Der Erzbischof ist zu Besuch. Die Nonnen haben alles vorbereitet. Das Kloster sollte den gestrengen Blicken des Kirchenoberen standhalten. Die Nonnen haben sogar daran gedacht, ihr kleines Geheimnis gut zu verstecken. Allerdings hat dieses kleine Geheimnis, ein kleiner Junge, seinen eigenen Kopf und so verschafft er sich einen Ausblick auf das Geschehen und plant außerdem seine Flucht. Derlei Pläne kleiner Kinder können in eine Katastrophe münden, hier geraten sie völlig außer Kontrolle. Aus der Flucht wird ein Leben, wie es Frankreich nie erlebt hat, ein wahrer Mühlstein der Geschichte.
Die französische Revolution: Aus heutiger Sicht stand sie unter dem Motto Runter mit dem Kopf! Autorin Valerie Mangin lässt mit ihrem Zweiteiler Kleines Wunder, der hier in einem Band zusammengefasst ist, diese Zeitspanne wieder aufleben. Es ist ein Blick in eine Zeit, in der Hinrichtungen mit größtmöglicher Effektivität durchgeführt werden sollten. Bedeutet: Schneller, denn es gab viel zu tun.
Wer in der Französischen Revolution etwas bewandert ist, wird einiges entdecken können. Wer sich nicht auskennt, wird nicht weniger Spaß haben: Eine Nonne bereitet einen durch ein normales Beil hingerichteten Mann auf sein Begräbnis vor und erfährt dabei eine Art außereheliche Erfahrung. Ist dieser Akt schon höchst bemerkenswert, ist das folgende Ereignis, nämlich die Schwangerschaft der Guten, nicht weniger beeindruckend unter diesen Umständen. Das Kind, von dem man zunächst glaubt, es sei tot, lebt, obwohl der Kopf vom restlichen Körper getrennt ist. Beide Körperteile funktionieren dennoch gemeinsam, eben ein Kleines Wunder. Aber hatte hier wirklich Gott seine gnädige Hand im Spiel?
Ein kopfloses Kind: Schwer zu behaupten, es habe den Schalk im Nacken, aber tatsächlich ist der kleine Denis, so sein Name, ein aufgeweckter Junge, intelligent und vorwitzig. Der Zustand, bei Nonnen im Kloster aufzuwachsen, erweist sich für ihn zwar zunächst sinnvoll, ist für den Heranwachsenden jedoch äußerst langweilig. Widrige Umstände setzen dieser Langeweile bald ein Ende. Die Bekanntschaft mit Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (der den Spitznamen der hinkende Teufel trägt) und Joseph-Ignace Guillotin lenkt sein Leben in unvorhersehbare Bahnen.
Valerie Mangin lässt das Kind nicht nur wachsen, sie lässt es vor Rache und Zorn entbrennen. Plötzlich gibt es nur noch einen Gedanken: Sie sollen bezahlen! Wer? Alle! Nicht weniger als die Auslöschung der Menschen hat dieses Kleine Wunder im Sinn und obwohl es später unverhohlen diesen Weg beschreitet, findet es dennoch reichlich Anhänger, um zunächst Frankreich einen Kopf kürzer zu machen. Und später? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Griffo (Werner Goelen) karikiert dieses Frankreich, führt es auf die Theaterbühne und zeichnet wunderbare Figuren, in dieser Geschichte, die auf einer Grenze zwischen der Komödie Molieres und den Dramen eines Shakespeares balanciert. Lediglich die Gesichter sind etwas überzeichnet. Alles andere wird akribisch dargestellt und sorgt für eine phantastische Atmosphäre, ein wahrhaftige Kostümparade und gleichzeitig ein Sittenbild einer Epoche, in der die Auslöschung des politischen Gegners eine schaurige Systematik erreichte.
Feine Linien, ein lasierender, aquarellartiger Farbauftrag lassen die Handlung auf den ersten Blick märchenhaft erscheinen. Griffo zeichnet mit dieser Geschichte den Blick hinter die Kulissen der Kulissen, die wahren Drahtzieher. Erwähnter Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, der Wendehals, dem es gelang die Revolution zu überleben, ist der heimliche Chronist dieser Geschichte. Der Leser darf den schlanken und schmalgesichtigen Büßer alt werden sehen. Das Lachen des jungen Talleyrand verschwindet schließlich für immer. Der hinkende Teufel wird zum wahrhaftigen Helfershelfer desselben. Und er weiß es. Nicht nur in dieser Figur beweist Griffo sein starkes Können für Mimiken und Charaktere.
Eine grandiose Geschichte, erzählt von Valerie Mangin, mit sicherer Hand und gutem Gespür für Figuren von Griffo illustriert. Was war der wahre Antrieb hinter den Umtrieben der Französischen Revolution? Hier findet sich eine spannende Antwort, toll mit den Fakten verwoben, sehr unterhaltsam und voll schwarzen Humors. 🙂
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