Dem Riesen ist nicht so ganz wohl bei den Kampfvorbereitungen. Eigentlich hat er nichts zu befürchten. Er ist groß, sehr groß, seine Muskeln scheinen unter der Haut seiner Oberarme bersten zu wollen. Aber ein kleiner Fremder, ein Champion dieser Arena, verursacht dennoch ein gewisses Unbehagen.
Doch als der Riese voller Kampfesdrang die Arena betritt, kommt die Ernüchterung. Der Fremde kommt nicht. Die komischen Krieger, die einen über den Durst getrunken haben, wischt er wie lästiges Ungeziefer beiseite. Gefahrlos bleibt es trotzdem nicht. Vor den versammelten Zuschauern erhebt sich plötzlich eine Bedrohung in Form schwarzer schlaksiger Gestalten. Besucher haben diese Verfolger mitgebracht.
Eine seltsame Bedrohung! Jeder, der bereits einmal Fantasy gelesen hat, wird sich ein Bild von den Bösewichtern gemacht haben. Sie wirken verschlagen, ihr Äußeres ist nie neutral, immer scheint etwas Bemerkenswertes an ihnen zu sein, das sie zum Schurken prädestiniert. Monster repräsentieren allein durch ihre Erscheinung eine Bedrohung. Ungeschlacht, muskulös, unförmig, hässlich lauten die Attribute, mit denen sich so ein Monster charakterisieren lässt.
Man findet diese Wesen auch bei Ganarah – aber, die wirklich gefährlichen Wesen sind ganz andere.
Sie sind pechschwarz und spindeldürr. Sie verfügen über keinerlei Gesicht, sondern tragen eine weiße Maske. Ihr Verhalten ist stoisch, unaufhaltsam. Ihr Vorgehen wird von niemandem verstanden. Doch ehe ein Angreifer sich versieht, ist er auch schon ihrer Macht erlegen und ihren Untertan.
Und sie haben nur ein Ziel: Ganarah.
Diese merkwürdigen Wesen verbreiten eine Art Tim Burton-Atmosphäre. Ihre Unaufhaltsamkeit birgt den Grusel. Außerdem scheinen sie unbesiegbar zu sein. Den Hieb mit einer Waffe nehmen sie mit einer stoischen Ruhe hin. Selber benutzen sie nicht einmal Waffen. Indem sie einem Opfer eine Maske aufsetzen und dieses ihrer Gruppe einverleiben, werden sie zahlreicher.
Sie sind schneller, als man glaubt. So stellt Ganarah mit ähnlicher Ruhe fest, als sie dem Griff eines der Wesen gerade eben entwischt ist. Irgendwie bewegen sich diese Wesen auch nicht. Sie wachsen vorwärts, türmen sich auf, wehen voran.
Zu Beginn der Geschichte erinnert nichts an eine Fortsetzung. Alles ist irgendwie neu, anders. Ganarah, die man im ersten Teil kennen lernte, dort eine Legende, ist hier mehr ein Gerücht. Als sie endlich erscheint – für die anderen teilhabenden Figuren, nicht für den Leser – ist sie schuldig an der Flucht der Stadtbewohner.
Aus der Geschichte, wie der Leser sie erwarten konnte, Kämpfen in der Arena, wird etwas ganz anderes. Es wird eine Hatz, eine Jagd, ein kleiner Krieg, in dessen Verlauf einige Begegnungen den Grusel- Faktor noch erhöhen. Ähnlich der seltsamen Wesen, die sich für die Flucht verantwortlich zeichnen, werden von Fabrice Meddour weitere Rätsel in der Geschichte aufgebaut. Sandmulle werden zunächst nur in der Erzählung bekannt. Sie seien gefährlich, erfährt der Leser, für einen normalen Kämpfer nicht zu besiegen. Für Ganarah sind diese Erzählungen Übertreibung.
Als die Sandmulle angreifen, wird deutlich, dass es nur für jemanden wie Ganarah Übertreibung ist. Auch weitere kriegerische Begegnungen zeigen, dass Kämpfe zumeist nur Übertreibungen für Ganarah sind. Schließlich ist das Ziel der Reise erreicht. Armon Surath, die große Stadt, scheint verflucht zu sein. Und hier, begegnet die Kämpferin bei ihrer Rückkehr, sehr zur Freude des Lesers, nicht nur einer neuerlichen Auseinandersetzung, sondern auch ihrem Schicksal – in einer Wendung, die nicht zu erwarten war.
Es ist der Erzählweise von Fabrice Meddour zu verdanken, dass der Leser nicht weiß, wie ihm geschieht. Zuerst führt er ihn in eine Welt ohne Ganarah, dann in ein Szenario, in dem Ganarah unbesiegbar scheint und schließlich … das soll nicht verraten werden.
Meddour setzt einen sehr schönen Auftakt zur Geschichte zusammen. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Situation beleuchtet. Man belauscht Reisende. Man erhält einen Einblick in die kleine Stadt durch die beiden Geschwister, die sich streiten und wieder vertragen. Man sieht die vielen Wesen, die an den beiden vorübergehen, erpicht darauf, den Fremden in der Arena auftreten zu sehen.
Bevor der Leser es richtig merkt, hat ihn die Atmosphäre eingefangen. Er mag nicht gleich von Beginn alles begreifen – selbst der Leser von Teil 1 schafft das nicht – aber das stört auch nicht. Der Eindruck ist vergleichbar mit der Reise in eine fremde Stadt in einem anderen Land. Vielleicht in eines, das noch nicht über derart viele technische Errungenschaften verfügt wie hierzulande. Davon gibt es immer noch reichlich. Wind, Staub, fremde Gerüche, lange Gewänder, die gespannte Erwartung der Versammelten – und vielleicht ein ferner Eindruck des Historienfilms Gladiator – diese Mischung zieht einen in die Handlung hinein.
Die Geschichte nimmt schließlich Fahrt auf, wird zum Selbstläufer. Ein Schneeballeffekt treibt die Handlung voran. Am Ende – das soll nicht verraten werden – doch es ist ursächlich wieder einmal etwas ähnliches wie Liebe, eine Art Begehren, was dies alles in Gang gesetzt hat.
Sehr schon gestaltete, sehr intelligent und spannend erzählte Fantasy mit einer Heldin, von vielen geliebt und geachtet, von manchen gefürchtet und gehasst, die nicht immer Herrin der Lage ist. Der Gegensatz von den Ansprüchen der Umstehenden und der realen Person ist sehr gut herausgestellt. Toll. 🙂
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