Sonntag, 25. Januar 2026
Ein Mann im Fledermauskostüm schwingt über die Straßenschluchten GOTHAMS hinweg. In einer Gasse überfallen vier Ganoven ein Ehepaar. BATMAN ist zur Stelle. Jemand schreibt Drohbriefe. BATMAN ist zur Stelle. Ein Gangster mit Schrotflinte bedroht das Besitzerpaar eines Lebensmittelladens. BATMAN ist zur Stelle. Bis er eines Tages dann doch nicht rechtzeitig zur Stelle ist. BATMAN ist eben nur ein Mensch…
Wenn eine Geschichte die Kategorie GRAPHIC NOVEL verdient, dann ist es ganz bestimmt die BATMAN-Geschichte KRIEG DEM VERBRECHEN von PAUL DINI (Autor) und ALEX ROSS (Illustrator). Wobei letzterem die größere Ehre für die Entstehung dieses grafischen Meisterwerks zufällt. ALEX ROSS ist ein amerikanischer Künstler, dessen Werke auf dem Gebiet der Comics dem eingefleischten Fan sattsam bekannt sind. Er hat für DC sowie MARVEL irrsinnig tolle Bilder geschaffen. Sein Markenzeichen ist die Gestaltung echter Menschen in Superheldenkostümen. So könnte man es umschreiben. Man stelle sich vor, in den 1950er Jahren wäre es jemandem eingefallen, sich als Batman zu verkleiden, vielleicht auch noch in den 1960ern (aber nicht derart übertrieben wie seinerzeit ADAM WEST), dann würde höchstwahrscheinlich ein ähnliches Ergebnis wie in den Superheldeninkarnationen von ALEX ROSS dabei herauskommen. Jemand, der Vergleiche optischer mag, findet ein sehr gutes Beispiel in CLARK BARTRAM in dem BATMAN-FANFILM von SANDY COLLORA, DEAD END (Unbedingt empfehlenswert! Gut über das Internet zu finden.).
PAUL DINI lässt BATMAN aus seiner Sicht erzählen. Keine Sprechblasen, es gibt wenig, auf vielen Seiten gar keine der üblichen Aufteilungen in Kästen. Manchmal gehen die Grafiken, wenn sie auf einer Seite mehrere Szenen oder Ansichten umfassen, collagenartig ineinander über. Wenig Text wird ausgeschrieben, vieles ist Subtext, den der Leser in den Bilder von ALEX ROSS erfahren darf. Keine Bange, das ist alles sehr gut ablesbar. ALEX ROSS ist ein Meister der Inszenierung sowie technisch wahnsinnig versiert, wenn es darum geht mit Bildern eine Aussage zu treffen oder den Gefühlszustand einer Figur zu übermitteln.
Worum geht’s? KRIEG DEM VERBRECHEN sagt schon viel zum Thema aus. Es ist eine kleinere Geschichte, ohne den mittlerweile erwartbaren Bombast. BATMAN bekämpft das Verbrechen, keine Superschurken. Damit fing auch einmal alles für BATMAN an. Die eigene Leidensgeschichte, der Tod der Eltern, verursacht durch einen Straßenräuber, setzt sich hier fort. Lebensmittelläden werden überfallen, Frauen entführt, Menschen getötet. Der alltägliche Wahnsninn auf GOTHAMS Straßen. BATMAN kann eine Schlacht gewinnen, noch eine und noch eine. Doch PAUL DINI gibt dem maskierten Detektiven nicht das Gefühl, er könne am Ende auch den Krieg gewinnen. Vor allem nicht, da in diesen Krieg auch Kinder involviert sind und traumatisiert werden. So wie der junge BRUCE WAYNE einst.
ALEX ROSS malt photorealistisch mittels GOUACHE. Das sind beeindruckende Darstellungen von Licht und Schatten (bei BATMAN-Szenarien fast schon ein Muss) und feinen Farbgebungen. Bei all dem erlaubt es der Meister dem Leser auch, die Farbgebung genauer unter die Lupe zu nehmen, wie er denn zu den gesehenen Ergebnissen kommt (wer es noch genauer mag, kann das zudem in diversen Youtube-Videos anschauen). Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Die BATMAN-Maske zum Beispiel erlaubt seinem Träger, weitaus mehr Emotionen als gewöhnlich zu zeigen, passt sie sich doch seinem Mienenspiel an, so dass nicht nur die untere Gesichtshälfte Ausdrücke mitteilt.
ALEX ROSS zeigt aber nicht nur die nächtliche Seite GOTHAMS. An der Seite von BRUCE WAYNE gibt es einen Ausflug in die Hochfinanz, viel heller, doch unter dem Strich ist es nicht weniger verbrecherisch. PAUL DINI nutzt dieses Ambiente, um zu zeigen, dass ganz gleich welche Seite BRUCE WAYNE wählt, die des finanzstarken PLAYBOYS oder des DUNKLEN RITTERS, er immer mit dem Verbrechen zu tun hat. Ausruhen gibt es für diesen Charakter nicht. Aber vielleicht ein wenig Hoffnung.
Ja, es ist am Ende nicht ganz hoffnungslos für BATMAN, schwierig bleibt es auf jeden Fall. PAUL DINI ist in seiner Erzählung über den DUNKLEN RITTER um Realismus bemüht, ganz so wie es ALEX ROSS mit seinen Illustrationen ist. Das steht einem SUPERHELDEN ohne Superkräfte sehr gut zu Gesicht. Wie verlustreich und mühselig ein solches Leben sein kann, verrät ein Blick auf den bloßen Rücken des Helden, der ein einziges Narbenfeld ist. Geniale Bilder, schlicht und eindringlich erzählt, ganz bestimmt eine der berührendsten Darstellungen aus dem Leben des Fledermausmanns. Top!!! 🙂
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Sonntag, 18. Januar 2026
Der JOKER ist tot, aber nicht vergessen. Eine Bande, als Clowns verkleidet, die Gesichter weiß geschminkt, Buttons mit dem Konterfei des Jokers auf den Jacken und den Basecaps, treibt ihr Unwesen, stiftet Chaos. BATMAN ist als maskierter Rächer immer noch in GOTHAM unterwegs und greift ein. Doch so gut er (meistens) seinen Job erledigt, kann er doch nicht an allen Orten gleichzeitig sein. So kann er nicht verhindern, dass auch HARVEY DENT auf offener Straße überfallen wird. Der will sich nicht unterkriegen lassen und den potentiellen Ganoven seine Wertsachen überlassen. Kühl und fast schon versiert, schlägt er die Gauner in die Flucht…
Als es damals, so zwischen 1987 und 1988 hieß, TIM BURTON werde einen BATMAN-Film inszenieren, stand die Fan-Welt eine ganze Weile Kopf. Niemand hatte einen MICHAEL KEATON als BRUCE WAYNE auf dem Schirm, ein JACK NICHOLSON als JOKER war schwer zu verdauen. 1989 änderte sich dieses Bild, denn was TIM BURTON auf die Leinwand brachte, war Comic pur, sein BATMAN wurde richtungsweisend, das BATMOBIL ikonisch und die Version von GOTHAM CITY war eine irre düstere Version jener Stadt, in der ein VIGILANT dafür sorgt, die Verbrechensquote auf seine Weise zu senken. Es gab eine Fortsetzung, in BATMANS RÜCKKEHR, leider war nach dem Auftauchen von PINGUIN und CATWOMAN mit TIM BURTON Feierabend (nicht so ganz für MICHAEL KEATON).
Aber der Comic ist ein Medium, das ebenfalls für Fortsetzungen bekannt ist. Wenn ein Film oder eine Serie Schluss machen, kann der Comic ein Thema oder eine Interpretation aufgreifen und fortführen, wie z.B. BUFFY. BATMAN ’89 ist weitere eine Fortsetzung und, das sei vorweg gesagt, eine überaus gelungene. Denn sie holt ein (gezeichnetes) Gesicht ins BATMAN-UNIVERSUM des TIM BURTON zurück: BILLY DEE WILLIAMS als HARVEY DENT. Zumindest in der Comic-Umsetzung erfüllt sich das gesteckte damalige Ziel, den Schauspieler in der Maske des TWO-FACE in Erscheinung treten zu lassen.
Und das ist beileibe nicht alles. CATWOMAN lässt sich wieder blicken. Wer den zweiten BATMAN-FILM mit MICHAEL KEATON gesehen hat, hätte es sich denken können. Aber BATMAN bleibt nicht allein auf weiter Flur, denn ein SIDEKICK kündigt sich an. Einiges läuft hier anders als in den übrigen Verfilmungen, ebenso in den Comics selbst (wo der Leser durchaus vor lauter SIDEKICKS den Überblick verlieren kann).
Autor SAM HAMM greift die Atmosphäre der beiden Vorlagen mit Feingefühl und Tiefgang auf. TIM BURTON kreierte COMIC auf der Leinwand, aber seine Charaktere waren echt, packend, echte Schicksale. Was nicht zuletzt den Darstellungen von MICHAEL KEATON und JACK NICHOLSON geschuldet war. Nun also ist HARVEY DENT an der Reihe seine Platz in der BATMAN-HISTORIE einzunehmen. Der Staatsanwalt hadert mit seinem Leben. Beizeiten stellt sich die Frage nach den verpassten Gelegenheiten, den Abzweigungen, denen man im Leben nicht gefolgt ist und was hätte sein können, wäre man sie gegangen. Fragen, die sich der/die eine oder andere sicherlich auch schon mal gestellt hat. Aber als ein schwerer Schlag ihn trifft, ausgerechnet, als er einem anderen Menschen zur Hilfe eilt, hört er auf, Entscheidungen zu treffen. Er lässt den Zufall entscheiden. Mittel einer Münze.
Der berühmte Münzwurf ist ein Markenzeichen von TWO-FACE alias HARVEY DENT. Sie entspricht dem Kriminellen, zu dem er geworden ist. Eine Seite ist entstellt, die andere heil. Hat ein TOMMY LEE JONES in BATMAN FOREVER nur mehr einen Abklatsch eines JOKERS gespielt (er war dort der Darsteller des TWO-FACE), ist die von SAM HAMM geschriebene Interpretation vielschichtiger aufgebaut und weitaus tragischer. Denn irgendwo ist in HARVEY DENT ein Ehrenmann übrig geblieben. Nicht umsonst wird er von der Tochter des COMMISSIONERS, BARBARA GORDON, geliebt, die den Fußstapfen ihres Vaters folgend ein COP geworden ist. SAM HAMM kann sich aber nicht von der POPKULTUR lösen, denn sein TWO-FACE hat ähnlich wie GOLLUM ein Problem mit einem anderen ICH. So entscheidet letztlich nicht nur die Münze, auch die böse Seite hat in HARVEY DENT ein Mitspracherecht.
Eine Comic-Fortsetzung eines Films kann am Ende nur funktionieren, wenn die Optik bzw. die Grafik der Vorlage angepasst ist. JOE QUINONES, der Zeichner, und LEONARDO ITO, der Kolorist, schaffen das mit mehr als nur Bravour. Solch exakten Bilder, die mit einer geradezu architektonischen Genauigkeit daherkommen, sind nicht so häufig gesät. Illustratoren, die ihre eigenen Techniken haben, ihre eigenen Figuren entwerfen, sind meist nicht in der Bedrouille, etwas nachzeichnen zu müssen. Wenn JOE QUINONES einen MICHAEL KEATON zu Papier bringt, den markanten Mund des Schauspielers zeichnet (weshalb BATMAN sich eigentlich bis zum Dorthinaus maskieren konnte, am Mund blieb er immer erkennbar), dann kehrt TIM BURTONS BATMAN tatsächlich zurück.
Dem Design der bekannten Figuren angepasst, ist auch jenes der neuen Charaktere wie DRAKE WINSTON. Anfänglich erinnert das Auftreten durch einen sehr flatterhaften Überwurf an die Figur des Helden aus UNBREKABLE, gespielt von BRUCE WILLIS. Die anderen Charaktere, BARBARA GORDON vorneweg, sind perfekt gestaltet. Alles in allem für Comic- und BATMAN-FANS ein grafisches Fest!
Top! Ganz bestimmt eine der besten Comic-Fortsetzungen, die es gibt. Richtig liebevoll gestaltet und erzählt, eine echte Verbeugung vor der Vorlage. Wer wissen will, wie die Geschichte damals filmisch hätte weitergehen können, kann hier vorbehaltlos zugreifen! 🙂
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Donnerstag, 01. Januar 2026
Die Welt muss nicht mehr real aussehen. Würde sie jemand vermissen? Den echten Anblick? Dank modernster Technik müssen Menschen nicht mehr abseits des üblichen Lebens in andere Welten gleiten. Sie können mittels Interface und Internet dauerhaft ein Bild, eine Sicht ihrer Wahl über die echte Welt legen und darin leben. Jeder sieht, was er oder sie möchte. Jeder und jede hat die ganz eigene Wahrnehmung. Das soll Zufriedenheit garantieren. Aber es gibt tatsächlich immer noch Menschen, die sich nicht mit computergenerierten Ansichten zufrieden geben wollen, die nicht abdriften wollen, die alles so sehen wollen, wie es wirklich ist. Dieser Zustand nennt sich CLEAR-Modus. SAM DUNES, ein Mann mit Vergangenheit, PRIVATDETEKTIV, gehört zu jenen, die sich nicht der Wirklichkeit verschließen wollen. Doch gegen den Strom zu schwimmen, kann zu ernsthaften Problemen führen. Lebensgefährlichen Problemen…
SCOTT SNYDER, Autor, der von seinen Arbeiten zu AMERICAN VAMPIRE her bekannt ist, der sich quer durch das DC-Universum geschrieben hat und Charaktere wie BATMAN, SUPERMAN oder WONDER WOMAN betreut hat, liefert eine beinharte Science-Fiction-Story ab. In Anlehnung an die gute alte NOIR-Ära und Geschichten wie 1984 oder BLADE RUNNER ist eine Geschichte entstanden, die durch ihre Geheimnisse und Erzählweise sehr schnell eine starke Sogwirkung entwickelt. Der Trick: Was ist echt? Wer hat die Kontrolle? Und wie konnte eine Tote vorhersehen, dass sie ermordet werden würde?
2052. Der nächste Trick: Zunächst sieht es gar nicht danach aus, dass es hier um einen Mord geht. Der Leser ist beim Ableben der baldig Toten zugegen, darf den Sprung beobachten und nirgends ist eine Art Zwang erkennbar. Die Welt schwankt zwischen düster und grell, es regnet, eine Comic-Sonne hängt am Himmel und Drache, aus dessen Maul Flammen züngeln, bedroht einen altmodischen Turm. In dieser Welt kann alles nach allem aussehen. Was nichts am Tod der von SAM DUNES geliebten Frau ändert. Manche Fakten bleiben unverändert. FRANCIS MANAPUL, Zeichner und Kolorist in Personalunion, ist maßgeblich für die Funktionalität der Geschichte verantwortlich. Diese Welt ist auf das Sehen ausgelegt, also muss der Leser diese Welt nacherleben können, um zu verstehen, was hier und gleichzeitig in der Hauptfigur SAM DUNES vor sich geht.
Der Auftakt, viele Bilder, die parallel zueinander laufen, unterschiedliche Wahrnehmungen und Konstrukte, manifestieren sich bei dem ersten Zusammentreffen mit SAM DUNES erneut. SAM hat Schwierigkeiten. Eine Verfolgungsjagd. Und jetzt passiert optisch etwas, mit das Medium Comic am besten arbeiten kann. Was erlebt SAM DUNES während der rasenden Fahrt? Was sehen andere? FRANCIS MANAPUL kann dieses erleben auf einer Einzelseite oder einer Doppelseite perfekt inszenieren und die Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung imitieren.
Wahrnehmung ist das große Thema der Geschichte. Was der Mensch sieht und hört, mit seinen Sinnen erfasst. An was und wie er sich erinnert. Wie Erinnerungen aus den tiefsten Schichten des menschlichen Gedächtnisses hervorgezaubert werden kann und was eine glasklare Erinnerung mit der Psyche anrichtet. Hier kann sich Autor SCOTT SNYDER durch aus mit den Vibes eines PHILIP K. DICK messen. Obenauf sitzt ein furchtloser wie auch verzweifelter Held, der eigentlich nicht mehr allzu sehr am Leben hängt, sich aber in einen Racheakt verstiegen hat, der all sein Streben und Sinnen in Anspruch nimmt. Da bleibt für anderes kaum mehr Zeit.
Spannung? Aber ja! Je tiefer SAM DUNES gräbt, je komplexer die Handlung und die dargestellte Welt werden, umso faszinierender und packender wird CLEAR. Und was uns FRANCIS MANAPUL dazu auf das Papier zaubert ist ein schlichter Bilderrausch und Fest für all jene, die einen Hang zum CYBERPUNK haben.
Bombe! Eine Perle des Genres Science Fiction und nebenbei noch eines in der Nische Cyberpunk. Eine schlüssige Geschichte, ein starker, aber verlorener Privatdetektiv, eine Bilderflut mit Illustrationen auf höchstem Niveau. Vorbildlich und erste Klasse! 🙂
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