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Comic Blog


Montag, 23. November 2009

Kirihito 1

Filed under: Thriller — Michael um 20:21

Kirihito 1Eine schreckliche Krankheit deformiert den Patienten. Am Ende, wenn der Körper mehr einem Hund als einem Menschen ähnelt, erlahmen sämtliche Widerstandskräfte. Der Patient stirbt. Kirihito Osanai ist ein ehrgeiziger Arzt, der sich mit dieser unheimlichen Krankheit befasst. Der Patient von Zimmer 66 ist ein Rätsel. Was die Krankheit ausgelöst hat, kann nicht bestimmt werden. Noch weniger ist über ihre Übertragbarkeit bekannt. Kurz: Die Ärzte tappen im Dunkeln. Eine Heilungsmöglichkeit ist nicht in Sicht. Auf Wunsch seines Vorgesetzten reist Kirihito in das Heimatdorf von Patient 66, um die Ursache für die Krankheit zu finden.

Die Reise verläuft jedoch alles andere als erwartet. Bei seiner Ankunft schlägt ihm pure Feindseligkeit entgegen. Tazu, eine junge Frau des Dorfes, bietet sich ihm als Frau an, weil nur so, durch eine Heirat in die Dorfgemeinschaft aufgenommen, gewährleistet ist, dass Kirihito kein Leid geschieht und er seine Forschungen fortsetzen kann. Leider bleibt das pures Wunschdenken. Denn binnen kurzer Zeit ist Kirihito selbst von der Krankheit befallen.

Der 1989 verstorbene Osamu Tezuka hat mit dieser Geschichte um den Arzt Kirihito Osanai eine Tragödie und Drama zugleich verfasst. Verschwörungen und Thrillerelemente, eine unterschwellige Weltuntergangsstimmung verstärken die düstere Atmosphäre der Geschichte, die sich nicht mit einem kleinen Dorf als Handlungsort zufrieden gibt, sondern immer größere (globale) Kreise zieht. Tezuka, der Mann, der einst mit einer Serie wie Kimba, der weiße Löwe die Kinder in Spannung versetzte, erstaunt hier mit einer Geschichte über Intrigen, Misstrauen, Missbrauch und Rassismus. Aus einer Recherche über eine Krankheit wird eine Jagd um den Erdball und das nicht nur für den Helden Kirihito.

Auch der Arzt Dr. Urabe, der später selber in die Wirrspiele um die Krankheit verwickelt wird, findet sich bald in einer Welt voller Mord und Totschlag wieder. Urabe, der selbst zum Täter wird, als er Kirihitos Verlobte vergewaltigt, landet in Südafrika zur Blütezeit des Apartheid-Regimes. Für die einen ist der Japaner ein Fastweißer, für die anderen ist er ein zu hell geratener Schwarzer. Hier, an einem völlig anderen Flecken der Welt, hat sich die Krankheit ebenfalls in einem kleinen Dorf gezeigt. Mehr noch: Eine weiße Ordensschwester wurde ebenfalls infiziert. Für Urabe, der die Kranke untersuchte, geht es fortan um Leben und Tod. Für die rassistischen Buren ist es undenkbar, dass eine schwarze Krankheit auch Weiße befällt.

Osamu Tezuko malt hier ein furchtbar dunkles Bild der Welt, in der Rassismus gerade einmal die Spitze des Eisbergs menschlicher Perversionen ist. Die Zeichnungen sind teilweise für kindliche Gemüter erstellt, so scheint es. Realistische Landschaften, Fahrzeuge und sonstige Umgebungsbilder rahmen Figuren ein, die allesamt sehr unterschiedlich sind. Die intelligenteren Akteure (wie die Ärzte) wirken allesamt wie Gauner, die Einwohner des Dorf erscheinen wie geistig umnachtet und die Schwarzen in der afrikanischen Szenerie erinnern an wenig schmeichelhafte Darstellungen aus frühen Zeichentrickfilmen oder auch an jene Abbildungen wie sie sich zuweilen in Tim und Struppi gefunden haben.

Tezuko arbeitet mit Klischees, allerdings zeigt er auch, dass es hinter dem Klischee noch viel schlimmer ausschaut. Seine Zeichnungen sind Täuschungen. Das Auge lässt sich auf ein harmloses Szenario ein, während das Drama dahinter immer bitterer wird. Das Schwarzweiß ist in gewisser Weise gnädig zum Betrachter, der sich seinen Teil ebenso in Farbe denkt, wie er auch Szenen ergänzt, die ein Tezuko taktisch klug abbricht, um sie nach vollbrachter Schreckenstat an anderer Stelle fortzuführen. Er bricht aus der Schiene aus, die er zu Beginn einschlägt. Durch die Verlagerung des Handlungsortes (eigentlich mehrerer Orte) entsteht Unvorhersehbarkeit.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr verlässt sie den ursprünglichen Faden und fächert sich immer weiter auf. Auch hier wird die Erwartung gesprengt, bis sich alles auf einer breiten Ebene abspielt, die den Ideen eines der aktuell hoch gelobten Thrillerautoren entsprungen sein könnte. 1970 erstmals erschienen nimmt das Abenteuer um Kirihito einiges vorweg, das sich auch noch nach Jahrzehnten immer noch als Stammelemente und Stilmittel in ähnlich gelagerten Geschichten findet. Tezuko kann mit dieser Erzählung durchaus als Vorreiter betitelt werden.

Eine wachsende Spannung packt den Leser immer fester von Kapitel zu Kapitel. Seltsamerweise sind es gerade die Nebenfiguren in dieser Geschichte, die das Mitleid verdienen. Die beiden Doktoren, die immer tiefer in den Strudel der Geschehnisse gezogen werden, werden eher beobachtet als begleitet. Überraschend, voller Wendungen, fesselnd. Sehr gut. 🙂

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