Samstag, 06. Oktober 2012
Der Lufteinsatz über serbischem Kriegsgebiet ist höchst gefährlich. Im widrigen Wetter, bei meterhohen Wellen kann der abgestützte Pilot im Wasser nur unter Mühen geborgen werden. Doch das Kriegsgebiet ist groß und Unterstützung aus der Luft kann nicht immer und überall zur Stelle sein. Die Piloten des Transportfluges, die Hilfsgüter abwerfen sollen, sehen sich plötzlich einem Luftangriff durch einen Helikopter gegenüber. Abwehrmaßnahmen können einigen Raketen ablenken. Eine trifft. Und damit ist der Überlebenskampf noch nicht vorüber.
Neue Zeichner, famose Optik: In den vorliegenden zwei Abenteuern dieses Sammelbandes geben sich Yvan Fernandez und Renaud Garetta die Ehre. Das bedeutet auch: Zurück den grafischen Wurzeln, wie Albert Uderzo sie zu Beginn der Serie vorgegeben hat. Zwischenzeitlich als Jije die Reihe künstlerisch übernahm, wurden die Grafiken intuitiver. Dem gefühlten Abenteuer wurde deutlicher Vorrang gegeben. Nun steht wieder die Technik und das Miteinander der beiden Hauptfiguren im Vordergrund. Das ist wieder moderner, aber auch klassischer. Freunde des Flieger-Comics, die an Serien wie Buck Danny ihre Freude haben, können diesen 9. Sammelband mit den Abenteuern In serbischer Gefangenschaft und Operation Opium auch als Einstiegsdroge in die Reihe begreifen.
In serbischer Gefangenschaft gibt die ernsthaftere und an historischen Ereignissen orientierte Ausrichtung der beiden Abenteuer vor, die sicherlich auch nicht uninspiriert von entsprechenden Filmen ist. Aber auch damit folgen diese Geschichten der Technik, die auch der erste Erzähler der Reihe, Jean-Michel Charlier, aufgriff. Aber der Leser wird auch den Gebrauch echter Kriegsverbrecher entdecken, gruselig gut erkennbar. Ausgerechnet Laverdure trifft es auf einer seiner Missionen, so dass er gezwungen ist, aus seiner Maschine auszusteigen. Der neue Autor Jean-Claude Laidin macht zuvor mit Laverdure die gewohnten wie auch zu erwartenden Slapstick-Einlagen, bevor es wie in Im Fadenkreuz sehr spannend zur Sache geht.
Yvan Fernandez ist grafisch zwischen den Künstlern Victor Hubinon und Leo einzuordnen. Aber in der perfekten Inszenierung technischer Details, bei Fahrzeugen zu Lande, zu Wasser und in der Luft finden sich auch die Anklänge eines Roger Leloup. Der Strich von Yvan Fernandez bedeutet klassische Schule, in der nichts dem Zufall überlassen wird, kaum ein Schatten verdeckt vielleicht unklare Perspektiven. Keine Einzelheit wird gescheut, selbst wenn der Bildausschnitt noch so klein ist. Die Bilder von Fernandez laden zum Verweilen ein, alles will betrachtet werden. Das ist, wie auch von Laidin erzählt, fast ein wenig Jerry Bruckheimer auf Comic-Seiten.
Renaud Garetta bleibt realistisch, vielleicht nicht mit ganz so hohem Detailgrad, gerät aber mit seiner Darstellung der Figuren näher an den ursprünglichen Zeichner Albert Uderzo heran. In den von Garetta gezeichneten Gesichtern liegt etwas mehr Charakter, mehr Unterschied. Bei ihm sind sie mehr Schauspieler als gezeichnete Charaktere. Operation Opium führt den Realismus fort und greift nach dem Krieg in Serbien den Anschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten auf. In einer Szene begleitet der Leser sogar die Passagiere in der gekidnappten Maschine bei ihrem Anflug auf das nächste Ziel, das Pentagon.
Die Vermischung von derlei dramatischen Ereignissen, die das Weltgeschehen unglaublich beeinflussten, mit einem Comic wirkt zunächst schwierig, ist aber der Auftakt zu einem Militärthriller neuerer Machart, wie er sich ansonsten nur in Romanform (meistens) finden lässt. Da sind die, wenn auch sehr wenigen, Scherze eines Laverdure eigentlich fehl am Platz.
Härter, realistischer als gewohnt, sehr gut illustriert, im Stile moderner Technikthriller erzählt, können die beiden hier zusammengefassten Bände sehr gut zum Einstieg in die Reihe gelesen werden. 🙂
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Mittwoch, 03. Oktober 2012
Sophie Scholl riskiert alles. An der Universität fällt sie durch ihre Bemerkungen auf. Mit Freunden entwirft sie Flugblätter. Parolen an Häuserwänden sollen aufrütteln. Als Nikolaus Wedekind ihr noch bei den Vorbereitungen hilft, sind seine Gedanken trotzdem schon auf die nächsten Flugstunden gerichtet. Wedekind soll die Me 262 in die Luft bringen, ein Jagdflugzeug, das dank seines Düsenantriebs 150 Stundenkilometer schneller ist als alles, was die Alliierten im Luftkampf aufbieten können. Bald jedoch blickt Wedekind dem Teufel ins Gesicht, da er die Lage vollkommen unterschätzt hat. Als Sophie Scholl auf ihre Hinrichtung wartet, weiß er sich in seiner Verzweiflung nicht mehr zu helfen.
Der Himmel liegt grenzübergreifend in Trümmern. Jene, die den Krieg fortsetzen, haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Und Satan ist selbst nach der Erkenntnis des jeweiligen Bündnispartners, einen großen Fehler begangen zu haben, nicht mehr bereit, auf seinen Lohn zu verzichten, denn der Pakt wurde mit Blut besiegelt. Autor Philippe Pinard nimmt den Leser mit in die Endphase des Zweiten Weltkriegs, als die deutsche Luftwaffe mit einem neuen Flugzeugtyp eine Wende im Luftkampf herbeizuführen. Für jene in der Luft und am Boden war nur allzu deutlich, dass es sich dabei um Phantastereien handelte. Philippe Pinard zeigt gerade jene junge Generation, die es wagte sich aufzulehnen. Die einen mehr, die anderen weniger.
Nikolaus Wedekind, an der Universität in München eingeschrieben und ein Kommilitone von Sophie Scholl, ist von der Herrschenden nicht begeistert, aber er ist nicht dazu bereit, denselben Weg einzuschlagen, wie es seine gute Freundin macht. Zwar hilft er ihr, ein Flugblatt zu entwerfen, das die Missstände anprangert, aber weiter geht er nicht. Die Schwierigkeiten im Land sind im allzu bekannt, er wird auch Zeuge solcher Ereignisse, die den Überwachungsstaat vor Augen führen. Auch weiß er um die tatsächliche Kriegslage, die Zange, die von den Alliierten immer enger gezogen wird und die deutsche Armee letztlich einkesselt. Doch den letzten Schritt, die Fahnenflucht, vollbringt er nicht.
Philippe Pinard beschreibt einen jungen Mann, dem die Lage bewusst ist, der aber auch fliegen will. Der Teufel, der, wie auch im zitierten Faust, in der Gestalt eines Hundes (mit dem treffenden Namen Fisto) erscheint, seziert den Untergang Deutschlands, den Weltenbrand, verhöhnt den jungen Wedekind mit rhetorischer Eleganz. Dabei reitet Wedekind im Cockpit der Messerschmitt Me 262 auf der sprichwörtlichen Kanonenkugel, mit eng bemessenen Zeitplan und sensiblem Steuerknüppel.
Olivier Dauger zeichnet die erste Folge des Fünfteilers mit der klassischen klaren Linie. Streng aussehend, keineswegs verspielt, wie die Linie ansonsten wirken mag. Erinnert das Szenario am Boden an Weltkriegsschilderungen wie Die Entdeckung, mit historischen Begebenheiten und Kriegsalltag im Inland, ist das Szenario in der Luft technisch ähnlich versiert wie ein Buck Danny. Vorerst zählt hier nicht der Luftkampf. Die Maschine, die Me 262, dient zu Anfang zu Schulungszwecken, denn leicht macht sie es ihren Piloten nicht. Die klare Linie lässt die Handlung (gerade bei historischen Szenarien) halbdokumentarisch erscheinen. Farblich wird auf eine zumeist einfarbige Kolorierung von Flächen gesetzt. Nur hin und wieder erzeugen wenige Lichter oder Schattierungen etwas mehr Volumen.
Die Dramatik steigert sich bis zum Ende. Und tatsächlich könnte die Geschichte hier schon zu Ende sein, würde Teufel nicht etwas dagegen haben. So wird dem Bösen (wie im Faust) ein Gesicht und eine Stimme gegeben, äußerlich harmlos, aber verschlagen. Philippe Pinard schiebt so noch eine weitere, traumhaftere Ebene in die Handlung ein. Doch ein Verführer, wie im erwähnten Faust, ist Fisto, der Hund, nicht. Hier ist er ein Philosoph der Zerstörung, ein Wissenschaftler der Vernichtung. Ein entsprechendes Licht wirft er auf dieses Wunderwerk der Technik, die Me 262.
Fliegen für das Vaterland wird zu einem Akt des Verrats an den Menschen. Doch die Versuche sich dagegen aufzulehnen sind allzu zaghaft und schlecht geplant. Der Auftakt der Reihe lässt die Hauptfigur an sich selbst verzweifeln, der Himmel liegt im wahrsten Sinne des Wortes in Trümmern. Packend. 🙂
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siehe auch: Die Entdeckung (Link innerhalb des Comicblogs)
Sonntag, 30. September 2012
Die neue Reporterin macht einen leicht vorlauten Eindruck auf die Soldaten, die bereits seit geraumer Zeit ihren Dienst in Afghanistan versehen und wissen, wie der Hase läuft. Wenn das Camp verlassen wird, um Aufträge zu erfüllen, sind Zeitpläne einzuhalten. Nicht unnötig aufhalten, dem Feind keine Zeit geben, einen Angriff zu planen, Truppen heranzuführen oder Nachricht zu geben, wo der Trupp sich gerade befindet. Die Journalistin hingegen ist mit engen Zeitplänen noch nicht so vertraut. Bald schon gibt es die ersten Schwierigkeiten, die geradewegs in höchste Bedrängnis führen. Und so wird aus einer Hilfsaktion eine Flucht.
Deutsche Soldaten befinden sich im Krieg. Aus ziviler deutscher Sicht mag die Situation eine andere sein, für die Soldaten selbst mag das kaum zutreffen, für jene, die sie durch ihr Land patrouillieren sehen, sind hier ebenfalls aktive Soldaten unterwegs. Und die können angegriffen werden. So einfach ist das. Motivationen verschwimmen vor dem Hintergrund von Einsätzen schnell. Wer fährt wann hinaus? Wie schützt man sich? Auf welche verräterischen Anzeichen ist bei möglichen Anschlägen zu achten? Während die Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind, sie erneut mit ansehen müssen, wie ein Sarg mit einem ihrer Kameraden darin auf die Heimreise geschickt wird, trainieren andernorts Journalisten den Ernstfall einer Gefangennahme. Doch die Simulation gibt nur einen ungenauen Blick auf die wirklichen Gefahren.
Afghanistan. Ein Land im Kriegszustand und die Deutschen befinden sich mittendrin. Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt. Das Zitat vom damaligen Verteidigungsminister klang merkwürdig und sieht, folgt man der Geschichte in Wave And Smile, aus Sicht der Afghanen auch merkwürdig aus. Autor und Zeichner Arne Jysch beschreibt eine Situation, die historisch betrachtet, stets in komplett oder halb desaströsen Zustand mündeten. Krieg hat noch nie eine kulturelle Kluft überwunden, höchstens zugeschüttet. Wenn die Soldaten Turbinen zur Stromerzeugung an ein Dorf liefern, ist die Stimmung friedfertig, doch der Weg dorthin, selbst aus der Luft (oder gerade) ist höchst gefährlich.
Aus der Ferne fällt es immer noch schwer, sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass deutsche Soldaten im Ausland Einsätze tätigen. Ihr Mut ist unbestritten, ihr Einsatz legitimiert, doch so richtig verstanden haben ihn die Soldaten nicht, denn stets liegt eine Art Schleier über den Informationen, den politischen Richtungen, der Arbeit der Soldaten. Wie schwierig es für die Soldaten in dieser Situation ist, sich mit ihrer Arbeit abzufinden, die tödlich enden kann und scheinbar keinerlei Dankbarkeit oder wenigstens Achtung, höchstens Ächtung erfährt, zeigt Wave And Smile in vielen Szenen. Exemplarisch an der Seite einer Journalistin erlebt der Leser den Alltag hautnah und ohne unnötig zugespitzte Dramatik mit.
In relativer Mitte erfährt die Geschichte eine Wende. Die Hauptfigur, Chris, im Range eines Hauptmanns, setzt sich nach Beendigung des Dienstes auf die Spur seines Entführten Kameraden Marco. Ohne Unterstützung von offizieller Seite gerät Chris immer tiefer in Feindesland, bis ihm selbst die Gefangennahme droht.
Klare Formen, realistisch wie von einem Gerichtsreporter oder eben einem Kriegsberichterstatter illustriert, schnörkellos, ohne Übertreibungen, mit lasierenden Farben koloriert, verzichtet Wave And Smile auf Effekthascherei. Grundlegend decken sich die Ansichten mit denen, die der Leser auch als Zuschauer aus diversen Wüstenkriegsszenarien der letzten Jahre kennt, ergänzt durch die Blicke hinter die Kulissen, das Kasernenleben, einsame Einsätze, zu Lande und in der Luft und den Begegnungen mit den Einheimischen, freundlich wie feindlich.
Der Blick auf das Geschehen ist stets neutral, ohne Verklärung einer Seite (es gibt durchaus mehr als zwei). Zwischenmenschlichkeit geht vor Aktion. Heimliches Vorgehen steht über Feuergefechten, die kaum zu gewinnen scheinen. Das ist liest sich echt, so, wie es auch beabsichtigt gewesen und durch die Rechercheangaben nachzuvollziehen ist.
Ein ernsthafter Blick auf ein Kapitel, das trotz ständiger Präsenz in den letzten Jahren immer nur am Rande aufgeschlagen wird (oder die nächste Meldung über einen gefallenen deutschen Soldaten Schlagzeilen macht). Interessant, realistisch, selten in seiner Machart zu gerade diesem Thema. Arne Jysch hat eine Geschichte kreiert, die auch als Roman oder Fernsehfilm funktioniert hätte. 🙂
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Donnerstag, 27. September 2012
Die Flüchtlinge haben keine echte Gelegenheit, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Feind ist überlegen und gnadenlos. Kurz darauf ist die kleine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern tot und die Hethiter rühmen sich des mageren Sieges. Die Skythen jedoch sind von einer ganz anderen Größe. Ihre Fähigkeiten als Krieger sind legendär, ihre vorübergehende Sesshaftigkeit ist nur eine Ruhepause. Wer in dieser Phase dachte, von den Skythen gehe keine Gefahr mehr aus, sieht sich bald getäuscht. Nur allzu bereitwillig greifen sie wieder zu den Waffen, setzen Mensch und Tier in Marsch, mitten hinein in einen großen und vernichtenden Krieg.
Vor langer Zeit, als die Menschen Kriege führten, der Krieg für Nomadenvölker dazu gehörte, verschoben sich die Machtverhältnisse und starke Armeen marschierten gegeneinander auf. In einer Zeit, in der ein Menschenleben nichts gilt, Sklaven gefangen genommen, als Geschenk empfangen, benutzt und geopfert werden, verdunkelt sich der Horizont durch die Machtgier des Königs der Hethiter. Sylvain Runberg entwirft aus einigen geschichtlichen Vorgaben ein eigenes Historienabenteuer, ganz im Sinne klassischer Schwert-Fantasy. Drei Nomadenvölker, die Kallipiden, die Sarmaten und die Kimmerier haben sich zu einem Skythen-Bund, der Horde der Lebenden, zusammengefunden und bilden einen außerordentlichen Machtfaktor.
Das an Zahl riesige Volk der Skythen soll den Kampf gegen die Hethiter aufnehmen, einen Kampf, der durch die Babylonier dokumentiert werden wird. Als Leser fühlt man sich an Szenarien von Robert E. Howard erinnert, aber auch neuere Leinwandepen wie Alexander, die es mit der historischen Realität nicht so genau nehmen. Das Titelbild wie auch der Titel selbst mögen eine südamerikanische Ausrichtung der Handlung andeuten, doch damit wäre man auf dem völlig falschen Kontinent. Die Grandiosität des vorliegenden Bandes ist in der Optik zu finden, die dank der Vorgaben von Sylvain Runberg einiges auffährt: Kampfelefanten, Stiere, Bären, Pferde und Kamele selbstverständlich, Wildschweine, Hirsche, seltsamerweise auch Tiere, die an das selbst zu jener gezeigten Epoche längst ausgestorbenen Paraceratherium erinnern (Vorläufer des Rhinozerosses).
Francois Miville-Deschenes, der die Zeichnungen wie auch die Kolorierungen übernommen hat, rangiert mit seiner herausragenden Technik auf Augenhöhe mit Künstlern wie Iko (Finsternis), Greg Land (Ultimate Fantastic Four) oder auch (Träume, Spider-Man). Ein Höchstmaß an Realismus, seien es Menschen, Tiere, Technik, Architektur oder Umgebung ist hier in jeder Szene mit großem technischen Anspruch zu finden. Der Illustrator scheut keine Perspektive (zum Beispiel von schräg unten gegen ein menschliches Gesicht geblickt) und generiert Nahaufnahmen ebenso gekonnt wie das beliebte Breitwanderlebnis, möglichst groß, mit vielerlei Geschehen an allen Ecken und Enden.
Es ist eine brutale Welt. Einer betonten Körperlichkeit begegnet der Leser auf jeder Seite. Männer und Frauen (Sarmaten) kämpfen gleichermaßen. Suchen letztere ihre Visionen in Dämpfen, opfern andere Seher Menschen für Informationen über die Zukunft. Kleine Siege werden als große Kämpfe gepriesen und ein jeder feiert seinen Sieg auf seine Art. Die Ansichten sind barbarisch ebenso wie sinnlich, kein unwesentlicher Aspekt der gesamten Handlung. Hier wird keine Gesellschaft gezeigt, die alt sterben will. Die älteren Skythen ziehen mit Begeisterung in ihre wahrscheinlich letzte Schlacht. Die einzigen wirklich Alten, hoch begabt in der Magie, aber keineswegs besonders weise, Überlebende des versunkenen Atlantis, haben sich dem Alter ergeben. Auch wieder jeder auf seine Weise.
Vornehmlich sehr, sehr feine und sehr, sehr genau gesetzte Striche bilden das Korsett der Bilder. Nicht weniger atmosphärisch, mit Sinn für die richtige Farbe zur richtigen Situation, auch kräftig und realistisch in anderen, für die Skythen alltäglichen Szenen gestaltet Francois Miville-Deschenes den Band durchgehend. Gerade über den lasierenden Farbauftrag schafft er viel Volumen in den Bildern und ein weitaus höheres Filmempfinden beim Betrachten der Grafiken, als es andere Comics gewöhnlich schaffen.
Ein grafischer Knaller, für Freunde meisterschaftlicher Zeichner sehr zu empfehlen. Klassische Schwert-Fantasy, die einige kommende Überraschungen bereits andeutet und auch nicht mit drastischen Darstellungen spart. Spannend, aus der Sicht einer babylonischen Schreiberin erzählt. 🙂
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Eine Katzenklappe? Wie schön. Sie klappt so nett auf und zu. Aber was macht man damit? Eine Kiste mit so sandartigem Zeugs darin. Frauchen freut es, wenn man darin sitzt. Ja, aber was soll das? Die Tücken im Alltag der vielen Missverständnisse zwischen Katzen und Katzenbesitzern (es soll ja immer noch Menschen geben, die glauben, sie besäßen tatsächlich ihre Katzen). Wie erziehe ich meine Katze? Oder erzieht meine Katze mich? Die Katze und ihr unverstandenes Wesen, überschätzt, unterschätzt, ein egoistischer Held, ein ängstliches Kleinkind. Und außerdem, wenn sie irgendwo liegen will, dann will sie dort liegen. Und wenn sie spielen will, dann will sie spielen. Und wenn sie … Nicht, was der Mensch will. Warum kapieren Herrchen und Frauchen das einfach nicht?
Die Katze. Geheimnisvoll. Unabhängig. Geschickt. Oder doch nur einer der besten Hochstapler, die das Tierreich zu bieten hat? Glaubt man den Machern dieses Bandes, Miez Miez Miez, ist die Katze nur sehr geschickt darin, ihre Schwächen zu verbergen. Ist sie in Wahrheit doch nur, wenn auch liebenswerter, Tollpatsch, verfressen, nicht ganz so intelligent, wie sie vorgibt zu sein und will auch nicht immer draußen sein. Obwohl sie durch ihr Verhalten genau diesen Wunsch eine Minute zuvor noch geäußert hat.
Der Mensch liebt sein Haustier, ob Frauchen oder Herrchen, die Geduld für diese sehr eigensinnige Spezies auf vier Pfoten und mit einem sehr ausgewählten Geschmack, ist schier unendlich. Lapuss beschreibt die vielen witzigen Anekdoten mit treffendem Blick eines Katzenfreundes und der Erfahrung, die ein Stubentiger von der ersten Sekunde an gewillt ist, seinem Herrchen oder Frauchen zuteil werden zu lassen. Zeichner Labier zeigt die Katzen in allen Formen und Farben und häufig mit einem solch breiten Lächeln versehen, das selbst die Grinsekatz aus dem Wunderland nicht erreicht.
Die Klugheit der Katzen wird bei Lapuss und Larbier zum Mythos. Auch der Versuch des Menschen, eine Katze zu dressieren, mündet in kleine wie größere Katastrophen. Krallen können eine echte Herausforderung sein. Mahlzeiten, die schlecht erreichbar sind, sind oft reizvoller als alles andere. Außerdem zeigt sich eines ganz besonders: Aus Schaden wird keine Katze klug. Bei allen Abenteuern der tierischen Begleiter, die sich jeweils über eine Doppelseite ziehen und unterschiedliche Hauptdarsteller vorführen, ist der Blick immer liebevoll. Wenn die Katze schnurrt, sich anschmiegt und schnurrt, wer könnte da noch widerstehen?
Der Strich von Labier, der hin und wieder in seiner Ausprägung an Persiflagen von Garfield oder den Aristocats erinnert, ist prall, cartoon-versiert. Bleiben die Menschen, Herrchen wie Frauchen, immer gesichtslos (eigentlich sollte man sagen kopflos, was angesichts des uneingeschränkt nachsichtigen Verhaltens auch passt), so sind die Katzen auf ihre Art Clowns, die nicht nur mit Mimik, sondern mit ganzem Körpereinsatz bei der Sache sind.
Qietschbunt, in bester Zeichentrickmanier koloriert Rabarot die Vorlagen von Larbier. Das jeweils kurze filmische Vergnügen auf Papier zwingt zum Weiterblättern, lächeln, lachen, grinsen und gleich noch einmal von vorne beginnen, bitte, denn die Katzen sind einfach auch zum Knuddeln. 🙂
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Montag, 24. September 2012
In einer Welt, in der eine Reise zu einem wahren Kraftakt wird, zu einer Reise ohne Wiederkehr werden kann, ist ein Auftrag, wie ihn der Söldner erhält, doch eine gewisse Routine. Das Entgelt, eine nagelneue Rüstung, ist allerdings ein äußerst seltener und kostbarer Lohn. Der Alchemist Klostos hat ihn über die Gefährlichkeit der Reise aufgeklärt. Für El Mercenario ist dies beileibe kein Grund, um den Auftrag abzulehnen. Sicher auf dem Rücken des Flugdrachen verwahrt transportiert der Söldner den Alchemisten durch die kalte Winterluft, höher hinauf, bis das erste Teilziel erreicht ist. Doch hier versperrt ein Felssturz den weiteren Weg und die Reise, bis dahin von einschätzbarer Gefahr geprägt, wird zum Alptraum.
Vicente Segrelles schickte seinen Söldner in sein erstes, richtig großes Abenteuer, im Kampf um die Formel des Todes und berichtet ganz nebenbei von den Schwierigkeiten im Alltag eines Ritters. Die Rüstung ist nicht nur lebenswichtig (meistens), sie erfordert bei der Herstellung auch eine geschickte Hand, denn dieser Kriegerschutz gehört, sorgfältig ausgeführt, auch zur High Tech ihrer Zeitperiode. Wie gut Vicente Segrelles sich mit historischen Darstellungen im Allgemeinen, mit mittelalterlicher Technik im Besonderen auskennt, wird nach der Lektüre des vorliegenden Abenteuers im redaktionellen Anhang deutlich. Hier werden sehr schöne Grafiken herausgestellt, auch solche, die im eigentlichen Abenteuer nicht vorkommen und verdeutlichen, mit welchen Gedanken und Ideen Segrelles an seine sehr ausgefeilte und technisch perfekte Arbeit herangegangen ist.
Ein Welt mit Hand und Fuss. Segrelles arbeitet ähnliche Einfachheiten heraus, wie es ein Don Lawrence in frühen Phasen von Trigan und Storm tat. Einfache Landschaften, einfache Tiere, nichts, was mit übermäßigen Einzelheiten daherkommt und den Blick auf eine reale Welt trüben könnte. Sicherlich hat die Natur ihre phantastischen Ausprägungen im Tierreich, sicherlich kennt der Mensch eine verspielte Architektur, doch Segrelles setzt auf Funktionalität.
Hier liegt auch das Zauberwort verborgen: Funktionalität. Liefert sich der Söldner seine Luftkämpfe noch mit Pfeil und Bogen, kontert sein späterer Mitstreiter mit einer an der Sattelkonstruktion fest montierten Armbrust. Hier erstaunen Waffe und Geschoss. Segrelles führt die Durchschlagskraft der Waffe dem Leser vor Augen, drastisch, eindrucksvoll. Die Flugdrachen sind einfache Tiere ohne mystischen Beigeschmack, fliegende Schlachtrösser, echsenartig, mit einer gut durchdachten Anatomie. Sie bluten, sie stürzen ab und Segrelles hat mit seiner sehr konsequent durchgehaltenen eigenen Gestaltung solcher Wesen die Messlatte für derlei Wesen höher gelegt.
Weiterhin keine magische Welt. Alchemie ist hier eine Wissenschaft, die sich mit Formeln, Pulvern und Tränken befasst, doch niemand fliegt auf Besen oder hext mit Zauberstäben. Die Formel des Todes ist die Grundlage des Schiesspulvers, je nach Wissensstand mit einem magischen Endergebnis, einem großen Knall, ausgestattet, für den Leser aber nachvollziehbar. Es ist diese Vermischung ganz normaler Bestandteile mit dieser Form der Fantasy, die selbst einen Verweigerer des Genres neugierig machen sollten.
Darüber hinaus behält Vicente Segrelles seine gemäldeartige Comic-Form bei. Jede Seite ist eindringlich gemalt, jede Landschaft über und unter den Wolken schnörkellos ausgedacht und besticht gerade durch diese Einfachheit. Wasserfälle, Abgründe oder Festungen auf steinernen Gipfeln sind nah an die Realität angelehnt und wirken sogar ein wenig idyllisch.
Mit künstlerischem Strich, Farben wie im Gemälde schickt Vicente Segrelles den Söldner in sein zweites Abenteuer, geradlinig erzählt, mit Figuren, die sich echt anfühlen und einer Handlung, die mit perfekter Optik erstaunt und klugen Ideen überrascht. 🙂
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Gargamels Ziel ist eindeutig. Er will die Schlümpfe fangen. So viele wie möglich. Am besten alle. Leider, aus seiner Sicht, findet er den Standort ihres Dorfes nicht. Immer entwischen die kleinen blauen Männlein ihm. Für einen gestandenen Zauberer, der sich von kleinen Wichten an der Nase herumführen lässt, ist das ein schwerer Schlag. In verschiedenen Episoden wird von der Vielzahl der Fehlschläge in Gargamels Leben berichtet. Wie so oft hat der Zauberer sich sein Versagen selbst zuzuschreiben, da er gegen alles und jeden grantelt und auch seine Verwandtschaft kaum besser behandelt als seine Erzfeinde, die Schlümpfe. Und wer hätte gedacht, dass Gargamel tatsächlich über Verwandte verfügt. Seine Neffen (herzallerliebst), sein Vetter (ein echtes Raubein) bieten dem Zauberer auf eine Art Paroli, die dieser sich nie geträumt hätte.
Weitaus gefährlicher sind jene Begegnungen mit der wilden Natur in Form von Krokodilen und Ogern. Und Schlümpfen! Versteht sich. Für den Leser wird aus den kleinen Abenteuern, sechs an der Zahl sind hier versammelt, eine bunte Schau von Misserfolgen im Leben eines Zauberers, der so gar kein edles Gemüt besitzt. Gargamel und das Krokodil führt zwangsläufig in die Katastrophe, da Gargamel, wie es sich der Leser denken kann, schon nicht mit kleinen blauen Zwergen klar kommt, es auch bestimmt nicht mit einem Krokodil schaffen wird. Peyo, als Autor und Zeichner, hat ein Ekel geschaffen, dessen Versagen nur zu gerne mitverfolgt wird und der doch, selten zwar, manchmal Mitleid erregt.
In Der Oger und die Schlümpfe findet sich ein solcher Moment, immer dann, wenn der Gedanke entsteht, dass Gargamel doch so gar nichts für die Situation kann. Peyo zeichnet hier mit einem Strich, den ein Morris mochte, teilweise auch ein früher Goscinny oder ein Deliege auch verwendeten, der aber auch zeitlos ist. Der Strich ist schnell, sauber, variiert in der Stärke, wirkt dynamisch und vermag Nuancen hervorzuheben. Besonders deutlich wird diese Fähigkeit, wenn Gargamel auf seinen netten Zwillingsbruder trifft.
Die Schlümpfe und der Buglubu zeigen ein schönes Slapstick-Szenario, in dem Gargamel zur treibenden Kraft für absolutes Chaos wird. Herzlicher ist die Episode um Gargamels Neffen, drei kleine Buben, die Gargamel sehr ähnlich sind (im Aussehen) und bereits eine Glatze vorzuweisen haben. Darüber hinaus jedoch macht Peyo aus ihnen Knirpse, so liebenswert, dass die drei Jungen als Paradebeispiel für das Kindchenschema herhalten können. Kratzbart, als letzte Geschichte im Band platziert, ist gleichzeitig auch der Höhepunkt der Abenteuersammlung. Das Duell der Zauberer degradiert die Schlümpfe zwar zu Statisten, dafür kitzelt Peyo hier vorbildhaft Lacher und Schmunzler aus dem Leser heraus.
Abseits der Schlümpfe hat sich der Zauberer Gargamel, der ewige Erzfeind, ganz besonders etabliert. Ein durchweg lustiger Sammlungsband um den Kauz im schwarzen Gewand, wie die Schlümpfe sehr für Kinder geeignet. 🙂
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Samstag, 22. September 2012
Lord Faureston ist ein gefährlicher Mann. Schlimmer noch: Es handelt sich bei der ätherisch aussehenden Gestalt, der es beständig gelingt, Frauen zu betören, um einen Vampir. Selbst ein Mann wie Richard Drake, der so viel von der Welt gesehen hat, ist von der Art seines Feindes inzwischen überzeugt. Drake, der Abenteurer, ist ins schwarze Herz Afrikas vorgedrungen, hat sich mit Stammeskriegern verbrüdert, hat mit ihnen gelebt und ist mit ihnen in den Krieg gezogen. Zum Schluss hat er sich gänzlich ihren Riten untergeordnet. Er wurde einer von ihnen. Daheim in England sind ihm diese neu gefundenen Instinkte im Kampf gegen die unheimliche Kreatur nützlich. Doch bei allen Erfahrungen, die Drake gemacht hat, haben sie ihn nicht auf die Begegnung mit Lady D'Angeres vorbereitet. Eine Frau, die tief in seine Seele zu blicken vermag.
Alain Ayroles spielt mit dem Mythos der Vampire, wie ihn einst ein Bram Stoker auf den Weg brachte. Darüber hinaus vernachlässigt Ayroles die modernen Ansätze mit den Schmusevampiren völlig und vermischt eher den Klassiker von Stoker mit einer Figur, wie sie sich ein Henry Rider Haggard (Allan Quatermain) ausgedacht hat. Die Geschichte setzt sich im viktorianisch anmutenden England fort, doch die Rückblenden, die sich mit den Geschehnissen selbst, den Berichten über den Grafen kreuzen, sind allesamt barbarischer als jene Ereignisse, denen sich Richard Drake und sein Komplize Mister Jones stellen müssen. Denn bei allem Raubtier, das in den Vampiren steckt, bewahren sie sich doch eine Spur von zivilisierter Vornehmheit.
Ein finsterer Höhepunkt: Die Begegnung zwischen Jäger und Vampir. Ayroles und der Zeichner Bruno Maiorana (bekannt von der Serie Garulfo) gestalten in der Form und der Erzählung etwas Ausgefallenes. Richard Drake tritt gegen den schweigsamen Lord Faureston an, eine Auseinandersetzung, die nicht die einzige in diesem Band ist, aber besonders beeindruckt. Mensch gegen Vampir wurde schon häufiger thematisiert. Hier ist es der Kampf des Jägers gegen eine Bestie, kühl, ohne Emotion, professionell auf beiden Seiten geführt. Letztlich mag sich der Cineast an eine Stimmung erinnert fühlen, wie sie Der Geist und die Dunkelheit auf die Leinwand brachte. Michael Douglas in der Rolle des Großwildjägers besitzt viele Anteile, die auch die Figur des Richard Drake auf das Papier transportiert.
Bruno Maiorana ist stilistisch eigen, unverwechselbar und bringt die nötige Information mit strengem Strich auf die Seiten. Das ist puppenhaft, marionettenartig, künstlerisch in jedem Fall, eine Mischung aus moderner und altmodischer Optik, die gerade in Szenen, in denen der Leser in die Epoche eintauchen darf, besonders deutlich wird. Die aufgesetzte Vornehmheit kontrastiert optisch mit den Erinnerungen an Afrika. Wildheit gegen Borniertheit, Natur und Kriegstanz gegen die Oberen Zehntausend mit Frack, Zylinder und Rüschenkleidern. Die zwei Gesichter des Richard Drake, dessen dunkle Seite das Interesse von Lady D'Angeres weckt, geraten immer mehr in den Vordergrund.
Thierry Leprevost koloriert die in unterschiedlichen Stärken gezeichneten Figuren und Kulissen mit einer markerähnlichen Farbgebung, Arbeit am Zeichenbrett imitierend. Je exotischer es wird (Afrika, Nachtszenen, Rückblicke in das Leben des Grafen), desto intensiver ist das Seherlebnis.
Der zweite Band der Trilogie D weiß rundum zu überzeugen und spielt sämtliche Stärken aus, die ein zweiter Akt besitzen kann (nicht muss). Die Spannungssteigerung ist enorm, auch der Trick, Richard Drake an den sprichwörtlichen dunklen Abgrund zu manövrieren, ist gelungen und lässt für die Auflösung viel erwarten. Wer dem Genre eine neue Seite abgewinnen will, sollte einen Blick riskieren. 🙂
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Sonntag, 16. September 2012
Das Weltall. Die Menschheit ist in den Weiten des Universums angekommen. Nur auf allzu viel Gegenliebe ist sie dabei nicht gestoßen. Die Menschen sind galaktisch geduldet. Ein Polizist wie Frank Willis, der sich Respekt unter seinen extraterrestrischen Kollegen verdient hat, kann auf ein hartes Stück Arbeit zurückblicken. Doch jeder Arbeitstag ist auch ein neuer Anfang, so scheint es. Jede Misere kann ihm den Erfolg wieder streitig machen. Willis kämpft mit einem harten Alltag, der durch das Anreisen seiner fünfzehnjährigen Tochter Shelly und ihrem Aufpasser, dem Roboter Vektor, nur erschwert wird. Willis gibt sich Mühe, aber das reicht kaum aus.
Leg dich nicht mit Militär an. Und mit Außerirdischen. Und mit Außerirdischen beim Militär. Das hätte Willis sich selbst und seiner Tochter immer und immer wieder sagen sollen. Leider ist er selbst nur halb so vernünftig, wie er es seiner Tochter beibringen möchte. Und leider ist sie nur halb so erwachsen, wie sie es gerne hätte. Zusammen geben die beiden ein gutes Team ab. Getrennt voneinander jedoch sind sie wahre Problemmagneten.
DJIEF scheint nicht nur ein Fan von Bruce Willis zu sein, er kennt außerdem das Genre der Space Opera genau. Dieses Genre, ebenfalls gut vertreten durch Filme wie das Das fünfte Element (mit besagtem Bruce Willis), bietet sich grundsätzlich an, will ein Autor seiner Fantasie völlig freien Lauf lassen und eine Geschichte erzählen, in der die Bilder nur so explodieren, im übertragenen Sinne, versteht sich. DJIEF, der hier bis auf eine kollegiale Beteiligung am Szenario alles alleine macht, Text, Zeichnungen und Farben, liefert auf diese Art nicht nur einen Comic ab, der völlig aus einem Gus ist, er geht auch, das wird nach wenigen Seiten deutlich, vollkommen in seiner Arbeit auf.
DJIEF ist ein Comic-Könner sehr zur Freude des SciFi-begeisterten Lesers, denn als Fan von verspielten Zeichnern wie Philippe Buchet (Sillage), Mike Wieringo (u. a. Fantastic Four, 2007 verstorben) oder Serge Pelle (Orbital) schlägt DJIEF genau in diese Kerbe aus zeichentrickartigen Figuren und großartig gestalteten Hintergründen. Es gibt natürlich äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Frank Willis und Bruce Willis in seiner Paraderolle als John McClane (in der Stirb langsam Reihe). Aber sicherlich ist von der Statur her ein Arnold Schwarzenegger ebenso zu finden. Und für die Frisur von Shelly, Franks Tochter, könnte eine Figur wie Prinzessin Leia oder Senatorin Amidala Pate gestanden haben.
Der sorgsame Strich, der mit vielen Einzelheiten und vielen Perspektivenwechseln ein umfangreiches Bild der Arbeitswelt des Polizisten Frank Willis zeigt, ist im übertragenen Sinne bestes Spezial-Effekte-Kino auf Papier. DJIEF braucht sich weder hinter Konzepten von Coruscant noch einer Stadterde, wie sie in Das fünfte Element zu sehen war. Außerirdische Konstruktionen wie Raumschiffe, Technik, Häuserblock besitzen eine enorme Ausstrahlung und eine glänzende Kolorierung. Die Qualität des Titelbildes und der Innenseiten gehen nahtlos ineinander über.
Die Geheimnisse hinter dem Fall sollen hier nicht verraten werden. DJIEF baut mit diesen Hintergrundinformationen seiner beiden Hauptcharaktere (eigentlich drei, denn Vektor, der Roboter, ist maßgeblich an der Handlung beteiligt) vor, um weitere SciFi-Krimis zu kreieren. DJIEF hat das Genre mit dem Auftakt Herz aus Stahl sicherlich nicht neu erfunden, aber er hat verstanden, welche Bestandteile nötig sind und wie die Charaktere beschaffen sein müssen, um schöne und durchweg spannende Unterhaltung zu schaffen. Das ist ihm vom Start weg geglückt, so gut, dass man im Anschluss sehr gerne den nächsten Band beginnen würde.
Beste SciFi-Unterhaltung in feinster Gestaltung, für Fans des Genres, von dem es in Comic-Form beileibe nicht so viel gibt, wie bisweilen vermutet wird. Wer einen guten Einstieg ins Genre sucht, wird hier fündig, liebevoll erzählt und von einem technisch versierten und talentierten Zeichner zu Papier gebracht. 🙂
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Samstag, 15. September 2012
Sie reden wie die Schtis, sind aber Belgier. Inmitten der Amerikaner führen sie jedoch ein ebenso bescheidenes Schiffbrüchigenleben wie alle anderen. Die Meldungen in der zivilisierten Welt, daheim in den Vereinigten Staaten wären entmutigend, würden die Überlebenden des Flugzeugabsturzes sie kennen. Niemand hofft dort mehr darauf, die verlorenen Passagiere jemals zu finden. Für Spoon und White ist die Lage allerdings noch viel schlimmer. Sie haben ihre angebetete Courtney Balconi, die Star-Journalistin, bei dem Flugzeugabsturz verloren. Was macht da das Überleben eigentlich noch Sinn?
Spoon & White sind LOST! Und nicht nur sie. Auch Courtney Balconi ist bei einem Flugzeugabsturz verloren gegangen. Die beiden Polizisten, Spoon und White, bei ihren Kollegen als Nervensägen verschrien und geradezu verhasst bei ihrem Chef, werden daheim nicht vermisst. Auf der einsamen Insel, wo es jeden Tag um das Überleben aller geht, sind solche Quälgeister wenig hilfreich. Spoon, so eben nur größer als die Pistole, die er trägt, liegt im ständigen Clinch mit dem einzigen Umweltschützer und Tierliebhaber auf der Insel. Und als wäre das noch nicht genug (es führt zu allerlei Schwierigkeiten), gibt es auf der Insel noch ein großes Geheimnis.
So weit, so LOST! Autor Jean Leturgie lässt aber Leser, die sich mit dieser Erfolgsserie nicht auskennen, nicht im Regen stehen. Die beiden Polizisten sind inzwischen derart eigenständige Figuren, so dass sie sich in die Schlange mit anderen Komiker-Duos einreihen können und mit der 8. Ausgabe der Reihe, Neverland, eine Show abliefern, die sich mit ihren Pointen von Anfang bis Ende steigert. Natürlich gibt es viele Anspielungen zu entdecken, allerdings schreibt Jean Leturgie so, als habe er bei den Großen des Fachs, Rene Goscinny oder Morris, gelernt.
Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. Rückblenden erzählen zwischendurch, wie es den verschiedenen Charakteren ergangen ist. Das simple Überleben, ganz im Stil von Robinson Crusoe, steht im Kern der Erzählung, veralbert neben der erwähnten Mystery-Fernsehserie ein wenig die Belgier, Umweltschützer und das Medium Fernsehen als solches. Wenn gleich drei Fluchtmöglichkeiten sich förmlich in nichts auflösen (auf verschiedene Arten), dann hat Jean Leturgie bereits eine Menge Lachsalven auf den Leser abgefeuert. Sein Sohn, Simon Leturgie, komplettiert mit seinen Bildern die andere Hälfte des humoristischen Feuerwerkrezepts.
Simon Leturgie, der grafisch einen eigenen Stil aufweist, dennoch in den Fußstapfen von Cartoon-Größen wie Morris oder Tabary wandelt, schafft ebenso wie andere erfolgreiche Zeichner seiner Zunft den Kniff, mit relativ wenig Aufwand, einfachen Formen aussagekräftige Figuren von hohem Wiedererkennungswert zu schaffen. Nicht nur die Unterschiedlichkeit der beiden Hauptcharaktere (langer Schlaks, Gnom mit vergleichsweise großer Klappe) trägt zu diesem Ausdruck bei. Auch die Nebenfiguren, die hier erstmals auftreten, sind schnell etabliert und spielen sogar die stärkste Figur des Duos, Spoon, manchmal an die Wand.
Herausragend hier ist der Tierschützer Bulot, ein Gutmensch, wie er im Buche steht, der lieber verhungern würde, als das letzte Wildschwein auf der Insel zu essen. Mit wenigen, sehr gezielten Tuschstrichen entstehen die Charaktere, von leichter Hand gezeichnet. Wie gut Simon Leturgie sein Handwerk versteht, zeigt sich im Auftritt eines Johnny-Depp-Doubles, klassisch als Jack-Sparrow ausstaffiert.
Mit einer Vorankündigung auf die nächste Folge verabschieden sich Spoon & White vorerst. In dieser Folge, mit großem anarchischem Humor erzählt, fallen die Gags nicht nur seitenweise, sondern werden mitunter auch clever vorbereitet, um schließlich noch schöner zu zünden. Leturgie und Leturgie, Vater und Sohn, sind ein Dreamteam. 🙂
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