Donnerstag, 24. Juli 2008
Alles in diesem Frühstücksraum sieht so aus, wie sich ein an Geschichte interessierter Mensch das Leben Ende des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten vorstellen mag. Die Kleidung ist züchtig, elegant bis konservativ, doch die Manieren hinken der Kleidung oftmals hinterher. So weiß sich die durch einen Betrunkenen angerempelte Dame mit einem Judowurf gegen den Rüpel erfolgreich zur Wehr zu setzen. – Moment! Judo im Wilden Westen? Für Bob und seinen Kumpel Bill ist in diesem Augenblick nur eines klar. Diese Frau ist Sophia Paramount. Obwohl jemand versucht, die Persönlichkeiten aller Anwesenden zu unterdrücken und mit neuen Charakteren zu überlagern, scheint es immer noch erlernte Fähigkeiten zu geben, die in der Not rein instinktiv hervorbrechen.
Leider nutzt den beiden Freunden dieses Wissen nur wenig. Bald stecken sie wieder bis zum Hals in einem Abenteuer, das diesmal ihr letztes werden könnte. Kugel fliegen, Hypnose, Verfolgungsjagden, Giftpfeile, Indianer …
Haben sich Bob und Bill verschätzt? Ist dies das Ende?
Angst und Nebel ist eine passende Überschrift für die hier versammelten Grusel-Abenteuer von Bob Morane. In klassischer Manier der 60er und 70er Jahre schickt Henri Vernes seinen Helden in die Vergangenheit, auf eine geheimnisvolle Insel und verschafft ihm eine Begegnung mit Geistern. Ausführender Zeichner ist in diesen drei Episoden William Vance, dem das Besondere der Episoden sichtlich Spaß gemacht zu haben scheint.
Ausgerechnet ein altmodisches Kinderkarussell bringt Bob Morane und seinen Kumpel Bill Ballantine in die Vergangenheit. Nach einer rasenden Fahrt befinden sich die Freunde in Nowhere City im Jahre 1882. Ein Hauch von Wilder Westen liegt noch in der Luft. Das funktioniert optisch, wie auch in der Erzählung von Vernes. Denn ebenso wie seine beiden Helden zunächst zweifeln, ob sie nicht doch in der Vergangenheit angelangt sind, zweifelt der Leser nach einer Kette von Indizien mit.
In einer Reihe von Kontrahenten stehen Bob und Bill nun Doctor Xathan gegenüber. Im Gegensatz zum Gelben Schatten ist des Doctors Vorgehensweise etwas feiner, gewiefter, umso überraschter mag der Leser von der kindlichen Freude des psychopathischen Wissenschaftlers sein, die über den üblichen Freudeswahn eines Superverbrechers hinausgeht.
Viel phantastischer und noch unheimlicher geht es in der Episode Das Archipel der Angst zu, die besonders Freunden der Literatur von Jules Verne gefallen dürfte. Wer außerdem Spaß an futuristischen und unheimlichen Szenarien der 70er Jahre hat, für den ist diese Geschichte ein Spaß. Ein wenig fühlt man sich an Luc Orient und seine riesigen Killersporen erinnert. Hier sind es jedoch mannsgroße rote Gummibälle, hinzu kommen insektoide Roboter, Riesenkraben und unerklärliche Anziehungskräfte.
Henri Vernes schildert die Ereignisse auf der Insel mit einer Genüsslichkeit, die äußerst selten ist. Gleichzeitig schaut es so aus, als wolle er das phantastische Genre, vielleicht sogar seine eigens geschaffene Figur Bob Morane selber ein wenig verulken.
Die großen angreifenden roten Bälle werden von Bob mittels einer sehr kleinen und für den Leser unerwarteten Waffe in die Flucht geschlagen. Auch spätere Kämpfe und Kinderkrankheiten dieser Angriffsmaschinen lassen den Leser zuerst staunen, dann schmunzeln.
Diese Episode lässt sich unter das Motto stellen: Genieße das Abenteuer. Es ist nicht vorhersagbar, was passieren wird. Wie einst Hugo Pratt lässt sich Vernes mit seiner Phantasie treiben, macht seinen Helden das Leben so schwer wie möglich und bugsiert sie mit ungewöhnlichen Maßnahmen wieder aus dem Schlamassel heraus – und gleich wieder hinein in die nächste Bredouille.
Was könnte gruseliger sein als der Nebel von London? Schon Edgar Wallace wusste mit diesem Element zu spielen. Die Augen im Nebel, Titel der dritten Episode, bezeichnen vermummte dahinschwebende Männer, der Augen blitzende und todbringende Strahlen verschießen können.
Henri Vernes holt eine alte Bekannte von Bob Morane auf die Bühne zurück. Von merkwürdigen, aber überaus trickreichen Attacken getrieben, suchen Bob, Bill und ihre Schutzbefohlene Ruth die Lösung auf einer einsamen Insel. Aber auch hier sind sie nicht in Sicherheit.
Wie auch, denn William Vance überschlägt sich hier geradezu mit seinen action-lastigen Bildern, in denen wirklich alles zu finden ist, was in Thrillern, phantastischen Geschichten und Gruselabenteuern vonnöten ist. Gekonnt mischt sich phantastische Ausstattung mit real existierenden Umgebungen und Fahrzeugen. Die männlichen Bösewichter sind nicht nur besonders fies, sie schauen auch so. Böse Frauen sind besonders schön. Wenn sie eine Waffe auf Bob Morane richten, dann mit einem gemeinen Lächeln. Mittendrin, statt nur dabei, dieser kleine Spruch beschreibt die Bildtechnik von Vance auf den Punkt. Man blickt seinen Protagonisten über die Schulter, versperrt ihnen den Weg oder steht mitten in den Flammen. Der Zusammenhang der Bilder, die Kameraführung, ist hier viel stärker ausgeprägt, als es in manch neueren Produktionen der Fall ist.
Unheimliche Episoden aus dem Leben Bob Moranes. Wer eine große Portion Grusel und Phantastik in Abenteuern mag, der liegt mit diesen Abenteuern genau richtig. Dank William Vance, einem altmeisterlichen Zeichner des Comics, passt die Stimmung auf das I-Tüpfelchen genau.
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Stichwörter: william vance, henri vernes
Dienstag, 22. Januar 2008
Bob Morane und sein Freund Bill Ballantine wollen sich eigentlich ein paar schöne Tage in der Nähe von Hongkong machen. Ein Angelausflug, bei dem Bill mehr an der flüssigen Verpflegung interessiert ist als an den Fischen, wird schnell zu einem Abenteuer. Überrascht sehen die beiden Freunde, wie eine Dschunke ein kleines Boot aufbringen will. Als die ersten Schüsse fallen, lassen sich Morane und Ballantine nicht lange bitten.
Ihr Motorboot macht den Piraten einen Strich durch die Rechnung. Sie retten den verletzten Mann und müssen auch noch feststellen, dass sie ihn kennen. Was macht ein Spezialagent von Scotland Yard so fern der Heimat?
Nachdem der Agent wegen seines Krankenhausaufenthaltes ausfällt, machen sich Morane und Ballantine daran, dessen Kontaktmann ausfindig zu machen. Kurze Zeit später machen sie sich schon in der örtlichen Glücksspielszene unbeliebt. Sie legen sich mit Madame Lung an, die ein eigenes Kasino betreibt, aber offensichtlich an ganz anderen Geschäften interessiert ist.
Bob Morane - Atome und Drachen vereint die drei Abenteuergeschichten Die Atomschmuggler, Die Söhne des Drachen und Operation Schwarzer Ritter.
Die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstandenen Comics basieren auf einer sehr bekannten Roman-Reihe, die in Frankreich ähnlich erfolgreich ist wie bei uns John Sinclair, Jerry Cotton oder unser Mann im All Perry Rhodan. Bob Morane, ehemaliger Militär, erlebt zusammen mit seinem Freund Bill Ballantine Abenteuer, die in den weiten Bereich des Verbrechens führen. Atomschmuggel und Rauschgift sind Themen, die zu Auseinandersetzungen mit Banden führen, weil Morane und Ballatine sich gerne einmischen.
Ein wenig erinnern die beiden auch an James Bond, mit dem Unterschied, dass ihre Eigenschaften auf zwei Personen aufgeteilt sind. Die holde Weiblichkeit ist auch stets ein Thema, als Begleiterin und, eigentlich wichtiger, als Gegnerin. Die Emanzipation hat hier schon zugeschlagen. Während bei dem erwähnten Superagenten die Damenwelt eher noch bessere Handlanger sind, ziehen die Frauen hier im Hintergrund die Fäden. Durchtriebene Bandenchefinnen wie Miss Ylang-Ylang oder Madame Lung lassen die Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Kaltblütig und sehr strategisch sorgen sie für die Abwicklung ihrer Geschäfte. Dabei lassen sie sich von kurzfristigen Rückschlägen – die sie von Morane beigebracht bekommen – nicht beirren.
Eine weitere Ähnlichkeit zum Superagenten aus England findet sich auch mit der Spionageorganisation SMOG, die doch sehr stark an SPECTRE erinnert, jene Verbrecher, die mit ihren durchnummerierten Gangstern allerhand Attacken auf die freie Welt durchführten.
Henri Vernes’ Welt ist auf Spannung und Unterhaltung ausgelegt. Er selber gibt zu, dass er nichts Neues erfunden hat und auch von den Geschichten seiner Jugend inspiriert wurde. Damit befindet er sich beispielsweise mit Steven Spielberg auf gleicher Augenhöhe, der ein ähnliches Geständnis zu Indiana Jones zum Besten gab.
Bei genauerem Hinsehen trifft dies auf viele Abenteuergeschichten zu. Nur die Frage nach dem Wie muss geklärt werden. Ist es anders erzählt? Ist es gut erzählt? Machen die Geschichten Spaß und unterhalten sie?
Die Antwort ist schlicht: Ja.
Die Geschichten sind nicht nur gut erzählt, sondern sie sind auch passend dargestellt durch das Zeichner-Urgestein William Vance. Seine Männer und Frauen sind in der Tradition anderer Abenteurer wie Dan Cooper, Michel Vaillant oder Buck Danny dargestellt. Kantige Typen und schöne Frauen in perfekt ausgestalteten Szenarien. Die Abenteuer von Vance sind bei genauer Betrachtung auch kleine Zeitreisen. In diesem Sammelband werden die 70er Jahre lebendig mit den alten Flugzeugen und Fahrzeugen, einem alten Hongkong (immerhin über 30 Jahre) und futuristischen Aussichten. Letztere sind immer bestaunenswert, da die Ideen einer möglichen Technik in der Zukunft rückblickend auch viel über diese Zeit aussagt.
Wenn sich die beiden Freunde nach den Thrillern plötzlich in einer Science Fiction Geschichte wieder finden, mag dies zunächst wie ein Stilbruch wirken. In Wirklichkeit folgen sie damit nur dem Motto von Vernes: Die Welt ist mein Reich. Die Technik der Hyperboräer ist schnörkellos, vielleicht ein wenig der Mode jener Zeit unterworfen. Man meint, man könnte das Plastik unter der Hand fühlen, wenn es nur möglich wäre, sie anzufassen.
Dieser Ausbruch der Möglichkeiten eröffnet für die Figur des Bob Morane Abenteuer, für die es keine Grenzen mehr gibt. Trotzdem bleibt er dabei aber auf dem Boden. Operation Schwarzer Ritter ist sehr bodenständig, aus heutiger Sicht ein beinahe konservativer Science Fiction Thriller. Es ist Vernes zu verdanken, dass er seine Mittel sparsam einsetzt, obwohl er es durchaus anders machen könnte – wie hoch das Maß seiner Phantasie ist, ist immer wieder spürbar. Vermutlich hat er sich bewusst gebremst. Die Mischung, der er dabei zusammenstellt, ist genau richtig bemessen und macht, wie ein Filmklassiker aus jener Zeit, immer noch richtig viel Spaß.
Starke, sehr sympathische Helden, rasante Abenteuer, aus einer Zeit, als Männer noch Männer waren, als die Gegenwart und Zukunft scheinbar alles für mutige Kerle bereithielten: Das ist die Welt von Bob Morane. Spannend von Anfang bis Ende, Haken schlagend, mit ständig neuen Wendungen. Der Erzähler Herni Vernes und der Zeichner William Vance sind ein tolles Team. Klasse!
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Stichwörter: henri vernes, william vance
Dienstag, 29. Mai 2007
Die Indianer verbreiten Terror unter den weißen Siedlern. Die Übergriffe gefährden den dünn besiegelten Frieden. Blueberry gelingt es dank seiner guten Kontakte zu den Indianern, den Anführer der Aufrührer gefangen zu nehmen.
Aber es formieren sich auch Stimmen in den Reihen der Soldaten und der Siedler, die Blueberry wegen seiner Kontakte als Verräter bezeichnen. Die Tatsache, dass sich Blueberrys Rückkehr in der winterlich verschneiten Steppe verzögert, verschlimmern diese Mutmaßungen zusätzlich. Außerdem verhärten sich die Ahnungen über die Herkunft der Waffen, die von den Indianern bei ihren Überfällen benutzt wurden.
Die Waffen müssen aus Fort Navajo stammen.
Blueberry hat in der Zwischenzeit ganz andere Probleme. Er birgt den Überlebenden eines Postkutschenüberfalls, der ihn dringend sucht. Blueberrys Fähigkeiten als Problemlöser sind gefragt. Von höchster Stelle erhält er den Auftrag einer Bande von Waffenschiebern auf die Spur zu kommen.
Die Spur führt weg von Fort Navajo, nachdem Blueberry bei der Klärung einer gefährlichen Situation geholfen hat. Die Indianer, die ihm freundschaftlich verbunden sind, tun ihr Übriges, um die Bedrohung durch ihr Volk abzuwenden. Bisher konnte Blueberry den Waffenschieberring nicht ausheben. Einer der Verantwortlichen ist flüchtig. Blueberry hängt sich an seine Fersen.
Blueberry wird der neue Polizist im Himmel, der Marshal von Heaven. Begeistert ist er von dieser Aufgabe nicht, aber der Befehl kommt von ganz oben, geradewegs aus Washington.
Diese Stadt ist auf dem besten Weg, eine Kloake zu werden.
Dieser Meinung ist nicht nur die junge Tess Bonaventura, die auf ihrer Ranch andere Frauen aufgenommen hat, um sie aus der Prostitution und der täglichen Erniedrigung zu befreien. Auch an anderer Stelle macht die städtische Obrigkeit sich Sorgen. Allerdings denkt sie dabei auch an die Horde von Sünderinnen, die gemeinsam auf einer Ranch lebt. Blueberry versucht, sich aus all dem herauszuhalten und einzig seinen Auftrag zu verfolgen. Das fällt ihm jedoch zunehmend schwerer.
Bald gibt es noch einige Rechnungen zu begleichen. Doch zuvor muss Blueberry wieder auf die Beine kommen. Da trifft es sich, dass er die Herzen einiger Menschen erwärmt hat, die sich nun fürsorglich um ihn kümmern.
Hinter jedem mutigen oder mächtigen Mann, steht eine Frau, für die es sich lohnt, mutig zu sein oder für die es sich lohnt, die Spitze zu kommen. Blueberry kann sich der Liebe seiner neuen Freundin gewiss sein. Ebenso kann auch sein Gegenspieler auf die Unterstützung seiner Frau zählen. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.
In den Geschichten Auf Befehl Washingtons, Mission Sherman und Blutige Grenze hat Jean Giraud den Zeichenstift mit der Schreibmaschine vertauscht. An seiner Stelle zeichnen William Vance (Episode 1 + 2) und Michel Rouge, der die dritte abschließende Geschichte zeichnet.
Wer sich ein wenig mit Comic-Thrillern beschäftigt hat, wird vielleicht Vance’ Arbeiten von Bob Morane, Bruno Brazil und der Langzeitserie XIII her kennen. Von jemandem, der 1964 seinen Einstieg ins Comicgeschäft schaffte, kann man mit Fug und Recht behaupten, ein Comic-Veteran zu sein. Seine Männer sind harte und toughe Kerle, seine Fieslinge sind finstere Burschen mit zerfurchten Gesichtern. Seine Frauen sind jung und schlank, verführerisch und mutig. Vance’ Figuren sind stets wieder erkennbar. Seine Frauen sind stets identisch anzuschauen, sieht man einmal von Haar- und Hautfarben ab. Ähnlich wie bei Zeichnern vom Kaliber eines Hermann oder Romero ist das aber egal. Hier geht es nicht um Realismus, sondern um Unterhaltung. Wie in einem guten Thriller oder wie hier in einem guten Western sollen die Frauen schön sein.
Der genaue Gegensatz zur Weiblichkeit ist die knallharte Action, die auch vor den Frauen keinen Halt macht. Direkt in der Eingangsszene zeigt sich, was Vance unter Western versteht. Beim Betrachten der Bilder drängt sich einem weniger der Eindruck eines amerikanischen Westerns auf, sondern vielmehr der eines Spaghetti-Westerns, der unter den Fittichen eines Sergie Leone entstanden ist. Sehr oft blicken die Akteure den Leser direkt an und beziehen ihn scheinbar in die Handlung mit ein. Es ist viel Wut, mitunter auch Verzweiflung in diesen Gesichtern. Bei den Männern findet sich außerdem die Entschlossenheit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen – so, wie es Blueberrys Art im Besonderen und die des Westmannes im Allgemeinen ist.
Ähnlich und doch weicher ist der Zeichenstil von Michel Rouge. Er tendiert mehr zur Visualisierung seines Vorgängers Jean Giraud. Blueberry sieht hier wieder mehr nach Belmondo aus. Schatten und Strichführung erinnern in weiten Teilen an Giraud.
Beeindruckend an der letzten Episode ist der Showdown, an dem Blueberry überhaupt nicht beteiligt ist. Mag der eine oder andere Leser kritisieren, dass Girauds Erzählweise nicht so komplex wie die eines Charlier ist, weiß er doch mit diesem Abschnitt sehr zu überraschen. Es ist schlüssig, wie der Wahnsinn und die Gier um sich greifen. Am Ende lässt dieser Schluss sogar Mitleid zu, denn irgendwie waren die Akteure gezwungen, so zu handeln.
Der tolle Eindruck dieses Abschnitts ist natürlich auch Rouge zu verdanken, dem es durch ein einzelnes Bild gelingt, den Irrsinn dieser Menschen auf den Punkt zu bringen. Vor der Kulisse einer grandiosen und scheinbar ewigen Landschaft ist es gleichgültig, wie sich der Mensch benimmt.
Abseits von Jean-Michel Charlier weiß auch Jean Giraud als Erzähler dieser in sich geschlossenen drei Episoden zu überzeugen. Vance und Rouge vermitteln als Zeichner einen deutlich härteren Eindruck als in bisherigen Geschichten. Ein knallhartes Western-Erlebnis in bester Italo-Tradition.
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Stichwörter: jean giraud, william vance, michel rouge, marshal blueberry
Mittwoch, 29. November 2006
An der mexikanischen Grenze herrscht das Chaos. Immer häufiger werden weiße Siedler von indianischen Banden überfallen und getötet. Die Übergriffe sind brutal und machen vor nichts halt: Männer, Frauen und Kinder. Fort Navajo füllt sich mit Flüchtlingen.
Wieder einmal wird Mike Blueberry ausgeschickt, um mit den Indianern zu verhandeln. Wieder einmal muss Blueberry sich beeilen, denn ihm wurde von seinen Vorgesetzten ein Ultimatum gesetzt. Doch dass es inzwischen Stimmen gibt, die Blueberry wegen seiner guten Kontakte zu den Indianern als Verräter bezeichnen, ist neu.
Die Verhandlungen gestalten sich äußerst zäh, obwohl Blueberry höchstmögliche Geduld an den Tag legt. Er hat Glück. Seine indianischen Freunde zeigen sich verständig.
Was nützt uns die Tapferkeit in einer Welt, die verrückt geworden ist?! So lautet das Fazit des Häuptlings, der gerade noch von Blueberry für die Tapferkeit seines Volkes gerühmt worden ist. Blueberry wähnt sich in einer glücklichen Position. Mit seiner kleinen Truppe macht er sich auf den Rückweg durch die dicht verschneite Landschaft.
Daheim sehen die Zurückgebliebenen die Angelegenheit ganz anders. Argwöhnisch werfen alle immer wieder einen Blick auf die Uhr, aber Blueberry ist noch nicht wie versprochen zurück.
Außerdem haben sie noch ganz andere Probleme. Die Waffen, mit denen die Indianer ausgerüstet wurden, stammen aus Fort Navajo. Leider konnte es dem verdächtigen Mr. Newman nie nachgewiesen werden. All dies stört die Indianer nicht. Für sie ist es eine willkommene Situation, dass die meisten Soldaten zu einer Strafaktion ausgerückt sind. So besteht die Verteidigung des Forts aus einer kleinen Stammbesatzung, alten Männern, Frauen und Kindern – Menschen, die sich verbissen wehren, aber kaum Aussichten auf Erfolg haben.
Unterdessen klärt die Blueberry die Angelegenheit auf seine Weise: durchgreifend, hart und wie immer ein wenig ungestüm, ohne Rücksicht auf sich selbst.
Marshal Blueberry schickt den Zeichner Jean Giraud an die Autorenfront. Wir schreiben das Jahr 1868. Chronologisch angesiedelt sind die Ereignisse zwischen den Blueberry-Alben 10 und 13. Die Zeichnungen hat der Künstler William Vance übernommen.
William Vance kennen Fans von Serien wie Bob Morane, Bruno Brazil oder auch XIII. Nach solchen Thrillern, in denen Vance bewiesen hat, dass er knallharte Geschichten zu zeichnen vermag, hat es ihn mit Blueberry auch in den Wilden Westen verschlagen. Man kaum wohl mit Recht behaupten, dass seine Strichführung er dem Westernhelden, der von Charlier und Giraud erschaffen wurde, einen ganz eigenen Charakter verleiht.
Girauds Zeichenstil in den früheren Jahren war schnell geführt, zuweilen skizzenhaft auf das Papier geworfen.
Im Gegensatz dazu ist Vance’ Zeichenstil eher dokumentarisch, wie der eines Gerichtszeichners, exakt in jedem Strich. Die Figuren wirken härter, besitzen aber einen ähnlichen Realismus wie seinerzeit die Zeichnungen von Giraud. Vance hat sich sehr auf Gesichter konzentriert. Wer die Szenen genau beachtet, wird sehen, dass er Gesichter häufig in den Mittelpunkt der Szene setzt. Die Mimik unterstreicht die Handlung. Bei den Belagerten im Fort lässt sich Verzweiflung ablesen, bei Blueberry ist es Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit.
Aus anderen Geschichten weiß der Leser, dass Vance auch ein Könner von Landschaft und Technik ist. Hier kann dies Talent nicht voll einsetzen, denn es herrscht Winter in Arizona, entsprechend liegt eine dicke Schneedecke über der Landschaft und es schneit zwischendurch immer wieder. Ein Blick auf das spannende Intro und die Bilder, in denen Pferde zu sehen sind, lässt erahnen, zu wieviel mehr Vance noch fähig ist.
Jean Giraud schreibt nun den Plot und hat die Aufgabe seines langjährigen Kollegen Jean-Michel Charlier übernommen. Auffällig ist die Humorlosigkeit der Geschichte. Es fehlt die Belmondo-Schnauze, eine gewisse Schnoddrigkeit, weshalb der Blueberry-Fan einfach nur einen harten Western zu lesen bekommt, ganz im Stile italienischer Spaghetti-Western der besseren Art. Aus Belmondo wurde ein Eastwood. Jeder mag für sich entscheiden, ob er diese Linie bei Blueberry mag.
Spannend wie seine Vorgänger ist es allemal.
Ein Blueberry aus einer neuen Sichtweise, härter als gewohnt. Western pur!
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Freitag, 28. Juli 2006
Eigentlich sollte es nur ein kleiner Rundflug über der unberührten Natur von Brasilien werden. Doch Bob Morane und sein Freund Bill Ballantine haben enormes Pech. Ihr kleines Sportflugzeug versagt ausgerechnet über dem Dschungel den Dienst. Morane bringt die Maschine in einem kontrollierten Absturz zu Boden.
Die beiden Männer gehen mit der Situation auf männlich bärbeißige Art um. Irgendwo in diesem undurchdringlichen Grün muss es einen Weg nach Hause geben. Später als beiden lieb ist, stoßen sie auf eine winzige Ortschaft im Nirgendwo. Sao Francisco beherbergt feindselige Gesellen, die die Fremden am liebsten sofort wieder los wären – sogar tot, wenn es sein muss.
Moranes und Ballantines Glück ist es, dass Piloten gebraucht werden. Und die beiden Männer sind ziemlich neugierig, als ein undurchsichtiger Jorge Serena ihnen einen Job anbietet. Die beiden Männer nehmen an, schließlich wollen sie auch aus dem Dschungel wieder heraus und dies scheint dafür auch die beste Gelegenheit zu sein. Serenas Luftflotte ist alt, aber gut gewartet. Gleich beim ersten Auftrag nehmen sie eine merkwürdige Fracht auf. Zeit, um die Neugier zu befriedigen, bleibt nicht. Sobald sie wieder in der Luft sind, werden die beiden Freunde von zwei Düsenjägern angegriffen. Werden die beiden in ihrer DC3 eine Chance haben?
Bob Morane – Die Atomschmuggler ist ein ganz klassischer Abenteuer-Comic aus jenen Tagen, als Männer noch Männer waren, die Whisky und Bier tranken und nebenbei aus jeder Misere wieder herauskamen. Es sind Männer wie Buck Danny, Andy Morgan, Dan Cooper oder eben Bob Morane, die wissen, was ein Mann tun muss. – Spaß beiseite. Ich liebe diese doch recht klassischen Abenteuer-Geschichten. Ein kurzer Auftakt und es geht los.
Selbstverständlich kann ein Mann wie Bob Morane nicht alle Facetten eines Mannes abdecken, weshalb wenigstens ein Duo erforderlich ist. Bob hat Bill Ballantine an seiner Seite, trinkfest, draufgängerisch, immer etwas zu schnell mit den Fäusten und einer großen Klappe bei der Sache.
Charakterlich ist Bob Morane der vernünftige der beiden Männer – eigentlich ist er derjenige, der weniger Spaß macht während des Lesens. Zwar bringt sich Ballantine viel schneller in Schwierigkeiten, aber er sorgt auch für spannende Situationen – er ist die Art von Charakter, den der Leser sympathisch findet und sich gleichzeitig die Haare über so viel Unvernunft rauft. (Wie kann er nur!? – Diese Frage stellt man sich spätestens, wenn Ballantine bereit ist, sich wegen einer Büchse Bier zu schlagen.)
Bob Morane startete in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Comic-Form und ist, wenn man es so nennen kann, ein Ableger einer Romanserie. Seine Grundthematik wird wohl mit einer realistischen Science Fiction umschrieben. Morane muss sich mit diversen Feinden herumschlagen. Eine davon, die geheimnisvolle Miss Ylang Ylang, zieht auch im vorliegenden Band ihre Fäden im Hintergrund. Von Science Fiction ist allerdings in dieser Geschichte nichts zu spüren. Die Atomschmuggler ist ein sehr geradliniger Abenteuer-Band und sehr techniklastig. (Wer Buck Danny wegen seiner technischen Ausstattung mag, wird sich bei Bob Morane in diesem Band wie zu Hause fühlen.)
Zeichner William Vance zeichnet Männer mit kantigen Zügen, eckigen Kinnpartien und strengen Blicken. Seine Gangster sehen wie Gangster aus, entweder gelackt wie ein Papagallo oder unrasiert, ungepflegt und düster. Vance gestaltet seine Figuren mit starken Tuschestrichen. Infolge der Kolorierung wirken die Bilder ein wenig altmodisch – andererseits gibt es mittlerweile Arbeiten aus jüngerer Zeit, die ähnliche Stile haben und so einen entsprechenden Effekt erzielen.
Ich finde solche Bilder sehr gelungen, weil auch die Geschichte Spaß macht und Abenteuer pur ist. Wenn eine Staffel aus Corsairs und Messerschmidts angreift und einen Bandenkrieg thematisiert, bricht ein richtiges Actionfeuerwerk los. Da lösen Sturz- und enge Kurvenflüge einander ab, knattern die MGs und werden Napalmbomben abgeworfen. – Es ist erstaunlich, dass eine französische Frauenzeitschrift (Femme d’Aujourd’hui) an Vernes mit der Idee herantrat, aus Bob Morane eine Comic-Serie zu gestalten. Nun, wahrscheinlich war der metrosexuelle Mann damals noch kein Thema und kantige Kerle wie Belmondo faszinierten die Frauen.
(Wer sich noch mehr für Vance’ Arbeiten interessiert, mag vielleicht die Serie Ramiro, seinerzeit Splitter Verlag, ein eher mittelalterliches Szenario, aber sehr spannend.)
Bei genauer Betrachtung reiht sich Morane auch in die Riege von Bond ein – spätestens aus dessen Plots sollten die Leser/Zuschauer die ominöse Verbrecherorganisation kennen, die im Hintergrund ihr Unwesen treibt.
So gesehen, ist Bob Morane auch ein Wegbereiter solider Agenten- und Thrillergeschichten. Künstlerisch hat er optisch und handwerklich einiges zu bieten, weshalb Comic-Freunde, die schon ähnliche Comic-Helden, die echte Kerle sind, in ihrer Sammlung bevorzugen, hier bedenkenlos zugreifen können.
Ich jedenfalls freue mich auf die nächste Ausgabe.
Stichwörter: william vance, epsilon