Captain America ist tot. Obwohl es unbestritten ist, verhalten sich einige ehemalige Freunde immer noch wie in Trance. Als könnten sie es immer noch nicht glauben. Die Totenwache in der Bar ist sehr still. Dugan und das Ding, sonst eher laut, halten sich zurück. Alte Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder. Und Feinde.
Captain America ist ein Phänomen – ein sehr positives noch dazu.
In all den Jahren seiner Comic-Existenz ist er nicht nur gegen die Superschurken angetreten, sondern auch gegen terroristische Vereinigungen unter der Führung des Red Skull. Nach dem 11. September wurden auch die Bedrohungen im Comic realer, wurde die Wirklichkeit zu einem Teil des Marvel-Universums.
Captain America stand auf gegen die eigene Regierung, aber nicht gegen das eigene Land – und musste am Ende erleben, wie das, was er verteidigen wollte, unter seiner Gegenwehr am meisten zu leiden hatte. Der Captain starb während eines Attentats, doch der Traum, der Charakter, für den er einstand, starb nicht. Im Gegenteil, bereits kurz darauf wird nach einem Ersatz gesucht, nach jemandem, der den Schild wieder hochhalten kann.
Und so läuft eine Serie weiter, Captain America, nur ohne den Helden, auf den es eigentlich ankommt, denn Steve Rogers ist tot.
Der, auf den es nun ankommt, ist Bucky Barnes, der einstige Sidekick von Captain America. Lange Zeit verschollen, hat Bucky eine bewegte Geschichte hinter sich, als Wintersoldat wurde er von den Russen ausgebildet und zu einer Killermaschine zweckentfremdet. Nun ist Bucky wieder da, sein Gedächtnis funktioniert ebenfalls wieder und der Freund von einst ist tot. Wäre Bucky nicht ein idealer Kandidat als Caps Nachfolger?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der vorliegende Band – auch, muss man sagen, denn es geht nicht nur um das Gedenken und das Ausloten von Möglichkeiten, sondern auch um Schuld und Reue sowie Gegner, die nun endlich ihre Stunde gekommen sehen.
Sehen ist das Stichwort, denn so wie auf der Leichenbahre hat wohl niemand bisher Steve Rogers gesehen. Tony Stark vermutet, das Supersoldatenserum habe nach Caps Tod seine Wirkung verloren. Bewiesen ist nichts, Fakt ist, dass Caps Körper viel schneller zerfällt als gewöhnlich und Muskeln sich immens zurückgebildet haben. Die Aussicht, dass dieser geschundene Körper auch noch seziert werden soll, ist das erste Schockelement in dieser Geschichte. Es ist die Demontage eines Comic-Mythos. Anders lässt es sich nicht sagen. Immerhin ist Captain America ein Stück Literatur-Geschichte, wenigstens für jene, die Comic als einen Teil der Literatur begreifen.
Die Geschichte funktioniert natürlich nicht nur durch ihre überraschenden Wendungen, sondern auch dadurch, dass sie sehr gut in Szene gesetzt sind. Charaktere wenden sich hier gegeneinander, die ansonsten auf der gleichen Seite stehen – oder standen. Bezeichnend hierfür und besonders packend ist die Begegnung der Black Widow mit dem Wintersoldat. Ihrer beider Zankapfel: Der Schild von Captain America.
Wie auf jeder Seite dieser Geschichte ist auch diese Szene grafisch exzellent umgesetzt. Dank der Kameraperspektiven und der Schnappschüsse von Buckys Gesicht erschließt sich dem Leser hier sehr viel, was im Text nicht gesagt wird. Bucky ist kein Captain America. Er ist nicht edel. Er schaltet den Feind aus, tötet ihn, auch wenn es vermeidbar wäre. All dies weiß er auch und es nagt an ihm.
Dieser Zwiespalt ist eines der Kernthemen und dank Ed Brubaker und Steve Epting ist dieser Marvel-Abschnitt ein gutes Beispiel für das erwachsene Zeitalter der Comics geworden.
Kämpfe sind in dieser Geschichte auf ein Mindestmass beschränkt. Der Zwiespalt einzelner Figuren wie auch ihre inneren Kämpfe sind viel größere Themen, als zunächst anzunehmen gewesen wäre. – Natürlich muss der Leser nicht auf die Action verzichten, aber sie ist hier kein Selbstzweck, während eine Handlung nur aufgesetzt worden wäre.
Eine faszinierende Gegnerin ist die Tochter des Red Skull, Sin – welch treffender Name. Ein rotzfreches, brutales Gör mit roten Haaren, fast eine Faith des Marvel-Universums, der weibliche Part der Natural Born Killers. Killen und Spaß dabei haben, kämpfen und dieses Handwerk auch beherrschen. Brutalität kommt zumeist in Thrillern und Schockern stärker zur Geltung, wenn sie von Frauenhand ausgeübt wird. Sin hebt sich deutlich von anderen Kalibern ihrer Zunft ab, die es reichlich gibt (wie Lady Deathstrike oder Mystique).
Ein Captain America-Abenteuer ohne Captain America, im, im besten Sinne, erwachsenen Marvel-Universum, mit allem, was ein echt anmutendes Action-Drama mit sich bringt. Beste Helden-Unterhaltung.




















