Draußen Eishölle, drinnen Flammenhölle. Entsprechend ist die Szenerie innen auch dämonischer, nicht zuletzt durch den ausgefeilt choreografierten Kampf zwischen Raido und seinem berserkerhaften Widersacher. Die Wirkung soll hier nicht echt sein, sie soll künstlerisch sein, überhöht. Je mehr die Handlung vorangeschritten ist, desto mehr untermalen die Bilder eine Geschichte, die nicht nur eine Saga ist, sondern auch zur Sage taugt.

Ein grandioses Finale: Die Kenntnis der ersten drei Bände ist ein Muss, aber wer bis hierher gelesen hat, wird vom krönenden Abschluss begeistert sein. Saverio Tenuta gibt mit dieser, seiner ersten Serie, einen tollen Einstand ins Comic-Fach. 🙂

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Sonntag, 18. September 2011

HOT ROCK

Filed under: Thriller — Michael um 19:41

HOT ROCK1969. John Dortmunder ist kein Aufgeber. Aber er ist auch kein Gauner, der mit besonders viel Glück gesegnet wurde. Obwohl gerade diese Eigenschaft für einen Ganoven existentiell sein kann, hält John Dortmunder doch nichts davon, an Haustüren Lexika zu verkaufen. Sein alter Kumpel Kelp, der ihn nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis abpasst, hat da einen viel besseren Job für ihn. Einen, der viel Kohle einbringt, Fingerspitzengefühl erfordert, also genau der richtige Job für einen John Dortmunder.

Ein kleines afrikanisches Land möchte einen Smaragden zurück, den sich ein anderes kleines afrikanisches Land angeeignet hat. Das Schmuckstück ist nun in einer Ausstellung in New York zu sehen. Wachen, Panzerglas, strengste Sicherheitsvorkehrungen und Alarmanlagen sollen Dortmunder und seine Kumpane Kelp, Chefwick, Murch und Greenwood nicht daran hindern sich das gute Stück für ihren Auftraggeber unter den Nagel zu reißen. Eigentlich sollte alles wie am Schnürchen klappen. Eigentlich. Aber, wie bereits gesagt: John Dortmunder ist nicht gerade vom Glück verfolgt.

Donald Westlake schuf mit seiner Figur des John Dortmunder einen Ganoven, geradlinig, zielstrebig und mit einem gewissen humoristischen Potential behaftet. Wenn ein Job nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals daneben geht, wenn die Bande zwar alles daran setzt, den Auftrag auszuführen, mit immer neuen Mitteln und dennoch kein Bein auf den Boden bekommt in dieser Angelegenheit, dann hat es der Leser (und seinerzeit auch Zuschauer) mit einer handfesten Gaunerkomödie zu tun.

Westlakes John Dortmunder, der schon von Robert Redford auf der Leinwand verkörpert wurde, ist in der Comic-Version von Lax ein schlanker, hoch aufgeschossener Kerl, Raucher, dunkelhaarig, jugendlich wirkend, dessen Gesicht aber auch verknittert sein kann, wenn mal wieder alles gründlich daneben geht. Ähnlich individuell, wie er den Dortmunder gestaltet, ist auch der Rest der Bande. Lax verwendet eine Art Maltechnik, die schnell aufgetragen scheint, den Moment präzise und die Gefühle auf den Gesichtern der Charaktere sehr genau einfängt. Ein wenig ist diese Mischtechnik aus Skizze, Buntstift, Bleistift, lasierendem und deckendem Farbauftrag auch an Gerichtsbilder angelehnt.

New York wird als städtischer Nebendarsteller immer gerne genommen. Lax legt besonderen Wert auf die amerikanischen Automobile jener Tage, Schiffe auf den Straßen, prall, wuchtig. Als kleine Hommage an Edward Hoppers Bild Nighthawks darf natürlich auch der Blick auf ein Eck-Diner nicht fehlen.

Hot Rock funktioniert nicht nur wegen der vortrefflichen Charaktere, die vorbildhaft sind und von Westlake sehr ernst angelegt wurden. Hot Rock funktioniert aus heutiger Sicht auch als Rückblick in eine Zeit, in der Planungen für einen Coup penibel abliefen, aber ohne heutige technische Möglichkeiten auskommen mussten, das Ausbaldowern noch eine echte Herausforderung war. Westlake etabliert einen Running Gag mittels des eher geizigen Auftraggebers und lässt sich für die verschiedenen Gaunereinsätze einiges einfallen. So wird ein Cobra Shelby als Fluchtwagen eingesetzt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Eine feine Mischung aus Action und Gaunerkomödie, ausdrucksstark und passend zur Geschichte gezeichnet, mit einem dokumentarischen Blick. Für Freunde guter Krimis, mit ein wenig historischem Flair, genau das Richtige. 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

Mittwoch, 14. September 2011

Sky Doll Lacrima Christi Collection 2

Filed under: SciFi — Michael um 19:48

Sky Doll Lacrima Christi Collection 2Ein Alptraum, der mit Mord und Totschlag endet. Nach der Jagd durch die Psyche erfolgt schließlich das geschockte und doch heilsame Erwachen. Im Spiegel sieht die Welt wieder besser aus. Die, deren Wohl dem kleinen Arzt so sehr am Herzen liegt, fühlt sich frisch und entspannt. Wieso ist diese Prozedur, so schmerzhaft, notwendig? Was verbirgt der Arzt? Wer sind seine Hintermänner? Alessandro Barbucci (Autor) und Barbara Canepa leiten mit dieser ersten Kurzgeschichte den zweiten Band dieser SKY DOLL Collection ein. Ein wenig gruselig, gewalttätig, ein Alptraum, der in die tiefsten Schichten führt: So hat es zunächst den Anschein. In der Welt von SKY DOLL ist das Wechselspiel von Schein und Sein wohl berechnet. Sexualität, Religion, Gewalttätigkeiten, Dramen und Tragödien lösen einander ab. Hoffnung findet sich hier nicht.

Obwohl Barbucci in der zweiten Geschichte genau mit dieser Hoffnung spielt. The saint in a bottle bringt sich um andere beinahe um den Verstand. Aus einer Reliquie entsteht eine kurze Episode mit dem Anschein von Glück, das in Habgier gipfelt. Plötzlich wollen alle ihr persönliches Wunder. Am Ende reicht eines nicht aus. Barbucci kratzt mit seiner Geschichte an der Oberfläche, trotzdem schimmert Kritik durch. Wie berechtigt oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für jede Geschichte ein anderer Künstler: Hier ist es Mikael Bourgoin, der in einer ausdrucksstarken Mischtechnik ein kleines Drama zu Papier bringt. In ausgewählten Farben, düsteres Lila, strahlendes Gold, wirkt die feine Kolorierung aus Aquarelltechnik und kreideartigem Buntstift sehr passend zur düsteren Atmosphäre.

Mit Sleeping Dreamer, wieder von Barbucci erzählt, darf der chinesische Topzeichner Benjamin seinen Teil zur Saga von SKY DOLL beitragen. Mit der Bezeichnung Ätherisch lassen sich Benjamins Maltechniken überschreiben. Er ist ein deutlicher Computerkolorist, der aber bemüht ist, den Eindruck von Airbrush und Wischtechniken entstehen zu lassen. Farblich zum Regenbogen hin orientiert findet der Leser hier eine traumhafte Sequenz, für die Benjamin genau der richtige Zeichner gewesen ist.

Es ist schwer, Gradimir Smudja nicht als eine Art Heavy-Metal-Künstler zu bezeichnen oder wenigstens als solchen, der auch für die Reihe Judge Dredd hätte zeichnen können. Sein leicht anarchischer Stil passt zur Geschichte, die aus der Leichtigkeit der übrigen Handlungen aus dem Rahmen fällt. Und mehr als das: Optisch tüftelt Smudja mit dem Spielkartenprinzip und der optischen Täuschung. Figuren werden einander spiegelbildlich gegenüber gesetzt. Karomuster, räumlich verzerrt, sorgen für eine verwirrende, fast schon Alice-im-Wunderland-Optik.

Blood-Red-Shoes zeigt entgegen der bisherigen Geschichten eine hoch technisierte Welt, beinahe in einer 3D-Zeichentrickoptik. Nach den vorhergehenden Handlungen überrascht die Kälte dieser Kurzgeschichte, die hier von Barbara Canepa aus dem Off erzählt wird und so die Kälte und den Abstand noch verstärkt. Erst zum Abschluss wird es mit der von Enrique Fernandez gemalten White Cinderella wieder romantischer in einer sehr cartoonartigen Technik.

Eine gelungene Mischung, die viele Facetten dieses ungewöhnlichen Geschichtenuniversums erfasst: Vielleicht könnte man es eine Romantic-Techno-Comedy nennen, die durch unterschiedliche Grafikstile für Freunde der Comic-Kunst ein breites Spektrum zur Begutachtung bereithält. 🙂

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Das ausschweifende Leben des Nylonmanns

Filed under: Cartoon — Michael um 17:31

Das ausschweifende Leben des NylonmannsCharlemagne Detrecy ist nicht einfach nur ein Raufbold. Hinter seiner lächelnden Fassade quälen ihn die Monster, die hinter den Menschen lauern. Manchmal kann er sie erkennen und dann muss er sie verprügeln. Ansonsten hat niemand etwas von ihm zu befürchten. Im Gegenteil Detrecy kann sehr charmant sein, liebevoll und vermag diese Qualitäten auch vollendet einzusetzen. Wären da nicht diese Visionen, die natürlich genau dann auftauchen, wenn sie am wenigsten von Nutzen sind. Und da wäre noch der Eskimo und das ist nicht etwa eine andere Geschichte, nein, weit gefehlt.

Anarchie: Hans-Michael Kirstein und Hermann (Comanche) erzählen eine Comic-Geschichte, in der nicht das Ziel zählt, sondern der Weg. So ließe es sich im philosophisch übertragenen Sinne sagen. Sofern man überhaupt interpretieren, philosophieren sollte, über das, was die beiden Comic-Macher hier zu Papier gebracht haben. Anders gesagt: Hätte die legendäre Truppe Monty Python jemals die Idee gehabt, einen Comic zu schreiben und zu zeichnen, hätte etwas wie Das ausschweifende Leben des Nylomanns dabei entstehen können.

Anemone, eine junge Frau, deren Mutter gestorben ist, muss ihren Vater finden, ansonsten gibt es kein Erbe. So weit, so einfach? Nein, nicht einfach, da die Welt um Anemone herum komplett durchgeknallt ist (gut, das wussten wir schon vorher) und der Vater ein Forscher mit sehr merkwürdigen Methoden ist. Gleich das erste Bild des Comics offenbart, wie seltsam diese beschriebene Welt ist. Hier wird die Normalität kurzerhand gesprengt, das Kuriose zur Normalität erhoben und entsprechend mokiert sich hier niemand über diese Merkwürdigkeiten.

Aus einem Rohr schiebt sich eine Hand mit einer Bratpfanne. Ein Omelett wird gewendet. Ein Mann in Jacke und Unterhose und einem Orden auf der Weste marschiert griesgrämig die Straße entlang. Auf der anderen Straßenseite fährt der Tod höchstselbst mit einem Leichwagen vorüber. Auf dem Bürgersteig geht ein Mann mit einem Schwein unter dem Arm spazieren. Abfalleimer hängen auf der Höhe von Straßenlaternen und wollen wie bei einem Basketballspiel zielgenau gefüttert werden.

Das ist noch gar nichts. Der gemeine Comic-Leser, also jener, der mit Kuriositäten so gar nichts anzufangen weiß, sollte bereits einen genauen Blick auf das Titelbild werfen, auf dem aus einem mit Füßen bewehrten Kürbis ein Kameraobjektiv schaut. Anemone kann in dieser verrückten Welt ihren Vater nicht alleine finden. Also engagiert sie einen Detektiven. Immerhin schafft er es Anemone auf die richtige Spur zu bringen. Leider greifen irgendwann die Biobauern mit ihren Gurken an und ein liebeskranker und von Visionen geplagter Muskelprotz kommt auch noch dazwischen.

Schmunzeln Sie jetzt! Nicht dagegen wehren! Man wird es nämlich nicht schaffen. Nach Wo bin ich hier gelandet?, über Ich verstehe das nicht!, landet man schließlich bei Okay, lass laufen!. So mag es auch von Kirstein und Hermann gedacht sein. Spätestens, wenn der im Eis fischende Eskimo dazwischen funkt, ist einem alles egal und man genießt den Wahnwitz des Comics einfach nur noch, denn mehr bleibt einem nicht zu tun.

Hermanns Bilder kommen sehr leicht ausgeführt daher, nicht mit der Perfektion, die aus Comanche, Andy Morgan oder Jeremiah her bekannt ist. Hermann kreiert zwar die Hingucker, doch die Handlung braucht auch die Geschwindigkeit. So gesehen imitiert der Nylonmann absurdes Kino. Hier wird von einem Staunen, von einer Verwunderung zur nächsten gehüpft. Im Anhang wird auf Hermanns klassische Comic-Technik Bezug genommen, wie die Abfolge der Entstehung ist, von der Skizze bis zum fertigen Bild. In ausgewählten Grafiken wird der Leser noch einmal bei der Hand genommen und gezeigt, wie wichtig es ist, für den Spaß auch auf Details zu achten. (Da gibt es viel zu tun!)

Leicht gezeichnet, leicht erzählt: Absurd wie Monty Python, mit einem speziellen Humor, der sich nicht jedermanns Sache ist. Selbst für Hermann-Fans sollte gelten, zuvor einen Blick hinein zu werfen. Mich hat es amüsiert. 🙂

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Samstag, 10. September 2011

ABSOLUTE ZERO 1 – Mission Sibirien

Filed under: SciFi — Michael um 17:40

Absolute Zero 1 - Mission SibirienAm Ziel angelangt werden die Soldaten aus ihrem künstlichen Tiefschlaf geweckt. Das Ziel, ein unwirtlicher Planet namens Siberia, soll kontrolliert werden. Ist der Planet auch eine Eiswüste, wird dort dennoch eine Forschungsstation unterhalten. Der Auftrag unterliegt dem Roten Codex: Materialschäden sind keine erlaubt. Menschen jedoch können geopfert werden. Selbst jene, die den Auftrag überhaupt erst ausführen. Die Marines, die im Shuttle auf dem Planeten landen, sind über diese Auftragskennung keineswegs begeistert. Dagegen unternehmen, können sie nichts. Überhaupt ist einiges merkwürdig. Sicher, unten auf der Oberfläche ist es kalt, verdammt kalt sogar, irgendwo her muss der Name Siberia schließlich kommen, aber die Pillen, die sie vor dem Einsatz schlucken sollen, waren nicht eingeplant.

Richard Marazano und Christophe Bec, zwei Comic-Macher, die es immer wieder schaffen, das Geheimnisvolle, Mysteriöse in ihre Geschichten einzubauen und eine knisternde Spannung anzulegen, nehmen den Leser in ein Szenario mit, in dem sich Genre-Freunde direkt wohl fühlen werden. Marazano und Bec, die mit Veröffentlichungen wie Der Schimpansen-Komplex, Eco Warriors, Prometheus oder Heiligtum auf sich aufmerksam gemacht haben, agieren hier einmal mehr auf zwei Ebenen, die zunehmend (alp)traumhaft ineinanderfließen.

Die erste Ebene, jene des real fassbaren Einsatzes, verläuft kühl, mechanisch, präzise, eben mit der Professionalität von Marines, die ihren x-ten Auftrag durchführen. Es wird geredet, getratscht, die Arbeit gemacht. Allzu schnell werden Flapsigkeiten zur Nebensache. In der Station finden sich Tote. Ein Angriff erfolgt. Die im Einsatz befindlichen Soldaten verlieren langsam den Verstand, die einen mehr, die andere weniger.

Stellen Sie sich vor: Jesus lebte wirklich.

Marazano und Bec spielen mit der Vorstellung, der Einbildung, dem Wahn. Sie spielen mit ihren Vorbildern, flechten Ansichten von Tom Cruise, Sigourney Weaver, auch Arnold Schwarzenegger ein. Sie vergessen das Alien auch nicht, indem sie den Schauplatz des dritten Kinofilms ein wenig imitieren. Darüber hinaus stellen sie dem Leser ein Rätsel (eines, dem ich nicht einmal ansatzweise auf der Spur bin). In ihrer Bildsprache oder Szenen verbergen sich Hinweise (oder auch nicht). Jesus trägt auf dem Wege zur Kreuzigung ein Hakenkreuz, Der Meister und Margarita, Terence Hill als Nobody, Pin-Ups. Bilder blitzen kurz auf: Mondlandung, Micky und Goofy und Che Guevara. Das ist alles in allem, zumindest oberflächlich betrachtet, keine leichte Kost.

Der Meister und Margarita: Die in kühlen Brauntönen gehaltenen Szenen, offensichtlich jenem Roman von 1940 entstammend (erschienen 1966), als Versatzstücke in die Handlung eingeordnet, stehen Szenen aus Platoon gegenüber, untermalt vom Liedtext eines Bruce Springteen. Über allem mag die Frage stehen, ob der Teufel existiert. Setzt man die Puzzelteile zusammen, die sich hier finden lassen, ist die Antwort eindeutig. Sicher ist auf jeden Fall, dass Comics ihre Leser selten derart auf die Folter spannen und zum Mitdenken (auch zum Recherchieren) einladen.

Rätselhaft, ungewöhnlich: Richard Marazano und Christophe Bec tauchen wieder tief in die menschliche Psyche ein, manchmal etwas verwirrend, aber auch faszinierend. Für Freunde von Geschichten mit Interpretationsspielraum im Stile von 2001 oder Solaris.

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