Freitag, 03. Oktober 2008
Der Heilige der Killer – ein Mythos oder alptraumhafte Realität? Wie konnte ein Mensch in den Besitz dieser furchtbaren Macht kommen? Der Mann hat immer nur getötet. Im Bürgerkrieg. Im Kampf gegen Indianer. Im Duell gegen mieses Gesindel. Aber nie tötete er einen Unschuldigen. Eines Tages rettet er eine junge Frau vor Indianern. Sein Leben scheint eine Wende zu nehmen. Die junge Frau sieht als einzige etwas in ihm, was nichts mit Tod und Zerstörung zu tun hat. Er lässt sich auf dieses andere – bessere – Leben ein, liebt, lebt, wird Vater. Alles ist gut, bis zu dem Tag, als seine Frau und sein Kind am Fieber erkranken. Um Medizin zu holen, muss er nach langer Zeit wieder in eine Stadt.
Es ist der Schmerz über den Verlust, der den Wunsch nach Rache gebiert, ein Gefühl, das so stark wird, dass neben ihm nichts anderes mehr Platz hat.
Garth Ennis erzählt im Vorwort von seiner Liebe zum Western, zu all den Abenteuern, die er im Fernsehen erlebte, in denen John Wayne eine große Rolle spielte. Von John Wayne zum Heiligen der Killer ist es jedoch ein weiter Weg. Denn wo für manchen Revolverhelden die Geschichte endet, geht es für den Heiligen der Killer erst richtig los.
Ennis schickt seinen Antihelden in die Hölle. Hier treffen wir, typisch Ennis, den Teufel und den Engel des Todes bei einer Partie Poker. Während der Revolverheld an der Spitze all der Seelen, die er ins Jenseits geschickt hat, in die Hölle einreitet, geschieht etwas völlig Unerwartetes in der Hölle: Ein Sprichwort geht in Erfüllung. – Welches das ist, kann der Leser sicher schnell herausfinden. So mancher verwendet es, um die Unmöglichkeit eines Zustands herauszustreichen.
Garth Ennis bastelt sich seine ganz eigene höllische Legende, voller Brutalität, Freaks, verzweifelten Gestalten – den Teufel eingeschlossen – und mit viel schwarzem Humor.
Dieser Humor wird in den beiden folgenden Episoden Denn er wusste nicht, was er tat und Good Old Boys noch einmal in luftige höhen getrieben. Wenn Ennis die Geschichte über das Arschgesicht anstimmt, entsteht eine Handlung, die jedem Nullbock-Kid eine Warnung sein sollte. Es ist für Ennis recht ungewöhnlich, dass als Lösung einer Geschichte ein vergleichsweise ernsthaftes Ziel in Betracht gezogen wird. Denn sogleich mit den guten alten Jungs kehrt Ennis zum gewohnten Hinterwäldlerhorror zurück.
Jody und T.C., die beiden, die dem Preacher das Leben schwer machten, zeigen einmal mehr aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Die Hinterwäldler führen einigen Gangstern aus der Stadt vor, wie man in den Sümpfen seinen Gegner fertig macht. Mit allen Mitteln. Das ist ein Ennis, der mit dem Spaßfaktor Gewalt spielt und einen Sinn in der Handlung vollkommen außer Acht lässt.
Wo ist der Preacher? - Keine Spur von ihm. Garth Ennis beschränkt sich auf Geschichten aus dem Preacher-Universum. Ohne den Preacher vermisst man als Leser auch Steve Dillon nicht, den Stammzeichner, der den maßgeblichen Figuren ein Gesicht gegeben hat.
Zum Einsatz kommen Gastzeichner, die auf ihre Art überzeugen, aber nicht an Steve Dillon heranreichen. Steve Pugh versucht sich an einer Imitation des Dillon-Stilsm skizziert aber aufwändiger, etwas unsicherer auch, ufert mehr aus, häufig auch in Karikative. Sind die Waffen auf den Covern von Glenn Fabry (genial wie immer) schon regelrechte Wummen, sind sie im Comic selbst Kanonen mit ebensolcher Durchschlagskraft. Mit der Figur des McCready ist eine Abart eines Kindergesichts geschaffen worden, ein dreckiger Billy the Kid mit einhundertprozentig psychopathischen Tendenzen. Der Ekelfaktor ist durch die Erzählung von Ennis bereits hoch, durch die Bilder von Steve Pugh wird er um einige Faktoren gesteigert.
Die Bilder von Carlos Ezquerra, die die Episode um den Heiligen der Killer abschließen, müssen sich auch optisch hinter der Umsetzung von Steve Pugh anstellen. Die gruseligen Effekte von Pugh werden von Ezquerra ein wenig ins Lächerliche gezogen.
Richard Case, der sich grafisch der Geschichte des Arschgesichts annimmt, ist ein Vertreter von harten, wie gemeißelten Linien. Es ist gewöhnungsbedürftig, modern zwar, aber auch ausdrucksstärker als Ezquerra, der in der letzten Geschichte um die guten alten Jungs wieder federführend ist. Hier werden Ezquerras Zeichnungen wieder besser, da er ganz offensichtlich Dillons Bildern und Vorlagen nacheifert.
Ennis bleibt Ennis. Wenn man sein eigenes Vorbild ist, kann einem niemand etwas vormachen. Ein interessanter Einblick in die Hintergründe des Preaecher-Universums. Die Auswahl der Gastzeichner trübt das Vergnügen ein wenig, aber nur ein wenig, denn die Geschichten sind stark genug, um die Optik zu überwiegen.
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Stichwörter: garth ennis, steve pugh, carlos ezquerra
Donnerstag, 07. August 2008
Der Midnighter hat Langeweile. Er kann mit den Freizeitaktivitäten seiner Kameraden nichts anfangen, noch kann er sich für ein Miteinander begeistern, an dem ihm nichts liegt. Er kann nur eines gut: Töten. Hoch oben im Orbit über dem Planeten Erde, wo die Raumstation der Authority ihre Bahnen zieht, sucht er sich auf dem Globus ein neues Ziel durch Drehen der Erdkugelnachbildung: Afghanistan. Jeder, der dort den Anschein eines gemeingefährlichen Irren hat, kann sich warm anziehen. Die Panzer, die dem Midnighter entgegenjagen, sind keine Gegner. Ein Mann, der den nächsten Zug seines Gegners vorhersehen, braucht nichts zu fürchten. Oder doch?
Die Reise zurück zur Raumstation ist kurz. Eigentlich ist fast alles wie immer. Aber eben nur fast. Ein Unbekannter fängt den Midnighter ab und dieser kann nichts vorhersehen. Die Schläge kommen unerwartet, gemein und treffsicher. Wenig später erwacht der Midnighter in Gefangenschaft auf dem Boden eines kargen Raumes. Sein Gastgeber, ein älterer Mann namens Paulus, begrüßt ihn geschäftsmäßig, stellt ihm eine Art Wachmannschaft vor und erörtert ihm noch ein wenig später seine Aufgabe. Falls er am Leben hänge – man implantierte ihm während seiner Bewusstlosigkeit eine fernzündbare Bombe – müsse er jemanden ermorden.
Das Ziel sei der größte Massenmörder des 20. Jahrhunderts: Adolf Hitler.
Midnighter – Killing Machine beschreibt mit seinem Untertitel in zwei Worten, was unser Held eigentlich ist: Eine Mordmaschine. Für alle Beteiligten kann es nur von Vorteil sein, dass eine seltsame Moral den Midnighter auf die richtige Seite des Gesetzes gezwungen hat. Allerdings hält er von den bestehenden Gesetzen nicht allzu viel. Er hält es lieber alttestamentarisch: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Geprägt von einer Spur Selbstverachtung, etwas Sadismus – den er zumeist relativ kurz auslebt, bei weitem aber nicht schmerzlos – einem detektivischen Spürsinn ist er ein ziemlich böser Batman eines anderen Comic-Universums. Seine Homosexualität ist auch nicht dazu angetan, ihm das Leben zu erleichtern, im Gegenteil.
Dieser Mann, diese Mordmaschine, wird nun in der vorliegenden Geschichte von Autor Garth Ennis, der nicht zimperlich in seinen Erzählungen ist, gezwungen, in der Zeit zurückzureisen, um das zu vollbringen, was diverse Attentaten während des Zweiten Weltkriegs nicht gelang.
Inmitten der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs taucht der Midnighter zum ersten Mal auf, wo er mitten im Schusswechsel der Deutschen und Franzosen auf den Gefreiten Hitler trifft. Doch bevor er – mit einem gewissen Genuss – zur Tat schreiten kann, wird er aufgehalten.
Wie der Leser es vielleicht auch aus dem allseits beliebten Star Trek-Universum her kennt, gibt es auch hier eine Polizeieinheit, die über die Kontinuität der Zeitlinie wacht. Was geschehen ist, ist geschehen und darf nicht geändert werden. Aus dieser Situation entwickelt Ennis eine Hetzjagd, die kurz darauf in Berlin im April des Jahres 1945 endet.
Was zuerst eine handfeste – wenn auch abgedrehte – Superheldengeschichte war, mit einer Prise Science Fiction versehen, driftet manchmal in die Farce ab und wer ein wenig von Ennis gelesen hat, weiß, dass dies auch durchaus gewollt ist. Garth Ennis lässt sich in seinen Erzählungen nicht einengen. Fast fühlt man sich in dieser Szenerie an den Beginn der gelungenen Komödie Schtonk erinnert, die mit dem Untergang 1945 beginnt. Hier wie dort brennt schlussendlich der Führer, wenngleich man hier keinerlei Schwierigkeiten damit hat, den Leichnam in Brand zu setzen und sogar ein Freudenfeuer daraus zelebriert.
Federführend bei dieser Geschichte ist Chris Sprouse, der im Laufe des hier zusammengefassten Vierteilers mit den unterstützenden Kräften von Joe Philips und Peter Snejbjerg die Bilder umsetzt. Gerade im dritten Kapitel, bei der Zusammenarbeit mit Philips, zeigt sich auch optisch ein Hang zur Farce, zur bitterbösen Komödie, wenn der Midnighter eine Gruppe von Partisanenkindern vor russischen Soldaten rettet. Wenn diese Kinder ihren Retter wegen seiner schwarzen lederkluftigen Kleidung für jemanden von der Gestapo halten, ist das nur die Spitze des Eisbergs dessen, was sich Ennis für dieses Kapitel ausgedacht hat.
Das genannte Kapitel fällt auch insgesamt etwas aus dem Rahmen, ist verspielter, während in den übrigen drei Kapiteln auf möglichst viel Realismus gesetzt wird, den Sprouse mit dem gleichen Aufwand zeichnet, den er auch den einzelnen Covern zuteil werden lässt.
Die von Glenn Fabry (bekannt durch seine Preacher-Cover) gezeichnete Geschichte Blumen für die Sonne schließt den Band thematisch vollkommen anders gelagert ab. Es dürfte sich dabei um die blutigste Liebesgeschichte seit Kill Bill handeln – so ist Garth Ennis eben. Man mag ihn oder lässt es besser sein.
Man nehme die grausamsten Geschichten mit Wolverine, mische ein wenig Batman unter, nehme das grundlegende Flair des Wildstorm-Universums, lasse es von Garth Ennis kräftig durchrühren und schmecke mit schönen (aber keinesfalls für jeden geeigneten) Bildern ab. Das ist nichts für jeden Gaumen, aber auf jeden Fall einwandfrei gekocht.
Stichwörter: garth ennis, chris sprouse, glenn fabry, karl story
Samstag, 05. Juli 2008
Vielleicht hätte Hughie zuerst den anderen zuschauen sollen. Leider fällt ihm nicht auf, dass seine Kumpels den Schnaps über die Schulter wegkippen und nicht trinken. Und so helfen ihm auch seine Superkräfte nichts, als dieses Teufelszeug beinahe seine Speiseröhre verätzt. In Russland trinkt man eben etwas anders als im Rest Europas.
Willkommen in Mütterchen Russland. The Boys sind im Lande, aber nicht zufällig. Sie haben einen Auftrag. Jemand, dessen Identität sich noch nicht offenbart hat, stellt eine Superheldenarmee auf. Klar, dass das nicht im Sinne derer ist, die ein Auge auf diesen Heldenabschaum haben.
Superhelden sind äußerst kaputte Typen – nicht alle, aber viele von ihnen – einige wissen über ihren Zustand Bescheid und finden es selber krankhaft, wollen etwas dagegen unternehmen. Andere … Ja, andere haben ganz einfach ihren Spaß daran und nutzen jede Gelegenheit, um sich mannigfaltige Weise auszutoben.
Doch sie haben die Rechnung ohne die Boys gemacht, eine kleine Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Helden im Sinne der Allgemeinheit in den Ar… zu treten. Helden, die glauben, sie kämen auch mit einem Mord davon, haben ganz schlechte Karten.
Garth Ennis erzählt mit der zweiten Ausgabe von The Boys seine ganz eigene Version einer Welt mit Superhelden fort. Bevor es in der zweiten Episode politisch global wird, Der glorreiche Fünfjahresplan, muss zuvor ein Mord aufgeklärt werden. Ein homosexueller Junge wurde tot am Fuß eines mehrstöckigen Hauses aufgefunden. Aus einer ganz normalen Mordermittlung wird bald eine Mörderjagd auf einen Superhelden.
Die Episode Eingelocht ist absolut politisch unkorrekt – so jedenfalls verspricht es die Überleitung zum zweiten Teil dieser Geschichte. Ich möchte behaupten, dass Garth Ennis derlei Überlegungen ziemlich fremd sind. Nicht nur diese Veröffentlichung legt diesen Schluss nahe. Ennis geht diese Thematik aber nicht platt an, im Gegenteil wird das Homosexualität zu einem Streitthema zwischen Billy Butcher und dem Neuen in der Truppe, Wee Hughie, der an einer leichten Homophobie leidet, aber dennoch auf Fairness und Akzeptanz plädiert.
In der Theorie sind sie also okay, aber die Realität sieht anders aus, ja?
Ennis lässt Butcher zum Sprachrohr einer nicht ungewöhnlichen Feststellung werden. Da Butcher sowieso jedermann mit irgendwelchen Schimpfworten belegt und nie ein Blatt vor den Mund nimmt, mag man ihm diesen Charakterzug eher abnehmen als Hughies überängstliche Art irgendwelchen schwulen Schauermärchen aufzusitzen.
Die Auflösung ist menschlich, das Ende der anderen Handlungslinie ist abgedreht, wie so oft, wenn Ennis seine Finger im Spiel hat.
Ging er das Thema Homosexualität noch mit einem gewissen Fingerspitzengefühl an, knallt er mit der nächsten Geschichte wieder voll rein. Aber, auch das muss ihm zugute gehalten werden, mit Liebeswurst (fragt nicht!) wird eine Figur vorgestellt, die nicht nur ein sympathischer Russe ist, sondern auch ein großes Herz für Mütterchen Russland hat – und für seine amerikanischen Freunde. Das ist das große Plus von Ennis, dass er sich der Schwarzweißmalerei verschließt und bei allem Schweinskram, den er zur Zeichnung einer verkommenen Gesellschaft einfließen lässt, auch immer die Menschlichkeit zum Vergleich nebenan stellt.
Darick Robertson macht seine Sache als Zeichner sehr gut. Er hat aber auch Figuren erhalten, mit denen es sich trefflich arbeiten lässt. Butcher, Hughie (der optisch dem Schauspieler Simon Pegg nachempfunden ist), Mother’s Milk, Frenchman und das Weibchen.
Letztere ist einfach nur irre und darf diesen Charakterzug auch in diesem Band wieder unter Beweis stellen, als sie TekKnight auseinander nimmt. Wahnsinn und Wahnsinnskräfte vertragen sich nur bedingt und wenn sie unter Kontrolle zu halten sind.
Weniger gelungen ist der episodische Einschub von Zeichner Peter Snejbjerg. Die Zeichnungen sind nicht schlecht zu nennen, doch sie können mit den eher ernsthaften Bildern von Robertson nicht mithalten.
Eine gute Fortsetzung, nicht ganz so überraschend wie der erste Teil, dafür nicht weniger drastisch. Die Boys werden international, die Intrigen im Hintergrund werden komplexer. Das lässt einiges hoffen für die zukünftigen Ausgaben. Mal sehen, ob Garth Ennis seine unausgesprochenen Versprechen einhält.
Stichwörter: garth ennis, darick robertson
Freitag, 30. Mai 2008
Jackie Estacado arbeitet immer noch als Auftragsmörder für die ehrenwerte Familie. Dank seiner neuen Fähigkeiten als der Erbe der Darkness fällt ihm dieser Job noch ein wenig leichter als zuvor. Aber ein Problem gibt es dennoch.
Früher einmal war Estacado ein Frauenheld. Mit der Darkness jedoch geht ein deutlicher Nachteil einher: Sollte Estacado jemals Sex mit einer Frau haben, bedeutet das seinen sofortigen Tod und die Kräfte gehen auf seinen Erben über. Eine Alternative wäre eine Frau, die er Kraft seiner Gedanken, ähnlich wie die Darklings, erschafft. Doch damit hapert es gehörig.
Wenn es bei diesem Problem bliebe, wäre alles in Ordnung. Leider muss sich Estacado über die Gebühr abreagieren und riskiert so einen Kleinkrieg zwischen Mafia und Yakuza.
Liest man die Liste der Macher der vorliegenden 2. Werkausgabe der Darkness, meint man einen kleinen Ausschnitt aus dem Who ist Who des Comics vor sich zu haben.
Illustre Namen wie Marc Silvestri, Garth Ennis (!), Brian Haberlin und Michael Turner (!) haben ihren Beitrag zu dieser heftübergreifenden Begegnung zwischen der Darkness und der Witchblade geleistet.
Obwohl die beiden Figuren getrennt voneinander entwickelt wurden und auch alleine sehr gut bestehen, passen sie ungeheuer gut zusammen – wie es sich auch in späteren Crossovern zeigte. Das liegt an diesem kratzbürstigen Design, mit dem sich Witchblade und Darkness bei ihrer Verwandlung umgeben. Kantig, wie eine Ansammlung einer mit Klingen beladenen Oberfläche, aus der nach Bedarf mit weiteren Schnittkanten bewaffnete Peitschen schießen können.
So trifft es sich, dass eine aus der Witchblade-Saga bekannte Figur, Ian Nottingham, schließlich beide Kräfte in sich vereinen kann. Im Gegensatz zu manch anderem Crossover wirkt diese Zusammenführung nicht angestrengt sondern vollkommen geplant.
Die vorliegende Ausgabe ermöglicht den direkten Vergleich mehrerer Zeichnergrößen: Steve Firchow, Michael Turner und Joe Benitez.
Steve Firchow arbeitete für die verschiedensten Labels wie Image, Dark Horse, DC und andere. Leider steuert er hier nur einen kleinen Teil bei (mehr seines grafischen Talents sieht man unter www.stevefirchow.com). Michael Turner muss nicht erst groß dem Comic-Fan vorgestellt werden. Seine schmollmundige Witchblade, sein Fathom-Universum und diverse Ausflüge zu altbekannten Helden wie Superman und Batman haben ihn selbst hinreichend bekannt gemacht. Er ist ein Vertreter der Bombast-Panels, einer Kino-Comic-Variante, wo die Szenen den Bildrahmen zu sprengen versuchen, wo zeitweise die Körper derart ausdrucksstark zu sein scheinen, dass sie ihren eigenen Hautmantel zu sprengen versuchen.
Bei Joe Benitez wirken die Figuren wieder etwas zerbrechlicher, aber auch bodenständiger, nicht so ätherisch wie es manchmal bei Turner der Fall ist. Action-versiert sind alle beide. Benitez konnte dies auch mit seinen Bildern zur Magdalena unter Beweis stellen, einer Figur, die sich ebenfalls gekonnt in das Universum dieser modernen Gruselfiguren einfügt.
Der Zyklus um das erste Zusammentreffen von Witchblade und Darkness schließt mit einem furiosen Showdown in einem Naturkundemuseum ab. Wer die Kinofilme in der jüngsten Vergangenheit verfolgt hat, weiß, was alles Nachts im Museum passieren kann – dank der beiden Hauptfiguren geht es dabei noch ein härter zu Sache, aber nicht weniger überraschend.
Eine heftige Schauermähr mit den modernen Gruselgestalten, die immer noch auf eine würdige Verfilmung warten. Hier haben sich zwei Comic-Charaktere gesucht und gefunden. Top-Zeichner liefern einen tolles Action-Abenteuer ab.
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Stichwörter: marc silvestri, garth ennis, michael turner, joe benitez
Samstag, 22. März 2008
Jesse Custer reist nach Frankreich. Wenn man als Amerikaner nicht romantisch veranlagt ist, hat einem Frankreich wenig zu geben, aber Custer ist nicht in romantischer Mission unterwegs, obwohl ihn seine Freundin Tulip O’Hare begleitet. Custer hat nur ein Ziel. Er will seinen alten Freund Cassidy retten – einen Vampir.
Eine Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Diese beginnt mit Warten. Am Flughafen JFK geht nicht alles so reibungslos vonstatten. Als Custer sich die Zeit mit einem Drink vertreibt, hat er eine unerwartete Begegnung mit einem alten Kriegskameraden seines verstorbenen Vaters. Jetzt endlich, nach derart langer Zeit, erfährt er endlich mehr über den Mann, den er bereits als Kind verlor und von dem er bisher so gut wie nichts wusste.
Vietnam. Das ewige Trauma. Custers Vater gehörte zu einer der vielen kleinen Einheiten, die eines Tages auf Patrouille in den Busch ziehen. Sie finden ein Dorf. Leer. Der Vietcong hat es verlassen. Ein mieser Befehl zwingt drei Freunde in das Dorf. Es kommt, wie es kommen muss. Einer stirbt. Die Befehlshaber sind schuld. Manches erledigt sich von alleine, manches nicht. Es ist Krieg. Und niemals weiß man so genau, woher die Kugeln kommen.
So schlimm die Erinnerungen an die Vergangenheit des Vaters sind, wenn Custer dereinst von seinen Erlebnissen erzählt, wird er dem Grauen, was seinem Vater widerfuhr, in nichts nachstehen. Denn in Masada ist alles anders.
Starr hat die Organisation nicht mehr im Griff. Alles, buchstäblich alles, begonnen bei seiner eigenen Libido, scheint ihm immer mehr zu entgleiten. Genau zu diesem Zeitpunkt, als in den Kellergewölben der Festung ein besonders heikler Gast beherbergt wird, zusätzlich zu einem nicht alltäglichen Vampir, kündigt sich das Oberhaupt ihrer Bewegung. Jetzt endlich wird das gesamte Ausmaß der Verderbtheit und der Inzucht ihrer Bewegung sichtbar. Custers Eintreffen kommt dem Stich in ein Wespennest gleich und alles gerät aus den Fugen.
Sie kamen nach Masada fasst in der dritten Sammelausgabe von Preacher die Ereignisse um die Rettung von Cassidy, dem Vampir, zusammen. Zwei kleine Schlenker bringen außerdem auf einerseits furchtbare wie auch vergnügliche Weise Licht ins Dunkel der Vergangenheit.
Masada, die letzte Bastion der Hebräer gegen die römischen Invasoren, lautet auch der Name einer geheimen Einrichtung in Frankreich, wo unter dem Deckmantel einer verqueren religiösen Ansicht nur nach der ultimativen Macht gegriffen werden soll. Leider ist der künftige Messias ein debiler Idiot, dem die Inzucht die letzte Intelligenz und das letzte Quentchen Mitgefühl ausgetrieben hat.
Masada wird für Custer nicht nur zu einer Rettungsaktion, es wird zum Teil auch ein Blick in seine Vergangenheit. Viel länger, als er es selbst geglaubt hätte, wird er beobachtet. Seine Großmutter ist die Tante des derzeitigen Oberhaupts des Grals, jener merkwürdigen Geheimgesellschaft.
Es ist wieder einmal der überbordenden Phantasie und der komplexen Planung von Garth Ennis zu verdanken, dass Preacher so ungeheuer fesselt. Ennis versteht es in einer kleinen abgeschlossenen Episode (zu Beginn und zum Ende des Bandes) ebenso die Handlungsabschnitte in der richtigen Portionierung zu servieren wie in einem übergreifenden Handlungsbogen.
Vietnam, das amerikanische Trauma, wird hier in einer Episode dargestellt, die ebenso ein Oliver Stone in einem seiner Vietnam-Filme wie Platoon hätte verarbeiten können.
Dieser Abschnitt bringt denen, die mit derlei Geschichten vertraut sind, nicht viel neues, das ändert jedoch nichts an der Intensität der Handlung, die so oder ähnlich stattgefunden haben kann. Faszinierend auch der Auftritt des Duke, der seinerzeit mit seiner Rolle in The Green Berets, jener legendären Spezialeinheit, für ein eher gespaltenes Echo sorgte.
Masada steht im absoluten Gegensatz zu der in der Vietnam-Episode geschilderten Realität. Man könnte die gezeigte Handlung mit Monty Python trifft Quentin Tarantino überschreiben. Wer sich ein solches Zusammentreffen in Thema, Humor, Action und Handlung ausmalen kann, kommt der prallen und sehr skurrilen Geschichte sehr nahe.
Die Charaktere stützen die Geschichte.
Da ist der Killer, dem ein kleines anatomisches Anhängsel fehlt, und der deshalb Gott und die Welt dafür bestrafen möchte. Da trifft es sich, dass er einem Vampir begegnet, dessen Wunden heilen und der so unendlich oft und lange gequält werden kann.
Da ist der Sonderbeauftragte des Grals, Starr, der sich bis vor kurzem noch als normaler Mann wähnte und nun dabei ist, die Seiten zu wechseln.
Da ist ein gestürzter Engel und der Herr persönlich, beide eingeschüchtert von Custer, der mit seiner Fähigkeit, das alles befehlende Wort auszusprechen, für beide eine Bedrohung darstellt. Wann war Gott zuletzt auf der Flucht vor einem Menschen?
Zwischen wirklich blutiger Action trägt abgrundtiefer bitterböser Humor den Leser zur nächsten Szene, amüsiert, vielleicht auch schockiert, ungläubig lesend, vielleicht auch schallend lachend über so viel Absurdität, aber immer daran interessiert, wie es weitergehen mag.
Auf seine Art fasziniert Preacher, da sich die Geschichte in kein Korsett zwängen lässt. Die gute Zeichenkunst eines Steve Dillon und die Spitzen-Cover eines Glenn Fabry machen Preacher zu einer runden Sache.
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Stichwörter: garth ennis, steve dillon, glenn fabry
Samstag, 23. Februar 2008
Wie Variety meldet, wird die Serie The Boys auch für die Kinoleinwand umgesetzt. Garth Ennis beschreibt darin eine Welt, in der es zwar Superhelden gibt, allerdings sind sie alles andere als erwünscht (oder immer nur gut) - eigentlich unterscheiden sie sich kaum von den Gangstern, die sie jagen. Eine kleine Gruppe, The Boys, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Helden in Ihre Schranken zu weisen.
Zwischenzeitlich wird die Fortsetzung der Comic-Adaption von The Dark Tower: The Long Road Home richtig zelebriert in den USA. Auf der von Marvel eigens eingerichteten Dark Tower Seite kann der Leser sich auch ein paar Worte vom Meister persönlich anhören: Stephen King, Autor der Buchvorlage, äußert sich zum Comic. Darüber hinaus bietet die Seite viel Bildmaterial der Serie.
Mr. T, beliebtes Mitglied des A-Teams, der Verhauer von Rocky und jüngst als Nachtelf-Irokese unterwegs, findet sich nun auch im Comic: Unter mohawkmedia.co.uk lassen sich die ersten 20 Seiten des Comics als PDF herunterladen.
Stichwörter: the boys, garth ennis
Dienstag, 29. Januar 2008
Es war einmal ein böser junger Mann. Er arbeitete als Killer für die ehrenwerte Gesellschaft, die so ehrenwert nicht mehr war. Die einzige Frau, die er respektierte, war ein weiblicher Barkeeper namens Jenny. Ansonsten versuchte er jedes hübsche Ding herumzukriegen, das bei seinen Annäherungsversuchen nicht ins Grübeln kam.
Das Leben hätte für Jackie Estacado wundervoll sein können, hätte es da nicht einen dunklen Fleck auf seiner Herkunft gegeben. Jackie ist der Erbe der Darkness, einer uralten Macht mit furchtbaren Kräften: Eigentlich genau das Richtige für einen Killer. Aber will Jackie diese Macht überhaupt?
Der erste Schub seiner neuen Kräfte geht mit enormen Schmerzen einher. Eine unsichtbare Stimme klärt ihn darüber auf, dass er der Auserwählte ist. Die Stimmen verlangen von ihm, seine Kräfte frei zu lassen. Letztlich ist genau das zu seinem Schutz gedacht, denn mit der Macht eilen auch die Feinde herbei, die seit jeher auf der Jagd nach der Darkness sind. Die Angelus, eine Gestalt des Lichts, hat ihre Heerscharen ausgeschickt mit nur einem Ziel: Die Vernichtung der neu erwachten Darkness.
Doch Jackie Estacado ist nicht allein. Es gibt Anhänger seiner Macht, einen Kult, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Darkness zu schützen und den Auserwählten anzuleiten. Anleitung hat Jackie auch bitter nötig. Mit seinem Leben, so wie er es kannte, ist es endgültig vorbei. Nicht nur seine neuen Feinde bereiten ihm Sorgen, auch die neuen Widrigkeiten verbieten eine Menge Spaß in der Zukunft. Die Darkness darf niemals mit einer Frau verkehren, ansonsten würde der Same für die nächste Darkness weitergegeben. Der noch lebende Auserwählte wäre in einer Stunde tot.
Als der Kult erfährt, dass Jackie bei seinen Gewohnheiten geblieben ist und schon wieder eine junge Frau in einer Bar aufgerissen hat, geht es nicht mehr um ein Stelldichein, sondern um Leben und Tod.
The Darkness hatte einen ungewöhnlichen Beginn für eine Comic-Serie. Ein Killer wurde zur Hauptfigur eines Comics erkoren. Jackie ist nicht sehr sympathisch, er bringt Menschen um, besitzt kaum wertvolle Charaktereigenschaften und verbringt seine Zeit ziemlich nutzlos. Kurz, er ist schlichtweg ein Schwein.
Das muss den Leser nicht verwundern, weil der Autor dieses Serienauftakts Garth Ennis heißt. Bekanntermaßen hat Ennis eine Vorliebe für leicht durcheinander geratene Charaktere. Diese sind auch nicht immer liebenswert. An seiner Seite, zuständig für die grafische Umsetzung, steht Marc Silvestri als Garant für außergewöhnlich bombastische Menschen und ausdrucksstarke Bilder.
Jackie gehört zu den Menschen, die glauben, bereits alles in ihrem jungen Leben gesehen zu haben. Für jemanden, der mit Leuten wie Butcher zu tun hat, die hinter den Killern aufräumen, mag dies auch zutreffen. Deshalb wirft Garth Ennis seinen Helden, sinnbildlich gesprochen, aus großer Höhe herab, stößt ihn von seinem hohen Ross, vom mafiösen Alltag geradewegs hinein in eine magische Welt, in der dem Killer plötzlich Darklings zur Seite stehen, die er dank seiner neuen Fähigkeiten nur mit einem Gedanken erschaffen kann.
Der Mann, der zuvor noch immer Herr der Lage war, wird plötzlich unsicher. Er weiß anfangs nicht, wie er auf die Situation reagieren soll. Erste Versuche, seine Macht anzuwenden, erfolgen rein instinktiv. Diese Unsicherheit rennt offene Türen ein und wird völlig missgedeutet.
Als Leser kann man auch die Feinde missdeuten. Wesen aus Licht, mit Flügeln ausgestattet, könnten als Engel interpretiert werden. Wenn auch ihre Anführerin mit dem Namen Angelus daherkommt, ist das Engelhafte doch eher äußerlich. Die Angelus ist eine fliegende Furie. Sie ist das helle Gegenstück der Darkness. Wie auch ihr dunkles Gegenüber kann sie sich Gefährtinnen erschaffen, um nicht ein einsames Leben zu fristen. Beide Kontrahenten stehen sich mit einem unversöhnlichen Hass gegenüber, der zu ihrer Existenz dazu gehört.
Ennis lässt Estacado das Spiel ab einem gewissen Zeitpunkt genießen und übernehmen. Jene, die ihn vernichten wollen, werden ebenso mit seinem Killerinstinkt konfrontiert wie jene, die ihn gerne für ihre Zwecke lenken wollen.
Genießen darf der Leser auch die, wie angesprochen, bombastischen Wesen, toughe Männer und Frauen mit Model-Gesichtern und -Maßen. Darüber hinaus ist Zeichner Marc Silvestri ein Pedant, dessen Bilder durch das nicht weniger pedantische Tuschen von Batt, Livesay, Billy Tan, Danny Mikki und anderen erst richtig zur Geltung kommen. Die Kolorierung ist so aufgebaut, dass sie den Tuschestrichen nicht ihre Wirkung nimmt.
Der Auftakt einer langlebigen Horrorserie, mit Kultpotential dank Garth Ennis und Marc Silvestri, die absolute Profis auf ihrem Gebiet sind, mit dem Talent, auch neue Wege zu beschreiten. Wer den Beginn der Darkness-Saga verpasst hat und eine gehörigen Portion Action, Grusel und Horror etwas abgewinnen kann, bekommt hier Kino auf Comic-Seiten.
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Stichwörter: garth ennis, marc silvestri, billy tan, danny mikki
Sonntag, 02. Dezember 2007
Das Wort Gottes ist nicht für alles die Lösung. Diese Erfahrung muss der Preacher machen, als er wieder nach Hause zurückkehrt. – Gegen seinen Willen zurückgekehrt wird, sollte man sagen. Es ist alles andere als ein Heim, was ihn erwartet. Es ist die Hölle auf Erden. Jesse Custer, der Mann, der so vielen Freaks in seinem Leben begegnete, hat eine Höllenangst vor seiner Großmutter.
Laut Umschlagtext wird Garth Ennis mit Quentin Tarantino verglichen. Ennis geht aus meiner Sicht noch einen Schritt weiter. Ennis‘ Freaks sind noch freakiger. Kinofilme müssen massentauglich sein, Tarantino-Filme müssen ihr Geld einspielen. In einem Comic lässt sich die Zielgruppe viel besser eingrenzen, Experimente sind erlaubt. Und Ennis experimentiert!
In der vorliegenden zweiten Zusammenfassung der Geschichten um den Preacher Jesse Custer und seine Freundin Tulip O’Hare entwickelt sich eine Achterbahnfahrt, die sich ausnimmt wie eine Kreuzung aus Muttertag, Near Dark und einer Monty Python-Folge. In den versteckten Wäldern, Sümpfen, Bergen und Tälern tummeln sich gar merkwürdige Gestalten, irre Sekten oder Unabomber. Custers Verwandtschaft, noch lebende Verwandtschaft, sind genau jene Gestalten, die Kehrseite des amerikanischen Traums. Die Großmutter ist einem religiösen Zehrbild aufgesessen. Nicht umsonst heißt das heimatliche Anwesen Angelville - obwohl die himmlischen Wesen die letzten sind, die sich hier ansiedeln würden. Jody ist der Mann für’s Grobe, sein Kumpel T.C. ist der Mann für – nun, die meisten werden vermutlich gar nicht wissen wollen, für welchen Fall T.C. der richtige Mann ist.
Hüllen wir den Mantel des Schweigens über die Machenschaften dieses Freaks und beschäftigen uns mit der Vergangenheit von Jesse Custer. Ennis erzählt hier die Geschichte in einer Geschichte. Wir erfahren von Billy-Bob, Jesses einäugigem Jugendfreund, der durch einen unglücklichen Zufall in die Fänge von T.C. gerät und sein Leben lässt – bei seiner Familie hinterlässt er dadurch eine große Lücke, kann er doch so nicht mehr seine Schwester heiraten, eine Hochzeit, die seit Kindesbeinen an geplant war. – Die Welt von Ennis ist halt ein bißchen anders.
War schon die Kindheit des Preachers die Hölle, ist die Heimkehr der Gipfel der Perversion. Es kommt zum Endkampf, der Preacher kann seine Rache üben. Und wieder: Ennis gestaltet seinen Showdown anders als die anderen. So ist das Ende der Großmutter kein normaler Tod, sondern ein Höllenritt. Damit stellt er auch den Cover-Zeichner Glenn Fabry (immer wieder absolut exzellent) vor eine größere Herausforderung. Aus einer schwarz-brutalen Tarantino-Farce wird mit dieser Szene ein Slapstick-Höhepunkt.
Ist der erste Teil der Zusammenfassung vor einem Inzest-Szenario in der hinterletzten Ecke der USA angesiedelt (Einwohner aus Phoenix, Arizona mögen mir verzeihen), geht es in der Folge in die Stadt, in der man Blumen im Haar trage sollte: San Francisco.
Richtig ist, dass Ennis die Sünde in San Francisco blühen lässt. Tatsache ist auch, dass Zeichner Steve Dillon mit seiner Arbeit irgendwie den Anschein erweckt, er habe am zweiten Teil mehr Spaß gehabt als am ersten. – Ein rein subjektiver Eindruck, der vor allem von der Gestaltung von Jesses Freund Cass herrühren kann. Dieser Vampir, übrig geblieben von der letzten Hippie-Periode, wird sogar am Ende mit Jesse verwechselt. Dieser Richtungswechsel in der Gesamthandlung der Reihe bringt die geheimnisvolle Hintergrundorganisation in die Geschichte ein, die heute in keinem Thriller fehlen darf.
Einer der Intriganten ist Mr. Starr, ausführender Arm einer religiösen Vereinigung, jemand, der seinen Job nur ertragen kann, der er von Zeit zur Zeit sehr schmutzigen – also, wenn er, na, wenn er mal so richtig, aber das wird bei Untergebenen nicht so recht verstanden. Als ihm zu diesem Zweck eine Prostituierte angefordert werden soll, gelingt leider ein kleiner Missgriff. Mr. Starr vermag sich nicht gegen die männliche Prostituierte zu verteidigen und schwört bittere Rache.
Diese Rache gegen Bob Glover und Freddy Allen geht im anschließenden Durcheinander beinahe verloren. Und eben dieses Durcheinander ist es, mit dem Ennis seinen Sinn für Situationskomik beweist. Ein Rädchen greift ins nächste, der Worte bedarf es nicht, Lacher sind garantiert – oder sie bleiben einem im Halse stecken, auch eine Form von Ennis‘ Humoreinsatz.
Und es ist auch ein Beweis für Ennis‘ Erzählkunst, dass am Ende ausgerechnet ein Vampir derjenige ist, für den das Mitleid das größte ist.
Es ist aber auch ein Verdienst von Steve Dillon, der mit den Charakteren auf seine skizzenhafte Art so gut verfährt. Jener Charakter, der seine Augen ständig mit einer Sonnenbrille versteckt (und eine Katze im Klo), Cassidy, ist der ehrlichste und aufrichtigste, auf seine Art. Ein Nachteil ist, dass Dillons Figuren einander sehr ähneln. Wer seine Versionen des Punishers oder des Wolverine gesehen hat, wird darin auch den Preacher wiedererkennen.
Preacher – Blut ist dicker. Eine sehr dicht erzählte Handlung über und aus einer Welt, die sich in den Köpfen von sehr seltsamen Menschen abspielt. In Teilen mag sie so ungewöhnlich nicht sein, in dieser Konzentration ist sie pure, bitterböse Unterhaltung über, aber auch bis tief unter der Gürtellinie. Ennis, das ist Tarantino im Quadrat, nicht jedermanns Sache, aber gut gemacht.
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Stichwörter: garth ennis, steve dillon
Dienstag, 04. September 2007
Wee Hughie ist glücklich. Endlich hat er die Frau gefunden, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten könnte. Die Stimmung ist gut, und der Ausflug über den Rummelplatz gefällt beiden. Sie können nicht ahnen, dass ganz in der Nähe ein Kampf tobt, der ihr Leben in Kürze verändern wird.
Wenig später ist Hughies Freundin tot. Ein Superschurke wurde von einem Hochgeschwindigkeitshelden gegen eine massive Wand gedrückt. Leider stand Hughies Freundin dazwischen. Kollateralschaden: Manchmal bleibt ein Zivilist auf der Strecke, wenn sich moderne Helden in Strumpfhosen mit Superschurken schlagen.
Zu diesem Zeitpunkt ahnt Hughie noch nicht, dass sich eine Gruppe neu formiert, um gegen dieses pseudouniformierte oftmals fliegende Pack vorzugehen und es in seine Schranken zu weisen.
An oberster Stelle, bei der Firma, auch CIA genannt, hat man nicht nur Respekt vor diesen Superwesen, sondern man fürchtet sie auch. Bisher scheinen diese Wesen nicht zu wissen, welche Macht ihnen tatsächlich gegeben ist. Damit das auch gar nicht erst geschieht, muss eine Frage beantwortet werden.
Wer bewacht die Bewacher?
Hier kommen The Boys ins Spiel. Ihr brutalstes Mitglied ist ausgerechnet das Weibchen. Wer dieser Psychopathin begegnet, kann nur hoffen, dass es schnell geht. Der Frenchman ist nicht viel besser, scheint jedoch noch einen Funken Verstand zu besitzen. Mother’s Milk ist ein Riese und besitzt eigentlich ein edles Gemüt. Für die Sache ist er schnell bereit, darauf zu verzichten. Ihr Anführer ist Billy Butcher, der seine Anweisungen direkt von der Direktorin erhält.
The Boys sind keine Chorknaben. Sie haben ihre ganz eigene Vorgehensweise, um mit dem Superpack fertig zu werden. Wie Wee Hughie am eigenen Leib erfahren hat, ist diese Vorgehensweise berechtigt. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der übliche Superschurke nicht die einzige Gefahr darstellt. Vielmehr sind die so genannten Helden die echte Bedrohung, jene respektierten Maskierten, die oftmals verroht, durchtrieben und nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sind.
Es gilt ein Exempel zu statuieren. Butcher wählt sich eine Heldengruppe aus, die es besonders bunt treibt: Teenage Kix. Hughie, der zur Überwachung eingeteilt wird, ist schockiert. Derart verkommen hatte er sich die Helden nicht vorgestellt.
The Boys von Garth Ennis und Darick Robertson will endgültig mit dem Superheldenmythos aufräumen. Es fliegt nichts Edles durch die Luft. Butcher trägt seinen Namen vollkommen zu Recht – wie sich später ziemlich drastisch herausstellt. Ennis und Robertson reihen sich in die neuen Heldengeschichten ein, die realistischer sein wollen. Ennis geht mit seiner Geschichte noch einen Schritt weiter: Suggested For Mature Readers.
Diese Empfehlung mag angesichts mancher Szene wirklich stimmen. Für jugendliche Leser ist The Boys nur begrenzt geeignet.
Zwei Charaktere ragen in dieser Geschichte hervor, Butcher und Hughie. Beide haben ihren ganz eigenen Grund, warum sie gegen die Superhelden vorgehen. Butcher hat inzwischen Gefallen an seiner Rache gefunden. Ausgerüstet mit einem Trank, eine Art Super-Medikament, verfügt er über die Fähigkeit, sich gegen einen Helden mehr als nur wehren zu können. Auch Hughie wird diese Gabe zuteil. Allerdings hat Butcher es verpasst, ihn zuvor darüber aufzuklären. Obwohl Hughie die Teilnahme an der Gruppe von Beginn freigestellt wird, hegt Butcher keinerlei Zweifel, dass der kleine Mann sich ihnen anschließen wird.
Wee Hughie ist nicht nur eine tragische Figur und der Charakter, durch dessen Augen der Leser in diese Geschichte eintauchen darf. – Schauspieler waren schon häufiger Vorlage für Comic-Figuren. In diesem Fall stand der Schauspieler Simon Pegg für Wee Hughie in gewissem Sinne Modell – glaubt man den Quellen, in denen Darick Robertson, der Zeichner, diese Modellfunktion bestätigt.
(Wer sich unter Simon Pegg nichts vorzustellen vermag, schaue doch unter imdb.com unter Shawn Of The Dead oder seinem jüngsten Film Hot Fuzz nach.)
Derber Humor und Brutalitäten wechseln in The Boys einander ab. Wir erleben, wie die Welt der jungen Heldin Starlight zusammenbricht, als sie hinter die Kulissen der Seven, der wohl bekanntesten Heldengruppe, blicken darf, deren Vorbild zweifellos die JLA gewesen ist.
Wieviel hält Ennis vom Mythos der Superhelden-Comics? Wohl nichts, wenn man den Schilderungen auch der übrigen Gruppierungen glauben darf.
Sind die einen ganz offensichtlich sexbesessen, eine Art Folge überschüssiger Kräfte, sind die anderen, die sich ihnen entgegenstellen, mit einem ganz anderen Tick gesegnet. Das Weibchen scheint seine Gegner häuten zu müssen – wie gesagt, Ennis greift in die unterste Schublade und Robertson überlässt nicht jedes Szenario der Phantasie des Lesers.
Humorvoller wird es, aber immer noch derb, wenn Butcher Hughie aufheitern will und ihm zeigt, warum seine Bulldogge den Namen Terror trägt.
Die Tricks, mit denen die Boys zu Werke gehen, sind zuerst die üblichen Geheimdienstvorgehensweisen. Überwachen, erpressen. Die Antwort darauf, ob die Boys auch in einer direkten Konfrontation gegen Helden bestehen können, zeigt sich kurz vor Schluss. Teenage Kix, die einen Tipp erhalten haben, wer ihr Feind ist, marschieren geradewegs in eine Begegnung mit einem Fleischwolf. Hughie unterschätzt seine neuen Kräfte gewaltig. Butcher zeigt, wie er vorgeht, wenn er die Kontrolle über sich verliert.
Der Niedergang der Helden ist besiegelt. Einflüsse, die auch in die bekannten Comic-Universen Einzug hielten, werden hier von Ennis und Robertson in letzter Konsequenz erzählt. Gut und Böse waren gestern, jetzt gibt es nur noch mies. Spannend ist es, wendungsreich, atmosphärisch stimmig, der Humor pechschwarz, doch wegen seiner Genre-Demontage wahrscheinlich nicht jedermanns Sache.
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