Samstag, 29. August 2020
Was geschah 1948? Fest steht, dass sich zwei Männer zum Ende des Zweiten Weltkriegs zusammentaten, um ein ungeheures Husarenstück durchzuführen. Ein Raubüberfall in luftiger Höhe mittels eines technischen Wunderwerks namens GREIF. Der eine Mann ist der amerikanische General ROBERT BRIGHT, für den es bei diesem Überfall um alles geht. Er muss Geld beschaffen, ansonsten ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert.
Der andere Mann heißt EGON KRATZ, ein ehemaliger Ingenieur, der für das Nazi-Regime tätig war. So unauffällig seine äußere Erscheinung ist, so findig ist er in seinen Konstruktionen. Das Ergebnis ist der GREIF. Der Plan ist so einfach wie aufregend. Der GREIF ist in der Lage, in der Luft an ein Flugzeug der U.S. AIR FORCE anzudocken, das zufällig den Sold, 28 Millionen Dollar, für die amerikanischen Soldaten in EUROPA an Bord hat …
FRANKA erlebt diese Geschichte natürlich nicht direkt, sondern ist auf die Erinnerungsnotizen einer dritten Person, KAY, angewiesen, die sich vor langer Zeit mit ROBERT BRIGHT eingelassen hat. Und von ihm aus seinem Leben vertrieben wurde, als sie ihm gestand, schwanger zu sein. Diese zeitlichen Rückblicke in die 1930er, 1940er und 1950er Jahre sind richtig kleine Schmuckstücke der Comic-Kunst. Im Zusammenhang der jeweiligen Seite oder auch alleine betrachtet. HENK KUIJPERS erzählt kurz über den Werdegang von KAY, berichtet von ihren Arbeitsplätzen. Ein tolles Bild eines Burger-Drive-Ins ist das Paradebeispiel dieses Lebenszusammenschnitts. Militärische Einblicke geben eine Fabrikationshalle von Consolidated B-24 »Liberator« Bombern, Szenen von Fahrzeugaufmärschen oder heimkehrenden Soldaten. Das atmet viel Atmosphäre. Fast könnte man vergessen, um welche Geschichte es sich eigentlich handelt. Schnell kann man sich als Leser in diesen Schilderungen verlieren.
Aber FRANKA bleibt natürlich nicht außen vor. Ganz im Gegenteil. Nach ersten Recherchearbeiten wird sie sogar noch tiefer in die Handlung hineingezogen. Was eben noch Erinnerungen einer fremden Person waren, greift plötzlich in die Gegenwart. Der Sprung gelingt HENK KUIJPERS vorzüglich. Mehr noch. Die Privatdetektivin, deren Aufgabe es ist, anderen auf die Spur zu kommen, wird selbst überwacht und gerät in höchste Bedrängnis.
Der klare Strich von HENK KUIJPERS mag nicht unbedingt bei allen Fans der Ligne claire ankommen. Dafür unterscheidet er sich von den bekannten Vertretern dieser Bildrichtung. Er sieht technischer aus, kantiger. Auch verzettelt er sich mal in überflüssigen Strichen, die ein Bild abrunden, aber nicht unbedingt notwendig sind. Aber auf diese Weise entsteht auch ein unverwechselbarer Stil, der mit seinen Schnörkeln hier und dort vielleicht sogar leicht am Jugendstil angelehnt scheint. Betrachtet man nur die Rückseite, auf der sich HENK KUIJPERS in einem einzigen Bild ausbreitet, versteht man sofort, was gemeint ist.
FRANKA radelt neben einem CITROEN HY, einen uralten Kastenwagen, her, der zu einer fahrbaren Burger-Braterei umgebaut wurde (neudeutsch: Food-Truck). Das ist wieder nur ein Beispiel. Insgesamt steckt da viel Herzblut in den Bildern. HENK KUIJPERS baut, so möchte ich behaupten, baut hier eine richtige Welt um FRANKA herum. Klar, abgeleitet aus der unseren, aber er macht sie eine kleine Spur schöner und sucht sich wie ein Fotograf die besten Ecken, um seine FRANKA in Szene zu setzen.
Toller Abschluss des Zweiteilers (Vorgängerband: DAS GEHEIMNIS VON 1948). Fantastisch illustriert, sehr eigen, unverwechselbar. Ein modernes Abenteuer mit einer modernen jungen Frau (seit den 1970ern schon, HENK KUIJPERS war der aktuellen Entwicklung sogar voraus). Verlässliche Comic-Qualität. Fein. 🙂
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Freitag, 14. August 2020
Ein scheinbar leichter Auftrag für FRANKA. Die junge Privatdetektivin soll eine Museumsangestellte beschatten, die verdächtigt wird, Material unbefugt an Dritte weiterzugeben. Über diesen Umstand ist man sich ziemlich sicher. Doch, wer ist der Auftraggeber? FRANKA macht sich an die Arbeit und wird schnell fündig. Bemerkt aber ebenso schnell, dass die Verdächtige selbst übers Ohr gehauen wurde. Außerdem führt die Spur weiter. FRANKA wird neugierig. Folge dem Geld, heißt das ewige Motto. Was eben noch ein Fall in ROTTERDAM war, gerät zu einer Rätseljagd in LAS PALMAS DE GRAN CANARIA. Und neben Sommer, Spaß und Sonnenschein wird es bald höchst gefährlich…
In der 23. Ausgabe von FRANKA, natürlich komplett aus der Feder von HENK KUIJPER, mit dem Titel DAS GEHEIMNIS VON 1948, ist anfangs nichts so, wie es scheint. Jeder Schritt führt zu einem neuen Rätsel, noch geheimnisvoller, noch undurchsichtiger. HENK KUIJPER kann in Sachen Erzählen keiner mehr etwas beibringen. Das ist von Anfang bis Ende mit sehr viel Spaß, sehr viel Sympathie für die Figur FRANKA geschrieben. Es erweitert die Figur, hält hier und da eine kleine Rückschau, um Brücken aus vergangenen Geschichten zu schlagen. FRANKA ist nun einmal SINGLE, nicht direkt auf der Suche nach einer Beziehung, würde sich aber, wenn es einmal klappt, auch einer solchen nicht versperren. Diese Bereitschaft verheißt nur nicht automatisch, dass sie mit ihrer Menschenkenntnis (trotz ihres langjährig ausgeübten Berufes) immer zu einhundert Prozent richtig liegt.
HENK KUIJPERS entführt den Leser grundsätzlich gerne an penibelst gezeichnete Orte. Da werden Großstädte wie ROTTERDAM und AMSTERDAM zu HINGUCKERN, mit WIMMELBILDCHARAKTER. Und HENK KUIJPERS verschwendet keinen Platz. Da muss was drauf, aufs Papier! Feine, überaus exakt geogene Linien, fasst ein wenig wie ein moderner Jugendstil, erfassen jedes noch so unbedeutende Detail. Da fehlt keine Leine, keine Planke, kein Riss im Stein.
Darüber hinaus hat HENK KUIJPERS ordentlich Zusatzinformationen zur Geschichte für den Leser bereitgestellt. Das will, wie jedes noch so kleine Bild, gelesen, eingeordnet und verarbeitet werden. HENK KUIJPERS verlangt optisch auf einer Seite von den Lesern mehr als es so manche andere Autoren und Zeichner tun, die deutlich luftiger zur Sache gehen. Dabei gibt es für den, der sich nach leichterer Comic-Lektüre nicht abschrecken lässt, ein sehr abwechselungsreiches Abenteuer zu verfolgen, das der Hauptfigur ebenso viel Aufmerksamkeit schenkt wie dem GEHEIMNIS VON 1948.
Einen kleinen Hinweis darauf, gibt bereits Titelbild. Eigentlich spoilert HENK KUIJPERS hier höchstselbst. Im Hintergrund steht eine merkwürdige Flugapparatur mit Heckpropellern. Die Konstruktion ist nicht gerade modern zu nennen. FRANKA steht im Vordergrund und hält neben einer Truhe (mit der Aufschrift US TREASURY) einen Geldsack des us-amerikanischen Schatzamtes in die Höhe, ergänzt durch den Aufdruck 1948. Offensichtlich geht es um eine Schatzsuche. Aber das ist letztlich nur ein Bruchteil dessen, was die Handlung ausmacht. Deswegen mag dieser offensichtliche Hinweis von HENK KUIJPERS dem Autoren und Zeichner in Personalunion verziehen sein.
Stark! Und gleichzeitig der Beweis, warum diese Serie so langlebig ist, die immerhin seit 1976 (!!!) erscheint. Das müssen andere Serien FRANKA erst einmal nach machen. Hauptfigur und Handlung sind erstaunlich jung geblieben, auf der Höhe der Zeit. Mit einer modernen Frau als Hauptfigur. So soll das sein! Sehr gut. 🙂
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Mittwoch, 05. August 2020
GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK. Eigentlich, bei genauer Betrachtung, sowie in der Rückschau auf ähnliche Projekte, könnte es auch heißen: GWENPOOL DEMOLIERT DAS MARVEL-UNIVERSUM. Oder so ähnlich. Die Zahl der Gaststars in diesem unmöglichen (komischen) MARVEL-Event ist sehr hoch. Einer lässt sogar schon auf dem Cover die Hüllen, Verzeihung, die Maske fallen. Allerdings nicht aus Kooperation, wie die Fesseln beweisen. Oder – na, wer weiß das heutzutage schon.
Wer ist GWENPOOL? GWENDOLYN POOLE gehört eigentlich nicht dorthin, wo sie sich momentan aufhält, zwischen all den Superhelden und all den alternativen GWENPOOLS. Sie war mal ein ganz normaler Comic-Nerd. In das MARVEL-UNIVERSUM versetzt kommt sie optisch als Mischung aus DEADPOOL und SPIDER-GWEN daher, besitzt (eigentlich) keine nennenswerten Kräfte (sieht man einmal davon ab, dass sie die Comic-Realität nach ihren Wünschen, sagen wir mal, verbiegen kann). Sie ist ziemlich abgedreht (das hat sie mit DEADPOOL gemein, der ebenfalls mit einem Gatsauftritt aufwartet). Sie ist ziemlich frech das wird deutlich, wenn sie ungefragt und ungebeten mit REED RICHARDS alias MR FANTASTIC rumknutscht).
Das Gute an der Story: GWENPOOL darf alles, ohne Konsequenzen zu fürchten. Ebenfalls gut: Sie macht alles, ohne Konsequenzen zu fürchten. Sie ist kein Stück böse, aber total unvernünftig. Und total lustig (ohne es zu wollen). In der hier zusammengefassten Ausgabe von fünf Heften der kleinen Reihe GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK aus der Feder von LEAH WILLIAMS und CHRISTOPHER HASTINGS (nur Heft 4) darf der Leser einmal staunen, was passiert, wenn nicht nur Comic-Figuren losgelassen werden, sondern auch Comic-Autoren selbst. Es gibt keine Grenzen mehr. Gibt DEADPOOL einer Figur wie GWENPOOL auch noch Ratschläge, dann ist schlicht alles zu spät.
Für den Leser bedeutet das, er darf sich mit höchstem Vergnügen auf die Bilder von DAVID BALDEÓN stürzen (Farben von JESUS ARURTOV und GURU eFX). In diesem reinen Spaßprodukt, wo dem Zeichner selbst (ja, der darf kurz mitspielen) der Kaffee über die Seite fliegt, gibt es nichts, was irgendwelche Realitäten oder Events bei MARVEL (zer)stören würde. Dafür aber nicht nur MARVEL als Comic-Beispiel aufs Korn genommen, gleichzeitig versucht sich GWENPOOL noch an anderen Genres und Medien. Bestes Beispiel ist GWENPOOL’S ISLAND. Als Gaststars treten unter anderem auf: CAPTAIN AMERICA, IRON MAN, BLACK PANTHER, SHE-HULK, SPIDER-WOMAN, BLACK WIDOW und einige mehr – allesamt dem Anlass entsprechend in Badeklamotten. Einzig die jungen Helden wie MILES MORALES alias SPIDER-MAN dürfen in ihren üblichen Aktionsklamotten auftreten. So verblüfft wie selbst diese Comicfiguren aussehen, muss DAVID BALDEÓN einen Heidenspaß gehabt haben.
GWENPOOL selbst, die sich am Strand herumtreibt wie einst eine URSULA ANDRESS oder eine HALLE BERRY (jeweils in einem JAMES-BOND-Film), hat eine Mission. Sie will gefährlich, böse sein, weil böse sich besser verkauft. Was sich verkauft, überlebt im Comic-Markt. Klar, dass da niemand der versammelten Helden vor ihr Angst hat. Da hält sich jeder natürlich zurück. Jeder? Nein nicht jeder? Der HULK ist – na, eben der HULK. Der schlägt auch kleine Mädchen. Allerdings hat GWENPOOL tatsächlich eine Chance gegen den grünen Muskelmann. Schließlich ist das ihre Geschichte…
Lässt nichts aus. GWENPOOL erzählt uns eine Geschichte (eigentlich LEAH WILLIAMS und CHRISTOPHER HASTINGS) und DAVID BALDEÓN darf sie hervorragend illustrieren (mit zusätzlichen tollen Cover-Grafiken von TERRY DODSON). Aber man sollte es weniger als Story sehen, vielmehr als SHOW und die bekommt man hier geliefert. Hier tun die bekannten Helden mal dies und das, was sie sonst nicht dürfen (zum Beispiel sich in Badenhosen prügeln) oder wie GWENPOOL im Bienenkostüm auftreten. Gefühlt eine Atmosphäre wie LITTLE NEMO IN MARVEL-LAND. Mit viel Herz und Fun. 🙂
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