Mittwoch, 10. September 2008
Eine kleine Plastikpistole. Mehr braucht ein Kind nicht, um in andere Welten zu entfliehen. Damals jedenfalls. Das Elternhaus liegt dunkel da. Innen ist es wenig herzlich, die Stimmung ist angespannt. Andere Welten können besser sein. Das ist Trevors Geheimnis. Und nicht das einzige. Auch die gesamte Familie hat ein Geheimnis. Eingeschlossen in der Scheune, verborgen vor den Blicken anderer, hat Trevor noch einen Bruder. Trevor hat sich bislang wenig Gedanken um das Schicksal seines Bruders Will gemacht. Will ist angekettet, sein Essen besteht aus Abfall. Das ist alles nicht richtig, aber Trevor hat auch nicht die Macht das zu ändern. Nur in der Nacht, da nimmt er Will manchmal die Kette ab und sie gehen raus an die frische Luft, so wie richtige Brüder.
Das amerikanische Herzland, der Bibelgürtel, der Korngürtel, Gegenden in den Vereinigten Staaten, wo die Uhr anders tickt. Langsamer. Hier lebt der amerikanische Kleinstadtgeist, die Unwissenheit, das religiöse Herz. Und in dieser trotzdem von Gott verlassenen Gegend ereignet sich eine Tragödie. In diesen Gegenden, wo man noch amerikanischer ist als alle anderen, können unerwartete Ereignisse verstörend sein. Behinderungen, Missbildungen können als persönliche Strafen ausgelegt werden – sogar als solche von Gott – sie treffen ins Herz, als persönliche Schmach, die irgendwie ungerechtfertigt erscheint. Aber ob passend oder nicht, niemand darf davon erfahren. Die Vorgehensweisen sind dramatisch, drastisch und unmenschlich. Die eigentliche Herausforderung eines Gottes wird nicht erkannt und so machen sie alles noch schlimmer.
Dieses Grundschema findet sich bereits in manchem Western. Beliebt und gut erzählt sind hier die Varianten, in denen ein Indianer oder Halbindianer Mitglied einer weißen Familie ist. Paradebeispiele sind Denen man nicht vergibt (mit Burt Lancaster, Audrey Hepburn) oder auch Flammender Stern (mit Elvis Presley). Während in den Western die Familie wenigstens zu ihren Kindern oder sonstigen indianischen Verwandten steht, ist dies hier im Falle missgestalteter Kinder nicht mehr so. Die Kinder werden vor der Welt versteckt oder sogar getötet.
Die Erwachsenen ergehen sich in Verzweiflung und Angst. Nicht so die anderen leiblichen Kinder, jene, die mit ihren missgestalteten Geschwistern aufgewachsen sind und die menschliche wie auch liebevolle Seite an ihnen entdeckt haben.
So ein Junge ist Trevor. Sein Herz, das wirkliche Heartland in dieser Geschichte, zeigt ihm, was richtig ist. Er nutzt den einzigen Ausweg, den Kinder häufig nur haben. Er rennt weg und nimmt seinen Bruder Will mit.
Steve Niles, für seine Horrorphantasien in 30 Days of Night bekannt, entwirft hier ein sehr einfühlsames Bild, leicht tragisch, leicht gruselig, in jedem Falle menschlich und immer noch aktuell. Erzählerisch wie auch optisch zeitlos sind diese Ängste, die alles Fremde bei den Menschen hervorzurufen scheinen, immer noch vorhanden und bereiten gesellschaftliche Schwierigkeiten. Hier packt Niles diese Ängste in einen Mikrokosmos, in dem bestimmte Personen die Eckpunkte und Antriebskräfte bilden.
Trevor ist der Junge, der Unbescholtene, derjenige, der weiß, weil er mit Will aufgewachsen ist, weil er hinter die Fassade blickte. Der Vater ist der gottesfürchtige Uramerikaner, das Familienoberhaupt, das sich selbst für verflucht hält, weil es etwas falsch gemacht hat. Natürlich hat es etwas falsch gemacht, weil die anderen ihm nicht gehorcht haben. Da ist die Mutter, die Angst hat, die wegschaut. Da sind die anderen Familien, in denen es ähnlich ist. Und der Sheriff, die Stimme, derjenige, der nicht begreifen will und alle anderen kommandiert.
Am Ende ist da noch will, etwas anders ausschauend, sehr groß, langsam, aber er hat noch etwas, das nicht oft zu sehen ist, eine andere Kraft, eine besondere, ein Geheimnis.
Ebenso wie dieses Geheimnis bleibt auch der von Greg Ruth gezeichnete Will diffus. Ruth vermerkt im Anhang, dass er Will äußerlich nicht richtig packen konnte. Die Veränderungen, die Will durchläuft, kleine Variationen nur, sind deutlich sichtbar, aber das schadet keineswegs. So entsteht der Effekt des Nicht-Hinschauen-Sollens. Guck da nicht hin! Man macht es dennoch, flüchtig, weil man neugierig ist. Aber man schaut ganz schnell hin, so dass nur ein kurzer, ein verwaschener Eindruck verbleibt. Genauso erscheint Will. Als habe Greg Ruth ihn nicht richtig studieren, ihn nicht angaffen wollen, um ihn am Ende nicht bloßzustellen und zum Schauobjekt zu degradieren. Nur Trevor darf ihn wirklich so sehen, wie er ist.
Der Leser lernt im Laufe der Geschichte auch, Trevor zu vertrauen. Kinderaugen sehen die Wahrheit – wenn sie nicht aktiv betrogen werden. Die geschilderte Wahrheit ist furchtbar und ein Armutszeugnis für die so genannten Erwachsenen. Feinfühlig, beinahe unspektakulär, eigentlich unamerikanisch erzählt. Nicht in letzter Konsequenz neu, aber sehr interessant. Optisch ein Zuckerstück, wenn auch ein sehr düster angelegtes.
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Stichwörter: steve niles, greg ruth
Dienstag, 09. Oktober 2007
Das Eis schmilzt, und der Mann kommt wieder frei. Aber aus dem Mann, dem Agenten des FBI ist ein Vampir geworden. Der Befreier, der so dumm war, eines der Monster aus dem Eis zu holen, muss bald mit ansehen, wie der Vampir flieht.
Der Befreier will seine Versagen wieder gut machen. Er verlässt Barrow, die Ortschaft, die vom Bösen heimgesucht wurde und folgt dem ehemaligen Agenten nach Los Angeles, die nun alles andere als eine Stadt der Engel ist.
Gleich bei seiner Ankunft stöbert John Ikos ein Vampirnest auf. Die Härte und die Abgebrühtheit, mit der dieser Jäger vorgeht, sind in Los Angeles ungewöhnlich. Blitzschnell hat er zwei der Blutsauger für immer vernichtet. Bei seiner nächsten Begegnung hat er es nicht mehr so einfach, denn gegen die Übermacht der Night Crew hat er keine Chance.
Wie er schlicht und einfach feststellt: Ich und mein Großmaul.
Sein Glück ist es, dass die Vampire neugierig sind. Ihr Anführer will diesen Norris selber sehen, dessen Name immer weitere Kreise in der Vampir-Szene zieht.
Auch der Mann aus Barrow setzt seine Suche fort. Ohne es zu wissen, gerät er in eine Auseinandersetzung verschiedener Gruppierungen innerhalb der Vampire. Als er eine Rettungsaktion durchführen will – wieder einmal eine äußerst ungewöhnliche – verbündet sich ein Fremder mit ihm.
30 Days Of Night ist im Vampir-Genre unlängst einem Trend gefolgt. Die Vampire rangieren in ihrer Konzeption auf einer ähnlichen Höhe wie jene in Blade. Härter, brutaler, gemeiner, düsterer und mit einem Gebiss versehen, dass jedes Raubtier vor Neid blass werden lässt. Inzwischen hat auch die Filmindustrie den Kick entdeckt, der von dieser Vampir-Reihe ausgeht. 30 Days Of Night läuft jüngst im Kino.
Verantwortlich für diesen Schocker ist Autor Steve Niles, der eine Geschichte verfasst hat, die sich nicht lange bitten lässt. Eine Ortschaft, 30 Tage Dunkelheit, einige wenige letzte Menschen, die ihr Dorf nicht verlassen haben und eine Horde Vampire, die es genießen, sich nicht alle 12 Stunden verstecken zu müssen. Dieser 30 Tage währende Horror zog folgerichtig Fortsetzungen nach sich, die den Leser auf die gleiche schnelle Weise ins Geschehen werfen.
Agent Norris ist ein Opfer jener langen Nacht. John Ikos hat den FBI-Agenten gerettet - eher aus Dummheit und Neugier, weniger, weil er es tatsächlich wollte.
So ist die erste Episode im vorliegenden Band sehr bedrohlich und eindringlich – leider krankt sie an der zeichnerischen Darstellung, die hier doch sehr einfach ausgefallen ist. Im Gegensatz dazu ist die Szene spannend, ja aufregend sogar, da sich nicht sagen lässt, wie John Ikos aus dieser Sache wieder herauskommt, ob er überleben wird.
Mit dem Start der Episode The Journal Of John Ikos ändert sich die grafische Gestaltung. Zeichner Nat Jones, unter der Farbgebung von Jay Fotos, haben einen wilden Bildeindruck geschaffen, der die dunklen Ereignisse in Los Angeles perfekt unterstreichen. Der bärtige Ikos wirkt durch sein hinterwäldlerisches Auftreten total fehl am Platz in diesen heruntergekommen Häusergassen, in deren Schatten die Vampire lauern.
Hier ist der Hauptdarsteller sehr gelungen und echt geworden.
Der Kontrast zwischen Jäger und Beute, hier die Vampire, die den Spieß bald umdrehen, könnte nicht größer sein. Der Trapper steht einer Bande im Lack- und Leder-Outfit gegenüber. Eine Schrotflinte steht gegen atemberaubende Geschwindigkeit und ein fürchterliches Gebiss.
Die Auseinandersetzungen sind hart und schenken dem Leser nichts.
Der mittlere Teil ist eine sehr moderne Vampir-Geschichte (er ist von den drei Episoden auch der umfangreichste), die nicht nur auf der aktuellen Welle mitschwingt, sondern auch eigene Akzente setzt.
Gegen Ende sind die Grafiken von Zeichner Brandon Hovet in der abschließenden Episode Agent Norris: Mia vergleichsweise nicht so aussagekräftig. Sein Zeichenstil ist aber nicht ungewöhnlich und findet sich ähnlich auch bei Kelley Jones , einem anderen Veteran von Grusel-Comics.
Unter dem Strich eine phantastische Vampir-Schauergeschichte mit einer ordentlichen Portion Action, sehr geradlinig erzählt mit einem hervorragenden Mittelteil. Fans des Genres werden diese Kost sicherlich mögen. Wer zartbesaitet ist, sollte besser keinen Blick riskieren.
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Stichwörter: steve niles, nat jones, brandon hovet, jay fotos
Freitag, 15. Juni 2007
Woher kommt die Wut? Wie entstehen die Aggressionen, die den Menschen zum Monster werden lassen? Die Betrachtungen der Überwachungsvideos geben den beiden Wissenschaftlern darauf keine Antwort.
Aber die Bilder sind Ansporn genug. Sollte Wut, das Ausrasten einen biologischen Ursprung haben, sollte es genetisch begründet sein, lässt es sich vielleicht ausschalten. Wenn es sich ausschalten lässt, lässt sich damit auch Geld verdienen, viel Geld. Das ist Motivation genug. Dafür lassen sich auch schon einmal einige Regeln brechen, oder wenigstens soweit beugen, wie es noch einen legalen Anschein hat.
Warren und Clive sind zwei Wissenschaftler an der hoch angesehenen Universität von Cambridge. Für Warren ist klar: Sollte ein Durchbruch in der Aggressionsforschung erzielt werden können, müssen dazu menschliche Versuchsobjekte herhalten. Doch woher sollen diese Testpersonen kommen? Clive muss mitansehen, wie Warren eine Quelle für derlei Personen erschließt, die er nicht gutheißen kann: Kriminelle. Clives schlimmste Befürchtungen werden Realität. Das Experiment geht gründlich daneben. Schlimmer noch: Irgendwie wird die Aggression der Versuchsperson nicht eingedämmt, sondern gesteigert. Warren macht dem Experiment auf seine Art ein Ende.
In einer Nacht- und Nebelaktion verscharren die beiden Wissenschaftler den Leichnahm. Künftig wollen sie Schimpansen für ihre Forschungen verwenden. Diese sollten besser zu kontrollieren sein.
Wenig später wird für eine Familie ein Ausflug in die Parks rund um den Campus zum Horrortrip. Ein Schimpanse fällt über den jüngsten Sohn her. Nur mit vereinter Kraft können der Vater und der älteste Sohn das wahnsinnig gewordene Tier töten. Ein herbei geeilter Krankenwagen schafft den Jungen fort. Doch sie kommen nicht weit. Etwas hat das Kind so sehr verändert, dass er sogar das elterliche Fahrzeug ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohlbefinden angreift.
Aus dem kleinen Chaos wird ein riesiges Desaster, das bald den Großraum London in seinem Würgegriff hält. Überall greifen Infizierte die immer weniger werdenden gesunden Menschen an.
28 Days Later – Die Zeit danach erzählt, wie England das normale Leben unter dem Druck der Seuche zusammenbricht. Cineasten werden sich an das Eingangsszenario des Films 28 Days Later erinnern. Jim wacht nach einem Unfall im Krankenhaus aus einem Koma auf. Im Krankenhaus ist außer ihm kein anderer Mensch mehr. Die Straßen von London sind wie leer gefegt. Doch wie konnte es dazu kommen?
Die Szenerie, die Jim nachträglich erzählt wird, kann der Leser am Beispiel der beiden Geschwister Sophie und Sid verfolgen, die diese Übergangszeit der Katastrophe hautnah miterleben. Die Ausbrüche kommen für die Einwohner vollkommen überraschend. Die Warnungen, die Wohnungen nicht zu verlassen, funktionieren nur bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann muss die Wohnung einfach verlassen werden. Eben noch lebte man in einem zivilisierten Land und plötzlich wird man zu einem Gejagten.
Steve Niles hat diese Übergangszeit niedergeschrieben und ein Horrorszenario entwickelt, dass dem Kino-Schocker an Spannung in nichts nachsteht. Es fängt sehr harmlos an. Die Katastrophe ist dennoch sehr schnell vorhersehbar – aus der Sicht der Wissenschaftler Warren und Clive, die die Unwägbarkeiten ihrer Experimente sehr lange ignorieren, obwohl die Zeichen für einen Fehlschlag offensichtlich sind.
Für den Leser ist klar, wo die Ereignisse enden werden, deshalb hat Niles eine Erzählweise gewählt, die Haken schlägt und nicht geradlinig erfolgt. In vier Phasen, Episoden, werden die 28 Tage überbrückt, bis hin zu dem Zeitpunkt, als Jim erwacht. Die hauptsächlichen Dreh- und Angelpunkte dieser Geschichte sind Clive, der jüngere der Wissenschaftler, und die beiden Teenager. Die beeindruckendste Episode findet allerdings ohne die erwähnten Charaktere statt.
Inmitten von London hat ein Mann namens Hugh London zu seiner Stadt erkoren. Inzwischen macht er Jagd auf die Infizierten, die durch die Straßen streifen. Hugh hat Verhaltensmuster und Begabungen bei den monströsen Kranken ausfindig gemacht. Offenbar können sie nicht erkrankte Menschen durch Gerüche aufspüren. Reinlichkeit und Deos haben aus Menschen ein leicht zu erschnupperndes Jagdwild gemacht. Obwohl er einer der letzten gesunden Menschen in der näheren Umgebung ist, liegt er mit einem Konkurrenten im Krieg. Wer diesen Kleinkrieg begonnen hat, ist letztlich egal. Hugh beendet ihn auf eindrucksvolle und hinterlistige Weise. So entsteht für den Leser ein sehr hoher Spannungs-, aber auch, wie im Film, ein ebenso hoher Ekelfaktor, was an den sehr drastisch ausgeführten Bildern von Nat Jones liegt.
Die beste Optik trifft (nach meiner Meinung) der Zeichner Dennis Callero mit den Episoden Phase 1 und Phase 4. Darüber hinaus hat er noch durchgängig die Kolorierung der einzelnen Episoden übernommen.
Callero pflegt den Stil des nachgezeichneten Filmbildes, um den Zeichenstil und optischen Eindruck so zu umschreiben. Natürlich gibt es dazu keinen Film, aber Callero erweckt den sehr guten Eindruck, als habe er eine Film-Adaption zu Papier gebracht. Die Bilder sind sehr exakt geworden. Dank der eigenen Kolorierung hat er alles perfekt aufeinander abgestimmt.
Im Anhang findet sich das Script zur Phase 3 (der Episode mit Hugh in der Hauptrolle). Der Aufbau des Scripts, das sehr stark an ein Drehbuch erinnert und so die Parallelen der beiden Medien untermauert, mag sogar Nachwuchszeichnern als Muster für eigene Umsetzungen dienen.
Film und Comic besitzen eine gemeinsame Grundstimmung. Der Comic steht der Filmvorlage in Sachen Spannung und Erzählung in nichts nach. Fans des Films und des Genres werden angenehm überrascht sein und können bedenkenlos zugreifen. Ansonsten gilt für den Film wie auch für den Comic: Nichts für schwache Nerven.
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Stichwörter: steve niles, dennis calero, diego olmos, nat jones, 28 days later
Freitag, 18. August 2006
Ein Friedhof, ein offenes Grab, ein Unhold verübt ein unbeschreibliches Verbrechen, dass selbst den erfahrenen Detective Dietz nach so vielen Jahren Dienst schockiert. Die Beschreibungen eines Augenzeugen machen den Fall umso rätselhafter. Aber Dietz lässt sich nicht irritieren. Er vertieft sich in die reinen Fakten, drängt seine aufgewühlten Gefühle in den Hintergrund. Leider sind die Fakten nicht so, wie er es gerne hätte: Sie werfen weitere Fragen auf und mögliche Antworten lassen keine rationalen Schlüsse zu.
Dietz befindet sich scheinbar auf der Spur eines Unholds, der seit hunderten von Jahren verstorben ist. – Was natürlich Unsinn ist. Aus Dietz’ Sicht.
Es bleibt nicht bei einem Toten. Bald werden Dietz und sein Kollege Bennett zu einem weiteren Tatort gerufen. Die nächste Tat ist schlimmer als die vorherige. Eine Gruppe ausgewachsener Männer umringt die Toten und kann es kaum fassen. Dietz und Bennett überspielen ihren Schock. Der Tag war lang. Dietz fährt nach Hause, er macht es sich bequem, sofern das nach all den Ereignissen möglich ist.
Plötzlich fährt ihm der Schrecken in die Glieder. Dietz erhält ungebetenen Besuch. Doch Dietz ist nicht ängstlich, er macht sich an die Verfolgung des Unbekannten und streckt diesen mit seiner Schusswaffe nieder. Die Freude währt nur kurz und wird schnell durch eine Überraschung abgelöst. Dietz hat den Falschen erwischt.
Die Toten stellen sich auf Dietz’ Seite. Leider nützt Dietz diese Verstärkung nicht sehr viel, denn der Mörder ist uralt, verschlagen und mächtig. Selbst die Toten haben ihm kaum etwas entgegen zu setzen. Schließlich gerät selbst Dietz’ Familie in Gefahr.
The Lurkers ist eine sehr dicht erzählte Horror-Geschichte. Ein Polizist gerät ungewollt in eine Welt der Schatten, des Zwielichts und wird mit Gestalten, Legenden und dem Grauen konfrontiert, die er bislang eher für pure Phantasie gehalten hat. Dietz ist ein waschechter Cop, lang gedient, erfahren und abgeklärt. Der erste Fall, der noch kein Mord ist, mit dem er es hier zu tun bekommt, geht selbst ihm hart an die Nieren. Weit aufgerissene Augen künden von dem Schrecken, der von den Fundorten ausgeht.
So muss es sein, wenn man den Verstand verliert. Wenn man anfängt Dinge zu sehen. Dietz, der Cop, der glaubte, den Durchblick zu haben, erlebt die Welt plötzlich aus einer völlig neuen Sicht.
Autor Steve Niles und Zeichner Hector Casanova nehmen den Leser mit auf eine Reise in eine verwunschene Wirklichkeit, die nichts als die Nacht oder wenigstens die Dunkelheit kennt.
Die Erzählung geht konsequent ihren Weg von Beginn an. Es findet sich keine zögerliche Stelle, keine Irreführung des Lesers, obwohl dieser mal mehr als Dietz weiß (oder zu wissen glaubt), mal auf dem gleichen Wissensstand ist wie der Hauptcharakter. Zu Beginn lässt es sich noch annehmen, dass der Irre vielleicht doch noch menschlicher Natur ist. Später hat der Leser das Wissen um die Übernatürlichkeit Dietz voraus.
Steve Niles erfindet eine neue Grusel-Legende, ähnlich der von Vampiren, Werwölfen oder Ghouls und fügt diesen einen Nachtmahr hinzu, der im Gegensatz zu den eher tierischen Horrorgestalten mit einer enormen Schläue zu Werke geht – und mit der Brutalität eines Gangsters, der einem Cop das Leben schwer machen will. Aber im Grundsatz hat Niles ein Wesen erschaffen, das sich hinter bestehenden Klassikern nicht zu verstecken braucht.
Die Geschichte hat sogar bei aller Dramatik (und einem gewissen Ekelfaktor) etwas Romantisches, was nicht zuletzt an den Toten liegt, die in der Dunkelheit ein beinahe schüchternes Dasein fristen. (Es erinnert ein wenig an eine alte französische Gruselmär.)
Wer den Comic betrachtet, wird möglicherweise Stilähnlichkeiten zu einem anderen Meister des Makabren herstellen können. Hector Casanova setzt die Geschichte von Niles um, wie es vielleicht ein Tim Burton machen würde. Wer Produktionszeichnungen, aber auch die phantastischen Filme wie Corpse Bride, Sleepy Hollow oder Nightmare Before Christmas, dieses außergewöhnlichen Regisseurs kennt, wird auch den gestalterischen Stil dieses Comics ziemlich genau vor Augen haben. Er muss nur die eher putzigen Ausgestaltungen beiseite lassen und die gruseligen Aspekte hernehmen und schon befindet man sich in der Welt des Hector Casanova. Dank ihm gelingt es Dietz’ Feind wirklich, einen Schauer zu erzeugen – er ist richtig eklig, gruselig, am Ende kann der Leser ihn wirklich flüstern hören. So gut finde ich ihn gelungen.
The Lurkers, die in der Dunkelheit lauern, herumschleichen, haben einen hohen Gruselfaktor, sind atmosphärisch gezeichnet und haben mich als Freund von Horrorgeschichten sehr angesprochen. Die Schlusssequenz hat sogar etwas von Poesie, selten in Comics zu finden – aber es funktioniert, wie der gesamte Band, ausgesprochen gut.
Stichwörter: steve niles, hector casanova, nachtmahr, unhold, lurkers