Donnerstag, 16. Oktober 2008
Einst gab es Drachen. Sie wurden verehrt und gefürchtet. Die Menschen schrieben ihnen besondere Kräfte und Fähigkeiten zu. Wenn die Zeiten schlecht waren, insbesondere die Ernten, opferten sie auch mal einen Menschen, in der Hoffnung, die Drachen würden alles zum Guten wenden. So kam Nugua zu den Drachen. Welche Einfalt? Die Drachen verstanden die Absichten der Menschen, konnten diese aber nur belächeln. Wie sollte ein Drache denn bloß von so einem Haps wie der kleinen Nugua satt werden?
Yaozi, der Drachenkönig des Südens, nahm sich der Kleinen an. Wie können sie glauben, meine kleine Nugua sei aufgefressen mehr wert als lebendig? Drachen sind sanftere Geschöpfe, als die Menschen sich vorstellen können. Aber ihre Zeit auf Erden ist endlich. Yaozi bereitet Nugua nicht auf diese schreckliche Erkenntnis vor. Eines Tages erwacht Nugua morgens und die Drachen – sind fort.
Hoch oben in den Lüften existiert der Aether. Aether, so behauptet es das Wolkenvolk, ist der Atem der Drachen. Seit 250 Jahren saugen Aetherpumpen dieses Luftgemisch in die Wolken und verleihen ihnen so Festigkeit. Seither treibt das Wolkenvolk durch die Lüfte, hoch oben und verweigert sich dem Fortschritt und dem Kontakt zu anderen Völkern, aus sturer Arroganz und Angst vor dem Neuen. Doch in Zeiten von Schwierigkeiten und Problemen bedient man sich gerne derer, die sonst unliebsam sind und – wie hier – ihr Leben am Rande der Gesellschaft führen. Als die Pumpen nicht mehr genügend Aether fördern, senkt sich das Wolkenland ab. Nun muss Niccolo, fast noch ein Knabe, die Drachen finden. Er ist die einzige Hoffnung, die das Wolkenvolk in diesem Augenblick hat.
Dies ist nur der Auftakt zu der inhaltlich sehr dichten Geschichte von Kai Meyer, die nun als Comic-Umsetzung erscheint. Deutsche Comic-Veröffentlichungen sind selten. Ähnlich wie der Film sich einer literarischen Vorlage bedient, wurde auch hier ein Bestseller von Kai Meyer adaptiert. Vor einer phantastischen Kulisse entfaltet sich das große Abenteuer von Niccolo im alten China, einem Land voller Mystik und Magie.
Sorgsam gesetzte Akzente in Form von originellen Einfällen machen aus dem Land eine stets gefährliche Umgebung.
Niccolo, dessen Landung auf der Erde ihm beinahe das Leben gekostet hat – die Wolkeninsel befindet sich inzwischen nahe an den Bergen, aber so nahe nun auch wieder nicht – trifft am Boden auf Wisperwind, eine mutige und ausgezeichnete Kriegerin. Sie begleitet ihn ein Stück. Bald darauf ist Niccolo wieder allein auf dem Weg. Zusammen mit dem Jungen erforscht der Leser eine unbekannte und brutale Welt, in der nicht nur die Mongolen eine Gefahr sind.
Wie in einem Road-Movie bestimmt die Suche die Reise, bringen neue Weggefährten neue Erkenntnisse und für den Leser viele Überraschungen, die zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lassen. Gerade noch sind sie zu zweit, da sind sie auch schon dritt – eine merkwürdige, aber auch sehr interessante Wandergemeinschaft. Und nicht zuletzt mehren sich die Schwierigkeiten daheim auf der Wolkeninsel.
Man muss die Handlung genießen können, ohne die Vorlage von Kai Meyer zu kennen. Yann Krehl gelingt die Umsetzung sehr schön, kurzweilig. Es ist eine Handlung, die sich während des Lesens gut anfühlt, in der man als Leser schnell heimisch wird. Mit sympathischen, auch komischen Charakteren wie dem Drachen, der keiner ist, und einer Landschaft, die stets irgendwie verwunschen scheint, handelt es sich genau um jene Art von Geschichten, bei denen man als Leser stetig umblättert und die Zeit vergisst.
Kai Meyer persönlich äußert sich bewundernd über Krehls Fähigkeit, 1200 Seiten Roman auf 400 Seiten Comic herunterzubrechen, doch, wie der Leser schnell feststellen kann, ohne ihn zu verbiegen.
Die Künstler Ralf Schlüter, Horst Gotta und Dirk Schulz gestalten diese aufwändige Welt und ihre Figuren. Allen voran gibt Zeichner Ralf Schlüter dem Szenario ein Gesicht. Niccolo ist eine jener klassischen Jungenfiguren – auch optisch – die jedem begeisterten Leser immer wieder in der Literatur begegnen. Schlank, sportlich, mit schwarzen Haaren, forsch, etwas unruhig wirkend, wie das überaus schmalen Menschen zueigen ist, fügt er sich mehr und mehr in seine Umgebung ein, verschmilzt mit ihr. Schlüter entwirft ein eigenes China und begeht nicht den Fehler die klassischen chinesischen Zeichnungen zu kopieren. Er parodiert sie auch nicht, wie es in Disney-Produktionen geschieht, in denen kulturelle Anleihen europäisiert oder amerikanisiert werden. So ist etwas ganz eigenständiges und schönes entstanden.
Eine saubere Tuschearbeit (Horst Gotta) und eine verschwenderische Kolorierung (Dirk Schulz) machen aus dem vorliegenden Werk sozusagen einen abendfüllenden Film. Jedenfalls kann man sich bei der Lektüre des Bandes dieses Eindrucks nicht verschließen.
Eine prachtvolle Geschichte braucht eine prachtvolle Inszenierung. Dies ist den versammelten Künstlern und Machern auf das Beste gelungen. Für junge Leser und jung gebliebene Leser ist Kinoabenteuer auf Papier entstanden. Und das allerbeste: Es wird fortgesetzt.
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Stichwörter: kai meyer, ralf schlüter, dirk schulz
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Donnerstag, 09. Oktober 2008
Präsentation der Comicadaption Seide und Schwert, erster Teil der Bestseller-Trilogie Das Wolkenvolk von Kai Meyer! Am 15. Oktober präsentieren die Autoren Kai Meyer, Yann Krehl und Ralf Schlüter ihr neues Werk im Splitter Verlag. Die Präsentation findet im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2008 am Mittwoch um 13.45 Uhr im Comiczentrum, Halle 3.0 statt.
Die Präsentation beinhaltet eine Vorstellung der Geschichte, eine Lesung sowie ein Gespräch mit dem Autoren und den Künstlern der Comic-Adaption. Natürlich darf auch eine anschließende Signieraktion nicht fehlen.
Quelle: Newsletter Splitter Verlag, 9.10.2008
Stichwörter: kai meyer
Dienstag, 20. November 2007
Die Schlacht zwischen den beiden Schiffen ist erbarmungslos. Kanonen donnern, Piraten machen sich zum Entern bereit. Und klein, sehr klein neben den hölzernen Ungetümen rennt ein Mädchen namens Jolly über das Wasser, um ihren Beitrag zum Kampf zu leisten.
Ihre Bemühungen, wie auch die Überraschung der feindlichen Seeleute über die Quappe, tragen zu einem schnellen Sieg bei. Allerdings ist die Freude über diesen Sieg nur von kurzer Dauer. Die Piraten sind in eine Falle gegangen. Im letzten Augenblick gelingt Jolly die Flucht, nicht wissend, was aus ihren Kameraden wird.
Wenig später, aus ihrer Sicht, wacht Jolly in einem ihr unbekannten Bett auf und muss feststellen, dass sie auf einer unbekannten und abgelegenen Insel gestrandet ist. In der Obhut des Jungen namens Munk und seiner Eltern verbrachte sie die letzten drei Tage in tiefem Schlaf – dem Tode nahe und nur gerettet durch ein Gegengift. Denn die Falle, die sie und ihre Kameraden an Bord des geenterten Schiffes erwartete, bestand aus einer Ansammlung von Giftspinnen, deren Biss ohne Gegenmittel tödlich ist.
Nachdem Jolly sich zurecht gefunden hat, beginnt sie das Leben auf der Insel zu genießen. Sie erfährt viel Neues: über Muschelmagie, Geisterhändler und, besonders wichtig für sie wie auch für Munk, über die Quappen und wie sie entstanden. Außerdem ist Jolly endlich nicht mehr alleine mit ihren Fähigkeiten, denn Munk, der im gleichen Alter wie sie ist, verfügt ebenfalls über die Fähigkeit über das Wasser zu laufen. Zunächst scheint alles in Ordnung zu sein. Das ändert sich jedoch mit dem Erscheinen des Geisterhändlers. Die Neugier der beiden Kinder bringt sie in noch größere Schwierigkeiten, als sie ahnen konnten.
Kai Meyer gehört inzwischen zu den bekanntesten Autoren, die sich mit phantastischer Literatur für Jugendliche und Kinder (und jung gebliebene Erwachsene) einen Namen gemacht haben. Seine Wellenläufer-Trilogie gehört kann dank seines Erfolges inzwischen zu einem modernen Jugendbuch-Klassiker gezählt werden.
Nun liegt die Comic-Umsetzung dieses Werkes vor, dass wegen der guten Aufbereitung durch Yann Krehl ohne jegliche Vorkenntnisse der literarischen Vorlage genossen werden kann. Aus einem Piratenszenario wird in Windeseile ein spannendes Fantasy-Abenteuer, in der Muschelmagie noch der (für Jolly und Munk) harmloseste Einfall ist. Geister, die auf Feldern arbeiten, weil sie dankbar für eine Aufgabe sind. Klabautermänner, finstere Bedrohungen aus der Tiefe des Meeres. Matrosen, die das Gesicht eines Hundes haben. Und ein sehr ausgefallener Holzwurm – mit einer sehr großen Klappe.
Die Zeichnungen von Christian Nauck machen zuerst einen schlichten Eindruck – ein Eindruck, der absolut täuscht. Die Entwurfsskizzen im Anhang geben eine (leider) nur sehr geringe Vorstellung von der Entwicklungsarbeit, die in diesen Figuren steckt. (Es wäre schön gewesen, mehr der Entwicklungszeichnungen zu sehen, das die Wirkung hier bereits ziemlich toll ist.) Nauck beschränkt sich in der Endversion seiner Darstellungen auf sehr wenige, auf die nötigen Striche. So wirken die Zeichnungen beinahe zerbrechlich und auch sehr schön. Eine sehr leichte Erscheinung einer Comic-Figur wie hier kann eine Menge Arbeit bedeuten. Die Vielfalt der Figuren und Kreaturen in dieser Geschichte offenbart bereits nach wenigen Seiten, wie aufwendig diese Comic-Umsetzung geworden ist.
Einige Figuren wurden von Nauck nach Vorgabe der Geschichte mit besonderer Sorgfalt umgesetzt. Dazu gehören nicht nur Jolly und Munk, sondern auch der Geisterhändler. Faszinierend sind natürlich die fremdartigen Kreaturen wie auch die Monster. Der Kampf gegen Acherus ist beeindruckend gruselig – und letztlich sicher einer der ungewöhnlichsten Kämpfe in einer Fantasy-Geschichte. Der erwähnte Holzwurm dürfte wohl zu den merkwürdigsten intelligenten Wesen in einer Comic-Geschichte gehören, die jemals das Licht einer Comic-Seite erblickt haben. Für den Leser ist es toll, trotz all dieser wunderbaren Einfälle, Joly zu erleben, wie sie nach all ihren Erfahrungen angesichts eines steuernden und sprechenden Hundes sprachlos ist.
Zu einem echten Erlebnis werden die Bilder durch den für die Kolorierung verantwortlichen Sven Strangmeyer, der mit einer sehr schönen Behutsamkeit zu Werke geht. Plastisch und strahlend wird diese phantasievolle Piratenwelt lebendig. Anders lässt es sich nicht sagen, denn die Farbverläufe sind sehr weich ineinander übergehend. Farbthemen heben die Grundstimmungen von Szenen hervor und ziehen den Leser beim Betrachten der Bilder Seite für Seite in die geschichte hinein und fesseln bis zum Schluss.
Ein packendes Jugendabenteuer für Junggebliebene aller Altersstufen, sorgsam und mit viel Liebe zum Detail und zu den auftretenden Figuren in Szene gesetzt. Hier hat sich mit Christian Nauck und Sven Strangmeyer ein künstlerisches Duo gefunden, das eine perfekt aufeinander abgestimmte Arbeit abliefert. Beste Comic-Unterhaltung.
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Stichwörter: kai meyer, christian nauck, yann krehl, sven strangmeyer