Dienstag, 24. April 2007
Die Flüchtlinge unter der Führung des ehemaligen Polizisten Rick Grimes vertragen sich nicht sehr gut mit den Insassen des Gefängnisses, in das sie sich geflüchtet haben. Einerseits werden sie von den Zombies bestürmt, andererseits wollen die ehemaligen noch lebendigen Häftlinge ihre ungewünschten Gäste auch loswerden.
Wenn sich zwei streiten, freuen sich die Zombies. Mitten in die Auseinandersetzung der Lebenden platzen die lebenden Toten mit ihrem grausamen Hunger. Die gemeinsame Verteidigung hält dem Ansturm der Zombies stand. Rick nutzt die Gelegenheit, um ein Problem aus der Welt zu schaffen. Dexter, der Anführer der Sträflinge, überlebt die Attacke der Zombies nicht. Tyrese hat beobachtet, wie Rick eine Wendung der Ereignisse herbeigeführt hat.
Inmitten dieser Ereignisse taucht eine Besucherin auf, die bislang alleine in der Wildnis überlebte. Michone, eine junge Frau, hat sich ihren Weg mit einem Schwert gebahnt. In ihrem Schlepptau, zieht sie zwei Zombies hinter sich her, die sie so präpariert hat, dass sie ihr nicht mehr gefährlich werden können. Die Anwesenheit dieser Untoten hat es ihr ermöglicht, größere Ansammlungen der Zombies beinahe unbehelligt zu passieren.
Gleich als sie das Gefängnis erreicht, kann sie Otis helfen, der ebenfalls zum Gefängnis zurückkehrt. Ihre Vorgehensweise ist versiert, schnell und gnadenlos. So beeindruckt sie auch so manchen anderen der Flüchtlinge.
Nachdem wieder eine Gefahr gebannt ist, konzentrieren sich die Menschen wieder auf sich selbst. Alles scheint noch mehr aus den Fugen zu geraten. Der gemeinsame Feind, die Untoten, sind vorerst jenseits des Gefängniszauns. Einige wenige von ihnen, die noch in verschiedenen Gebäudeblocks eingesperrt sind, stellen kaum eine Gefahr dar. – Denken sie.
Nachlässigkeit und eine neue Auffassung von Moral (oder auch eine ganz alte, das ist Ansichtssache) reißen die ohnehin brüchige Fassade der Gruppe immer mehr ein. Allen voran scheint Grimes seiner Rolle als Anführer der Gruppe immer weniger gerecht werden zu können. Körperlich sowieso angeschlagen, gestattet er seinem Verstand immer häufiger einen Ausweg mittels purer Gewalt zu suchen. Seine Taten sind erschreckend, seine Erklärungen sind fadenscheinig. Was ist aus der alten Regel geworden, die sie eigens aufgestellt haben?
Wer tötet, stirbt. Diese Regel ist nicht mehr haltbar. Und die Tragödien scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Diesmal kommt die Bedrohung von innen.
The Walking Dead 4 – Was das Herz begehrt nimmt den Leser mit auf den Grund der seelischen Abgründe der Protagonisten. Die Menschen, die so lange den Zombies widerstanden haben, sind innerlich zerrissen, aufgewühlt, einsam und verzweifelt. Manch einer kann nicht mehr und übertritt Grenzen, die denjenigen ebenso schockieren, wie jene, die um ihm sind.
Robert Kirkman, der Autoren-Shooting-Star der Comic-Szene, überrascht in dieser vorliegenden vierten Ausgabe der Walking Dead-Reihe mit einem Drama, in der die Zombies eine Bedrohung sind, die austauschbar ist. Jedes andere Endzeit-Szenario ist denkbar, was die Charaktere an den Rand des Wahnsinns treiben könnte. Im Mittelpunkt steht natürlich der ehemalige Polizist Rick Grimes. Ausgerechnet ein Gesetzeshüter übertritt die alten Regeln immer häufiger. Er stellt eigene Regeln auf. Das Wohl der Gruppe steht über allem anderen. Wer dem im Weg steht, muss aus demselben geschafft werden. Das können Untote sein, aber auch Lebende.
Sicherlich kämpfen die Menschen auch um Normalität. Beziehungen werden hoch gehalten, nur um schließlich aus noch größerer Höhe zu fallen. Kleidung zählt nichts mehr. Nach all dem Konsumterror sind die Leute froh, als sie frische Gefängniskleidung anziehen können. Für Individualität ist kein Platz mehr. Alle sind gezwungen und gefordert, an einem Strang zu ziehen. Inmitten des Gefängnishofes entsteht eine Anbaufläche, bei der viele mit anpacken müssen.
Und plötzlich platzt der Knoten. Rick und Tyrese stehen sich gegenüber. Der eine tötete aus Rache. Der andere tötete, um die Gruppe zu schützen. Eine Affäre wie auch Eifersucht werden zum Auslöser eines heftigen Kampfes. Das alles wird von Kirkman mit einer enormen Intensität geschildert, wie sie so in den Vorläuferbänden noch nicht zu finden war. Zwar war stets um Realismus und Spannung bemüht und schaffte es, das Echte an der Situation bis aufs Itüpfelchen herauszuarbeiten, doch hier ist es ihm zweifelsfrei am besten gelungen. Aus einem mehr oder weniger gewöhnlichen Streit entsteht eine hochdramatische Szene, wie es sie nur selten in Comics findet.
Die Intensität mag auch darin begründet sein, dass Kirkman die Schilderung der Figuren bisher so gut gelungen ist und diese regelrecht in der Geschichte heranwuchsen.
Ausführender Zeichner ist auch diesmal wieder Charlie Adlard. Die Grautöne entstammen der Arbeit von Cliff Rathburn. Die Bilder unterstreichen die düstere Atmosphäre. Eine farbliche Ausführung scheint besonders angesichts der Dramatik in diesem Band undenkbar. Besonders auffällig sind die Knaller, die dem Leser von Adlard präsentiert werden. Ganzseitig wird der Leser ein ums andere mal schockiert. In diesem Fall sind es viele Zusammenbrüche der Charaktere. Die Erschöpfung ist greifbar. Das packt. Der schnelle Strich von Adlard erhöht den halbdokumentarischen Charakter der Geschichte.
Spannung, Drama, Verzweiflung. Kirkman zeigt, wie realistisch Comics erzählt werden können. Nur ganz selten werden Comic-Charaktere derart genau beschrieben, beinahe schon seziert. Perfekter Horror mit absolutem Tiefgang.
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Stichwörter: robert kirkman, charlie adlard, cliff rathburn, walking dead
Sonntag, 26. November 2006
Ein Gefängnis ist die Zuflucht der Flüchtigen unter der Führung von Rick Grimes. Nachdem sie Hershels Bauernhof hinter sich gelassen haben, da sie dort nicht mehr erwünscht waren, haben sie sich alle in ein Wohnmobil gezwängt und die Reise fortgesetzt. Der Anblick des mit einem dreireihigen Zaun umgebenden Großgefängnisses erscheint allen wie der heilige Gral.
Doch vor der Ruhe muss immer noch Ordnung geschaffen werden, damit die Gruppe einziehen kann. Das Aufräumen gestaltet sich schmutzig, wie immer, wenn es Zombies zu beseitigen gilt – eine Bezeichnung, an die sich alle Beteiligten bislang noch nicht richtig gewöhnt haben.
Aber in der Praxis haben sich alle bereits an die Situation gewohnt. Diese Gewöhnung will sich natürlich niemand eingestehen. Wer würde sich als zivilisierter Mensch gerne eingestehen, dass ihm der Tod von Menschen kaum noch nahe geht. Vielleicht gar nicht? So mancher der Gruppe trägt inzwischen eine grundtiefe Resignation mit sich herum. In Einzelgesprächen wird diese Resignation schon einmal eingestanden, in der Gruppe so gut wie nie. Alles schwankt zwischen den Extremen: himmelhohe Hoffnung, abgründige Verzweiflung.
Schnell stellen Rick und seine Freunde fest, dass sie im Gefängnis nicht alleine sind. Von den Untoten einmal abgesehen haben auch vier Häftlinge überlebt. Diese Häftlinge stellen ein weiteres Risiko dar, denn niemand vermag einzuschätzen, ob ihre Auskunft über ihre Straftaten der Wahrheit entspricht. – Wie sehr diese Annahme stimmt, zeigt sich bald auf grauenhafte Weise.
The Walking Dead überzeugt auf ganzer Linie mit seiner dritten Folge Die Zuflucht. Die Charaktere haben eine erstaunliche Tiefe gewonnen, was auch an den Schicksalsschlägen liegen mag, mit denen Autor Robert Kirkman sie ein ums andere Mal malträtiert – und den Leser gleich mit.
Die Welt, in der sich The Walking Dead präsentiert, ist außerordentlich realistisch geschildert. Der Niedergang der Zivilisation könnte drastischer nicht sein. Unabhängig davon, ob nun Zombies ein Rolle dabei spielen oder nicht, gibt es nichts mehr, was das Leben einfacher machen würde. Das Leben ist lediglich noch ein Resteverzehr. Die Überlebenden kommen einfach nicht genug zur Ruhe, um sich etwas Neues aufzubauen.
Kirkman stellt als willkommenen Ruhepol ein Gefängnis in Aussicht. Ehemals unbescholtene Bürger ziehen sich in den einstigen Verwahrraum für Schwerverbrecher zurück. Ricks Verantwortung, die stetig zu einer übermenschlichen Belastung wird, droht den ehemaligen Polizisten herunterzuziehen und macht ihn zu einem völlig anderen Menschen. Er taumelt zwischen Resten von Mitleid, Zorn, der pur und gewalttätig ausbricht, sich hinter Rache versteckt, und dem zwanghaften Glauben, die Gruppe führen zu müssen, da augenscheinlich sonst niemand dazu in der Lage ist. Zusätzlich wird seine Autorität angezweifelt – von seiner Frau, was ihn außerdem fertig macht.
Einzelschicksale werden dem Leser drastisch vor Augen geführt. Doppelselbstmord, Väter verlieren ihre Töchter, Gnadenakte an Untoten, aber auch blutige, rauschhafte Rache an Untoten. Mitten drin noch ein klein wenig kindliche Unschuld, so gut es eben geht von den Erwachsenen beschützt.
Kirkman schickt den Leser auf eine wirklich tragische Achterbahnfahrt. Zombies sind natürlich ein Bestandteil dieser Welt, aber sie sind wie in so mancher Genre-Geschichte überhaupt handlungsbestimmend.
Neben einem vorzüglichen Cover von Tony Moore gestaltet Zeichner Charlie Adlard mit höchstmöglicher Intensität. Schockeffekte aus den vorhergehenden Episoden finden hier eher beiläufig statt. Für die Charaktere ist die Bedrohung alltäglich geworden, so auch für den Leser.
Geschockt wird der Leser trotzdem, weniger durch die Untoten, mehr durch menschliche Untaten, die Adlard äußerst drastisch in Szene setzt.
Der Aufbau, die Abfolge der Bilder ist filmisch und wirkt wie nach einem Storyboard gearbeitet. Entsprechend wird auch die Technik eingesetzt, den Schock auf der nächsten Seite folgen zu lassen. Wer dadurch noch nicht von Intensität der Geschichte überzeugt wird, sollte spätestens bei der Ansicht der versteinerten Gesichter der Protagonisten in den Sog der Handlung geraten.
Der bislang intensivste Abschnitt von The Walking Dead. Spannend, aufwühlend, schockierend, ein Genre-Film im Comic-Format. Top!
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Stichwörter: robert kirkman, charlie adlard, cliff rathburn, walking dead
Mittwoch, 25. Januar 2006
Rick ist Polizist. Sein letzter normaler Alltag endet mit einer Schießerei und einem komatösen Aufenthalt in einem Krankenhaus. Als er wieder erwacht, ist er allein und die Welt, so wie er sie gekannt hat, existiert nicht mehr.
Die Menschen sind fort – nun, ganz so richtig ist diese Aussage nicht, denn untote Zweibeiner, die einmal Menschen gewesen sind, vegetieren inmitten der zugrunde gerichteten Zivilisation. Es dauert eine Weile, bis Rick den Tatsachen ins Auge sehen kann. Eine freundliche Begegnung mit Morgan und seinem Sohn macht es möglich, dass er endlich einige Fakten über die Katastrophe erfährt.
Die Behörden hatten die Menschen dazu aufgerufen, in die großen Städte zu flüchten, wo eine bessere Verteidigung und Versorgung zu gewährleisten war. Rick greift nach dieser Hoffnung wie nach einem Strohhalm, glaubt er doch, dass seine Frau und sein Sohn sich nach Atlanta geflüchtet haben könnten.
Alleine macht er sich auf den Weg. Je näher er der Stadt kommt, umso mehr schwindet seine Hoffnung. Beinahe kommt er zu Tode. Aber er hat Glück im Unglück. Er findet seine Frau und seinen Sohn in einem Camp nahe der Stadt.
Doch damit fängt der eigentliche Kampf erst an.
Gute alte Zeit
Der Untertitel des ersten Bandes von The Walking Dead spricht Bände. Binnen weniger Wochen hat sich das Leben, wie es der gewöhnliche Sterbliche in den USA kannte, derart radikal gewandelt, dass es eine völlig neue Bedeutung erlangt. Die Wohngebiete liegen verlassen da, eine Grundversorgung wird nicht mehr gewährleistet und die Untoten schlurfen mittendrin herum und stellen für jedes Lebewesen eine Lebensgefahr dar. (Die Grundidee, dass Untote nur Menschen angreifen, findet sich hier nicht.) Kurzum, die gute alte Zeit hat sich endgültig verabschiedet.
Rick, dessen Erlebnisse im Mittelpunkt stehen, erlebt einen Alptraum ohnegleichen. Als Polizist, selbst in einer Kleinstadt, kennt er das Leben von einer härteren Seite als der normale Bürger. Trotzdem überfordert ihn die Situation, auf die er zunächst allein gestellt ist. Eine recht beeindruckende kleine Episode dreht sich um eine untote Frau, die im Straßengraben neben ihrem Fahrrad liegt. Ihr Körper ist nicht mehr in der Lage, sie zu bewegen, trotzdem verlangt er immer noch nach Nahrung. So grauenvoll das Bild auch ist, reißt es Rick andererseits menschlich auch vollkommen herunter. Am Ende schenkt er diesem Wesen Frieden, was ein wenig wie die Erlösung eines Vampirs wirkt (die vergleichsweise viel intelligenter und menschenähnlicher sind).
Eines der beeindruckendsten Bilder ist sicherlich jenes, das die Innenstadt von Atlanta zeigt. Untote stehen, liegen überall, blockieren die Straße rund um einen Panzer, dessen Fahrer irgendwie seine eigentliche Aufgabe vergessen hat. Krähen, die auf Beute hoffen, und Fliegen, die überall ihr Unwesen treiben, runden das grausliche Bild ab.
Robert Kirkman hat sich ein Weltuntergangsszenario ausgedacht, das in Teilen zwangsläufig bekannt erscheint, wenn einem die einschlägigen Filme, insbesondere eines George A. Romero, bekannt sind. Andererseits gibt es auch neue Aspekte zu entdecken, die gerade durch das Zusammenleben vollkommen normaler Menschen am Rande des Chaos erzählt werden.
Bezeichnend ist die Tatsache, dass auch in diesen Zeiten die Menschen ihre kleinlichen Dispute nicht ablegen können. Vorurteile, Eifersucht, Streit spielen immer mit und verhindern eine zur Gänze funktionierende Gemeinschaft.
Sicherlich regiert der Horror das Ganze, doch wie bei den filmischen Vorbildern ist es am Ende eine Bedrohung durch Raubtiere (die rein zufällig untoter menschlicher Natur sind).
Tony Moore hat Kirkmans Ideen im vorliegenden ersten Band, der die amerikanischen Originalausgaben 1-6 zusammenfasst, in bester Form in Szene gesetzt. Mit seinem zeichnerischen Stil könnte er sofort in Serien wie X-Men oder Batman einsteigen und er wäre wie dafür geschaffen.
Moore muss eine vergleichsweise ruhige Geschichte zeichnen. Sicherlich gibt es auch eine große Anzahl bedrohlicher und actionreicher Szenen, doch vieles stellt auch die menschliche Interaktion der kleinen Gruppe von Überlebenden dar. Gerade hier gefallen mir Moores Bilder ausgesprochen gut.
Auf Farbe wird in der Serie verzichtet. Moores Darstellung geht nicht in die Richtung eines Frank Miller, vielmehr sind die getuschten Szenen mit Graustufen unterlegt, dadurch erhält die Geschichte eine Art dokumentarischen Charakter und hebt sie auf ein Niveau, das über reinen Horror hinaus geht.
Mir hat der Band, der in einer sehr guten Aufmachung erscheint und im Anhang Interviews und Zusatzinfos mitbringt, sehr gut gefallen und ich kann ihn Fans des Genres sehr empfehlen. (Und wer derlei Geschichten bisher eher misstrauisch beäugt hat, könnte mit dieser spannenden Geschichte vielleicht eines besseren belehrt werden.)
Stichwörter: the walking dead, robert kirkman, tony moore