Samstag, 25. Oktober 2008
Vor langer Zeit herrschte unter den Engeln ein Krieg. Der Plan war gigantisch, frevelhaft. Die Schale, aus welcher der Herr seinen Geschöpfen die Gestalt gab, fiel in die Hände der Engel. Sie wollten es dem Herrn gleichtun und Leben erschaffen. Aber nicht alle waren Abtrünnige. Andere wollten die Gaben des Herrn beschützen – es war nicht nötig. Die Schale strafte jene, die sich über den Herrn stellen wollten. So entstanden Engel und Dämonen. Ein ewiger Krieg war die Folge. Irgendwann einigte man sich auf einen Waffenstillstand und teilte sich die Seelen der Menschen. Diese Zeit ist nun vorbei.
Welcher scheußliche Dämon hat die Macht Schlamm zum Gefrieren zu bringen und darin seine Gefangenen zu versteinern?
Die Liebe und die Neugier waren es, die den Stein ins Rollen brachten. Eine Menschin wurde von einem Engel, Nahel, in den Himmel gebracht, obwohl er bereits versprochen war. Eifersucht und Gier brachten die liebenden Engel zu Fall, die Menschin musste fliehen, aber sie kam nicht weit. Rio, die nie darum gebeten hat, in den Himmel gebracht zu werden, gerät in die Fänge und Dämonen und schließlich wird sie zu etwas ….
Die apokalyptischen Reiter erfüllen ihre Aufgabe mit äußerster Effizienz. Und Rio ist einer von ihnen.
Das Finale konnte der Leser bei aller Dramatik so nicht vorhersehen. Stephen Desberg schreibt einen ganz besonderen Weltuntergang, einer Voraussicht auf das jüngste Gericht, in dem niemand an dem Platz zu sein scheint, von dem man es gemäß der Legenden und biblischen Prophezeiungen so angenommen hat. Die Verkommenheit ist hier keineswegs den Menschen vorgehalten. Engel und Dämonen paaren sich ungeniert, bekämpfen einander um den wichtigsten Rohstoff, die unsterblich machenden Seelen von Mensch und Tier. Daneben erhebt sich eine Kreatur, einmal dämonisch gewesen, nun eine Mischung, die ihrem Meister, dem Fürsten der Dunkelheit entsagt und den Untergang der bestehenden Ordnung anstrebt.
Es ist der umsichtigen Erzählung zu verdanken, dass die Geschichte immer wieder kippt und eine andere Richtung anstrebt. Sind die Reiter nun wirklich jene Reiter, von der die Apokalypse spricht oder nicht? Henri Reculés, dem Zeichner, kann es gleichgültig sein. Das Thema Apokalypse, die Offenbarung ist immer für eine phantastische Geschichte gut, wie zahlreiche Romane und Filme bewiesen haben. Wie sehr hier der phantastische Aspekt dieser Endzeit ausgearbeitet wird, zeigen die Kämpfe zwischen den Heerscharen der Engel und der Dämonen. Formen und Farben von Kriegern und Reittieren, zu Lande und in der Luft, kommen in großer Vielfalt daher. Reculés koloriert diesen Tag der Schlacht mit einer zwar bunten, aber auch einer zurückhaltenden Farbpalette.
Es glänzt nicht derart, wie es einem Leser heute manchmal von Comic-Seiten her ins Gesicht schlägt. Man könnte sagen, Reculés hält sich mit der Geschichte bedeckt, gönnt ihr weniger Theaterlicht als vielmehr echtes Tageslicht. Der Höhepunkt der Handlung ist natürlich die Zusammenkunft der vier apokalyptischen Reiter, von denen dem Leser bisher erst zwei bekannt waren. Ihre Auseinandersetzung gegen den Fürsten der Finsternis ist ein ganz besonderes Zückerchen für Fantasy-begeisterte Leser.
Ein starkes Finale, das sich der christlichen Mythologie bedient und ihr mit einer großen Phantasie der beiden Macher viele eigene Sahnehäubchen aufsetzt. Ein gelungener Abschluss, der alle offenen Fragen klärt. Wer Geschichten mag, die eine Interpretation der Apokalypse wagen und spannend unterhalten, sollte einen Blick riskieren.
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Stichwörter: stephen desberg, henri recules
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Donnerstag, 04. September 2008
Rio flieht. Doch wie so oft, ist die Absicht leichter in Gedanken gefasst, als in der Realität umgesetzt. Das Paradies ist in höchstem Maße gefährlich. Von der berühmten Schlange gibt es derer viele und hinter den grünen Auen wartet ein Reich, gruselig und grausam, mit furchtbaren Kreaturen, die mit Engeln gar nichts mehr gemein haben. Ihre Flucht dauert nicht lange. Nicht Engel sind es, die sie aufspüren, sondern eine Kreatur namens Freiaon. Da Rio über keinerlei Besitzzeichen verfügt, kommt sie ihm gerade recht. Das Wesen nimmt sie mit, denn für sie ist bestimmt ein guter Preis zu erzielen.
Jezephar wartet auf Rio bedrohlich auf dem Plateau. Die Stadt mit dem fremdartigen Namen ist eine verschachtelte Trutzburg, monströs in ihrer Architektur, verwinkelt, alt, ungastlich. Gewalt und das Recht des Stärkeren herrschen vor. Rio erweckt Aufmerksamkeit und wechselt bald den Besitzer. Doch Lamia, die neue Besitzerin, ist nicht weniger harmlos als der ruppige Freiaon. Sehr bald schon sinnt Rio wieder über Flucht nach, aber in Jezephar ist das viel schwieriger.
Neben dem allgegenwärtigen Verlangen nach Seelen ist Leidenschaft einer der wichtigsten Antriebe in dieser merkwürdigen Welt, die sich Engel und Dämonen teilen. Rio, nun in dieser Welt auf der Flucht, muss endgültig am eigenen Leib erfahren, dass nichts, was sie sich jemals unter Titel wie Paradies oder Hölle vorstellte, irgendeinen Wert besitzt. Stephen Desberg lässt das Szenario immer apokalyptischer werden. Rio wird zum Stolperstein einer uralten Ordnung, die für die Sterblichen nicht rechtens ist, so doch wenigstens eine gewisse Funktionalität gezeigt hat. Diese Stabilität, so zerbrechlich und falsch sie ist, kippt nun aus verschiedenen Beweggründen.
Mein Gott! Wie konntest du uns das nur antun?
So lautet die Frage von Rios Vater an den Herrn, von dem nicht einmal mehr sicher ist, ob er existiert. Zwar ist die Existenz der Engel bewiesen, aber warum lässt der Herr der Heerscharen diese unmögliche Entführung zu? Dabei weiß Rios Vater nicht, was der Leser weiß. In Wirklichkeit steht es noch viel schlimmer um seine Tochter. Als Leser gibt man sehr bald keinen Pfifferling mehr für Rios Leben, da auch sie selbst bereit scheint, in dieser unwirklichen Umgebung einen Schlussstrich darunter zu ziehen.
Dramatik bestimmt einen großen Teil der Handlung. Sehr viel weniger als bisher bleibt den auftretenden Charakteren – wie auch dem Leser – Zeit zum innehalten. Der Wechsel des Handlungsortes, besser die Erweiterung desselben, sorgt für weitere Abwechslung. Rio, obwohl die schwächste Figur in diesem Spiel, ist die wahrhaft aktive Person, während viele andere ihre Rolle spielen oder sich in ihr Schicksal fügen. Rio hat eigentlich keine Chance, aber sie rennt.
Der Wechsel des Schauplatzes scheint auch Henri Reculé gefallen zu haben. Bilder und Farben sind intensiver, besonders letztere leuchten regelrecht. In den finsteren Gassen, den Gladiatorenarenen reißen Lichter Gesichter und Körper aus der Dunkelheit hervor. Die Wärme der Laternen und Kerzen steht im vollkommenen Gegensatz zu den Szenen. Frauen bekämpfen sich bis aufs Blut, um nur etwas länger zu überleben, damit nicht sie es sind, die als Seelenspender ihr Leben aushauchen – im wahrsten Sinne des Wortes. Rio durchlebt eine richtige Nacht in Jezephar, doch mit Sonnenaufgang, dem Wechsel in die hellere paradiesischere Umgebung wird es keineswegs besser für sie.
Reculé spielt mit optischen Eindrücken, kann phantastische Figuren erfinden und diese echten Lebewesen der Erde gegenüberstellen. In der Gestaltung tobt er sich richtiggehend aus und reiht eine Idee an die nächste. Das Szenario gewinnt dadurch enorm an Lebendigkeit.
Fernab der christlichen Mythologie gibt sich die dritte Episode als ein handfestes Fantasy-Abenteuer ohne Wenn und Aber. Gestalterisch ist es einer der Höhepunkte der Reihe und absolut spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Da es sich um eine permanente Flucht handelt, ist eine Vorkenntnis der bisherigen Geschehnisse zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich.
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Stichwörter: stephen desberg, henri recule
Samstag, 23. August 2008
Rio flieht zu ihrem Vater. Aber selbst auf dem Weg dorthin wird sie von unheimlichen Mächten attackiert. Ihr Vater ist über ihr Auftauchen überrascht, aber auch erfreut. Endlich kann er seine Erkenntnisse mit jemandem teilen: Engel sind nicht unsterblich! Er selbst hat einen ihrer Leichname gefunden, der vor Jahrhunderten ermordet wurde. Nahel ist ganz in der Nähe von Rio. Er ist einer der Engel, die es gewagt haben, sich mit den Menschen einzulassen. Und mehr noch: Nahel hat sich in Rio, eine Menschin, verliebt.
Eigentlich hätte Rio in der Nähe ihres Vaters in Sicherheit sein müssen, doch die Schakale aus der Hölle sind ihr weiterhin auf der Spur, selbst hier, weit von Frankreich entfernt. Nahel sieht nur eine Möglichkeit, die wirkliche Sicherheit für Rio bereithält. Er muss sie mit an einen Ort nehmen, an sich die Dämonen und Ausgeburten der Hölle nicht trauen: das Paradies.
Die Unsterblichen lassen sich auf verschiedene Weise mit den Menschen ein und die wenigsten davon sind wirklich selbstlos. Es scheint Der Wille des Bösen zu sein, dass die Menschen mittels ihrer seelischen Kraft tatsächlich nichts weiter als Kraftfutter für jene Wesen in den höheren Sphären sind. Himmel und Hölle eingeschlossen.
Das Schöne an der Erzählung von Stephen Desberg ist die Gegenüberstellung menschlicher Wunschträume und Vorstellungen im Gegensatz zur Realität. Der Engel sei edel und gut, so die Forderung, die der Mensch an die jenseitigen Kräfte stellt. Desberg entwickelt eine Engelschar, die auch genau das von sich annimmt, allerdings weitet sich dieser Edelmut nicht auf die Menschen aus.
Engel sind durchweg schön – so stellt sie Zeichner Henri Reculé jedenfalls dar. Sie bilden das optische Gegenstück zu den Dämonen, in denen alle Schönheits- und Häßlichkeitsideale zu finden sind. So vielgestaltig ihre Fähigkeiten sind, so unterschiedlich sind auch ihre Erscheinungsformen. Betrachtet man die Dämonen, die mit den einzelnen kleinen Episoden der Geschichte verknüpft sind, so sind offenkundig die von innen brennenden dämonischen Schakale interessant. Ihre Konzeption, der brennende Schädel, der eher an einen Pferde- oder Kuhschädel erinnert und viel gruseliger und ausdrucksvoller ist, als es ein Schakalschädel sein könnte, wird nur von den Gestalten beiseite gedrängt, die nicht sofort alles zeigen.
Jener unheimliche Verfolger, der den Vogelschwarm aufscheucht, um damit das kleine Sportflugzeug zum Absturz zu bringen, ist ein gutes Beispiel dafür. Ungewöhnliche Hörner zieren seinen Kopf, hakenförmige Auswüchse, die verkümmerte und verknöcherte Flügelimitationen aussehen, ragen aus seinen Schulterblättern. Eine grünlich schimmernde, fast delfinartig wirkende Oberfläche bedeckt seinen Körper.
Die himmlichen Lebewesen sind grafisch weniger aufregend, weil sie stärker an die Realität angelehnt sind. Dafür sind sie vom erzählerischen Standpunkt interessanter. Die Seevögel, die Nahel bei seinen Ankunft begrüßen, sind Quasselköppe vor dem Herrn und bringen durch den aufkeimenden Humor etwas Ausgleich in das ansonsten sehr dramatische und klassisch wirkende Szenario. Besonders letzteres wird durch die Engelsfiguren gestärkt, deren gefällige Erscheinung sehr stark an Darstellungen in der Renaissance erinnern. Muskulös, aber auch grazil, mit länglichen ovalen Gesichtern und rockigen Haarprachten.
Der Wendepunkt der Geschichte: Rio kommt in den Himmel. Gegen ihren Willen wird die junge Frau zu ihrer eigenen Sicherheit in das Paradies entführt, wo sie ein wohl bedachten Plan anstößt – auch den der Macher Stephen Desberg und Henri Reculé – der das bestehende Gefüge einreißen soll. Ein spannender und wichtiger Teil der Saga um die Unsterblichen.
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Stichwörter: stephen desberg, henri recule
Freitag, 11. Juli 2008
Engel sterben nicht! So glauben alle. Engel sind Gesandte Gottes. So glauben jene, die an Gott glauben. Rio wird im Alter von zwölf Jahren von ihrem angetrunkenen Onkel nach Hause gefahren. Aber seine trunkenen Sinne spielen im einen tödlich Streich und der Wagen landet im verschneiten Straßengraben. Plötzlich hört Rio eine Stimme. Sie entflieht dem Autowrack und sieht! Vor den Flammen steht ein Schattenriss. Seine Konturen sind menschlich, aber er hat Flügel! Diesen Anblick hat Rio niemals vergessen.
Ihr Vater unterdessen, der nie einen Engel gesehen hat, ist von ihrer Existenz überzeugt. Und er weiß: Irgendwo auf Gottes weiter Erde gibt es einen Beweis ihrer Existenz. Irgendwo, irgendetwas. In Äthiopien glaubt er endlich auf eine Spur gestoßen zu sein. In einer uralten Anlage eines Klosters stößt er auf ein Kleinod, das seine Zuversicht nährt. Die kleine Statuette eines Engels. Endlich! Doch die Häscher sind ihm bereits auf der Spur. Nicht jeder will, dass die Wahrheit über die Existenz der Engel ans Licht kommt.
Engel! Es gibt sie. So lautet der spannende Grundgedanke der Geschichte von Stephen Desberg und Henri Reculé. Es begann bereits vor langer Zeit. Engel begingen Verfehlungen, insbesondere dann, wenn sie sich mit Menschen einließen. Pläne wurde geschmiedet, solche, die viel Geduld erfordern und nun Früchte tragen.
So mancher Engel erliegt nicht nur den Genüssen eines menschlichen Lebens. Die Menschen sind so anders. Da ihre Zeit begrenzt ist, kosten sie diese ganz anders aus. Engel haben dieses Problem nicht. Unendlich viel Zeit hat sie träge werden lassen, arrogant, der Mensch ist nichts als Vieh, dazu dienend, ihnen das Leben zu verlängern. Mehr nicht. Wie frevelhaft kann es da sein, sich auf das Niveau eines Menschen hinab zu begeben, diesen gar zu lieben.
Desberg stellt diese Grundhaltung denen eines Forschers gegenüber, dessen größter Wunsch es ist, einen Beweis für die Engel zu finden. Mit unerschütterlichem Glauben ist er seit Jahren am Werk. Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass Enttäuschung vorprogrammiert ist. Aber Desberg begnügt sich nicht mit einer Handlungslinie. Im Hintergrund sind noch andere Mächte am Werk, die nach und nach hervortreten und dazu gehören nicht nur Engel und Dämonen.
Auch Menschen wollen ihre Taten verschleiern. Der Titel Das Grab des Engels lässt es beinahe vermuten. Vor vielen Jahren töteten Menschen einen Engel, teils aus Zorn, teils als Probe und so vernichteten sie auch einen Teil ihres Glaubens. Denn was bleibt noch, wenn ein Mensch einen Engel zu töten vermag?
Henri Reculé malt mit der weichen Farbtönen und taucht die Szenen gerne in ein unirdisch erscheinendes wie auch romantisch wirkendes Licht. Strahlendes Orange, lilafarbene Umgebung, blauer Engel, viele Farbkombinationen haben künstlerischen Charakter, der auch gut einer Leinwand zu Gesicht stehen würde.
In solchen Szenarien ist es schade, dass Details, die zur Tiefe der Geschichte nur angerissen werden, nur sehr kurz zum Einsatz kommen. Hier sind es alte Wandmalereien, Statuen oder auch das Innere der so genannten Hölle. Sehr schön ist der Gegensatz von himmlischen und höllischen Gefilden geworden. Das feurig Finstere steht im gelungenen Gegensatz zu einem Paradies, wie es die Bibel vorgesehen hat. Darüber hinaus überspitzt Reculé die Darstellung sogar, wenn er das Pferd von Ashra, die Nahel versprochen ist, wie eine Art Barbie-Reittier mit flauschig kuscheliger Mähne darstellt.
Neben den sehr langgesichtig dargestellten Engeln – fast ein wenig ägyptisch wie auf Abbildungen von Echnaton und Nofretete – bilden manche Dämonen das vollkommene Gegenteil. Die Schakale der Hölle, nennen wir sie einmal so, erinnern ein wenig an die Geister aus Route 666 und sind eher schemenhaft vor einem glühenden Inneren.
Ein guter Auftakt in einem mythisch religiösen Fantasy-Szenario, das beinahe ein eigenes Genre innerhalb der phantastischen Literatur bildet. Der Wechsel der Erzählstruktur zwischen den einzelnen Welten ist reizvoll, die Bilder passend. Insgesamt haben Desberg und Reculé einen in sich geschlossenen, sehr runden ersten Teil geschaffen.
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Stichwörter: stephen desberg, henri recule
Dienstag, 01. Juli 2008
Von Dämonen erwartet der Gläubige Arroganz, Brutalität, Jähzorn, Eifersucht – kurz all die schlechten Eigenschaften eines Menschen. Von Engeln erwartet er die Schönheit in der Seele, Aufopferung, Edelmut, Sanftheit. – Diese Annahmen sind alle falsch!
Seit langer Zeit herrscht ein Vertrag zwischen Engeln und Dämonen, damit der Gleichklang zwischen Paradies und Vorhölle eingehalten wird. Doch vor vielen Jahren ergab sich mit dem Fehltritt eines Engels eine einmalige Gelegenheit, um diesen Vertrag endgültig zu beseitigen. Nun endlich könnte es den Dämonen gelingen, die Heerscharen des Paradieses für alle Zeit zu vernichten.
Wie konnte es dazu kommen?
Nahel, ein Engel, war dem weiblichen Engel Ashra versprochen. Doch Nahel, angezogen von der menschlichen Welt, entwickelte eine unerklärbare Zuneigung zu Rio, aus der sogar Liebe wurde. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, denn Nahel und Rio tappen beide in eine wohl vorbereitete Falle, um Zwietracht unter die Engel zu säen.
Derweil versucht Rios Vater, ein Archäologe, hinter das Geheimnis des toten Engels zu kommen, der er vor kurzem fand. Von den furchtbaren Ereignissen in den himmlichen Gefilden weiß er nichts, noch ahnt er in irgendeiner Weise davon.
Ein neues Wesen ist entstanden, ein Wesen, von dem niemand dachte, dass es in dieser Form existieren könnte. Ausgestattet mit den drei Wesenheiten Mensch, Dämon und Engel hat es nur noch eines im Sinn: Die Apokalypse!
Die vierte Episode um die Unsterblichen läutet das Finale dieses Abenteuers ein und entzaubert den Mythos um die Engel endgültig.
Alle sind sie verdorben, Dämonen wie auch Engel. Stephen Desberg, Autor, und Henri Reculé, Zeichner, lassen kein gutes Haar an den beiden Stützen des christlichen Glaubens (wie auch anderer Glaubensrichtungen). Wo Licht ist, ist auch Schatten. Hier bewegt sich alles und jeder im Zwielicht. Schönheit ist nur aufgesetzt und Maske. Der Teufel steckt im Detail und Gott ist weit weg.
Der vorliegende Teil der Erzählung ist eine Offenbarung für jeden Beteiligten. Einerseits erfährt jeder, wo er steht und lüftet auch Bereiche eines großen Geheimnisses. Langsam wird für Rio, die Menschin, die Rolle deutlich, die ihr zugedacht war. Auf ihrer Flucht durch die ihr unbekannte Welt lernt sie Zusammenhänge kennen und ein Jenseits, das sie nun mit Abscheu erfüllt. Sklaverei, Ausbeutung, Mord, um der Unsterblichkeit willen, all das eint die beiden großen Parteien in dieser Sphäre.
Verfallene Städte, finstere Straßenschluchten, Käfige, schmutziges Gestein und Monströsitäten in jeder dunklen Ecke sind Ausdruck einer verfallenen Welt. Selbst im Paradies lauern die Schlangen auf ihre Opfer. Selbst hier gibt es keinen paradiesischen Frieden. Zwar können die Tiere hier sprechen und verhalten sich friedlich gegenüber den Engeln, die Gebäude und die Landschaft sind prachtvoll, aber unter der Oberfläche ist der Charakter des Paradieses verfault.
Durch Henri Reculé kommt dieser Gegensatz von Anspruch und wahrhaftiger Realität sehr schön zum Tragen. Die in Aquarelltechnik aufgetragenen Farben spiegeln das gesamte Spektrum von Gefühlen wider, die in den jeweiligen Szenen vorherrschen. Eine blaue saubere Kühle in den griechisch anmutenden Gefilden der Engel, eine braungrüne Giftigkeit in den Gemäuern der Dämonen. Ein glühendes reinigendes Feuer, das alles verzehrt, Dämonen, Menschen und auch Engel.
Die Engel sind klassisch phantastisch gemalt, mit langen wallenden Haaren, schlank, athletisch, mit schimmernden Rüstungen, auf sagenhaften Reittieren, die an elegante fliegende Seepferdchen erinnern.
Die Dämonen sind vielfältig, mal monströs, mal äußerst tierisch. Vor Muskeln strotzend, auch gepanzert oder geheimnisvoll gewandet. Vielfalt spielt hier eine viel größere Rolle.
Feuer ist eine Gefahr für alle und wird von Reculés für sehr schöne und dramatische aussehende Bilder genutzt.
Als das Lamm das zweite Siegel aufbrach, erschien ein feuerrotes Pferd. Und der es bestieg, bekam die Macht, den Frieden zu nehmen, auf dass alle sich gegenseitig umbrächten.
So ist es eine Offenbarung, die ein Mensch empfing, die hier zum Ende der jenseitigen Sphären beitragen soll. Eine Offenbarung im Übrigen, die ein Engel wie Ashra beinahe ungläubig liest, in jedem Fall aber unwissend, denn dieser biblische Text scheint ihr völlig unbekannt zu sein. Desberg hat die religiösen Mythologien hervorragend dazu genutzt, um ein feines Fantasy-Epos zu schaffen.
Klassisch phantastisch, beinahe etwas transsylvanisch gruselig in den Gefilden der Dämonen, asketisch arrogant und kalt in der Welt der Engel. Für Freunde der Fantasy bietet sich hier eine sehr gute Variation des Apokalypse-Themas, voller Wendungen und Dramatik.
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