Wer hat die Macht im kleinen Inselstaat Kampong? Yoko Tsuno stellt sehr bald fest, dass Verbrecher hinter schönem Deckmantel ihren Geschäften nachgehen und ihnen niemand das Handwerk zu legen vermag. Ihre Nachforschungen bleiben nicht unbemerkt. Schnell wird sie selbst zum Ziel. Ihre Verfolger scheuen sich nicht, Waffen zu benutzen und Schnüffler zum Schweigen zu bringen. Yoko kann sich ihren Verfolgern entziehen. Ungefährlicher wird es dennoch nicht. Auf einer abgelegenen Insel geht eine Waffe in Stellung, die zu einer noch gewaltigeren Machtverschiebung in Kampong führen könnte. Yokos Überlebenssinn wird gehörig auf die Probe gestellt.
Nur Fliegen ist schöner. Wer die unterschiedlichen Arbeiten von Roger Leloup zu seiner Reihe Yoko Tsuno anschaut, wird sich dieser unterschwelligen Aussage kaum entziehen können. Besonders im vorliegenden 8. Band der Gesamtausgabe mit dem Untertitel Die Erde am Abgrund finden sich einige sehr aussagekräftige Beispiele für diese These.
Den Anfang in diesem Band macht Flug in die Vergangenheit. Die Vergangenheit trifft hier auf die Zukunft. Roger Leloup kreiert hier eine der besten Geschichten um Yoko Tsuno. Der Aufbau ist sehr überlegt. Technik soll hier faszinieren. Thriller-Elemente wie Mordanschläge liefern kurze Spannungsstöße in der schrittweisen Entwicklung des Szenarios. Als Schauplätze dienen die Bretagne, die Schweiz und schließlich sogar das Pamir-Gebirge nordöstlich von Afghanistan. Yoko Tsuno, die ursprünglich als Elektronikerin in mysteriöse Fälle verwickelt wurde, findet sich hier gänzlich in ihrer Rolle als Pilotin wieder.
Es beginnt mit einem Segelflugzeug. Ihre Flugerfahrung wie auch ihr Gewicht weisen sie als die geeignete Kandidatin für einen viel schwieriger gelagerten Flugeinsatz aus. Zuerst folgt das Training am Simulator, schließlich wird es ernst. Die Jagd auf ein vor 50 Jahren verschwundenes Flugzeug hat begonnen. Der präzise dargestellten Technik stellt Leloup einen regelrechten Flugdinosaurier gegenüber, eine Handley Page H.P.42. Ein rein äußerlich aus Wellblech und Holz zusammen gezimmerter sowie mit vier Motoren ausgerüsteter fliegender Wal ist der heimliche Star des Bandes. Leloup holt hier einmal mehr etwas aus der realen Vergangenheit ans Licht der Aufmerksamkeit und webt es sorgfältig in sein Abenteuer ein.
Ähnliches zeigt sich auch gleich zu Beginn des 3. Abenteuers im vorliegenden Band: Der siebente Code. Ein uralter Doppeldecker, als Wasserflugzeug ausgestattet, und ein nicht minder markantes Flugboot geben einen guten Einstand. Allerdings, bei aller Nostalgie solcher Fluggeräte, so vergisst Leloup auch die Zukunft seiner Yoko Tsuno nicht. Diese schlagt sich nicht nur bei der Gestaltung von Raumschiffen nieder, sondern auch beim Entwurf von scheinbar existierenden Flugzeugen. Einfallsreich, genau und teilweise stark in die jeweilige Geschichte eingebunden, präsentieren sich Flugzeuge kleinerer Bauart wie der Kolibri und der Zar.
Es sind Beispiele für die Leidenschaft zur Technik und Fliegerei, allerdings auch Beispiele für die Kleinstarbeit der Vorbereitung zu einem Abenteuer, wie sich aus dem Begleitmaterial im Vorfeld der Abenteuer ablesen lässt. Bei der Gestaltung der Gesichter entstehen nicht ganz so große Unterschiede wie bei der Konzeption der Luftfahrzeuge, aber das mag man Leloup gerne nachsehen, da seine grafische Feinarbeit in bester Tradition zu Werken von Victor Hubinon (Buck Danny) oder Albert Uderzo (Die Abenteuer von Tanguy und Laverdure) steht.
Roger Leloup macht sich sein eigenes Land, angelehnt an real existierende Vorbilder, oder er bedient sich an der Historie, indem er auf die Reste des Kalten Kriegs zurückgreift. In den hier vorliegenden Abenteuern spielt Spionage eine Rolle, kriegerische Konflikte und taktische Pläne, die mittlerweile überholt sind, aber immer noch eine Gefahr darstellen. Elegant lassen sich die Konstruktionen von Leloups Abenteuern nennen, in denen hier die erzählerische Spannungskurve mit der künstlerischen Ausführung Hand in Hand geht. Leloup, der sich thematisch nie festgelegt hat, nimmt den Leser hier mit in Abenteuer, die grob mit dem Genre Thriller übertitelt werden können. Dank ihrer verschiedenen Elemente lassen sie sich aber nicht (wie die gesamte Reihe) zur Gänze in eine bestimmte Schubalde stecken.
Wer Yoko Tsuno bisher von der gruseligen, mysteriösen Seite her kennenlernte, vielleicht auch im Bereich Science Fiction, wird sie bestimmt auch als Agentin für besondere Fälle mögen. Roger Leloup beherrscht auch die Mixtur aus Thriller und Abenteuer perfekt. 🙂
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