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Comic Blog


Montag, 02. März 2026

GREEN WITCH VILLAGE

Filed under: Mystery — Michael um 11:55

GREEN WITCH VILLAGEMan stelle sich vor: Eben noch im Jahr 2026 gelebt, dann schlägt man die Augen auf und zwei wildfremde Frauen schauen einen besorgt an. Darüber hinaus, ein nicht ganz unherblicher Umstand, steht plötzlich der Monat Oktober und das Jahr 1959 auf dem Kalender und die ganzen schönen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts sind passé! TABATHA SANDS soll nun eine Bibliothekarin sein. So behaupten es jedenfalls ihre beiden Mitbewohnerinnen GWENDOLINE FORD und ERIKA GRONBERG. Für TABATHA, eine dreißig Jahre alte und gleichzeitig junge Frau bricht eine Welt zusammen. Denn alles um sie herum ist viel zu echt, um eine Einbildung zu sein. Und je mehr sie sich in diesem NEW YORK im 50er-Jahre-Look umsieht, umso mehr verfestigt sich der Eindruck. Aber wie kam sie hierher? Gehört sie vielleicht hierher und bildet sich ihre Vergangenheit in der Zukunft nur ein? Sehr bald schon hat sie ganz andere Probleme!

LEWIS TRONDHEIM (Autor), FRANCK BIANCARELLI (Zeichner) und JÉRÔME MAFFRE (Farben) nehmen den Leser mit auf eine Zeitreise an der Seite eines Menschen, genauer einer Frau (das ist wichtig und in diesem Zusammenhang ein ziemlicher Unterschied), die von den Segnungen (ein paar gibt es da schon) des 21. Jahrhunderts verwöhnt ist und nun einige Erfahrungen machen wird, die zum Teil verwirrend sind. Von der angenehmeren Sorte ist das Betanken eines Automobils durch eine Tankwärtin mit einer gleichzeitigen Scheibenwäsche durch eine zweite Bedienstete an der Tankstelle. Von einer düsteren Sorte ist das Verhalten eines Showbusiness-Agenten, der seiner Klientel droht, man lande im Hudson (ein Fluss bei und in New York), mit Betonsocken an den Füßen, falls man nicht spure.

Es ist ein augenzwinkerndes Zeitreiseabenteuer, das LEWIS TRONDHEIM dem Fan von nostalgisch anmutenden Szenarien gönnt. Außerdem, um die Hommage an jene Epoche und ihre locker flockigen Geschichten zu unterstreichen, sieht die Hauptfigur TABATHA SANDS einer AUDREY HEPBURN in ihren jungen Jahren sehr, sehr ähnlich. Das ist alles in allem, dies vorweg genommen, eine Art cosy-crime-Abenteuer, dem eine Spur Mystery und einige Ost-West-Agenten beigemischt wurden. Hinzu kommt eine deutliche Verneigung vor einer Zeit, in der nicht alles besser, aber in Teilen einfacher und überschaubarer war.

Beispielhaft für diese Aussage sind die Namensvorschläge für eine Agentur, die Schauspielerinnen und Schauspieler vertreten soll. TABATHA arbeitet sich hierbei an einigen Begriffen der Gegenwart ab und wählt exemplarisch doch nur einen winzigen Teil von Social Media und Popkultur des jungen 21. Jahrhunderts. Aber die Popkultur hat auch längst die 1950er Jahre erfasst und das bringt uns zur GREEN WITCH! Das Viertel GREENWICH VILLAGE in NEW YORK möchte etwas aus sich machen. Diverse Leute, Händler haben sich zusammengetan, um die Werdetrommel zu rühren. Als kleines Wortspiel haben sich kreative Köpfe die GREEN WITCH ausgedacht, eine Figur, die die Aufmerksamkeit auf das Viertel lenken soll. In einer Stadt, in der prinzipiell alles um Aufmerksamkeit buhlt, ist das ein hehrer Vorsatz. TABATHA SANDS avanciert durch ihre zufällige Anwesenheit während eines Castings zu dieser Werbefigur.

NEW YORK im Herbst 1959. Das spielt natürlich eine große Rolle. Zuerst einmal stellt TABATHA SANDS eines klar: Bloß, weil es die 1950er Jahre sind, hat nicht jeder automatisch das Geld, sich entsprechend zu kleiden oder zu motorisieren. Hier wird noch 1940er-Jahre-Mode aufgetragen und es fahren noch eine Menge Autos aus der gleichen Dekade oder sogar aus den 1930ern auf den Straßen. Das Lebensgefühl ist anders. In der U-Bahn unterhalten sich Menschen miteinander (und glotzen nicht auf ihr Smartphone), überhaupt ist echte Kommunikation das Zauberwort. Das trifft auch auf Agenten zu.

Und hier schlagen wir den Bogen zur Arbeit von Zeichner FRANCK BIANCARELLI (und natürlich auch zu dem für die Kolorierung zuständigen JÉRÔME MAFFRE): Das Titelbild verrät neben den drei Frauen auch zwei weitere Protagonisten, nämlich Agent TAYLOR, von der CIA (ja, eben der) und Agent IWANOW, vom KGB (ja, auch genau der). Ersteren gestaltet FRANCK BIANCARELLI wie eine junge Version von ERNEST HEMINGWAY (mit Vollbart), letzterer könnte optisch an einen jungen GARY COOPER angelehnt sein. Bei aller Nostalgie schafft es die feine Strichführung von FRANCK BIANCARELLI zudem noch einen gehörigen Hauch Romantik zu transportieren, die Koloration von JÉRÔME MAFFRE sorgt für den herbstlichen Rest, wenn Lila, Blau, Gelb und Goldorange sich treffen.

GREEN WITCH VILLAGE entführt in jene Zeit und in jene besondere Form, Geschichten zu erzählen, als Stars wie DORIS DAY und ROCK HUDSON die Leinwände romantisierten. LEWIS TRONDHEIM scheint sich an jene Tage erinnert zu haben, als die Waage mehr zur Comedy und Drama ausschlug und Action nicht das beherrschende Element war. Hier lässt sich mit Fug und Recht von einer liebevollen Erzählung sprechen, einer ebensolchen grafischen Umsetzung von FRANCK BIANCARELLI und JÉRÔME MAFFRE. Das Trio liefert hier einen Wohlfühl-Comedy-Mystery-Thriller ab! Sehr gelungen und einfach schön! 🙂

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