Donnerstag, 03. Juli 2014
Colonel Olrik gefällt sich nicht in der Rolle des Opfers, war es doch meist so, dass er um die Oberhand rang. Aber der Colonel kann nicht vergessen, wie er vor einiger Zeit Opfer und Versuchskaninchen des berüchtigten Professor Septimus‘ war. Noch immer verfolgen ihn die Bilder von damals, bilden sich aus dem Dunst verdrängter Erinnerungen bedrohliche Gespenster und keiner kann sich erklären, wieso das so ist und warum es gerade jetzt geschieht. Derweil geht Professor Mortimer einer Erfindung, dem Telezephaloskop, des alten Feindes Septimus auf den Grund. Leider sind die Ergebnisse zu vernachlässigen. Ein Treffen mit seinem alten Freund Francis Blake könnte Rat bringen.
Das gelbe M wirft seinen langen Schatten. Eines der am besten in Erinnerung gebliebenen Abenteuer der beiden Helden Blake und Mortimer, Das Gelbe M, erlebt hier eine Art Epilog. Die Geschichte ist rätselhaft, eine Rückschau zu besagtem Klassiker nicht ausdrücklich notwendig. Die Atmosphäre schwankt zwischen dem Grusel einer Geschichte von Lovecraft und, moderner, den rästelhafteren Episoden der Serie Akte X.
Mysteriös. Männer tauchen auf, schleichen durch ein heruntergekommenes Viertel und sterben auf eine merkwürdige Art und Weise. Zuvor reden sie Sätze, die nach Anbetung klingen, seltsamer aber kaum sein könnten und kaum Rückschlüsse auf die Hintergründe zulassen. Erst die Identität der Männer eröffnet eine neue Spur, die Blake und Mortimer jedoch noch ratloser zurücklässt. Ein Komplott, wohl verborgen geschmiedet, wird vor dem wahren Geheimnis fast zur Nebensache.
Jean Dufaux kann als Comic-Autor auf eine große Bandbreite von Genres zurückblicken, in denen er seine Erzählungen gefunden hat. Piraten, Wikinger, Gangster, eine Spur Erotik sind zu finden, gerne historisch, gerne etwas fantastisch. Mit Blake und Mortimer nimmt er ein ordentliches Erbe in Empfang, an dem nicht nur E. P. Jacobs als Erfinder arbeitete, sondern auch ein Thriller-Spezialist wie Jean Van Hamme.
Jean Dufaux greift das Grundelement der Reihe, nennen wir es das außergewöhnliche Mysterium, auf und verschachtelt die einzelnen ungelösten Geheimnisse auf modern popkulturelle Art. Um beim Beispiel Akte X zu bleiben: Hinterher sind nicht unbedingt alle Fragen beantwortet, dafür bleibt man mit dem Wissen zurück, dass es für Blake und Mortimer noch sehr zu tun geben wird.
Die Grafiken, gezeichnet von Antoine Aubin und Etienne Schreder, weichen selbstverständlich nicht von der klassisch bekannten Form der Reihe ab. Hier gibt es keine Experimente. Was gut war, ist gut und soll nicht verfälscht werden. Es gibt nur wenige Serien mit wechselnden Zeichnern, die ihren Charakter dennoch über die vielen Jahre so toll erhalten haben. Etienne Schreder setzt seine Arbeit an der Reihe, begonnen unter Van Hamme, fort. Klare, präzise Formen, ergänzt mit einfachen Farbaufträgen, die allenfalls von etwas Wangenröte durchbrochen werden.
Schwarz gekleidete Männer mit Bowlern und Regenschirmen. Die Bedrohung durch gut konservativ gekleidete Herren ist keine Erfindung von Jean Dufaux. Zeitweilig mag man glauben, dass hier die grauen Herren nicht weit sind, oder jene, die einen Plan überwachen, den es einzuhalten gilt. Ein schönes Beispiel für eine Figur, die, tritt sie einzeln auf, harmlos scheint, aber schnell bedrohlich wird, wenn sie sich massenhaft in Szene setzt. Professor Septimus gibt es hier nicht zu knapp. Über den bekannten stechenden Blick hinaus ist er eines Gruselelemente dieses Abenteuers.
Jean Dufaux zieht die besonders dunklen Seiten der Serie in den Vordergrund. London wird zum Versteck eines Mysteriums, von dem niemand eine Ahnung hatte. Grafisch auf gewohntem Niveau ermitteln Blake und Mortimer auf ebenso gewohnt britische Weise. Fein. 🙂
Die Abenteuer von Blake und Mortimer 19, Die Septimus-Welle: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 02. Juli 2014
Zick geht in die Schule, aber darüber hinaus treibt sich kaum außerhalb seines Zuhauses herum, so wie andere Kinder seines Alters das eben tun. Denn daheim ist es schon turbulent genug, Allergie inklusive und mit einer sprechenden Katze an der Seite fällt es schwer, sich interessantere Vorkommnisse in der wirklichen Welt vorzustellen. Da Zick nicht zur wirklichen Welt kommt, kommt diese zu ihm in der Gestalt eines neuen Nachbarmädchens namens Elena Patata, die ebenfalls einen Kater mit Namen Bandito besitzt. Wenn es jemals zwei unterschiedliche Nachbarskinder und noch verschiedenartigere Katzen auf der Welt gab, dann treffen sie in Monster Allergy aufeinander.
Katja Centomo und Francesco Artibani brachten den Kindern liebe Monster im Comic, unerwartete Ereignisse, viele Katzen und ein ungewöhnliches Freundespaar. Lieb ist das Stichwort, denn liebevoll ist die Erzählung zu nennen, die sich langsam von einer nachbarschaftlichen Freundschaft zu einem Gruselabenteuer entwickelt. Neben Monstern gibt es auch Geister und Wächter, denen eine besondere Aufgabe zufällt. Zick, die männliche Hauptfigur, ist weniger verschroben, als ihn seine Umgebung beschreibt und auch weniger krank, als viele glauben. Elena ist jedoch so neugierig und hartnäckig, wie Zick sie einschätzt.
Bombo, ein Monster zum Knutschen. Rot, gefleckt, Kulleraugen, Riesenmaul, kugelrund und mit einem Sprachfehler versehen, ist es freundlich, friedlich, will sich lieber heraushalten, macht nicht alles richtig, hat aber manchmal im richtigen Moment die wirklich wichtige Information parat. Kurzum, Bombo ist der Begleiter, den ein modernes Kind sich nur wünschen kann. Das gilt über zehn Jahre nach Entstehung des ersten Comics immer noch. Die dazugehörige Optik ließ schon vermuten, wo es Monster Allergy hinzog. 2006 folgte die Zeichentrickserie.
Dünne Linien, manchmal betont kantige Formen, manchmal bewusst krumm und schnörkelig (bei Monstern), mit verspielten Proportionen und knalligen, zeichentrickartigen Gesichtausdrücken, die eine Verwandtschaft zum Anime nicht verleugnen können. Die italienische Disney-Schmiede hob dieses Projekt mit Zeichner Alessandro Barbucci aus der Taufe und schlug damit eine ähnliche Richtung wie mit W.I.T.C.H. ein, ein junges Konzept, das (ohne Magie) sich auch in Serien wie Kim Possible und anderen niederschlägt. Eine unverbrauchte Optik, die zunächst keine Rückschlüsse auf nordamerikanische Produktionen des Mutterkonzerns zulässt, weit weg von den klassischen Figuren mischt das Medium und das Genre auf.
Katzen, Katzen! Ein gutes Beispiel für diese optische Entfernung von der klassischen Gestaltung, wie sie sich über Jahrzehnte gehalten hat (im Sinne von putzigen Aristocats), sind die beiden (und noch ein paar mehr) Katzen von Zick und Elena. Bandito ist der typische überfressene und leicht blöde Kater (die es geben soll), während Timothy nicht nur sprechen kann, sondern obendrein auch noch ein arroganter Nacktkater ist. Hier ist der Gegensatz noch weitaus größer als zwischen den beiden menschlichen Hauptcharakteren. Aber gerade daraus ziehen viele gemeinsame Szenen der beiden einen starken Gewinn in Sachen Humor.
Monster? Ja, aber andere als üblich. Diese besitzen jenen anarchischen Charme, den auch die finsteren Kreaturen in Zeichentrickabenteuern der Ghostbusters besaßen oder jene Meereswesen, die in Pirates of the Caribbean ihren Auftritt hatten. Letzterer Vergleich wird offenbar, wenn gegen Ende der hier zusammengefassten ersten vier Teile der Comic-Reihe ein außergewöhnlicher Pirat namens Krausbart seinen Auftritt hat und stark an einen Davy Jones erinnert.
Schöne Kinderunterhaltung, modern gestaltet, spannend erzählt. Alessandro Barbucci hat einen stilistisch eigenen Mix kreiert, kindgerecht, überdreht hier und dort, vor über zehn Jahren schon mit schönem Blick dafür, was Kids heute automatisch erwarten. Unterhaltsam auch für Junggebliebene! 🙂
Monster Allergy, Die Gesamtausgabe 1: Bei Amazon bestellen
Links: www.monsterallergy.com