Samstag, 30. August 2008
Tracy Lawless ist zurück. Sein Leben bei der Armee ist vorüber. Zurück in der Stadt will er nur noch eines wissen. Wer hat seinen Bruder Ricky umgelegt? Seine Rückkehr weckt keine guten Erinnerungen. Nach und nach wird immer deutlicher, warum er dieses Kaff hinter sich gelassen hat. Andererseits hatte Tracy auch beim Militär kein besonders tolles Leben. Nur die Erfüllung seiner Aufgabe hat er dort gelernt und die nötige Disziplin. Tracy ist gelassen, kühl, sichert sich ab. Er kann die Menschen einschätzen, weil er Disziplin hat und sie nicht – so glaubt er jedenfalls.
Die alte Gang seines Bruders hat nicht die äußerliche Professionalität, die er von der Army her gewöhnt ist. Ohne ihr Gehirn, Simon, sind sie nur die Hälfte wert. Sie sind gut in der Ausführung, das Planen und Ausbaldowern liegt ihnen keineswegs. Simon sitzt leider im Gefängnis und sogar der Plan für seine Befreiung stammt von ihm selbst. Und bevor es an den eigentlichen Job gehen kann, muss Simon erst einmal aus dem Kittchen geholt werden.
Ed Brubaker schickt seine Leser zurück in diese verkommene Stadt. Dort begegnet man nicht nur Tracy als neuem Gesicht, sondern auch alten Bekannten in Nebenrollen wie auch als Auslöser für die gesamte Geschichte. Wer gut aufgepasst hat – oder den ersten Band noch einmal hervorholt – wird feststellen, dass Tracys Bruder Ricky, der hier die Wurzel der Geschichte ist, einst mit Leo zusammenarbeitete, dem Hauptcharakter der ersten Handlungslinie. Aus diesem Grund begegnen wir Leo auch kurz im Gefängnis wieder, genau an jenem Ort, wo Leo niemals hinwollte. Diese Art des Verwebens bringt Criminal natürlich in die Nähe eines Thriller-Werkes wie Sin City - kein Wunder also, dass Frank Miller, Autor von besagtem Thriller-Werk, hier das Vorwort geschrieben hat.
Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.
Wie in ersten Handlungslinie stimmt auch hier dieses allseits bekannte Zitat, mit dem sich schon Woody Harrelson in Doc Hollywood zum Narren machte. Tracy hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, ohne alle Fakten zu kennen. Er wusste rein gar nichts über die Gang, mit der sein Bruder auf Tour war. Außerdem wusste er so gut wie nichts darüber, was in den letzten 20 Jahren aus seinem Bruder geworden war. Letzteres ist der Knochen, den Ed Brubaker seiner Hauptfigur hinwirft und an dem Tracy am meisten zu knabbern hat.
Der Knacks, den Tracy durch seinen Vater erhielt und der durch die Armee auch nicht geheilt werden konnte, steht ihm immer noch im Weg. Freunde hat er so gut wie keine. Eine Beziehung zu einer Frau scheint eine Sache der Unmöglichkeit zu sein. So steuert denn auch die Beziehung zur einzigen Frau in der Gang geradewegs in eine Katastrophe hinein. Brubaker bringt auf sehr geschickte Weise Charaktere zueinander, die zusammengehören, ohne es zu wissen. Da ist ein Gespür, eine Ahnung, wie bei Geschwistern, die einander bislang nicht kannten und sich dann ineinander verlieben – nein, hier sind es keine Geschwister, aber der Drang ist ähnlich.
Nach und nach werden zwei Coups und ein paar Nebenhandlung miteinander verwoben. Tracy, eine vollkommen anders gelagerte Figur als Leo in der vorherigen Handlungslinie, wird dabei Stück für Stück von seinem hohen Ross geholt. Schließlich steht auch eine Begegnung mit dem heimlichen König der Stadt an, Sebastian Hyde. Schlussendlich bestätigt Brubaker, den Leitfaden, den er für seine Geschichte vorangestellt hat: Familie ist eine Falle. - Wenigstens für amerikanische Gangster mag das zutreffen.
Sean Phillips wirft die Bilder in diesem Band viel stärker hin als in der ersten Ausgabe. Insgesamt ist die Umsetzung düsterer – obwohl es in der Handlung auf Weihnachten zugeht und der Weihnachtsmann eine wichtige Rolle spielt. Schatten sind fette schwarze Pinselstriche, leicht ausgefranst. Wie es sich für eine Gangstergeschichte gehört, in der einer den Fluchtfahrer mimt, nimmt auch ein entsprechendes Fahrzeug, ein Dodge Charger teil.
Rasanz auf der Straße, Action in dunklen Ecken, ein wenig Liebe und nur ein einziges Mal kann sich Tracy ein Lächeln – kein besonders echtes – abringen.
Darüber hinaus gibt Val Staples den Bildern ein derart düsteres und dunkles Farbspiel mit, dass die Vorgängerausgabe wie der reinste Sonnenaufgang im Vergleich wirkt. Dunkles und kaltes Grau, Blau, verwaschenes Lila, es schneit einen Schnee, der an Ascheflocken erinnert und wenn ein knalliges Rot ins Spiel kommt, handelt es sich nicht um Blut, sondern um die Signallichter der Cops.
Realistisch, besser noch als die Vorgänger-Geschichte. Rache und Familie sind das zentrale Thema. No way out - eine klassische Konstellation vieler amerikanischer Krimikracher wird hier von Brubaker auf das Feinste neu arrangiert. Phillips-Fans werden diesen Knaller mögen, Thriller-Fans sollten einen Blick riskieren.
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Stichwörter: ed brubaker, sean phillips
Freitag, 29. August 2008
Ist man(n) ein Feigling, wenn man(n) weiß, wann es Zeit ist, die Kurve zu kratzen? Wenn Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden? Ganz besonders dann, wenn die Partner aus kleinen Gaunern und Schwerverbrechern bestehen. Leo kennt sich aus. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, sich auf seine Partner zu verlassen. Leo ist ein Profi. Als solcher macht man seine Arbeit aus einem einfachen Grund gut: Man will nicht im Knast landen. Diejenigen, die sich auf der Flucht unbedingt wild ballernd mit den Cops anlegen müssen, sind Idioten – und meist auch schnell tot.
Lange führt Leo ein gutes Leben. Er arbeitet allein, macht kleine Fischzüge und kommt klar, bis zu dem Tag, als ein alter Bekannter namens Seymor und ein neuer Bekannter, ein Cop, bei ihm vorstellig werden. Es soll eine leichte Beute sein. Aber, wie Leo so treffend bemerkt: Gab es je Diamanten, die leichte Beute waren?
Leo denkt darüber nach. Der Plan, die Aussicht auf viel Geld, vor allem auf einen Schlag, klingt verlockend. Zu Hause wartet Ivan auf ihn, ein alter Mann, senil, drogensüchtig. Ohne persönliche Krankenschwester geht nichts mehr. Das kostet Geld – und die Krankenschwester Nerven. Es macht einer Pflegerin keinen Spaß, wenn der Patient einem die Unterwäsche klaut. Und Seymor ist nicht dumm. Er bringt eine weitere Karte ins Spiel: Greta Watson, die Frau eines Mannes, der bei einem Geschäft mit Leo sein Leben verlor. Die Kehrseite der Karte heißt: Schlechtes Gewissen. Es wirkt. Leo macht mit.
Doch nicht einfach so. Leo trifft Vorkehrungen. Für alle Fälle.
Da ist ein Held, der alles andere als tough ist. Leo spielt nicht Butch und Sundance. Er weiß, wann ein Abflug, kein Abgang, angesagt ist. Ed Brubaker, Autor der Serie Criminal, präsentiert einen vernünftigen Gangster. Stets vorausgesetzt, dass es so etwas wie einen vernünftigen Gangster überhaupt gibt.
Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.
Oder wenigstens das, was sinnvoll und nötig erscheint. Leo wird in die Ecke gedrängt. Sein gutes Herz steht ihm gehörig im Wege. Nicht nur der alte Ivan ist einer dieser Fallstricke, auch Greta mit ihrer kranken Tochter verursacht bei ihm dieses Magengrimmen, das jemanden antreiben kann, etwas Schlechtes zu tun, um etwas Gutes zu bewirken. Ed Brubaker flechtet diesen Konflikt, den Leo mit sich austragen muss, sehr schön und stimmig in die spannende Geschichte ein. Der Coup, den Leo durchziehen soll, ist weniger das Thema, er ist höchstens das Alibi für die Geschichte, die eine Charakterentwicklung beschreiben soll.
Ist es zuviel gesagt, wenn verraten wird, dass das Geschäft mies läuft? Nein, denn Brubaker inszeniert es als eine Art self-fulfilling prophecy, eine gelebtes Gesetz von Murphy: Wenn du dich darauf vorbereitest, dass es schief geht, geht’s auch schief.
Da ein Tiefschlag nicht ausreicht, hagelt es gleich mehrere auf Leo hernieder, womit Brubaker zeigt, dass er die handwerklichen Grundregeln gut einzusetzen weiß. Stück für Stück wird Leo im Laufe der Geschichte demontiert, bis es nur noch einen Ausweg gibt. Irgendwann läuft auch ein Feigling nicht mehr weg.
Sean Phillips zeichnet Leos Welt und Val Staples gibt ihr die Farbe. Leos Welt ist düster. Die Stadt ist düster. Sie glimmt ein wenig, aber meist strahlt sie nur schmutzig und ist von vielen Schatten durchzogen. Nur einmal hellt die Szenerie auf, als Leo ein klein wenig Glück verspürt – das natürlich auch sogleich wieder von Brubakers Erzählung torpediert wird. Keine Gnade mit den Charakteren.
Phillips zeichnet hier knallhart, beinahe dokumentarisch, hält die Figuren auf Abstand zum Leser und doch sieht man ihre Zerbrechlichkeit, was nicht nur am Zeichenstil von Phillips liegt.
Ein Krimi, von dem man denkt, man wüsste, was auf einen zukommt – falsch gedacht. Schon nach wenigen Seiten hat Brubaker die Nase vorn und bleibt stets um eine Nasenlänge voraus. Der Retro-Stil im Sinne der 70er Jahre Krimis ist inzwischen wieder hochmodern, eckig, kantig, hart. Cool!
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Stichwörter: ed brubaker, sean phillips
Es ist nicht leicht, Undercover in einer Organisation zu arbeiten, an deren Spitze ein psychopathischer Intellektueller mit außergewöhnlichen analytischen Fähigkeiten steht. Es ist nicht leicht, unentdeckt zu bleiben. Und während der meisten Zeit ist es am schwierigsten, überhaupt zu überleben. Es sei denn, man verfügt über gewisse Fähigkeiten, die einen selbst zu etwas besonderem machen. Holden Carver ist solch ein Mann. Menschen mit besonderen Fähigkeiten sind in einer Welt mit Superhelden und Supergaunern gar nicht einmal so selten. Menschen, die diese Fähigkeiten nicht an die große Glocke hängen, schon.
Carver kann Schmerz kanalisieren und weitergeben. Aus Schmerz wird eine Art Strom. Diese Fähigkeit führt zu allerlei Überraschungen – zumeist bei jenen, die Carver gerne unter die Erde schicken würden. Carver nutzt diese Fähigkeit nicht häufig, nur wenn er dazu gezwungen wird. Obwohl er in einer Organisation arbeitet, die Kaltblütigkeit und Professionalität erwartet, sind eben diese Fähigkeiten nicht sehr dicht gesät.
Viele sind Freaks, deren Schwächen sich der Mann an der Spitze, Tao, mit Erfolg zunutze macht.
Die straffe Organisation seines Gangster-Imperiums steht im totalen Gegensatz zu Taos Zielen: Chaos. – Oder ist es einfach nur so, dass außer ihm niemand die weitreichende Planung versteht?
Ed Brubaker ist nicht nur back in town, er bleibt auch seinem ureigenen Genre treu, dessen Wiederbelebung er im Comic stark beeinflusst hat. Erst jüngst erschien eine vorbereitende Geschichte aus dem Wildstorm-Universum, in dem der Leser Bekanntschaft mit den Gangstern in einer Superhelden-Welt machen konnte (Point Blank). Brubaker hatte dieses Konzept auch schon beim guten alten Batman angewendet (Gotham Central). Hierzulande zündete dieser Ansatz aber nicht so sehr.
Hier nun ein neuer Versuch, ein neuer Anlauf, mehr Realismus in die Superhelden-Ecke zu bringen, dorthin, wo das Fußvolk nur mit großen Augen zu den fliegenden Gestalten am Himmel blicken kann.
Allerdings – und das mag zunächst für den Leser verwunderlich sein – schaut so gut wie niemand mit Bewunderung oder Staunen auf die fliegenden Gestalten. Im Gegenteil, bei den meisten meldet sich beim Anblick dieser Figuren Abscheu, Desinteresse, Langeweile. Unten am Boden kochen die Gangster vielfach unbe(ob)achtet ihr Süppchen, so wie Tao seine weltweiten Spielchen treibt.
Brubaker entwirft hier nicht nur das Szenario eines Undercover-Agenten, dessen Grenzen langsam verschwimmen, sondern er baut einen Hintergrund, der einen Verschwörungsautoren wie Dan Brown begeistern sollte. Die Insel, auf der sich die wahren Herrscher dieses Planeten treffen und über die Zukunft der Welt entscheiden, ist zwar nicht neu, aber wie die selbst ernannte Crème de la Crème der Menschheit von Tao hinters Licht geführt wird, ist lesenswert und gehört neben vielen anderen ausgefeilten Bausteinchen zu den Bestandteilen, die den ersten Teil von Sleeper besonders dicht erscheinen lassen.
In diesem Zusammenhang ist die Erscheinungsweise, die Zusammenfassung mehrerer Ausgaben, sehr sinnvoll, da die Fülle der Informationen auch dazu angetan ist, das eine oder andere Detail in Vergessenheit geraten zu lassen, wenn zu viel Zeit zwischen den Erscheinungen liegt.
Brubaker zwingt seine Leser zum Aufpassen.
An Brubakers Seite arbeitet Zeichner Sean Phillips. Die beiden Comic-Macher sind bereits mit Criminal ein eingespieltes Team, eine Reihe, über die sich sogar der Meister persönlich, Frank Miller, löblich und ein wenig neidig äußerte.
Das Wesentliche ist der Kern von Phillips’ Bildern. Kein langes Drumherum, keine aufwändige Inszenierung. Stimmungsvoll ist sie, aber sie setzt nichts ein, das den Lesern vom Lesen und Umblättern ablenken könnte. So ist es kein Wunder, dass ein Miller hier auch ein wenig seine Handschrift wieder erkennt, wie er sie in Sin City zu Papier brachte.
Aber Phillips gönnt sich dann noch etwas mehr Aufwand und Seitenaufteilung. Er lässt das Auge des Lesers gerne tanzen. Nichts ist auf einer Seite so aufgeteilt, wie es auf der nächsten oder irgendeiner anderen aufgeteilt ist. Manchmal, für schockierende Momente, gönnt Phillips der Szene auch eine komplette Seite. Insgesamt aber ist einer Befürworter einer Art Mosaik-Technik, die er wie eine unregelmäßige Leiter anlegt, an der sich der Leser herunterhangeln kann. Auch hier muss der Leser erhöhte Aufmerksamkeit mitbringen, um jede Sprosse zu treffen.
Ohne Schnörkel, Superhelden Nebensache – Ed Brubaker und Sean Phillipps lassen knallharte Typen, Männer wie Frauen, auf die Comics los. Man gewöhnt sich langsam an die Hauptfigur Holden Carver, aber wenn man einmal mit ihm sympathisiert, dann heißt es nur noch: Mitfiebern!
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Stichwörter: ed brubaker, sean phillips