Samstag, 15. März 2008
Meide die Höhle. Es ist sehr wichtig, dass du die Höhle meidest. Niemand, der sie jemals betreten hat, ist zurückgekehrt. Niemand. Deshalb: Meide die Höhle! – Alles Quatsch. Ammenmärchen. Blödes Geschwätz. Die Menschen fliegen in Raumschiffen zwischen den Sternen und soll an einer blöden Höhle im Nirgendwo etwas Unheimliches sein?
Roark muss den anderen Jugendlichen nichts beweisen, aber ihr abergläubisches Geschwätz macht ihn ärgerlich, großspurig. Doch bereits nach wenigen Metern, die er in die Höhle hinabgeklettert ist, macht er eine furchtbare Entdeckung. Die Geschichten sind wahr. Sie sind alle wahr! Wie in einem riesigen Spinnennetz haften ausgetrocknete Körper an der Höhlenwand, die toten Münder immer noch zu stummen Schreien aufgerissen.
Viele Jahre sind vergangen. Ripley ist tot. Die letzten bekannten Aliens sind tot. Tot? Nein. Nicht, soweit es das Militär betrifft.
Langsam nähert sich das Raumschiff. Von seiner Fracht dürfen nur die wenigsten etwas wissen. Das All ist zwar ein lebensfeindlicher Raum, doch Menschenschmuggel und -handel zu experimentellen Zwecken ist immer noch nicht gut angesehen – vor dem Gesetz. Als die Schmuggler an Bord der U.S.S. Auriga andocken, erwarten sie keinerlei Schwierigkeiten, schließlich wäscht hier eine Hand die andere.
Annalee Call ist neu an Bord der Schmuggler. Als Gesetzlose unerfahren macht sie aber nicht völlig den Eindruck, als habe sie sich noch nie zwischen den Sternen bewegt. Außerdem ist sie sehr neugierig und besitzt ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Nach einer Begegnung, die dank ihres Kumpanen Johner in eine Keilerei ausartet, ist er sehr schnell bewusst, wer sie gerade alle miteinander verprügelt hat: Ellen Ripley.
Aber wie ist das möglich?
Annalee hat eine Idee. Leider bewahrheitet sich diese Annahme auch bald. Die U.S.S. Auriga wird zum Schlachtfeld.
Noch weiter weg, auf einem entfernten Planeten, in der Unwirtlichkeit einer ausgedorrten Landschaft sind die Menschen sehr anfällig für schwermütige Gedanken.
Prediger haben hier ein leichtes Spiel. Geistige Verwirrungen werden hier nicht als Hirngespinste abgetan. Hier kann alles geschehen. Hier hört man gerne Geschichten. Sie sind eine Abwechslung. So verwundert es auch niemanden, als ein ausgezehrter alter Mann von einem dunklen Monster erzählt. Die Leiche, die kurz darauf in einem Kloster gefunden wird, ist allerdings echt. Die Wunden, die dem Toten beigebracht wurden, könnten von einem Tier verursacht worden sein. Oder von etwas anderem.
Von etwas, das bald schon sein Unwesen unter den übrigen Siedlern treibt.
Aliens – Das bedeutet Horror in einer Science Fiction Umgebung, in der Zukunft, in der Gegenwart, sogar in der Vergangenheit.
In drei Geschichten verbreiten diese modernen Monster ihr Unwesen. Längst sind sie moderne Klassiker. Die Schöpfung des Schweizer Künstlers H.R. Giger, der uns auch das andere Ich von Sil nahe brachte, verbreitet nach beinahe 30 Jahren immer noch Schrecken auf Leinwand und Comic, mitunter auch im Roman. Die Andersartigkeit dieses Wesens ist bis heute immer noch unübertroffen.
Zwei sehr gute Comic-Künstler, Eduardo Risso, Horror-erprobt, und Richard Corben, spätestens seit Den ein Comic-Schwergewicht, haben sich der Geschichten im vorliegenden Band angenommen.
Der Geist beschreibt die Bedrohung durch ein einzelnes Alien in einer Kolonie, die der Zuschauer sie bereits aus Aliens – Die Rückkehr her kennt. Da ein solches Monster im klaren Vorteil gegenüber einer Gruppe von Teenangern ist, wurde ihm von Autor Jay Stephens ein Handicap mitgegeben. Das erleichtert den Protagonisten die Fluchmöglichkeiten, aber an eine Gegenwehr ist mit bloßen Händen immer noch nicht zu denken.
Mit einem ordentlichen Gruselfaktor und einem abschließenden pechschwarz humorigen Ende erzählt Stephens von der Flucht der Jugendlichen in einer stark klaustrophobischen Atmosphäre.
Nicht weniger spannend, dafür für Kinogänger vermutlich bekannter ist die Comic-Umsetzung des vierten Alien-Spektakels Widergeburt. Für die Macher des damaligen SciFi-Krachers stellte sich die Frage, wie sie Ripley weiterverwenden konnten, da diese so unwiederbringlich in einen Hochofen gestürzt war (Alien 3). Die Lösung hieß Klonen. Und nicht nur das. Schnell erfährt der Leser, dass Ripley lediglich ein Nebenprodukt ist, ein interessantes zwar, aber nichts, was die Militärs besonders zu faszinieren vermag. Das zu erreichende Ziel war eine Königin, eine weibliche Stammmutter neuer Aliens.
In perfekter Schwarzweiß-Technik zeigt Eduardo Risso auch hier, wie er Bilder zu erzeugen weiß, die an den Film erinnern und dennoch vollkommen eigenständig sind. Auch verfällt er nicht dem Ehrgeiz anderer Zeichner und versucht die Schauspieler allzu deutlich nachzubilden, sondern zeichnet seinen eigenen Weg.
Bewundernswert bei Rissos Arbeiten ist es, wie es ihm einerseits gelingt, mit den Schatten zu spielen und anderseits in hellen Partien mit wenigen Strichen und Umrissen auf den Punkt kommt. Dies wird ganz besonders in dieser Umsetzung deutlich, deren Geschichte im Gegensatz zur ersten Erzählung zwar bekannt ist, aber in ihrer Umsetzung besser zu gefallen weiß.
Zum guten Schluss, und das ist wörtlich zu nehmen, findet sich eine Geschichte mit dem Titel Alchemie, in der sich alles aufzulösen scheint. Ein Alien dringt in eine isolierte Gemeinschaft mit völlig eigenen Regeln und Mythen ein, doch letztlich ist dies nur die Feuerprobe, denn diese Gemeinschaft war bereits vorher am Ende. John Arcudi erschafft ein sehr durchdachtes Szenario, das sich dem Leser langsam erschließt, aber auch sehr dicht angelegt ist. Diese Episode muss mit höherer Aufmerksamkeit gelesen werden. Die Bilder von Richard Corben abstrahieren manchmal ein wenig, denn Corben liebt es, seinen Figuren ein leicht puppenhaftes Aussehen zu geben. Hier trägt es toll zur Andersartigkeit, zur Fremdheit der Atmosphäre bei. Besonders bei den Gläubigen wird der Aspekt eines religiösen Wahns so besonders gut getroffen.
Eine tolle Mischung dreier Alien-Geschichten. Mal im Sinne einer klassischen Gruselhatz, mal eine gelungene Filmumsetzung, die für sich in Anspruch nehmen kann, sehr gut adaptiert worden zu sein und abschließend eine atmosphärisch sehr dichte Geschichte, die fast so etwas wie ein sorgfältig gesetzter Rückschritt zur Unheimlichkeit des filmischen Originals ist. Grusel- und Alien-Fans liegen hier genau richtig.
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Stichwörter: jay stephens, eduardo risso, john arcudi, richard corben
Samstag, 01. März 2008
Die junge Frau ist tot. Ein Schuss traf sie direkt in die Brust. Spärlich bekleidet liegt sie auf dem ungemachten Bett. Erinnerungen werden wach. An eine tote Mutter. Ebenfalls erschossen. Der Mann hinter der dunklen Maske weiß wieder mit bestechender Genauigkeit, warum er diese finstere Aufgabe auf sich genommen hat.
Die Nachforschungen gestalten sich nicht leicht, aber irgendwie ist es trotzdem Routine. Angst einjagen. Die richtigen Personen einschüchtern. Am Ende findet er den Mörder. Einen von ganz oben, einen angeblich unbescholtenen Bürger. Er kriegt sie alle, denn er ist Batman.
Hier sind sie alle versammelt. - Na, gut, vielleicht nicht alle, aber viele, vor allem viele sehr gute Künstler. Der Comic-Fan, oder wenigstens –Interessierte, wird so manche Stilrichtung, so manchen Strich wieder erkennen.
Den Anfang macht Jim Lee, dessen Batman- und Superman immer etwas extrastark ausschauen, aber auch besonders finster sind. Die erste Geschichte, geschrieben von Autoren-Legende Warren Ellis lässt sich als Batman in Sin City beschreiben, eine Geschichte in der Geschichte, ein Mordfall, verbissene Verzweiflung, Zorn. Kurz und knapp werden hier die bezeichnenden Merkmale Batmans auf wenigen Seiten erzählt.
Sehr viel heiterer fällt da die Version von John Byrne aus, der gleichzeitig den Job von Autor und Zeichner übernommen hat. Byrne ist ein Urgestein, schon lange im Geschäft und kennt noch die alten Darstellungen Batmans, obwohl er selber im angrenzenden Universum, dem von Marvel, zu verdienten Ehren kam. Byrnes Batman ist ein fledermausiger Schlingel, aus jener Zeit, als das dynamische Duo ein ewig grinsender Männerclub war und auch so Einzug in das Fernsehen hielt in der Form von Adam West. Byrnes Batman hat Humor, denn wann wendete er zum letzten Mal den vulkanischen Nervengriff an?
Die Ideen in diesen Kurzgeschichten bieten nicht nur viel Spannung, sondern auch viel Humor. Eine sehr schöne Episode zeigt Harley Quinn und Poison Ivy hinter den Mauern von Arkham. Langeweile macht sich bei Harley breit. Während Poison Ivy immerhin Trost bei ihren Pflanzen findet, vermisst Harley ihren Pupsie. Damit ist natürlich niemand geringerer gemeint als Mr. J, gemeinhin auch als Joker im Gespräch.
Freunde der Zeichentrickserien über den dunklen Ritter neueren Datums werden vielleicht schon erraten, dass es sich hier um einen Zeichen- und Erzählstil im Sinne besagter Serien handelt, genauer Batman wie auch Batman und Robin. Obwohl Batsie hier nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt, ist der Wettstreit zwischen Harley und Ivy wunderbar gelungen und getroffen.
Fans dürfen sich in dieser Ausgabe auch auf die Werke von sehr klassischen Zeichnern freuen. Als da wären so klangvolle Namen wie Jordie Bernet und John Buscema. Ersterer ist mit Serien wie Andrax oder Torpedo bekannt geworden, letzterer hat sich wohl mit seinen Conan-Adaptionen in den Zeichner-Olymp gemalt.
Klassische Bilder im Sinne der goldenen Comic-Zeiten in den 80ern Jahren des letzten Jahrhunderts finden sich mit José Luis Garcia-Lopez, ein Batman-Abenteuer an der Seite der Grünen Leuchte von Erde 2, oder mit jener Arbeit von Claudio Castellini, in der ein Batman mit der Langspitzohr-Variante seinen Dienst versieht.
Über die Arbeit eines Alex Ross muss eigentlich kein Wort verloren werden. Selbst in Schwarzweiß sind seine Grafiken immer noch allererste Sahne, wie man so schön sagt. Außerdem zeigt er hier, dass seine Bilder nicht nur zum Cover herhalten sollten, sondern vermehrt zur Bebilderung ganzer Geschichten, da sich seine Grafiken besonders zur Umsetzung eines Comic-Romans eignen.
Aber auch die Freunde von Zeichnern, die dabei sind, sich in den Klassikerhimmel zu malen, können sich freuen, dass auch Eduardo Risso und Paul Pope ihre Variation von Batman beisteuern. Rissos Arbeiten zu Vampire-Boy prädestinieren ihn geradezu für düstere Szenarien. Da er sich auch mit Kriminalgeschichten vertraut machte, passt Batman einfach zu ihm.
Paul Pope hingegen entwarf mit seinem Batman eine höchst eigenständige Variante, die ausführlich in Batman – Das 100. Jahr ihren Ausdruck fand. Fernab vom Dasein eines Playboys ist dieser Batman die Inkarnation eines einsamen Rächers, dessen Leben am Tag sich wie in einer Hinterhofeinzimmerwohnung abspielt. Gerade das macht ihn als Figur vielleicht noch interessanter als jener Mensch, dem alle Möglichkeiten offen und zur Verfügung stehen.
Ob im Psychoduell mit Scarecrow oder in der direkten Konfrontation mit Gangstern, seinen inneren Dämonen, Pupsie oder dem Riddler, hier bleibt keine Zeit für Langeweile. Batman – Schwarz-Weiss führt zum Kern der von Bob Kane geschaffenen Figur, aber auch zu Neuinterpretationen, die an Slapstick heranreichen. Eine tolle Sammlung von Geschichten, bei denen manche ruhig hätten länger sein können, einfach, um die Arbeit der versammelten Autoren wie Paul Dini, Warren Ellis, Dave Gibbons und anderer wie auch der erwähnten Zeichner länger genießen zu können.
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Stichwörter: paul dini, alex ross, eduardo risso, john buscema
Montag, 11. Februar 2008
Nachdem der Dunkle Turm von Altmeister Stephen King eine Comic-Version findet, wird auch aus einer Geschichte von Horror-Autor Dean Koontz eine Comic-Adaption erfahren. Chuck Dixon liefert die Vorlage, die Zeichnungen werden von Brett Booth übernommen. Stilistisch erinnern die Bilder an Geschichten, wie der Horror-Fan sie auch von Top Cow her kennt. Eindrücke und eine kleine Zusammenfassung der im Mai 2008 erscheinenden Miniserie lassen abrufen unter:
Vorschau und Scribbles
Erste Farbseiten
Eduard Risso, der Mann mit einem absoluten Händchen für schwarzweiße Comicseiten, hat sich den wölfischen kleinen X-Men namens Wolverine vorgenommen. Die ersten Bilder wirken ungeheuer stimmungsvoll und lassen hoffen, dass dieses für Marvel-Begriffe eher ungewöhnliche Werk auch hierzulande erscheinen wird. Denn Autor ist Brian K. Vaughan, der in der letzten Zeit mit Y- The Last Man und Ex Machina von sich Reden machte. Erste Eindrücke finden sich unter:
Wolverine Schwarzweiß
Cover 1
Cover 2
Stichwörter: dean koontz, eduardo risso, frankenstein
Montag, 21. Januar 2008
Wer ist Mr. Graves? Ist er ein Wohltäter, der es nicht ansehen mag, wie Schuldige davonkommen? Gönnt er deshalb einigen besonderen Menschen diese Form der Rache?
Der Grundgedanke ist faszinierend. Brian Azzarello macht nicht nur seinen jeweiligen Hauptfiguren, sondern insgeheim auch dem Leser ein unmoralisches Angebot. Ein Unrecht ist geschehen, manchmal sogar eines, von dem der Betroffene zum ersten Mal erfährt. Eine Gelegenheit ergibt sich. Ein Koffer, eine unregistrierte Waffe, 100 Schuss Munition und unwiderlegbare Beweise. Sollte derjenige, dem dieser Koffer übergeben wird, sich dazu entschließen, seinen Inhalt in Racheabsicht zu benutzen, wird es keine Ermittlungen geben. Wie wird sich derjenige entscheiden, dem diese Gelegenheit zuteil wird?
Die Motive der einzelnen Personen, die einen Koffer überreicht bekommen, sind sehr unterschiedlich. Nur unter dem Strich steht immer ein Verlust. Der Verlust von Zeit, Verrat an der Freundschaft, Mord, Vergewaltigung, Missbrauch. Nicht jeder zieht sofort einen brutalen Schlussstrich. Vielmehr ergeben sich manche erst einmal ihrer Trauer. Es ist die Trauer über den Verlust in der Vergangenheit, aber auch die Trauer über den Verlust der letzten Unschuld, die noch verblieben ist.
Für Graves sind sie Marionetten. Irgendwie ahnt er den Ausgang der Handlung, wenn er ihn nicht sowieso bereits im Vorfeld weiß – so wie alles andere, von dem er bei der Kofferübergabe berichtet.
Brian Azzarello schildert besonders diese Übergabe sehr gruselig. Sehr gelungen ist hierbei eine Szene in einem Schnellimbiss zu nennen. Peinlichst genau und sehr süffisant reibt er einer Frau das Schicksal ihrer Tochter unter die Nase. Die Mutter hat sich bereits das Versagen ihres Mutterjobs vorgehalten, trauerte im verlassenen Zimmer ihrer Tochter, die im Alter von 12 Jahren aus ihrem Leben und aus der Familie verschwand. Das Ende der Tochter war schrecklich. Nun, vier Jahre nach ihrem Verschwinden, ist die Lösung zum Greifen nah und leider auch furchtbar.
Wer ist Agent Graves? Diese Frage stellen sich auch zwei vollkommen verschiedene Menschen, die beide mit dem Koffer konfrontiert wurden. Zu einer Antwort finden auch sie nicht.
Das Ambiente, das Flair, die Atmosphäre erinnert an X-Files (dt. Akte X). Hinter der Handlung läuft ein roter Faden entlang. Agent Graves ist hier der Kettenraucher, der geheimnisvolle Fremde, der über unglaubliche Macht zu verfügen scheint. Ihm zur Seite, noch geheimnisvoller, da seltener vertreten, Mr. Shepherd. Herr Gräber und Herr Hirte gehörten einmal zu einer gemeinsamen Gruppe, den Minute Men. Etwas ist geschehen, und die Gruppe wurde zerschlagen. Aber es gab Überlebende. Mr. Graves sorgt nach seinen Maßstäben dafür, dass sich neue Minute Men formieren. Dafür rekrutiert er auch solche Menschen, deren Gedächtnis kurzfristig umgeschrieben wurde. Minute Men sind ausgebildete Killer. So stellt sich in einer Episode der Eindruck einer Handlung von Robert Ludlum ein. Nur ist es hier nicht Jason Bourne, der sich erinnert. Auch kommt die Erinnerung mit dem Schlag einer geistigen Explosion daher. Aus Cole Burns wird im Handumdrehen ein Mörder, aus dem Eisverkäufer wird eine Kampfmaschine.
Ähnlich wie diese Explosion erfolgen stets die Schlussakkorde der Handlungen, die Brian Azzarello entwirft. Der Beginn ist schleichend, die Auflösung zumeist eine Überraschung und knallhart in jeder Hinsicht.
Azzarello lässt Spielraum für die Phantasie des Zuschauers, für das geistige Auge. Ein Schuss ist ein Schuss, wenn aber ein Stakkato von Schüssen mit seiner Lautmalerei das halbe Bild ausfüllt, lässt sich der Hass, der Zorn und die Verzweiflung hinter dieser Tat mehr als nur erahnen. Ähnlich ist der Kampf von Cole gestaltet, ähnlich sind auch die meisten Gewaltszenen aufgebaut. Eduardo Risso arbeitet hier sehr schön Hand in Hand mit Azzarello, versperrt mit Schatten die Sicht oder entwirft das Grauen außerhalb der Bilder. Allenfalls Blutspritzer lassen das Ausmaß der Brutalität erahnen. (Später findet sich zuweilen ein weit entfernter Blick auf das Endergebnis, doch so weit entfernt, dass man mit zusammengekniffenen Augen einen besseren Ausblick zu erhaschen versucht – in einem Film würde man sich das verkneifen, denn die Geräuschkulisse müsste bereits furchtbar genug gewesen sein.)
Eduardo Risso ist für seinen sehr einfach aussehenden Zeichenstil wohl schon oft kritisiert worden. Auch Howard Chaykin macht sich in seinem Vorwort nicht ganz davon frei.
Ich persönlich glaube, dass Risso seine stärksten Ergebnisse erzielt, wenn er völlig ohne Farbe auskommen muss und nur in Schwarzweiß arbeitet. Seine Figuren sind keine Karikaturen, wie es zunächst den Anschein haben mag. Sie sind reduzierte Abbilder. Einzig seine Frauen sind manchmal etwas eindimensional. Stilistisch hält er sich hinter der Geschichte zurück, und es passt. Er zeigt das, was gezeigt werden muss. Ein Gesicht liegt im Schatten. Nur die Augen und das Grinsen sind zu sehen. Dergleichen sagt genug aus.
Ein Thriller, der es in sich hat. Eine Mischung aus Akte X, Tarantino-Visionen und der guten alten Zeit, als Gangster und Detektive aus dem Dunkeln zuschlugen, mit einem gemeinen Grinsen im Gesicht. Langfristige Geheimnisse mischen sich mit kurzen Episoden, Gewaltakte, Rache und allesamt verlorene Seelen tanzen durch eine kraftvolle Erzählung. Für Thriller- und Krimi-Freunde findet sich hier ein tolles Konzept mit spannender Handlung.
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Stichwörter: brian azzarello, eduardo risso
Montag, 18. Juni 2007
Die blinde Fever und der Junge ohne Namen haben sich nach London geflüchtet. Sie glauben, sie hätten Ahmasi endgültig besiegt und wähnen sich nun in Sicherheit. Fever genießt die Avancen, die sie von einem indischen Illusionisten erhält. Der Junge kann endlich einmal in aller Ruhe Kind sein.
Doch das Unheil schwebt immer noch über ihren Köpfen. Irgendwie kann der Junge es spüren. Ein Zeitungsartikel bestätigt seine instinktiven Ahnungen. Tatsächlich hat es die ägyptische Priesterin geschafft, ihren Kopf zu finden. Mit einer neuen Identität und einem Schal um den Hals, der ihre nicht verheilende Wunde verbergen soll, macht sie sich an die Verfolgung.
Der Junge ohne Namen möchte die Angelegenheit mit Ahmasi endlich beenden. Es ist zu viel Zeit vergangen, während der er immer wieder von Ahmasi gejagt, gedemütigt und auf die verschiedensten Weisen gequält wurde. Es muss ein Mittel geben, um das unsterbliche Leben zu überwinden. Der will einen Weg finden, um Ahmasi zu vernichten. Inzwischen geht es nicht mehr nur um ihn. Zu viele unschuldige Menschen starben durch Ahmasis Hand, einzig weil sie dem Jungen ohne Namen ihre Hilfe angeboten hatten.
Eine Spur führt zu einem Friedhof. In einem alten Grab findet sich wirklich ein schriftlicher Hinweis aus einer unbekannten Quelle. Nun gibt es eine konkrete Adresse, wohin er sich wenden kann – wenn es ihm auch unbegreiflich ist, wer diese Botschaft für ihn in einem Grab in London deponiert haben dürfte. Doch die Nachricht ist keine Falle. In einer verfallenen Kirche erwartet den Jungen ein alter Mann, der der letzte in einer langen Kette von Wächtern ist, die immer gehofft hatten, den Unsterblichen zu begegnen. Denn nur sie wissen, wie ein Unsterblicher seine Existenz beenden kann.
Ahmasi ist in London eingetroffen. Mit ihr kommen Tod und Verzweiflung. Aus der Not wird ein Plan geboren. Der letzte Kampf gegen Ahmasi soll die Entscheidung bringen. Der Junge ohne Namen wird sich nicht mehr verkriechen, sondern setzt alles auf eine Karte, von der er hofft, dass sie gewinnen wird.
Mit Vampire Boy 3 – Die Erlösung findet eine hoch spannende Trilogie ihren Abschluss. Nach einer Reise durch die Zeit, der Wiederkehr in ein modernes Amerika, endet nun alles in einem dunklen verregneten London. Im Endspurt der Geschichte nehmen Autor Carlos Trillo und Starzeichner Eduardo Risso noch einmal Fahrt auf.
Doch zuvor hält eine Spur Melancholie in die Geschichte Einzug, die durch das lange Leben des Jungen ohne Namen absolut begründet ist. Er ist des Lebens müde geworden. Sein Finale mit Ahmasi ist Abrechnung und Rückblick zugleich. Die Idee einer Gruppe von Wächtern, die ein Auge auf die Unsterblichen haben, ist nicht neu (siehe Highlander), aber sie ist erfrischend einfach umgesetzt. Es handelt sich nicht um eine große Organisation. Sie wissen nicht einmal, wie viele Unsterbliche es gibt. Zwei alte Männer hegen ein wichtiges Geheimnis, nur bemuttert von einem Diener. Zuerst wird dem Leser eine neue Sorte Freak präsentiert. So, wie es dargestellt wird, würde der Leser Trillo diese Wendung der Geschichte sofort glauben. Aber Trillo wäre nicht Trillo, würde er es dabei belassen. Die nächste Wendung bringt eine schöne Überraschung. Mit Stil und Kultur steuert die Geschichte auf das Finale zu – beinahe jedenfalls.
Als erzählerisches und optisches Gegengewicht werden die Verbündeten und Feinde von Ahmasi gezeigt. Wieder einmal findet sich eine arme Seele, die Ahmasi zu Diensten ist. Diesmal jedoch ist es weniger ihrer Attraktivität zu verdanken. Als der kleine Mann sie kennen lernt, ist von dieser Attraktivität gerade nicht sehr übrig. Das neue Lockmittel lautet Unsterblichkeit. Nachdem dieser Gangster 2. Klasse gesehen hat, wie Ahmasi Kugeln widerstanden hat, ist es für ihn keine Frage mehr, was er auch besitzen möchte. Trillo nutzt diese Gelegenheit für eine sehr gemeine Pointe.
Trillo hat seinen Protagonisten leider nicht sehr viele Rückblicke im Endspurt gegönnt. Denn die Ansichten und kleinen Episoden aus der Vergangenheit gaben Trillo die Gelegenheit, aus dem Vollen seiner Phantasie zu schöpfen.
(Bei genauer Betrachtung gäbe diese sehr gelungene Trilogie die gute Gelegenheit für ein so genanntes Prequel. Und es ist schade, dass es höchstwahrscheinlich nicht dazu kommt.)
Die Arbeit von Eduardo Risso an Vampire Boy findet hiermit leider auch ihr Ende. Seine Licht- und Schatteneffekte sind unbestreitbar kleine grafische Meisterwerke. Zu den sehr guten Szenen gehören die Bilder von Ahamsis ersten Erlebnissen in London und das Eintreffen des Jungen ohne Namen in der alten Kirche, in der er endlich mehr über seine eigene Herkunft erfährt. Die Figur, die Risso besonders viel Spaß gemacht haben muss, scheint der kleine Gauner Mickey zu sein. Seinen ersten Auftritt hat Mickey als eine Art Pate, der ansieht, wie seine Begleitung von Ahmasi getötet wird. Nach und nach verliert Mickey seine gespielte Härte.
Der Showdown, den Trillo und Risso dem kleinen Mickey zugedacht haben, ist sogar ein bißchen traurig. In einem Film würden das Entsetzen und der Unglauben Mickeys bestimmt in Zeitlupe eingefangen.
Das Kindliche am Jungen ohne Namen wurde hier von Risso formvollendet eingefangen. Deshalb erschüttert der Test, den die Wächter an dem Jungen ausführen, noch viel mehr. Das Bild, wie der Junge gleichsam zusammen mit Jesus am Kreuz hängt, ist eindrucksvoll. Nicht zuletzt wurde eine Variante dieser Schlüsselszene als Cover ausgewählt.
Das Ende - das soll nicht verraten werden, einzig gesagt werden darf, dass es zelebriert wird. Die Optik wurde zurückhaltend eingesetzt, vielleicht, um den Akteuren noch mehr Würde zu verleihen, ganz gleich auf welcher Seite sie stehen und gleichgültig, was sie getan haben.
Dieses Finale ist derart gelungen, dass man zum Abschluss der Trilogie sagen kann: Nee, was war das gut! Einziger Nachteil dieser Trilogie: Schade, dass sie schon vorüber ist!
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Stichwörter: carlos trillo, eduardo risso, vampire boy
Sonntag, 10. Juni 2007
Jonny Double hat schon bessere Zeiten gesehen. Er kennt die 60er aus eigener Erfahrung, als man(n) sich half und sich gegen Cops und andere miese Typen beistand. Viel ist davon nicht mehr übrig.
Inzwischen ist Jonny ein Privatdetektiv, der keine großen Aufträge bekommt. Ständig ist es schwierig, an die Miete zu kommen und ein Drink will auch bezahlt werden können. Das Leben ist schon lange nicht mehr einfach. Schon deshalb nicht, weil Jonnys Klienten auch noch umgebracht werden. Und eines haben er und seine Klienten gemeinsam: Im Falle des Falles weint niemand ihnen eine Träne nach.
Aber auch der niedrigsten Kreatur wirft der Schöpfer einmal einen Knochen hin. So ähnlich muss sich Jonny fühlen, als dieses blonde langbeinige Gerät in sein Büro (an der Bar) marschiert und ihn in eine Geschichte um viel Geld verwickelt.
Der berühmte Al Capone hat auf seine alten Tage Geld beiseite gelegt, Geld, das heute dem gehört, dem es gelingt, es sich zu nehmen. Ausgerechnet eine Bande von kleinen Gaunern, gerade erst aus den Windeln raus und noch nicht trocken hinter den Ohren, braucht Jonny, um an das Geld zu kommen.
Und nicht nur das. Ein zweiter Auftrag eines gut situierten Herrn lässt Jonny noch mehr Morgenluft schnuppern. Ein Mädchen droht auf die schiefe Bahn zu kommen. Jonny soll auf sie aufpassen. Jonny macht sich keine großartigen Gedanken darüber, dass sie ausgerechnet der kleinen Gaunerbande angehört, die ihn einspannen will.
Es kommt noch besser. Als Jonny auf das Konto des alten Al Zugriff erhält, gelingt es ihm nur mangelhaft seine Überraschung im Zaum zu halten. Die Beute beträgt nicht 300000, sondern mehrere Millionen Dollar. Selbst einem abgetakelten Detektiv, der Jonny nun einmal ist, ist klar, dass die Geschichte ganz plötzlich vom Kopf her stinkt.
Doch zu diesem Zeitpunkt ist es für einen Rückzieher längst zu spät.
Mit Jonny Double zeigt das erfolgreiche Team von 100 Bullets, dass es auch einen Thriller zu gestalten versteht. Autor Brian Azzarello führt einen klassischen Verlierer vor. Jonny Double, dessen Ursprungsversion eines abgehalfterten Typen bereits der Hauptcharakter von vielen Geschichten war, lernen wir an einem Punkt in seinem Leben kennen, an dem es so nicht mehr weitergehen kann. Es ist der typische Wendepunkt. Entweder geht es komplett den Bach runter oder es geht aufwärts mit der begründeten Sicht auf Hoffnung. Jonny sieht letzteres auf sich zukommen.
Es ist ein klares Muster, das von Azzarello hier aufgenommen wird. Aber nach einem solchen Auftakt, weiß man nie, was kommt. Denn es ist das Gesetz eines solchen Thrillers, unerwartete Wendungen einzubauen, die den Leser ein ums andere Mal an der Nase herumführen. So verhält es sich auch mit Jonny Double. Bei all den Steinen, die dem Helden in den Weg gelegt werden, behält Jonny stets den Kopf oben und versucht, einen kühlen Kopf zu behalten. Die Betonung liegt auf versucht, denn auch Jonny stolpert über die drei Steine, die jedem Antiheld im Weg liegen: Frauen, Alkohol und aufkeimende Habgier.
Jeder Sprung über diese Hürden ist eine Meisterleistung, die Jonny von Mal zu Mal sympathischer werden lassen. Er mag ein Verlierer sein, aber er ist kein Aufgeber.
Azzarello beschreibt diesen Prozess, den Jonny durchläuft, spannend und zuweilen auch mit einem gehörigen Augenzwinkern. Dieser Humor findet sich besonders im Aufeinandertreffen der Generationen, in jenen Momenten, in denen sich Jonny ein wenig Vergangenheit und Jugend zurückholen möchte. Aber sie finden sich auch in Situationen, in denen es kaum brutaler zugehen könnte. Bezeichnend ist auch der Einbau von kleinen Nebenhandlungen wie hier das abrupte Ende einer Beziehung, in der sich die Fronten innerhalb weniger Bilder verschieben. Vergleicht man Jonny Double mit anderen Geschichten, wird schnell deutlich, dass Azzarello sich selbst treu bleibt und einen ganz eigenen Stil pflegt.
Eduardo Risso gibt Jonny ein Gesicht. Sein Zeichenstil ist von einer scheinbar bestechenden Einfachheit. Jonny hat ein Boxergesicht, einen Schmollmund wie Elvis, aber er mag auch ein bißchen Marv sein, mit einem Ehrbegriff versehen, der zu schwer für die Gegenwart ist und für einen gebeugten Gang sorgt. Besonders deutlich wird der Unterschied auf jenen Seiten, auf denen Risso den Helden in die Vergangenheit entführt. Das Gesicht ist frischer, jünger und optimistischer und nicht so abgebrüht wie bei den Kids der Gegenwart.
Über den lässigen Strich, den Risso pflegt, kann man auch dankbar sein, weil die Geschichte später einen Killer zwischen die Seiten entlässt, der auf althergebrachte Weise Diebe zu bestrafen versteht.
Solche Szenen sind starker Tobak, allerdings ist es direkt von Beginn an deutlich, dass Jonny Double keine Mainstream-Geschichte ist. Sie erfordert Konzentration. Im Kino müsste man sehr genau aufpassen, um den Anschluss nicht zu verlieren, im Comic hat man den Vorteil, auch einmal zurückblättern zu können. Die Straßen von San Francisco haben schon viele Krimis gesehen. Mit Jonny Double sehen sie einen Thriller in der Vielschichtigkeit eines Basic Instinct.
Jonny Double nimmt einen mit auf den Weg des Verlierers, der über sich selbst hinaus wächst. Mit zunehmender Sympathie für den Helden steigt auch die Spannung. Das Ende ist nicht vorhersehbar. Beste Krimiunterhaltung zwischen Comic-Seiten.
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Stichwörter: brian azzarello, eduardo risso, grant goleash
Montag, 02. Oktober 2006
Nach seinem letzten Kampf ist der namenlose Junge schwer angeschlagen. Fever, die blinde Frau, die ihn und die kleine Evening Cloud bei sich aufgenommen hat, weiß nun, was zu tun ist. Ihr Reiseziel lautet: New Orleans.
Dieser einzigartigen amerikanischen Stadt haftet immer noch ein magisches Flair an. Dies trifft sogar im wahrsten Sinne des Wortes zu, wie Fever behauptet. Sie besitzt ein herrschaftliches Haus, wohl behütet von einer alten Freundin. Der namenlose Junge, manchmal auch Running Wind genannt, fühlt sich für einen kurzen Moment sich, wenn nicht auch glücklich in der Gesellschaft seiner beiden Freundinnen.
Aber die Vergangenheit holt alle ein. Vor vielen Jahren verließ Fever die Stadt – der Liebe wegen. Nun ist ihr Geliebter von einst wieder da. Alles ändert sich, man könnte auch sagen, es ist, als habe sich nie etwas geändert. Auch Evening Cloud verliebt sich. Plötzlich ist der namenlose Junge allein und aus dem 5000 Jahre alten, unsterblichen Wesen wird wieder ein kleiner Junge, der sich schlicht vernachlässigt fühlt.
Er reißt aus.
Leider ändert er dadurch nichts. Im Gegenteil, denn seine Erzfeindin Ahmasi, unsterblich wie er, hat längst seine Spur wieder aufgenommen. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.
In der 2. Episode von Vampire Boy mit dem Titel Der Fluch erfährt der Leser sehr viel Neues von dem kleinen Vampir wider Willen.
Der Junge ohne Namen hat ein ähnliches Problem wie Claudia in Interview with a Vampire. Er altert nicht und wird nie erfahren, wie es sein wird, ein Erwachsener zu sein. Er hat trotzdem die Erfahrungen unzähliger Menschenleben, die Anhäufung eines Wissens, um das ihn noch mehr Menschen beneiden würden. Leider belastet sein unsterbliches Leben auch seine Psyche. Nach 5000 Jahren im Körper eines Kindes ist der Junge ohne Namen einem Ende dieses Lebens nicht abgeneigt. Doch da gibt es Hindernis.
Dieses Hindernis heißt Ahmasi. Die ehemalige Geliebte des Pharaos aus dem alten Ägypten lebt eine völlig zügellose Unsterblichkeit. Sex und Gewalt gehören zu ihrem Charakter, der Hass auf den Jungen ohne Namen treibt sie an. Endlich will sie die einzige Unsterbliche des Planeten sein.
Damit verhält sie sich vollkommen entgegengesetzt zu Running Wind, wie der Junge auch von seinen neuen Freunden genannt wird – etwas, das Ahmasi niemals erfahren wird, denn sie benutzt die Menschen nur. Freunde sind ihr vollkommen fremd. Erneut erzählt Autor Carlos Trillo anhand einiger sehr prägnanter Beispiele, wie diese gegensätzlichen Eigenschaften der Hauptcharaktere sie durch die Jahrtausende getrieben haben. Die Unschuld des Jungen ohne Namen und die Durchtriebenheit von Ahmasi hoben sich auf der Waage der Ereignisse stets gegeneinander auf. Außerdem sind beide noch mit der gleichen Schwäche ausgestattet, die im vorliegenden Band ein deutliches erzählerisches Gewicht erhält: Nur bei Sonnenlicht regenerieren ihre Kräfte und Verletzungen.
Letzterer Aspekt stellt immer wieder die Grundlage für gegenseitige Attacken. Carlos Trillo verwendet diese Schwäche, um den Leser deutlich in die Irre zu führen. Zeichner Eduardo Risso hilft ihm dabei durch seinen exakten, unaufdringlichen Zeichenstil, besonders im zweiten Teil der Geschichte. Teilweise darf der Leser dabei durch Ahmasis Augen sehen oder auch als versteckter Zuschauer anwesend sein – der sich besser nicht selber blicken lässt.
Ein erzählerischer und optischer Trick, der Spaß macht.
Gnädigerweise verzichtet Risso darauf, Ahamasis Gewaltorgien allzu deutlich in Szene zu setzen. Schattenspiele, angedeutete Endergebnisse, all diese Ansichten genügen, um die Phantasie des Lesers anzuheizen – was vermutlich noch drastischere Bilder hervorruft.
Der Junge ohne Namen weiß inzwischen, dass die Schwäche der beiden für beide zu keinem Ergebnis führen wird. Carlos Trillo führt die Geschichte in eine neue Richtung. Die Lösung liegt in der ägyptischen Vergangenheit. Ein Fluch soll dem Jungen helfen, die Feindin zu besiegen und wie sich zeigt, ist diese Hilfe dringend nötig.
Geschickt und spannend erzählt, mit außerordentlich gruseligen Ausflügen in die Vergangenheit der beiden Hauptcharaktere, läutet die zweite Episode den Endspurt der Handlung ein. (Leider muss sich der Leser arg bis zur Fortsetzung gedulden, denn lange wurde die Spannung bis zum Schluss nicht mehr so auf die Spitze getrieben.)
Besser kann gepflegter Horror und Grusel in diesen Tagen kaum sein.
Stichwörter: carlos trillo, eduardo risso
Mittwoch, 05. April 2006
Bauarbeiten. Sonnenlicht fällt durch ein Loch im Asphalt, das seit 50 Jahren verschlossen war. Tief unten setzt sich eine Reaktion in Gang. Gewebe erneuert sich auf einem uralten Skelett. Wenig später flüchtet ein Junge aus dem Loch.
Ein Junge ohne Namen inmitten einer nordamerikanischen Großstadt, allein, aber nicht schwach. Nichts kann ihm etwas anhaben, die Sonne ist seine Verbündete und heilt jede Wunde, die ihm zugefügt wird. Sein langer Schlaf hat ihm einen riesengroßen Hunger beschert, einen Hunger, der so groß ist, dass er anderen auffällt. Obwohl äußerlich ein Kind, ist der Junge alt, sehr alt und sein endloser Hunger auf menschliche Nahrung ist nicht die einzige Besonderheit, die ihn auszeichnet.
Die Welt hat sich sehr verändert, aber sie ist so gefährlich wie eh und je. Auch diese Erfahrung macht er alsbald wieder. Doch die Welt ist auch nicht so schlecht, wie sie ihm zu Beginn erscheint.
Ein alter Indianer namens Gentle Bear hilft dem Jungen, nicht ganz uneigennützig, wie sich später herausstellt.
Vampire Boy – Die Auferstehung packt das Vampir-Genre auf erfrischende Weise an. Es entzaubert es einerseits, gibt ihr ungewöhnliche Hauptfiguren, andererseits bringt es neue Aspekte ein, die auf den ersten Blick ungewöhnlich sind, aber auch sehr ernsthaft und mit der nötigen Geduld erzählt werden.
Ein kleiner Junge, der mit der Erfahrung von 5000 Jahren ausgestattet ist, ist ein Vampir der außergewöhnlichen Art. Er besitzt ein wenig von der Schwermut, die bei Vampiren in den letzten Jahren nach dem Willen ihrer Autoren umgeht. Aber er ist auch nach wie vor ein Kind, das sich nach menschlicher Nähe sehnt, nachdem er seine eigene Familie viel zu früh verlor.
Einem Kind eine, nennen wir es beim Namen, eine bösartige Hure entgegen zu stellen, halte ich für eine beinahe geniale Idee. Ahmasi hat außer ihrer Sucht nach Lust (und Macht über die Männer) nichts Menschliches an sich, nicht einmal zu Lebzeiten.
Beide sind unsterblich, aber sie machen nichts daraus. Das ist, zusammen mit dem abgrundtiefen Hass aufeinander, die einzige Gemeinsamkeit, die die beiden haben. Der eine ist zu klein, die andere zu selbstsüchtig. Da die Handlung sich die erforderliche Zeit nimmt, werden die Charaktere sehr schön vorgestellt. Rückblicke zeigen kurze Momentaufnahmen aus dem Leben der beiden in vielen Jahrhunderten.
Die Handlung selbst ist ungewöhnlich spannend. Sie zeigt nicht nur das Leben eines Vampirs, sondern auch das eines kleinen Jungen in einer heutigen Großstadt. Hat ersterer eigentlich nichts zu fürchten, so sieht sich letzterer in dieser Welt einer riesigen Ansammlung von Gefahren gegenüber. Autor Carlos Trillo leistet hier mit seinen Beschreibungen ganze Arbeit, wenngleich es auch ein wenig trostlos ist. Die Rückblicke sollten ruhig etwas häufiger eingestreut sein – vielleicht auch, im Hinblick auf die ägyptische Herkunft des Jungen, weil ägyptische Szenarien immer schon etwas Geheimnisvolles in sich haben.
Trillo spricht im anschließenden Interview zum Ende des Bandes die Ironie an, mit der er die Realität beschreibt. Ich möchte behaupten, dass die Ironie nicht so überspitzt ist, wie sie sein könnte. Ein überaus genauer Blick auf das, was ist, ist es allemal.
Zeichner Eduardo Risso, der nicht zum ersten Mal mit Trillo zusammenarbeitet, beherrscht einen hervorragenden Minimalismus. Anders kann ich seinen Bildaufbau nicht beschreiben. Er entzieht sich der Details nicht, die ein Gegenstand oder eine Stadt haben kann, aber er beherrscht es geradezu perfekt, gerade so viel zu zeigen, dass das Auge des Lesers den nötigen Rest hinzu sieht. Einige Ansichten, wie etwa vom Stammesgebiet der Oglala aus, sind beeindruckend fein ausgearbeitet. Manchmal zeigt Risso kleine Nebenszenen wie einen Autounfall, der die Handlung zwar nicht vorantreibt, aber für Atmosphäre sorgt.
Rissos Darstellung der Charaktere ist sehr, sehr schön. Die Einfachheit ist einfach toll. Gentle Bear, der alte Indianer, Fever, die blinde Ladenbesitzerin, beides Nebenfiguren sind feine Beispiele für eine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Geschichte.
Insgesamt würde Vampire Boy in Farbe nicht mehr so schön sein. Ich behaupte, Rissos feine Art zu zeichnen würde hierbei zu sehr in den Hintergrund treten. (Natürlich eine reine Spekulation, letztlich müsste das jeder Leser für sich selbst entscheiden.)
Der Auftakt der Geschichte lässt noch viele offene Fragen übrig. So ist die Entstehungsgeschichte des kleinen Vampirjungen immer noch rätselhaft. Die kurzen Ausblicke in die Vergangenheit bieten viele Möglichkeiten. Ich würde mich freuen, mehr darüber zu lesen, was der Junge über die Jahrhunderte hinweg noch alles erlebt hat. Am Ende lässt Carlos Trillo Gnade vor Recht ergehen und legt damit den Grundstein für eine wirklich gern erwartete Fortsetzung. Genre-Freunde werden an dieser schönen Variante des Vampirthemas ihre Freude haben.
Stichwörter: vampire boy, carlos trillo, eduardo risso