Samstag, 30. August 2008
Tracy Lawless ist zurück. Sein Leben bei der Armee ist vorüber. Zurück in der Stadt will er nur noch eines wissen. Wer hat seinen Bruder Ricky umgelegt? Seine Rückkehr weckt keine guten Erinnerungen. Nach und nach wird immer deutlicher, warum er dieses Kaff hinter sich gelassen hat. Andererseits hatte Tracy auch beim Militär kein besonders tolles Leben. Nur die Erfüllung seiner Aufgabe hat er dort gelernt und die nötige Disziplin. Tracy ist gelassen, kühl, sichert sich ab. Er kann die Menschen einschätzen, weil er Disziplin hat und sie nicht – so glaubt er jedenfalls.
Die alte Gang seines Bruders hat nicht die äußerliche Professionalität, die er von der Army her gewöhnt ist. Ohne ihr Gehirn, Simon, sind sie nur die Hälfte wert. Sie sind gut in der Ausführung, das Planen und Ausbaldowern liegt ihnen keineswegs. Simon sitzt leider im Gefängnis und sogar der Plan für seine Befreiung stammt von ihm selbst. Und bevor es an den eigentlichen Job gehen kann, muss Simon erst einmal aus dem Kittchen geholt werden.
Ed Brubaker schickt seine Leser zurück in diese verkommene Stadt. Dort begegnet man nicht nur Tracy als neuem Gesicht, sondern auch alten Bekannten in Nebenrollen wie auch als Auslöser für die gesamte Geschichte. Wer gut aufgepasst hat – oder den ersten Band noch einmal hervorholt – wird feststellen, dass Tracys Bruder Ricky, der hier die Wurzel der Geschichte ist, einst mit Leo zusammenarbeitete, dem Hauptcharakter der ersten Handlungslinie. Aus diesem Grund begegnen wir Leo auch kurz im Gefängnis wieder, genau an jenem Ort, wo Leo niemals hinwollte. Diese Art des Verwebens bringt Criminal natürlich in die Nähe eines Thriller-Werkes wie Sin City - kein Wunder also, dass Frank Miller, Autor von besagtem Thriller-Werk, hier das Vorwort geschrieben hat.
Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.
Wie in ersten Handlungslinie stimmt auch hier dieses allseits bekannte Zitat, mit dem sich schon Woody Harrelson in Doc Hollywood zum Narren machte. Tracy hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, ohne alle Fakten zu kennen. Er wusste rein gar nichts über die Gang, mit der sein Bruder auf Tour war. Außerdem wusste er so gut wie nichts darüber, was in den letzten 20 Jahren aus seinem Bruder geworden war. Letzteres ist der Knochen, den Ed Brubaker seiner Hauptfigur hinwirft und an dem Tracy am meisten zu knabbern hat.
Der Knacks, den Tracy durch seinen Vater erhielt und der durch die Armee auch nicht geheilt werden konnte, steht ihm immer noch im Weg. Freunde hat er so gut wie keine. Eine Beziehung zu einer Frau scheint eine Sache der Unmöglichkeit zu sein. So steuert denn auch die Beziehung zur einzigen Frau in der Gang geradewegs in eine Katastrophe hinein. Brubaker bringt auf sehr geschickte Weise Charaktere zueinander, die zusammengehören, ohne es zu wissen. Da ist ein Gespür, eine Ahnung, wie bei Geschwistern, die einander bislang nicht kannten und sich dann ineinander verlieben – nein, hier sind es keine Geschwister, aber der Drang ist ähnlich.
Nach und nach werden zwei Coups und ein paar Nebenhandlung miteinander verwoben. Tracy, eine vollkommen anders gelagerte Figur als Leo in der vorherigen Handlungslinie, wird dabei Stück für Stück von seinem hohen Ross geholt. Schließlich steht auch eine Begegnung mit dem heimlichen König der Stadt an, Sebastian Hyde. Schlussendlich bestätigt Brubaker, den Leitfaden, den er für seine Geschichte vorangestellt hat: Familie ist eine Falle. - Wenigstens für amerikanische Gangster mag das zutreffen.
Sean Phillips wirft die Bilder in diesem Band viel stärker hin als in der ersten Ausgabe. Insgesamt ist die Umsetzung düsterer – obwohl es in der Handlung auf Weihnachten zugeht und der Weihnachtsmann eine wichtige Rolle spielt. Schatten sind fette schwarze Pinselstriche, leicht ausgefranst. Wie es sich für eine Gangstergeschichte gehört, in der einer den Fluchtfahrer mimt, nimmt auch ein entsprechendes Fahrzeug, ein Dodge Charger teil.
Rasanz auf der Straße, Action in dunklen Ecken, ein wenig Liebe und nur ein einziges Mal kann sich Tracy ein Lächeln – kein besonders echtes – abringen.
Darüber hinaus gibt Val Staples den Bildern ein derart düsteres und dunkles Farbspiel mit, dass die Vorgängerausgabe wie der reinste Sonnenaufgang im Vergleich wirkt. Dunkles und kaltes Grau, Blau, verwaschenes Lila, es schneit einen Schnee, der an Ascheflocken erinnert und wenn ein knalliges Rot ins Spiel kommt, handelt es sich nicht um Blut, sondern um die Signallichter der Cops.
Realistisch, besser noch als die Vorgänger-Geschichte. Rache und Familie sind das zentrale Thema. No way out - eine klassische Konstellation vieler amerikanischer Krimikracher wird hier von Brubaker auf das Feinste neu arrangiert. Phillips-Fans werden diesen Knaller mögen, Thriller-Fans sollten einen Blick riskieren.
Criminal 2 – Blutsbande: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: ed brubaker, sean phillips
Freitag, 29. August 2008
Ist man(n) ein Feigling, wenn man(n) weiß, wann es Zeit ist, die Kurve zu kratzen? Wenn Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden? Ganz besonders dann, wenn die Partner aus kleinen Gaunern und Schwerverbrechern bestehen. Leo kennt sich aus. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, sich auf seine Partner zu verlassen. Leo ist ein Profi. Als solcher macht man seine Arbeit aus einem einfachen Grund gut: Man will nicht im Knast landen. Diejenigen, die sich auf der Flucht unbedingt wild ballernd mit den Cops anlegen müssen, sind Idioten – und meist auch schnell tot.
Lange führt Leo ein gutes Leben. Er arbeitet allein, macht kleine Fischzüge und kommt klar, bis zu dem Tag, als ein alter Bekannter namens Seymor und ein neuer Bekannter, ein Cop, bei ihm vorstellig werden. Es soll eine leichte Beute sein. Aber, wie Leo so treffend bemerkt: Gab es je Diamanten, die leichte Beute waren?
Leo denkt darüber nach. Der Plan, die Aussicht auf viel Geld, vor allem auf einen Schlag, klingt verlockend. Zu Hause wartet Ivan auf ihn, ein alter Mann, senil, drogensüchtig. Ohne persönliche Krankenschwester geht nichts mehr. Das kostet Geld – und die Krankenschwester Nerven. Es macht einer Pflegerin keinen Spaß, wenn der Patient einem die Unterwäsche klaut. Und Seymor ist nicht dumm. Er bringt eine weitere Karte ins Spiel: Greta Watson, die Frau eines Mannes, der bei einem Geschäft mit Leo sein Leben verlor. Die Kehrseite der Karte heißt: Schlechtes Gewissen. Es wirkt. Leo macht mit.
Doch nicht einfach so. Leo trifft Vorkehrungen. Für alle Fälle.
Da ist ein Held, der alles andere als tough ist. Leo spielt nicht Butch und Sundance. Er weiß, wann ein Abflug, kein Abgang, angesagt ist. Ed Brubaker, Autor der Serie Criminal, präsentiert einen vernünftigen Gangster. Stets vorausgesetzt, dass es so etwas wie einen vernünftigen Gangster überhaupt gibt.
Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.
Oder wenigstens das, was sinnvoll und nötig erscheint. Leo wird in die Ecke gedrängt. Sein gutes Herz steht ihm gehörig im Wege. Nicht nur der alte Ivan ist einer dieser Fallstricke, auch Greta mit ihrer kranken Tochter verursacht bei ihm dieses Magengrimmen, das jemanden antreiben kann, etwas Schlechtes zu tun, um etwas Gutes zu bewirken. Ed Brubaker flechtet diesen Konflikt, den Leo mit sich austragen muss, sehr schön und stimmig in die spannende Geschichte ein. Der Coup, den Leo durchziehen soll, ist weniger das Thema, er ist höchstens das Alibi für die Geschichte, die eine Charakterentwicklung beschreiben soll.
Ist es zuviel gesagt, wenn verraten wird, dass das Geschäft mies läuft? Nein, denn Brubaker inszeniert es als eine Art self-fulfilling prophecy, eine gelebtes Gesetz von Murphy: Wenn du dich darauf vorbereitest, dass es schief geht, geht’s auch schief.
Da ein Tiefschlag nicht ausreicht, hagelt es gleich mehrere auf Leo hernieder, womit Brubaker zeigt, dass er die handwerklichen Grundregeln gut einzusetzen weiß. Stück für Stück wird Leo im Laufe der Geschichte demontiert, bis es nur noch einen Ausweg gibt. Irgendwann läuft auch ein Feigling nicht mehr weg.
Sean Phillips zeichnet Leos Welt und Val Staples gibt ihr die Farbe. Leos Welt ist düster. Die Stadt ist düster. Sie glimmt ein wenig, aber meist strahlt sie nur schmutzig und ist von vielen Schatten durchzogen. Nur einmal hellt die Szenerie auf, als Leo ein klein wenig Glück verspürt – das natürlich auch sogleich wieder von Brubakers Erzählung torpediert wird. Keine Gnade mit den Charakteren.
Phillips zeichnet hier knallhart, beinahe dokumentarisch, hält die Figuren auf Abstand zum Leser und doch sieht man ihre Zerbrechlichkeit, was nicht nur am Zeichenstil von Phillips liegt.
Ein Krimi, von dem man denkt, man wüsste, was auf einen zukommt – falsch gedacht. Schon nach wenigen Seiten hat Brubaker die Nase vorn und bleibt stets um eine Nasenlänge voraus. Der Retro-Stil im Sinne der 70er Jahre Krimis ist inzwischen wieder hochmodern, eckig, kantig, hart. Cool!
Criminal 1 – Feigling: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: ed brubaker, sean phillips
Es ist nicht leicht, Undercover in einer Organisation zu arbeiten, an deren Spitze ein psychopathischer Intellektueller mit außergewöhnlichen analytischen Fähigkeiten steht. Es ist nicht leicht, unentdeckt zu bleiben. Und während der meisten Zeit ist es am schwierigsten, überhaupt zu überleben. Es sei denn, man verfügt über gewisse Fähigkeiten, die einen selbst zu etwas besonderem machen. Holden Carver ist solch ein Mann. Menschen mit besonderen Fähigkeiten sind in einer Welt mit Superhelden und Supergaunern gar nicht einmal so selten. Menschen, die diese Fähigkeiten nicht an die große Glocke hängen, schon.
Carver kann Schmerz kanalisieren und weitergeben. Aus Schmerz wird eine Art Strom. Diese Fähigkeit führt zu allerlei Überraschungen – zumeist bei jenen, die Carver gerne unter die Erde schicken würden. Carver nutzt diese Fähigkeit nicht häufig, nur wenn er dazu gezwungen wird. Obwohl er in einer Organisation arbeitet, die Kaltblütigkeit und Professionalität erwartet, sind eben diese Fähigkeiten nicht sehr dicht gesät.
Viele sind Freaks, deren Schwächen sich der Mann an der Spitze, Tao, mit Erfolg zunutze macht.
Die straffe Organisation seines Gangster-Imperiums steht im totalen Gegensatz zu Taos Zielen: Chaos. – Oder ist es einfach nur so, dass außer ihm niemand die weitreichende Planung versteht?
Ed Brubaker ist nicht nur back in town, er bleibt auch seinem ureigenen Genre treu, dessen Wiederbelebung er im Comic stark beeinflusst hat. Erst jüngst erschien eine vorbereitende Geschichte aus dem Wildstorm-Universum, in dem der Leser Bekanntschaft mit den Gangstern in einer Superhelden-Welt machen konnte (Point Blank). Brubaker hatte dieses Konzept auch schon beim guten alten Batman angewendet (Gotham Central). Hierzulande zündete dieser Ansatz aber nicht so sehr.
Hier nun ein neuer Versuch, ein neuer Anlauf, mehr Realismus in die Superhelden-Ecke zu bringen, dorthin, wo das Fußvolk nur mit großen Augen zu den fliegenden Gestalten am Himmel blicken kann.
Allerdings – und das mag zunächst für den Leser verwunderlich sein – schaut so gut wie niemand mit Bewunderung oder Staunen auf die fliegenden Gestalten. Im Gegenteil, bei den meisten meldet sich beim Anblick dieser Figuren Abscheu, Desinteresse, Langeweile. Unten am Boden kochen die Gangster vielfach unbe(ob)achtet ihr Süppchen, so wie Tao seine weltweiten Spielchen treibt.
Brubaker entwirft hier nicht nur das Szenario eines Undercover-Agenten, dessen Grenzen langsam verschwimmen, sondern er baut einen Hintergrund, der einen Verschwörungsautoren wie Dan Brown begeistern sollte. Die Insel, auf der sich die wahren Herrscher dieses Planeten treffen und über die Zukunft der Welt entscheiden, ist zwar nicht neu, aber wie die selbst ernannte Crème de la Crème der Menschheit von Tao hinters Licht geführt wird, ist lesenswert und gehört neben vielen anderen ausgefeilten Bausteinchen zu den Bestandteilen, die den ersten Teil von Sleeper besonders dicht erscheinen lassen.
In diesem Zusammenhang ist die Erscheinungsweise, die Zusammenfassung mehrerer Ausgaben, sehr sinnvoll, da die Fülle der Informationen auch dazu angetan ist, das eine oder andere Detail in Vergessenheit geraten zu lassen, wenn zu viel Zeit zwischen den Erscheinungen liegt.
Brubaker zwingt seine Leser zum Aufpassen.
An Brubakers Seite arbeitet Zeichner Sean Phillips. Die beiden Comic-Macher sind bereits mit Criminal ein eingespieltes Team, eine Reihe, über die sich sogar der Meister persönlich, Frank Miller, löblich und ein wenig neidig äußerte.
Das Wesentliche ist der Kern von Phillips’ Bildern. Kein langes Drumherum, keine aufwändige Inszenierung. Stimmungsvoll ist sie, aber sie setzt nichts ein, das den Lesern vom Lesen und Umblättern ablenken könnte. So ist es kein Wunder, dass ein Miller hier auch ein wenig seine Handschrift wieder erkennt, wie er sie in Sin City zu Papier brachte.
Aber Phillips gönnt sich dann noch etwas mehr Aufwand und Seitenaufteilung. Er lässt das Auge des Lesers gerne tanzen. Nichts ist auf einer Seite so aufgeteilt, wie es auf der nächsten oder irgendeiner anderen aufgeteilt ist. Manchmal, für schockierende Momente, gönnt Phillips der Szene auch eine komplette Seite. Insgesamt aber ist einer Befürworter einer Art Mosaik-Technik, die er wie eine unregelmäßige Leiter anlegt, an der sich der Leser herunterhangeln kann. Auch hier muss der Leser erhöhte Aufmerksamkeit mitbringen, um jede Sprosse zu treffen.
Ohne Schnörkel, Superhelden Nebensache – Ed Brubaker und Sean Phillipps lassen knallharte Typen, Männer wie Frauen, auf die Comics los. Man gewöhnt sich langsam an die Hauptfigur Holden Carver, aber wenn man einmal mit ihm sympathisiert, dann heißt es nur noch: Mitfiebern!
Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: ed brubaker, sean phillips
Mittwoch, 02. April 2008
Der Tod macht keinen Spaß. Ganz besonders nicht, wenn man ihm in einem düsteren matschigen Hinterhof begegnet, kniend, mit dem Lauf einer Waffe am Kopf. Die Augen sind geschlossen, als der Schuss knallt. Warum soll man dem Tod sehenden Auges begegnen, wenn der Abgang schon so deprimierend ist?
Dabei hatte alles so einfach begonnen. Ein alter Freund wollte nur, dass Cole ihm den Rücken freihält. Lynch, ein Kumpel, mit einem Plan – und plötzlich mit Fähigkeiten ausgestattet, die so keinen Sinn zu machen scheinen. Warum hat Lynch seine Kräfte verstärken lassen? Wer ist so wichtig und gefährlich, dass Lynch auf ihn Jagd machen, ihn ausschalten muss?
Point Blank ist nicht nur der Name des vorliegenden Comics, sondern auch der eines Film-Klassikers mit Lee Marvin. Kompromisslosigkeit ist beiden Thrillern zueigen. Ähnlich wie Walker alias Lee Marvin folgt auch Cole Cash unbeirrt der Spur, angespornt einzig vom Rachegedanken. Wer verübte den Anschlag auf seinen Freund Lynch?
Ed Brubaker kennt sich in der alten Comic-Szene ebenso aus, wie er auch Anteil an den neuen Universen hat. Ein umfangreicher Informationsteil im Anhang des Comics beschreibt die Entstehung des Wildstorm-Universums, in der Superhelden existieren, die deutliche Anleihen an bekannten Charakteren genommen haben, aber auch eindeutig realistischer zu sein versuchen – ja, sogar ein wenig parodistischer.
Der Superheld ist zur Bedrohung geworden, auch bei Marvel und D.C., sicherlich eine Folge jener kleinen Revolution, die mit den stärker werdenden kleinen Labels der letzten Jahre einherging. Im vorliegenden Band schwebt diese Bedrohung immer über dieser düsteren Welt, sind Geheimdienste und dunkle Mächte am Werk.
Cole Cash will es nicht einsehen, aber auf seine Art ist er ein Spielball. Tao, das Supergehirn, jener hyperintelligente Psychopath, hat seine Fäden so geschickt gesponnen, dass Cole Cash nichts anderes machen kann, als darüber zu stolpern. Autor Ed Brubaker kennt sein Metier. Bei Superhelden wie auch Thrillern ist er Zuhause, wie er mit Captain America, aber auch Gotham Central oder Criminal beweisen konnte. Aber er kennt noch mehr. Denn je weiter die Figur Cole Cash sich in dieser Geschichte verliert, wird die Erinnerung an einen Mystery-Thriller wie Angel Heart wach.
Mehr soll nicht verraten werden, um die Pointe nicht vorwegzunehmen, aber das Schema der Geschichte ist ähnlich. Auch soll dieser Vergleich kein Vorwurf sein, denn die Grundidee trägt auch Point Blank und passt zu einer Rachegeschichte, die wohl zu den klassischsten Handlungen im amerikanischen Thriller-Genre gehört. Eine wichtige Besonderheit dieser Geschichte ist die Normalität, mit der über die Helden und die Schurken erzählt wird. Die kleine Bar, in der die Kostümierten verkehren und sich selbst irgendwie zum Narren machen wie auch der Gauner-Laden, in dem ehemalige Heldinnen wie Kenesha, die frühere Savant, auf der Suche nach einer schnellen Nummer sind. Diese Beispiele reißen den Helden auf menschliches Niveau herunter, sogar noch darunter, denn die Allmacht dieser Charaktere wird von selbigen letztlich mit Füßen getreten.
Für die grafische Umsetzung dieser Schmutzigkeit, dieser allgegenwärtigen Verkommenheit, dieser Hoffnungslosigkeit all dieser Underdogs wurde mit Colin Wilson eine perfekte Wahl getroffen. Mit der Jugend von Blueberry konnte er bereits Erfahrung mit Geschichten sammeln, die tough guys im Mittelpunkt des Geschehens haben. Wer den Zeichenstil von Wilson betrachtet, könnte dem Glauben verfallen, dass der Künstler mit dieser Art der Bilder zur jüngeren Generation gehört. Aber weit gefehlt. Wilson hat inzwischen nicht nur einige Lebensjahre gesammelt, sondern auch reichlich Erfahrung.
Wer die Bilder in ihrer Machart beschreiben möchte, könnte sie eine Mischung aus altem Jean Giraud und jungem Eduardo Risso nennen. Wilson könnte tatsächlich ein gestalterischer Erbe von Giraud sein. Seine Männer sind kernig, seine Frauen glatt und attraktiv. Aber da ist manchmal auch ein wenig Risso. Es sind geschwungene, leicht abstrahierte Ansichten, besonders dort, wo die Gesichter entweder grobschlächtiger oder einfacher sind, mit rasierten, sauberen Zügen.
Wilsons Grafiken benötigen keine aufwendige Kolorierung. Wieder einmal ist ein Rückschritt von jenen überbordenden Kolorierungen festzustellen, die sich im Zuge des Computers immer weiter gegenseitig übertrumpft haben. Grafik vor Geschichte schien es zu heißen. Inzwischen stehen Grafik und Geschichte häufig wieder gleichberechtigt nebeneinander. Eine glanzvolle Kolorierung erfolgt nur noch da, wo es Sinn macht. Hier gibt Janet Gale einer Gangster-Unterwelt ihr Licht und ihre Farben. Sie macht dies verhalten und gibt den Farben dort Gewicht, wo es gebraucht wird. Ein Schuss blitzt, Blut tropft rot auf einer grauen Wand, die Tiefe ist schwarz, gähnend, die Nacht eine stete Dämmerung, auf der kein Morgen folgen wird – mit einem Wort ist die Kolorierung atmosphärisch zu nennen. Es ist perfekt so, wie es ist.
Als Krönung finden sich im vorliegenden Band die Cover zu den Einzelausgaben einerseits von Wilson selbst, andererseits von Simon Bisley, dessen Bilder aus der gleichen Schule zu kommen scheinen wie die eines Glenn Fabry. Immer etwas anarchistisch, aber auch stets auf einem technisch perfekten Niveau.
Eine Gangstergeschichte mit einem knallharten Hauptcharakter, der einem ganz eigenen Ethos folgt: Man verarscht Cole Cash nicht. Wer es dennoch versucht, hat nur eine Strafe verdient. Brubaker und Wilson nehmen ihre Leser mit auf einen klassisch spannenden Thriller-Trip. So, wie es sich gehört! Cool.
Point Blank: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: ed brubaker, colin wilson
Dienstag, 11. März 2008
Captain America ist tot. Obwohl es unbestritten ist, verhalten sich einige ehemalige Freunde immer noch wie in Trance. Als könnten sie es immer noch nicht glauben. Die Totenwache in der Bar ist sehr still. Dugan und das Ding, sonst eher laut, halten sich zurück. Alte Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder. Und Feinde.
Captain America ist ein Phänomen – ein sehr positives noch dazu.
In all den Jahren seiner Comic-Existenz ist er nicht nur gegen die Superschurken angetreten, sondern auch gegen terroristische Vereinigungen unter der Führung des Red Skull. Nach dem 11. September wurden auch die Bedrohungen im Comic realer, wurde die Wirklichkeit zu einem Teil des Marvel-Universums.
Captain America stand auf gegen die eigene Regierung, aber nicht gegen das eigene Land – und musste am Ende erleben, wie das, was er verteidigen wollte, unter seiner Gegenwehr am meisten zu leiden hatte. Der Captain starb während eines Attentats, doch der Traum, der Charakter, für den er einstand, starb nicht. Im Gegenteil, bereits kurz darauf wird nach einem Ersatz gesucht, nach jemandem, der den Schild wieder hochhalten kann.
Und so läuft eine Serie weiter, Captain America, nur ohne den Helden, auf den es eigentlich ankommt, denn Steve Rogers ist tot.
Der, auf den es nun ankommt, ist Bucky Barnes, der einstige Sidekick von Captain America. Lange Zeit verschollen, hat Bucky eine bewegte Geschichte hinter sich, als Wintersoldat wurde er von den Russen ausgebildet und zu einer Killermaschine zweckentfremdet. Nun ist Bucky wieder da, sein Gedächtnis funktioniert ebenfalls wieder und der Freund von einst ist tot. Wäre Bucky nicht ein idealer Kandidat als Caps Nachfolger?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der vorliegende Band – auch, muss man sagen, denn es geht nicht nur um das Gedenken und das Ausloten von Möglichkeiten, sondern auch um Schuld und Reue sowie Gegner, die nun endlich ihre Stunde gekommen sehen.
Sehen ist das Stichwort, denn so wie auf der Leichenbahre hat wohl niemand bisher Steve Rogers gesehen. Tony Stark vermutet, das Supersoldatenserum habe nach Caps Tod seine Wirkung verloren. Bewiesen ist nichts, Fakt ist, dass Caps Körper viel schneller zerfällt als gewöhnlich und Muskeln sich immens zurückgebildet haben. Die Aussicht, dass dieser geschundene Körper auch noch seziert werden soll, ist das erste Schockelement in dieser Geschichte. Es ist die Demontage eines Comic-Mythos. Anders lässt es sich nicht sagen. Immerhin ist Captain America ein Stück Literatur-Geschichte, wenigstens für jene, die Comic als einen Teil der Literatur begreifen.
Die Geschichte funktioniert natürlich nicht nur durch ihre überraschenden Wendungen, sondern auch dadurch, dass sie sehr gut in Szene gesetzt sind. Charaktere wenden sich hier gegeneinander, die ansonsten auf der gleichen Seite stehen – oder standen. Bezeichnend hierfür und besonders packend ist die Begegnung der Black Widow mit dem Wintersoldat. Ihrer beider Zankapfel: Der Schild von Captain America.
Wie auf jeder Seite dieser Geschichte ist auch diese Szene grafisch exzellent umgesetzt. Dank der Kameraperspektiven und der Schnappschüsse von Buckys Gesicht erschließt sich dem Leser hier sehr viel, was im Text nicht gesagt wird. Bucky ist kein Captain America. Er ist nicht edel. Er schaltet den Feind aus, tötet ihn, auch wenn es vermeidbar wäre. All dies weiß er auch und es nagt an ihm.
Dieser Zwiespalt ist eines der Kernthemen und dank Ed Brubaker und Steve Epting ist dieser Marvel-Abschnitt ein gutes Beispiel für das erwachsene Zeitalter der Comics geworden.
Kämpfe sind in dieser Geschichte auf ein Mindestmass beschränkt. Der Zwiespalt einzelner Figuren wie auch ihre inneren Kämpfe sind viel größere Themen, als zunächst anzunehmen gewesen wäre. – Natürlich muss der Leser nicht auf die Action verzichten, aber sie ist hier kein Selbstzweck, während eine Handlung nur aufgesetzt worden wäre.
Eine faszinierende Gegnerin ist die Tochter des Red Skull, Sin – welch treffender Name. Ein rotzfreches, brutales Gör mit roten Haaren, fast eine Faith des Marvel-Universums, der weibliche Part der Natural Born Killers. Killen und Spaß dabei haben, kämpfen und dieses Handwerk auch beherrschen. Brutalität kommt zumeist in Thrillern und Schockern stärker zur Geltung, wenn sie von Frauenhand ausgeübt wird. Sin hebt sich deutlich von anderen Kalibern ihrer Zunft ab, die es reichlich gibt (wie Lady Deathstrike oder Mystique).
Ein Captain America-Abenteuer ohne Captain America, im, im besten Sinne, erwachsenen Marvel-Universum, mit allem, was ein echt anmutendes Action-Drama mit sich bringt. Beste Helden-Unterhaltung.
Stichwörter: ed brubaker, steve epting
Montag, 05. November 2007
Captain America ist ein Gefangener. Der Mann, der bereits im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Truppen in höchstgefährlichen Situationen angeführt hatte, war auch der Initiator gegen die neue Gesetzesrichtlinie. Auf der anderen Seite stand Iron Man und sein Alter Ego Tony Stark, erster Befürworter des Gesetzes. Aus den Freunden wurden unerbittliche Feinde.
Die beiden Journalisten Ben Urich und Sally Floyd erhalten die Gelegenheit, die beiden Kontrahenten Captain America und Iron Man zu befragen. Urich ist besonnener als seine Kollegin, ruhiger, auch beruhigend. Im Gespräch mit einem desillusionierten Captain America kann er Sally trotzdem nicht zurückhalten. Sally redet sich ihren gesamten Frust von der Seele.
Nachfolgend treffen sie auf Tony Stark, der mit seiner zweiten Identität Iron Man einen neuen technischen Höchststand erreicht hat. Außerdem ist er zum Direktor von Shield, der internationalen Eingreiftruppe der UN aufgestiegen. Obwohl er der Gewinner des Konflikts ist, hat er persönlich nur verloren. Zusätzlich sind die beiden Reporter Machenschaften auf die Spur gekommen, die das Ansehen dieses mächtigen Mannes gehörig ankratzen. Ihnen ist sogleich klar, dass sie diese Informationen niemals werden veröffentlichen können.
Ein gefangener Captain America kann immer noch zu einer Gefahr werden. Dieser Auffassung sind die verschiedensten Fraktionen, nicht nur die offiziellen Stellen. Als Cap die Stufen zum Gerichtsgebäude erklimmt, mehr oder minder sorgsam bewacht, fallen Schüsse. Das Symbol einer ganzen Ära bricht getroffen zusammen.
Der Bürgerkrieg zwischen den Helden findet sein Ende mit Civil War – Der Tod eines Traums und einem sehr lauten Knall. Wenn Helden ihr Ende finden, wird es ja häufig belächelt. Na, die werden schon wiederkommen. Irgendwie. Captain Americas Ende soll aber wohl nicht nur ein Meilenstein im Comic sein, sondern auch ein Zeichen sein, eine Aussage. Wer die Helden und Schurken in der schaurigen Episode am Ground Zero stehen sieht, entdeckt nicht nur Parallelen, sondern auch ein durchgehendes Konzept.
Cap trat nicht nur gegen Kriegsverbrecher, Schurken und außerirdische Invasoren an. Zuletzt kam er auch gegen Terroristen zum Einsatz, besonders unter dem Eindruck der Katastrophe vom 9.11.2001. Civil War ist nicht nur ein sehr großes verlagsinternes Crossover geworden. Es ist zugleich auch umwälzender als das vergleichbare jüngste Großereignis bei DC.
Iron Man selbst vergleicht seinen Sieg mit dem Desaster, dass auch für König Pyrrhus ein Sieg war. Ein Sieg, der so teuer mit Menschenleben erkauft wurde, dass von einem Sieg kaum die Rede sein konnte. Angespornt durch legendäre Anführer wie König Artus sah sich auch Tony Stark als Architekt einer neuen sicheren Weltordnung, ein Visionär für das Gute. Für Captain America bedeutete diese neue Weltordnung nur den Erstickungstod der Freiheit.
Beide Ansichten prallen aufeinander, nicht bereit auch nur einen Millimeter zurückzuweichen, so dass am Ende alles auf der Strecke bleibt, auch solches, was beiden Seiten lieb und teuer ist.
Marvel gestaltet hier den Niedergang des Helden-Mythos, des einfach gestrickten Supersoldaten, des edlen Rächers. Obwohl sich viele mit dem Unvermeidlichen abfinden und sich registrieren lassen, gärt es unter der Oberfläche weiter. Neue Konflikte scheinen nur aufgeschoben zu sein.
Insgesamt lässt sich sagen, dass dieser Band, von Autoren wie Paul Jenkins, Brian Michael Bendis oder Warren Ellis geschrieben, ein ziemlich dichtes trauriges Bild liefert. Zwar zeichnet sich auch ein Neubeginn ab, so die Gründung von Omega Flight, dem neuen kanadischen Superteam, aber der Niedergang ist offensichtlich. – Wenn die Thunderbolts zu einer tatsächlichen Ansammlung von Verbrechern und Psychopathen verkommen, ist dies ein deutliches Zeichen. Illustre Namen wie Bullseye, Venom oder der Grüne Kobold unter einem Dach? Das kann nicht gut gehen.
So aufwühlend und auch niederschmetternd diese Handlung für die Fans auch sein dürfte, so toll ist die optische Gestaltung, in der zweifelsohne wieder einmal die von Marc Silvestri dominiert und die anderen, die ebenfalls gut sind, doch in den Schatten stellt. Entsprechend dramatisch fallen die Szenen um Omega Flight (gigantische Neuvorstellung) und die neuen Thunderbolts aus.
Ein sehr düsterer Abschluss, wie ein weiterer Auftakt zur Revolution geschrieben, der Tod eines Mythos. Der Abschied von Iron Man und Captain America voneinander, äußerst ruhig erzählt, sehr intensiv in Szene gesetzt, dürfte einer der Wendepunkte in der Historie des Marvel-Universums sein. Praller, sehr ernsthafter Lesespaß.
Stichwörter: paul jenkins, ed brubaker, brian michael bendis, warren Ellis