Als die Enola Gay, das amerikanische Bomberflugzeug, seine Atombome über der japanischen Stadt Hiroshima abwarf, war man sich der Zerstörung bewusst. Die Folgen dieser Explosion, auch jener des nachfolgenden Abwurfs über Nagasaki, haben einige wichtige Wissenschaftler auf dem Gebiet der Kernphysik nachhaltig erschüttert. Niemals wollten sie Menschen durch ihre Arbeiten töten. So bildet sich ein Kern aus Wissenschaftlern heraus, die eine Initiative gegen diesen Wahnsinn ins Leben rufen wollen. Der Gedanke: Wenn sich einige der intelligentesten Köpfe zusammenfinden und ihre Standpunkte vor den politischen Vertretern dieser Welt darlegen, diese vielleicht sogar überzeugen können, könnte eine Wende eingeleitet werden, die aus dem Kalten Krieg herausführt.
Nathan Masson, selbst Physiker, erkennt die Brisanz dieses Plans erst, als ein Bekannter ihn nach dem Selbstmord des führenden Kopfes der Initiative, Alfred Bernstein, bittet, ihm zu helfen. Kurz darauf schaltet sich auch Etienne Kaplan, Colonel des französischen Geheimdienstes, in den Fall ein, denn als ein weiterer Anschlag geschieht, steht es außer Frage, dass im Falle Bernsteins von Selbstmord keine Rede mehr sein kann.
Didier Convard kennt sich als Autor mit kniffligen und rätselhaften Thrillern aus (Das geheime Dreieck). Zusammen mit Jean-Christophe Thibert (Zeichner) erzählt er eine Geschichte aus der Frühphase des Kalten Krieges. Convard bedient sich hierbei der realen Kulisse. Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges werden übernommen. Ehemals real existierende Wissenschaftler werden nachgeahmt und sind durch ihre jeweilige Beschreibung erkennbar. So steht Alfred Bernstein für Albert Einstein (der allerdings ein vollkommen anderes Schicksal erlitt, als der hier gezeigte Atomphysiker).
Die 50er Jahre erwachen zu neuem Leben: Didier Convard bringt die Entschleunigung in den Thriller zurück. Ganz gleich ob Roman, Film, auch Comic, moderne Thriller nutzen die Geschwindigkeit der heutigen Zeit. Informationen jagen voran, Fahrzeuge brechen Geschwindigkeitsrekorde. Hoch spezialisierte Technik stellt den menschlichen Akteur zuweilen ins Abseits. Nathan Masson und Etienne Kaplan müssen planen, nachdenken, vorausschauen, manchmal sind sie auch den Ereignissen ausgeliefert. Es ist eine andere Zeit, in der Convard den Thriller wie ein Schachspiel anlegen und Zug um Zug erzählen kann.
Feine Hauptfiguren: Kaplan und Masson haben sicherlich ihren Charme, werden von Convard aber in der Balance zum Rest der Handlung gehalten. Schön ist die Herausarbeitung von Masson, dem es nicht gelingt, seiner Sekretärin zu widerstehen. Kaplan ist hingegen ein Lino Ventura in seiner Rolle als Polizist, sehr professionell, vielleicht besser aussehend. Jean-Christophe Thibert spielt als Illustrator mit dieser Epoche, mit all den wunderschönen Dingen, die diese Zeit zu bieten hatte.
Das Paris jener Tage ist bis heute beinahe zeitlos, die Ausstattung von Räumen (sehr liebevoll inszeniert), der Verkehr auf den Straßen: Polizisten, die mit der Isetta anrücken, eine halsbrecherische Fahrt auf einer Vespa mit Beiwagen. Ein Unternehmer mit Hypochondrie nimmt optisch eine Figur wie Dr. No vorweg (nur in einem anderem Zusammenhang). Thibert zeichnet mit einer exakten Linie, ahmt nichts nach. Wenn er einen Gegenstand zeichnet, dann hat dieser auch genauso ausgesehen. Mit dieser klaren Linie gelingen ihm sogar glänzende Charakterköpfe. Die Kolorierung kommt mit einer Schattierung aus, aber mehr braucht es für diesen haargenauen Aufbau auch nicht.
Ein richtig toller Thriller-Blick in die 50er Jahre: Eine spannende Geschichte, in der Didier Convard den Leser manchesmal etwas mehr wissen lässt als die Hauptfiguren. Eine phantastisch gelungene Illustration, sehr präzise, fast ein kleines Fenster in die Vergangenheit von Jean-Christophe Thibert. Aufregung und Charme, eine kleine Hommage an die Thriller eines großen französischen Kinos, eine große Hommage an eine Welt im Wandel. 🙂
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