Donnerstag, 18. September 2008
Ein Killer macht überall seine Arbeit. Nichts kann ihn aufhalten, nichts kann ihn ablenken oder schockieren. Luca Torelli ist auf Kuba. Zusammen mit seinem treuen Partner Rascal macht er sich ans Werk. Nackte Frauen und kubanische Stürme, nichts hält den Auftragsmörder von seinem Job ab … Na, etwas erschweren sie seine Arbeit schon. Ein bißchen. Aber nicht sehr. Denn so richtig wütend wird Torpedo doch nur, wenn ihm jemand sein Geld vorenthalten will. – Meistens jedenfalls.
Letzte Runde! Torpedo darf sich zum Abschluss der fünfteiligen Reihe noch einmal so richtig austoben. – Und nutzt jede Gelegenheit dazu. Mehr noch: Die Zeit für mancherlei Abrechnung scheint gekommen. Titel wie Geheiligte Vendetta oder Der Tag der Boshaftigkeit erzählen darüber Bände. Manchmal, ja, manchmal schlägt Torpedo sogar für seine Verhältnisse über die Stränge und das Grinsen im Gesicht des Lesers über seine Untaten versteinert schlagartig.
Zuallererst jedoch geht es für Torpedo ins Ausland, nach Kuba, zu jener Zeit, als die Stimmung zwischen den USA und Kuba noch in Ordnung war. Als Kuba nur die Bedeutung von Zuckerrohrschnaps, heißen Rhythmen und noch heißeren Bräuten hatte. Torpedo ist aber nicht zum Tanzen und Saufen nach Kuba gekommen, noch weniger zum Vergewaltigen, was er hin und wieder auch ganz gerne praktiziert, nein, er hat einen Job: Er soll jemanden umlegen.
Trotz aller Gewalt zelebrieren Jordi Bernet und Enrique Sánchez Abulí ein Spaßfest, das jedes noch so kleine Klischee über Latinos, Latinas, Kuba, Südamerika, südamerikanische Gangster, Revolución, Salsapartys ausgräbt. Daneben finden sich kleine Anleihen, Seitenhiebe und Verbeugungen vor den kleinen und großen Vorbildern. Einen großen Spaßfaktor bedeutet hier auch das Auftreten von Gangster-Drillingen, schön abgestuft groß, mit gleich geschnittenen Gesicht und mit den Namen Joe, Jack und Averell gesegnet. Die drei eifern einem Cartoon-Quartett nach und benehmen sich ein wenig wie eine Mischung aus den drei Stooges und den Marx Brothers.
Adieu Schönling heißt die Überschrift über das Ende eines Mannes, der sie alle haben kann. Mit alle sind natürlich die Frauen gemeint. Dieser Umstand lässt den unbändigen Jähzorn in Torpedo hoch kochen, ebenso wie in der Geschichte Pietro, einer Episode aus Torpedos Jugendjahren.
Letztere Geschichte gehört zu denen, die es ganz besonders in sich haben und nicht so recht zu begreifen sind. Mag die Geheiligte Vendetta besonders aus italienischer Sicht begreiflich sein, der Gewaltausbruch zur Normalität gehören, ist dies in der erwähnten Geschichte, in der Torpedo ein Ehepaar mit einem Bügeleisen zu Krüppeln schlägt nicht verständlich. - Na ja, einen schlechten Tag hat jeder mal, oder? So Torpedos abschließender Kommentar dieser Episode. Nur das Glucksen eines Säuglings, dem er bereits vor seiner Wiege mit erhobenen Bügeleisen gegenüber steht, hält ihn von einer weiteren unseligen Tat ab.
Spätestens jetzt sollte jedem Leser klar sein, dass Torpedo niemand ist, den man sonderlich leiden kann, der des Mitleids in irgendeiner Form würdig ist. Luca Torelli, so Torpedos bürgerlicher Name, kennt seit seiner Geburt nichts anderes als die Gewalt. Die verschiedenen Altersstationen, von denen auch hier wieder etwas zu bestaunen sind, werden von Jordi Bernet mit einem unglaublichen Geschick zu Papier gebracht.
Da ist der ständig strenge Blick Torpedos (ganz wie Clint Eastwood), das wahnhafte Gesicht, der ohnmächtige Zorn, das freche Grinsen und der relativ harmlose Großkotz. Hier ist alles auf dem richtigen Punkt. Da sitzt nichts schief, da passt die Perspektive, die Schatten betonen, was besonders gesehen werden soll. Bei merkwürdigen Gestalten wie den Drillingen (oder drei Brüdern) und den Jackson-Brüdern Chuck und Jock kann Bernet so richtig aufdrehen. Letzteren gönnt der den disneyschen Bösewicht-Look aus den frühen Zeichentricktagen, ein Aussehen, das manche Szene umso pikanter macht.
Gewalt, Sex und Abartigkeit sind noch einmal eine Stufe höher gestiegen in dieser letzten Ausgabe. Der Beigeschmack ist bitterer, sicherlich kann man lachen, sogar herausprusten, doch dafür muss man auch die verdammt bittere Pille in Kauf nehmen, die es zu schlucken gilt. So leicht lassen Bernet und Abulí den Leser diesmal nicht davon kommen. Glänzende Unterhaltung ist es trotzdem, da Abulí tolle Szenarien verfasst und diesen riskanten Gang über das Drahtseil gewagt hat. Wenn man auf der anderen Seite ankommt, muss man erst einmal tief durchatmen.
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Stichwörter: enrique sanchez abuli, jordi bernet
Donnerstag, 24. April 2008
Das Spiel ist nicht irgendein Spiel. Es ist das uramerikanische Spiel der Spiele: Baseball. Nichts ist amerikanischer und nichts kann ein Europäer weniger nachvollziehen als die amerikanische Begeisterung für Baseball. Sogar Torpedo ist dem Spiel verfallen – auf seine Art.
Torpedo und sein Gehilfe Rascal nehmen eine Bar auseinander. Während im Hintergrund eine Sportübertragung läuft, haben sich die beiden Killer ihre beste Baseballkleidung angezogen und statten einem widerspenstigen Kneipenwirt einen folgenschweren Besuch ab.
Torpedo einen Schurken zu nennen, wäre weit untertrieben. Der Archetyp eines völlig missratenen Menschen (bis auf einige wenige Ausnahmen) erlebt in dieser 4. Ausgabe der Reihe, wie es ist, wenn man selber auf der Abschussliste steht und nur haarscharf seinem Schicksal entkommt.
Der Killer hat mehrfach bewiesen, dass er ein heterosexueller Mann ist. In der ersten Geschichte Die Kehrseite des Goldstücks spielt Enrique Sánchez Abulí auf der Klaviatur der Urängste dieser Sorte Mann, einer Sorte, die sich außerdem noch für besonders männlich hält. Die Auflösung, die Pointe ist wieder typisch Abulí, so dass der Leser sich entscheiden kann, ob er Mitleid haben oder lachend zusammenbrechen soll.
Die Darstellung der Jazz-Musiker ist ein wenig stereotyp, sehr klischeehaft, aber Abulí und sein Zeichner Jordi Bernet sind weit davon entfernt, ein realistisches Bild der Zeit abzugeben. Außerdem ist Torpedo derart böse, gemein, zynisch, brutal, sadistisch und eigentlich alles, was ein Gangster in einer Person vereinen kann – nicht zwangsläufig muss – so dass man ihm als Leser auch nur alles erdenklich Schlechte wünschen kann. Aber irgendwie hat er dann das Quentchen Glück, um nicht immer ganz heil, so doch wenigstens nur angekratzt aus der jeweiligen Situation herauszukommen.
So manche Szene oder Geschichte in Torpedo erinnert zuweilen an Vorlagen aus Film oder Roman. So kann sich der Leser (in diesem Falle ich) auch diesmal nicht so ganz des Eindrucks erwehren, hier oder da die eine oder andere Anspielungen oder Hommage zu entdecken. In Die Friedenstaube schaffen Torpedo und sein Sidekick mit hinterhältigen Schießereien Klarheit. Leider sieht man hierbei keine Zeugen wegrennen, ansonsten wäre dies ein guter Hinweis auf Manche mögen’s heiß. Der Killer-Job, den die beiden Mörder auf der Hochhausbaustelle auf den Stahlträgern zu verrichten haben, erinnert in seiner komödienartigen Erzählweise an The Riveter (dt.: Donald, die Niete, 1940). Dort raubte Donald Duck mit seinen überaus schlechten Fähigkeiten als Nieter auf einer Hochhausbaustelle seinem Vorgesetzten Kater Karlo den letzten Nerv.
Die Anspielungen mögen vielleicht nicht stimmen, Tatsache ist auf jeden Fall, dass Abulí mit der gleichen Form der Slapstick spielt, die auch in alten Disney-Zeichentrickfilmen der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zu finden ist. (In der Episode Wer hat Angst vorm bösen Wolf ist die Anspielung offensichtlich, denn Bernet verwendet sogar den bösen Wolf in der Form, wie er bei Disney hinter den drei kleinen Schweinchen hinterher war.)
Missverständnisse, Ausflüge in die Kindheit und Jugend von Torpedo sowie die Fähigkeit über die Fehler derer zu stolpern, die er gerade noch belächelt hat, das machen die Episoden in diesem Band aus. Abulís Fähigkeit, den Werdegang von Torpedo zu erzählen, wie auch die Fähigkeit von Bernet genau diese Kindheitstage in Szene zu setzen, machen aus den Erinnerungen ganz besondere kleine Episoden.
Bernet arbeitet gerne mit Gesichtsausdrücken, von denen ihm die Geschichten viele vorschreiben. Auch Torpedo schafft es nicht auf dem elektrischen Stuhl die Ruhe zu bewahren. Der große böse Wolf bereitet ihm ähnliche Angst, bis sie wieder hinter den zusammengekniffenen Clint Eastwood-Augen verschwindet. Arroganz prägt Torpedos Mimik für gewöhnlich, aber manchmal blitzt auch ein Wolf hindurch, eine Fratze, der nur noch lange Eckzähne fehlen, um einem gewissen Dracula-Darsteller zu ähneln.
Sehr unterschiedliche Abenteuer des fiesesten Halunken der Comic-Geschichte, mit einem sehr erwachsenen, aber auch beständig bitterbösen Humor erzählt, gewohnt gut gezeichnet und einmal, ein einziges Mal zeigt Torpedo diesen berühmten Funken Mitleid – der aber im Sinne nachfolgender Episoden nicht lange anhält. Eine pechschwarze Film noir-Wiederbelebung zwischen Comic-Seiten, auf seine Art einfach nur gut.
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Stichwörter: enrique sanchez abuli, jordi bernet
Dienstag, 02. Oktober 2007
Es war einmal ein kleiner Junge namens Luca Torelli. Er und sein Bruder Mario hatten eine schwere Kindheit in Italien. Der Vater war ein Säufer, die Mutter eine Heilige. Es kam, wie es kommen musste. Als Mario eines Tages seine Mutter gegen den prügelnden Vater verteidigen will, wird er von diesem tot geschlagen.
Luca ist noch kleiner als sein Bruder Mario. Er weiß, dass jegliches Aufbegehren auch ihn das Leben kosten würde. Also lässt er sich etwas anderes einfallen. Er lauert dem Sohn von Don Francesco auf, denn er weiß genau: Wenn dem Sohn Übles widerfährt, wird sich Don Franceso rächen. Vorzugsweise an Lucas Vater.
Warum behandelt Vittorio Torelli seine Söhne so? Enrique Sánchez Abuli geht mit der Kurzgeschichte Mit geballter Faust auf die Herkunft Lucas ein. Auf Sizilien im Jahre 1903 ist es auf dem Lande nicht eitel Sonnenschein. Carlo Torelli ist in Luciana verliebt, ein Gefühl, das auf Gegenseitigkeit beruht. Leider hat Lucianas Vater Cesare etwas dagegen. In einem krankhaften Besitzdenken will er seine Tochter für sich allein. Es kommt zum erzwungenen Inzest. Und nicht nur das. Cesare lauert mit einem Kumpanen dem jungen Carlo auf.
Das Rad der Blutrache beginnt sich zu drehen. Der örtliche Don hat andere Pläne!
1936 ist aus Luca Torelli ein skrupelloser Killer geworden.
Inzwischen hat er den großen Teich überquert. Zu seinen Aufträgen und auch eigenen Plänen gehören Mord, Entführung, Schutzgeldeintreibung und Lösegeldforderungen – und eigentlich alles, was einem Kriminellen, der sein Gewissen vollends verloren hat, Spaß machen kann.
Wenn man seiner Herkunftsgeschichte glauben darf, konnte aus Luca nur der legendäre Killer Torpedo werden. Allerdings ist Luca mit seinem Charakter in bester Gesellschaft im kriminellen Untergrund.
Torpedo (und ganz besonders diese Ausgabe) wurde von Abuli mit pechschwarzem Humor geschrieben. Politisch korrekt sucht der Leser hier vergebens. Sexuelle Vorlieben und Perversionen, Gewalt in allen Formen, gegen Mensch und Tier, Vorurteile gegen Volksgruppen, gegen Frauen, gegen Kinder – Lucas Leben in Sizilien und später in New York ist eine einzige Freakshow. In seiner Welt gibt es (so gut wie) keine normalen Menschen.
Wer zu zart besaitet ist und eine überspitzte Form von Hollywoods alter schwarzer Serie nicht vertragen kann, sollte einen Bogen um Torpedo machen. Anfänglich mag ein herkömmlicher Comic-Leser noch lachen, spätestens wenn auf die übelste Weise gemordet und vergewaltigt wird, bleibt das Lachen im Halse stecken – wenn man zart besaitet ist.
Ansonsten kann man über diesen Humor, der nicht aus dem Land des schwarzen Lächelns, England, stammt, nur herzhaft, wenn nicht sogar aus vollem Halse lachen. Allerdings gibt es auch Lacher, die erst auf den zweiten Blick zünden (nachdem man einmal geschluckt hat, weil damit nicht zu rechnen war). Das beste Beispiel dürfte Lucas Herkunft sein. Dieses letzte Bild setzt dem gesamten Band das wohl verdiente Krönchen auf.
Voll integriert ist Harry, Torpedos Sidekick. Der etwas zurückgebliebene kleine Gangster darf ein eigenes Abenteuer bestehen und versieht auch in anderen Kurzgeschichten wichtige Rollen – so auch als Geisel.
Interessanterweise hat Torpedo, was Harry anbelangt, ein wenig Herz entwickelt. Harry erhält zwar hin und wieder noch den einen oder anderen Schwinger, doch ist seine Position neben Torpedo deutlich gestärkt. Zeitweilig unterhalten sie sich wenigstens auf Augenhöhe.
Eine schöne Episode mit den beiden (in deren Verlauf natürlich ein Mordauftrag ausgeführt wird) findet in einem Kino statt. Während sie sich auf ihre Tat vorbereiten, sofern das nötig ist, läuft ein Tarzan-Film über die Leinwand. Ihre Schlüsse sind nicht hochtrabend. Ganz im Gegenteil, geht es hauptsächlich darum, ob Tarzan Jane nehmen wird oder nicht. Zwischendurch bekommt ihr Opfer immer wieder einen Ellenbogenstoß ab, denn ganz gleich was er sagt oder nicht sagt, es ist grundsätzlich falsch.
Torpedo wäre vielleicht niemals so gut, gäbe es nicht einen Zeichner wie Jordi Bernet, der den Figuren eine unglaublich gute Figur in reinem Schwarzweiß verleiht. Hager wie einst Clint Eastwood ist Luca Torelli eine Mensch gewordene Mischung aus Frettchen und Hyäne. Da es eine Figur ist, die bereits seit frühester Jugend die Verbrechen um sich herum kennt, ist sein Mienenspiel stark eingeschränkt. Erstaunen ist selten, selbst echte Wut gibt es kaum. Lucas Gesicht ist immer etwas mürrisch. Ausnahmen bestätigen die Regel, so in Augenblicken, wenn es ihm nichts ausmacht, einem Säugling die Muttermilch zu stehlen.
Die vorliegende Ausgabe könnte nicht bestehen, wenn Bernet nicht auch einen gewissen Spaß an seiner Arbeit gehabt hätte.
Ein herrlich düsterer Humor, abgrundtief gemein und meilenweit unter jeder Gürtellinie, brutal, perfekt gezeichnet und mit jeder Geschichte pointiert erzählt, so präsentieren Abuli und Bernet ein Gangsterszenario, in dem nichts fehlt: Entführung, Mord, Bandenkrieg, Rache, Pferderennen und einiges andere, um die sich ein handfester Gangster nicht schert. Wer es nicht pechschwarz mag, Finger weg, für alle anderen: Schlapplachen.
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Freitag, 18. Mai 2007
Torpedo ist zurück. Luca Torelli, der Killer mit dem Spitznamen einer U-Boot-Waffe, legt sich wieder mächtig ins Zeug, um die Drecksarbeit anderer zu erledigen. – Und manchmal ist es auch schlicht die Rache, die ihn antreibt.
Wie tötet man jemanden, dessen Spitzname Neunleben lautet? Luca gibt sich jedenfalls alle Mühe. Gerade als er glaubt, er habe es geschafft, wird er wieder eines Besseren belehrt. In der Geschichte Die Kunst definitiv zu liquidieren führt Luca ins Krankenhaus, wo er als Arzt verkleidet seiner Arbeit nachgeht. Das hat reichlich dunklen Witz. Überhaupt muss Luca sich in sehr vielen Rollen behaupten. Er täuscht vor, ein Privatdetektiv zu sein. In der Prohibitionszeit macht er sich mit einer Wagenladung Alkohol auf den Weg. Als Leibwächter versagt er völlig. In Sing Sing, einem Gefängnis mit legendärem Ruf in den Vereinigten Staaten, weiß er sich bei seinen Mitgefangenen auf seine gewohnte und schnodderige Art zu behaupten.
Luca Torelli ist ein richtiges Ekelpaket. Es gibt nichts, was man an ihm leiden kann. Er besitzt keine Ehre. Er ist brutal. Er vergewaltigt Frauen, wie es ihm gerade in den Kram passt. Überhaupt macht er alles so, wie es ihm gerade in den Kram passt.
Warum bereiten seine Geschichten dennoch so viel Lesevergnügen? - Vielleicht liegt es daran, dass jeder Mann gerne mal ein richtiges Schwein wäre. Allerdings, und das macht Autor Enrique Sánchez Abuli sehr schnell deutlich, folgt auf jeder gesetzlichen und moralischen Entgleisung die Strafe auf dem Fuß. Auch das macht den Spaß an der zweiten Ausgabe aus der Torpedo-Reihe deutlich.
Spiel’s noch einmal, Sam hat wenig mit dem allseits bekannten Casablanca zu tun. Eine Frau wurde entführt und Luca nutzt die Gelegenheit, um ein wenig Extrageld einzustreichen. Zuvor gilt es jedoch die Entführer außer Gefecht zu setzen. Das gestaltet sich wegen Lucas Zügellosigkeit mal wieder sehr schwierig. Luca hat jedoch auch mal wieder ein Schweineglück.
Die Kamellen Dame, kein Schreibfehler, gehört zu den Frauen, die sich zu wehren weiß. Abuli fixiert sich nicht auf das stetig gleiche Frauenmuster der mehr oder weniger hilflosen oder auch notgeilen Schlampe. Nur meint Luca wohl, dass es in dieser Welt nichts anderes gibt. Entsprechend schlittert er auch in die wohlverdiente Misere.
Auf der anderen Seite bestärkt Abuli ihn wie in Tic Tac in seinem Glauben. Na, ein Killer muss auch Erfolg haben und wenig Menschenkenntnis gehört auch zum Job.
Der unglaublich böse Witz wie er beispielhaft in Miami Bitch und Ein fürchterliches Honorar zu finden ist, lässt Torpedo deutlich aus dem Thriller-Genre herausragen – übergreifend, unabhängig vom Medium. Torpedo gibt sich ähnlich düster wie Sin City, aber der Humor hebt die vielen Geschichten im Stile des Film Noir auf eine ganz andere Stufe. In Tic Tac und in Miami Bitch ist es ihm vergönnt, Gauner aufs Kreuz zu legen – man weint keinem der Beteiligten auch nur eine Träne nach. In anderen Situationen, wie in West Sad Story, erhält Luca seine Strafe. So moralisch erzählt Abuli seine Geschichten doch. – Natürlich nicht so moralisch, dass die Konsequenz in Lucas Tod liegen würde.
Man darf nicht vergessen, dass Lucas Welt abseits des Gesetzes liegt. Innerhalb dieser Welt hält er sich schon an Regeln – meist handelt es sich dabei um das Gesetz des Stärkeren oder dessen mit der größeren Ganovenschläue.
Die Atmosphäre dieser Welt ist vom Zeichner Jordi Bernet ungeheuer gut eingefangen. Fast könnte man meinen, dass in der nächsten Szene James Cagney oder Edward G. Robinson um die Ecke kommt – oder um die Ecke gebracht wird, um im dunklen Humor der Geschichten zu bleiben. Ein halb verhungerter Clint Eastwood hätte Luca Torelli spielen können. Mit der Schnodderschnauze, die er in Dirty Harry führt, würde es wirklich gepasst haben.
Bernets Strich ist absolut locker und stilsicher ausgeführt. Schatten werden selten ganz hart geführt. Mit leicht geführtem Pinselstrich wird so ein Verlauf simuliert oder Verläufe angedeutet. Optisch macht er aus Luca und seinem Gefolgsmann Rascal ein komisches Duo, deren Auftreten und ihre Brutalität im genauen Gegensatz zu ihrem Äußeren stehen. In der letzten Episode Ein fürchterliches Honorar, die besonders lang ausfällt, darf Bernet einige neue Seiten an Luca zeigen. Es ist wirklich lustig, wie aus Luca plötzlich ein Charmeur wird und wie es Bernet Vergnügen bereitet, diese Szenen zu zeichnen.
Perfekte, düster-komische Thriller- und Krimi-Unterhaltung, gelungen in seiner Erzählweise, immer in der richtigen Länge, sehr kurzweilig und man kann den Band als Gangsterfilm-Fan erst nach der letzten Seite weglegen.
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Freitag, 06. Oktober 2006
Im Jahre 1936 macht ein Killer von sich Reden. Schleichend, aber unaufhaltsam, wird er zu einer Größe in der Unterwelt.
Der Weg ist lang, nicht immer sind die Aufträge von Luca Torelli von Erfolg gekrönt. Jeder muss Lehrgeld bezahlen, egal, was er macht. Torelli, alias Torpedo, arbeitet sich nach oben. Wer sich den Torpedo nicht leisten kann, ist gezwungen, in Naturalien zu bezahlen: Besonders Frauen.
Der Killer kennt nur eine Moral: Gewinnen. Damit verbunden ist Geld. Luca Torelli will reich sein. Vor langer Zeit betrat er als jugendlicher italienischer Einwanderer amerikanischen Boden. Als Schuhputzer schlug er sich durch. Bald stellte er fest, dass harte Arbeit allein ihn nicht voran bringt. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts waren die Ärmsten der Armen die Fußabtreter der Mächtigen.
Luca wird schnell zum Prügelknaben eines Polizisten. Doch wie ein in die Enge getriebenes wildes Tier hält es Luca irgendwann nicht mehr aus. Als sich die Gelegenheit ergibt, schlägt er zurück. Ohne Erbarmen, nie hat er Wohlwollen erfahren, noch wird er jemals bereit sein, Gnade zu gewähren.
Nachdem er die Polizei schon nicht respektieren kann, lernt er schnell, dass auch Ganovenehre eher eine romantische Vorstellung ist. Und Frauen wollen ohnehin nur benutzt werden. Luca Torelli verfolgt diese wenigen Grundsätze ohne Skrupel. Wer Torelli reinlegt, bekommt all seine Rache zu spüren: Rache ist ein Gericht, dass am besten kalt serviert wird. Nicht immer kann der Zorn in Torpedo diesen Grundsatz in die Tat umsetzen lassen.
Aus dem Einzelgänger wird ein Killer, der sich einen Leibwächter leisten kann (leisten muss) – ein schlecht bezahlter Job, in jeder Hinsicht. Selbst wenn das Geld stimmen würde, so ist Luca Torelli wohl der mieseste Arbeitgeber der Unterwelt. Allerdings kann man Rascal, Torpedos Leibwächter und Fußabtreter, kaum bemitleiden, denn in Sachen Gewalt steht der Gehilfe seinem Herrn in nichts nach.
Der erste Band der Gesamtausgabe von Torpedo schickt den Leser in die amerikanische Unterwelt des Jahres 1936, als Gangster noch echte Gangster waren. Doch mag der Leser beachten, dass Torpedo jegliche Kriminellenromatik fehlt, die er von Darstellern wie Humphrey Bogart, Edward G. Robinson oder James Cagney her kennen mag.
Torpedo ist bitterböse und gemein. Torpedo achtet nur Torpedo. Torpedo verachtet die Menschen, vielleicht, weil sie allzu schnell bereit sind, ihn zu bezahlen, um andere Menschen zu töten. Torpedo tötet alles, nicht nur die, die sich auch wehren können. Da ist auch schon mal ein Priester dabei. Nur das Ergebnis zählt. Wenn ein Opfer in den Rücken geschossen wird, dann ist das beinahe schon ein Gnadenakt.
Torpedo wird jene Leser ansprechen, die schon Sin City mochten. Es geht in die Unterwelt, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Luca Torelli, von Autor Enrique Sanchez Abuli erdacht, durchlebt die verschiedensten Episoden und Lebensabschnitte. Besonders interessant sind seine Jugendtage, die zeigen, wie er auf die falsche Bahn geriet. Abuli zeigt hier sehr schön, warum Torelli plötzlich die Hutschnur platzt. Das mildert sein Verhalten keineswegs, Moral ist hier absolut fehl am Platze. Abuli erzählt eine Gangstergeschichte, den Aufstieg eines bösen Buben.
Als Leser (und Fan solcher Geschichten) kann man sich schwerlich entziehen, denn Abuli platziert viel Humor in diese Episoden, Zynismus, Ironie, kleine Seitenhiebe. Wenn Torelli als Weihnachtsmann verkleidet zu einem Rachefeldzug aufbricht oder einem Poltergeist nachspürt, dann kann man sich das Grinsen nicht verkneifen.
Wenn Torelli seinem Handwerk auf drastische Weise nachgeht, kann dieses Grinsen schlagartig (im wahrsten Sinne des Wortes) vergehen – oder auch nicht. Denn wie zum Beispiel bei Quentin Tarantino, der ein Fan von Torpedo sein soll, ist auch hier überzogene Gewalt ein Mittel des Humors.
Die ersten beiden Episoden wurden noch von Zeichner Alex Toth in Szene gesetzt. Toth zensierte wohl die eine oder andere Vorlage von Abuli während des Zeichnens. Bei seinem Nachfolger Jordi Bernet geschah das nicht mehr. Mit einem großartigen Strich, mit einem sehr dokumentarischen Charakter, der an alte Zeiten erinnert, als Fotografie noch nicht der Normalfall war, bringt Bernet einen Luca Torelli wie einen Gangster-Archetypen zu Papier – (der rein äußerlich von einer jungen Variante des Leonard Nimoy hätte gespielt werden können).
Dank Bernet ist Torpedo eine hervorragende Film Noir-Unterhaltung geworden, spannend, künstlerisch sehr gelungen, aber sicherlich nicht für jedermann geeignet. – Als jemand, der die alten Filme aus Hollywoods Schwarzer Serie mag, freue ich mich bereits auf die Fortsetzungen.
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