Mittwoch, 11. Juni 2008
Vielleicht war es im Knast besser? Ein wenig gewinnt Henry James diesen Eindruck an der Seite seines neuen Kollegen AJ, der ihn in die Geheimnisse der Kammerjägerei einweisen soll. Allerdings sind diese Geheimnisse eher eklig als geheimnisvoll. Oder?
AJ hat darüber hinaus sein ganz eigenes Berufsethos, aber man muss ihm neidlos zugestehen, dass er seinen Job versteht. Der erste Auftrag, das Aufspüren von Mäusen, artet bald in eine Rattenjagd aus, die AJ mit Bravour und einem gewissen Geschick im Messerwerfen löst.
Bei Bug-Gee-Gone schlagen sich Henrys Kollegen mit einem anderen Problem herum. Das Wunderbekämpfungsmittel gegen Schaben, Draxx, hat einen nachteiligen Effekt entwickelt. Eine Chemikalie in dieser Substanz wirkt stimulierend auf die Schädlinge und löst in ihnen Mutationen aus, die bald zum Problem werden könnten.
Saloth, der Chefchemiker der Firma, sieht die Zukunft pechschwarz. Falls sich keine andere Lösung findet, muss Code IV zum Einsatz kommen, doch das war eigentlich eine militärische Entwicklung und ist derart gefährlich, dass Menschen sich penibel selbst bei einem Einsatz schützen müssen.
Derweil hat AJ herausgefunden, dass Draxx auch eine interessante Wirkung auf ihn hat – intravenös jedenfalls. Und während er wieder einmal damit beschäftigt ist, sich den Lohn für eine Arbeitseinheit in Naturalien abzuholen, macht Henry eine furchtbare Entdeckung.
Ein ungewöhnliches Thema für einen Comic – Ekel garantiert.
Schaben, Käfer, Spinnen, Ameisen, Mäuse, Ratten und anderes vielbeiniges Getier sorgt bei dem einen oder anderen für Gänsehaut. Diese Leser sind hier richtig. Und für den Rest ist trotzdem Spannung garantiert, denn so wie Simon Oliver das Thema der Kammerjägerei am Rande der Gesellschaft aufbereitet hat, ist es auch ein Abbild des Kaffeesatzes des amerikanischen Traums – allerdings verheißt dieser Kaffeesatz keine besonders tolle Zukunft.
Die Ärmeren können sich keinen Kammerjäger leisten – oder nur billiges Insektenbekämpfungsmittel, über die Viecher wie die Schaben nur lachen können. Zu hoher Einsatz von Vertilgungsmitteln hat ungeahnte Folgen.
Als Zeichner für diese nicht nur ungewöhnliche, sondern auch außergewöhnlich gute Geschichte konnte Tony Moore gewonnen werden, der hierzulande mit dem Serienauftakt von The Walking Dead von sich reden machte. Moore zeichnet einerseits realistisch, aber er könnte auch als Zeichner von Spawn in Betracht gezogen werden, weil er aus einer ähnlichen Schule wie Angel Medina kommen könnte. Nur ist sein Zeichenstil nicht ganz so fein ausgearbeitet und er kommt mit weitaus weniger Strichen aus.
Dafür hat in er in Sachen Ekelfaktor die gleiche Begabung wie Angel Medina. Außerdem kann er hier aufgrund des Themas gut mit Bernie Wrightson verglichen werden. Wer die Gelegenheit hat, im Vorfeld die Comic-Adaption von Stephen King’s Creepshow zu lesen, genauer die letzte Geschichte Der Wanzenhasser (engl. They’re creeping up on you), sollte sich dies als eine Art Prolog gönnen.
Zurück zu den Käferkillern.
Käfer und Ratten zu zeichnen ist eines, menschliche Abgründe ein ganz anderes.
Simon Oliver dürfte mit der Rattenjagd im Hause eines Schwesternpaares eine der seltsamsten Vorgaben für einen Zeichner geschrieben haben. (Auch für Tony Moore, der bereits mit Zombies umzugehen verstand.) Amerika weiß immer wieder mal mit einer Nachricht über einen fettleibigen Menschen aufzuwarten, der nur mit industriellen Lastenhebern und der Feuerwehr aus seiner Wohnung gebracht werden konnte. Hier begeht eine Ratte bewusst Selbstmord, weil es sein Versteck unter dem Sofa eines solchen Menschen nicht mehr länger erträgt!
Diese kleine Episode, die nur die Spitze des Eisbergs im Ideenkatalog von Simon Oliver ist, bringt sehr schön seine Sicht der Dinge in diesem Band auf den Punkt.
Junkies, Fresssüchtige, Freaks, Exknackies, Schläger, seltsame Wissenschaftler, karrieregeile Manager (und auch ein paar Harmlose) stehen einer unzähligen Schar von Kakerlaken gegenüber, die schließlich ohne Hemmungen ans Tageslicht kommen.
Man würze dies mit einem Geheimnis über einen ägyptisch anmutenden Skarabäus und fertig ist Horror pur mit einem Schuss Sozialkritik und untergemischten Thrillerelementen.
Sehr gut gezeichnet dank Tony Moore, noch besser erzählt von Simon Oliver. Wer mit den erwähnten Zutaten etwas anfangen kann und sich nach den gängigen Horrorgeschichten nach einer kleinen Innovation sehnt, sollte bei dem Comic-Händler seines Vertrauens einen Blick riskieren. – Es könnten mehr werden.
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Stichwörter: simon oliver, tony moore
Montag, 19. Juni 2006
Shane ist tot, erschossen von Ricks kleinem Sohn. In Zeiten, in denen Zombies das Land beherrschen und die Menschen gezwungen sind, ihr Leben vollkommen umzustellen, kommt es immer wieder zu unvorhersehbaren Ereignissen. Rick Grimes, ehemals ein einfacher Polizist, musste nicht nur miterleben, wie alles, was er kannte, in die Brüche ging. Er musste auch noch einem vor Eifersucht rasenden Shane gegenüberstehen, dem Mann, den er einst seinen Freund genannt hatte.
Nachdem die Beerdigung hinter allen liegt und die kleine Gruppe um Rick allen Mut zusammengenommen hat, machen sie sich mit ihrem viel zu kleinen Wohnmobil auf den Weg.
Auf engstem Raum bleibt für zwischenmenschliche Geheimnisse nicht viel Platz. Ricks Frau Lori ist schwanger, doch wer ist der Vater? Zusätzliche Kleinigkeiten zerren an den Nerven aller. Bald setzt auch der Winter ein. Benzin und Vorräte sind immer schwieriger zu finden. Da erreichen sie die Wiltshire Estates, eine kleine Wohnsiedlung. Die verlassenen Einfamilienhäuser machen einen sicheren Eindruck, aber der Schein trügt.
Das Leben geht weiter, leider hat das Glück scheinbar alle verlassen. Selten nur hat es in Comics ein ähnlich trostloses Szenario gegeben. Viele Aspekte einer apokalyptischen Welt spielen in Robert Kirkmans Setting eine Rolle. Das Leben ist zu einem stetigen Überlebenskampf geworden und die Menschen müssen nun wirklich beweisen, wie es um ihre Menschlichkeit bestellt ist. Kirkman versteht es, einen Handlungsstrang zu entwickeln, der gemäß erzählerischer Gesetzmäßigkeiten die Protagonisten ein ums andere Mal ins Unglück stürzt. Eine sichere Heimstatt wird zu einer tödlichen Falle. Gastfreundschaft entwickelt sich zu einem neuerlichen Alptraum.
Im Kern der Handlung stehen Rick und seine Familie. Rick war Polizist und ist gemeinhin das, was die Gesellschaft einen erwachsenen, verantwortungsbewußten Menschen nennt. Doch nichts hat ihn auf dieses Leben vorbereitet, das alle zugleich in den Wilden Westen zurückgeworfen hat. Sein ehemaliger Beruf hat ihn für die ihn umgebenden Menschen zu einer Führungsfigur gemacht, eine Position, die er nicht verlangt, jedoch automatisch übernommen hat. Bezeichnenderweise ist es weniger die Bedrohung von außen, die ihn innerlich zusammenbrechen lassen kann, als die Gefahr, die durch die Schwangerschaft seiner Frau ausgeht: Ist Shane möglicherweise der Vater? Der neue Zeichner Charlie Adlard setzt Rick nicht selten entsetzt oder verzweifelt in Szene. Für den Leser ist es binnen kurzem nur noch eine Frage der Zeit, wann für Rick die Belastung zu groß sein wird.
Kirkmans Idee, zweierlei vermeintlich rettende Refugien einander gegenüber zu stellen, bildet zwei sehr schöne Waagschalen, von denen keine es schafft, schwerer auszuschlagen. Weder Zombies noch Menschen scheinen noch ideale Gastgeber zu sein. So ist der Ort, den sie zum Schluss finden und der Rettung verspricht, bezeichnend. Eine ehemalige amerikanische Institution, die der Sicherheit der Bevölkerung diente, erweist sich möglicherweise als sicherer Hafen – nur sind diesmal die Rollen vertauscht.
Der Gruselfaktor, der im ersten Band sehr hoch war, wird hier nicht erreicht. Das liegt daran, dass die menschliche Komponente viel größer geschrieben wird. Die Tragödie steht hier im Mittelpunkt, denn trotz aller Anstrengungen mag es den Menschen kaum gelingen, ihrem vorbezeichneten Schicksal zu entkommen. Ein langer Weg, so der Titel des zweiten Bandes, könnte passender nicht gewählt sein, weil (sollten die Zombies nicht urplötzlich von der Erde verschwinden) dieser Weg für alle wohl bis ans Ende ihres Lebens andauern wird.
Zeichner Charlie Adlard hat kein leichtes Erbe übernommen. In Band 1 trug noch Tony Moore die künstlerische Verantwortung. Adlards Stil ist ein ganz anderer, härter, eckiger, vielleicht sogar derber zu nennen. Wichtig ist es grundsätzlich, dass die zeichnerische Ausführung zur Geschichte passt. Mit der Unterstützung von Cliff Rathburn, der sich für die Anlage der Graustufen verantwortlich zeichnet, gelingt Adlard der Sprung in die bereits laufende Serie trefflich. Seine Zeichnungen unterstreichen die Wirren, die die ziellos Flüchtenden durchleiden müssen.
Auch im zweiten Band wird ein Blick auf das Zombie-Genre geworfen, das auf einen jahrzehntelangen Werdegang zurückblicken kann. Diese Hintergrundinformationen runden ein spannendes Lesevergnügen ab, welches dem Zombie-Genre hilft, in eine höhere erzählerische Klasse aufzusteigen.
Stichwörter: robert kirkman, charlie adlard, tony moore, cliff rathburn
Mittwoch, 25. Januar 2006
Rick ist Polizist. Sein letzter normaler Alltag endet mit einer Schießerei und einem komatösen Aufenthalt in einem Krankenhaus. Als er wieder erwacht, ist er allein und die Welt, so wie er sie gekannt hat, existiert nicht mehr.
Die Menschen sind fort – nun, ganz so richtig ist diese Aussage nicht, denn untote Zweibeiner, die einmal Menschen gewesen sind, vegetieren inmitten der zugrunde gerichteten Zivilisation. Es dauert eine Weile, bis Rick den Tatsachen ins Auge sehen kann. Eine freundliche Begegnung mit Morgan und seinem Sohn macht es möglich, dass er endlich einige Fakten über die Katastrophe erfährt.
Die Behörden hatten die Menschen dazu aufgerufen, in die großen Städte zu flüchten, wo eine bessere Verteidigung und Versorgung zu gewährleisten war. Rick greift nach dieser Hoffnung wie nach einem Strohhalm, glaubt er doch, dass seine Frau und sein Sohn sich nach Atlanta geflüchtet haben könnten.
Alleine macht er sich auf den Weg. Je näher er der Stadt kommt, umso mehr schwindet seine Hoffnung. Beinahe kommt er zu Tode. Aber er hat Glück im Unglück. Er findet seine Frau und seinen Sohn in einem Camp nahe der Stadt.
Doch damit fängt der eigentliche Kampf erst an.
Gute alte Zeit
Der Untertitel des ersten Bandes von The Walking Dead spricht Bände. Binnen weniger Wochen hat sich das Leben, wie es der gewöhnliche Sterbliche in den USA kannte, derart radikal gewandelt, dass es eine völlig neue Bedeutung erlangt. Die Wohngebiete liegen verlassen da, eine Grundversorgung wird nicht mehr gewährleistet und die Untoten schlurfen mittendrin herum und stellen für jedes Lebewesen eine Lebensgefahr dar. (Die Grundidee, dass Untote nur Menschen angreifen, findet sich hier nicht.) Kurzum, die gute alte Zeit hat sich endgültig verabschiedet.
Rick, dessen Erlebnisse im Mittelpunkt stehen, erlebt einen Alptraum ohnegleichen. Als Polizist, selbst in einer Kleinstadt, kennt er das Leben von einer härteren Seite als der normale Bürger. Trotzdem überfordert ihn die Situation, auf die er zunächst allein gestellt ist. Eine recht beeindruckende kleine Episode dreht sich um eine untote Frau, die im Straßengraben neben ihrem Fahrrad liegt. Ihr Körper ist nicht mehr in der Lage, sie zu bewegen, trotzdem verlangt er immer noch nach Nahrung. So grauenvoll das Bild auch ist, reißt es Rick andererseits menschlich auch vollkommen herunter. Am Ende schenkt er diesem Wesen Frieden, was ein wenig wie die Erlösung eines Vampirs wirkt (die vergleichsweise viel intelligenter und menschenähnlicher sind).
Eines der beeindruckendsten Bilder ist sicherlich jenes, das die Innenstadt von Atlanta zeigt. Untote stehen, liegen überall, blockieren die Straße rund um einen Panzer, dessen Fahrer irgendwie seine eigentliche Aufgabe vergessen hat. Krähen, die auf Beute hoffen, und Fliegen, die überall ihr Unwesen treiben, runden das grausliche Bild ab.
Robert Kirkman hat sich ein Weltuntergangsszenario ausgedacht, das in Teilen zwangsläufig bekannt erscheint, wenn einem die einschlägigen Filme, insbesondere eines George A. Romero, bekannt sind. Andererseits gibt es auch neue Aspekte zu entdecken, die gerade durch das Zusammenleben vollkommen normaler Menschen am Rande des Chaos erzählt werden.
Bezeichnend ist die Tatsache, dass auch in diesen Zeiten die Menschen ihre kleinlichen Dispute nicht ablegen können. Vorurteile, Eifersucht, Streit spielen immer mit und verhindern eine zur Gänze funktionierende Gemeinschaft.
Sicherlich regiert der Horror das Ganze, doch wie bei den filmischen Vorbildern ist es am Ende eine Bedrohung durch Raubtiere (die rein zufällig untoter menschlicher Natur sind).
Tony Moore hat Kirkmans Ideen im vorliegenden ersten Band, der die amerikanischen Originalausgaben 1-6 zusammenfasst, in bester Form in Szene gesetzt. Mit seinem zeichnerischen Stil könnte er sofort in Serien wie X-Men oder Batman einsteigen und er wäre wie dafür geschaffen.
Moore muss eine vergleichsweise ruhige Geschichte zeichnen. Sicherlich gibt es auch eine große Anzahl bedrohlicher und actionreicher Szenen, doch vieles stellt auch die menschliche Interaktion der kleinen Gruppe von Überlebenden dar. Gerade hier gefallen mir Moores Bilder ausgesprochen gut.
Auf Farbe wird in der Serie verzichtet. Moores Darstellung geht nicht in die Richtung eines Frank Miller, vielmehr sind die getuschten Szenen mit Graustufen unterlegt, dadurch erhält die Geschichte eine Art dokumentarischen Charakter und hebt sie auf ein Niveau, das über reinen Horror hinaus geht.
Mir hat der Band, der in einer sehr guten Aufmachung erscheint und im Anhang Interviews und Zusatzinfos mitbringt, sehr gut gefallen und ich kann ihn Fans des Genres sehr empfehlen. (Und wer derlei Geschichten bisher eher misstrauisch beäugt hat, könnte mit dieser spannenden Geschichte vielleicht eines besseren belehrt werden.)
Stichwörter: the walking dead, robert kirkman, tony moore