Samstag, 12. April 2008
Die Antarktis. Eine entmilitarisierte Zone. Eigentlich. Offiziell. Hinter so manchem Deckmantel, so mancher Tür, die angeblich zu einer Forschungseinrichtung führt, sieht es anders aus. In der Antarktis war der Krieg schon immer kalt.
Als US-Marshal Carrie Stetko ihren Urlaub in der Wärme Neuseelands genießt, ahnt sie noch nicht, wie schnell sie wieder im ewigen Eis unterwegs sein wird. Ihr neuer Fall ist nicht nur spektakulärer als der letzte, sondern er bringt ihr auch eine einzigartige Gelegenheit. Erledigt sie alles zur Zufriedenheit, kann sie runter von diesem verdammten Eisklumpen!
Die Antarktis ist eine fremde Welt, ein Stück außerirdischen Lebensraumes, allerdings ist die Definition von Lebensraum hier völlig anders zu interpretieren. Der Schwerpunkt liegt auf Raum und die Aufgabe, die Carrie in dieser eisigen Einöde zufällt, ist keine geringere als die, einige Atomsprengköpfe wiederzubeschaffen. Diesmal wartet nicht kriminalistische Kleinarbeit auf die resolute Polizistin, sondern eine handfeste Jagd, an deren Ende nicht nur skrupellose Verbrecher, sondern auch ehemalige Angehörige einer russischen Spezialeinheit warten.
Zieht man die Spannung in Betracht, mit der dieser Thriller aufwarten kann, dann geht es in der Tat heiß her. Insofern ist der Untertitel Melt gut gewählt.
War der erste Teil von Whiteout trotz seines entlegenen Szenarios nichts für klaustrophobische Gemüter, gehen Greg Rucka und Steve Lieber nun den entgegen gesetzten Weg und verlieren sich in der Weite der Antarktis.
Die weiten Flächen mögen gefahrlos wirken – sieht man einmal von den unendlich erscheinenden Flächen ab – doch in Wahrheit kann jeder Schritt den Tod bedeuten. Dies müssen auch die ehemaligen Speznaz-Kämpfer sehr schnell feststellen, die sich eigentlich als Herren der Lage wähnten. Dass diese Kämpfer aber auch von anderem Kaliber sind als einfache Mörder, auch das muss Carrie bald in ihr Tagebuch schreiben.
Greg Rucka spielt mit dem Genre. Besonders für Thriller-Freunde ist sehr schön, wie Rucka Altbewährtes neu mischt, Gegensätze aufbaut oder auch Bekanntes auf den Kopf stellt. Eine Beamtin im Rang eines US Marshals am Ende der Welt, eher klein, von ihrem Job angenervt, übernimmt die Ermittlungen in einem Fall, der internationale Ausmaße hat. Sie ist der Jäger. Das Wild sind schwer bewaffnete Soldaten, ausgebildete Kämpfer, die keine Skrupel haben, ihre eigenen Leute zu töten. Wie in einem Western ist das Land der zweite Gegner.
Unwillkürlich erinnert man sich als Leser vielleicht an Szenarien wie Der schwarze Falke oder Eisstation Zebra. In beiden Filmen spielt die Landschaft eine große Rolle. John Wayne ist zwar nicht Carrie, aber auch sie ist auf der Suche. Sie drang gemeinsam mit anderen Menschen in diese Lebensfeindliche Welt vor, am Ende geht sie allein ins Nirgendwo, wie ein Sheriff, der seine Aufgabe erfüllt hat und erst wieder gebraucht wird, wenn es Ärger gibt.
Altmeister Alistair MacLean schrieb die Vorlage für Eisstation Zebra, eine Agentenhatz an den Nordpol, wo ein russischer Spionagesatellit abgestürzt ist. Zieht man als Leser Parallelen zur Geschichte von Greg Rucka, ließe sich behaupten, dass Rucka in die Fußstapfen eines Großen tritt und das altmodische Thriller-Abenteuer zurückbringt. Dieses besitzt zwar Action, ist aber in erster Linie elegant inszeniert und erzählt.
Die Antarktis ist nicht schwarzweiß, aber sie dürfte dennoch eine Welt sein mit ganz eigenen Farbeindrücken. Wieder hatte Steve Lieber die Aufgabe diese Welt zu Papier zu bringen.
In feinen Einleitungen kommt, um es so auszudrücken, auch die Antarktis persönlich zu Wort, indem von ihrer Historie erzählt wird, genauer von den Momenten, in denen der Mensch versuchte sie zu erobern, sich an ihr zu messen. Fast wünschte man sich, der spannende Beginn um das Wettrennen zwischen Amundsen und Scott würde noch ausführlicher erzählt. – Vielleicht auch ein neuer Ansatz, um echte Geschichte noch interessanter zu machen.
Das wirklich Schöne – auch insgesamt – ist der Mut, mit dem Lieber zu Werke geht. Er schießt sich nicht auf eine bestimmte Technik ein. Er probiert weiter aus, so wie er es schon im ersten Teil tat. Auch der Erfolg hat ihn von dieser Vorgehensweise nicht abbringen können. Daher lässt sich auch nie sagen, was einen auf der nächsten Seite erwarten wird. Sind es Rasterfolien, feine Tuscheschraffuren oder grobe Pinselstriche, wurde mit dem Bleistift oder mit Kohle über die Zeichnung gerieben oder setzt er nun fette Schwarzflächen und rasante Bewegungsstriche ein. Steve Lieber zeichnet, wie es seiner Meinung nach gerade passt. Das Auge muss sich immer wieder neu einfinden – so wird die Zeichentechnik letztlich, wie es die Beleuchtung in einem Film erreichen kann, zum spannungssteigernden Element.
Auch in der Fortsetzung können sich Greg Rucka und Steve Lieber noch einmal steigern, indem sie das bisherige Konzept auf den Kopf stellen und ihre Arbeitsweise verfeinern. Kampf gegen die Elemente, gegen Terroristen, gegen sich selbst – Carrie Stetko dürfte eine der gelungensten Frauenfiguren im Thriller-Genre der letzten Jahre sein.
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Stichwörter: greg rucka, steve lieber
Donnerstag, 29. November 2007
Der Mann ist tot, ganz eindeutig. Der Körper liegt festgefroren auf dem Boden. Seine Haltung verrät nichts über die Todesursache. Allerdings ist die Möglichkeit eines normalen Todes unwahrscheinlich, denn der Tote hat kein Gesicht mehr.
US-Marshal Carrie Stetko übernimmt die Ermittlungen des Falls. Ein Mord ist in der Antarktis etwas Besonderes. In einer solch lebensfeindlichen Umgebung haben die Menschen genug mit dem eigenen Überleben zu tun, als sich umzubringen. Die Zeit zur Aufklärung des Mordes ist darüber hinaus sehr ungünstig, denn der Winter steht bevor und viele Bewohner der Forschungsstationen werden für die Dauer dieser Periode nach Hause zurückkehren.
Nicht nur die unkenntlich gemachte Leiche ist ungewöhnlich. Gleich bei dem Toten finden sich merkwürdige Bohrlöcher im Eis. Weder Carrie noch Furry, der Stationsarzt, können sich einen Reim darauf machen. Die Polizistin, die sowieso dem Druck ihrer Vorgesetzten ausgesetzt ist, macht sich an ihre ohnehin sehr schwierige Ermittlungsarbeit.
Jeder Weg ist vom Wetter abhängig. Das Flugzeug ist das wichtigste Fortbewegungsmittel in dieser Region.
Die für ihre nähere Umgebung unbequeme junge Frau macht sich unbeeindruckt von den widrigen Umständen an ihre Arbeit. Trotz der lebensfeindlichen Umgebung ist eher Routine. Als sie die Tür zu einem Wohncontainer öffnet und einem Mörder gegenübersteht, der die Tatwaffe, einen Eispickel, noch in der Hand hält, ist ihr Leben plötzlich in größter Gefahr.
Whiteout entführt den Leser in lebensfeindlichste Landschaft dieser Erde: der Antarktis.
Die scheinbare Unendlichkeit eisiger Flächen, die Andersartigkeit einer Schneelandschaft bietet eine gute Grundlage für einen Thriller. Denn zusätzlich zum Duell der unterschiedlichen Kontrahenten kommt als unberechenbarer Dritter die Natur ins Spiel. Wie gut dieses Konzept funktioniert, konnten Leser wie auch Zuschauer in Antarktika, Fargo, Das Ding aus einer anderen Welt oder auch in den Geschichten Jack Londons bisher sehen. Die Unwirklich- wie auch Unwirtlichkeit des Kontinents mag einem Außenstehenden wie ein Blick auf einen fremden Planeten vorkommen. Minusgrade von angenehmen 5 bis unangenehmen 89 können dem Menschen den Garaus machen. Ein Fehlgriff im eisigen Wind, ein Weg in die falsche Richtung und man begegnet dem Tod sehr schnell.
Greg Rucka nutzt diese Grundbedingungen und schafft einen Thriller, der seinen Hauptdarstellern nichts schenkt und mit den Begebenheiten dieses eisigen Kontinents virtuos spielt. Der Titel ist nicht willkürlich gewählt, sondern benennt ein Phänomen, dem ein Mensch in Eis- und Polarregionen begegnen kann. Eisflächen und Horizont verschmelzen zu einer einzigen grauweißen Fläche, in der es keinerlei Orientierungspunkte mehr. Es bleibt ein riesiger, scheinbar leerer Raum. Wenn in dieser Situation ein Schneesturm die Sicht zusätzlich verschlechtert, so dass die eigene Hand kaum mehr zu erkennen ist.
Ein beeindruckendes Beispiel für dieses Whiteout wird der Hauptfigur Carrie Stetko beinahe zum Verhängnis. Es ist Zeichner Steve Lieber zu verdanken, dass diese Szene auch für den Leser ein haarsträubendes Erlebnis wird. Nach eigener Aussage hat Lieber mit verschiedenen Techniken für die Umsetzung des Thrillers experimentiert. Lässt man diese Aussage einmal außen vor, ist es doch ersichtlich, dass die Darstellung einer unendlichen Schneelandschaft einerseits im Kontrast zu Schuhschachtel-Innenräumen andererseits für einen Zeichner eine Herausforderung ist.
Lieber schraffiert, tuscht, radiert, arbeitet mit Rasterfolien und Kohle, Sandpapier, Deckweiß und vielem mehr. Endlich konnte er sich von eigens gestellten Konventionen lösen und ein vollkommen eigenes Werk schaffen. Bisher war er nie so recht mit seiner Arbeit zufrieden gewesen.
Das Auge des Lesers kann sich so nicht auf einen Moment einstellen, sondern begegnet immer neuen Elementen. Das mag auf den ersten Blick nicht ersichtlich sein, aber auf den zweiten Blick wird deutlich, wie Lieber verschiedene Techniken für unterschiedliche Situationen nutzt. So sind die Erinnerungen Carries ganz anders aufbereitet als die Gegenwart. Innen ist anders als außen. Und obwohl die Weite der Eisfelder einen unendlichen Eindruck hinterlässt, ist jede Szene Ausdruck eines Kammerspiels. Das Leben dort unten spielt sich in aller Enge ab.
Der Thriller baut sich langsam auf. Rucka baut Täuschungen ein und schickt den Leser in die Irre. Er belässt es nicht bei einer Hauptfigur, sondern stellt Carrie mit der britischen Spionin Sharpe einen völlig gegensätzlichen Charakter zur Seite. Sharpe ist beherrscht, kühl, während Carrie ein Heißsporn ist. Die kleinen Szenen, in denen sich die unterschiedlichen Frauen gegenüberstehen und Carrie ihre Kollegin Widerwillen doch nicht mit Blicken niederringen kann, bringen die Spitze Humor in die Geschichte ein.
Ein ungewöhnlicher Thriller, hoch spannend durch die Platzierung am Südpol, da die Natur zum dritten Mitspieler in der Hatz nach dem Mörder wird. Mit der widerborstigen Carrie findet der Leser einen Charakter, deren Kampf gegen den Killer und die Situation einfach mitreißt. Freunde von ungewöhnlichen Kriminalgeschichten sollten sich mit Whiteout eine ruhige Ecke suchen und ein Nicht-Stören-Schild aufhängen. Thriller mit Kult-Potential.
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Stichwörter: greg rucka, steve lieber