Dienstag, 21. Oktober 2008
Die Reise zum Mars ist eigentlich eine einfache Angelegenheit. Zwei Piloten passen auf das Schiff auf, während der Rest der Mannschaft die sechsmonatige Reise im Kälteschlaf verbringt. Die ganze Angelegenheit ist wenig aufregend. Jedenfalls solange, bis ein Strahlensturm Schiff und Mannschaft in Lebensgefahr bringt. Die Schläfer befinden sich in Sicherheit. Derweil versuchen sich die beiden Piloten in einem strahlensicheren Raum zu flüchten. – Es gelingt nur einem der beiden.
Die Reise stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Ereignisse, die dieser Aktion zugrunde liegen und die so nicht geplant war, waren äußerst mysteriös. Zwei amerikanische Astronauten kehrten aus dem All zurück. Leider waren sie bereits schon vor Jahrzehnten zurückgekehrt. Eines der beiden Duos musste also falsch gewesen sein. Aber welches? Die Lösung zu dieser Frage liegt in den Sternen. Ein Schiff bricht auf zum Mars, nur um bei der Ankunft festzustellen, dass sie nicht die ersten sind.
Mehr noch: Der frühere Held der Sowjetunion, Juri Gagarin, starb nicht bei dem Absturz seiner MIG-15, sondern leitete eine Marsmission der Russen, lange bevor die Amerikaner dies überhaupt für möglich hielten.
Der Schock sitzt tief bei der Besatzung, die nun im Jahre 2036 den Mars erreicht, aber er bereitet sie auf nichts vor, was sie bei ihrer Ankunft dort noch erwartet.
Etwas hat überlebt. So könnte man sagen. Es stellt sich nur die Frage: Was hat überlebt? Nicht überall, wo Mensch draufsteht, ist auch Mensch drin. Oder verschwimmen die Zeiten? Was geschieht hier?
Neuerlich setzt Richard Marazano mit dem Leser zusammen seine Reise in das All fort. Im zweiten Teil der Saga um den Schimpansenkompex mit dem Titel Die Söhne von Ares liegt die Erde weit hinter den raumfahrenden Akteuren, während daheim die Sorgen immer größer werden. Helen Freeman hat ihrer Tochter den Gefallen nicht getan und dem Weltall entsagt. Nun ist sie weiter fort als je zuvor. Und auch Sofia, ihre Tochter, hält es nicht mehr zu Hause. Sie reißt aus.
Immer wieder streut Marazano menschliche Probleme und auch Unzulänglichkeiten in die Geschichte ein und entreißt sie so einer sehr kalten Atmosphäre. Die Menschheit erscheint automatisiert, irgendwie nicht Herr ihrer selbst, doch das ist der Optik zu verdanken – zweifellos genial von Jean-Michel Ponzio gezeichnet, sogar noch eine Spur besser als im ersten Teil.
Sah man sich als Leser bisher noch dazu veranlasst, Vergleiche zu Michael Chrichton anzustellen, sind es die Bilder wie auch die Handlung, die einen Cineasten unwillkürlich an Mission to Mars oder Red Planet denken lassen.
Kennen Sie die Heisenbergsche Unschärferelation, Mrs. Freeman?
Richard Marazano setzt dem Leser eine schwer verdauliche Kost vor, eine physikalische Theorie, die in der Kürze der hier vorliegenden Erklärung nicht so recht zu begreifen ist und die Geschichte zugleich – im Rahmen der aktuellen Ereignisse des Albums – in die Nähe von Geschichten wie 2001 – Odyssee im Weltraum rückt. Die Grenzen zur Realität verschwimmen. Helen wird zur Kernfigur, die erkennen muss, dass den eigenen Sinnen nicht mehr vertraut werden kann. Von verschiedenen Seiten – Gagarin glaubt, es seien auf dem Mars nur 10 Jahre vergangen – ergeben sich unterschiedliche Zeitgefühle. Messungen stehen einander entgegen. Je weiter es voranschreitet, desto weniger fühlt es sich echt an, desto mehr greift ein unterschelliger Wahnsinn um sich – der schließlich auch offen ausbricht. Am Ende hat Marazano auch den Leser soweit, jegliche These fallen zu lassen und sich vor den Gegebenheiten zu ergeben.
Jean-Michel Ponzio schafft brutal gute Bilder mit dokumentarischem Charakter. Als Leser könnte man mit zusammengekniffenen Augen, also leicht verschwommenem Blick, den Eindruck einer Fotoromangeschichte in National Geographic gewinnen. Die Grafik stützt den wissenschaftlichen wie auch den philosophischen Aspekt der Geschichte vortrefflich.
Ein mysteriöser zweiter Teil mit einer ebenso opulenten wie auch genial guten Gestaltung. Wer sich mit dem Schimpansenkomplex beschäftigt, benötigt Geduld und auch die Muße, die Geschichte an manchen Stellen mehrmals zu lesen. Beinharte Science Fiction.
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Stichwörter: richard marazano, jean-michel ponzio
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Dienstag, 24. Juni 2008
Während einer Abenddämmerung im Februar des Jahres 2035 erscheinen plötzlich unerwartete Radarechos auf den Schirmen einer kleiner amerikanischen Flotte mitten im Indischen Ozean.
Die Schiffe erhalten den Befehl, sich um das im Meer niedergehende Objekt zu kümmern. Als die Mannschaften eine Raumkapsel bergen, ist die Verwunderung noch nicht allzu groß. Als die Besatzung der Kapsel auf das Deck des Flugzeugträgers klettert, herrscht bald Alarmstufe Rot und höchste Geheimhaltungsstufe.
Helen Freeman grämt sich noch einen Moment darüber, dass die bevorstehende Mars-Mission abgesagt wurde und ihr nun die Möglichkeit einer Reise zum roten Planeten verwehrt bleibt. Sofia, ihre Tochter, erkennt sofort, was los war. Ihre Mutter hat sie angelogen. Niemals hatte sie auch nur in Erwägung gezogen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben.
In diese Familienstreitigkeiten platzt ein neuer Auftrag. Helen wird wegen ihrer Erfahrung angefordert. Bei der ersten Begegnung mit der Besatzung der Raumkapsel ist sie zunächst erstaunt, dann erschüttert und schließlich weiß sie nicht mehr, was sie glauben soll.
Mehrere große Kriegsschiffe, darunter drei Flugzeugträger und mehrere unterstützende Kreuzer, fahren im Eingangsbild vor einer untergehenden Sonne auf den Betrachter zu.
Als Bild funktioniert es hervorragend, aber es ist auch gleichzeitig der größte – wie auch einzige Fehler – der den beiden Machern Richard Marazano und Jean-Michel Ponzio passiert. Kein Flottenkommandant der bei gesundem Verstand ist, würde einen Trägerverband so eng zusammen ziehen, schon gar nicht einen Verband, der gleich drei Träger schützen muss. Auch aus Gründen der Flugsicherheit ist diese Enge nicht sinnvoll. Die Landung auf einem Träger ist für die Piloten schon schwierig genug, wenn sich dann drei dieser schwimmenden Landeplattformen auch noch in die Quere kommen, ist ein Desaster beinahe vorprogrammiert.
Diese Kritik müssen sich Richard Marazano und Jean-Michel Ponzio gefallen lassen, die ansonsten einer akribischen Erzählspur folgen, die auch ein Veteran des populären SciFi-Abenteuers wie Michael Crichton hätte legen können. So wirkt dieser Auftakt wie eine Mixtur aus Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All, Apollo 13 und Sphere.
Seit Jahren glaubte also die Menschheit mit den Ausflügen zum Mond abgeschlossen zu haben. In dieser Geschichte – wie auch in der Realität – wird dieses Thema wieder überaus interessant.
Der grafische Effekt, mit dem Jean-Michel Ponzio hier zu Werke geht, erinnert an überzeichnete Fotografien. Das wirkt kühl, technisch, wissenschaftlich und erleichtert den Zugang zur Geschichte und ihrer anschließenden zugrunde liegenden Hypothese. Den Zugang zu den Figuren erschwert es etwas. Hinzu kommt eine reduzierte, eher dunkel angelegte Farbpalette, die gut zu einem Wissenschaftsthriller mit Science Fiction-Elementen passt.
Wie es sich für einen (modernen) Thriller gehört, beginnt die Handlung mit einem Kracher. Das ist optisch ebenso zu verstehen wie von der Erzählstruktur her. In diesem Zusammenhang verstehe ich das Vorwort überhaupt nicht. Verfolgt man moderne Wissenschaftsthriller in Roman und Film, so ist der Band stark an derlei Strukturen wie Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All oder auch Phase IV angelehnt. Einzig für den Comic mag es gelten, dass erstens die Thematik und zweitens die Erzählstruktur in dieser Mischung nicht so oft angewendet werden. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Comic-Leser als solcher eher anspruchsloser behandelt werden soll, weil seine Erwartungen nicht so hoch sind. (Was ein absoluter Trugschluss ist!)
Zurück zum Schimpansenkomplex, der gleichzeitig der Titel dieser Reihe ist. Unter dem Strich bedeutet dieser Komplex, sich seiner Funktion als Spielball eines Experiments bewusst zu sein, ohne bedeutend in dieses Experiment eingreifen zu können. Gegen diese erzwungene Schicksalsergebenheit lehnt sich der Verstand bis zum Wahnsinn auf.
Der Wahnsinn lauert hier nicht nur hinter dem oberflächlichen Paradoxon, das sich letztlich als etwas ganz anderes herausstellt. Er lauert in einer Vermutung, die der Leser selber herausfinden muss. Richard Marazano baut eine verschachtelte aber schlüssige Geschichte auf, die sich jedoch hütet, bereits alle offenen Fragen in diesem Band zu klären.
Und er hat mit Sofia, Helens Tochter, eine Figur am Start, die als Sinnbild der Menschlichkeit verstanden werden kann, die zugunsten eines großen Rätsels mit Füßen getreten wird.
Grafisch kann sich Jean-Michel Ponzio wenigstens einen kleinen Scherz nicht verkneifen. Wenn der gezeigte amerikanische Präsident nicht dem Duke nachempfunden ist, weiß ich es nicht. In einigen Bildern passt es perfekt von Gesicht und Haltung her.
Ein wirklich toller Auftakt. Für Freunde des Wissenschaftsthrillers und –abenteuers, jene, die den großen Erzählwerken eines Michael Crichton hinterher trauern, ist der Schimpansenkomplex genau das richtige Album. Grafisch sehr gut und von einem hohen Spannungsgrad, der mit erhöhter Rätseldichte rapide zunimmt.
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Stichwörter: richard marazano, jean-michel ponzio