Einiges hat sich für Alef-Thau verbessert. Für jemanden, der ohne Gliedmaßen auf die Welt kam, stellt die Situation, nur ein Bein und ein Auge zu vermissen, eine gehörige Verbesserung dar. Mehr noch, die Frau, die er liebt, ist endlich an seiner Seite. Nur der Weg für ein normales Zusammenleben ist immer noch nicht gefunden. Ein Problem ist zum Beispiel seine Angebetete selbst: Diamantha. Die junge Frau, die erneut erwachsen wird, ist unangreifbar. Leider wird jegliche Person, jeglicher Gegenstand, jegliches Element, das sie konkret bedroht, neutralisiert. Die Gefährten, die eben noch in einem Fluss schwimmen, in dem Diamantha zu ertrinken droht, müssen erleben wie das Wasser von einem Augenblick auf den anderen verschwindet.
Alejandro Jodorowsky erzählt mit der Legende um Alef-Thau seine märchenhafteste Geschichte. Und nicht nur das: Nach vielen anderen Publikationen dürfte es sich bei dem Abenteuer um Alef-Thau auch um die Geschichte Jodorowskys handeln, in der er die meiste Güte walten lässt. Viele Figuren sind liebenswert, selbst jene, die eigentlich notorische Quertreiber sind, wie der kleine Holibanum, dersich selbst als notwendiges Übel bezeichnet.
Anders betrachtet könnte man Alef-Thau auch als märchenhaftes Road-Movie bezeichnen. Das Ziel ist die Befreiung der Welt. Eine Wanderung von Abschnittsziel zu Abschnittsziel ist nötig und obwohl die beiden Hauptcharaktere Alef-Thau und seine Angebetete Diamantha über große Kräfte verfügen, kommen sie nicht ohne Hilfe aus. Im Gegenteil: Ihre starke Macht auf der einen Seite ist auch ihre Schwäche auf der anderen Seite. Also benötigt es Charaktere, die zur Komplettierung beitragen und diese finden sich später ausgerechnet in drei kleinen Männlein (ausgerechnet Holibanum ist einer davon).
Alejandro Jodorowsky lässt sich über acht Bände hin Zeit (auf zwei Gesamtausgaben aufgeteilt), seine Geschichte regelrecht zu entfalten. Zu keiner Zeit spürt man als Leser irgendwo einen Zeitdruck. Man merkt nicht, dass die Geschichte voranschreiten muss. So gibt es sogar Rückschritte, die zeigen, dass ein erreichtes Ziel doch nur eine Etappe markiert, mehr nicht. Am Ende übersteigert Jodorowsky die Handlung einmal mehr. Er kann eben nicht so einfach aus seiner Haut. In der Welt der Unsterblichen gipfelt die Suche in einem letzten Abenteuer.
Dort übernahm Covial den Zeichenstift, da der Zeichner der ersten sieben Abenteuer, Arno, im Alter von 35 Jahren verstarb und die Arbeit an der Reihe nicht vollenden konnte. Arno zeichnet auf den Punkt mit dünnen Außenlinien, die gerade so viel Halt geben, wie es nötig ist. So erinnern seine Strichführungen an einen Moebius, aber ohne ihn zu kopieren. Innerhalb der Abgrenzungen werden einfache Farbflächen gesetzt. Dennoch entsteht ein räumlicher Effekt durch die sorgsame Anlage der Ansichten. Hier stechen besonders die eher cineastisch wirkenden Bilder hervor, die dem Leser die Planetenoberfläche und ihre Bewohner zeigen.
Covial gelingt es beinahe gänzlich Arnos Zeichenstil zu kopieren, ist aber ein wenig härter, kantiger und wirkt nicht so leicht. Das Ende ist versöhnlich, sehr schön, auch da Covial nicht nur zeigt, mit welcher Brillanz er selbst stilistisch zu arbeiten vermag (mit Unterstützung der Koloristen), sondern auch da er seinem Freund Arno abschließend die Ehre erweist.
Eine der schönsten Arbeiten von Alejandro Jodorowsky, fein und liebevoll weiterhin erzählt, von der Leichtigkeit her vielleicht vergleichbar mit Die Braut des Prinzen: Eine Gute-Nacht-Geschichte, die eigentlich niemals enden darf. Einfach nur schön von Arno illustriert und zum guten Schluss hin von Covial. Traumhaft, im wahrsten Sinne des Wortes. 🙂
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