Mittwoch, 09. Januar 2008
Der Mann ist nicht verrückt! So beteuert er es jedenfalls. Mr. Terwilliger ist der Auffassung, dass er anders ist als die anderen Bekloppten. Je mehr er sich aufregt, desto mehr redet sich um Kopf und Kragen. Normalität und Fassungslosigkeit vertragen sich nicht und taugen auch nicht dazu, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass man normal ist. Gregory ist das alles völlig egal. Wer eine Ratte in der Hose spazieren trägt, sieht die Welt mit ganz anderen Augen.
Gregory ist wieder da!
Der kleine Gregory, wieder von Marc Hempel geschrieben und in Szene gesetzt, präsentiert sich in seinen Geschichten ausgereifter, besser konzeptioniert, mit sehr geschärftem Blick, kritischer. Kurzum, Gregory hält dem Leser nicht nur den Spiegel vor, er knallt einem das eigene Spiegelbild praktisch um die Ohren.
2150 ist bereits alles anders. Gregory ist geheilt – doch die Schale über einem zwiespältigen Ego ist äußerst dünn. Das zeigt sich sehr bald. Der für jeden verständlich sprechende und agierende Gregory gleitet in die Untiefen des Verstandes ab. Gregory sieht und hört, was um ihn herum vor sich geht, seine Auffassungsgabe ist allerdings weit von der anderer vernunftbegabter Wesen entfernt. Gregory bemerkt seine Umwelt regelrecht, er sieht, hört und fühlt das, was für andere (in diesem Falle uns) längst selbstverständlich ist. Derart betrachtet bietet Marc Hempel sogar einen kleinen philosophischen Ansatz.
Das Einfache, das Offensichtliche, direkt an der Oberfläche, ohne langes Suchen zu finden, ist manchmal für mehr als ein Staunen gut.
Ein gutes Beispiel ist Gregorys Ausflug in die Freiheit, an die frische Luft. War eben noch alles Grau in Grau (schwarzweiß), ist die richtige Welt bunt, knuffig bunt. Aber nicht für lange. Schnell wandelt sich diese Welt eines kurzen Weges durch eine Grünanlage in ein graues, steinernes Monster, das förmlich auf Gregory hernieder zu stürzen scheint.
Bildsprache ist alles.
Marc Hempel verlässt sich in vielen Situationen und Sequenzen vollkommen zu recht auf Bilder ohne Worte. Die Aussage ist für jeden verständlich und vielleicht auf diese Art noch eindringlicher. Bei allem Humor und beißendem Witz ist Gregory in seiner Gesamtheit beeindruckend. – Es lässt sich nicht sagen, ob Marc Hempel einen gewissen Hang zu Woody Allen-Humor hat. Irgendwie sind sie sich jedoch ähnlich. So wie Allen über New York und Beziehungen seine Scherze treibt, so amüsiert sich Hempel über das Leben im Allgemeinen.
Im vorliegenden Band geschieht etwas, mit dem eigentlich niemand rechnen konnte. Gregory findet eine Adoptivfamilie.
Damit ist der Startschuss gefällt für eine sehr ungewöhnliche Familienintegration. Wie sehr solch eine Situation auf das Gemüt drücken kann und andererseits vor Humor nur so strotzen, hat bereits ein Film wie Rain Man bewiesen. Sicherlich geht Gregory andere Wege und kann nicht mit Verhalten, gesprochenen Worten und Gesichtsausrücken arbeiten, wie es der Film kann, doch Hempel hat seine eigenen Methoden gefunden, um den Wahnwitz dieser Situation zu beschreiben.
Der Vater ist ein vor Muskeln strotzender Mann, dessen Gesicht man niemals zu Gesicht bekommt. Die Männlichkeit ist sein Thema. Der eigene Sohn kann die Hoffnung dieses urwüchsigen Mannes auf Holzfäller-Niveau nicht befriedigen – der Junge ist ganz einfach nicht tough genug. Deshalb setzt der Vater gegen jede realistische Chance eine gewisse Zeit seine Hoffnungen auf Gregory. Natürlich ohne Erfolg.
Die Mutter gibt sich alle Mühe. Sie ist warmherzig, liebevoll, doch letztlich muss auch sie an Gregory scheitern. Sie sind nicht sehr verschieden, aber allein durch ihre Ausdrucksfähigkeit scheint es, als komme jede der beiden Seiten von einem anderen Stern.
Bleibt nur noch der Sohn, der Fettbacke – so der Titel der Episode. Er ist der einzige, der wirklich von diesem Zwischenspiel profitiert. Er wächst daran, entwickelt sich fort und fasst Mut, erntet schließlich sogar Anerkennung durch den Vater.
(Die kleine Schwester und das Baby sind eher zweitrangig in dieser Erzählung, Statisten eben.)
Nur Gregory bleibt auf seine Art für alle Beteiligten ein Rätsel, denn Obenei, was soll das sein?
Dabei liegt die Lösung so nah!
Bei all dem mag so mancher den Zeigefinger heben und schimpfen, dass es nicht witzig sein kann, mit den Schwächen geistig benachteiligter Menschen Späße zu treiben. Wie respektvoll und menschlich dies zu bewerkstelligen ist, hat schon Einer flog über das Kuckucksnest gezeigt.
Auch Marc Hempel zollt seiner Hauptfigur den notwendigen Respekt. Er macht sich nicht über ihn lustig, sondern nutzt ihn, damit der Aberwitz der normalen Welt deutlich wird. Wenn Gregory lacht, lacht man als Leser mit ihm, wenn er sich fürchtet, fürchtet man mit und um ihn.
Ich wünschte mir nur, dass Gregory eine Familie hätte, die ihn lieb hat …
So der abschließende Wunsch von Gregorys ehemaliger Adoptivmutter. Wenn sie wüsste! Längst hat er so etwas wie eine Familie um sich herum, solche, die sich um ihn sorgen, die ihm eine Freude bereiten. Solche, die ihn sogar verstehen – und die es nicht schlimm finden, wenn das mal nicht der Fall ist.
Gregory ist nicht nur Humor und Wahnwitz, man könnte es sogar ein Comic-Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Mut zum Verständnis des Anderen nennen. Liebevoll und einfühlsam umgesetzt von Marc Hempel, der hier nicht nur sein erzählerisches Talent, sondern auch sein enormes humoristisches Potential unter Beweis stellt.
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Donnerstag, 03. Januar 2008
Man mag es kaum glauben, aber auch Lucky Luke war einmal ein kleiner Lausbub, ein Lucky Kid. An der Seite von Old Timer lernte er den Wilden Westen, die Indianer und auch Jolly Jumper kennen. Aber eines war schon immer so! Bereits als Kind schoß Lucky schneller als sein Schatten – mit einer Steinschleuder.
Old Timer ist ein wenig grantig, aber verträglich. Nicht viel kann ihn aus der Fassung bringen. Außer vielleicht die mangelnde Fähigkeit Gold dort zu finden, wo er gerade sucht. Oder wenn Lucky Old Timers Revolver heimlich für Schießübungen benutzt. Hier kann der Leser sehr schön sehen, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.
Allerdings ist die Jugend von Lucky Luke nicht weniger spannend und lustig als seine Abenteuer im Erwachsenenalter. Lucky kommt dem Old Timer leider abhanden. Ein Indianer klaut den Jungen, um ihn Fetter Mokassin zu bringen. Die Squaw hat stets einen Bedarf an Kindern, die ihr bei der täglichen Arbeit zur Hand gehen. Dabei wachsen ihr die geraubten Kinder auch ans Herz. Immer wenn die Kavallerie anrückt, heißt es für Fetter Mokassin und die Kinder sich zu verstecken.
Lucky gibt sich alle Mühe. Aber es gelingt ihm einfach nicht, dieser hartnäckigen Frau zu entkommen.
Als es schließlich doch gelingt, kommt er sozusagen vom Regen in die Traufe. Holzfäller, Soldaten, falsche Eltern und ein ziemliches Durcheinander erwarten den kleinen Jungen – aber auch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Er ist zwar ein einsamer Cowboy, trotzdem haben Frauen sein Comic-Leben sehr stark bestimmt. Mit der Gaunerin Belle Starr reiht sich eine weitere Persönlichkeit in all diese starken Frauen ein. Lucky Luke ist gezwungen gewissermaßen Undercover zu operieren, um ihr Gaunernest auszuheben. Kurze Zeit wird er sogar zum Gesetzlosen. – Ein Beweisstück dieser Epsiode wird zu Lukes Glück dann doch vernichtet.
Am Klondike wird es für Lucky Luke nicht einfacher, nur kälter. Der Freund eines Freundes ist in einem Goldsucherstädtchen verschwunden.
Freunde älterer Lucky Luke-Ausgaben werden sich freuen, dass das Greenhorn Waldo Badmington wieder mit von der Partie ist. Sein ehemaliger Butler Jasper ist auf einen Verbrecher hereingefallen. Grund genug für den getreuen Waldo, seinem früheren Diener zur Hilfe zu eilen. Das Leben in der Eiseskälte und im Matsch, fernab jeglicher Zivilisation bietet für die beiden Retter eine sehr große Herausforderung.
Diese drei Geschichten im vorliegenden Sammelband aus den Jahren 1995 und 1996 könnte man unter der Überschrift Nostalgie zusammenfassen.
Es ist nicht nur das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Bill the Kid, Jesse James, Ma Dalton oder Waldo Badmington, dem eine größere Rolle zufällt. Es ist die Erzählweise, die irgendwie den Eindruck vermittelt, an alte Erzählungen anknüpfen zu wollen. Zwar ist es zu Unstimmigkeiten gekommen – Morris hielt sich nicht sklavisch an die Vorgaben, die ihm für die Geschichten gemacht wurden – das bleibt für den Leser aber unmerklich, denn die Gags brennen immer noch Seite für Seite ab, reichlich und sehr pointiert.
Die erste Geschichte um das Lucky Kid folgt jenen Gesetzen um die Jugendgeschichten erwachsener Helden, wie der Fan es zum Beispiel von Veröffentlichungen des jungen Spirou her kennt.
Luckys Herkunft bleibt im Dunkeln, kein Wort über seine Eltern – außer, dass er keine hat und sich auch mit Händen und Füßen gegen eine Adoption wehrt. Hier wird ein kleiner Spaß angewendet, als sich ausgerechnet ein Farmer im Aussehen von Morris mit seiner Frau um den kleinen Jungen bemüht. Nur, um ihn schlußendlich in Mädchenkleider zu stecken, weil den Herrschaften ein solches von den Indianern geraubt worden ist. Dies ist für Lucky noch schlimmer, als für einen Indianer gehalten und als solcher aufgezogen zu werden. Der kleine Lucky weiß bereits sehr gut, was das Beste für ihn ist.
Alles in allem ist dieses Jugendabenteuer auf dem gleichen guten Niveau wie alle übrigen Geschichten der Reihe. Dies ist überhaupt ein Phänomen. Über all die vielen Jahre und einer großen Zahl von Erscheinungen (immerhin über 80) hat sich Lucky Luke auf einem sehr hohen Level gehalten. Neue Themen wurden gebracht, inspiriert durch die reale Geschichte des Wilden Westens, jedoch wurde auch immer Rückschau gehalten, wurden bestehende Figuren aufgegriffen und ein regelrechtes Wiedersehen gefeiert. Auch Am Klondike könnte man als eine solche bezeichnen.
Diese Mixtur aus Nostalgie und dem Mut beständig etwas auszuprobieren, mag ein Teil des Erfolgsrezeptes der Serie sein. – Das und der unnachahmliche Humor. Hierbei ist besonders Jolly Jumpers trockener Witz hervorzuheben. Seine Kommentare sind herrlich, so, als habe man ihnen ein besonders Augenmerk gewidmet.
Zur Klondike-Episode wurde schon etwas gesagt. Abschließend mag noch Belle Starr erwähnt werden. Die Daltons haben hier eine kleine Nebenrolle. Es ist sehr schön, wie Lucky die vier Gauner außer Gefecht setzt, ohne auch nur einen Schuss abzugeben – niemand sollte die Macht der Mütter unterschätzen. Belle Starr ist aus vielen scheinbar einzelnen Episoden zusammengesetzt, die sich immer auf etwas Wichtiges oder eine Figur konzentriert.
Ein rundum gelungener Sammelband, der ein Lachen am laufenden Band zu produzieren vermag. Die Mischung sehr unterschiedlich angelegter Handlungen hält für jeden etwas bereit. Top! So lustig war der Wilde Westen. Dieser Reihe kann man nur eine lange Laufzeit wünschen.
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