Die Marmeladen. Eine Ansammlung schönster Inseln in hochblauem Meer, tropisch, paradiesisch für jene, die es sich leisten können. Oder eingeladen werden. Nur sind die Zustände auf dem Eiland alles andere als paradiesisch. Ohne Geld geht hier gar nichts. Nur mit viel Geld geht hier was. Eine privatisierte Polizei will erst bezahlt sein, bevor sie eingreift. Spirou fackelt nicht lange, er eilt dem Mann, der von drei anderen auf offener Straße verprügelt wird, tatkräftig zur Hilfe. Damit gewinnt er einen neuen Freund, den er auch schon bald dringend brauchen wird.
Mein Leben gehört mir. Das dachte Spirou bisher. Er hat von seinem Einkommen großzügig viel verteilt. Er braucht halt nicht viel. Fantasio hat von seinem Anteil das Magazin auf Hochtouren gebracht. Jetzt kann endlich mal aus dem Vollen geschöpft werden. Schade nur, dass alle nur noch zur Unterhaltung der Viper da sind und diese sich bequemt mit ihnen zu machen, was sie will. Geld regiert die Welt. Autor Fabien Vehlmann vermischt Fiktion und Realität, bringt das große Geld ins Spiel, das sich so viele Menschen wünschen, aus den unterschiedlichsten Motiven heraus und plötzlich wird aus einem wackeren Comic-Helden und Abenteurer eine Marionette im Dienste eines Superreichen, der mit Leben spielt, als säße er an einem Schachbrett, auf dem einfach alle Bauern sind.
Das ist ausgesprochen satirisch, denn Spirou ist nicht die einzige Comic-Figur, die hier exemplarisch vorgeführt wird. Er kann sich nur am besten wehren. Allerdings muss auch er sich dem Druck beugen, denn der ist immens. In einem überzogen agierenden Konzern (vielleicht) herrschen mafiöse Strukturen (nur ohne Waffen, aber mit Ausbildungen in waffenloser Selbstverteidigung) und gilt das Individuum nichts mehr, weil jeder eine Schwachstelle hat, über die erpressbar ist. Fabien Fehlmann arbeitet mit fein inszenierten Albernheiten und präsentiert fast ein zyklotropisches Untergangsszenario, nur ohne Zyklotrop. Interessant, wie es letztlich nur mit Menschen gelingt, sich aus der Schlinge zu ziehen, die sich noch nichts ins Netz der Erwachsenenwelt begeben haben: Kinder. Sie bleiben bislang unbeobachtet.
Yoann pflegt des klassischen Cartoonstrich eines Andre Franquin, transportiert ihn vielleicht etwas lässiger im Ausdruck in die Gegenwart. Da fetzt die Tusche auch mal ein wenig aus dem Strich, mal dicker, mal dünner in der Linie, dadurch werden die Figuren aber auch etwas wilder und frischer. Andere Figuren haben sich hin zu eher statischen, sehr konstruierten Gestalten entwickelt, Spirou + Fantasio holen einen vergangenen, einen guten Stil zurück. Es liegt eine skizzenhafte Geschwindigkeit in den Grafiken, die auch etwas riskiert, sich etwas traut und damit über die ganze Strecke des Albums nur gewinnt. Allerdings ist dieser Gewinn, diese Einschränkung sei gestattet, hauptsächlich dort, wo altbekannte Charaktere auftreten oder solche, die an frühere Bekannte angelehnt sind.
Bei den Neuen überzeugen Gus Löwenherz und Miss Jones. Beide könnten gegenteiliger nicht sein. Ersterer ist der Typ des alten Ermittlers, ein wenig Maigret, Trenchcoat, gemütlich, faltig wie Bogart. Letztere ist der neue moderne Frauentyp, wie er propagiert wird. Groß, schlank sportlich, intelligent, blond und kurzhaarig mit rundem Gesicht und energischem Auftreten, dem kein Kraut (und auch kein Spirou) gewachsen scheint.
Abwechslungsreiche Hintergründe und Örtlichkeiten (ein Schiffsfriedhof in einem Vulkankrater) sorgen für stets anregende Bildsequenzen. Ein redaktioneller Teil wartet mit Skizzen zum Album, Titelbildern wie auch ein paar schön ausgeführten gemäldeartigen Grafiken auf. Ein Poster hiervon würde sich gut an jeder Wand eines Spirou-Fans machen. Ein Titelbild im Stile eines bekannten Schokoriegels ist eine tolle Verbeugung vor der Langlebigkeit einer jung gebliebenen Comic-Figur.
Das Ende ist ein neuer Anfang? Auf den letzten Bildern hat der Leser gleich einen Ausblick auf die sich ankündigende Fortsetzung. Spirou wird in bester Fortsetzungsmanier wieder verlangt. Bleibt stark zu hoffen, dass er auch den nächsten Fall übernimmt, denn das Duo Vehlmann und Yoann hat den Geist der Serie erfasst. 🙂
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