Dienstag, 12. August 2008
Andrax beschreitet seinen Weg alleine. Holernes, sein alter Freund und Weggefährte, ist auf dem Weg in die Heimat, wo er die königlichen Amtsgeschäfte fortführen muss. Zu lange schon hat seine Frau diese Aufgaben übernommen. Andrax fühlt seit langem wieder Einsamkeit, als er ein kleines Gehöft bemerkt. Aber fremde Wanderer sind hier nicht willkommen. Bei Einbruch der Dunkelheit erkennt Andrax den Ernst seiner Lage. Ein Heulen kündigt das Raubtier an. Eine weiße Wölfin umschleicht den Baum, auf den sich Andrax gerettet hat, und wartet auf ihre Gelegenheit. Doch diese kommt nicht. Am nächsten Morgen zeigt sich auch einer der Bewohner des Gehöfts.
Er bietet Andrax etwas zu essen und zu trinken an, aber immer noch kein Obdach. Auch die seltsamen Vorgänge der letzten Nacht erwähnt er nicht. Andrax wandert weiter durch den Landstrich, der immer unheimlicher wird. Schon bald wartet die nächste Gefahr auf ihn. Einige Bauern wollen das Grauen nicht länger erdulden. Sie haben eine Frau gefunden, die als Verantwortliche für die nächtlichen Übergriffe in Frage kommt. Vielleicht sie es, die als Werwolf in Vollmondnächten ihr Unwesen treibt. Aber ob Wolf oder nicht, Andrax kann es nicht mitansehen und ergreift für die junge Frau Partei. Und schon hat er wieder einige Feinde mehr.
Gegen Götter und Monster lautet die Überschrift des dritten Bandes um den Barbaren, der aus der Vergangenheit kam. Doch Andrax ist mehr. Äußerlich halb nackt, mit einem Schwert bewaffnet, ist Andrax ist ein Sportler des 20. Jahrhunderts, den ein Experiment die Zeiten überdauern ließ. Eigentlich sollte er in einer besseren Welt wieder aufwachen, aber es kam nicht dazu. Diese zukünftige Welt ist ein einziges Puzzlespiel aus verschiedensten Kulturen, Mythen, Zeitperioden, außerirdischen Invasoren und Monstern.
Aber immerhin findet Andrax auch beständig neue Freunde. Manchmal ist die Freundschaft nur von kurzer Dauer, manchmal ist es kurz, weil sie an der Seite von Andrax im Kampf für die gerechte Sache sterben. Einer dieser neuen Freunde ist Rob in the wood. Vollkommen zu recht fragt sich Andrax, ob er es bei diesem Halsabschneider mit Robin Hood persönlich zu tun hat. Wie so häufig bei Mannsbildern, die später zu Freunden werden, steht am Anfang erst einmal eine zünftige Prügelei.
Jordi Bernet hat diesen König der Diebe so gut getroffen, dass man sich als Leser eine richtige Robin Hood-Umsetzung mit allem Drum und Dran von ihm wünscht. Dieser Recke, ein Draufgänger und überaus sympathisch, hat natürlich nicht nur ein Herz sondern auch eine Bande. Aber kurz darauf verliert er ersteres an die Frau, die Andrax zu schützen gedenkt. Und damit – ein beliebter Trick – geht die Geschichte erst richtig los. Denn nach einer eher mittelalterlich geprägten Handlung, und einem Schuss Gruselabenteuer, wird es nun erst recht phantastisch, beinahe märchenhaft.
Marlin (!) heißt der Zauberer, der Andrax und Rob den rechten Hinweis auf ein Mittel gibt, mit dem die junge Frau gerettet werden kann.
Doch bevor das Ziel erreicht wird, warten noch eine Menge Hindernisse, ein verwunschener Felsendom und natürlich eine nicht minder gefahrvolle Heimreise.
Die Bilder sind von Bernet im ersten Abenteuer etwas gröber gezeichnet. Die Seitenaufteilung erfolgt meist über drei Bilder, häufig übereinander, so dass sich durch das Querformat der Grafiken eine Art Kino-Bildausschnitt einstellt. Auf diese Weise lässt sich Bernets Arbeitstechnik viel besser in Augenschein nehmen und bewundern. Jeder einzelne mit Tusche gezogene Pinselstrich ist sichtbar.
Wie da mal so eben ein Gesicht oder eine Action-Szene entsteht, ist wirklich großartig. Natürlich entsteht es mal nicht so eben, denn für diese Technik benötigt es eine ordentliche Portion technischer Versiertheit.
In der Geschichte um Das große Wesen ist Holernes wieder an Andrax’ Seite. Es ist eine klassische Wer ist der Drahtzieher im Hintergrund?-Geschichte. Unheimliche Begebenheiten, die eigentlich Eindringlinge fernhalten sollen, beeindrucken unsere beiden Helden zwar, aber halten sie von gar nichts ab. Im Gegenteil, die Technologie, die hinter all dem steckt, macht Andrax erst recht neugierig.
In dieser zweiten Geschichte ist das Aufeinanderprallen von gängiger Technologie und archaischer Waffen viel stärker ausgeprägt. Ein Panzer trifft auf ein zwergenhaftes Reitervolk. Eine geheimnisvolle Intelligenz im Hintergrund ist noch fremdartiger – und monströser – als vermutet.
Hier wird wieder einmal deutlich, dass Andrax aus einer Comic-Zeit stammt, in der alles möglich war. Heutzutage wird viel zu sehr überlegt, wem was wie gefallen soll und muss und ob etwas bis ins letzte Detail immer logisch ist. Das Schöne ist, dass sich Andrax nicht wie ein Barbar benimmt, sondern dass er derjenige ist, der sich die Fragen noch vor dem Leser stellt. So ist das Geschehen nicht mehr trivial, sondern wird zu einem einzigen großen Rätsel.
Zwei lange Geschichten sind es diesmal, in denen sich Andrax austoben darf und dem Leser einen langen Ausflug weg vom Alltag beschert. Durch die Länge wird die Atmosphäre dichter und Jordi Bernet besitzt viel mehr Möglichkeiten, mit den Charakteren zu arbeiten. Rob in the wood und Holernes sind die besten Beispiele dafür. Besonders letzterer ist inzwischen weit davon entfernt ein bloßer Sidekick zu sein. Spannung und Unvorhersehbarkeit zeichnen diesen Band aus. Top!
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Stichwörter: jordi bernet, peter wiechmann
Donnerstag, 24. April 2008
Das Spiel ist nicht irgendein Spiel. Es ist das uramerikanische Spiel der Spiele: Baseball. Nichts ist amerikanischer und nichts kann ein Europäer weniger nachvollziehen als die amerikanische Begeisterung für Baseball. Sogar Torpedo ist dem Spiel verfallen – auf seine Art.
Torpedo und sein Gehilfe Rascal nehmen eine Bar auseinander. Während im Hintergrund eine Sportübertragung läuft, haben sich die beiden Killer ihre beste Baseballkleidung angezogen und statten einem widerspenstigen Kneipenwirt einen folgenschweren Besuch ab.
Torpedo einen Schurken zu nennen, wäre weit untertrieben. Der Archetyp eines völlig missratenen Menschen (bis auf einige wenige Ausnahmen) erlebt in dieser 4. Ausgabe der Reihe, wie es ist, wenn man selber auf der Abschussliste steht und nur haarscharf seinem Schicksal entkommt.
Der Killer hat mehrfach bewiesen, dass er ein heterosexueller Mann ist. In der ersten Geschichte Die Kehrseite des Goldstücks spielt Enrique Sánchez Abulí auf der Klaviatur der Urängste dieser Sorte Mann, einer Sorte, die sich außerdem noch für besonders männlich hält. Die Auflösung, die Pointe ist wieder typisch Abulí, so dass der Leser sich entscheiden kann, ob er Mitleid haben oder lachend zusammenbrechen soll.
Die Darstellung der Jazz-Musiker ist ein wenig stereotyp, sehr klischeehaft, aber Abulí und sein Zeichner Jordi Bernet sind weit davon entfernt, ein realistisches Bild der Zeit abzugeben. Außerdem ist Torpedo derart böse, gemein, zynisch, brutal, sadistisch und eigentlich alles, was ein Gangster in einer Person vereinen kann – nicht zwangsläufig muss – so dass man ihm als Leser auch nur alles erdenklich Schlechte wünschen kann. Aber irgendwie hat er dann das Quentchen Glück, um nicht immer ganz heil, so doch wenigstens nur angekratzt aus der jeweiligen Situation herauszukommen.
So manche Szene oder Geschichte in Torpedo erinnert zuweilen an Vorlagen aus Film oder Roman. So kann sich der Leser (in diesem Falle ich) auch diesmal nicht so ganz des Eindrucks erwehren, hier oder da die eine oder andere Anspielungen oder Hommage zu entdecken. In Die Friedenstaube schaffen Torpedo und sein Sidekick mit hinterhältigen Schießereien Klarheit. Leider sieht man hierbei keine Zeugen wegrennen, ansonsten wäre dies ein guter Hinweis auf Manche mögen’s heiß. Der Killer-Job, den die beiden Mörder auf der Hochhausbaustelle auf den Stahlträgern zu verrichten haben, erinnert in seiner komödienartigen Erzählweise an The Riveter (dt.: Donald, die Niete, 1940). Dort raubte Donald Duck mit seinen überaus schlechten Fähigkeiten als Nieter auf einer Hochhausbaustelle seinem Vorgesetzten Kater Karlo den letzten Nerv.
Die Anspielungen mögen vielleicht nicht stimmen, Tatsache ist auf jeden Fall, dass Abulí mit der gleichen Form der Slapstick spielt, die auch in alten Disney-Zeichentrickfilmen der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zu finden ist. (In der Episode Wer hat Angst vorm bösen Wolf ist die Anspielung offensichtlich, denn Bernet verwendet sogar den bösen Wolf in der Form, wie er bei Disney hinter den drei kleinen Schweinchen hinterher war.)
Missverständnisse, Ausflüge in die Kindheit und Jugend von Torpedo sowie die Fähigkeit über die Fehler derer zu stolpern, die er gerade noch belächelt hat, das machen die Episoden in diesem Band aus. Abulís Fähigkeit, den Werdegang von Torpedo zu erzählen, wie auch die Fähigkeit von Bernet genau diese Kindheitstage in Szene zu setzen, machen aus den Erinnerungen ganz besondere kleine Episoden.
Bernet arbeitet gerne mit Gesichtsausdrücken, von denen ihm die Geschichten viele vorschreiben. Auch Torpedo schafft es nicht auf dem elektrischen Stuhl die Ruhe zu bewahren. Der große böse Wolf bereitet ihm ähnliche Angst, bis sie wieder hinter den zusammengekniffenen Clint Eastwood-Augen verschwindet. Arroganz prägt Torpedos Mimik für gewöhnlich, aber manchmal blitzt auch ein Wolf hindurch, eine Fratze, der nur noch lange Eckzähne fehlen, um einem gewissen Dracula-Darsteller zu ähneln.
Sehr unterschiedliche Abenteuer des fiesesten Halunken der Comic-Geschichte, mit einem sehr erwachsenen, aber auch beständig bitterbösen Humor erzählt, gewohnt gut gezeichnet und einmal, ein einziges Mal zeigt Torpedo diesen berühmten Funken Mitleid – der aber im Sinne nachfolgender Episoden nicht lange anhält. Eine pechschwarze Film noir-Wiederbelebung zwischen Comic-Seiten, auf seine Art einfach nur gut.
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Montag, 25. Februar 2008
Die Reise geht weiter. König Holernes, Andrax’ treuer Freund, begleitet den Abenteurer aus Vergangenheit. Alles ist ihm lieber als der eigene Palast, wo die Königin die Staatsgeschäfte auch ohne bewerkstelligt. Als König, so Holernes Einsicht, ist es nicht nur langweilig. Er ist überflüssig geworden.
An Andrax’ Seite ist das ganz anders. Gefahren lauern an jeder Ecke. So ist es auch diesmal. Eine vermeintlich harmlose Schiffsüberfahrt wird plötzlich höchst gefährlich. Mitten im Meer öffnet ein Strudel seinen Schlund und droht das Schiff zu verschlingen.
Dank einer riesigen Meeresschildkröte kann Andrax dem Untergang entkommen, doch seine Freunde, allen voran Holernes, bleiben vorerst verschwunden. Sicher gelandet scheint das Glück für Andrax doch zu schwinden, denn urzeitlich anmutenden Menschen fallen über ihn her. Nicht für lange allerdings. Bald schon lässt eine neue Gefahr den versammelten Kämpfern das Blut in den Adern gefrieren. Andrax ergreift die Initiative und rettet einen seiner Gegner vor der Bestie. Die Dankbarkeit lässt ebenfalls nicht lange auch sich warten. Die Fremden wollen den Drachentöter als neuen König. Damit ist der Amtsinhaber Corax jedoch nicht einverstanden. Wieder muss sich Andrax etwas einfallen lassen.
Auch andere Landstriche bieten keinen Frieden. In grüneren Gefilden angelangt bringt die Rettung einer holden Maid Andrax und Holernes in die nächsten Schwierigkeiten. Damit nicht genug. Ein stählerner Gott wacht über diese Menschen, die von einem Götzenkult streng und unnachgiebig regiert werden. Diese Mönche sind nur auf ihren Vorteil bedacht. Was sie haben wollen, nehmen sie sich. Wer nicht kooperiert oder widerspricht, hat mit empfindlichen Strafen, wenn nicht sogar mit dem Tod zu rechnen.
Aber der Tod kann einen Kämpfer überall und aus den unterschiedlichsten Gründen treffen. Und manchmal ist es simple Eifersucht, wie Andrax später bei den Germanen miterleben muss.
Vier Abenteuer nehmen den Leser mit auf Andrax’ lange Reise durch eine irdische Welt in ferner Zukunft, in der alles möglich zu sein scheint und höchste technische Errungenschaften neben blanker Barbarei existieren können.
Es ist die Gedankenwelt von Peter Wiechmann und Jordie Bernet, aus einer Zeit, als Comic-Magazine keine Seltenheit waren, als erzählt wurde um der Erzählung willen und sich die Leser von diesen fernen Welten gerne mitreißen ließen.
Andrax, der Sportler, den es wegen eines Experimentes in diese Zukunft verschlug, ist bereits in dieser Rolle gereift. Der Schrecken über diese neue Zeit ist einer furchtlosen Neugier gewichen. Andrax ist getrieben, auf der Suche nach Antworten auf seine Fragen. Das gestaltet sich allzu schwer, denn vielerorts ist die Kultur zurück geschritten auf ein mittelalterliches Niveau, manchmal sogar noch weiter zurück. In einigen Fällen haben sich die Technik der Vergangenheit und die neue Barbarei der Zukunft sogar vermischt.
Sklaven für die Königin lautet der Auftakt dieses Bandes, der drei längere und ein etwas kürzeres Abenteuer umfasst. Aus den urzeitlichen Feinden in dieser Geschichte werden schnell Freunde. Als sie überfallen werden, weil sie als Sklaven verschleppt werden sollen, steht ihnen Andrax mit Ruhe und Taktik zur Seite. Gegen eine Übermacht und skrupellose Erpresser ist er aber auch machtlos.
Andrax ist edelmütig. Dies gehört zu seinen Haupteigenschaften. Er setzt sich bedingungslos für andere, selbst Fremde oder einstweilige Feinde, ein.
Schon der Versuch wäre tollkühn, denkt er kurz vor dem Angriff auf einen riesigen Dinosaurier. Dennoch wagt er es, weil er das Leben eines Menschen in Gefahr sieht. Andrax ist der Ur-Typ eines Helden, mit dem einfach mitgefiebert werden muss. Sein sympathischer Charakter lässt einfach keine andere Wahl.
So sind Sagen entstanden. Andrax als Siegfried.
Er nimmt sich selbst nicht allzu ernst, wie auch die Erzähler ihre Geschichten nicht allzu ernst nehmen. Viele Anspielungen, wie die Nibelungen, finden sich in diesem Band. Einiges wirkt ähnlich, auch parodiert und ist doch auf allen Seiten spannend. Andrax’ Abenteuer werden stets mit einem Augenzwinkern erzählt. In Der stählerne Gott wird ein Roboter verehrt, der ein wenig an Archie, den Mann aus Stahl erinnert. Dank Jordie Bernet sind die Mönche, die ihm huldigen gruselig biestig und gemein und wenigstens ebenso bösartig wie es in späteren Jahren jene aus 300 sein sollten, die Leonidas den Feldzug verweigerten.
Das Schöne ist wieder einmal, dass alles passieren kann. Selbst wenn der Leser glaubt, alle Bestandteile der Geschichte zu kennen, ist es trotzdem absolut ungewiss, wie die Handlung ihren Lauf nehmen wird.
Nur eines ist gewiss. Andrax wird als Sieger hervorgehen. – Und das ist gut so.
Über Bernets gestalterische Qualitäten lässt sich nicht streiten, im Gegenteil. In diesen Geschichten ist er gezwungen, alles aufzubieten, was die Historie, die Natur, Science Fiction und einiges mehr aufzubieten haben. Rüstungen, Schiffe, Muskeln, Monster, Landschaften und mechanische Giganten setzt Bernet mit diesem unnachahmlich leicht ausschauenden Pinselstrich in Szene. Wegen Bernet wird aus dieser Pulp Fiction noch etwas mehr.
Wer erinnert sich nicht an die Jugend, an die Kindheit, als die Phantasie noch Abenteuer beschwor, die im Geiste oder im Spiel ausgelebt wurden. Andrax schwebt auf diesen phantastischen Ideen, in denen alles möglich war und wo hinter der nächsten Biegung schon der nächste Feind lauert.
Ein gelungener zweiter Band der Andrax-Reihe. Spaß, Grusel, Spannung und noch mehr. Hier darf ein Held noch ein Held ohne eigene Abgründe sein, sympathisch, aufopfernd, herzlich. Dabei noch humorvoll und trotz der vielen Lebensjährchen auf dem Buckel erfrischend unverbraucht. Toll.
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Stichwörter: peter wiechmann, jordi bernet
Dienstag, 27. November 2007
In den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand Andrax. In der Comic-Zeitschrift Primo ist er ein Vorreiter vieler anderen Serien und Ideen. In diesen Tagen sind seine Abenteuer neu belebt worden – und sie sind ebenso gut wie vor über 30 Jahren.
In den 70er Jahren herrschte ein wenig Weltuntergangsstimmung, um es vorsichtig auszudrücken. Ölkrise, Terrorismus, Vietnam und vieles mehr prägten dieses ansonsten sehr bunte Jahrzehnt äußerst negativ. In den Kinos herrschte Endzeitstimmung mit Jahr 2022 – die überleben wollen, Der Omega-Mann oder Zardoz. Barbarisch wurde es auch in den Comics wie Conan, Kronan oder auch Rahan. Eine Verbindung von Fantasy und Science Fiction fand sich mit Andrax, einer Endzeitgeschichte, die ihre Erben noch heute in Serien wie Maddrax oder Axa findet.
Michael Rush hat das Pech einem wahnsinnigen Experiment, dem Experiment des Grauens, zum Opfer zu fallen. Einem Wissenschaftler gelingt es, den professionellen Zehnkämpfer einzufrieren und nach 2000 Jahren wieder zum Leben zu erwecken. Das ungewollte Testobjekt findet jedoch keine ideale Menschheit vor, sondern die Trümmer einer zerstörten Zivilisation. An unterschiedlichen Orten hat es Rück- und Fortschritte, aber auch ein hohes Maß der Degeneration gegeben. Rush, der nun den Namen Andrax trägt, schlägt sich in dieser Welt mühevoll durch, erntet aber auch Respekt dank seines ungeheuren Mutes. Holernes, ein König, ihm zunächst feindlich gesinnt, begleitet ihn später auf seinen Reisen.
Zusammen erkunden sie eine Welt, in der nicht nur neue und verschüttete Techniken auf ihre Entdeckung warten. Auch der Horror von fremden und außerirdischen Kreaturen, Monstren, aber auch von Untoten ist allgegenwärtig.
In den Abenteuern von Andrax finden sich die unterschiedlichsten Genres, die so gerne in Endzeitgeschichten zusammengebracht werden. Die Barbarengeschichte ist vertreten, eine Art historische Schlacht findet sich auch. Die merkwürdige Zukunftsstadt ist ganz eindeutig degeneriert und lässt einen Stil, wie er von Vertretern des Genres wie Barbarella her bekannt scheint, erkennen, allerdings ohne Erotik. Zu den Verrücktheiten, zu denen die seltsamen Bewohner in der Lage sind, reicht es aber allemal. Darüber hinaus mag der aufmerksame Leser, der sich in den Genres ein wenig auskennt, immer Ähnlichkeiten entdecken. Angesichts des Alters mag eine Produktion wie Andrax Themen und Szenen vorweg nehmen, die sich sogar in Serien wie Star Trek wieder finden. Man kann nicht von Vorlagen sprechen, als vielmehr von einer weit reichenden Phantasie der Macher, die ihrer Zeit um Jahre voraus war.
Dennoch finden sich auch Anleihen, die mit der Geschichte rund um die Horror-Hölle ihren Ausdruck findet. Die Paradefigur des Horrors, Dracula, hat es ebenfalls in die Zukunft geschafft und hat sich auch mit den Gegebenheiten arrangiert. Eine kleine Armee seiner untoten Ghoule terrorisiert die Umgegend mit Feuer und Schwert. Jeder Angriff scheint sinnlos, da die Feinde schon sehr bald wieder auferstehen. Wie es sich bald herausstellt, wirken Kreuz und Pflock in dieser Zeitperiode immer noch.
Diese Episode ist eher ein Ausreißer, da sich Andrax darüber hinaus klassisch an sein Genre hält.
Wie es sich gehört, ist die Erforschung von Geheimnissen ein zentrales Merkmal. Sehr schön sind die unterschiedlichen außerirdischen Einflüsse. Einmal taugen die Menschen nur als Vorrat und müssen sich gegen die Knute von unbarmherzigen Robotern anstemmen. In der Superstadt ist es ebenfalls ein außerirdisches Raumschiff, das zur Erschaffung einer perfekten Gesellschaft dient. Hier wird weitaus undurchsichtiger zu Werke gegangen. Mit der Aufdeckung des Geheimnisses geht auch der Untergang und Wahnsinn einher.
All diese Geschichten sind überaus unterhaltsam und spannend in bester Pulp-Tradition. Die Monster sind grausig, die Frauen wunderschön. Die Männer sind stark, muskulös, aber auch alt und weise, manchmal verkrüppelt, durchtrieben, brutal. Bleiben die Frauen eher eindimensional, sind die Männer in allen Bandbreiten vorhanden.
Andrax, die Titelfigur, ist dabei kein Übermensch. Als solcher würde er auch nicht zum Mitfiebern taugen. Andrax, der ehemalige Wettkampfsportler, kann es nicht alleine schaffen. Deshalb wird ihm schnell ein Freund zur Seite gestellt. Anfänglich ist Holernes ein Barbar, aber Holernes lernt schnell und wird dank seines intuitiven Verhaltens ein wichtiger Begleiter – und jemand, der den Hochmut von Andrax manchesmal bremsen kann.
Andrax nimmt es für sich Anspruch, eine realistisch anmutende Comic-Serie zu sein. Dafür wurde mit dem Zeichner Jordi Bernet der perfekte Zeichner gesucht und gefunden. Die Führung des Tuschestrichs ist exzellent. Mit Licht und Schatten, feinen und groben Strichen vermittelt Bernet eine gute Sicht auf Vorder- und Hintergründe und schafft eine plastische Ansicht, einen filmischen Effekt. Fast entsteht eine Sicht wie auf eine alte Fernsehserie – die damals wie heute immer noch fesselt.
Fans des Endzeit-Genres aufgepasst: Andrax ist wieder da! In guter Aufmachung, aufregend erzählt, mit tollen Zeichnungen, die immer noch modern zu nennen sind, so präsentiert sich Andrax im neuen Jahrtausend nach jahrzehntelanger Abwesenheit und ist noch so gut, als sei er nie weg gewesen.
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Stichwörter: peter wiechmann, jordi bernet, andrax
Dienstag, 02. Oktober 2007
Es war einmal ein kleiner Junge namens Luca Torelli. Er und sein Bruder Mario hatten eine schwere Kindheit in Italien. Der Vater war ein Säufer, die Mutter eine Heilige. Es kam, wie es kommen musste. Als Mario eines Tages seine Mutter gegen den prügelnden Vater verteidigen will, wird er von diesem tot geschlagen.
Luca ist noch kleiner als sein Bruder Mario. Er weiß, dass jegliches Aufbegehren auch ihn das Leben kosten würde. Also lässt er sich etwas anderes einfallen. Er lauert dem Sohn von Don Francesco auf, denn er weiß genau: Wenn dem Sohn Übles widerfährt, wird sich Don Franceso rächen. Vorzugsweise an Lucas Vater.
Warum behandelt Vittorio Torelli seine Söhne so? Enrique Sánchez Abuli geht mit der Kurzgeschichte Mit geballter Faust auf die Herkunft Lucas ein. Auf Sizilien im Jahre 1903 ist es auf dem Lande nicht eitel Sonnenschein. Carlo Torelli ist in Luciana verliebt, ein Gefühl, das auf Gegenseitigkeit beruht. Leider hat Lucianas Vater Cesare etwas dagegen. In einem krankhaften Besitzdenken will er seine Tochter für sich allein. Es kommt zum erzwungenen Inzest. Und nicht nur das. Cesare lauert mit einem Kumpanen dem jungen Carlo auf.
Das Rad der Blutrache beginnt sich zu drehen. Der örtliche Don hat andere Pläne!
1936 ist aus Luca Torelli ein skrupelloser Killer geworden.
Inzwischen hat er den großen Teich überquert. Zu seinen Aufträgen und auch eigenen Plänen gehören Mord, Entführung, Schutzgeldeintreibung und Lösegeldforderungen – und eigentlich alles, was einem Kriminellen, der sein Gewissen vollends verloren hat, Spaß machen kann.
Wenn man seiner Herkunftsgeschichte glauben darf, konnte aus Luca nur der legendäre Killer Torpedo werden. Allerdings ist Luca mit seinem Charakter in bester Gesellschaft im kriminellen Untergrund.
Torpedo (und ganz besonders diese Ausgabe) wurde von Abuli mit pechschwarzem Humor geschrieben. Politisch korrekt sucht der Leser hier vergebens. Sexuelle Vorlieben und Perversionen, Gewalt in allen Formen, gegen Mensch und Tier, Vorurteile gegen Volksgruppen, gegen Frauen, gegen Kinder – Lucas Leben in Sizilien und später in New York ist eine einzige Freakshow. In seiner Welt gibt es (so gut wie) keine normalen Menschen.
Wer zu zart besaitet ist und eine überspitzte Form von Hollywoods alter schwarzer Serie nicht vertragen kann, sollte einen Bogen um Torpedo machen. Anfänglich mag ein herkömmlicher Comic-Leser noch lachen, spätestens wenn auf die übelste Weise gemordet und vergewaltigt wird, bleibt das Lachen im Halse stecken – wenn man zart besaitet ist.
Ansonsten kann man über diesen Humor, der nicht aus dem Land des schwarzen Lächelns, England, stammt, nur herzhaft, wenn nicht sogar aus vollem Halse lachen. Allerdings gibt es auch Lacher, die erst auf den zweiten Blick zünden (nachdem man einmal geschluckt hat, weil damit nicht zu rechnen war). Das beste Beispiel dürfte Lucas Herkunft sein. Dieses letzte Bild setzt dem gesamten Band das wohl verdiente Krönchen auf.
Voll integriert ist Harry, Torpedos Sidekick. Der etwas zurückgebliebene kleine Gangster darf ein eigenes Abenteuer bestehen und versieht auch in anderen Kurzgeschichten wichtige Rollen – so auch als Geisel.
Interessanterweise hat Torpedo, was Harry anbelangt, ein wenig Herz entwickelt. Harry erhält zwar hin und wieder noch den einen oder anderen Schwinger, doch ist seine Position neben Torpedo deutlich gestärkt. Zeitweilig unterhalten sie sich wenigstens auf Augenhöhe.
Eine schöne Episode mit den beiden (in deren Verlauf natürlich ein Mordauftrag ausgeführt wird) findet in einem Kino statt. Während sie sich auf ihre Tat vorbereiten, sofern das nötig ist, läuft ein Tarzan-Film über die Leinwand. Ihre Schlüsse sind nicht hochtrabend. Ganz im Gegenteil, geht es hauptsächlich darum, ob Tarzan Jane nehmen wird oder nicht. Zwischendurch bekommt ihr Opfer immer wieder einen Ellenbogenstoß ab, denn ganz gleich was er sagt oder nicht sagt, es ist grundsätzlich falsch.
Torpedo wäre vielleicht niemals so gut, gäbe es nicht einen Zeichner wie Jordi Bernet, der den Figuren eine unglaublich gute Figur in reinem Schwarzweiß verleiht. Hager wie einst Clint Eastwood ist Luca Torelli eine Mensch gewordene Mischung aus Frettchen und Hyäne. Da es eine Figur ist, die bereits seit frühester Jugend die Verbrechen um sich herum kennt, ist sein Mienenspiel stark eingeschränkt. Erstaunen ist selten, selbst echte Wut gibt es kaum. Lucas Gesicht ist immer etwas mürrisch. Ausnahmen bestätigen die Regel, so in Augenblicken, wenn es ihm nichts ausmacht, einem Säugling die Muttermilch zu stehlen.
Die vorliegende Ausgabe könnte nicht bestehen, wenn Bernet nicht auch einen gewissen Spaß an seiner Arbeit gehabt hätte.
Ein herrlich düsterer Humor, abgrundtief gemein und meilenweit unter jeder Gürtellinie, brutal, perfekt gezeichnet und mit jeder Geschichte pointiert erzählt, so präsentieren Abuli und Bernet ein Gangsterszenario, in dem nichts fehlt: Entführung, Mord, Bandenkrieg, Rache, Pferderennen und einiges andere, um die sich ein handfester Gangster nicht schert. Wer es nicht pechschwarz mag, Finger weg, für alle anderen: Schlapplachen.
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Freitag, 18. Mai 2007
Torpedo ist zurück. Luca Torelli, der Killer mit dem Spitznamen einer U-Boot-Waffe, legt sich wieder mächtig ins Zeug, um die Drecksarbeit anderer zu erledigen. – Und manchmal ist es auch schlicht die Rache, die ihn antreibt.
Wie tötet man jemanden, dessen Spitzname Neunleben lautet? Luca gibt sich jedenfalls alle Mühe. Gerade als er glaubt, er habe es geschafft, wird er wieder eines Besseren belehrt. In der Geschichte Die Kunst definitiv zu liquidieren führt Luca ins Krankenhaus, wo er als Arzt verkleidet seiner Arbeit nachgeht. Das hat reichlich dunklen Witz. Überhaupt muss Luca sich in sehr vielen Rollen behaupten. Er täuscht vor, ein Privatdetektiv zu sein. In der Prohibitionszeit macht er sich mit einer Wagenladung Alkohol auf den Weg. Als Leibwächter versagt er völlig. In Sing Sing, einem Gefängnis mit legendärem Ruf in den Vereinigten Staaten, weiß er sich bei seinen Mitgefangenen auf seine gewohnte und schnodderige Art zu behaupten.
Luca Torelli ist ein richtiges Ekelpaket. Es gibt nichts, was man an ihm leiden kann. Er besitzt keine Ehre. Er ist brutal. Er vergewaltigt Frauen, wie es ihm gerade in den Kram passt. Überhaupt macht er alles so, wie es ihm gerade in den Kram passt.
Warum bereiten seine Geschichten dennoch so viel Lesevergnügen? - Vielleicht liegt es daran, dass jeder Mann gerne mal ein richtiges Schwein wäre. Allerdings, und das macht Autor Enrique Sánchez Abuli sehr schnell deutlich, folgt auf jeder gesetzlichen und moralischen Entgleisung die Strafe auf dem Fuß. Auch das macht den Spaß an der zweiten Ausgabe aus der Torpedo-Reihe deutlich.
Spiel’s noch einmal, Sam hat wenig mit dem allseits bekannten Casablanca zu tun. Eine Frau wurde entführt und Luca nutzt die Gelegenheit, um ein wenig Extrageld einzustreichen. Zuvor gilt es jedoch die Entführer außer Gefecht zu setzen. Das gestaltet sich wegen Lucas Zügellosigkeit mal wieder sehr schwierig. Luca hat jedoch auch mal wieder ein Schweineglück.
Die Kamellen Dame, kein Schreibfehler, gehört zu den Frauen, die sich zu wehren weiß. Abuli fixiert sich nicht auf das stetig gleiche Frauenmuster der mehr oder weniger hilflosen oder auch notgeilen Schlampe. Nur meint Luca wohl, dass es in dieser Welt nichts anderes gibt. Entsprechend schlittert er auch in die wohlverdiente Misere.
Auf der anderen Seite bestärkt Abuli ihn wie in Tic Tac in seinem Glauben. Na, ein Killer muss auch Erfolg haben und wenig Menschenkenntnis gehört auch zum Job.
Der unglaublich böse Witz wie er beispielhaft in Miami Bitch und Ein fürchterliches Honorar zu finden ist, lässt Torpedo deutlich aus dem Thriller-Genre herausragen – übergreifend, unabhängig vom Medium. Torpedo gibt sich ähnlich düster wie Sin City, aber der Humor hebt die vielen Geschichten im Stile des Film Noir auf eine ganz andere Stufe. In Tic Tac und in Miami Bitch ist es ihm vergönnt, Gauner aufs Kreuz zu legen – man weint keinem der Beteiligten auch nur eine Träne nach. In anderen Situationen, wie in West Sad Story, erhält Luca seine Strafe. So moralisch erzählt Abuli seine Geschichten doch. – Natürlich nicht so moralisch, dass die Konsequenz in Lucas Tod liegen würde.
Man darf nicht vergessen, dass Lucas Welt abseits des Gesetzes liegt. Innerhalb dieser Welt hält er sich schon an Regeln – meist handelt es sich dabei um das Gesetz des Stärkeren oder dessen mit der größeren Ganovenschläue.
Die Atmosphäre dieser Welt ist vom Zeichner Jordi Bernet ungeheuer gut eingefangen. Fast könnte man meinen, dass in der nächsten Szene James Cagney oder Edward G. Robinson um die Ecke kommt – oder um die Ecke gebracht wird, um im dunklen Humor der Geschichten zu bleiben. Ein halb verhungerter Clint Eastwood hätte Luca Torelli spielen können. Mit der Schnodderschnauze, die er in Dirty Harry führt, würde es wirklich gepasst haben.
Bernets Strich ist absolut locker und stilsicher ausgeführt. Schatten werden selten ganz hart geführt. Mit leicht geführtem Pinselstrich wird so ein Verlauf simuliert oder Verläufe angedeutet. Optisch macht er aus Luca und seinem Gefolgsmann Rascal ein komisches Duo, deren Auftreten und ihre Brutalität im genauen Gegensatz zu ihrem Äußeren stehen. In der letzten Episode Ein fürchterliches Honorar, die besonders lang ausfällt, darf Bernet einige neue Seiten an Luca zeigen. Es ist wirklich lustig, wie aus Luca plötzlich ein Charmeur wird und wie es Bernet Vergnügen bereitet, diese Szenen zu zeichnen.
Perfekte, düster-komische Thriller- und Krimi-Unterhaltung, gelungen in seiner Erzählweise, immer in der richtigen Länge, sehr kurzweilig und man kann den Band als Gangsterfilm-Fan erst nach der letzten Seite weglegen.
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